Home
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Ding und Dinglichkeit

Bollwerk der Privatsphäre: Die Gardine

21. Juli 2009, 13:44 Uhr

In einer Zeit, in der der größte Vorhang der Welt der Eiserne genannt wurde, verfügten viele deutsche Haushalte über eine Abschottungsbestrebung, die man nur noch als Verrammelungstrieb bezeichnen kann. Rudimente davon haben sich bis heute erhalten: Um das Grundstück die blickdichte Thujenhecke, um die Terrasse Palisadenkonstruktionen, und hinter den Fensterscheiben eine Stoffdraperie, die gemeinhin als Gardine bezeichnet wird und dem Mauerwerk in Sachen Opazität in nichts nachsteht. Das Haus wird als Burg gedacht, das Fenster als Schießscharte, und nur ein sanftes Wippen der Vorhangfalten läßt erahnen, daß ein Bewohner gerade einen Blick nach draußen wirft.

Wenn die jüngere Generation ein solches Haus erbt, entfernt sie erst einmal Mauerwerk im großen Stil, Fenster werden vergrößert und Durchbrüche geschaffen, Licht und Luft soll hinein. Über das, was hinausdringt, macht man sich wenig Gedanken: Gern werden ganze Außenwände verglast, sodaß sich abendlichen Spaziergängern im Lichte der Halogenspots ein vollendetes Tableau deutscher Wohnkultur bietet. Die Gardine ist, wenn überhaupt vorhanden, jeglicher Funktion als Sichtschutz beraubt und auf ein dekoratives Minimum reduziert. Man lebt auf einer Bühne, das Stück heißt: "Es geht uns gut". 

Eine Öffnung, die der älteren Generation geradezu obszön erscheinen muß. "Ich will nicht", so lautet der entsprechende, gernzitierte Satz dazu, "daß mir jeder auf den Teller gucken kann." Es ist schließlich eine hart erarbeitete Privatsphäre, nach Jahrzehnten der Wohnungsnot, der Zusammenrückerei in Wohnküchen, nun endlich ist man für sich und will es auch bleiben. Und so wurde der Sichtschutz zur Kunstform erhoben, man arbeitete zwei- bis dreilagig, mit Stores, Schabracken und Dekoschals, man fältelte aufwendig, fütterte, wattierte, raffte mit Kräuselband und beschwerte mit Bleiband, um den korrekten Wellenschlag des Stoffes zu erreichen. Auf diese Weise entstand ein Sichtschutzensemble, das äußerste Privatheit garantierte und von der ehrgeizigen Hausfrau stets blütenweiß gehalten werden mußte (was sollen denn die Nachbarn denken!), was einen enormen Aufwand verlangte. Neben der Wascherei mit Hilfsmitteln wie Bleiche und Stärke mußten die Gardinen hoch oben auf der Aluleiter aus ihrer Führungsschiene gezogen und umständlich wieder eingefädelt werden, jeder der kleinen Plastikgleiter einzeln.

Das Schreckensbild der Gardinenkultur ist der sogenannte Präsentierteller, auf dem man sich keinesfalls zu befinden wünscht. Der Präsentierteller ist ein gut einsehbarer Ort, etwa ein Straßencafé, es kann aber auch eine Terrasse im Garten sein. Man setzt sich dort Blicken aus, ein Umstand, der gemeinhin als ungemütlich erachtet wurde und jüngeren Menschen seltsamerweise überhaupt nichts auszumachen scheint.

Es zieht sich in dieser Hinsicht ein Generationengraben durch das Volk: Vor etwa fünfzig Jahren saß man noch nicht auf der Straße, man saß höchstens gut versteckt in einem Garten oder auf einer Terrasse.  Später wurde es üblich, in Restaurants Sichtschutzwände zwischen den Tischen aufzubauen, sodaß separierte Kojen entstanden. Die Gardine ist das Symbol heimatlicher Geborgenheit schlechthin, weshalb sie auch Fenster von Schiffen, Wohnwagen und Lastwagenfahrerkabinen ziert. Fern der Heimat wird in unsicherer Umgebung Behaglichkeit evoziert, wird sich zeichenhaft abgeschottet gegen das Fremde. 

Inzwischen jedoch stellt die gesamte Gastronomie ihr Mobiliar mitten ins Getöse, und dort hocken Menschen und essen, einfach so, und schauen Passanten zu und die Passanten schauen zurück. Der Grad an Öffentlichkeit, der als erwünscht angesehen wird, hat sich offenbar drastisch erhöht. Das ging in langsamen Schritten vonstatten, auch bei uns zu Hause: Ungefähr Ende der achtziger Jahre entschied sich meine Mutter, die Gardinen eine Handbreit über der Topfpflanzenoberkante abzuschneiden und sorgte somit für ein wenig mehr Helligkeit im Zimmer. Irgendwann fielen die Seitenschals aus dunkelgemustertem, dicken Stoff und wurde durch ein fluffigeres Gesamtbild in weiß und bleu ersetzt. Inzwischen zieren einige Fenster nur noch Halbgardinen, die die obere Fensterhälfte komplett freilassen.

