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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Ding und Dinglichkeit

Warten, drängeln, ignorieren: Der öffentliche Nahverkehr

08. Oktober 2009, 09:29 Uhr

Im Umgang mit den Dinglichkeiten des öffentlichen Nahverkehrs hat sich ein soziologischer Kodex entwickelt, der offenbar ständig im Fluss ist. Welche Kriterien das Verhalten der geschätzten Mitbürger beeinflussen, ist mir dabei immer weniger klar. Egoismus, Faulheit oder Hektik? Eine Mischung aus alldem? Was läßt Menschen jeglichen Common Sense vernachlässigen und unschöne Drängelsituationen herbeiführen, um für fünf Minuten den eigenen Hintern auf einem schmutzigen Sitz parken zu können? All das ist mir ein Rätsel.

Eins ist sicher: Der öffentliche Nahverkehr macht ganz offensichtlich aggressiv. Nicht nur die notorischen U-Bahn-Schläger, sondern alle, auch dich und mich. Es fängt mit den äußeren Gegebenheiten an und hört mit den mißgelaunten Fahrgästen noch lange nicht auf. Die Zumutung, die die tägliche Massenbeförderung darstellt, hat vermutlich den Siegeszug des iPod nicht unwesentlich beeinflußt, denn jedes halbwegs empfindsame Gemüt setzt sich dem nicht allzu schutzlos aus. Ein musikalisches Kissen zwischen dem Dreck, dem Lärm, dem Gedrängel und einem selbst hilft der Psyche ungemein.

Die Haupttätigkeit beim Benutzen des öffentlichen Nahverkehrs ist das Warten. Man wartet am Bahnsteig, dann wartet man in der Bahn oder im Bus, bis man angekommen ist. Nun könnte man denken, daß sich in den letzten dreißig Jahren eine Kultur des Wartens entwickelt haben könnte, aber dem ist nicht so. Man steht herum und starrt. Manche lesen, wenn sie länger warten oder fahren. In einigen Tiefbahnhöfen gibt es ein wenig Berieselung durch bunte Bilder, die an eine Leinwand projiziert werden, da starren auch einige hin. Es gilt entsetzlich viel tote Zeit zu überbrücken, die sich mitunter in unbekannte Längen ausdehnt, wenn einfach nichts passiert, weil die S-Bahn so zuverlässig ist wie Godot und die Bahnaufsicht sich hinsichtlich Verspätungen ähnlich auskunftsfreudig gibt wie der KGB, wenn man ihn zum Umgang mit regierungskritischen Journalisten befragt. Erst wird die Existenz des Problems negiert, dann folgt das große Schulterzucken und Ablehnung jeglicher Zuständigkeit.

Und Ungewißheit macht aggressiv. Besonders dann, wenn man das Frühstück auf halber Strecke abgebrochen und den Kaffee stehengelassen hat, um die Bahn noch zu erwischen, die nun nicht kommt. Das macht gleich noch aggressiver. Und wenn es kalt ist und regnet, ist es am schlimmsten. Wenn dann also tatsächlich ein Verkehrsmittel kommt, sind die meisten Fahrgäste schon nervlich erheblich vorbelastet und vergessen ihre gute Kinderstube. Die Kinderstube hat uns idealerweise gelehrt, daß aussteigende Fahrgäste Vorrang haben, so predigten unzählige Mütter, Tanten und Großmütter stets mit erhobenem Zeigefinger. Exakt diese Mütter, Tanten und Großmütter haben das in den letzten zehn Jahren irgendwann vergessen und pochen nun auf ihr eigenes Recht auf Vorrang, das immer gilt, egal ob noch jemand aussteigen möchte oder vielleicht noch ein Kinderwagen in der Tür steht.

Meistens funktioniert das so: Die Tür geht auf, Fahrgäste steigen aus. Rechts und links der Türöffnung stehen die Fahrgäste, die einsteigen möchten, und hinter den beiden vordersten stehen weitere, eine ganze Traube. Hier beginnt sich nun ein Psychokrieg zu entwickeln, wer als erster neben den aussteigenden Fahrgästen in die Türöffnung drängt. Ein Krieg, den ich mangels Skrupel- und Rücksichtslosigkeit meist verliere, weshalb ich dann an der Türöffnung stehe, Fahrgäste aussteigen lasse und die Traube hinter mir zu murren beginnt, weil sie auf der Psychokriegverliererseite steht. Denn auf der anderen Seite ist nun ein Bann gebrochen: Der skrupel- und rücksichtslose Psychokriegsgewinnler drängt in die Bahn, und hinter ihm folgt die erleichterte Traube, die bereits vor unserer Seite einsteigen kann, um einen Sitzplatz zu ergattern. Manchmal verliert auch einer der hinteren Fahrgäste die Nerven, prescht nach vorn und drängt sich durch. 

Wie reagiert man auf solches Verhalten? Man könnte ja selbst anfangen, Skrupel und Rücksicht fallenzulassen und zu drängeln, aber dann kommt eine Spirale der Skrupel- und Rücksichtslosigkeit in Gang, die man nicht gefördert sehen will. Man kann auch mit ostentativer Höflichkeit reagieren, sich hinstellen, leicht verbeugen und "bitte nach Ihnen" sagen. Die Option, anderen den Vorrang zu geben, hat sich ja angesichts der Aggression im Nahverkehr völlig aus dem Möglichkeitenschatz der Fahrgäste verabschiedet. Die meisten sagen nicht: Bitte nach Ihnen, sie denken nur: Bitte vor Ihnen. Vielleicht, so hoffe ich immer, muß man sie nur daran erinnern, daß es auch anders geht, und sie durch Höflichkeit beschämen. Blöderweise lassen sie sich nicht beschämen, vermutlich denken sie nur, ich hab sie nicht mehr alle und sind froh, daß es Deppen gibt wie mich, die Psychokriege freiwillig verlieren, denn dann können sie umso schneller und leichter in die Bahn drängen und ihren Hintern parken.

Auch vor dem Einsatz von Waffen schrecken einige nicht zurück. Geeignet ist alles, was weh tut: Aktenkoffer, Trolleys, Fahrräder. Die landen in Kniekehlen, an Schienbeinen, auf Füßen und in Weichteilen. Gern werden Gepäckstücke aber auch dazu verwendet, um sich in überfüllten Bahnen ein wenig Privatsphäre zu verschaffen. Damit einem die Menschheit nicht allzu nahe kommt, werden Puffer aus freien Sitzen geschaffen, und damit die Sitze auch wirklich frei bleiben, plaziert man eine Tasche darauf, stöpselt sich die Ohren zu, schließt am besten noch die Augen oder vertieft sich in irgendwas und hofft, daß niemand so unverschämt ist, einen aus diesem Zustand völliger Weltvergessenheit aufzustören. Das Verhalten der Menschen im öffentlichen Nahverkehr gehorcht also einem Grundsatz: Bemühe dich, Mitmenschen so wenig wie möglich wahrzunehmen. Tu so, als wärst du allein hier. Kurz: Ignoriere das soziale Umfeld, es sind ja ohnehin alle asozial. 

Ich würde jetzt gern irgendwie positiv schließen. Ich würde gern Hoffnung machen, daß sich eines nicht allzufernen Tages die Erkenntnis durchsetzt, daß aggressive Ignoranz vielleicht nicht der Königsweg ist, mit sozialen Streßsituationen umzugehen. Ich habe da bloß leider wenig Hoffnung, denn solange die Menschheit nicht in der Lage ist, sich artgerecht zu halten, tendiert sie, wie alle Tierarten, zu Futterneid und Beißreflex. Und der öffentliche Nahverkehr ist sicherlich das, was einer Käfighaltung am nächsten kommt – ein A4-Blatt pro Henne, ein Stehplatz pro Arbeitnehmer. Die Nachteile sind die gleichen: Streß, keine Bewegungsfreiheit, erhöhte Seuchengefahr. Und so lernt man ausgerechnet beim S-Bahnfahren, wie dünn die Kruste der Zivilisation ist und wie wenig einen im Grunde von einer Legehenne unterscheidet. (Ich kann allerdings andeuten, daß ich den Verdacht habe, allmählich kapiert jetzt auch der Letzte, daß man auf Rolltreppen rechts steht und links geht. Das wäre ja schonmal was.)

Veröffentlicht 08. Oktober 2009, 09:29 von Andrea Diener
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Kommentare

Paulchen

08. Oktober 2009, 09:55

Geehrte Frau Diener,

meines Mitgefühl`s dürfen Sie sicher sein. Dieses Phänomen welches

Sie beschreiben zieht sich aber leider schon seit Generationen durch

den Personenvehrkehr. Selbst in den ausgehenden 20 - zigern und

in den 30 - zigern im letzten Jahrhundert war solches Verhalten zu

beobachten.

Das Einzige was in diesen Situationen hilft ist eine oder besser zwei

Stationen eher auszusteigen und zu laufen, meine Grossmutter

pflegte diese Art sich in der Stadt zu bewegen.

Es kann einem persönlich helfen, besser und ruhiger ans Ziel zu gelangen.

Herzlichst P.

tberger

08. Oktober 2009, 10:13

Die Drängelei ist meiner Ansicht nach noch nicht einmal das ärgste. Dem kann man mit ein bißchen Übung entgehen. Am schlimmsten finde ich die widerliche Unsitte, über den Lautsprecher des Mobiltelefons Musik zu hören. Dem können Sie, im Gegensatz zur Drängelei, überhaupt nicht entgehen.

Und daß man in Deutschland lernt, Rolltreppen vernünftig zu benutzen, halte ich für völlig illusorisch.

Andrea Diener

08. Oktober 2009, 10:14

Paulchen, das mache ich auch immer. Wenn ich in die Stadt will, geht es an der Taunusanlage raus, dann durch den Park und entweder durch die Freßgass oder durch die Goethestraße, reiche Leute gucken. – Allerdings kann ich mich erinnern, daß das mit der Drängelei erst vor etwa fünf Jahren so richtig eingerissen ist.

Radlafari

08. Oktober 2009, 10:22

Wie Recht Sie haben.

Es fehlte nur die Erwähnung der Multiplikation all dieser Unsitten, sobald diese Menschen hinter einem Autosteuer sitzen.

Die Verhaltensmuster sind nämlich die gleichen, das Warten auf den Bus im Regen findet irgendwie in der Form der Parkplatzsuche oder Eis-Abkratzens im Winter bei laufendem Motor auch statt, nur die Aggressionen verlagern sich auf die Straße, auf den Außenraum, nach "draußen".

Das geht für den Autofahrer oft gut, aber immer zu Lasten derjenigen, die die Straßen unmotorisiert benutzen müssen oder wollen, also der Fußgeher oder Radfahrer. Letzteres aber sind wir schon so gewohnt - wir registrieren es gar nicht mehr.

