Ding und Dinglichkeit
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Parolen am Laternenpfahl: Das Wahlplakat

27. August 2009, 15:04 Uhr

In regelmäßigen Abständen geht die politische Kaste zum Friseur, kauft sich gegebenenfalls eine neue Brille, stellt sich dann in einem Fotostudio auf und bemüht sich, dabei nicht sehr viel peinlicher auszusehen als die Sachbearbeiter in der Imagebroschüre der lokalen Sparkasse. Die Ergebnisse werden hübsch retuschiert und mit Verlaufshintergründen in Parteifarbe versehen. Dann klebt jemand ein paar Slogans drauf (gerne auch mal schief, das wirkt dynamisch), für die jemand anderes fürchterlich überbezahlt wurde, und läßt das Ergebnis vom Fußvolk an die Laternenpfähle der Republik binden. So ungefähr funktioniert Wahlkampf.

Mit dem Auto kann man an Ausfallstraßen eine kreuzbiedere, sich zunehmend verdichtende Portraitgalerie abfahren, dann schauen einen all die blondgesträhnten Damen und staatstragenden Herren vorsichtig auffordernd an und bitten um Stimmen. Einen knappen Quadratmeter haben sie Platz, mich überzeugen zu können, aber womit füllen sie ihn? Vor allem mit sich selbst, was, vorsichtig gesagt, vielleicht nicht die beste aller Ideen ist. Daneben stehen Sprüchlein, die so hohl sind, daß die "Partei" sich nicht leicht tut, sie satirisch zu übertreffen.

Silvana Koch-Mehrin forderte unlängst: "Für Deutschland in Europa". Ach, wo denn sonst? In Vorderasien? CDU-Kandidat Dr. Matthias Zimmer verspricht mit einem Gesichtsausdruck zwischen Hangover und Zahnschmerzen "Kompetenz für Berlin", und das mitten in Frankfurt. Und jenseits der geographischen Verwirrungen bauschen sich die Wortsoufflés aus dem Baukasten der Politphrasen: Stark, anpacken, Zukunft, Chance, Arbeit, Sicherheit, gestalten, Deutschland, Freiheit, Wohlstand, Arbeit, gemeinsam, Vernunft, sozial, Wachstum, Arbeit, menschlich, Bildung, Kraft, Perspektive, Arbeit, Gerechtigkeit, Familie, Arbeit, fair, Arbeit, Arbeitsplätze, Arbeit. Früher ging es bei der SPD wenigstens noch um "Tod oder Brot". Heute muß man schon aufs Logo schauen, mit wem man es eigentlich zu tun hat, manchmal sorgt immerhin die Farbgebung für Trennschärfe. Das Plakat, so mag man einwenden, ist nicht der Ort für inhaltliche Auseinandersetzung. Aber welcher Ort ist es denn? Die Talkshow, der Infostand auf dem Wochenmarkt?

Während die FDP seit ungefähr 150 Jahren in aller Zeitlosigkeit fordert, daß sich Arbeit wieder lohnen muß, hat immerhin die Linke erkannt, daß es so etwas wie eine aktuelle Situation gibt, die man aufgreifen kann: Mindestlohn, Geld für Bildung, Raus aus Afghanistan. Leider kann sie sich nicht ganz entscheiden, ob sie lieber "Reichtum für alle" fordern soll oder "Reichtum besteuern" – oder doch beides gleichzeitig? Das wäre natürlich die Lösung sämtlicher Probleme, denn dann wären die Bürger reich und der Staat auch. Toll! Daß da noch keiner drauf gekommen ist.

Wenn gar nichts mehr geht, lautet eine beliebte Werbe- und Medienregel, Kinder und Hunde gehen immer. Besonders die SPD setzt gern aufs Kind, es ging ja früher schon, also muß es auch jetzt gehen, aber manchmal geht es auch so daneben, daß es schon körperlich weh tut. Und plötzlich wünscht man sich ganz dringend eins von Ursulas Stoppschildern her. Zum Hund bekannte sich 2006/07 der Frankfurter SPD-Bürgermeisterkandidat Franz Frey, der dem Terrier "Schröder" ein Nikolausmützchen aufsetzte. Genutzt hat es nichts, bekanntlich ist Petra Roth noch immer Rathauschefin.

Wenn ein Kind nicht mehr reicht, dann kann man noch ein paar Randgruppen dazudekorieren: Einen Bürger mit Migrationshintergrund, der einem die Hand reicht, eine Oma, die sich an den Arm hängt, und natürlich das Kind, das man im anderen Arm hat, während es einem, man hat ja alle Hände voll zu tun, das Mobiltelefon ans Ohr hält, während es sich eine Akte unter den anderen Arm geklemmt hat. Nein, das habe ich mir nicht ausgedacht. Das gibt es wirklich.

Schlimm wird es spätestens dann, wenn lokale Abgeordnete unbedingt originell sein wollen, etwa im Falle der Kandidatin für Berlin Friedrichshain-Kreuzberg, Vera Lengsfeld. Sie habe große Mühe, überhaupt wahrgenommen zu werden, sagt Lengsfeld zu ihrer Verteidigung, und die CDU fände das Plakat witzig. Das kann ich ja verstehen, daß man wahrgenommen werden will, aber will man wirklich so wahrgenommen werden? Als Berlins tiefstes Dékolleté? 

Darf ich mich dann demnächst auf Abgeordnete freuen, die im schönsten Putin-Stil Männersachen machen und dabei Muskeln zeigen? Guido Westerwelle oben ohne beim Lachsfischen in Vorpommern? Wolfgang Schäuble, die Hand sanft über samtene Pferdenüstern streichelnd? Ist es wieder an der Zeit, daß die Ikonographie wegführt vom denkenden, lenkenden Volksvertreter am Schreibtisch, hin zum kraftstrotzenden Machthaber mit gebärfreudigen Damen drumherum? Wollen wir dieses ganze demokratische Bürgertumsgedöns überhaupt noch, oder sind wir mit einer anständigen Erbmonarchie nicht ebenso schlecht und recht gefahren? Begann nicht überhaupt der Verfall spätestens mit dem Bothmer-Skandal 1970, als die erste Frau in einem Hosenanzug im Bundestag ans Rednerpult trat?