Es ist eine langsame, aber stetige Evolution, beeinflußt nicht zuletzt durch südländische, im Urlaub erlernte Offenheit, die den Deutschen beibrachte, anderen Menschen den Anblick ihrer Teller zuzumuten und sich dabei nicht unwohl zu fühlen. Und diese Offenheit wird nun im Toskana-Reihenhaus konsequent fortgesetzt: Wände mediterran gewischt, terrakottafarbenes Sofa und textilfreier Blick in Nachbars Garten. Rücken wir zusammen, kommen wir uns näher, seien wir sozial, wir sind ja nicht so, soll heißen: so verklemmt deutsch. Soll jeder sehen, daß wir nichts zu verbergen haben. Schaffen wir die Privatsphäre ab, und zeigen wir, wer wir sind. Machen wir noch ein Handyfoto und laden es hoch.

Jegliches Textil gerät unter Verdacht, daß sich Muff unter oder hinter ihm ansammeln könnte und gehört dementsprechend entsorgt. Zu den Gardinen (und Schals und Schabracken) packen wir gleich noch die Tischdecken, die Stoffservietten, die Taschentücher mit Monogramm und Häkelspitze. Ein Tisch ohne Decke ist viel leichter abwischbar. Entsorgen wir Sofakissen und Deckchen und Lampenschirme, vermeiden wir das Zwielichtige. Und tun wir alles, um nicht unter Muffverdacht zu geraten. Was sollen denn die Nachbarn denken.

Veröffentlicht 21. Juli 2009, 13:44 von Andrea Diener
Abgelegt unter: ,
Kommentare

Don Alphonso

21. Juli 2009, 14:59

Meine Grossmutter hat immer versucht, mir Gardinen für meine vier Meter breite Fensterfront zu schenken, aber damals blieb ich hart. Da war ich auch 25. Heute dagegen habe ich schwere Vorhänge aus Naturseide. Und höre meine Grossmutter s.A. kichern.

Thessa

21. Juli 2009, 15:14

Schlimmer noch als Gardinen finde ich als Architektin Glaskunstwerke aller Art (ob bunt oder senfschimmernd), die gerne diverse Einfamilienhäuschen im Eingangsbereich schmücken und bestenfalls einen zarten Lichtschimmer durchlassen.

Der Private

21. Juli 2009, 15:18

Wer's mag, kann sich ja dieser oder jener Mode unterziehen. Ich bevorzuge kleine Fenster (vertrage gar kein Tageslicht), die zudem mit Lamellen verborgen sind. Das Bild von der Burg hat etwas. Ich fühle mich wohl.

Ladyjane

21. Juli 2009, 15:27

Auf einer weiland jugendlichen Radtour in Holland war ich reichlich befremdet von deren Präsentiertellerkultur. Trotzdem krieg ich Erstickungsgefühle bei meiner Schwägerin, die noch so blickdichte Wellengardinenarrangements hat. „Meine Amaryllis blüht!“ „Ja, wo denn?“ Also, ich würde schlechterdings nirgendwo wohnen, wo nicht Abstand oder Höhe oder Bäume gnädig vor Nachbarsblicken schützen. Und abends schöne Vorhänge.

P. Seudonym

21. Juli 2009, 15:39

Also, in Richtung Don Alfonso gesprochen: Am besten wirkt noch immer ein luftig-helles, unverstelltes französisches Fenster auf einen Garten hinaus, welcher erst am Horizont von einer Buchen(!)hecke (alles andere wäre spießiges Schrebergärtnertum) begrenzt wird.

sven

21. Juli 2009, 15:40

Sind das Geschwister im Geiste?

- Telefonmützchen aus Brockat für die 70er Jahre Bundespost-Apparate

- gehäckelte Klopapierrollenüberzieher (Welch ein Wort!) fürs Auto

- Plastikeinbände für Schulhefte

keiner

21. Juli 2009, 15:41

Biedermeier...

Dr. Heinz

21. Juli 2009, 15:45

Schöner Artikel der den Wandel der gesellschaftlichen Konventionen an diesem Beispiel zeigt.

Ich bevorzuge einen Mittelweg. Gardinen habe ich nicht aber diesen pseudo-mediteranen Stil finde ich ebenso schrecklich. Dekorative Minivorhänge und Fliesen im Wohnzimmer sind einfach ungemütlich.

Ein anderes Thema ist die Gartenmode. Ich bin oft verwundert darüber, dass selbst Leute die an vielbefahrenen Straßen wohnen alle sichtschützenden Bäume oder sogar die Hecke an der Grundstücksgrenze platt machen.

Andrea Diener

21. Juli 2009, 15:57

Don, der schwere Vorhang im Stil des 18. Jahrhunderts (knapp überbodenlang!) beschränkt sich ja meist auf die Seiten und lässt in der Mitte genug Platz zum Durchschauen. Er kann aber auch bei Bedarf vorgezogen werden. Im Grunde ist das mein Ideal.

Thessa: Glasbausteine! Riffelglas! Bleiglaskitsch! Da gibt es Schlimmes. Meine Wohnungstür hat wenigstens geätzte Sternchen.

