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Ding und Dinglichkeit

Vom Kuhstall in die Mitklatschhölle: Das Dirndl

29. September 2009, 09:05 Uhr

Man kann es ja leider nicht übersehen, weil man auf allen Kanälen damit zugeschüttet wird, wobei es die angeblich überregionale Tageszeitung aus München auf ihrer Website am Dollsten treibt: Die schlimmsten Wiesn-Sünden, der Wiesn-Knigge, Typologie der Wiesn-Zelte, Wiesn von A-Z, After-Wiesn-Locations, Promis auf der Wiesn, die schönsten Wadln auf der Wiesn, und alles das als mindestens zwanzigteilige Klickfalle. Und natürlich die schönsten Dirndl, als Bildstrecke in, richtig, zwanzig Teilen. Das Adjektiv, das all das entschuldigen soll, lautet zünftig.

Aber wo kommt es her, das Dirndl? Es entstammt der bäuerlichen Arbeitsbekleidung, und als solches soll es immer wieder naturzugewandte Einfachheit und die Nähe zu Kuh und Alm demonstrieren, ganz ähnlich wie die Schäfertrachten im 18. Jahrhundert. Aber dort auf dem Land sind die Trachten nicht entstanden, denn die Bauern kopierten oft mit ihren Mitteln höfische oder städtische Kleidung, eigneten sich die Mode der Städter an und machten sie zu dem, was heute als Volkstracht bekannt ist und was eigentlich so etwas ist wie eine Momentaufnahme des Kleidungsverhaltens einer bäuerlichen Gemeinschaft irgendwann im 19. Jahrhundert. Denn Tracht ist nicht nur ein regionales Phänomen, es ist auch zeitliches und eins des Standes und der gesellschaftlichen Stellung. Und nicht nur in der Stadt, auch auf dem Land gab es Modeströmungen, auch wenn sie viel langsamer und abgeschwächter vonstatten gingen. Es ist also alles nicht so einfach.

Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts förderte die bayerische Obrigkeit das Tragen von Tracht, um das Nationalgefühl der Untertanen zu stärken – die Debatte einer Nationaltracht ist aber keine rein bayerische oder süddeutsche, sondern nahezu in ganz Europa zu finden. Das erste Münchner Oktoberfest im Jahre 1810 fand anlässlich der Hochzeit von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese statt, damals war die Veranstaltung noch eine Mischung aus Pferderennen und Olympiade – der Antikenbegeisterung des Kronprinzen geschuldet. Auch damals schon wurde ein Umzug mit Kinder-Trachtengruppen für das Kronprinzenpaar organisiert, und zwar durch einen Verwaltungsjuristen namens Felix Joseph Lipowsky, der sich auch als Herausgeber einer Grafikreihe mit Abbildungen von Landestrachten hervortat. Was authentisch war, bestimmte er: Möglichst ländlich, möglichst althergebracht. So sollte sich das Volk im Kostüme vereint fühlen, und der Regent gab sich in Tracht gekleidet volksnah. Der zweite Oktoberfest-Trachtenumzug kam erst 1835 dazu, nun auch mit erwachsenen Trachtenträgern, der dritte 1895, und erst seit 1950 ist er obligater Bestandteil des Festes.

Wo bleibt das Dirndl? Beginnen wir mit einer Definition: Das Dirndl ist ein Mädchen oder eine Magd, die dem Dirndlgewand ihren Namen lieh – und zwar ungefähr im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, vorher sprach man vom Heugwand, was auf eine Arbeitskleidung hinweist. Dieses Dirndlgewand ist ein Kleid, eng geschnitten, mit angesetztem Rock und einer Schürze dazu. Der Ausschnitt kann weit sein, wie heutzutage im Festzelt oft demonstriert wird, aber auch ganz hochgeschlossen. Unter dem ärmellosen oder kurzärmeligen Kleid trägt man eine Bluse, es gibt aber auch Winterdirndl mit langen Ärmeln. Der Stoff ist üblicherweise Baumwolle, Leinen oder Wolle. Das Verbreitungsgebiet ist unscharf, aber ungefähr der Münchner Raum, teilweise nach Süden hin ausfransend. 

Und jetzt kommen die Touristen: Nach der Adaption städtischer Moden durch die Bauern im 18. Jahrhundert schwappte das einfache Arbeitskleidchen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schließlich wieder zurück in die Städte, denn hier wurden gerade fröhlich Alpenvereine gegründet. Man pflegte sich als Alpintourist gern mit romantischen Insignien der Heimatliebe zu umgeben. Aber diese Bestrebungen hatten nicht nur die Städter, denn auch auf dem Land erkannte man zunehmend das Potential der Trachten, nicht nur für den Tourismus, aber auch. Und natürlich gründete man sofort auch Vereine, die man Gebirgstrachten-Erhaltungsvereine nannte. Die Tracht wurde zum Festtagsgewand für Dörfler, und das Dirndl zum Standardgewand der Sommerfrischlerin, besonders die Miesbacher Tracht wirkte dabei stilbildend, und trat von München und Salzburg aus einen Siegeszug durch die bürgerlichen Schneidereien an. Und was die Mode erst einmal in den Klauen hat, das verwurstet sie bis zur Unkenntlichkeit: Details der überlieferten Volkstracht werden als Versatzstücke behandelt und zu einem Gewand arrangiert, das vage volkstümelnd Traditionsverbundenheit signalisiert. 

Seinen endgültigen, deutschlandweiten Durchbruch erlebt das Dirndl mit der Operette "Im Weißen Rössl am Wolfgangssee", uraufgeführt 1930 im alpenfernen Berlin. Kurz erlebt die Tracht eine Blüte, etwa bei den Salzburger Festspielen mit dem Henndorfer Dirndl, in dem sich die Prominenz in der ersten Reihe angetrachtelt zeigt, danach wird es finster. Denn dann beginnt die Suche nach der urdeutschen Urtracht, bei der regionale Farb- und Formenvielfalt eher unerwünscht ist – gelenkte Kulturpflege war das Stichwort im Nationalsozialismus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wühlte man sich tief in die Volkskunde, authentisch sollte es sein, gleichzeitig entstanden in den Fünfziger Jahren Heimatfilme am laufenden Band, die die Sommerfrischler-Tracht wieder populär machten. In der Verfilmung mit Johannes Heesters ist auch das Weiße Rössl am Start. Und so fährt die Dame von Welt wieder im alpinen Look in die Berge, knöpft Blusen halshoch zu, schnürt Dirndlmieder und bindet Schürzenschleifen.