Frau Lengsfeld tut sich übrigens deshalb so schwer mit dem Wahrgenommenwerden, weil sie gegen Christian Ströbele antritt, dem Grünen mit dem Fahrrad und dem roten Schal. Ströbele geht einen völlig anderen Weg, denn er hat einen eigenen Hauszeichner und belebt damit die gute alte Tradition der Plakatmalerei neu: Seit dem letzten Bundestagswahlkampf zeichnet Gerhard Seyfried für ihn in gewohnter, leicht psychedelischer Wimmelmanier und nimmt dabei so ziemlich jeden Topos auf, den die Wahlplakatgestaltung der letzten achtzig Jahre hergibt: Von der aufgehenden Sonne über glückliche Bürger, verschreckte Anzuggestalten mit Geldkoffern bis hin zur Verbrüderung von Punk und Polizist. Überhaupt haben die Grünen eine gewisse Künstlertradition aufzuweisen, eins der ersten Plakate, sehr minimalistisch, entwarf Joseph Beuys. Das ist lange her, inzwischen ist alles wie gewohnt: Slogans und Portraits.

Denn ein weiteres Standbein der Wahlwerbung ist das reine Spruchplakat, das einem Parteiparolen in typographischer Gestaltung um die Ohren pfeffert. Besonders die NPD macht das ausnehmend gern und beweist wieder einmal, daß Dummheit an der Anzahl der verwendeten Ausrufezeichen erkennbar ist. Gerne werden ein paar Fäuste zwischen das Boulevardblattlayout geklemmt, die auf den Wörtern "Jetzt!" oder "reicht!" herumhauen. Auch jede Spielart der Vertierung von Menschen ist gern gesehen. Bei der NPD, nicht bei mir.

Die Plakate werden von der fleißigen Parteibasis auf Pappen geleimt und in der Stadt verteilt. Mitunter kommt es dann zu unschönen Kollisionen mit der umgebenden Realität. Aber die Flächen werden fest vergeben, die Pfründe sind längst verteilt. Und wenn der Wahlkampf in die richtig harte Phase kommt, erwarten uns zusätzlich noch Großplakate, Stände mit Sonnenschirmchen und fleißigen Parteimitarbeitern, die arglose Passanten ansprechen, und die notorischen Großveranstaltungen, die ganze Plätze bespielen. Kurz: Es fängt klein und leise an und wird zunehmend größer und lauter. Dann schlägt sich das Ganze in Zahlen nieder, und Politiker werden vor Kameras stehen und sagen: "Wir haben gekämpft."

Veröffentlicht 27. August 2009, 15:04 von Andrea Diener
Kommentare

tobitobson

27. August 2009, 16:11

Wahlkampf - jedes mal, wenn ich mit dieser Kombination aus Unappetitlichkeit, Verblödung und Schleimerei konfrontiert werde, spüre ich ein Ekelgefühl in mir aufsteigen.

Kann man das nicht bitte noch ins StGB einbauen, irgendwo im siebten Abschnitt?

Wie hält man das aus, wenn man sich beruflich damit beschäftigen muss? Lebt man da nicht in permanenter Angst vor einem Magengeschwür?

Frans B.

27. August 2009, 16:42

"Das wäre natürlich die Lösung sämtlicher Probleme, denn dann wären die Bürger reich und der Staat auch. Toll! Daß da noch keiner drauf gekommen ist."

Darauf sind sie doch gekommen, die, die vor sechzig Jahren begannen, Wirtschaftspolitik im Interesse der breiten Masse und nicht im Sinne einer kleinen Schicht von Superreichen zu machen. Das war über drei Jahrzehnte das Prinzip: Steigender Wohlstand für alle und ein handlungsfähiger Staat.

synecstasy

27. August 2009, 17:14

http://www.synecstasy.com

Pars pro toto: Die Wahlplakate und ihre Unzumutbarkeiten sind nur ein Teil des deutschen Wahlkampfs. Man möchte Seriösität ausstrahlen und heraus kommt gähnende Langeweile. Also kommt man mit dem immer Gleichen daher, keine Innovation weit und breit. Zugestanden sein muss an dieser Stelle, dass das einzige visuelle Zeichen, das zum kurzen Nachdenken anregt, von den Piraten stammt: In Hamburg finden sich kopierte Aushänge mit dem Titel: "Vermisst - Unsere Demokratie ist uns am ... abhanden gekommen." Vielleicht sollten sich die Berater der großen Parteien mal Anregung im Guerilla Marketing holen.

Und nach wie vor gilt: www.synecstasy.com/.../entertain-us

E.R.Nest

27. August 2009, 17:17

http://verratichnicht

Besonders zu empfehlen ist der von Frau Diener angegebene Link zu dem Kandidaten mit Seniorin, Migranten und als Mobiltelefon- und Aktenhalter mißbrauchtem Kleinkind:

Der Mann heißt "Knülle".

Nomen est omen. Quod erat demonstrandum.

sschulz

27. August 2009, 17:20

http://www.stefanschulz.com

"Während die FDP seit ungefähr 150 Jahren in aller Zeitlosigkeit fordert, daß sich Arbeit wieder lohnen muß (...)" - Es hieß 150 Jahre, dass sich Leistung lohnen müsse. Erst neuerdings ist es Arbeit.

Andrea Diener

27. August 2009, 17:38

Danke, Herr Schulz, für die Präzisierung. In diesem Jahr kommt keine Partei ohne das Wort "Arbeit" aus (außer den Grünen, die "Jobs" wollen), da muß sich die FDP schon angleichen. Außerdem, Leistung. Das kann ja alles sein. Arbeit klingt da gleich viel ehrlicher.

.

synecstatsy, ich bin mir nicht sicher, ob ich Guerilla-Marketing der CDU sehen will. Das endet doch nur jenseits des Lengsfeldschen Peinlichkeitsquadranten. Das Schlimme ist ja, daß alles jenseits von Schema F gleich so unfaßbar dilettantisch aussieht.