Andrea Diener

21. Juli 2009, 16:00

Sven, ja, die Telefonmützchen sind enge Verwandte der plüschigen Textilkultur. (Vermutlich auch die von Max Goldt so schön bezeichnete Klofußumpuschelung.) Die Evolution des Schulhefteinbands ist mir dagegen ein Rätsel. Ich werde das mal eruieren.

eriktheodor

21. Juli 2009, 16:05

Hecken und Vorhänge empfinde ich ja eher als Segen. Besonders Hecken. Die Heckenmauern kann man ja garnicht genug loben. Manches bleibt besser im Verborgenen, zumal im Sommer, wenn die Hecke Hemd und Hose ersetzen muß.

Andrea Diener

21. Juli 2009, 16:05

Dr. Heinz, mich wundert das auch: Der Baum kommt weg, aber die Gardine bleibt. Ich habe vor meinem Fenster ja lieber Vegetation als einen Textilwall, aber vermutlich sind die Prioritäten da verschieden.

.

Apropos Gartenmode: Der Gartenstuhl mit Polsterauflage und der textile Klappstuhl sind ja auch vom Aussterben bedroht. Plastik setzt sich gerade durch. Auch besser abwaschbar.

Blockbewohner

21. Juli 2009, 16:09

Im obersten Stock eines Plattenbaus hat man Licht und Privatsphäre gleichzeitig. Und die Erfindung des Müllschluckers ist auch nicht ohne.

Chris

21. Juli 2009, 16:15

Und dann gibt es noch Plissee´s. Abends ziehe ich sie einfach hoch, wenn ich das Bedürfnis nach Privatsphäre habe, und den Rest des Tages kann ich alle Fenster offen lassen und mich über reichlich Licht und ein großzügigeres Raumgefühl freuen. Aber die sanitäre Plüschansammlung kommt mir nicht ins Haus...meine Fliesen im Bad gefallen mir das einfach viel zu gut.

Chris

21. Juli 2009, 16:21

Ich brauche auch keine Zäune um mich von den Nachbarn abzuschirmen. Die beißen nicht, sind alle sehr nett und die Kinder rennen eh immer irgendwo rum. Jeder von uns weiß welches sein Garten ist und damit ists dann auch gut. So haben wir, in Zeiten maßloser Grundstückspreise, kleine Grundstücke ohne das Gefühl beengt oder eingeengt zu sein.

loreley

21. Juli 2009, 16:25

http://loreley.twoday.net

In Holland ist es dem Calvinismus geschuldet, dass sie keine Gardinen haben. Man zeigt dadurch, dass man nichts zu verbergen hat.

Don Alphonso

21. Juli 2009, 16:42

P. Seudonym, das ist eines der langfristigen Ziele meines Lebens. Am besten oberhalb von Grasse.

Ladyjane

21. Juli 2009, 16:56

P. Seudonym, ich lerne gerne dazu: Inwiefern ist alles außer Buchenhecke spießig?

Dr. Heinz und Andrea Diener, ja diese Baumfällerei ist ganzganz grässlich. Man hört, weil es Dreck mache. Vor allem die wunderschönen zugegebenermaßen lichtschluckenden Zotteltannen und die Birken, die kein Mensch mehr pflanzt – und das sage ich als Allergikerin. So ganz klar ists mir eigentlich nicht, warum immer mehr so unempfindlich sind gegen Nachbarsblicke, wo doch in anderen Bereichen die Abschottungslust sogar zunimmt.

Mossmann

21. Juli 2009, 17:03

aber diente der Schulhefteinband nicht eher der Seperation und weniger dem Schutz? Ich erinnere mich: Die Bio-Hefte waren grün (wie sonst?), Mathe war gelb und Altgriechisch grau (sic!) - zumindest auf meiner Schule ...

Alter Bolschewik

21. Juli 2009, 17:15

Wunderbar hat der große Dichter (und Musiker) Guz diese Kultur der "Offenheit" in "Mit mir kann man reden" auf den Punkt gebracht. Für mich kulminiert das alles in der Verszeile: "Wir tun ja nicht spießig."

Drachenfels

21. Juli 2009, 17:21

@ loreley: Wars nicht die Gardinensteuer?

loreley

21. Juli 2009, 18:18

http://loreley.twoday.net

Gardinensteuer? Nie gehört. Der zweite Mann meiner Grossmutter war aus Holland. Er hat es uns so erzählt.

Andrea Diener

21. Juli 2009, 18:22

Loreley: Danke. Ich hab's geahnt, daß das irgendwas protestantisches sein muß.

Alter Bolschewik, ich muß zu meiner Schande gestehen, von Guz noch nie etwas gehört zu haben. Aber den Terror der Offenheit und Unspießigkeit finde ich, offen gesagt :), ziemlich beunruhigend. Ich kämpfe für mein Recht auf eine politisch nicht einzuordnende Spießigkeit.

Savall

21. Juli 2009, 19:13

Letzten Endes geht es immer darum, was die Nachbarn denken. Jacques Tati hat den Trend schon 1967 klar erkannt und das Leben äfft die Kunst nur nach:

www.sjsu.edu/.../apartments.jpg

Andrea Diener

21. Juli 2009, 19:32

Tati! Genau, da gab es doch diese Villa in dem Film "Mein Onkel":

de.wikipedia.org/.../index.php

Das ist das vollentplüschte Gegenbild aus den späten Fünfzigern und ganz vorne dran in Sachen Wohnexhibitionismus.