Aber in den Folgejahren setzt etwas ein, was ich als Carolinreiberisierung des Dirndls bezeichnen möchte: Die Degradierung des Dirndls zum Rüschenkitsch in Softeisfarben. Die ältere Dame wählt eine Variante mit mehr Pluster und Rüschen, die sich gnädig über Halsfalten legen, die jüngere ein Glitzerkleidchen irgendwo zwischen Zirkusreiterin und Holiday on Ice.

Aus der zeitlosen Tracht, dem konservierten Gewand, ist endgültig ein Modeartikel geworden, wie auch aus der Volksmusik im Fernsehen die volkstümliche Musik gerann: Mit einigen historischen Versatzstücken operierend, dem Zeitgeist folgend, sich modern gebend, aber Tradition ausstrahlen wollend. Man kann nicht alles haben, deshalb geht das so gnadenlos schief. Und das, was Trachten schön macht, die Einfachheit, die strenge Eleganz mit gezielt eingesetzter Opulenz in den Details, die fehlt den Schleifenorgien im Fernsehen völlig.

Und nach dem Muff der Mitklatschsendungen wird nun eine neue Trachtengeneration durch die Festzelte geschwemmt, die alles ironisch sehen will. Der Stilbruch ist mittlerweile Normalität, man trägt Bergstiefel zum Minidirndl, Seppelhut zum Seidenmieder und immer wieder Polyester. Niemand ist gefeit vor solchen Entgleisungen, die kollektive Entstellungswelle ergreift Alt wie Jung, Einheimische wie Auswärtige. Besonders schlimm ist es immer dann, wenn Menschen ein an sich schon hoffnungsloses Kleidungsstück dadurch zu legitimieren versuchen, daß es witzig sei, was so etwas Ähnliches ist wie zünftig, nur allgemeiner. Aber müßte man über Witzigkeit nicht lachen können, und warum treiben mir Hüte in Form von Bierfässern höchstens Tränen der Scham in die Augen?

Noch gibt es alte Arbeitsdirndl aus vergangenen Jahrzehnten zu kaufen. Im Internet zu Spottpreisen, ebenso auf Flohmärkten in München und Umgebung für zehn, zwanzig Euro. Mit etwas Glück finden sich auch Winterdirndl aus Wollstoff, geknöpft oder gehakt, ohne Reißverschlüsse und mit dem charakteristischen Einstiegsschlitz unter der Schürze. Nicht mehr lange, klagte eine Flohmarktverkäuferin, die ausgesucht schöne Gebrauchtkleidung verkauft. Man müsse sich ranhalten. Und sowas kommt nicht mehr nach. Das gibt es nicht mehr. Was es gibt, sind die Billigausgaben aus Fernost, komplett für hundert Euro mit Bluse und Schürze. Die Designerdirndl aus Seide im vierstelligen Preisrahmen. Die Landhausmode, Leinensäcke mit Hirschhornknopf. 

Ich bleibe beim Gebrauchtdirndl. Wenn es nicht sexy genug sei, schlug eine andere Verkäuferin vor, könne ich es ja überm Knie kürzen. Ich werde mich hüten!

Veröffentlicht 29. September 2009, 09:05 von Andrea Diener
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Kommentare

P.Seudonym

29. September 2009, 09:41

Ach, es liest sich gut, dass Sie der Dirndlkreation mit über dem Knie endenden Rock abhold sind, denn in Fachkreisen wird's auch "N*ttndirnl" genannt.

Frau Waldwuff

29. September 2009, 10:48

Dirndl sind etwas Süddeutsches, die der gemeine Norddeutsche (oberhalb der Donau) mit Befremden betrachtet.

Meine Großmutter mütterlicherseits trug für ihre bäuerliche Arbeit stets eine dunkelblaue riesige Schürze zum Binden aus groben Stoff. Dies als Tracht zu bezeichnen, auf die Idee wäre sie nie gekommen. Das "Stück" ließ sich auskochen, hielt jahrelang, man konnte sich daran die Hände abwischen, Schweiß abtrocknen, einen Gartenstuhl für den Herrn Pfarrer sauber wischen, Kindergesichter sauber reiben (rubbelte immer, aber man hatte danach rote gesunde Wangen). Für die Küchenarbeiten hatte sie einen Kittel aus Baumwolle, die sie Kattun (vermutlich Cotton) nannte.

Till

29. September 2009, 11:01

Die GTEVL-er, eine Parallelwelt wie anderswo die Kameruner. Harmlos und hinter geschlossenen Mauern.

Viel bizarrer: Die Mittellalterquatschköpfe und andere Rollenspieler.

Savall

29. September 2009, 11:17

Ich hab ja heftige Akzeptanzprobleme bei Trachten im allgemeinen. Der Volkstümel-Wahn im Fernsehen hat das nun wirklich unaussprechlich kontaminiert. Der Gesichtsausdruck des kleinen Mädchens auf dem letzten Bild würde das ungefähr zum Ausdruck bringen. Und bei den marschierenden Blasmusikkapellen im "Weißen Rössl" muß ich sofort an "Triumph des Willens" denken, schloagts mi. Es ist ja ohnehin erstaunlich, wie ungebremst die UFA-Ästhetik nur mit ausgetauschtem Inhalt in der Nachkriegszeit aufschlug. Sowas wie Peter Lorres "Verlorenen" wollte keiner sehen. Wie auch immer. Daß die Trachten erst im 19. Jahrhundert enstanden waren ist soweit locus communis, aber es ist doch sehr interessant, mal die ganze Geschichte zu hören. Was mir noch auffällt ist die Konzentration auf bestimmte Regionen: Bayern, Schwarzwald, Spreewald. In den Vierlanden bei Hamburg soll es ja auch noch eine entsprechende Tradition geben. Aber ein gemeinsamer Nenner dafür ist schwer zu finden. Vielleicht alles Gebiete, die während der industriellen Revolution nicht so durcheinandergewirbelt wurden.  

muscat

29. September 2009, 11:50

Wenn man aus der Gegend kommt und ein traditionelles "Gewand" auf dem Oktoberfest trägt - warum nicht. Im Unterschied dazu sind die seltsam verkleideten Touristen zu sehen, die ich persönlich absolut unerträglich finde. Dabei ist es doch bis Karneval gar nicht mehr so lang hin! Und die Verkleidung gehört dort ebenso zum Programm wie das Trinken.