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Frans B., Wohlstand für alle klingt hübsch gemäßigt. Reichtum für alle hat so was knallig illusorisches. Ich mein: Reich. Bleibt die Frage, wo die Kohle herkommt.

Paulchen

27. August 2009, 17:38

Geehrte Frau Diener,

was sollen den diese armen " Geschöpfe" machen?

Mit Leistungen beeindrucken und durch helfende

Kreativität das Wahlvolk, nach vier Jahren überzeugen?

Dann währen es keine Politiker, eigendlich möchten

Sie ja die Wahlen abschaffen und treu dem Staate

dienen.

Ich persöhnlich vermisse schon Wahlkämpfe, kommend

von Kampf, aber Fragen sie sich, soll das wirklich so

geschen. Ein Wahlkampf mit mehr körperlichen

Einsatz, als dem am Büffet.

Intelligenz und Politik sind nun Dinge die nur in

Abwesenheit voneinander funktionieren,

denn aufgelöst und regiert werden wir immer.

Deutschland in der Nacht hat mich um den Schlaf

gebracht.

Herzlichst P.

hape

27. August 2009, 19:28

http://www.gebuehren-igel.de

Das mit den Kandidatenplakaten ist nur ein Missverständnis, wie folgendes Gedicht zeigt: www.gedichte-fuer-alle-faelle.de/.../gedicht_2886.html

egghat

27. August 2009, 22:28

http://egghat.blogspot.com

Meine persönlicher Favorit in Sachen hohler Wahlkampfparolen war Vera Lengsdorfs "Freiheit und Fairness statt Gleichheit und Gerechtigkeit". Will die keine Gerechtigkeit? Hmmm?

Andrea Diener

27. August 2009, 23:17

Egghat, diese Frau Lengsdorf scheint ja für einige Kracher gut zu sein. Warum Fairness der guten alten Gerechtigkeit vorzuziehen ist, wüßte ich auch gern.

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Paulchen, es würde mir ja schon reichen, wenn ich das Gefühl hätte, daß es diesen Leuten um etwas geht. Um mehr als die eigene Karriere, wenn möglich. (Zumindest bei den Linken scheint das ab und zu nochmal auf – unabhängig davon, ob man dem nun zustimmt oder nicht.)

Oliver M. Piecha

28. August 2009, 03:01

http://holdirdasrheingold.wordpress.com/

Liebe Frau Diener,

könnten Sie Ihre durchaus annerkannten, unergründlichen Kentnisse über bizarre Ereignisse & Phänome der Alltagskultur nicht besser verwerten? Stichwort z.B. Krawattenmuster der jeweiligen Kandidaten? Vielleicht bringt das ja etwas.

Rainer

28. August 2009, 06:26

oft sieht es aus als hingen sie am Marterpfahl oder am Pranger, geschönt,  mit Draht und Schnüren an Zäunen, Laternenmasten und Schilderpfosten festgezurrt, und man möchte ihnen zurufen:

ja, leiden sollt ihr

für Ignoranz, mangende tranparenz

und unglaubwürdigkeit

StoiBär

28. August 2009, 07:33

http://www.stoibaer.de

Immerhin waren die letzten vier Jahre angenehm, was den Ton der Politiker untereinander anging. Ich kann mich noch gut erinnern, wie schäbig die sich vorher behandelt hatten. Wenns jetzt die befürchtete Beteiligung der FDP gibt, wird der Ton wohl wieder ekelhafter werden. Der Seehüpfer und der Zeil machens in Bayern grad vor, wie man sich zofft. Indes glaube ich nicht, dass Wahlplakate noch irgendetwas ausrichten. zumindest nicht in den großen (gibts die überhaupt noch) Parteien.

Ephemeride

28. August 2009, 09:14

@Frau Diener: "Reich. Bleibt die Frage, wo die Kohle herkommt." Diesen Satz musste ich zweimal lesen und verstehe immer noch nicht, ob er ernst gemeint ist. Denn im Vergleich zu den meisten der 7 Milliarden Menschen, die mittlerweile sich auf unserem Erdball tummeln und den geschätzten 30 Milliarden, die vor uns in der Geschichte lebten, sind wir unendlich reich. Stinkreich. Abgefahren reich. Wir sind das personifizierte Paradies, welches sich mittelalterliche Maler noch auf die Leinwand tupften. Flöge bei uns eine gebratene Ente vorbei - niemand würde wirklich aufschauen. Und Brunnen, aus denen Milch und Honig flöße, provozierte bei manch verzogenem Bengel wohl nur noch Widerstand. Iiii: Milch! Iiii: Honig. Ein Blick in das real existierende Afghanistan oder das real existierende Bangladesch oder das real existierende Albanien könnte unseren Wohlstandspessimismus etwas zurecht rücken.

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Und aus noch einem Grunde sind wir reich. Verteilte man nämlich das Vermögen, welches sich in unserem Land in den letzten sechs Friedensjahrzehnten angesammelt hat, etwas anders: Eine Generation müsste komplett nicht mehr arbeiten.

Bärbel Zimmer

28. August 2009, 09:30

Die Heuchelei kann man wirklich nicht mehr hören bzw. lesen. Das mit den Magengeschwüren stimmt. Die Politiker aller Parteien können machen, was sie wollen, aber sie sind und bleiben einfach nicht glaubwürdig. Am besten macht man es so wie Frau Lengsfeld: signiert einfach noch eines der mittlerweile in aller Munde besprochenen Plakate, der persönlichen Handschrift wegen ;-), und versteigert es, um den Erlös dem Bürgerbüro zu spenden, die sich fleißig um DDR Opfer kümmern. www.tamundo.de/auction-signiertes-cduwahlplakat-vera-lengsfeld-2863368.html

Charity aus puren Eigennutz, dass muss man erstmal verstehen. Also ich verstehe es nicht :-(

Andrea Diener

28. August 2009, 10:14

Ephemeride: Sie haben in dem Satz eventuell Zynismus gefunden? Dann haben Sie ganz recht gefunden. Reich wird man, wenn andere dabei ärmer werden. (Wobei, es gibt noch eine zweite Möglichkeit: Geld erfinden. Aber das fällt blöderweise immer irgendwann auf.) Insofern frage ich mich auch hier: Was war falsch an der guten alten Gerechtigkeit?