Savall

21. Juli 2009, 19:57

Tati ist immer noch erschreckend aktuell, nach fünfzig Jahren. Inklusive des rülpsenden Blechbrunnenfischs, der immer nur angestellt wird, wenn Besuch naht.

Ich habe gerade eine empirische Prüfung der Gardinenhäufigkeit in der Nachbarschaft vorgenommen: 40 % lange Gardine, 40 % Halbgardine, 10 % ohne Gardine. Allerdings in mehr oder minder halbproletarischer Gegend, es ist also nicht repräsentativ.

kampfstrampler

21. Juli 2009, 20:26

Gardinensteuer? Nee, allenfalls Fenstersteuer im 19. Jh.; die gab es aber auch andernorts in Westeuropa. Der liebe Stiefgroßvater aus Holland, verehrte loreley, war natürlich etwas gschamig wg. des eigentlichen Grundes, weshalb jeder aus der Gemeinde jederzeit in die Fenster der Nachbarn nicht nur schauen durfte, sondern geradezu mußte. Man lese nach den für die calvinistische Kirchenzucht besonders wichtigen Anfangssatz aus 1. Korinther 5,1: "Überhaupt geht die Rede, daß Unzucht unter Euch ist, und zwar eine solche Unzucht, wie sie es nicht einnmal unter den Heiden gibt: daß einer die Frau seines Vaters hat". Die junge Stiefmutter und die heranwachsenden Söhne des alten Patriarchen - ein offenbar dringliches Sozialproblem in der holländischen Patchwork-Familie. Deshalb studiere man doch einmal die gemalten Sittenschinken der holländischen Frühneuzeit mit der Lupe der Sozialkritik.

itha

22. Juli 2009, 00:29

klasse:)

(am besten wohnt man natürlich, wenn man keine gardinen braucht. das gilt aber leider nicht umgekehrt - denn man hat ja auch noch ein funktionierendes gehör.)

Frau B.

22. Juli 2009, 09:10

http://helgabirnstiel.blogs.com

So spießig Gardinen sind, diese völlige Entblößung finde ich auch ganz schrecklich: Schlafzimmer mit Panoramafenstern? Man macht ja hoffentlich noch andere Dinge als schlafen und aus dem Fenster gucken dort.

anderl

22. Juli 2009, 09:22

Wenn man zur Miete wohnt: möglichst ganz oben.

Beim Eigenheim ermöglicht der Garten die Gardinenlosigkeit. Und ja, wenn Hecke, dann Buchenhecke.

Alter Bolschewik

22. Juli 2009, 09:39

@Andrea Diener: Guz muß man nicht wirklich kennen, man lebt nur ein erfüllteres und glücklicheres Leben, wenn man alle seine Platten im Regal stehen hat (und gelegentlich auflegt). Er ist ein Schweizer Sänger, Gitarrist und Stückeschreiber, der selbst dem Don, wenn schon nicht musikalisch, so doch textlich gefallen könnte: "Online Banker und Website-Designer, / lachen wenn Du kommst und sagst Du bist keiner. / Was sie sich vorstellen, kriecht in einem Netz, / was sie zu sagen haben, nennen sie SMS, / sie wissen von nichts, wenn du es ihnen nicht mailst, / sie hören Dir nicht zu, wenn Du es ihnen erzählst, / du sprichst sie nicht an, um mit ihnen nichts zu trinken, / sie sehen aus wie Kröten, sie motten und sie stinken, / und ihr Himmel heisst Dienstleistungssektor, / alles andere kommt ihnen wie Dreck vor." (aus: "Ted Kacynski war ein Freund von mir"). Das in meinem vorigen Kommentar zitierte "Wir tun ja nicht spießig" ist natürlich hochgradig ironisch gemeint, bzw. das lyrische "wir" ist keineswegs das "wir" des Autors und seiner Zuhörer. Sprachlich finde ich das "tun", statt des eigentlich zu erwartenden "sind" großartig: Zur neuen Spießigkeit gehört es gerade, nicht spießig zu "tun". Dagegen sollte man dann doch lieber das Recht auf eine ehrliche Spießigkeit einfordern, da bin ich mit Ihnen völlig d'accord. Hhm - ganz schön dialektisch...

.

Weitere Informationen zu Guz gibt's unter www.franzdobler.de/.../guz.htm

kuechenkabinett

22. Juli 2009, 10:12

http://www.kuechenkabinett.org

Eine Weiterentwicklung der Gardinenkultur kommt mir noch in den Sinn: die besonders in Amerika verbreitete getönte Autoscheibe.

miner

22. Juli 2009, 11:15

Nichts gegen ein wenig mehr Offenheit im Naturell der handelnden & wandelnden Personen aber:

-Rein stiltechnisch wirkt / wirkte doch "das mediterane" an Deutschen immer ein wenig deplaziert. Die "spanischen" Häuser deutscher Exilrentner/Best Ager an der Costa Brava sind eine gelunge Abhandlung zu diesem Thema.