Stendhal

29. September 2009, 12:49

Mein Schwiegervater kam dereinst aus dem hohen Norden nach Göttingen! angereist, meiner Hochzeit beizuwohnen - Mit Jagdhut und Lederhosen. Die Familie rätselt noch heute, wo er die aufgetrieben hat. Jedenfalls war er sehr enttäuscht, weit und breit niemand Anderes in ähnlicher Kleidung oder gar im Dirndl anzutreffen. Ich vermute mal, daß ihn die Einheimischen für einen waschechten Süddeutschen hielten? Seitdem habe ich Verständnis für die Österreicher, die die noch so perfekt verkleideten Deutschen allüberall auf Anhieb erkennen.

Petz

29. September 2009, 12:58

Danke für die "Carolinreiberisierung des Dirndls"!!! Welch Wortspiel..! Bei mir zu Hause trägt man noch "Waschdirndl", also ganz simple Kleidungsstücke, mit denen man zur Not auch noch heuarbeiten kann... meist aus leichtem Baumwollstoff, das macht das Tragen im Sommer angenehmer.

Ich

29. September 2009, 13:30

Ein Kollege (mit niedriger Hemmschwelle) war mit seiner Frau vor zwei Jahren in Franken zu einer Feier eingeladen, mit dem Dresscode "In Lederhosen und Dirndl".

Zum Entsetzen der Festgesellschaft - welche im Landhausmodenschick schwelgte - kamen Er und seine Frau tatsächlich in Dirndl und Lederhosen.

Er im Dirndl, sie in Lederhosen.

Recht hat er.

Serena

29. September 2009, 13:36

Einfach leben und leben lassen. Haben wir denn wirklich keine anderen

Themen, vor allem jetzt? In Bälde werden wir uns darob an den Kopf greifen.

Diskutieren um jeden Preis sollte der Vergangenheit angehören.

Serena

29. September 2009, 14:09

Liebe, warum veröffentlichen Sie meine Gedanken nicht?

Sie könnten zum Nachdenken anregen, aber dann hätten Sie nichts mehr zu

schreiben. So plaudern Sie munter weiter, bis das Narrenschiff sinkt.

Reiterjunge

29. September 2009, 14:10

Gibt es ein Foto von Andrea Diener im Gebrauchtdirndl ?

Es muß nicht die geschürzte Variante sein.

Thomas Fuegner

29. September 2009, 14:17

http://www.Fuegner.de

Um das "zünftige" mal zu vermeiden, ..: KERNIGE Ansage, Frau Diener.

Ob Ballkleid, Tracht, Uniform - merkwürdig, dass darin Männer wie Frauen interessanter aussehen - vielleicht, weil man sich das Gesicht genauer anschaut?

Der Herr Fuegner

Alter Bolschewik

29. September 2009, 15:23

Ach, Serena, das Thema ist wahrscheinlich aktueller als Sie denken. Es geht schließlich bei derartigem "Brauchtum" darum, in einer krisenhaft als bedroht empfundenen Umwelt sich eine "Heimat" zu erfinden, einen Abwehrzauber gegen das Fremde. Insofern sind Trachten nichts anders als Stoff gewordene Ideologie, "nostalgia for an age that never existed", wie Jello Biafra einmal sang.

 

In Oberschwaben etwa, wo ich herkomme, gab es nie irgendwelches Trachtengedöns. Wenn es überhaupt eine "Tracht" gab, dann die von Frau Diener bereits besungene Kittelschürze. Aber natürlich gibt es auch dort inzwischen Trachtenvereine. Mein Geburtsort, eine kleine, häßliche Industriestadt, die, weil es dort Arbeit gab, nach dem zweiten Weltkrieg viele Flüchtlinge, unter anderem meine Großeltern, anzog, nennt seit 1954 einen Trachtenverein ihr eigen. Diesem geht es darum, wie es heißt "altes Brauchtum unserer Stadt zu erhalten und fortzuführen" - und sich natürlich von den "Rei'gschmeckte" abzugrenzen. Hervorgegangen ist dieser Trachtenverein aus der örtlichen Narrenzunft, die, wie so viele schwäbisch-allemannische Narrenzünfte, stolz auf eine Gründung zwischen Machtergreifung und Kriegsbeginn zurückblicken können.

peterausdemwald

29. September 2009, 15:51

http://www.hildennet.de

Mitklatschhölle? Wer´s nicht mag, soll nicht hingehen. Aber ganz viele und quer durch alle Teilnehmer des Klassenkampfes brauchen es offensichtlich so dringend, dass sie viel Geld ausgeben um verkleidet zu singen, zu klatschen und dabei in schöne Dekolletees zu gucken. Ich fehle da auch nur, weil ich zu geizig bin. Aber ganz viele werden ja auch eingeladen.

lustiger

29. September 2009, 16:38

es gibt aus den siebziger Jahren eine Aufsatz von Pier Paoslini, in welchem er - der in puncto Kleidung keinerlei Parodie ausließ - den Zusammenhang von Kleidung und Identität, Kleidung und Standesbewußtsein beschreibt. Wenn man mal in Oberbayern gewohnt hat, fällt einem auf, dass es dort diese Unterschiede manchmal noch gibt und dies heben sich das "modische Einerlei" wohltuend ab. "Jeans sind keine Kleidung, sondern eine Auffassung" sagte Klaus Hoffmann im "Werther" in einer Gartenlaube in Berlin. Schade, dass Kleidung in Deutschland so belanglos geworden ist. Vielen Dank für den schönen Beitrag !!!

sidewinderpeter

29. September 2009, 16:45

http://www.ithc.de

Liebe FAZ,

zwar gebe ich Ihnen Recht, damit, dass das Dirndl eine traditionelle Kleidung ist, und dass das, was die jungen Damen heutzutage auf dem Oktoberfest tragen in der Regel alles andere als ein Dirndl ist! ...man nennt das, was dort getragen wird, bestenfalls gemeinhin Landhausstil.

Allerdings fällt mir ein gewisser Neid, insbesondere in den ersten Absätzen des Artikels, auf, der wohl daraus resultiert, dass Ihre Zeitung im Gegensatz zu dem Pendant aus München leider kein weltbekanntes Ereignis in der Stadt hat, worüber sie berichten könnte. Anstatt solche Kritik zu üben, sollten Sie mal lieber konstruktiv an einem besseren Fest für die Mainmetropole arbeiten, das überregionale(vielleicht sogar internationale) Bedeutung erlangt.

Jeeves

29. September 2009, 17:12

"Gibt es ein Foto von Andrea Diener im Gebrauchtdirndl ?"

Da vielleicht: faz-community.faz.net/.../briefe-aus-stresa-iii-die-villa-bersani-im-hotel-du-parc.aspx

Ist sie's?