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Oliver Piecha, das bringt, fürchte ich, nicht viel. Es gibt diese Politikerkrawatte, die ist einfarbig oder maximal leicht diagonal gestreift. Dunkelrot hat sich auch bei der CDU etabliert. Ich fürchte, man muß das Gesamtbild sehen, in all seiner gephotoshoppten Pracht. Bei der CDU beispielsweise geht nichts ohne Deutschlandfähnchen. Sollte ich jemals in der Parteizentrale austreten müssen, ich wette, die haben noch auf dem Klopapier kleine Logos in schwarzrotgold. Und falls die SPD jemals eine originelle Plakatidee haben sollte, die darüber hinausgeht, Kinder und Kandidaten mit Schlagschatten abzubilden, dann, ich weiß auch nicht – passiert wahrscheinlich irgendwas. Kriegen sie die absolute Mehrheit.

Savall

28. August 2009, 10:18

Ich stell mir die Wahlplakate als biblia pauperum vor, für die geistig Armen. Infolgedessen können sie gar nicht grell genug sein. Textaussagen sind überflüssig, weil sie eh nicht verstanden werden. Bedenklich stimmt mich allerdings die Menge der Plakate. Glauben die Herrschaften wirklich, daß es so viele geistig Arme gibt? Und warum gibt es bei uns keine knuffigen Parteimaskottchen? So Elefanten, Esel, Geißböcke, Rindviecher? Würde auch das Ankreuzen der Stimmzettel stark vereinfachen.

alexkniss

28. August 2009, 10:26

Ach, da fällt mir wieder der Spruch von, glaube ich, Urban Priol ein:

"Es ist Wahlkampf. Da hängese widder all an de Laterneposte, die Politiker. Also, ich mein, ihr Bilder....."  ;-)

icke

28. August 2009, 10:27

Also, ich finde die gar nicht so schlimm: Name, Gesicht, Partei, flottes oder lahmes Sprüchlein, eher sachlich.  

Das Volk gibt den Politikern Mandat, dass die Politiker frei ausfüllen. Wenn's mich interessiert kann ich ja zu irgendeiner von deren Wahlkampfversammlungen gehen, oder, wenn ich gaaaaaaaanz engagiert bin, mich mal in die Ortsgruppentreffen der betr. Partei wagen. So kann ich die Leistungen des Mandatsträgers prüfen und wenn sie mich nicht befriedigen kann ich ihm das Mandat entziehen. Ist Arbeit. Na und? Wenn Sie es besser können als die anderen Politiker, warum sind Sie dann keiner geworden? Wegen der Ochsentour? Nun, das ist eben der allg. Ausbildungsweg. Es wird ja auch niemand Arzt oder Richter der mal eben so herein schneit und es Alles schon weiss.

Und wenn ich schon einmal dabei bin: an dem Wahlplakat von dem Mädel aus Kreuzberg finde ich nur schade, dass A.M. so hässlich mit Hängebusen da hockt. Gestandene Weibsbilder mit Herz und Hirn und Busen (eingesagt: cf. W. Biermann über Heines Atta Troll) - warum nicht?

Und als letztes: kenne Sie die Geschichte von einem Carsten, seinerzeit Bundestagsabgeordneter Juso der sich, streng gegen Militär und Bundeswehr und alles Böse, in den Verteidigungsausschuss hat beordern lassen und dort wohl recht laut krähte, was zu geschehen habe. Darauf habe ihm ein etwas älterer Genosse ohne Spott gebeten, ihm doch mal beim Mittagessen näher zu erklären, wie er seine hehre politischen Ziele zu erreichen Gedenke. Am nächsten Tag hat Carsten im Bundestagplenum den Natonachrüstungsbeschluss (oder war es der Bau eines Jagdflugzeuges) verteidigt.

Andrea Diener

28. August 2009, 10:33

StoiBär, das mit dem ekelhaft-sein schafft der Koch hier auch solo. Dagegen ist die Bundespolitik die reinste Harmoniehütte.

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Ändern wird die Kleberei natürlich nichts, aber wenigstens ist die Basis beschäftigt.

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Bärbel Zimmer: Das nach der Wahl zu versteigern, das hätte Stil gehabt. So hat es eher ein Geschmäckle.

Andrea Diener

28. August 2009, 10:55

Savall: Gute Idee! Die Grünen haben ja schon den Wal, die CSU kriegt einen röhrenden Hirsch, die FDP vielleicht eine Ameise?

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Aber das ist ja überhaupt das Mißverständnis an Werbung: Die ist für Blöde gemacht. Das würde kein Konzern zugeben, von Zielgruppen schwafeln und von Einprägsamkeit, aber die ist ja bekanntlich die Nachbarin der Penetranz.

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icke, nein Sie wollen nicht zur Wahlkampfveranstaltung. Die Musik ist schlecht, die Reden sind schlecht, es ist eine entsetzlich zähe, langweilige Angelegenheit, die die Intelligenz so ziemlich jedes Anwesenden beleidigt. Ich hab mir das oft genug angetan.

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Warum ich dann kein Politiker geworden bin? Ich bin nicht teamfähig, ich bin Einzelarbeiter. Am besten funktioniere ich hier in meiner Zelle. So jemanden kann man da nicht brauchen.

icke

28. August 2009, 11:24

@ Andrea Diener: glauben Sie denn dass Sie, wenn durch irgendeinen Zufall alle anderen Politiker, Beamten, Zuarbeiter, ja selbst Sekretärinnen, Pförtner und Praktikanten verschwunden wären, dass Sie dann die Führung der Bundesrepublik alleine hinbekämen? Bis zu einem gewissen grad ist Politik durchaus einzelarbeit, aber dann muss sich die einzelne Wahrheit eben mit der vielfältigen Wirklichkeit auseinandersetzen. Ich gebe zu, dass das nicht besonders angenehm ist.