Gefühlt so ein wenig wie ein Japaner mit Elvistolle...irgendwie gekünstelt.  

-Die neuerdings allseits beliebten Wohnungen mit Glasfassaden, die den Vorbeigehenden in einer Art Aquariumsmentalität am Leben der dort wohnenden teilnehmen lassen, haben den Nachteil, dass sie nicht fragen, ob man überhaupt am diesem Leben teilnehmen möchte. Ich mochte es noch nie.

Es entzaubert meine Fantasie und zeigt mir auf, wie steril & stupid das Leben hinter solchen Fassaden sein kann.

Die Bewohner drängen sich in egomaner Manier auf, wie der Handytelefonierer in der U-Bahn oder der glatzköpfige Investmentbanker, der mit überlauter Stimme Abends beim Italiener nicht nur seinem Gegenüber krude Halbweisheiten/Intimitäten ins Ohr blöckt.

Das Gemeine an dieser Offenheit in der "realen Welt" ist, die fehlende Möglichkeit nicht daran teilzunehmen. Im Netz schaut man sich Offenheit einfach gar nicht an. Hier kann man entscheiden.

kittykoma

22. Juli 2009, 11:49

http://kittykoma.twoday.net

wahrscheinlich hatte jeder zweite von uns eine <a href="kittykoma.twoday.net/.../a>, die ihr bankkonto geplündert hätte, wenn das kind denn bereit gewesen wäre, gardinen aufzuhängen.

die neue offenheit ist verständlich, auch wenn sie mitunter belästigend ist. seit viele menschen ihren großen wohnraum nur noch mit computer, fernseher, steroanlage und sporadischen bettgefährten bevölkern, wundert es mich nicht, wenn sie sich im straßencafé einer nähe im gedränge aussetzen, die früher in gutsküchen geherrscht haben mag, wenn das gesinde gefüttert wurde.

große fensterfronten bieten wunderbare blicke nach außen und innen. die wunderbaren blicke nach innen offenbaren oft mehr, als dem betrachter lieb ist. eine freundin berichtete mir, daß in einem von mir sehr bewunderten fachwerkhaus, dessen gefachungen durch große glaswände ersetzt wurden, jeden morgen zu ihrem entsetzen ein dicker weißer nackter mann mit einer müslischüssel durch die küche laufe.

das ist jenseits aller intimität. oder unterstreicht wiederum unseren zwang zur intimität in der öffentlichkeit.

kittykoma

22. Juli 2009, 12:15

http://kittykoma.twoday.net

oh, der link in meinem kommentar funktioniert nicht.

hier der korrekte:

kittykoma.twoday.net/.../4938333

Hoffmann

22. Juli 2009, 12:44

Wie das so ist mit Bollwerken, sie halten nicht immer, was sie vorgaugeln. Es sei denn, man lueftet, ohne die Gardinen rueberzuziehen.

Andrea Diener

22. Juli 2009, 14:03

Kuechenkabinett, getönte Autoscheiben können gefährlich werden. Man fährt ja gleich viel vorsichtiger, wenn der Benzfahrer vor einem einen Hut aufhat. Oder die Cayenne-Fahrerin einen blonden Pferdeschwanz. Schlecht, wenn man das nicht sehen kann. (Und wo soll ich hin mit meinen ganzen Vorurteilen, wenn ich sie nicht immer wieder bestätigt bekomme?)

.

miner, ich fühle mich auch immer wie ein Voyeur wider Willen, wenn ich an einem dieser Wohnterrarien vorbeikomme. Will ich alles gar nicht wissen. Meistens läuft ja eh nur die Glotze.

Andrea Diener

22. Juli 2009, 14:10

Kittykoma, Oma und Mutter hätten die Bleibänder per Hand eingenäht, wenn ich es gewollt hätte. Hab ich aber nie. Ich habe die Vorhänge immer zur Seite geschoben, das Zimmer war auch so schon dunkel genug. Man will ja nicht mittags schon die Leselampe anmachen müssen. (Der echte Vorhangfreund schreckt davor natürlich nicht zurück.)

.

Dicke weiße nackte Männer mit Müslischüsseln will niemand sehen müssen. Ob ihm selbst das bewußt ist?

miner

22. Juli 2009, 14:31

…mein Weg mit dem Rad führt mich durch Nordend, Westend ins Diplomatenvietel. Dort ist diese „neue Offenheit“ gut zu betrachten. Selbst Kinderzimmer werden hier öffentlich ausgestellt. Ohne eine entspannende Rückzugsmöglichkeit für die kleinen Bewohner. Immer stylisch, immer aufgeräumt ?! Wie soll das gehen ?

Also entweder gibt es dort keine Kinder, oder sie wurden hauptsächl. in die Schweiz outgesourced, oder das Au Pair wurde zur Dauerordnung verpflichtet, oder man hat ihnen eine Kindliche Seele, mit all dem dazugehörigen Verhalten ( Unordnung etc. ) untersagt. Whatever ?