Don Nutella

29. September 2009, 17:28

"Trachten" als eine Art Modeerscheinung oder "Uniform" gab es überall. In meiner Gegend war es hauptsächlich eine "Ausgeuniform" bzw. das gute Gewand, dass sonntags zur Messe ausgeführt wurde. Mal abgesehen vom weiten Rock hatte die Damenkleidung allerdings nichts mit dem Dirndl zu tun.

Von meiner Urgroßmutter besitze ich noch die zur Tracht gehörende Samtstola, ein wunderschönes Stück in dunkelgrün, wahrscheinlich sogar handgewebt oder zumindest in einer Technik gefertigt, die so heute nicht mehr ausgeübt wird (um 1900 oder etwas später schätze ich). Schade, dass das Kleid nicht mehr erhalten ist. Es hätte mich durchaus interessiert, wie die vollständige Tracht mal aussah. Immerhin ein Stück Familiengeschichte.

Zum Thema Dirndl: Es gibt auch gaaaaanz schicke Teile aus Sari-Stoffen (Seide) in Bonbonfarben. Perfekt für die Mitklatschhölle und bestimmt total witzig. Wer's braucht...

Andrea Diener

29. September 2009, 17:55

P.Seudonym, bei den Schotten ist's ganz ähnlich :)

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Frau Waldwuff, den großmütterlichen Kittel hatte ich ja schonmal thematisiert:

faz-community.faz.net/.../grossmutters-arbeitskleidung-die-kittelschuerze.aspx

Aber es ist erst etwa fünfzig Jahre her, da trugen die kleinen Jungs auch hier noch Lederhosen. Aber hier war ja auch Stadt. Das ist etwas anderes.

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Till, gar nicht so bizarr. Aber vermutlich kenne ich nur zuviele. (Vielleicht schreib ich mal was über das angeklebte Elfenöhrchen.)

Andrea Diener

29. September 2009, 18:03

Savall, ich finde diese regionale Konzentration auch interessant. Es gab ja vielfach Anfang des 19. Jahrhunderts diese Ideen von der "Gotischen Tracht", zu bewundern auf den meisten CDF-Bildern, das war auch ein Versuch, eine Nationaltracht zu etablieren. Hier im Hessischen gibt es noch eine Menge Inseln, im Norden dann lange nichts, wenn man nicht gerade das Friesenhemd dazuzählt. Aber vermutlich muß man das dazuzählen.

.

Trachten haben mich auch lange abgeschreckt, ich bin ja Musikantenstadl-traumatisiert seit frühester Jugend und fand diese seltsamen Janker, die meine Eltern im Urlaub überstreiften, eher scheußlich. Aber mit meiner Begeisterung für Kostümgeschichte kam auch irgendwann das Verständnis für Trachten dazu, weil da viele Formen, die sonst längst ausgestorben sind, die Zeiten überdauern. (Die Begeisterung teile ich übrigens mit Miuccia Prada. Seither macht es mir großen Spaß, die Pradaschicksen in den Städten zu beobachten.)

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muscat, das Stichwort Karneval ist gar nicht so weit hergeholt: Ausnahmezustand in seltsamer Verkleidung.

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Stendhal: Immerhin hat er sich bemüht, den Leuten im Süden Respekt zu erweisen. Ähem.

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Andrea Diener

29. September 2009, 18:18

Petz, genau, das Waschdirndl. Das ist mir das liebste. Darin kann man sogar Federball spielen.

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Herr Fügner, so ein Dirndl ist ebenso körperbetont wie die Uniform. Und zwar vorteilhaft körperbetont.

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Alter Bolschewik, beim Oktoberfest eines hiesigen Vereins sorgen die Egerländer Vertiebenen für das Trachtenflair. Nicht, daß da irgendetwas zusammenpaßt. Hauptsache bunt und die Weißwurst stimmt.

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lustiger, ich habe die Theorie, daß Kleidung in Deutschland nie größer von Belang war. Zumindest ist es eine ziemlich ehrgeizlose Angelegenheit, die nicht ernst genommen wird und wenn, dann aus den falschen Gründen (Marken, Geld etc). (Übrigens besitze ich keine Jeans.)

khaproperty

29. September 2009, 18:43

http://khaproperty

Wo bleibt hier der emazipatorische Ansatz!? Wo bleibt die Lederhose als Zierde aller maßgeblichen Männlichkeit? Jesses, Maria und Josef.

Devin08

29. September 2009, 19:02

http://www.herold-binsack.eu

Nicht gerechter, aber wenigstens schöner

@Diener: Die Schotten tragen aber keine Unterhose drunter, und es sind die Männer die das „Dirndl“ tragen, naja, das Unterteil davon. Im Übrigen ist es wirklich Geschmackssache, wer was tragen sollte oder darf. Aber Geschmack haben, das muss man lernen. Ich komme aus Unterfranken und musste als Bub immer eine kurze Lederhose tragen. Ich werde mich hüten, so etwas noch mal anzuziehen. Abgesehen davon, denke ich aber, dass Trachtenkleidung eigentlich nur Kindern steht (aber man sollte sie nicht zwingen dazu!). Aber die können ehe anziehen was sie wollen, die sehen immer gut drin aus, denn eben nur Kinder sehen vorbehaltlos gut aus, können fast alles und vor allem fast alle Farben tragen. Der Rest sollte sich bemühen etwas zu anzuziehen, das zu ihm passt, ihn nicht verunstaltet, seine Hässlichkeit nicht all zu sehr hervorkehrt. Farben, Farbenlehre, das wäre es, was die Leute begreifen sollten, dann wäre die Welt wohl nicht gerechter, aber wenigstens schöner.

Morrissey

29. September 2009, 20:30

Wie jedes Jahr bekommen halt Regionen wie das Rheinland zu Karneval oder München zum Oktoberfest das übliche neidische Wadenbeißen von der FAZ zu spühren.

Wenn es wenigstens halbwegs gut recherchiert wäre....

Mei, wenn's Spass macht.

Tiroler

29. September 2009, 20:37

waren Sie schon mal auf einer Hochzeit in Südtirol, Meran, Österreich, Schweiz oder im Süddeutschen Raum (Allgäu, Oberbayern, Oberschwaben)? Schon mal was vom Festtagsdirndl gehört? Ein Drindl taugt sogar als Hochzeitskleid!

Oder schon mal auf dem Kocherlball im Engl. Garten gewesen?