Andrea Diener

08. Oktober 2009, 10:40

tberger, das mit der Händimusik sind Jugendliche, die haben immer gern Unsitten an sich. Leise waren wir früher auch nicht, insofern sehe ich darüber eher hinweg als wenn eine gestandene Person, die es eigentlich besser wissen müßte, sich asozial verhält. Und ihr Verhalten auch nicht ändert, wenn man sie freundlich darum bittet – etwa diese renitente Rentnerin, die einem Begleiter einmal mit dem Fahrrad über den Fuß fuhr, als er aussteigen wollte und sich weigerte, sich zu entschuldigen. Sie bestand darauf, daß er ihr hätte ausweichen müssen. Sowas macht mich rasend.

.

Radlafari, ich vermeide es wohlweißlich, in der Innenstadt Auto zu fahren. Mir reichen die ewigen Audidrängler auf der Autobahn, die die linke Spur gepachtet haben. Im Umland, wo ich unterwegs bin, geht es recht gemütlich zu.

Damenwahl

08. Oktober 2009, 10:45

Es gibt aber auch Lichtblicke: irgendwann saßen in der U-Bahn mir gegenüber einige Jugendliche von der eher pöbelhaften Sorte, schief sitzende Baseball-Caps, laute Musik aus Kopfhörern und, nun, kein astreines Gymnasiasten Hochdeutsch. Eine ältere Dame stieg zu, etwas gebrechlich, und noch bevor ich aufstehen konnte, hatte ihr einer der Bengels seinen Platz angeboten. Das war schön.

unellen

08. Oktober 2009, 10:48

In Berlin brüllen die Aussteigenden wenn gleichzeitig schon andere Leute reindrängeln in typischem schnippischen Berlinerisch "Erst aussteigen lassen!". Ich habe auch schon manche resolute ältere Dame gesehen, die sich beim Aussteigen von den Reinströmenden bedrängelt fühlte und mit gezielten Schulterstößen ihren Platz eingefordert hat ;-)

Beim Musikhören über die Lautsprecher des Handys hat eine Freundin von mir eine andere, sehr erfolgreiche Strategie entwickelt: sie fängt dann einfach laut an zu singen. Führt in fast allen Fällen dazu dass er Lautsprecher-Höhrer rot anläuft und seinen Krach ausschaltet.

Don Nutella

08. Oktober 2009, 10:53

Tja, da können wir alle etwas von den Briten lernen. Die mögen zwar vielleicht auch nicht mehr so ganz in Reih und Glied Schlange stehen, wenn sie auf den Bus warten, aber zumindest kann ich behaupten, dort noch nie angerempelt worden zu sein, egal zu welcher Zeit und egal mit welchem öffentlichen Verkehrsmittel ich unterwegs war.

Dafür wird man dort auf Zebrastreifen umgefahren, wenn man seine Füße nicht schnell genug von der Straße auf den Bürgersteig bewegt. Das Paradies auf Erden muss halt noch erfunden werden.

Doctor Snuggles

08. Oktober 2009, 10:56

Frau Diener, wie wahr. Besonders schön finde ich es, wenn schwangere Frauen ignoriert werden oder kleine Kinder. Dieses "hauptsache ich" geht mir schon ziemlich auf die Nerven, mehr noch als das kaputte Deutsch, mit dem sich viele Jugendliche lautstark am Handy austauschen.

ochja

08. Oktober 2009, 10:56

Och ja, wenn ich mit dem Auto über die Autobahn ganz entspannt in die Arbeit fahre, sehe ich überhaupt keine Drängler, und keine aggressiven Mit-Autofahrer. Alles ganz friedlich. Öffentlicher Nahverkehr ist dagegen Wildwest.

Andrea Diener

08. Oktober 2009, 11:09

Damenwahl, das kenn ich: Als ich mal, ähnlich wie von unellen beschrieben, eine besonders unverschämt drängelnde Rotte bat, doch ein bißchen mehr Zivilisiertheit walten zu lassen, bekam ich Rückendeckung ausgerechnet von einer Gruppe Jugendlicher mit Migrationshintergrund: "Aber escht. Ährlisch." Rücksicht geht quer durch die Einkommens- und Gesellschaftsschichten und ist Menschen nicht auf den ersten Blick anzusehen.

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Don Nutella, so hat jede Nation ihre Tugenden und Marotten. Ich finde das ja faszinierend, wie sich landesübergreifend ein bestimmter Umgang mit international identischen Gegebenheiten durchsetzt. Nicht daß ich an sowas wie Nationalcharakter glauben würde.

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Doctor Snuggles, kaputtes Deutsch finde ich oft auch faszinierend. Wenn man genau hinhört, merkt man bei vielen, daß sie ihre "Ey Alda"-Floskeln an völlig korrekte Sätze anhängen. Wie letztens im Park aufgeschnappt: "Das ist nicht unüblich, Alda."

.

ochja, deshalb fahre ich immer Landstraße :)

BlackJack66

08. Oktober 2009, 11:13

http://schwarzmarkt.blog.de/

Ach werte Frau Diener, Sie haben vergessen zu erwähnen, dass die Leute zusätzlich Angst haben zu tief in den Nahverkehrsraum vorzudringen. Man hält ishc bevorzugt in der Menschentraube an der Tür auf. In der Mitte jeglicher S-Bahn fände jeder noch bequem eine Stehplatz, der größer ist als das A4 Legehennenplatzerl. Warum ist das eigentlich so?

Ich finde das S-Bahn fahren immer wieder spannend und nicht nur weil man befürchten muss Opfer zu werden, sondern durchaus soziologisch spannend. Hier ist Feldforschung am lebenden Objekt billig und realitätsnah durchführbar. Wer hat denn je behauptet, dass die Zivilisation uns nicht nur oberflächlich verändert hat. Sagte nicht W Busch weiland schon: Das wir streng genommen immer noch die gleichen Affen sind? Oder war das jemand anderes?

Andrea Diener

08. Oktober 2009, 11:40

Black Jack, Sie meinen Erich Kästner, oder?

www.sternenfall.de/Kaestner--Die_Entwicklung_der_Menschheit.html

Der hat das seinerzeit besonders hübsch in Verse gegossen, und bis auf die Rohrpost ist das auch noch alles aktuell.

Moritz

08. Oktober 2009, 11:41

Ein schöner Artikel zum Thema. Ich versuche den ÖPNV soweit es geht zu meiden, ist leider bei einer Reisetätigkeit nicht wirklich möglich.

Letztendlich ergebe ich mich dann in mein Schicksal, erwische mich aber oft bei depressiven Gedanken. Heute morgen in Düsseldorf in der Strassenbahn haben sich 2 junge Frauen über Hausaufgaben unterhalten, wußten aber offenbar nicht genau welche Sprache sie da gerade lernen - die eine mußte maulend aufstehen, weil ein nach Urin riechender Opa mit Gehbehinderung auf ihrem Platz sitzen wollte. Ich schwanke dann immer zwischen "du mußt Verständnis haben, hat es nicht jeder so gut wie du" und "Gleich raste ich aus".

Wie sagte Harald Schmidt so schön - Toleranz ist die Mischung aus Ekel, Verachtung und Mitleid, also entscheide ich mich, tolerant zu sein, während der Rhein grau an mir und meinem Ipod vorüberzieht.

Gruss Moritz

Jeeves

08. Oktober 2009, 11:43

"...daß ich den Verdacht habe, allmählich kapiert jetzt auch der Letzte, daß man auf Rolltreppen rechts steht und links geht. Das wäre ja schonmal was."

Nunja, ich bin da (leidgeprüft und) nicht so optimistisch. Und noch einer ebenfalls:

"Jede Generation fängt immer neu an, nichts zu wissen" - Bedeutet das ... daß man von einer zyklischen Verblödung ausgehen muß, die von Generation zu Generation wiederkehrt? Dieter Hildebrandt: "Ich glaube ja".

Paulchen

08. Oktober 2009, 12:09

Geehrte Frau Diener,

die Zeit an welche ich mich erinnerte war damals in Berlin.

Und diese Stadt bleibt immer was sie war.

Herzlichst P.

elbsegler

08. Oktober 2009, 12:16

Der ÖPNV, eine Abkürzung, die schon so unangenehm klingt, wie diese Art des Personentransports sich dann auch anfühlt, hat eben nichts mit Reisen zu tun. Es ist reiner Transport. Der Mensch als Beförderungsfall. Auch wenn sich die Unternehmen mehr oder weniger mühen, so etwas wie Komfort zu bieten, bleibt es in den Hauptreisezeiten eine unappetitliche Angelegenheit. Es ist immer wieder erstaunlich, wie ungeniert uns manche Mitmenschen mit ihren Lebensäußerungen belästigen. Abgesehen vom notorischen Drängeln und Blockieren, der aufgedrängten "Musik" ist das ganze auch ein olfaktorisch höchst unangenehmes Erlebnis. Die Vorteile regelmäßigen Kleiderwechsels oder der Morgentoilette scheinen sich bei vielen dieser Beförderungsfälle noch nicht herumgesprochen zu haben. Nach einem herzhaften Schubser mit der Nase in einer imbissbudenerprobten Strickjacke zu landen, ist kein Erlebnis, was einem besondere Kraft für den jungen Tag verschafft. Der ÖPNV macht wohl auch unbewußt aggressiv, weil in vollen Bussen und Bahnen zwangsläufig jeder in die Intimzone des anderen einbricht. Den Mindestabstand unterschreiten zu müssen und dies auch von anderen hinnehmen zu müssen, ist einfach ein Problem. Und schließlich die paradoxe Situation, sich fortzubewegen in dem man die meiste Zeit wartet, angespannt herumsteht, wie Sie es so schön beschrieben haben.

Don Ferrando

08. Oktober 2009, 12:24

In meinem Englisch Schulbuch gab es in den Siebzigern noch Photographien von Bushaltestellen in London mit dem berühmten Queuing.

Als ich dieses Jahr das erste mal London besuchte, war ich total enttäuscht, daß davon heutzutage leider nicht mehr viel übrig geblieben ist !

sic transit gloria imperii!

Tschonni

08. Oktober 2009, 12:49

Erstmal wage ich zu behaupten, dass die Hühner die auf meinem Teller landen, ein besseres Leben hatten, als der Nutzer des ÖPNV im Rhein-Main-gebiet.

Davon abgesehen ists doch gerade schön ohne Ipod zu fahren, zumidenst Kurzstrecken. Denn nur da sieht man Menschen, die man so nie kennen lernen würde. Die man wahrscheinlich auch nicht kennen lernen wollte. So kam ich beispielsweise auf einer Fahrt von Darmstadt nach Frankfurt, mal in den Genuß einen Freigänger auf meinem Nachbarsitz zu haben, der 2 Damen die er zufällig traf erzählte dass er eine elektronische FUssfessel trägt. Privat will ich ihn nicht kennen , aber das ERegnis an sich fand sofort den Weg ins Notizbuch :)

Und das Phänomen, dass sich vor dem "alda" ganze Sätze verbergen, haben wir vor kurzem "Angewandte Straßenlinguistik für Akademiker" getauft.

Denn auch in meinem Freundeskreis kommen Sätze vor wie "Sag mal, hast du den neuen Max Goldt schon gelesen? Fabelhaft, ich kann dir aber erst nächste Woche geben, den habe ich gerade nem Homie ausgeliehen" Ohne dass auch nur einer von uns eine Hood hätte, oder in irgendeiner Szene ist. Und fragen wie "was geht?" oder "lass mal wiedern grillnchill machen" deklassieren uns verbal auch erstmal.