Ich will ja gar nicht behaupten, dass die Politiker alle edel, weise und gut sind. Und bin der Meinung dass wer mit einer Art "Blut Schweiss und Tränen" Rede durchaus Chancen hätte - die Leute sind ja nicht so dumm. Aber die Wahlkampfplakate finde ich in ihrer Beschränktheit ausreichend (auch wenn ich bei der Kraft der CDU immer an den Krieg der Sterne denken muss - AM als Luke Skywalker?).

Und Mr Obama ist ja auch mit dem Spruch eines Hausfrauenvereins zum Einmachtag gewählt worden.

Doctor Snuggles

28. August 2009, 11:29

Ich finde das Plakat von Dr. Matthias Zimmer sehr schön, weil der Hintergrund um ihn herum heller ist als der Rest. Das habe ich schon mal gesehen, aber wo nur... www.rit-show.de/.../1135784189.jpg

icke

28. August 2009, 11:35

@ A Diener: fällt mir jetzt erst auf, dass Sie mein "Sie" persönlich genommen haben. War nicht so gemeint sondern bezog sich auf die Allgmeinheit der Politikerscheltenden.

Andrea Diener

28. August 2009, 11:44

Doctor Snuggles, ich habe ziemlich lange gebraucht, um zu kapieren, daß der helle Hintergrund offenbar die Reichstagskuppel darstellen soll. Zumindest ist das schöner als  der häßliche Schlagschatten hinter Steinmeier. So sieht das aus, wenn man Leute an die Wand stellt und anblitzt. Soll man nicht machen, beim Blitzen immer von der Wand weg. Jetzt haben die den Schatten natürlich per Fotoshop da hineinmontiert, der ist ja nicht echt. Warum? Warum nur? Wie kommt man auf die Idee, photographische Fehler künstlich in an sich gute Bilder hineinzumontieren? Machen die als nächstes den Kandidaten die Augen rot?

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icke, danke für die Klarstellung. Ich beziehe Dinge ja immer gern auf mich :)

primopiano

28. August 2009, 12:32

Wunderbar, tobitobson!  Genau so sehe und empfinde ich das auch:

Es ist ein ebenso unfaßbares wie grausames Szenario und Schauspiel, namens Wahlkampf, das sich da über uns ergießt. Läßt sich m. E. nur noch als optische Umweltverschmutzung titulieren und gehört, in dieser Fom, endlich

abgeschafft!

Doctor Snuggles

28. August 2009, 13:22

Die Reichstagskuppel? Hmm... könnte auch die Glasfassade vom Frankfurter Hauptbahnhof sein, das sieht ähnlich aus. Dr. Matthias Zimmer, Ihr Mann für das Frankfurter Bahnhofsviertel, das wäre doch mal ein Slogan. Und das mit dem Anzug - es gibt da bestimmt den einen oder anderen Bankmitarbeiter, der mal schnell in der Mittagspause einen 50er für gewisse Dienstleistungen ausgibt. Passt also auch. Man sollte ihn persönlich fragen.

Savall

28. August 2009, 13:42

Eben! Es geht ja nicht um le german Politikverdrossenheit, sondern tatsächlich um die miese, dümmliche Belästigung. Ich schließe ja dann gleich vom Plakat auf die Meinung, die so ein Politiker von mir hat und erschauere.

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"Was willst du böser Geist von mir?

Erz, Marmor, Pergament, Papier?

Soll ich mit Griffel, Meißel, Feder schreiben?

Ich gebe jede Wahl dir frei."

(Das muß heute einfach sein. Prosit, Herr Geheimrat!)

Andrea Diener

28. August 2009, 13:55

Mensch! Heute um 11 war Dr. Zimmer bei mir um die Ecke zum Frühschoppen in der Kelterei Nöll, und ich war nicht da! Das wäre die Gelegenheit gewesen. Dr. Snuggles, der Wahlkreis ist groß, von der Alten Oper bis Zeilsheim, da paßt einiges dazwischen. Und da wird er es nicht leicht haben.

Andrea Diener

28. August 2009, 14:12

Dem Herrn Geheimrat mache ich nachher noch vor Ort meine Aufwartung.

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Le Politikverdrossenheit ist wohl eher le Politikerverdrossenheit. Aber vielleicht schätzt man so manchen erst zwanzig Jahre später. Vermutlich stand man schon unter Brandt herum und schimpfte, daß die Politiker nicht mehr das Format hätten wie früher, also damals, das waren noch richtige … etc.

Doktor Snuggles

28. August 2009, 14:13

Nee, so ein Wahlkreis ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Da hat man ja die ganze Bandbreite und kann sich nicht auf bestimmte Gruppen konzentrieren. Auf der anderen Seite: sein Ziel ist Berlin, da sollte er sich vorher mal im Frankfurter Hauptbahnhof oder Zeilsheim kündig machen, wie es sich so leben läßt...

Goya y Lucientes

28. August 2009, 14:24

Darf ich das Kuriositätenkabinett noch ein wenig erweitern? Hier ist übermorgen Kommunalwahl, logischerweise mit entsprechender Plakatfrequenz im öffentlichen Raum. Scheinbar hat man bei den Gelb-blauen versucht, die Plakatgestaltung ein wenig durchzustylen, wie man in bester sprachlicher Tradition des Landes der Dichter und Denker zu sagen pflegt. Ein Beispiel:

img198.imageshack.us/.../blablagaq.jpg

Die Motive sehen alle so aus: Kandidat mit elefantösem Polaroid hiesiger Stadtansicht (Statue, Brunnen, etc.) nebst Sprüchlein.

Und auch wenn's jetzt keine Plakate sind, die folgenden Seitenbanner selbiger Gruppierung will ich Ihnen Frau Diener und den geschätzen Mitlesern nicht vorenthalten.

Hier geht keiner ran:

www.fdp-aachen.de/.../section-image-009.jpg

Pustekuchen, äh -blume:

www.fdp-aachen.de/.../section-image-006.jpg

Man beachte die Tuchfarben:

www.fdp-aachen.de/.../section-image-007.jpg

Interpretatorisch besonders reizvoll:

www.fdp-aachen.de/.../section-image-013.jpg

.