Fahren Sie doch mal in oben genannten Regionen übers Land oder gehen in die Kirche: Nur wegen dem Verbreitungsgebiet München.

Hiwwelhubber

29. September 2009, 20:55

... im mal wieder desaströs verspäteren Zug von Berlin nach Frankfurt las ich gerade aus lauter Verzweiflung das ausliegende DB-Magazin - und darin gab's den Artitel über eine Tusse, die das Punk Dirndl erfunden hat... leider hab ich den Namen vergessen.

Aber vielleicht kommt hier einer drauf oder hat das Schmierenheft zur Hand?

Schalkt der HH.

Sepp Ganger

29. September 2009, 21:31

Vor drei Jahren nach London gezogen, hatte ich vor einigen Wochen eine geschäftliche Besprechung der sehr skurrilen Art:

Meine Chefin (geboren in Bath) und eine externe Beraterin (aus Bournemouth) fingen nach den üblichen Fragen, woher ich denn eigentlich stamme (Bayern, in München geboren, aber noch nie auf dem Oktoberfst gewesen) eine angeregte und äusserst fachkundige Diskussion darüber an, welches Zelt auf dem Oktoberfest denn das beste sei.

Dann schwärmten sie sich beide von ihren Dirndln vor, um mir schließlich zum Schluss noch zu erklären, mit welchen Anschaffungen sie demnächst selbiges zu perfektioniern gedächten.

Das alles natürlich auf englisch, in London, im Meeting. Mit leuchtenden Augen.

Mir blieb wieder mal nur übrig, denn lustigen Bayern zu spielen und zu lächeln...

Andrea Diener

30. September 2009, 00:20

sidewinderpeter & Morrissey, ich bin nicht "die FAZ". Ich bin dort nicht einmal angestellt und habe dort auch kein Büro. Das hat Nachteile, aber auch Vorteile. Sprechen Sie mich ruhig persönlich an, ich spreche schließlich auch persönlich zu Ihnen. Sie, Morrissey, könnten mir eventuell ein paar Hinweise geben, was genau in diesem Artikel schlecht recherchiert ist. Das interessiert sicherlich auch die Verfasser meiner Lektüre.

.

Tiroler, das Verbreitungsgebiet München bezog sich auf das Urdirndl im 19. Jahrhundert. Aber das ist in diesem Absatz nicht ganz deutlich, da haben Sie recht. Das Festtagsdirndl wiederum ist eine eher neue Erfindung, denn das schloß sich ursprünglich aus wie Gummistiefel und Abiball.

.

Hiwwelhubber, eine Frau Zwerenz produziert sowas und ist erreichbar unter www dirndlpunk de. Meinen Sie die? (Auf ihrer Seite schreibt sie, ihre Dirndl seien "frei von Gelerntem". Mei.)

Manni1000

30. September 2009, 01:56

@devin08: ich komme aus frankfurt und "durfte" eine kurze lederhose tragen. hatte immer viel spass mit/in ihr, leider bin ich aus ihr rausgewachsen, da konnte selbst omi nix mehr machen ;-((

letzte woche hat sich mein nachbar ueber den dress-code bei seiner arbeit aufgeregt. jetzt will er sich allen ernstes eine kurze lederhose zulegen, denn die ist (noch) nicht verpoent! aber wo kriegt man in arizona lederhosen her ?? vorletztes wochenende war ich auf einem der vielen auch hierzulande stattfindenden "oktoberfeste". die musi hod sche aufgspuid und die trachtengruppen hod recht ordenli danzt und zuenfti gschuapladlt, des wor fast wia dahoam! ebenso die bierpreise: 0,33 flasche paulaner 4,50$. -- gibts bei uns ueberhaupt so kleine flaschen, oder sind die nur fuer den export ??

Frau Waldwuff

30. September 2009, 08:18

Sehr geehrte Frau Diener,

vielen Dank für den Link.

Die Kittelschürze, oder die Schürze allgemein, worin trägt man sonst Kartoffeln, wenn man keinen Eimer oder Korb dabei hat, ist halt doch ein wichtiger und nützlicher Gebrauchsgegenstand (vielleicht ähnlich wie Ihr Gebrauchtdirndl). Und allesamt kleidsamer als die Schlabberjogginghose und das alte T-Shirt, darin würde sich jeder vor dem Pfarrer schämen, wenn der mal vorbei schaut. Im Gebrauchtdirndl oder auch in der Schürze erkennt jeder, dass man seine Pflicht tut ;-).

Einen schönen sonnigen Tag.

Till

30. September 2009, 09:00

Angeklebte Elfenöhrchen ? Das wäre spannend. Ich kam relativ früh mit Tolkien-Begeisterten in Kontakt, da ich auf meinem englischen Internat (ja, ich habe die Schulbank mit Evelyn Waugh geteilt - wenn auch mit 60 Jahren Zeitverschiebung...) Studierstube und Schlafraum mit Tollkühnen teilte.  Das ging schon damals nicht so recht an mich ran, ich finde den ganzen Mystik-Fantasy-Bereich eher befremdlich. Das schließt das Nibelungen-Original und die Wagnerschen Auswüchse durchaus ein. Und was irgendjemanden dazu bewegt, mittelalterliche Szenen nachzuspielen ?  Eine kalte, dunkle Zeit avant la lumière! Wo auch die wenigen Gutgestellten zahnlos hinter kalten Mauern zitterten, um mit Anfang 30 an Dysenterie oder Sepsis zu krepieren. Aber die gschaftigen Öko-Mamis, die mit hübsch angedirndelten Rupfenkleidchen bei uns im Gau Met und ähnlich Widerliches verhökern und ihren nach Maori-Art  tätowierten Mannen beim heldischen Schwertkampf zujubeln, wähnen sich auf der Höhe der Zeit. Peudohistorische Auswüchse geschichtsloser Menschen: Sicher nicht bösartig,  aber vielleicht doch ein klitzekleines bißchen bizarr ?

Alter Bolschewik

30. September 2009, 13:32

Ich war nur einmal auf dem Oktoberfest - in Austin, Texas. Das war sehr nett und sehr skurril: die Würstel gab's in Tortillas gewickelt und zur Musik von Herman the German habe selbst ich Polka getanzt - bei 32° im Schatten. So lob' ich mir Traditionsbewußtsein...

Andrea Diener

30. September 2009, 14:22

Till, diese seltsame Mittelaltersehnsucht hat eine lange Tradition. Aber da haben Sie recht, das verdient einmal einen eigenen Beitrag. Mal überlegen, an welchem Ding man das festmachen kann.

.