Aber jetzt mal ganz ehrlich, wie krank müssen eigentlich Eltern sein, die ein Kinderzimmer hinter einer Glasscheibe ausstellen ?  Reicht es nicht wenn sie ihre eigenen, meist wirklich bedeutungslosen Gestalten der Öffentlichkeit präsentieren ?

Thessa

22. Juli 2009, 14:46

Nein, nicht Gardinensteuer. Es gab mal eine Fenstersteuer unter Napoleon ,soweit ich weiss. Weswegen man angefangen hat, die Fensterunterteilungen/ Fensterkreueze) zu entfernen, da jedes einzeln gezählt wurde.

Schwarzwälder

22. Juli 2009, 17:28

@Andrea: Ich gehe einer anderen typisch deutschen Laune nach , nämlich der Aküspra, also dem Reden in Kürzeln. Zum Thema Diwenamä mit Müslischüsseln mag ich auf die Ärzte verweisen: "Dinge von denen ich gar nichts wissen will ..."

Freundliche Grüße,

der Schwarzwälder

hugoservatius

22. Juli 2009, 17:43

Sehr verehrte Frau Diener,

ich halte das Gardinenproblem für eines zu kleiner Grundstücke, insofern habe ich mich nie damit befassen müssen.

Vorhänge hingegen sind etwas anderes, denn schließlich sollen Bücher, Mobiliar und Kunst vor dem schädlichen Sonnenlicht geschützt werden.

Allerdings:

Die Orientierung der Gesellschaftsräume zur Straße hin, das "Öffentlichmachen" des privaten Lebens ist klar ein Symptom der Aufklärung, man denke an David Gilly's Haus im Berliner Tiergarten, insofern deutlich demokratischer als der Rückzug hinter hohe Hecken und schwere Gardinen.

.

P.S. Der mediterrane Stil mit Terrakottafliesen und Wischtechnik an den Wänden ist - glaube ich - selbst in Pinneberg schon mindesten 20 Jahre passé.

Andrea Diener

22. Juli 2009, 18:15

Huguservatius, wann waren Sie das letzte Mal in einem Neubauviertel? Da mediterranisiert es, daß die Schwarte kracht. Das sind jetzt nicht mehr die ganz jungen Menschen, aber der Mainstream wischt noch immer fröhlich Wände. Auch hier im Viertel (Altbau, proletarisch) ist das noch schwer aktuell.

.

Aufklärung und Demokratie ist demnach nichts für Leute mit zu kleinen Grundstücken?

Caroline

22. Juli 2009, 20:05

Vielleicht hat unser Exhibitionismus einfach dem Voyeurismus gleichgezogen? Oder diesen sogar noch ueberholt?

Lebe ja schon einige Jahre in England- da wird noch gepluescht und verbarrikadiert, sogar durch innen angebrachte Fensterlaeden- die beliebten Teppichbelaege sind im Badezimmer zwar eindeutig auf dem Rueckzug, recht geschieht es ihnen, aber Treppen duerfen sie noch polstern.

Und dennoch hat das alles hier nichts Ado-Gardinenhaftes, sondern erinnert mich mehr an Schilda (s. von innen angebrachte Fensterlaeden, nach aussen zu oeffnende und damit in ihrer Groesse beschraenkte und von Hausfrau und -mann unputzbare Fenster).

Ich danke Ihnen aber ganz herzlich fuer die Mini-Kulturgeschichte der Gardine und den aktuellen Ein- und Ausblick in deutsches Wohnen.

B.A.H.

23. Juli 2009, 02:44

In London habe ich gegenüber einer CNN-Presenterin gewohnt, die ohne Kleider durch die Zimmer zu schlendern pflegte. Selber Stock, andere Straßenseite. Schlank wie der Teufel und alles! Which was nice. Das Problem - mit den fehlenden Gardinen meine ich - ist, ich sehe sie jetzt im Fernsehen immer noch so.

Was ich aber eigentlich sagen wollte: ich erinnere mich gut an das Buchmessen-Blog, ein Zug frischer Luft, und dass ich damals gedacht habe: warum machen die das eigentlich nicht öfter. Den Namen (Andrea Doria) hatte ich mir nicht gemerkt oder vergessen, aber die Schreibe habe ich wiedererkannt.

Entschuldigung für die Zeit, aber bei dieser Hitze kann ja kein Mensch schlafen!    

Andrea Diener

23. Juli 2009, 09:41

B.A.H., gestern war es wenigstens nur heiß, heute ist es schon wieder schwül.

.

Schlanke Fernsehdamen haben ja noch was glamouröses. Was hier im Viertel herumsitzt, will keiner sehen müssen. Einsame Herren mit Resopaltisch und Pornoheftchen schlagen mir immer so aufs Gemüt.

.

Ja, das Buchmessen-Blog. Vielleicht bring ich aus aktuellem Anlass dann hier einen Beitrag über die ZVAB-Tüte.

Andrea Diener

23. Juli 2009, 09:51

Caroline, der Engländer an sich ist wohl noch einen Tick privatsphärenbesessener als der durchschnittliche Deutsche. Dazu kommt, daß er einen Hang zum Unpraktischen hat, wenn sich das Unpraktische über Jahrhunderte hinweg zwar nicht bewährt, aber doch irgendwie hartnäckig festgesetzt hat – die Fenster sind anders nicht zu erklären. Und während man hierzulande die scheußlich dezente Ton-in-Ton-Musterung bevorzugt, die immer so aussieht, als würde man gern, traut sich aber nicht, greift man in England herzhaft zum Geblümten. Und näht dann noch eine kontrastierende Rüschenborte dran. (Ein erstaunliches Völkchen ist das.)