BlackJack66

08. Oktober 2009, 12:50

http://schwarzmarkt.blog.de/

Ja Sie haben recht Frau Diener, dieses Zitat meinte ich, warum ich es Busch zuschreiben wollte, kann ich wohl nur auf beginnende Verkalkung schieben?!

Aber vielleicht ist gesunde Halbbildung auch ein Zeichen unserer Zeit, kein dingliches zwar, aber trotzdem ein Zeichen.

Andrea Diener

08. Oktober 2009, 12:52

Moritz, ich arbeite an meinem Reichtum, um mir halbwegs oft ein Taxi leisten zu können. Gerade mit Gepäck, wenn ich doch mal wieder Zug fahre. Und gerade, wenn ich hier am Ort ankomme, wo es sehr häßliche, enge und stinkende Unterführungen gibt.

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Jeeves, zum Thema zyklische Verblödung: An der Frankfurter Uni im IG-Farben-Haus fahren noch Paternoster. In jedem Stockwerk befindet sich ein Nothalteknopf. Raten Sie mal, was jedes halbe Jahr zu Semesterbeginn, wenn die neuen, jungen Studenten ankommen, passiert? Alle paar Minuten Alarm, Nothalt, das ganze System bleibt stehen, weil wieder irgendein Naivchen den Knopf gedrückt hat, weil es nicht kapiert, daß es schon so agil sein muß, bei voller Fahrt in die Kabine zu springen.

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Elbsegler, meine letzten Reste eines Glaubens an die Menschheit habe ich schon früh verloren, und zwar dann, als ich diesen Job als Telefon-Umfragetante hatte. Da gab es unter anderem mal diese Umfrage zum Thema Aftershave und Deodorant bei Männern. Sie ahnen ja nicht.

elbsegler

08. Oktober 2009, 13:01

Liebe Frau Diener, zum Thema Aftershave und Deodorant bei Männern bleibt es häufig leider nicht beim Ahnen. Kein Thema für die Mittagspause.

Moritz

08. Oktober 2009, 13:13

Fahren Sie denn gerne Zug, Frau Diener? Im Zug sitzen immer Leute die hartgekochte Eier auspulen und essen....war auf jeden Fall früher so.

Ich bin generell kein Freund von öffentlichen Verkehrsmitteln, die unplanbaren Sozialkontakte sind nicht so meins. Flugzeug geht gerade so noch, zumal das Ambiente beim Einsteigen und Aussteigen im Sicherheitsbereich schon ein bisschen abgeschottet ist. Ich fahre gerne Auto, da habe ich meine Ruhe und es geht mir wirklich kein (Unbekannter) auf den Keks. Obwohl, ich habe mal einen im Zug getroffen, dessen Job es war Kinder zurück zu holen, die von einem Elternteil ins Ausland verschleppt worden sind - das waren spannende Stories.

Don Nutella

08. Oktober 2009, 13:19

Frau Diener, an einen Nationalcharakter glaube ich auch nicht, aber ich denke, dass das Umfeld seine Menschen genauso prägt wie umgekehrt. Sprich eine Person, die in GB aufwächst, lernt von klein auf durch das Vorbild anderer wie man sich in und um öffentliche Verkehrsmittel herum benimmt. Eine Person, die in D aufwächst lernt halt eben durch das Vorbild anderer wie man sich daneben benimmt.

Dafür haben wir andere Tugenden...

gewappnet

08. Oktober 2009, 13:21

Bei der Rollentreppenbenutzung der Deutschen gibt es überhaupt keine Fortschritte. Wirklich überall auf der Welt schaffen es die Menschen, die einfache Regel "rechts stehen, links gehen" einzuhalten, nur in Deutschland nicht. Was mag die Ursache sein? Nicht nur hält sich jung und alt nicht daran, sondern es wird sogar als exotisch oder gar unhöflich(!) angesehen, wenn jemand (auf der linken Seite) gehen will. Es muss einen tief sitzenden Irrglauben im deutschen Wesen geben, dass man auf Rolltreppen ausschließlich stehen darf. Hat das schon mal jemand wissenschaftlich erforscht?

Andrea Diener

08. Oktober 2009, 13:28

Don Ferrando, ich hatte auch so ein altes Englischbuch, wo brav gequeuet wurde. Und dann tun diese Engländer das einfach nicht, und nicht einmal einen Bowler tragen sie. Vermutlich kann man in Tokio auch S-Bahn fahren, ohne daß man von einem Menschendrücker mit weißen Handschuhen in den Wagen gedrückt wird. Überall wird man nur belogen und betrogen. Ein Skandal ist das!

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Tschonni, "guckst du hier" ist ja eine allgemein gebräuchliche  Wendung, die ihren Weg aus dem Soziolekt herausfand. Überhaupt finde ich mitgehörte Gespräche ja noch recht interessant. Bei Gerüchen oder Körperkontakt ist meine Grenze für unfreiwillige Sinneswahrnehmungen dann aber erreicht.

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Black Jack, gesunde Halbbildung ist Berufsvoraussetzung für Journalisten. Nur müssen die dann noch googeln können.

Doctor Snuggles

08. Oktober 2009, 13:33

Auch in Frankfurt sind Prügelfrauen unterwegs. Und wieder half niemand demjenigen, der helfen wollte. Was ich mich bei sowas frage: wenn ich einem angegriffenem Helfer helfen möchte, darf ich da eigentlich auch mal richtig auf die Angreifer losprügeln oder muss ich warten, bis die auf mich einschlagen, um mich dann mit Notwehr rechtfertigen zu können? In Deutschland sind ja die Täter häufig Opfer, daher meine Frage. Eigentlich wollte man nur helfen und wird dann wegen Körperverletzung angeklagt.

www.sueddeutsche.de/.../text

Andrea Diener

08. Oktober 2009, 13:50

Mit Prügelfrauen war ich auch mal konfrontiert. Es war nicht sonderlich spät, so halb zehn, und lauter Schaulustige im Wagen, die interessiert beobachteten, daß mich diese Damen offenbar gewaltsam am Aussteigen hindern wollten. Gerettet hat mich dann ein Grüppchen älterer Türken. Seitdem hab ich einen Hau weg und werde paranoid, wenn ich in eine Gegend komme, in der es zu wenig Türken gibt, die mich im Zweifelsfall retten könnten. Völlig irrational, aber sowas prägt.

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Moritz, daß ich gerne Zug fahre, wäre ein bißchen übertrieben. Ich nehme es so hin. Ich dulde. Ich bin vermutlich zuviel Zug und zuviel ÖPNV gefahren, weil ich noch nicht lange Führerschein habe, und irgendwann ging es mir so auf die Nerven, daß ich mir gesagt habe: Okay, jetzt gehst Du zur Fahrschule und meldest Dich an. Das sagt einiges.

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gewappnet, früher einmal gab es Schilder, auf denen stand: Rechts stehen, links gehen, die waren vorn an den Rolltreppen und erklärten dem Benutzer, wie er sich zu verhalten hat. Ich weiß nicht mehr, wann das abgeschafft wurde und warum. Gerade am Bahnhof, wo Menschen Züge erreichen müssen, sollte man es doch schaffen, Eilige hindurchzulassen. Aber nein.

Beobachter

08. Oktober 2009, 13:57

@ Don Nutella: Also mein Gefühl sagt mir, dass englische Jugendliche + Langeweile + ggf. Alkohol ähnlich konfliktträchtig sein können wie unsere Herrschaften. Googlen Sie mal...

@gewappnet: Daraus könnte man auch schließen, dass die Regel in Deutschland nicht gilt. Ich würde sogar die Existenz einer Regel bezweifeln, die weder niedergeschrieben ist, noch beachtet wird. Was Sie persönlich wollen (z.B. auch der Rolltreppe gehen) ist anderen womöglich unersichtlich. Aber fragen Sie doch einfach höflich, vielleicht werden Sie ja vorgelassen und gewinnen 2,3 Sek.

atomfried

08. Oktober 2009, 14:06

Nee nee... eher brennt die BVG...

Zu diesem Thema fällt mir sofort Rio Reisers "Mensch Meier" ein.

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Ich bin überzeugter Nutzer des ÖPNVs, obwohl ich gestehen muss, dass ich dabei eine der angenehmeren Strecken hier in Hamburg nutze. Aber an_ekdoten fehlt es mir auch hier nicht. Doch eines der unschönsten Erlebnisse hatte ich - jetzt kommts - in Berlin!! Dort meinte eine bebirkenstockte Mittdreissigerin mit ihrem Fussnagelknipser etwas unkontrolliert eben diese durchs Abteil zu schnipsen. Scheinbar hat es die umsitzenden Berliner nicht gestört, die scheinen einiges gewohnt zu sein.

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Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich einen Stöpsel meines MP3-Players

aus dem Ohr nehme, um den Dialogen der Umsitzenden zu folgen. Es ist wirklich interessant, manchmal auch unfassbar.

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Das mit den Rolltreppen ist wirklich nicht schön, schon gar nicht, wenn ganz clevere Mitmenschen vor Rolltreppen stehen bleiben.

anderl

08. Oktober 2009, 14:06

Dem elbsegler sei zugestimmt, auch den Gerüchen mancher Mitmenschen mag ich nicht mehr nähertreten. Und der Gedanke, wer da was zunächst an seine Finger und dann anschließend an Griffe, Sitze und Haltestangen geschmiert haben könnte, macht die Sache auch nicht besser. P

Doctor Snuggles

08. Oktober 2009, 14:16

Beobachter, gestern gab es mal wieder das Auslandsjournal und da wurde über jugendliche Mütter in England berichtet. Ich sah diese beiden 17jährigen Mädchen und mußte sofort an Vicky Pollard denken (wer die Serie "Little Britain" kennt, kennt auch Vicky). Solche Figuren gibt es überall und leider sind es gerade diese Figuren, die sich vermehren.

www.myvideo.de/.../Little_Britain_Vicky_Pollard_vor_Gericht

www.youtube.com/watch

Doctor Snuggles

08. Oktober 2009, 14:24

Zum Thema "Aftershave" habe ich noch diesen netten Text (eigentlich eine Produktempfehlung, aber dennoch nett geschrieben) gefunden: www.dooyoo.de/.../677087

atomfried

08. Oktober 2009, 14:26

Huch, also Doctor Snuggles, jetzt reden Sie ja wie Herr Sarrazin, das war jetzt gar nicht p.c.!

Beobachter

08. Oktober 2009, 14:27

@Doctor Snuggles: Kennen Sie "Idiocracy"? Es gibt anspruchsvollere Filme und auch durchaus ausgefeiltere Satiren, aber das Thema der ausgeprägten Fertilität bildungsferner Schichten wird da aufgegriffen. Manch einer mag behaupten, Vorboten der Idiokratie zeigen sich bereits. Early Signals?  