Frau Waldwuff, T-Shirt und Jogginghose haben ja eine Menge schöner und nützlicher Kleidungsstücke ersetzt: Hauskleid, Nachthemd, Bademantel. Man denke nur an das Negligé – Opfer der Schlabberkleidung. Bequem ersetzt schön, und das flächendeckend.

.

Bolschewik, da hätte ich auch Polka getanzt. Im Dirndl.

Savall

30. September 2009, 14:58

Hm, ich glaube ich muß mich als einer mit Mittelaltersehnsucht outen. Gerade um diese Jahreszeit geht es wieder los und hält dann immer bis Weihnachten an. Keine Ahnung, wo ich mir das eingefangen habe. Wahrscheinlich in der Kindheit mit den vielen Märchenbüchern und - filmen, die ja immer so ein Fantasia-Mittelalter kultivieren. Ich geh allerdings nicht auf Mittelalter-Märkte, das ist mir einfach zu billig und ich meine nicht die Preise. Es hat aber was mit den Trachten und leider auch mit dem Oktoberfest gemein. Ein Sehnsuchtsort, der nicht geographischer Natur ist und gern mal als Projektionsfläche für allerlei Phantasien dienen kann. Möglichst ohne Bezug zur zeitgenössischen Realität. Ich beschäftige mich auch durchaus sachlich mit der Epoche. Sagen wir auf der einen Seite Umberto Eco, auf der anderen Seite Carlrichard Brühl. Insofern geht Ihre im übrigen berechtigte Kritik ins Leere, Till. Es sind zwei unterschiedliche Baustellen. Man kann eine illuminierte Handschrift goutieren, ohne an den Geruch einer mittelalterlichen Stadt im Sommer zu denken. Fantasialand eben. Das passende Thema für eine allfällige Betrachtung, Andrea, wäre natürlich die Wachskerze. Ohne geht es nicht. Also: Kerze, Capella Antiqua Bambergensis und Name der Rose. So geht das. Vor allem wenn es draußen regnet und stürmt.  

Frau Waldwuff

30. September 2009, 16:22

Frau Diener,

ein Hauskleid habe ich leider nur während der Schwangerschaft und Stillzeit benutzt. Zu meiner Schande. Obwohl ich damit sehr zufrieden war, kleidsam, jederzeit ordentlich wenn es mal unerwartet an der Tür klingelte, etc.

Eigentlich ist es sich jeder selbst schuldig, nie im Schlabberlook herumzulaufen. Entweder man ist dem Anlass entsprechend gekleidet, Blaumann bei Bauarbeiten, Gartenschürze, Sonnenhut und durchaus auch Gummistiefel im Garten und Schürze beim Kochen, aber das Wissen darum ist verloren gegangen.

Vielen Dank, dass Sie das WIssen lebendig halten und hier im Blog immer wieder auffrischen.

bb

30. September 2009, 16:54

Liebe Frau Diener,

lese Ihre Blogs sonst gerne, aber heute ist mir der Text doch zu naja, unvollständig, daher der erstmalige Kommentar, naja gut, Sie haben den Preissnbonus. Tracht ist doch wirklich nicht auf den Münchner Raum beschränkt, Sie vergessen Österreich völlig, und zum Jammern besteht kein Anlass, von wegen es gäbe keine vernünftigen Dirndln mehr zu kaufen:

www.tostmann.at/index.php

Die Inhaberin setzt sich seit Jahrzehnten für traditionell schöne Trachten und gute Schneiderkunst ein, übrigens auch sonst eine interessante Frau.

Wunderschöne Sachen sind da im Laden zu bestaunen, habe einen feinen Samtspenzer von dort (geerbt von meiner Mutter), leider kein Dirndl, denn 4 geerbte aus dem Familienkreis sind sowieso mehr als ich tragen kann.

War in meiner Kindheit noch Alltagskleidung (kein Schulfoto ohne Mädl im Dirndl), sehr bequem, auch zum Bäumeklettern tauglich, zuletzt eher für Hochzeiten in Gebrauch, bis vor ein paar Jahren das Image der Tracht durch die FPÖ leider gelitten hat, man gerät in den Verdacht blauer Gesinnung.

Auch wenn diese dem Reisebegleiter begreiflicherweise aufstösst, vielleicht empfiehlt sich doch mal eine Tour durch die Wiener Trachtengeschäfte (es gibt noch 2-3 andere traditionelle)?

Liebe Grüsse,

bb

Hiwwelhubber

30. September 2009, 19:25

@ Frau Diener: Ja, genau diese Tusse war das (sorry aber in dem Fall MUSS ich auf dieses Wort zurückgreifen). Ist doch unglaublich, oder?

Frei nach dem Motto: Schlimmer gehts immer!

Till

30. September 2009, 19:31

Liebe(r) Savall, Sie haben natürlich recht. Man kann an allem das Edle oder das Niedere sehen. Ich hab's halt nicht so mit Mystik , Symbolik und Wachskerzen, lese lieber Philip Roth als Umberto Eco. Daß mir da etwas entgehen mag, will ich gar nicht ausschließen.

Andrea Diener

30. September 2009, 20:31

bb, der Absatz war etwas mißverständlich, das hat schon jemand anderes angekreidet: Im (groben) Münchner Raum entstand im 19. Jahrhundert sozusagen das Protodirndl – der Raum ist aber wirklich sehr unscharf. Wo es das vielleicht noch gab, ist, so meine Quelle, einigermaßen unerforscht. Daß es überall wunderschöne Trachten gibt, von Lettland bis in den Orient und eben auch in Österreich, bestreite ich natürlich nicht. Und in Wien möchte ich unbedingt mal zu Susanne Bisovsky, die das mit der Modernisierung sehr geschmackvoll angeht. Beim letzten Anlauf, nach Wien zu fahren, endete ich leider in der Leitplanke, daher ist das immer noch aufgeschoben. (Frau Tostmanns Dirndlbuch muß ich natürlich unbedingt vorher noch haben.)

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Savall, das ist vielleicht so eine Analog-Sehnsucht nach einem entschleunigten Leben ohne Strom. Das kann ich schon nachvollziehen. Ich war ein paarmal auf einem Schreibkurs mitten im Thüringer Wald, zwei Wochen ohne Internet, rundrum nur Bauern und Landschaft, Essen zum Niederknien und ein Kirchenkonzert als kultureller Höhepunkt. Da verschieben sich Sichtweisen. Welche Zeit man nun präferiert, ist vielleicht gar nicht so wichtig.