Noch faszinierender fand ich allerdings den Ansatz der hiesigen SPD, die im Stadtzentrum eine ganze Reihe rein gelber(!) Plakate handbeschrieben mit nichts als schwarzem(!) Edding aufhing. Sparmaßnahme, Termindruck, Designoffensive, politische Neuausrichtung? Wer weiß.

Savall

28. August 2009, 17:20

@Goya: Da kann ich nur mit den unsterblichen Worten von Willi "Ente" Lippens antworten: "Ich danke Sie!"

Dergleichen sieht man gottseidank nicht oft. Das wäre an Inhaltslosigkeit nur noch zu toppen, wenn die CDU Kasimir Malewitschs Schwarzes Quadrat plakatieren würde. In diesem Fall natürlich mit Deutschlandfahne.

"In bunten Bildern wenig Klarheit,

Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit..."

Nun, an dem Fünkchen Wahrheit wird offensichtlich noch gearbeitet. Oder es ist der Krise zum Opfer gefallen.

Franz B.

28. August 2009, 18:10

Andrea Diener, "Bleibt die Frage, wo die Kohle herkommt."

Dieses Land wird Jahr für Jahr reicher! Die Kohle ist, verdammt noch mal, schon da! (Würde i. Ü. von Kollege Weissgarnix im Zweifel bestätigt weden) Nur trickelt eben überhaupt nichts down, wie von interessierter Seite über die Jahre stets vertröstend behauptet wurde.

Merzmensch

28. August 2009, 21:13

http://merzmensch.blog.de

Wahlkampf... Es ist ein Kuriositätenkabinett.

nico

28. August 2009, 21:35

Wahlplakate vs. Comedians, Motivations-Events = wir helfen dir - du schaft es!

Goya y Lucientes

28. August 2009, 22:38

@Savall: War mir ein Vegnügen! Wie es der Zufall will, höre ich gerade eine Aufnahme Ihres Nickgebers, Christopher Tye - Lawdes Deo. Eine seiner besten Aufnahmen für Violen-Consort (u.a. mit Pandolfo & Duftschmid).

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Aber noch mal kurz zum Thema. Der Vollständigkeit halber muß ich noch eine Ergänzung zu den FDP-Plakaten nachliefern. Eben nach dem Waldspaziergang lief ich an einem solchen vorbei. Selbst neben dem Parkplatz am Waldrand wurde plakatiert. Auf den Originalplakten, in Ermangelung einer Digitalkamera habe ich das Bild oben aus dem Wahlprogramm kopieren müssen, prangt auf dem unteren breiten Rand des Polaroids zusätzlich noch dünn ein stilisiertes Autogramm mit dem Namen des jeweiligen Kandidaten.

Filou

28. August 2009, 22:54

1981 war's (so glaube ich), ging es in Frankreich um die Wiederwahl von Giscard d'Estaing. Ueberall hingen riesige Billboards mit seinem Portrait. Text: Er kaempft fuer das Vaterland!

Dummerweise gab es kurz davor einen Skandal um Valerie, weil er angeblich einige Diamanten des Kaisers von Zentralafrika, Bokassa, dankbar angenommen haben  soll. Auf alle Riesenposter-und alle hingen in unerreichbarer Hoehe von ca. 15 Metern-hatten sportliche Saboteure symbolische Diamanten auf die Augen des Nochpraesidenten geklebt.

Von den Franzosen lernen, heisst Polemik lernen.

Andrea Diener

29. August 2009, 01:32

Filou, die Entstellung von Wahlplakaten wäre nochmal ein Thema für sich. Man kann da ja auch wunderbare Sprechblasen neben die Köpfe malen, wird aber viel zu selten gemacht.

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Aus den FDP-Bannern von Goya können wir immerhin lernen, daß Gelb allein noch keine sehr reizvolle Farbe ist und erst im Verbund mit Grün, Rot oder Blau einigermaßen erträglich wird. Abgesehen davon ist die völlige Aussagefreiheit schon bemerkenswert. ("FDP – kein Anschluß unter dieser Nummer"). Wen will man damit erreichen, und was will man erreichen? Was zur Hölle hat der Werbetyp bei seinem Powerpointvortrag erzählt, daß der FDP-Mensch schließlich sagte: Tolle Kampagne, kaufen wir!?

auch-einer

29. August 2009, 10:25

ich habe das Vergnügen, mir diie grinsefressen im schreistaat faxen angucken zu müssen.

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man könnte sich natürlich fragen, ob die dämlichkeit der gezeigten nischel und guschen die dämlichkeit der plakatierten parolen übertrifft oder umgekehrt.

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man könnte sich auch fragen, für wie doof die parteien mitsamt ihren kandidaten und werbefuzzis die wähler halten.

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wer das ganze bezahlt, weiss ich.

Dieter Neubert

29. August 2009, 10:54

Super Beitrag! Ich kann die Plakate nicht mehr sehen, so sehr fühle ich mich für dumm verlauft. Mir scheint, die jeweiligen Werbeagenturen der Parteien sind vom politischen Gegner finanziert. Womit sich der ganze unsägliche Schwachsinn wieder aufhebt.

Matthes

29. August 2009, 11:11

Wie wäre es denn, wenn ein paar der vielen schlauen Schreiber hier selbst Politik machen würden? Im Bundestag oder auch im Gemeinderat nebenan?

Glaubt irgendjemand, dann würde irgendetwas anders?

Oder braucht es erst eine Revolution: alles umstürzen und neu anfangen?

Glaubt irgendjemand, dann würde alles besser?

Ich nicht.

Also, Ball flachhalten: uns geht es ziemlich gut, trotz (oder vielleicht sogar wegen?) der PolitikerInnen.

Matthes

Dieter Neubert

29. August 2009, 11:50

Ja, natürlich. Relativ gesehen ist alles halb so wild. Nur etwas dumm oder zumindest sehr schmalspurig müssen die Schreiber und Adressaten wohl sein, oder?