Doctor Snuggles

08. Oktober 2009, 14:31

Anderl, das fängt ja schon bei den Sitzplätzen an. Wenn ich mir angucke, was für verstrahlte und abgerissenen Figuren teilweise in den Bahnen sitzen, dann möchte ich gar nicht erst darüber nachdenken, was für verlauste Gestalten sich vielleicht gerade eben auf meinem Sitzplatz lümmelten. Bäh!

 

Was auch schön ist: das Bowling-Center. Schon mal dort mit den vorhandenen Kugeln gespielt und danach an den Fingern gerochen? Da weiß man sofort, ob vorherige Spieler Raucher waren oder sich mit Parfum einnebelten. So richtig ekelig wird es dann wenn man darüber nachdenkt, dass sich ja manche Leute nach dem Toilettenbesuch nicht die Finger waschen...

Stendhal

08. Oktober 2009, 14:32

Darf ich als Fußgänger eigentlich den Fahrradweg betreten? Die Radfahrer an der Kaiserstraße sausen und pampen einen an in einer Form, sie sind  nicht dieser Auffassung und ich frage mich, wie ich dann die Straße kreuzen soll.

O.K., vom Thema abgelenkt, aber auch wieder nicht, es ist eng, und jeder sieht nur seine eigene Richtung ... rein, raus oder rüber .. es geht ums Überleben.

swina

08. Oktober 2009, 14:51

paßt.

heute morgen bereits erhöhter streßpegel:

volle tram.

also fünfzehn/zwanzig minuten stehen.

bis zum umsteigen in einen der - nach revitalisierung eines teils des s-bahn-körpers - seit einigen tagen wieder etwas weniger crowdeten regionalzüge nach potsdam (hoffnung).

denkste puppe.

umsteigebahnsteig "schwarz vor menschen": ausfall einer oder mehrerer ersatzzüge.

(natürlich) erneutes stehen im dann-doch-endlich-eintreffenden-regio.

da

strategisch günstig eingestiegen spurtend in wannsee gerade noch die s-bahn bekommen (ersparte 20min warten im regen).

.

im büro nen großen kaffee ...

.

besteht das problem nicht darin, daß sich zuviele menschen zuwenig verkehrsfläche teilen müssen?

wäre etwas mehr platz, eine höhere frequenz unbezahlbar (zu teuer)?öffentliche (berliner) verkehrsmittel

empfinde ich als so ziemliche alle sinnesorgane beeinträchtigende transportmittel - nur per autismus (z.b. durch kopfkörer/ipod) oder abstumpfung oder aggressive durchbrüche überlebbar.

Ariadne

08. Oktober 2009, 15:03

A.D. Herrlich, vielen Dank.

Häufiges Beuntzen des ÖPNV härtet auch gegen so manche Widrigkeit ab. Ich bin nach einigen Jahren der Benutzung des Regionalexpresses mittlerweile wesentlich toleranter geworden. Man ist schließlich schon für kleine Dinge dankbar: halbwegs saubere Sitze, erträgliche Raumtemperatur (Warum stellt die DB die Klimaanlage eigentlich immer auf - 15 Grad ein?), Mitfahrer mit in Ansätzen vorhandenem Benehmen und DB-Mitarbeiter, die ab und an sogar freundlich sind.

Und man hat immer wieder etwas zu erzählen. Besonders faszinieren mich Mitreisende, die am Handy und in einer Lautstärke, dass es auch der gesamte Wagen mitbekommt - ihre Beziehungsprobleme diskutieren ("Nein, wir werden heute darüber sprechen. Wenn ich nach Hause komme. Du weißt doch, dass ich immer um neun  da bin. Nein heute. Morgen habe ich zu unserer Beziehung wieder eine andere Meinung. DU weißt nicht, was das Problem ist?! Genau. Darum müssen wir heute noch reden.").

Etwas anstrengend können allerdings die antiautoritär bzw. gar nicht erzogenen Kinder sein, die brüllend durch alle Wagen toben und über die Sitze turnen. Aber auch da übe ich mich mittlerweile in Geduld; spätestens nach einer halben Stunde werden die nämlich müde. Oder traktieren ihr Eltern (So wie der ca. 4jährige, der nach dem üblichen Getobe begann, seinen Vater recht ausdauernd mit einem Buch zu schlagen. Was die daneben sitzende Mutter lediglich zu folgender Reaktion veranlasste: "Jonas, das ist nicht lieb. Wir versuchen es jetzt mal mit Freundlichkeit." - Unbezahlbar.)  

@ atomfried. Ich lasse die Stöpsel drin und drehe nur den Ton ab. Ist unauffälliger.

Doctor Snuggles

08. Oktober 2009, 15:15

Atomfried, denken Sie: als handle ganz selten politisch korrekt und fühle mich trotzdem nicht wie Herr Sarrazin. Im übrigen: meine Frau ist selber Ausländerin und denkt an vielen Stellen noch wesentlich unkorrekter als ich.

 

Besucher, "Idiocracy" kenne ich nicht. Allerdings ist der Film von 2006 und da gab es bereits schon vorher genügend Diskussionen über die Verdummung der Zukunft. Selbst in Serien wie "Futurama", die schon deutlich älter ist, kommt sowas immer mal wieder vor.

BlackJack66

08. Oktober 2009, 15:27

http://schwarzmarkt.blog.de/

Na deswegen kann ich kein Journalist sein, ich versage schon beim googeln. Meine Aussage war eher Selbstkritik als Kritik an anderen! :))

unellen

08. Oktober 2009, 15:33

Oh ja, Gerüche in der S-Bahn vor allem im Sommer sind echt ein Graus. Und es gibt immer einen strickjackentragenden Rentner der selbst bei 35° im Schatten grantelnd das Fenster wieder zumacht...

Bei den Rolltreppen muss ich mich übrigens auch schuldig bekennen: Da ich in meiner Heimatstadt nie in öffentlichen Verkehrsmitteln Rolltreppen benutzt habe (einfach weils dort nur Busse gibt) stand ich dann in den Berliner Bahnhöfen anfangs auch öfters links. Die Leute, die keine S-Bahnen kennen fahren ja nur in Kaufhäusern Rolltreppe, und da scheint die "links gehen, rechts stehen" ja nicht zu gelten. Es ist also oft pure Unwissenheit gepaart mit allgemeiner Trantütigkeit, keine Böswilligkeit ;-)

Doctor Snuggles

08. Oktober 2009, 15:34

Ja, die Dummheit ist offensichtlich nicht ausrottbar. Und ins Meer treiben können wie die Leute auch nicht. Also bleibt nur weinen oder darüber lachen. Ich habe mit für letzteres entschieden.

 

Ich hatte schon mal (was es nicht sogar dieser Blog?) einen Link auf die netten "Schakkeline"-Sprüche eingestellt. Wer sie noch nicht kennt: www.blogschrift.biz/.../schakkeline-komm-wech-von-die-regale-du-arsch

(für alle Unkundigen: "Schakkeline" ist nichts anderes als "Jacqueline", nur eben so gesprochen, wie den Leuten das Maul gewachsen ist). Jedenfalls findet man auch diverse aufgeschnappte Gespräche aus dem öffentlichen Nahverkehr. Da sind teilweise echte Perlen dabei. Schön finde ich das hier aus dem zweiten Teil der Seiten:

 

Die S-Bahn steht abfahrbereit am Bahnsteig. Drei halbwüchsige Mädels rennen die Treppen zum Bahnsteig hoch und wollen in die Bahn einsteigen – aber die Türen sind bereits geschlossen und verriegelt. Großes Geschrei der drei in Richtung Lokführer, der gerade aus dem Fenster guckt und sich vergewissert, dass der Bahnsteig frei ist: “Ey, Hurensohn! Mach Tür auf!” Der Lokführer fährt los und ruft laut aus dem Fenster

“Lauft doch zu Fuß, ihr Schlampen!”

 

Berlin-Neukölln Hermannplatz. Zwei pupertäre Jungs mit bezirksüblichem “Migrationshintergrund” (so ein tolles Wort) schaffen es nicht mehr, aus der Ubahn auszusteigen. Die Tür schließt sich und einer der beiden tritt wütend dagegen: ”Ey Ubahn, Ich ficke deine Mutter!”

Till

08. Oktober 2009, 15:47

L'enfer, c'est les autres!

Angesichts der plakativen Schilderungen der Unerträglichkeit des ÖPNVs bin ich doch seit Tagen zum ersten Mal wieder ein wenig froh an der Grenze, auf dem Dorf, in der Schlucht zu wohnen.

Sowas ekliges gibts hier nämlich nicht. Kein Wunder, sonst gibts nämlich auch nix. Und wenn ich dann mal in eine der lokalen Metropolen (München bzw. Salzburg) will, verbietet sich die Zugfahrt schon aus Kosten- und Zeitgründen.

Hoffentlich merkt kener, daß meinem alten grauen Freund die grüne Umweltstaubplakette fehlt. Auch die gibts hier nicht...

Doctor Snuggles

08. Oktober 2009, 16:09

Till, es ist ja nicht der ÖPNV, es sind die Menschen. Und je größer die Stadt, desto mehr Möglichkeiten hat man, auf die Schattenseiten der Bevölkerung zu stoßen. Zumal die Anonymität und Entfremdung manche eben noch lockerer darin macht, ihre unfreundlichen Seiten auszuleben. Das ist eben der Preis der Freiheit, das man ungezwungener alles machen kann, ohne dass man von allen Nachbarn beobachtet wird. Das gilt eben für alle und dabei merkt man, dass die Grenzen bei allen Menschen unterschiedlich liegen.

Thomas Scholz

08. Oktober 2009, 16:21

http://toscho.de

Seit ich verstanden habe, daß Flöhe Gottes Antwort auf die Erfindung des ÖPNV sind, meide ich alle drei.

Nebenbei: Der Newsfeed ist kaputt. Man sieht nur noch einen Textstummel, der enorm schlechtes Karma in meinem Newsreader versprüht.

Till

08. Oktober 2009, 16:23

Herrn Snuggles zum Troste:

Die 'Schattenseiten der Bevölkerung' werden auch und gerade auf dem Dorfe offenbar.

Andrea Diener

08. Oktober 2009, 16:39

Stendhal, wenn Sie mal mit dem Fahrrad unterwegs sind, werden Sie merken, wieviele Fußgänger den Fahrradweg betreten. Und an den Ampeln eine einheitliche Wartefront bilden, so daß man rollend da nicht durchkommt.

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swina, es liegt an zu vielen Menschen, die in einem zu engen Zeitfenster unterwegs sind. Allein schon die Schüler! Alle unter 18-Jährigen zwischen 7 und 8 Uhr unterwegs. Kann man sich ja denken, was da los ist. Und alle mit riesigen Ranzen. Ich frag mich ehrlich, wie ich das früher überlebt hab. Wenn da nur eine Bahn ausfällt, ist die Hölle los. (In ffm ist jedenfalls die Kapazitätsgrenze erreicht, mehr Bahnen passen nicht durch den Tunnel.)

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Araidne, das mit der Klimaanlage in Zügen verstehe ich auch nicht. Warum werde ich gezwungen, an heißen Tagen nur deshalb eine Jacke und Strümpfe mitzuschleppen, damit ich die Frostperiode im Zug überlebe? Damit die Bahnangestellten im Dreiteiler mit Mütze nicht so arg schwitzen?