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Frau Waldwuff, ich muß gestehen, im Winter fällt es mir mitunter schwer, mich an freien Tagen aus dem Pyjama zu schälen. Ich bin ein großer Freund des Pyjamas.  Am liebsten aber hätte ich so einen Hausmantel mit Samtkappe, wie die Gelehrten im 18. Jahrhundert.

Don Ferrando

01. Oktober 2009, 08:18

Bei meinem diesjährigen Oktoberfestbesuch konnte ich feststellen, daß die 'Landhausmode' von den Ramschdirndl langsam verdrängt wird. Also vom Regen in die Traufe!

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Ich aber glaube nicht, daß die klassischen Dirndl bald nicht mehr zu finden sein werden. Da irrt Ihre Flohmarktverkäuferin.

Rund um Miesbach gibt es einige gute Dirndlschneiderein ( Weyarn Schliersee, Gmund{sic!}).

Bei Ihrem nächsten Besuch der Gegend machen Sie einfach eine kleine Rundfahrt statt zu den Konditoren, diesmal zur Schneiderin.

Frau Waldwuff

01. Oktober 2009, 09:20

Frau Diener,

so einen Hausmantel hätte ich auch gern, aber wenn ich mir vorstelle, dass ich dann auch eine Nacht- oder Morgenhaube tragen müsste, nicht um das Gesamtbild zu komplettieren, sondern einfach auch weil es so kalt wäre und damit die Ohren nicht frieren (lese zur Zeit eine Biographie über Josephine Bonaparte und friere eigentlich die ganze Zeit mit), entscheide ich mich doch lieber wieder für grauen Flanel, für den Aufenthalt außerhalb des Schlafzimmers. Quasi züchtig, um den Paketdienstzusteller nicht zu schocken.

Übrigens (leider beschränken sich meine Erffahrungen allerdings nur auf ein knappes Jahr) ist es im Hauskleid auch sehr gemütlich. Eine dicke Strumpfhose und ordentlich warme Hausschuhe gewähren genügend Bequemlichkeit.

lustiger

01. Oktober 2009, 21:42

Ich war vor ein paar Jahren in Italien und habe in Rom einen wunderschönen Laden gefunden, der hier am Prenzlauer Berg so exotisch wäre, dass man wahrscheinlich noch viel mehr Touristen hier zu sehen bekäme .. Man konnte dort als Herr einen Morgenmantel kaufen, auch in Gelb oder Rot, auch gelb-karierte Pyjamas, andere Morgenmäntel mit Samtkrägen ... Italien hat eben doch ein wenig mehr Lebenskultur im übertragenen Wortsinn und dort drückt Kleidung eben wirklich Lebensfreude, Eleganz, Zurückhaltung aber doch Aufmerksamkeit und wie das Essen oder die Fahrweise Kultur aus ...

Die Belanglosigkeit ist eben auch Mangel der Ausdruckfähigkeit - aber dazu mußte man gestern abend ja nur die Trikots der Bayern mit denen von Juventus vergleichen ... wir leben hier halt immer noch auf den Bäumen ...:-)  

Dirndlherz

02. Oktober 2009, 01:11

http://www.dirndl-lederhosen-trachtenmode.de

Super Bericht! Mein Kompliment...

elbsegler

02. Oktober 2009, 10:35

Die Italiener tragen Morgenmäntel mit Samtkrägen und gelb-karierte Pyjamas - so sie denn den Laden in Rom kennen den lustiger erwähnt. Ohne Frage kann man in den italienischen Großstädten mehr elegant gekleidete Männer und Frauen sehen als bei uns. Allerdings sind mir aus Besuchen in der "Provinz oder auch aus dem Straßenbild abseits der Innenstädte auch weit weniger elegante Erscheinungen in Erinnerung. Das schwirrt auch so manche Kittelschürze über die Straßen und die Männer waren auch nicht gerade alles Abbilder von Marcello Mastroiani. "Gefühlt" gibt es in Italien, wie auch in Frankreich, eine größere Zahl von Menschen, die mehr Wert auf ein betont elegantes Äußeres legen als bei uns. Dass die Menschen dort insgesamt so viel besser gekleidet sind als bei uns bezweifele ich.

Aber auch bei uns kann sich einiges ändern. Wer von denen, die hier die mangelnde Eleganz beklagen hat den einen Hausmantel mit Samtkragen? Kaufen kann man so etwas bei uns auch. An schicken Pyjamas herrscht nach meinen Erfahrungen auch kein Mangel. Man muss sie nur kaufen - und nicht den praktischen Frottee-Schlafanzug von TCM im Supermarkt.

BlackJack66

02. Oktober 2009, 12:38

http://schwarzmarkt.blog.de

Nun das Dirndl durchläuft halt auch Entwicklungen, genauso wie die persönliche Bewertung des Dirndls. Galt es mir doch in jungen Jahren als Inbegriff der Spießigkeit und des alten Muffs - ich konnte als 14jähriger nie verstehen wie meine Mutter sich für eins begeisterte und das als Bremerin! - so schaue ich heute gerne hin. Viel zu gerne manchmal! Ich denke man soll die Menschen machen lassen und eine große Auswahl auch von Promidirndl findet man hier und nur mit einem Klick! :) schwarzmarkt.blog.de/.../montag-tag-neben-sienna77-direkt-melander-berlin-wiesn-treffen-zufall-7068261

Alter Bolschewik

02. Oktober 2009, 14:13

Ha, heute gab's im Wirtschaftsteil der FAZ (ist in der online-Ausgabe allerdings nicht zu finden) einen großen Artikel über Dirndl und Dirndlhersteller - wenn der mal nicht von diesem Blog inspiriert ist.

Andrea Diener

02. Oktober 2009, 14:38

lustiger, ob die römische Fahrweise Kultur ausdrückt, wage ich nicht recht zu beurteilen. Ich saß die meiste Zeit mit geschlossenen Augen auf dem Beifahrersitz und hatte Angst um meine Kotflügel, während der fahrende Begleiter Blut und Wasser schwitzte. Falls Sie mit Kultur sowas wie Gladiatorenkämpfe meinen, dann stimmt es sicherlich.

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Black Jack, ich lernte das Dirndl auf dem Höhepunkt seiner Carolinreiberisierung kennen und fand es naturgemäß scheußlich. Ich habe allerdings eine Nachbarin, die mich später eines besseren belehrte und mir erklärte, was denn nun ein richtiges Dirndl auszeichnet und daß es mit den in den Volksmusiksendungen gezeigten Ungeheuerlichkeiten nicht viel gemeinsam hat. Ich bin also auch spätbekehrt.