Savall

29. August 2009, 11:57

Ja, Goya, ich bin von meinem Namensgeber fasziniert. Er ist so epochenübergreifend neugierig, wie man es sein sollte. Im übrigen hat Ihr Namensgeber zum Thema beizutragen:

knowledgenews.net/.../goya_charles_iv.jpg

Wer hätte das Wesen einer herrschenden Kaste besser entlarvt, indem er sie einfach abbildete? Die spanischen Bourbonen sollen übrigens von dem Bild ganz angetan gewesen sein.

.

Der Powerpoint-Vortrag des Plakat-Creativen (unbedingt mit c!) bei der FDP hätte vermutlich mehr über den Zustand der Partei ausgesagt, Andrea, als die Plakate. Deswegen werden wir nie etwas davon erfahren.

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Matthes, genau darum geht es ja nicht. Das scheußliche ist die ästhetische Belästigung und die Tatsache, daß man uns den intellektuellen Habitus eines Dreijährigen zutraut. Hier in Sachsen haben wir nacheinander Kommunalwahlen, Landtagswahlen un die Bundestagswahl. Seit Monaten hängt die Augenpest hier herum und wir haben es satt.

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"Ich übereile mich darum nicht, und Freiheit und Gnüge werden die Hauptconditionen der neuen Einrichtung seyn, ob ich gleich mehr als jemals am Platz bin, das durchaus Scheisige dieser zeitlichen Herrlichkeit zu erkennen."

(JWG an Merck, 22.1.1776, WA IV,3, S.21, aus der heutigen Feuilleton-Glosse geklaut.)

Goya y Lucientes

29. August 2009, 12:14

@Filou: Meinen Sie sowas?

protestkuriosa.files.wordpress.com/.../unheil-fur-deutsche_s-kopie.jpg

.

Ist schon mal jemandem aufgefallen, wie sehr sich die Plakate von NPD und Die Linke in Farbgebung und Gestaltung ähneln?

protestjetzt.files.wordpress.com/.../reichtum2.jpg

(Siehe rechts von Gysi und ein Bild höher)

f.luebberding

29. August 2009, 12:31

http://www.weissgarnix.de

Netter Artikel. Es gibt nur ein Problem. Es geht bei den Wahlplakaten nicht darum einen einzigen Wähler zu überzeugen ... . Das ist ein typischer Journalisten- Irrtum ... . Wenn die FAZ plakatiert, wird sie sich allein davon wohl auch keinen zusätzlichen Leser versprechen ... . Die Plakate sind ein Mosaikstein in einem Gesamtkunstwerk namens Wahlkampf. Sie sind Teil einer Kommunikationsstrategie - und selten gibt es echte Kunstwerke. Etwa "Politik ohne Bart" der CDU aus dem Wahlkampf von 1994. Es zeigt einen zuhörenden Helmut Kohl in abendlicher Athmosphäre. Der Fotograf war Müller und es ist nur ein einziges Mal geklebt worden. Vor dem Adenauerhaus in Bonn. Solche highlights sind aber absolute Ausnahmen.

Ansonsten haben Plakate nur eine Funktion. Sie sollen den Wähler darauf hinweisen, dass jetzt bald Wahlen sind. Er also in wenigen Wochen eine Entscheidung zu treffen hat. Ohne diese Form der Plakatierung würden die meisten Bürger nämlich glatt vergessen, dass jetzt bald Wahlen stattfinden werden. Die Zahl der FAZ Leser - also der hochinformierten Bürger - hält sich nämlich in überschaubaren Grenzen. Durch den Plakatwald wird er also für das Thema sensibilisiert - und nicht durch die Karte mit der Wahlbenachrichtigung oder nette Analysen von Bannas in der FAZ ... . Oder in unserem blog ... . Selbst wenn er nicht wählen gehen wird, wird er wissen, dass er diese Entscheidung zu treffen hat. Oder er wird auf das hören, was die Parteien im Wahlkampf zu sagen haben. Die Plakte unterstützen die Botschaft, wenn sie professionell gemacht sind. Nur eines sollten die Kritiker nicht vergessen. Parteien machen das seit mehr als hundert Jahren. Die haben wenig Übung im online Wahlkampf (Unternehmen tun sich da bekannlich mit ihrer Werbung auch schwer. Siehe Vodafone), aber wissen durchaus wie man Plakate strategisch einzusetzen hat. Das betrifft alle großen Parteien - von der Union bis zur Linken. Sie wollen mit ihren Slogans ihre eigenen Wähler mobilisieren. Da interessieren räsonnierende Journalisten und ihre ästhetischen Urteile eher wenig ... . Deshalb sprechen etwa SPD und Linke von Gerechtigkeit, Grüne von Umwelt, FDP von Freiheit und die Union von Sicherheit und Stärke. Das sind genau die ideologischen Kerne, die das Parteiensystem historisch begründet haben. In der Parteienforschung nennt man das seit Lipset/Rokkan Cleavage Ansatz. Parteien landen also in der heißen Endphase immer wieder an ihrem Ursprung - Liberalismus, Sozialismus und Konservativismus. Die Plakate bilden das ab und bauen lediglich den aktuellen Zeitgeist ein - wenn man denn nicht wie Frau Lengsfeld nur Aufmerksamkeit erzielen will. Was aber auch in Ordnung sein kann, wenn es denn gut gemacht ist. Dass der Zeitgeist bisweilen dämlich ist, kann man  übrigens den Parteien keineswegs zum Vorwurf machen ... .

Man sollte also die Plakate in ihrem Kontext betrachten, dann relativiert sich so manche Kritik. Aber manche Journalisten erzählen halt alle vier Jahre die gleichen Märchen. Und die Kritik an den Plakaten ohne Inhalt gehört halt dazu ... . Am Wahlabend wird man auch wieder einen Zusammenhang herstellen zwischen dem Wetter und der Wahlbeteiligung. Das ist auch so ein Ammenmärchen. Empirisch schon lange widerlegt. Die Leute gehen bei jedem Wetter zur Wahl, wenn die Parteien die Wähler vom Sinn der Beteiligung überzeugen konnten - also ihr Potential mobilisierten. Oder bleiben halt zu Hause ... .