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Doctor Snuggles, nein, die Schakkeline kenne ich noch nicht. Aber von ungewöhnlicher Tiefgründigkeit war der verzweifelte Spruch in schwarzem Edding auf orangenem Kachelgrund hier am S-Bahnhof: "Die gebaute Scheiße holt dich alles wieder ein."

Andrea Diener

08. Oktober 2009, 16:51

Thomas Scholz (nebenbei bemerkt: Sie irritieren mich ungemein. Ich habe einen guten Bekannten gleichen Namens, den ich eben gerade auch noch zufällig getroffen habe): Ich gebe die Fehlermeldung mal in den Maschinenraum weiter. Ich kann von hier aus leider nichts tun.

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Till: Nichtmal grauslige Busse voller verschwitzter Schüler, die gerade vom Sport kommen?

anderl

08. Oktober 2009, 16:58

"Zu viele Menschen in zu engem Zeitfenster?" Das mag das Problem verschärfen und ein paar eklige Begleiterscheinungen zusätzlich beisteuern, aber schon Konrad Lorenz war der Auffassung, man könne nicht in modernen Großstädten leben, ohne neurotisch zu werden. Ich bin geneigt, ihm zuzustimmen. Gerade in Momenten wie jetzt, da die Hühner vor dem Fenster gackern, die Katzen ihr Futter einfordern und anschließend die Hunde durch Feld und Flur bewegt werden.

Doctor Snuggles

08. Oktober 2009, 17:01

Frau Diener, dann hatte ich den Link wohl mal beim Don gepostet

 

Till, nun rauben Sie mir aber den Glauben an das Gute im Menschen. ;-)  Zumal ich Ihren Worten entnehme, dass Sie irgendwo im Süddeutschen beheimatet sind? Ich dachte, gerade dort leben bevorzugt gute, ehrliche und hart arbeitende Menschen, während sich in allen anderen Teilen Deutschlands hauptsächlich Kretins im Dreck suhlen. Jedenfalls ist das der Eindruck, den man in anderen Blogs gewinnen kann (viele hier dürften wissen, auf wen ich anspiele).

elbsegler

08. Oktober 2009, 17:08

Apropos Busse voller verschwitzter Schüler: Eine dem ÖPNV sehr ähnliche, olfaktorisch aber deutlich stärker belastete Umgebung stellen alle Arten von Umkleidekabinen in Turnhallen, Muckibuden und vergleichbaren Etablissements dar. Das benehmen dort ist ein Kapitel für sich. Dann lieber Busfahren, dort gibt es noch Hoffnung auf frischen Fahrtwind. Obwohl die Beobachtung eines Kampfes um das Lüftungsfenster im Bus auch zu interessanten soziologischen Studien einlädt.  Die Zumutungen der sogenannten Zivilisation lauern immer und überall.

B.A.H.

08. Oktober 2009, 17:14

Doc Snuggles/Atomfried et al.: Meine alte Rede: es gibt nichts Gewöhnlicheres als gewöhnliche Engländer.

Doctor Snuggles

08. Oktober 2009, 17:16

Frau Diener, wenn Ihnen kalt ist, dann können Sie sich dagegen anziehen. Wenn einem aber bereits warm ist, dann wäre es unerträglich noch mehr Wärme ertragen zu müssen, nur weil irgendjemand offensichtlich nicht über genügend Muskelmasse verfügt und sein Bedürfnis allen anderen überstülpt  ;-)

Till

08. Oktober 2009, 17:25

Frau Diener: Wohl schon, aber das hat dann irgendwie so eine Pauker-Film Ästhetik. (Gleich schaut Roy Black ums Eck).

Dr. Snuggles: Von der BAB M-Sbg gehen eine Reihe von Tälern parallel nach Süden ab. Hier wohnen Menschen, die auf ihre Eigenheiten und Errungenschaften mächtig stolz sind. Als städtisch und streng westeuropäisch (Frankreich, England, Frankfurt) sozialisiertes Individuum kann ich manches davon nicht immer nachvollziehen.

Fahrrad! wann immer möglich

08. Oktober 2009, 18:08

Es wird im Text ja bereits angedeutet - die Legehennen - : es ist der ökonomisierte lieblose Blick auf und Umgang mit den Menschen, der für unsere Zeit so typisch ist, der sich da materialisiert in den Verkehrsmitteln. In Moskau gibt, oder gab es zumindest mal, ich habe Bilder davon gesehen, Bahnstationen, die gestaltet waren wie Paläste, Kronleuchter etc. Wohl zur Ehre des Proletariers, oder so, und ob die Verkehrsmittel dann ähnlich luxuriös waren, weiß ich nicht. Hierzulande dominiert eben eher eine nüchtern-zweckmässige Legehennenarchitektur, es geht ja zumeist nur darum, den Arbeitnehmer kostengünstig zu dem Ort zu transportieren, an dem er dann sein Tagewerk verrichten soll, bzw. den Schüler und Auszubildenden zu seiner dementsprechenden Dressuranstalt, oder wieder zurück nach Hause ins hässliche, ebenso depressiv-aggressiv machende, trostlose und zu kleine, enge Wohnsilo, das findige Bauunternehmer ihm hingestellt haben. Es ist nur ein Detail, der ÖPNV in dieser Form, eines allgemeinen würdelosen, ökonomisierten Umgangs der Menschen miteinander, und die Frage wäre, warum man den ÖPNV (und alles andere) denn nicht schöner, ästhetischer, angenehmer gestaltet, wenn er doch in den Leben so vieler so eine Rolle in ihrem Alltag spielt, und gratis möglichst noch dazu, man nutzt ihn ja zumeist nicht um seiner selbst willen, nur wegen des "Vergnügens". Und die Antwort, nun, wir kennen sie wohl alle, lautet - warum sollte man denn - die "wichtigen" "wertvollen", also wohlhabenden Elite-Menschen, die von den Leistungen der ganzen ÖPNV-Fahrer so gerne mitprofitieren, fahren selbst ja in luxuriösen Fahrzeugen zu schönen Häusern, bzw. werden chauffiert, wenigstens im Taxi, und die Anderen sollen sich eben mal nicht so haben, haben sich eben nicht genug angestrengt, ihr Glück nicht genug geschmiedet, also nichts anderes verdient. benehmen können sie sich ja auch nicht - passt also schon, das alles. Dass man sie nicht zu Fuß laufen lässt, liegt nur daran, dass sie dann zu lange brauchen würden. Der ÖPNV ist der effiziente Kompromiss zum geringsten gesellschaftlichen Preis. Er macht aggressiv und krank? Nicht die, die zählen, die nutzen ihn ja nicht. Nicht anders verhält es sich übrigens bei öffentlichen/Kassenpatienten offenstehenden Krankenhäusern versus Privatkliniken, bei den Schulen, und vielerlei anderen öffentlichen Angelegenheiten. Aber "wir" wollten es ja alles so, in der besten aller Welten, also wollen "wir" nun auch mal nicht darüber meckern. Oder, liebe FAZ-Leser? Überhaupt, man muss den ÖPNV ja nur privatisieren, und schon verwandelt er sich in eine strahlende Welt der Perfektion - siehe Berlin.

Konfuzius sagt

08. Oktober 2009, 19:17

Ich habe heute mal nur den ersten Kommentar gelesen, freue mich aber schon, den Rest irgendwann nachzuholen.

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Paulchen, unsere Großmütter scheinen sehr unterschiedliche Menschen gewesen zu sein. Ich steige gern so aus: Wenn ich es jemandem durch die noch geschlossenen Tür ansehe, dass er es eilig hat, steige ich genau an der Stelle aus, an der er einsteigen will. Da kann man dann auch so blöde Sprüche loswerden wie: Lassen Sie mich doch aussteigen, dann haben Sie mehr Platz!Macht total Spass. Die lustigsten Blicke sind mir dabei in chinesischen Bussen entgegengeschlagen.

Julius

08. Oktober 2009, 19:50

Doctor Snuggles, für Ihre Sammlung, falls noch nötig: Enrico, mach dat Wau ma Ei! (Streichle mal den Hund!)

Savall

08. Oktober 2009, 19:58

Ja, der ÖPNV kann fürchterlich sein. Ich fahr ja seit Jahrzehnten und habe alle Höhen und Tiefen mitgemacht. Die Tiefen zu DDR-Zeiten, die Höhen in der Gegenwart. Denn es ist merkwürdig, ich kann mich derzeit überhaupt nicht beschweren. Seitdem unser Regionalverkehr seine Busflotte erneuert hat, schon gleich gar nicht. Aber immerhin weiß ich jetzt, was ich an meinen netten Chauffeuren habe. Erinnern Sie sich noch, Andrea, an die Leipziger Buchmesse vor Jahren, als der Busfahrer Sie außerfahrplanmäßig ins Hotel kutschierte? Ich vermute stark, daß das meine Strecke war. In der Regel sind die übrigens alle so nett, bis auf ein paar Muffel natürlich. Eines Tages hatte der Bus sehr viel Verspätung, so daß ich mich per pedes in Bewegung setzte. Der Busfahrer hat mich dann auf offener Strecke noch eingesammelt. Nett, nicht? Allerdings habe ich das unverdiente Glück, daß es weitgehend durch gepflegte Vororte ohne Problemzonen geht. Also sind auch die Schulkinder von einer Bravheit, die allen Krisengedanken Hohn spricht. Man weiß eben gar nicht wie gut es einem eigentlich geht, bis man vom Gegenteil hört.

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Die Moskauer Metro aber ist ein Ereignis, oder war es zumindest. Die prächtigen Stationen sind aus den dreißiger Jahren. Jede ist anders gestaltet, aber alle prunkvoll. Vielleicht nicht jedermanns Sache, der Stil, aber beeindruckend. Ich war 1981 dort (also ein Jahr nach der boykottierten Olympiade), als alles in frischem Glanz war. Die Züge, alle nagelneu, fuhren im 30-Sekunden-Takt (sic!). Da gab es kein Drängeln. Wenn ein Zug mal besonders voll war, wartete man auf den nächsten. Der ganze Spaß kostete übrigens 5 Kopeken, umgerechnet 15 DDR-Pfennige. Klar, war ein Prestige-Objekt zu Propagandazwecken, auf dem Land sah es ganz anders aus. Aber trotzdem faszinierend.  

Andrea Diener

08. Oktober 2009, 20:41

Savall, das war die Leipziger Buchmesse in diesem Frühjahr, und ich erinnere mich lebhaft. Ebenso lebhaft allerdings an die Leipziger Buchmesse vor einigen Jahren, als ich die Straßenbahn mit mehreren Dutzend faschistoides Liedgut gröhlenden Fußballnazis mit Bierflaschen teilte. Selten zogen sich drei Stationen derart in die Länge. (Ich hab aber auch manchmal ein Glück.)

Ach so, wo ich Sie grad spreche – wollten Sie nicht nach Frankfurt kommen nächste Woche?