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elbsegler, ich behaupte mal frech das Gegenteil: Es gibt in Italien eine signifikant höhere Zahl gutgekleideter Menschen als in Deutschland. Da es vermutlich nie eine Erhebung darüber geben wird, kann man sich nun streiten :)

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Bolschewik, danke für den Hinweis. Dann geh ich gleich noch eine kaufen.

bb

02. Oktober 2009, 14:39

Wow, die Arbeiten von Susanne Bisovsky sehen wirklich toll aus. Obwohl sie genau das multipliziert, was ich für verzichtbar halte, die (knalligen) Blümchenmuster und Stoffraffungen und vielen Stofflagen und etliches weglässt, was mir als geschichtlich sehr sinnvolle Innovation scheint, Bluse und Schürze, die beide die Verschmutzung des Kleides hintenanhalten (gut, heutzutage mit den Waschmaschinen ...) und das Kleid leicht variierbar machen. Je schlichter, desto eleganter habe ich immer gemeint, aber Frau Bisovsky bringt das ins Wanken.

Ihr Dirndl sieht auf dem Foto übrigens fein aus, schöner Farbton.

elbsegler

02. Oktober 2009, 15:40

@Andrea Diener

Eigentlich habe ich keine Lust mich zu streiten, schon gar nicht zu so einem schönen Thema wie dem Dirndl! Von mir aus gibt es in Italien relativ mehr gut gekleidete Menschen als in Deutschland. Wir sollten nur nicht ganz abheben und die auch dort in immer noch erschreckender Viel- und Mehrzahl anzutreffenden "Problemfälle" vergessen. Ansonsten: Mir gefallen Dirndl. Wie auch bei Süßspeisen sollte aber nicht zuviel "Zucker" dafür verwendet werden.

Savall

02. Oktober 2009, 16:43

Das dachte ich auch, Alter Bolschewik, als ich heute das Inhaltsverzeichnis überflog. Vollends zur Gewißheit wurde es mir, als ich im Feuilleton "Starre Reflexe" las, was man nur als Metakommentar zu "Stützen der Gesellschaft" lesen kann. Aber die Vermutung, daß sich die Redaktion aus dem Ideenfundus der Blogs bedient habe ich schon seit einiger Zeit. Ich hoffe nur, daß die Herausgeber daraus die richtigen Schlüsse ziehen. :-)

Man muß dem Dirndl-Autor, Jan Grossarth, zugute halten, daß er auch selbst recherchiert hat. Ich hätte mir nicht vorstellen können, daß der Dirndl-Markt mittlerweile bis ins Bergische Land und nach Ostwestfalen reicht. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Dirndl für 2800 Euro bei Lodenfrey. Meiomei.

Alter Bolschewik

03. Oktober 2009, 13:04

Savall, bei "Starre Reflexe" beschlich mich auch der Verdacht, daß der Text direkt auf Don Alphonso gemünzt ist. Der Dirndl-Artikel ist übrigens inzwischen online zugänglich:

www.faz.net/.../Doc~E593E4CCDF23341E0B931B2DBDCA7E369~ATpl~Ecommon~Scontent.html

perfekt!57

04. Oktober 2009, 19:30

Wir stimmen zu. Das Dirndl gehört nicht gekürzt.

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Sondern so gelassen, wie es ist. Also ruhig etwas länger. Das macht der Liebe und der Beziehung und dem Vertrauen und der Vertrautheit z. B. nichts. Bestimmt gar nichts.

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Bei uns z.B. auch nicht. Und darum schauen wir auch nicht nach der Länge oder Kürze oder den Knien der anderen (Frauen). Sondern nur nach uns selbst.

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Was heißt: Je länger das Dirndl, desto tiefer darf ER knien. Vor IHR, der Angebeteten, der Göttin, seiner Göttin, seiner Göttin ganz alleine, seinem Glück, seiner Erfüllung, seiner vollkomenen Erfüllung ganz alleine.

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Und darf sich dann langsam aufrichten, ganz langsam, wenn SIE es gestattet, gnädig, mit den Augen "ja "sagt, bis vielleicht "wenn Du versprichst, Dich auch weiterhin zu bewähren, für mich, für mich, für mich nur ganz alleine", dann und nur dann darf, soll er, aber nur dann. Und hält sie vorsichtig umfangen. Mit dem Oberkörper sich aufrichtend, sein Gesicht IHR ganz zugewandt, nur IHREN Blick suchend und haltend. Und seine Hände, für ihn in Brusthöhe, bewegen sich parallel mit nach oben, parallel zum Rest von ihm. Und zwar zwischen Dirndl und ihrer wunderbar durftig-warmen, vertrauten Haut müssen sie sein, diese parallelen Mithochgleiter. Da sind sie richtig. so sind sie richtig, genau da und nur da sollen, müssen sie sein, gehören sie hin in dem Moment, in der Bewegung. ...

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Natürlich weiß jede kluge Frau: Je länger das Dirndl, desto größer der Weg. Und um so schöner. Und desto größer Liebe und Vertrautheit und Freude. Auf dem gemeinsamen Weg. Nach oben. Und nach vorne. Und durchs ganze gemeinsame Leben.

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Kurze Dirndl tragen kluge Frauen also nicht. Nie nicht. Gerade nicht für dumme Männer. Denn mit dummen Männern geben kluge Frauen ... . Klar nicht.

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Aber kluge Frauen schauen auch nicht, was dumme Frauen machen, oder? Was also machen kluge Frauen im Dirndl? Besonders im überm Knie etwas längeren Dirndl?

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Na klar doch: Nur eines. Nur eines kommt in Frage. Kluge Frauen tanzen.

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Und ist keine Frage wie kluge Frauen im Dirndl tanzen, hingegeben nämlich und selbstvergessen, also glücklich. Vollkommenes Glück ist möglich. Und, ganz wichtig, beschützt und geborgen dabei und darin, womöglich sogar so:

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www.youtube.com/watch

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(Was Männer sind? Bestenfalls?  Statt Bierzeltsäufer?www.youtube.com/watch .  de.wikipedia.org/.../Janusz_Korczak "Obwohl er wusste, dass dies wahrscheinlich den Tod bedeutete, wollte Korczak die Kinder nicht im Stich lassen und bestand darauf mitzufahren.")

Florian

11. Mai 2011, 12:56

http://www.dirndlshop.org/

Auch von mir ein Kompliment an den Redakteur! Schöner Bericht!

Trackbacks

Nicht gerechter, aber wenigstens sch??ner

29. September 2009, 19:04

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