Die Schüssel und das Pendel: Im Esoterikladen
06. November 2009, 14:32
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Nehmen Sie an, Sie sind zu einem Geburtstag eingeladen, es gibt Wein und Würstchen und Kartoffelsalat und einiges anderes, sie stellen sich auf einen geruhsamen Abend ein, und neben Ihnen am Büfett packt jemand ein Pendel aus, ein silbernes spitzes Ding an einer Kette, und läßt es über der Schüssel mit dem Kartoffelsalat schwingen, nickt dann kurz, packt das Pendel weg und schlägt sich mit dem Löffel eine Portion auf den Teller. Was tun Sie?
Ich habe vermutlich sehr konsterniert geschaut. Denn ich bekam sofort eine Erklärung geliefert: Das Pendel, so führte die Person aus, sagt mir, ob der Kartoffelsalat gut für mich ist. Ich notierte das geistig in mein imaginäres Notizbuch surrealer Sätze und bemühte mich, mir nichts anmerken zu lassen. Ah ja, meinte ich, und nahm mir auch Kartoffelsalat, zwar unausgependelt, aber wird schon hinhauen, dachte ich. Bislang war Kartoffelsalat immer gut für mich, und Empirie ist ja auch was wert.

Die Welt der Esoteriker ist geheimnisvoll. Sie lesen Bücher mit violetten verschwommenen Umschlagmotiven und erhoffen sich dadurch Zugang zu einer Welt, die Ungläubige wie ich rundheraus abstreiten. Sie dekorieren ihre Wohnung mit Salzkristallampen, Kraftpyramiden, Mondkalendern und dem unvermeidlichen indianischen Traumfänger, bekochen ihren Hund ayurvedisch und kennen die Farbe ihrer Aura. Meistens qualmt irgendwo ein Räucherzeugs, das wahlweise Kreativität fördert oder Elfen besänftigt. Manchmal glauben sie auch an wirre Methoden, die sie alternative Medizin nennen und gehen nicht zum Arzt, dann wird es regelmäßig tragisch.
Mit Büchern, Dienstleistungen und Klimbim werden deutschlandweit jedes Jahr schätzungsweise 10 Milliarden Euro umgesetzt. Es gibt kriselndere Branchen. Denn neben den eingefleischten Allroundesoterikern gibt es eine erschreckend hohe Dunkelziffer eigentlich völlig normaler Menschen, die einem dann in dunklen Momenten etwas von Strahlen und Energien erzählen. Zwei Drittel aller Deutschen glauben an Schutzengel, deshalb bilden die mittlerweile eine eigene Unterabteilung im Eso-Buchladen. Satte 56 Prozent glauben an Wunder. Alternative Heilmethoden stehen auch hoch im Kurs: Man fragt nichtsahnend, ob jemand eine Salbe gegen Insektenstiche dabei habe und bekommt Globuli angeboten. Und wenn man sagt, danke, aber ich glaube nicht daran, wird einem erklärt, daß das Kronenchakra vermutlich irgendwie verstopft sei, was aber, na gottseidank, durch Bach-Büten therapiert werden kann.
Wissen Sie eigentlich, was Bach-Blüten sind? Ich mußte auch erst nachschauen: Erfunden wurde das von einem englischen Arzt in den Dreißigern, der glaubte, jede Krankheit sei ein Konflikt zwischen der unsterblichen Seele und der Persönlichkeit, und jeder Schieflage ordnete er intuitiv, man könnte auch sagen: willkürlich, eine Pflanze zu. Diese Pflanzen werden in Wasser gelegt oder gekocht, damit sie ihre ureigensten Schwingungen übertragen, dann wird das schwingende Wasser mit noch mehr Wasser verdünnt, weil es dann immer stärker schwingt, und als sogenannte "Essenz" teuer in Apotheken verkauft. Ganz ähnlich wie Homöopathie also, nur daß die Bachblüten entgegengesetzt zum Konflikt schwingen und die homöopathischen Essenzen in Gleichtakt. Gegen mein verstopftes Kronenchakra wäre weißblühende Kastanie zu empfehlen. Vielleicht, denke ich, hilft dann aber auch ein ausgedehnter Besuch im Biergarten des Vertrauens, vielleicht schwingt die Kastanie auch so zu mir hinüber. Schwing, Kastanie, schwing!

Schwingungen, Energien, Strahlen, Schlacken – unsichtbare Materie ist es, was den Esoteriker umtreibt. All das liegt in Form von Quanten, Tachyonen oder Bioenergie vor, überall schwingt es in den Frequenzen des Kosmos oder irgendwelcher Engel. Die gute Energie rein, die böse raus, was gar nicht so schwer ist, wenn man entsprechend frequenzgetunte Steinchen kauft oder Pyramiden oder Engelkuschelkissen, und ständig werden neue Energien erfunden. Erinnert sich noch jemand an die guten alten Erdstahlen? Die waren in den Achtziger Jahren das heißeste auf dem Sektor, und man hatte sich unbedingt dagegen zu schützen. Sogar in der Hörzu war ein Bericht mit einem aufrüttelnden Diagramm, das zeigte wie die gelblichen Strahlen von Wasseradern ausgehend in der Erde emporradiierten und sich durch Wände und Fundamente fraßen, um den darüber lebenden Menschen das Leben schwer zu machen.
Bekannte meiner Eltern waren einigermaßen hysterisiert, konnten nicht mehr schlafen vor lauter Wasseradern und, noch schlimmer, kreuzende Wasseradern, schickten Wünschelrutengänger durch die Räumlichkeiten, gaben zehntausende Mark dafür aus, das Haus mit Kupferdrähten strahlensicher zu machen und kannten auch sonst alle Tricks: Spiegel unterm Bett und Kamm unterm Schrank sollten der Gattin ein wenig Linderung verschaffen. Doch soweit ich weiß, kämpft die Dame bis heute mit ihrer nervlichen Verfassung, was vermutlich auch daran liegt, daß sie sich Anita nennt, aber leider nur eine Anneliese ist. Eine Anneliese sind, aber mindestens eine Lilith oder Morgana sein wollen ja die meisten Esoterikerinnen, denn Frauen sind besonders anfällig. 43 Prozent glauben an Geistwesen, aber nur 14 Prozent der Männer.