Savall

08. Oktober 2009, 21:06

Ich leide offensichtlich unter Zeitverwirrung. Dieses Jahr war das erst, Andrea? Ich staune. Na, umso besser. Und es stimmt tatsächlich, daß es ganz üble Ecken gibt. Offensichtlich ist es in jeder Stadt von hinlänglicher Größe mittlerweile so. Ich bin also derzeit wirklich vom Glück begünstigt.

Ja, Frankfurt ist gebucht für den 15. Nach der letzten Bekanntgabe der Wasserstände und Tauchtiefen scheint mein Zeitfenster allerdings mit der Wiedergeburt eines grünen englischen Automobils zu kollidieren. Diesen überaus heiklen und für uns alle hoffentlich folgenreichen Zeitpunkt möchte ich keinesfalls beeinträchtigen.

Alter Bolschewik

09. Oktober 2009, 01:15

Ich gestehe es, ganz gegen die Mehrheitsmeinung: Ich bin ein Fan des öffentlichen Nahverkehrs. Was vielleicht zwei Gründe hat. Zum einen durfte ich während meiner Schulzeit auf dem oberschwäbischen Land in Schulbussen fahren, die der schon mehrfach angebrachten Legehennenanalogie noch spotteten. Wie wir Kinder damals in die Busse gepfercht wurden, grenzt wirklich an Körperverletzung - und dementsprechend war auch das Gedrängel an den Türen, um einen Sitzplatz zu ergattern. In dem Alter nimmt man das allerdings als ganz normal, weil man nichts anderes kennt. Alles, was ich später an öffentlichem Nahverkehr erleben durfte, ist Gold angesichts der damaligen täglichen Tortur. Zum anderen bin ich inzwischen nicht mehr auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen, da in meiner kleinen, dummen Stadt alles mit dem Fahrrad zu erreichen ist. In den letzten 22 Jahren war ich insgesamt dreimal witterungsbedingt gezwungen gewesen, auf die Straßenbahn auszuweichen.

 

Wenn ich aber unterwegs bin - auch in Frankfurt oder Berlin - dann genieße ich es, bei Regen oder Schnee nicht der Witterung ausgesetzt zu sein; lesen zu können, wenn ich von A nach B transportiert werde (das habe ich auch während meiner Studienzeit in der Großstadt geschätzt: Auf dem Weg zur Uni erst einmal Zeitung lesen zu können, bzw. auf dem Rückweg ein Buch); und Menschen zu beobachten bzw. ihnen zuzuhören. Ich liebe es, wirklich. Aber das mag auch an den nur geringen Dosen liegen, in denen ich dieses Gift zu mir zu nehmen gezwungen bin.

molosovsky

09. Oktober 2009, 05:39

http://molochronik.antville.org

Ich fahre ja von der selben S-Bahn-Station und muss zur Verteidigung des ÖNV sagen, dass ich seit über 2 Jahren erst zwei Mal wegen der S- und U-Bahn zu spät zur Arbeit kam oder nach der Arbeit Verzögerungen hinnehmen musste (und da hatte es Unwetter, Bauarbeiten ect pp ff). Auch Gedränge ist mit weitestgehend fremd. — Wie ich das mache? Ich muss früh (ca. 05:50) zur Arbeit und komme später als die Stoßzeit (ca. 19:15) von der Arbeit. — Aber es stimmt im Großen und Ganzen: Die selteneren Male, wenn ich zu Stoßzeiten unterwegs bin, mache ich aber oft auch die von Andrea geschilderten misslichen Umstände mit.

anderl

09. Oktober 2009, 08:41

Moskauer Metro im Video:

www.youtube.com/watch

Allerdings hat man dort ab und an vierbeinige Mitfahrer:

www.youtube.com/watch

Andrea Diener

09. Oktober 2009, 15:16

Alter Bolschewik, das isses: Solange man das Geschiebe nicht jeden Morgen durchmacht, und solange man sich nicht darauf verlassen muß, pünktlich wo ankommen zu müssen, ist das ja ganz nett. Und auch, wenn man, wie molosovsky, zu Zeiten fährt, in denen kein Mensch unterwegs ist. Ich hatte in meiner autolosen Zeit auch ein paar Pressetermine in Rüsselsheim. Keine Weltreise, sollte man meinen. Aber glauben Sie bloß nicht, ich wäre auch nur einmal halbwegs pünktlich gewesen. Und gerade die etwas exotischeren Strecken wie etwa die S7 sind eine reine Qual. Die S7 ist besonders schön, weil sie stundenlang am Stadion steht, um irgendwelche ICEs durchzulassen. Und sie steht, wie gesagt, am Stadion. Da gibt es ja immer das beste Publikum.

SilentSurfer

10. Oktober 2009, 15:14

Nun, ich lege meine morgendliche ÖPNV-Fahrt immer so früh, dass ich gerade noch vor der ersten Schülerschar unterwegs bin, dann geht es ganz gut, weil auch sonst nicht zu viele Leute unterwegs sind, und es gibt sogar regelmäßig einen Sitzplatz für mich. Interessante Erkenntnis: fängt man vorsichtig an, den einen oder anderen regelmäßig gesehenen Mitfahrer vorsichtig zu grüßen, gibt es zuerst seltsame Blicke, aber einige wenige Personen grüßen tatsächlich zurück oder grüßen auch mal von sich aus. Abends habe ich aber die Chance, alle Facetten des ÖPNV zu geniessen. Am ärgerlichsten finde ich - wurde oben schon in einem Kommentar erwähnt - die Unsitte einiger Mitfahrer, sich ja nicht zu bewegen und lieber gleich mitten in der Tür stehen zu bleiben, um beim Aussteigen dann auf jeden Fall zu den ersten zu gehören. Ist ja auch egal, wenn andere Mitfahrer somit gehindert werden, drängelfrei auszusteigen. Und diese Beförderungsfälle fahren nicht nur bis zur nächsten Haltestelle, das wäre durchaus noch ok, sondern deutlich weiter.

Noch schlimmer sind rücksichtslose Kinderwagenfahrerinnen. Hier gibt es in jeder Bahn ganz vorne und ganz hinten einen optimierten Einstieg für Kinderwagenfahrerinnen (kein Mittelsteg in der Tür, Kinderwagenparkplätze in direkter Türnähe). Aber nein, Frau muß dann ihren Kinderwagen unbedingt in einer der anderen, weniger geeigneten Türen quetschen und somit den Durchgang und die Tür komplett blockieren. Aber ich will nicht nur über die Kinderwagenfahrerinnen lästern: noch übler sind Mitfahrer, die dann die Kinderwagen-Stellplätze nicht freigeben, wenn jemand mit einem Kinderwagen in die Bahn kommt.

Liebe Andrea, noch eine Anmerkung: Ich schreibe hier zum ersten Mal einen kleinen Kommentar, lese aber schon länger mit und freue mich über jeden neuen Beitrag!

colorcraze

10. Oktober 2009, 22:22

Jaha, der ÖPNV in seiner deutlichsten Form: der U-Bahn.

Schon in Jugendjahren, die ich in der Kleinstadt verlebte, war meine Überzeugung: eine Stadt hat eine U-Bahn. Was keine U-Bahn hat, ist ein Städtchen. Mittlerweile wohne ich über 20 Jahre in der Innenstadt von Berlin und bin entsprechend häufig U-Bahn gefahren. Denn wer nicht Handwerker oder Lieferservice ist und sich in der Innenstadt ein Auto hält, ist selber schuld, denn er bestraft sich mit Parkplatzsuche nicht unter doppelter ÖPNV-Zeit. –

Ja, die Stoßzeiten im ÖPNV sind gräßlich, auch immer wieder auftretende Ausfälle. Es gibt das alles – Gedränge, Gestänke, Dreck, Lärm. Ich gehöre jedoch auch zu den Glückspilzen, die selten zur Massenzeit unterwegs sein müssen, und kann deshalb nicht klagen.

Da hier mitunter nach Erklärungen für beobachtetes Verhalten gefragt wurde, versuche ich mal ein paar Antworten.

Zum ersten: es gibt Geübte und Ungeübte.

Die Ungeübten kennen das Stehen und Gehen vor allem von Spaziergängen oder von Orten, an denen sie sich langsam ausbreiten können. Sie sind Verkehrsströme zu Fuß nicht gewohnt, sehen nicht, wo freizuhaltende Wege sind, denken nicht daran, aufzurücken, weil ständig Leute nachkommen, und bleiben an jedem Hindernis stehen, anstatt es haarscharf in unvermindertem Tempo zu umkurven. Sie halten Treppen für Baudenkmäler, es sind aber Wege – und zwar die schnellsten. Für die Geübten, solange nicht eine Masse Ungeübter im Weg steht (unvergeßlich der Ubf. Kaiserdamm am Kirchentag: ein Riesenpulk, in dem kein Durchkommen ist, strebt geschlossen zum Ausgang und bleibt an der Treppenkante – einfach stehen.). Aus Unsicherheit stellen sich Ungeübte an die Tür und verstopfen so Ein- und Ausgänge, anstatt sich zügig auf einen freien Sitzplatz zu setzen und den Weg freizumachen. Die Angst, nicht rechtzeitig rauszukommen, wenn man in der Mitte eines vollen Wagens eingeklemmt wird, ist nämlich in U-Bahnen (bei Fernbahnen und oft auch Bussen ist das anders) grundlos; die Leute lassen einen raus, aber ein wenig Trab und Lückenschlüpffähigkeit sollte man schon aufbringen. Sitzende Taschen werden als das angesehen, was sie sind: Platzfresser, und entweder werden die nach einer sparsamen Handbewegung weggenommen oder, wenn auch Worte nichts fruchten, eben runtergestellt. Dasselbe mit Kinderwagen am Ausgang – „soll ich helfen?“ – wenn ja, anpacken, Treppe hoch und tschüs - ist schneller als hinterherzutrödeln und beseitigt das Verkehrshindernis (ein Bekannter erzählte, in Mexiko Stadt schnallten sich die Leute die Kinder um, sie seien dadurch recht mobil).

Also: Wege erkennen und nicht den Verkehr aufhalten hilft schonmal recht viel.

Zum zweiten: Das Gedränge.

Es gibt weltweit ca. 2 Formen des Anstellens, die erste ist die Haufenform, die zweite die Schlangenform. Deutsche, Chinesen, Italiener und diverse andere bevorzugen erstere, US-Amerikaner und früher die Briten die zweite. Die Haufenform funktioniert bei Bussen und U-Bahnen gut, wenn sich der Haufen so postiert, daß die Aussteigenden einen Weg haben und erst eingestiegen wird, wenn sie raus sind. Daß die Einsteigereihenfolge ein Problem wäre, habe ich in D oder I sehr selten erlebt, eigentlich nur, wenn es an Umsicht mangelt. Es ist halt so wie beim Einfädeln in die Autobahn, man muß sehen, wie Platz ist, und zügig reagieren.

Zum dritten: Randbemerkungen.