Denken

23. Juli 2009, 14:04

Die Gardinen lassen wir auch weg, wir wollen Licht im Haus.

Die Tujahecken sollen nur schön wachsen. Auch andere Hecken sind genehm!

Devin08

23. Juli 2009, 14:16

http://www.herold-binsack.eu

Die hässlichste Gardine als Augenweide

@Kampfstrampler: Bei den „Heiden“ hatte dann wohl der Vater die Frauen seiner Söhne, oder die Brüder teilten sich in die jeweiligen Schwägerinnen. Solches, vor allem letzteres (zumal die Schwägerin nicht nur zu versorgen war, sondern auch was zu erben hatte), im katholischen Bayern eher Tradition als „Sünde“, wäre aber einem calvinistischen Patriarchen unvorstellbar. Das Problem bei den Calvinisten dann aber: Erbstreitigkeiten zwischen der jungen Witwe des Alten und den Kindern eben desselben. Mord oder Heirat wären dann die verbliebenen Optionen für den, der statt/mit der Witwe erben möchte. In Bayern hat man sich da wohl eher mal von einem Alten getrennt, der sich an den jungen Weibern vergriff, oder der (sein Erbe) nicht früh genug abtreten wollte.

Vorhänge sind im Übrigen nur dort interessant, wo es genügend große Fenster gibt. In Bayern sind die Fenster eher klein – in den älteren Häusern. Kalte Winter und heiße Sommer ließen das angesagt sein.

Wo also die Fenster das Problem sind, hat(te) man ein Problem. Bei den Muslimen ist das übrigens auch ein Problem. In der Türkei baut man vor die Außenfenster (im Gegensatz zu den Fenstern in den Innenhof) wenigstens sichthohe Mauern, und im Iran gibt es eine Vorschrift für den Fenstereinbau. Bei neueren Bauten ist die Mindesthöhe eines Fensters 1,30 m gesetzlich vorgeschrieben (gegen vorrevolutionäre 0,80 m). Die hässlichste Gardine ist dagegen eine Augenweide.

hugoservatius

23. Juli 2009, 15:53

Sehr verehrte Frau Diener,

Sie fragen, ob Aufklärung und Demokratie nichts für Menschen mit zu kleinen Grundstücken sind.

Wahrscheinlich mache ich mich unbeliebt, aber ganz auszuschließen ist das nicht.

Ich denke, daß die Aufklärung in Wedding, Mümmelmannsberg und Neuperlach nicht wirklich zu den herausragenden Interessensgebieten gehören und die Rolle des Bürgers in der Res Publica sicher eher nicht in der Eckkneipe "Bei Mutt" in Moabit diskutiert wird.

Andrea Diener

23. Juli 2009, 20:58

Hugoservatius, ich grüble jetzt schon die ganze Zeit darüber nach, ob die Aufklärung historisch gesehen nicht eher eine städtische Entwicklung war oder ob sie tatsächlich vor allem im Landsitz gedieh, wo man das Volk hübsch auf Abstand halten konnte. Denn innerstädtisch lebte es sich, vor Erfindung Suburbias, doch für alle Schichten recht eng.

kuechenkabinett

23. Juli 2009, 22:00

http://www.kuechenkabinett.org

Und schon wieder musste ich an Dich denken, Andrea. Oder besser: an die Gardine. Das ist immer so ein Ding, wenn man sich der Dinge bewußt wird.

Bei mir zum Beispiel heute. Auf der Seite des Justizministeriums.

www.kuechenkabinett.org/.../justizministerium.html

Bruca

24. Juli 2009, 00:19

Gardinenlosigkeit ist schlussendlich auch Sache des Geldes. Kann man sich „weit-sicht“ in form von überdimensionierte Glasfronten leisten, mit ebensolchem Vorgelagertem und mit Birken Hecken  (?) verziertem Grundstück, ist dagegen ja nichts einzuwenden.  Licht ist schlussendlich lebenswichtig und hat grossen Einfluss auf das seelische wohlbefinden des Homo sapiens…

Ungemütlich wird es eher in engen Gassen wenn Mann/Frau z.B. auf dem Klo sitzt und ohne Scham dem notwendigen Geschäft nachgehen will. Da ist diskreter Halbschatten hinter einer gekräuselter oder gefalteter rotweisskarierte Gardine im Grossmutter Styl, doch gemütlicher….smile.

Apropos „Fenstersteuer“ die gab es wirklich, ich kann mich noch gut erinnern an die Häuser (im Süden Europas, auch bei uns in der Südschweiz /Tessin), die aufgemalte Fenster mitsamt Fensterläden aufwiesen.

Für diese Kunstwerke, nach der anfänglicher Investition für den Maler (da hatte doch eine ganze Kaste noch ein gesichertes einkommen !),  wurden keine Steuern erhoben !