Man mag sich nicht recht abfinden mit dem profanen Leben in deutscher Gegenwart, und so werden Anknüpfungspunkte gesucht an ferne Völker und ihre alten Weisheiten, die mindestens einige Jahrtausende auf dem Buckel haben, dann aber irgendwie unter Verschluß gehalten wurden, woran gern mal das Patriarchat an sich schuld ist, und die nun in bunten Büchlein wieder zugänglich gemacht werden und nur darauf warten, mit ihrem Inhalt unsere Leben zu ändern. Kelten, Indianer, Buddhismus haben eigentlich immer Konjunktur, Afrika seltsamerweise nie, und von der geheimen Weisheit der Eskimos hört man auch wenig. Vielleicht werden die aber auch unter Schamanismus allgemein subsummiert. Und dann gibt es natürlich die Crossover: Indianer-Tarot, keltische Mandalas und Aura-Soma-Therapie neuerdings auch mit Erzengeln.
Bei Amazon liegt zur Zeit die Quantenheilung ganz vorn in der esoterischen Topsellerliste: "Wirkt sofort und jeder kann es lernen" lautet der Untertitel, und das ist ja schon einigermaßen vielversprechend. "Quantenheilung arbeitet mit sanfter Berührung und versetzt das vegetative Nervenssystem spontan und sofort in den Zustand, in dem tiefe Heilprozesse stattfinden: Das Nervensystem schaltet unmittelbar auf Heilung um und kann all das reorganisieren, was nicht optimal funktioniert", heißt es zum Buch. Ich werde das beim nächsten Schnupfen ausprobieren und einfach mal auf Tiefenheilprozeß umschalten. Man will ja optimal funktionieren.
Oder, Amazon Platz 2, "Das Prinzip: Geheimnis zur Erschaffung der gewünschten Realität". Hier haben wir wieder alles, was eine anständige Pseudolehre ausmacht: Neueste Erkenntnisse, uralte, vergessene Weisheit, den Schlüssel zu unerschlossenen Macht- und Kraftreserven in uns, die Erkenntnis unseres wahren Ichs, all die Schlüsselreize des Esoterikers. Wer will das nicht? Endlich zum inneren Wesenskern vordringen, endlich das Gehirn mal so richtig ausfahren wie andere den Porsche auf der Autobahn während des WM-Finales?

Ach, sag ich dann immer, ich hab kein wahres Ich, ich hab mindestens fünf. Und ich will mich nicht für eins entscheiden müssen, wer will sich schon für eins seiner Kinder entscheiden? Man hat sie doch alle lieb. Und Macht und Kraft will ich auch keine. Ich will auch keine Telefongebühren sparen oder mir für unfaßbar wenig Geld einen Fernseher mit Flachbildschirm kaufen. Ich sage gerne nein, ich will meine Ruhe, die sollen mich alle in Frieden lassen, ich will nicht mit dem Universum quatschen, ich quatsche schon viel zu viel unnützes Zeug, ich will meine Träume träumen und nicht mit ihnen arbeiten, ich will nicht meine Wohnung vollrümpeln mit Zimmerspringbrünnchen oder Klimperwindspielen, ich finde trommeln doof und rechte Winkel gut, ich will mich nicht tief erfahren, ich will meine Spiritualität nicht im Alltag leben und auch sonst nirgendwo, ich will kein Orakel bemühen, das mir weiterhilft, ich will mein Baumhoroskop nicht wissen, meine weibliche Urkraft ist mir egal, weil ich häßliche Vorurteile gegen Weibliche-Urkraft-Benutzerinnen habe und deshalb keine sein will. Ich lebe insofern in Einklang mit der Natur, als ich meine Zimmerpflanzen regelmäßig gieße, und meine Heilung findet durch einen Hausarzt und lauter böse Chemie-Medizin statt, ich glaube nämlich an Bakterien und nicht ans Orgon. Ich will, daß meine Krankheitserreger zumindest durch ein Elektronenrastermikroskop sichtbar sind, damit ich weiß, daß es sie gibt.
Außerdem bin ich ein abenteuerlustiger Mensch. Man hat ja heutzutage nur noch wenige Abenteuer, deshalb bewahre ich mir wenigstens das, meinen Kartoffelsalat zu essen, ohne ihn vorher ausgependelt zu haben. Ich glaube ohnehin nicht daran, daß ein Pendel sich ohne äußeren Einfluß bewegt, meine Gedanken lesen kann und darauf eine sinnvolle Antwort weiß. Ja, ich bin ein spiritueller Holzklotz, in meinem Zimmer könnten fünf unglückliche Seelen heulen, ich bekäme davon nichts mit. Aber ich bin wenigstens damit zufrieden, was ich bin.