Man hört ja nicht nur Beziehungsgeplapper am Handy, sondern mitunter ganze Geschäftsbesprechungen. Ein Schweizer hat mal geschrieben, man müsse sich nur morgens in den Zug von Zürich nach Bern setzen, um zu erfahren, was in der Schweiz los sei. Nach meinem Eindruck hat es allerdings wieder etwas nachgelassen. –

Mindestens genauso schlimm wie wochenlang ungebadete Obdachlose sind die Nasenamputierten, die sich mit Parfum oder Deo in einer Menge einschmieren, daß einem schlecht wird. Besonders schlimm sind letztere im Restaurant. Man sollte ihnen parfumgetränkte Tempotaschentücher zu Essen vorsetzen, denn offenbar wollen sie nichts Substantielles. –

Es gibt natürlich auch mitunter Irre und Besoffene, die unterwegs sind; diesen irgendwelche Verhaltensweisen nahebringen zu wollen, ist vergeblich. Solange sie nicht auf die Gleise klettern oder jemanden in Bedrängnis bringen, läßt man sie halt. –

Und zum Schluß möchte ich noch festhalten, daß ich die Taktfrequenz der Moskauer U-Bahn für beneidenswert halte. Allerdings ist in Berlin selten so viel Verkehr, daß man das bräuchte, 5 Minuten reicht meistens.

Andrea Diener

11. Oktober 2009, 02:28

Silent Surfer: Schön, daß Sie mitlesen, noch schöner, daß Sie kommentieren.

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Früh unterwegs sein hilft sicherlich – wenn man das kann. Ich bin ganz fürchterlich gelaunt, wenn ich vor neun das Haus verlassen muß. Ganz, ganz fürchterlich. Ich habe im Nachhinein keine Ahnung, wie ich meine Schulzeit überstanden habe, kann mich aber an die permanente Müdigkeit noch gut erinnern. (Überhaupt, man müßte mal was über Wecker machen.) Insofern ist nur eins schlimmer als Gedrängel ab neun: Alles, was vor neun stattfindet.

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colorcraze: Ich denk auch immer, diese Blockierer, die müssen alle vom Land sein, hinterster Hintertaunus, Provinzler halt. Aber deren schlechte Sitten reißen hier ein. Neben so einer Nasenamputierten saß ich letztens auch im ICE, und der war knackenvoll, ich konnte froh sein, überhaupt auf einem Platz zu sitzen und nciht auf dem Teppich vorm Klo. Was ein Horror. Wo sind diese ganzen interessanten Menschen eigentlich, die man im Zug angeblich immer kennenlernt? Warum reisen die nie mit mir?

Italo

11. Oktober 2009, 10:23

Wie abwegig die Vorstellung der Auslaender von deutschen Zustaenden ist ... in Italien glaubt man, jenseits der Alpen fuehren nur Luxuszuege, und sie kaemen stets puenktlich an. Nach meiner Erfahrung ist die Puenktlichkeit in (Nord-)Italien weit, weit besser. Rom ist hier, in genereller Ermangelung von Fahrplaenen, ausgenommen.

Jedenfalls sind die Umgangsformen in Italien in mancher Hinsicht offenbar besser (was daran liegen mag, dass Emanzipation und Klassenunterschiedsnivellierung unbekannt sind). Gedraenge gibt es natuerlich, aber man kennt durchaus das Wort "Entschuldigung", und praktisch jeder bietet seinen Sitzplatz demjenigen an, der seiner bedarf. Selbst albanische Jugendliche (= die "Problemauslaender") tragen einer Mutter den Kinderwagen die Tram-Stufen hoch. Und wenn sie dann deren "Danke" in vollendeter Hoeflichkeit mit "Zu Ihren Diensten!" quittieren, kann man, eingedenk der deutschen Racaille, nur staunen.

(Bei Touristen, zugegeben, endet jede Höflichkeit, sie werden ueberwiegend als Stoerfaktoren empfunden. Teilweise zu Recht: Wie kann man in der U-Bahn-Tuer stehenbleiben, um den Plan zu studieren, waehrend andere Leute aus- und einsteigen wollen?)

Andrea Diener

11. Oktober 2009, 11:53

Italo, so lobenswert ein höflicher Umgang miteinander ist, ich glaube nicht, daß die Emanzipation die deutschen Frauen zu muffeligen Ungeheuern gemacht hat. Die muffeligen, das sind wohl eher die, die immer zurückgesteckt haben und dann irgendwann merken, daß sie ihr Leben lang zu kurz gekommen sind. Diese Frustration bekommt dann ihre Umwelt ab.

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Und daß es eine wirkliche Klassenunterschiedsnivellierung gab, wage ich auch zu bezweifeln. Man spricht halt nicht so gern darüber, daß es eben doch Unterschiede gibt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Es darf eben nicht sein, daß Elternhaus und Beziehungen stärker die künftige Karriere beeinflussen als eine tatsächliche Qualifikation. Auch da gibt es viel Frustration, viel Unzufriedenheit. Das wird dann auf einigermaßen bizarre Art kompensiert.

Sintflutdenken

11. Oktober 2009, 13:45

Sehr interessante Beitraege! Ich habe nun ein paar Tage nur mitgelesen. Mich trifft man in einer "Vorstadt" Frankfurts an. Wenn ich nach FFM muss geschieht dies meist auch mit der Sbahn, da ich mir den Stress der Prakplatzsuche gern erspare. Ich LIEBE es SBahn zu fahren. Ja, nun oute ich mich und gehoere wohl zur Minderheit. Genauso gerne fahre ich ICE, habe aber eine generelle Abneigung gegen IC, RE und RB, aber das ist ein anderes Thema. Sbahnen (wohl auch eher Slang) ist hoechst amuesant, interessant und vorallem eine grosse Herausforderung. Ich beobachte gerne meine Mitreisenden, hoere deren Gespraeche mit voller Aufmerksamkeit zu und verstecke mich dabei nicht hinter der FAZ, oder gebe vor den neuesten Tunes zu lauschen. Ich gucke mir bewusst alles an, sauge foermlich jedes Sbahngeschehen auf - sogar wenn es um die Draengelei beim Ein/Ausstieg geht. Am liebsten ist mir die Strecke FFM Airport, umsteigen FFM Hbf und dann geradezu in meine kleine Vorstadt. 60 minuten purer Genuss. Zuhause habe ich dann so viel zu erzaehlen, dass ich meist gar nicht weiss wo ich beginnen soll. Natuerlich gibt es auch Nachteile beim Sbahnen, aber meine Mutter sagt immer so schoen "Kein Nachteil ist so gross das kein Vorteil draus entstehen kann"

colorcraze

11. Oktober 2009, 19:41

@Frau Diener: Sich mit nüchternem Magen in den morgendlichen Verkehr zu stürzen ist auch sowas, was nicht auszuhalten ist. -

Ich denke, die Ungeübten wachsen halt immer nach. Zum einen sind es Touristen, die Bahnfahren nicht gewohnt sind, weil sie sonst mit dem Auto unterwegs sind, zum anderen die Schüler.

Die Schüler sind in einem Alter, wo sie alles ausprobieren müssen und mehr auf ihre Freunde als den Verkehr achten - die werden wohl immer mal blockierende Grüppchen bilden.

@Italo: habe neulich die Mailänder U-Bahn gesehen, ist nett. Der volle 80er-Look. Man fand sich sofort zurecht. Publikum fand ich nicht groß anders als in Berlin. -

In Berlin sind die Leute zu Touristen eher freundlich, außer im Berufsverkehr,

aber das liegt an dem, was Frau Diener gerade schrieb, morgens ist man noch nicht ganz wach und reagiert vergrätzt auf Störungen. Oder, anders gesagt, vor der Arbeit will man sich nicht schon mit anderen befassen, sondern pünktlich ankommen.

colorcraze

11. Oktober 2009, 22:55

Noch was zum Fahrradfahren. Bei einer bestimmten Verkehrsdichte und ausgebauten Fahrradwegen ist das eine gute Sache. Aber in der Stadt, wo alle 100 m eine Kreuzung ist, finde ich es nicht so angebracht. Es stört oft die Fußgänger auf den Gehwegen, denn Fahrräder sind dafür zu groß. Ein einziges Fahrrad hat die blockierende Wirkung von einer Menschengruppe.

Am deutlichsten wurde mir dieser Effekt, als vor bald 20 Jahren die Mauer fiel und die nächsten Wochen West-Berlin Fußgängerstaus bisher unbekannten Ausmaßes erlebte. Da kam man mit Fahrrad nicht mehr durch - kein Platz, man blieb ständig hängen. Schon Skateboard war zu groß. Nur zu Fuß gehen war eine Option.

Doctor Snuggles

12. Oktober 2009, 00:40

Frau Diener, ich gebe Ihnen recht - nicht erst die Emanzipation hat die Deutschen zu Muffeln gemacht - sie waren es bereits vorher.

Radler

12. Oktober 2009, 10:23

Ich war dem ÖPNV mal längere Zeit unfreiwillig ausgesetzt (Arbeitsweg und kein Auto), mit Fahrrad aufgrund von längeren Wegen zum Bahnhof in der Ausgangs- und Zielstadt. Da erlebt man ja völlig neue Probleme. Z.B. ist kaum ein Radfahrer in der Lage, sein Gefährt ohne weiteres in das Radabteil zu heben oder dort gar so an die vorhandenen Räder zu lehnen, dass da mal noch ein weiteres hinpasst (die 28er-Damenräder mit dem R*mer J*ckey auf dem Gepäckträger sind da meine Favoriten). Da ärgert man sich dann erst in zweiter Instanz über die verstöpselten Fußgänger, die sich auf einem der mittigeren Klappsitze im Fahrradabteil ihrer Weltentfernung hingeben, ohne sich des Problems bewusst zu werden.

Da man mit Kinderwagen vermutlich ähnliche bis schlimmere Probleme hat, schrecke ich noch davor zurück, mich fortzupflanzen.

@Ariadne: Bei Außentemperaturen unter 15 Grad wird die Klimaanlage auf ca. 35 Grad eingestellt. Ansonsten auf die beliebten 5 - 10 Grad (zumindest auf den mir vertrauten Regionalexpress-Strecken). Ich zieh mir im Winter immer was Dünnes drunter und im Sommer pack ich Schal und Jacke ein. Man gewöhnt sich an vieles.

lustiger

12. Oktober 2009, 17:23

hi

eigentlich sollte man nichts dazu schreiben aber ich gehe seit dem 01. Oktober zu Fuss - vom Senefelder Platz, Alte Schönhauser, Hackescher Markt, Alte Börse, Friedrichsbrücke, an den Musseen vorbei und nach Unter den Linden ins Büro.

Jeden Tag und ich freue mich sehr - wenigstens dann keine nicht-fahrende S-Bahn, keine Schweinegrippe, überhaupt keine Grippe, keine Bombendrohungen, keine "freundlichen Mitmenschen" ... einfach nur laufen und dass sicherlich auf dem schönsten Spaziergang hier im Zentrum von Berlin  

ansonsten hab ich alles kennengelernt, agressive Jugendliche, die betrunken in der U-Bahn rauchen; Mitreisende, die einem gerade eilig zusteigenden den Zutritt versperren, obwohl genug Platz da ist und unflättig beschimpfen; laut schreiende agressive Menschen, die solchen in Anzug brüllend hinterlaufen und diesen ihren Lebensfrust ins Gesicht brüllen und sie durch S-Bahn Waggons verfolgen...