Sebastian

24. Juli 2009, 09:06

http://kuechenkabinett.org

Um die calvinistisch-bürgerliche Glaswand in den Niederlanden nochmal aufzugreifen: Heute sieht man dort vermehrt Scheiben, deren unterer Teil als Sichtschutz weiß geschliffen ist - gleichsam eine Neuauflage der Halbgardine. Zumindest in Holland scheint somit Deine Generationenvermutung nicht ganz aufzugehen. Die gute alte Zurschaustellung des Wohlstands als Zeichen, auf der Gewinnerseite der Prädestination zu leben, weicht dort offenbar einem säkularen Bedürfnis nach Privatheit.

Devin08

24. Juli 2009, 10:32

http://www.herold-binsack.eu

Der Bauer blieb Schlachtvieh

@Diener/hugoservatius: So wie die Aufklärung in Deutschland eine preußische Angelegenheit war, so diente sie dem preußischen Aufstieg zur deutschen Vormacht, will heißen: der preußischen Aufrüstung, der Rekrutierung einigermaßen freier Soldaten/Bauern, die, soweit sie an die Scholle gebunden blieben, eben nicht frei waren. Der Krieg entband sie von der Scholle, und durch diesen Krieg wurden sie gebildet, auch zur Nation geformt, das war die preußische Aufklärung. Der dann aber proletarisierte Bauer, der von der Scholle in die städtische Arbeitsarmut Entlassene, hatte für Aufklärung keinen Sinn. Er bildete sich nicht, es sei denn nur innerhalb gewisser sozialdemokratischer Zirkel, und er formte sich nicht zur Nation, es sei denn zur parallelen - der preußisch-deutschen Nation entgegen gesetzt.

Bis zum 1. Weltkrieg kann man daher die Aufklärung als eine im Prinzip gescheiterte ansehen, jedenfalls im Sinne der Aufklärung eines Kant, Voltaire…, aber auch im Sinne eines Friedrich des Großen nicht, denn ein klassenbewusstes Proletariat war das letzte, was er sich darunter vorstellte. Allerdings hatten sich die Zeiten geändert: Der Adel verarmte, mit dem Import billiger Kolonialwaren, vor allem an Lebensmitteln (siehe auch: Philip Blom/ „Der taumelnde Kontinent – Europa 1900-1914“) – ein Urgrund für eines Deutschlands Aggressivität, dessen Kriegslüsternheit -, und die Bourgeoisie scherte sich einen Teufel um die Aufklärung der Massen, soweit diese nicht in der Produktion nützlich gewesen wären. Die Aufklärung, die da im Anmarsch war, hieß: Taylorismus/Fordismus/Industrielle Massenproduktion, und so mit im Gepäck: industrielle Massentötung.

In Frankreich dürfte das etwas anders gewesen sein, bedingt durch die Franz. Revolution. Einem französischen Bauern kann man heute noch kein x für ein u vormachen. Und der französische Arbeiter bleibt ebenso radikal wie der Bauer, von dem er entstammt, und dessen er sich auch bewusst bleibt.

Die „Grande Nation“ ist in Frankreich auch so etwas wie Klassenbewusstsein, gespaltenes, jede Klasse hält das, wie sie denkt, aber doch immerhin ein Bewusstsein der jeweiligen Macht – politisches Bewusstsein, wahre Modernität. Man hält Abstand voneinander, denn man weiß den jeweils Anderen zu fürchten. Die Identität als Franzose ist auch eine im Bewusstsein ihrer jeweiligen Macht – Klassenmacht, Distanzmacht.

Der 1. Weltkrieg änderte das auch in Deutschland. Die Sozialdemokratie wurde zur Kriegspartei, der deutsche Proletarier chauvinistisch, nationalistisch, verspätet aufgeklärtes Subjekt. Er löste den Bauern dahingehend ab, als Schlachtvieh (Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, ist die für mich immer noch unübertroffene Allegorie hierzu). Und im Wesentlichen ist uns diese Art von Aufklärung geblieben – im gedoppelten Schlachtsubjekt: Als Schlachter und als Schlachtvieh, eines, seine Klasseninteressen ständig nicht begreifen wollendes Subjekt.

Das Klassensubjekt hat sich auf eine Minderheit reduziert, der gebildeten Minderheit – in allen Klassen. Daher ist in Deutschland die Aufklärung nunmehr so etwas wie Sache der „Intellektuellen“, und dort zu einer ethischen Veranstaltung geschrumpft. Definitiv nicht im Sinne eines Kant oder eines Bloch, oder gar eines Brecht (für mich ist Bloch ein später Aufklärer, einer für die marxistische Seite, welche nötig wurde, nach den diversen Sündenfällen des Proletariats), die alle wussten, dass Ethik, Moral, Kultur und Vernunft kritische, ja prekäre Begrifflichkeiten sind.

Trackbacks

Der Bauer blieb Schlachtvieh

26. Juli 2009, 22:17

Ihr Kommentar

 
Hinzufügen
Blogsuche
in
Blog abonnieren
per Email an folgende Adresse
Themenfinder
A B C D E F G H I J K L M
N O P Q R S T U V W X Y Z