Schönen Gruss Frank Lübberding    

Andrea Diener

29. August 2009, 12:37

Goya, das ist mir auch aufgefallen. Bei den einen ist die Parole schräg und der Parteiname gerade, bei den anderen grade umgekehrt. Aber alles schön in rot-weiß-schwarz. Gut, daß die Linken noch ein paar Köpfe haben, die sie zeigen können. Die Typen von der NPD will ja vermutlich keiner sehen. Es gibt da nur einige sehr unschöne Beispiele. Etwa die Dame im Ledermantel:

www.historische-wahlplakate.de/index.php

Der Kandidat für Neukölln ist auch ein echter Sympathieträger:

www.historische-wahlplakate.de/index.php

Den Mecklenburgern und Sachsen wurde anscheinend auch einiges Schlimmes zugemutet. Das Layout lehnt sich so eindeutig an eine große deutsche Boulevardzeitung an, daß die Zielgruppe klar sein dürfte.

Muriel

29. August 2009, 13:48

http://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com/

Oh Gott, ich glaube, ich höre erst morgen im Laufe des Tages irgendwann auf zu lachen. Das Marc-Knülle-Plakat kann ich immer noch nicht fassen. Danke!

Andrea Diener

29. August 2009, 17:06

Danke, Herr Lübberding. Dann nehme ich leicht amüsiert zur Kenntnis, daß Wahlplakate nicht für FAZ-Leser gemacht sind und fühle mich in Zukunft einfach nicht mehr angesprochen.

f.luebberding

29. August 2009, 17:27

http://www.weissgarnix.de

So sollte man das machen ... . Amüsieren darf man sich aber trotzdem.

Goya y Lucientes

29. August 2009, 23:10

Oh Frau Diener, was für eine Fundgrube! Bei der Frau im Ledermantel mußte ich unweigerlich an 'Allo 'Allo! denken.

.

Cave saxonem, Frau Lengsfeld? Wenn da als Urheber nicht FDP Landesverband Sachsen stünde, ich hielte es glatt für eine Fälschung:

www.historische-wahlplakate.de/index.php

.

Mein Favorit ist jedoch dieses:

www.historische-wahlplakate.de/index.php

Steht das S in SPD gar für Sado?

Filou

30. August 2009, 02:38

@Goya y Lucientes: nee, meine ich nicht. Die Dinger hingen nicht an Balkons. Wenn ich's recht erinnere, waren das (damals) noch unverbaute Brandmauern von Haeusern in der Innenstadt. So rund Place de l'Opera. Die Leute hatten eine Meisterleistung der Fassadenkleterei vollbracht. Das mitten in Paris! Alles voller Bullen...!

Ich suchte bei Gooogle nach Beispielen, habe keine gefunden. Und ich hatte dummerweise keinen Fotoapparat dabei. Das finde ich sooo schade.

Aber irgendwo laesst sich die Geschichte von Bokassas Diamanten finden. Waren natuerlich die Sozen dahinter...

Filou

30. August 2009, 02:40

@Goya y Lucientes; Listen to me. I only tell it once?

Doll, nicht war?

Kurt Färber

30. August 2009, 12:14

http://www.mietrecht4u.de

Die Bayernpartei: "Kriminalität verbieten" http://twitpic.com/ftyun Sehr schöne Parole :-)

Andrea Diener

30. August 2009, 13:39

Um Himmels Willen, Herr Färber! Darauf muß man auch erst mal kommen. (Dabei dachte ich, zumindest in Bayern sei die schon verboten?)

Savall

30. August 2009, 15:12

You made my day, Mr. Färber. Schade, daß es in der deutschen Sprache keinen Superlativ für Dummheit gibt.

Alter Bolschewik

31. August 2009, 16:26

Ohne damit Sympathien für die Bayernpartei bekunden zu wollen: Das Photo zeigt das Plakat aus gutem Grund von der Seite. Denn unter der Parole "Kriminalität verbieten" steht der Satz: "Manche Forderungen sind einach blöd." Die Partei erklärt selbst dazu: "Unser Plakat „Kriminalität verbieten“ ist eine Parodie auf die Forderungen vieler anderer Parteien, die häufig so tun, als könnte man die Kriminalität mit strengeren Gesetzen abschaffen." Das Plakat findet sich unter fuer-bayerns-zukunft.de/.../Plakat_Kriminalitaet.jpg. Auf jeden Fall ist das ein viel gelungeneres Plakat als alles, was hier so vorgestellt wurde.

Goya y Lucientes

31. August 2009, 19:37

Welch verlockende Vorlage, lieber Savall, aber ich lasse den Vortritt anderen und frage mich, ob FAZ.net von den gleichen Werbern betreut wird, wie die Seitenbetreiber der hiesigen Liberalen ;-)

www.fdp-aachen.de/.../section-image-003.jpg

http://www.faz.net/m/{9560F65D-991F-4177-904E-062623ABEEE7}q60.jpg

Andrea Diener

31. August 2009, 20:10

Damit, lieber Alter Bolschewik, relativiert sich einiges. (Und nun denken wir alle ernsthaft über ein freies Bayern in Europa und dessen Blödsinnigkeit nach.)

FinMike

02. September 2009, 17:01

http://www.thandorf.de

Gibt es eigentlichirgendwo auch nur den Versuch einer Studie, die einen Zusammenhang herstellen könnte zwischen "hat die meisten/blödesten Wahlplakate in einer bestimmten Gegend" und "hat die meisten/wenigsten Stimmen dafür abbekommen?"

Schwarzwaelder

04. September 2009, 15:03

icke schrieb am 28. August 2009, 11:24h:

[...]Und Mr Obama ist ja auch mit dem Spruch eines Hausfrauenvereins zum Einmachtag gewählt worden.[...]

Komisch, ich dachte immer, das wäre ein verfremdetes Zitat aus einer Kindersendung gewesen:

Bob the Builder: "Can we fix it?"

Chor: "Yes we can!"

Ist aber nur meine unmaßgebliche Meinung.

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