Mal schaun wie lange es anhält, aber so ein Spaziergang ist ein Geschenk - jeden Tag !

Schwarwälder

14. Oktober 2009, 11:42

@Italo: Das mag ja nun relativ sein.

Richtig Erfahrung mit dem italienischen ÖPV (nix N) hatte ich das letzte Mal vor über zwanzig Jahren gemacht, und zehre immer noch davon. Der Anlaß dazu war eine Urlaubsreise nach Malta, die meine Kumpels und ich mangels Kohle mit Zug und darauffolgend Fähre vornahmen. Auf der Strecke Rom-Neapel waren wir zu neunt in einem Sechs-Personen-Abteil; da willenlos übernächtigt, wurden allerhand Möglichkeiten gesucht und gefunden, etwas Schlaf zu ergattern. Das einzige Mädchen in unserer Gruppe hatte sich zuletzt, um sich dem Zugriff allzu liebesbedürftiger Landesbewohner zu entziehen, zum Schlafen ins Gepäcknetz im Gang zurückgezogen, als der Zug mit einem Mal auf freier Strecke stehenblieb und niemand sagen konnte, warum. Nach zwei Stunden hatte sich immerhin die Information ausgebreitet, daß die Lokomotive defekt sei; Neapel war da zwar schon näher als Rom, trotzdem mußten wir alle auf die Ersatzlok aus Rom warten. Immerhin kam die Ersatzlok noch rechtzeitig, um nur unsere geplante Frühstückspause vor dem Umsteigen auf die Fähre aufzubrauchen -  das Schiff selbst war aber noch nicht abgefahren. Schwein gehabt.

Darin mußte aber System stecken: bei der Rückfahrt blieb der Zug an ziemlich genau der gleichen Stelle liegen, weil bei einem der Waggons eine Achse gebrochen war. Das an einem wunderschönen Augusttag so um die Mittagszeit. Die (stetig steigende) Innentemperatur des Waggons intensivierte die schon per se unangenehme olfaktorische Belästigung ins Unermeßliche; immerhin war dann der Schaffner hilfsbereit genug, um die Fahrgäste bis zum Eintreffen des Ersatzwaggons neben dem Gleis spazieren gehen zu lassen.

Moral daraus: Eisenbahnfahren in Süditalien ist eines der letzten, gegenwärtig noch für kleines Geld erschwinglichen Abenteuer in unserer perfektionierten Welt.

Immerhin: die Schaffner waren freundlich, gesprächs- und kompromißbereit.

Das geht auch anders: in den späten neunziger Jahren (vermeine ich mich erinnern zu können) hatte ein von starkem Frost gesprengter Baum die Oberleitung auf der Rheintalstrecke zwischen Freiburg und Karlsruhe beschädigt. Das führte dazu, daß der ICE mangels Strom für die Motoren nicht weiterfahren konnte. Geschlagene sieben Stunden dilettierte die Bahn herum, bis die Reisenden wenigstens in den nächsten Bahnhof verbracht werden konnten. Während dieser sieben Stunden stand der ICE komplett ohne Strom und damit bar jeder modernen Annehmlichkeiten wie Licht, Heizung, Klospülung ... der olfaktorische Faktor rührte in diesem Fall daher, daß unter den Reisenden Mütter mit Kleinkindern waren, die nur bis zum nächsten ICE-Bahnhof wollten und daher mit Windeln für den Nachwuchs schwerst unterversorgt waren. Aber der Abschuß waren eigentlich die Bahnbeamten, die ständig nur etwas von einer technischen Störung murmelten (ohne spezifisch zu werden, worin die Störung bestand) und daß es gleich weitergehen werde - über die gesamten sieben Stunden hinweg. Das Dilettantische war dann, daß der erste Versuch einer Pannenbehebung darin bestand, eine Elektrolok (!) zwecks Abschleppen in den nächsten Bahnhof zu entsenden. Als irgendjemand Entscheidungsbefugtem auffiel, daß bei einer defekten Oberleitung nicht nur der ICE, sondern auch eine E-Lok keinen Saft zum Fahren hat, wurde hurtig (das dauerte nur drei Stunden) eine Diesellok entsandt. Nur wurde übersehen, daß ICEs eine ganz andere Kupplung haben als die normalen Eisenbahnwaggons - also mußte die Diesellok unverrichteter Dinge wieder in den Heimatbahnhof zurückkehren, die Kupplungseinrichtung tauschen lassen und dann den nächsten Versuch unternehmen. Anläßlich dieses Vorkommnisses hat der Perfektionsanspruch der Bahn (mit dem die im Vergleich z.B. mit Österreich exorbitanten Preise gerechtfertigt werden) zumindest bei mir einen erheblichen Lackschaden erlitten.

Inzwischen lache ich darüber ...

Devin08

19. Oktober 2009, 13:48

http://www.herold-binsack.eu

So dunkel wie der Grenzschutz rassistisch

Wie Alter Bolschewik, neige auch ich dazu, das Fahren im Öffentlichen Nahverkehr nicht grundsätzlich zu abzulehnen, obwohl auch ich ungezählte unerträgliche Erfahrungen machen musste. Von gefährlichen Begegnungen mit Jugendbanden in einer S-Bahn in Frankfurt bis hin zu einer Rempelei, die meiner Frau fast das Genick gebrochen hätte (ich übertreibe nicht, rammte da doch ein wie auf der Flucht Rasender meiner gerade aussteigen wollenden Frau den Ellbogen in den Hals – Halskrause und Schädeltrauma, wie nach einem schweren Unfall, waren die Folge). Und doch sind mir die Autofahrer die unliebsamsten Asozialen auf den Straßen. Nur in der Schweiz habe ich ein Autofahren kennen gelernt, das auch und gerade dem Fremden gegenüber mehr als eine Höflichkeit darstellt – gelassen, ruhig und vorausschauend, und eben nicht fremdenfeindlich. Man merkt, dass die Schweizer, außer ihren Befreiungskriegen, noch nie Krieg geführt haben, und somit auch keine Ersatzkriege nötig haben. Während im Öffentlichen Nahverkehr die Not der Enge regiert, nötigt der Autoverkehr die Menschen zur Enge, ja zur gefährlichen Nähe, und zwar ohne Not, in aller Regel. Was das Fliegen angeht, wie da einer beschönigend gegenüberstellt, da gefällt mir beinahe gar nichts mehr, selbst dann, wenn ich 1. Klasse flöge (das Essen, die Sitze und das nettere Personal wären da wohl noch von auszunehmen). Am übelsten sind die sog. Gesichtskontrollen direkt nach der Ankunft am Flughafen, da wo keine Passkontrolle mehr herrscht. So geschah es einem Freund von mir, mit dem ich gerade in Urlaub war – auf Kreta -, einem von Haus aus schon dunklen Typ, dass er nur wegen seiner ins Schwarze gehenden Bräune, als einziger in der Meute zum Ausweisvorzeigen genötigt wurde, von jenen Grenzbeamten. Ich kam gerade noch davon, denn ganz so dunkel war ich offensichtlich doch nicht geworden. In Kreta dunkelt man von der Luft. Das Ganze war peinlich, oberpeinlich. Mein Freund ist Iraner, und war bisher Stolz darauf, noch keinen deutschen Pass beantragt zu haben. Nach diesem Vorfall möchte er das immer noch sein, stolz und Iraner, wahrscheinlich sogar mehr denn je, denn er ist ein stolzer Iraner, wenn auch ein definitiver Antinationalist, neigt nun aber doch dazu, diese seine Haltung zu ändern, der erlittenen Demütigung wegen. Unnötigerweise, wie ich meine, denn er bleibt so wie er ist: dunkel, so wie dieser Grenzschutz rassistisch.

Alter Bolschewik

20. Oktober 2009, 00:22

Die rücksichtsvollsten, freundlichsten, zuvorkommendsten Autofahrer habe ich in Texas erlebt. Das liegt wahrscheinlich daran, daß man nie so genau weiß, ob nicht auf dem Beifahrersitz des anderen Verkehrsteilnehmers eine entsicherte Waffe liegt...

Ritter

20. Oktober 2009, 22:02

Wunderschönes Herbstwetter! Ja - schon ist Eiskratzen angesagt, aber es ist schön, du riechst den Herbst, steigst in deinen Kleinstwagen ein, Fenster auf, damit die Fenster frei bleiben. Durch die "Spielstrasse", Nebel und Sonne ... Höchstgeschwindigkeit 11 km/h... So geht mein Tag los. "Nah-Verkehr" gibt es zwar - aber ich wäre eine Stunde länger unterwegs! Also bitte - das Vernunftauto der Vergangenheit: A2 (Soviel zu Audifahrern, Frau Diener). Diese Idylle dauert genau 300 Meter, bis ich VERSUCHE auf die Bundesstraße zu gelangen: Kolonne. Natürlich läßt einen heute - früher war das tatsächlich anders - keiner mehr rein. Dabei wäre das so egal, sein Tempo mal von 30 auf 25 zu verringern und eine entsprechende Lücke zu lassen. Dann ist man ein Auto weiter hinten. Naja.... Man muss dann eben auch entsprechend zeitig losfahren: Seine Arbeitsstrecke kennt man ja, oder? Ich erlebe oft die fetten BMW (okay - mein Feindbild), die dann im Überholverbot natürlich den anderen mal zeigen müssen, was ne Harke ist und dann tatsächlich 2 Wagen vor dir landen.

An der nächsten Ampel würden wir gleichzeitig aussteigen....

Ich kann mir nicht helfen: Es ist doch mehr und mehr ein gesellschaftliches Problem: Lass andere hinter Dir und du gewinnst... Und wenn es nur 15 Sekunden sind.

Ich fahre durch zwei relativ kleine bayerische Ortschaften. Dort sind große Transparente: 18.000 Autos am Tag sind zu viel. Das unterschreibe ich sofort! Aber die 6000 Arbeitnehmer, die in jedem dieser Orte wohnen fahren auch nach München... ? Hm.... Alle mobil - aber keiner wills haben....

Ich wohne übrigens am Münchner Flughafen, der sehr vermutlich bald eine dritte Startbahn bekommt - ich bin dafür!

x

02. November 2009, 17:26

Bei allen berechtigten Klagen fäll auf den Fotos ja doch auf:

.

Blitzsaubere Bahnsteige, saubere Züge, kein Graffiti, saubere Menschen.

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"Shockingly clean", wie ein regelmäßiger Besucher aus dem Vereinigten Königreich auch nach Jahren immer noch zu sagen pflegt; er fügt auch noch "safe, modern trains, reliable, on time" hinzu (aber soviel Lob ist deutschen Ohren wohl kaum zuträglich)

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Andrea Diener

02. November 2009, 18:41

Gut, die öffentliche Infrastruktur ist in England eher eine Dauerbaustelle. Ein seltsames, immer ein wenig stinkendes Gerumpel.

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