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Ding und Dinglichkeit

Haus, Auto, Großmutter: Das Fotoalbum

26. November 2009, 18:26 Uhr

Achtung, gleich kommt das Vögelchen. Sag cheese! Und da sitzt man also zwischen Tanten und unter Weihnachtsbäumen und sagt cheese, erstarrt in einer Pose, die natürlich wirken soll, es aber nie ist und am Ende auch so aussieht. Der Blitz wäscht einem die Gesichtszüge aus, wirft einen finsteren Schlagschatten auf beige Cordpolster und die grünliche Wabentapete dahinter, während der Hintergrund in dunklem Matsch ersäuft, aber das macht nichts. Es geht hier nicht um Schönheit.

Das lichtbildnerische Zeugnis unserer Anwesenheit in jenem Wohnzimmer 1979 wird in ein Album geklebt, sorgsam beschriftet mit den Namen, dem Ereignis und einer Jahreszahl. Das ist für uns, als Erinnerung, und für die Nachgeborenen, damit sie wissen, daß es uns gab und in welchen scheußlichen Wohnzimmern wir gelebt haben. Das war mal modern, wir hatten damals nichts anderes.

Zwischen feinstem Seidenpapier mit Spinnwebprägung ruht die Geschichte des Aufstiegs bundesrepublikanischer Familien. Schau, da hat die Oma noch gelebt, und die Tante Hedwig. Namen, von denen man einmal gehört hat, ganz früher und ganz fern, Gesichter, die man nicht kennt, dicke Brillen darin und seltsame Frisuren obendrauf und darunter Kleider aus Polyester mit Lurexfäden. So sitzen sie auf Sofas oder in Restaurants, stehen mit Wanderrucksack im Wald oder feiern mit ihren Kindern im Garten Geburtstag. 

Die Familiengeschichte, wie sie sich im Album darstellt, ist eine Geschichte, die sich von Fest zu Fest hangelt und von Urlaub zu Urlaub. Das liegt vor allem daran, daß nur zu besonderen Anlässen die Kamera herausgeholt wurde, das gute Stück, und Film ist teuer und Abzüge erst recht, jedes Bild kostet Geld. Der männliche Teil der Verwandtschaft übernahm meist die Bedienung der Technik, wie sich das gehört, es gab ja noch keine Automatik damals, und man mußte alles mit der Hand einstellen. Die Sonne scheint, der Himmel lacht, ein Hundertstel und Blende acht. Sehr zappelige Kinder sind immer von einem Hauch Unschärfe umweht.

Die Sujets sind wenig einfallsreich, aber warum sollten sie auch jemandes Kreativität beweisen? Kreativität war in diesen Zeiten noch nicht als Tugend entdeckt, sondern Grille, Seltsamkeit, Phantasterei. Mach ein ordentliches Foto, nicht schief, von Urlaub, ersten Autos, größeren Wohnungen, Geburtstagen und Hochzeiten. Junge, fröhliche Menschen machen Ausflüge ins Gebirge. Die Hochzeitsreise. Eine Eintrittskarte klebt daneben wie ein Beweisstück, ein Hotelprospekt, gepreßte Enziane. Hier waren wir also zu Ostern 1959, wir konnten es uns leisten, wir hatten eine Jugend und ein paar gute Freunde. Einziges Zeugnis werktätigen Tuns sind Betriebsfeiern, Tanz und kaltes Büfett, dazu Ansprachen vom Chef, alle im feinen Anzug, es ist heut alles frei und die Musik spielt dazu. Am Tisch sitzen sie reihum und halten sich an Biergläsern fest, von einigen kennt man noch die Namen.

Es ist ein Leben von Höhepunkt zu Höhepunkt. Es ist nie der Alltag, der in diesen Alben dokumentiert wird. Man sieht kein normales Mittagessen bei Müllers zu Haus, keinen Kohl und keine Kartoffeln, keinen normalen Schultag der kleinen Steffi mit Turnbeutel und Hausaufgaben. Ab und an schlurfen allenfalls Großeltern in Kittelschürzen und Strickjacken durchs Bild, längst verflossene Haustiere werden portraitiert. Unsere Anja, so ein treuer Hund war das.

Säuglinge in Plastikwannen sind natürlich immer ein Ereignis. Von manchem Menschen gibt es vermutlich mehr Fotos in der Babywanne als aus den nächsten dreißig Jahren. Das Kleinkindalter ist minutiös dokumentiert, danach franst es aus. Das Kind tobt dann nur noch durch Urlaubsfotos und gliedert sich schließlich ein in die ganz normale Festtagsfotografie. Der Alltag mit Kleinkind ist noch ein Ausnahmezustand, der Alltag mit Schulkind ist schon zur Routine geronnen, die nicht mehr festgehalten werden muß.

Die Alben in unseren Schränken bilden die fotogewordene Erfolgsgeschichte der Nachkriegsgeneration, die wuchs und sich mehrte, die Wohlstand anhäufte und sich Urlaube leistete, auch solche im Ausland. Freudige Höhepunkte, abbildungswürdige Ereignisse, und was machen wir? In einer Zeit, da nichts mehr gewiß ist und der Aufstieg schon gar nicht, schlampen wir mit unseren Fotos auf fünf externen Festplatten und dreißig Speicherkarten herum. Wenn man mal Muße hat, brennt man welche auf CD, beschriftet sie und wartet, bis die Daten der Zeit und dem Vergessen anheimfallen, denn anschauen, nein, anschauen will diese Bilder niemand mehr. Seit das Fotografieren so billig geworden ist, seit sich Fehlschüsse umstandslos löschen lassen, ist die Kamera gern dabei und hält drauf, was der Akku hergibt.

Das Vorzeigen des Familienalbums war stets ein Akt der Einweihung in die inneren Kreise. Schwiegersöhne und -töchter in spe bekommen bei Antrittsbesuchen gern die Kinderbilder ihrer Liebsten gezeigt, während die Liebsten danebensitzen und sich schämen – das ist ein Ritual, das sich Mütter nur ungern entgehen lassen. Ein Ritual, das heute gern schon vorab auf der Facebook-Seite erledigt wird, ohne Mutter und völlig freiwillig. Ein großer Teil der Familienalben liegen digital als Homepage vor, dort stellt man sich und den Nachwuchs heute aus und schickt den Link reihum. 

Skifahren ist jetzt Snowboarden, Wandern in Tirol ist jetzt Trekking durch Asien, die Arbeitskollegen tragen keine Krawatte mehr. Kleinkinder sind noch immer ein Ereignis, Schulkinder immer noch nicht. Die Objektive sind länger geworden, die Kameras haben immer mehr Knöpfe, die man immer weniger braucht, weil alles automatisch geht. Papa kennt sich mit der Technik aus, Mutti nicht, aber ab und an will man jetzt auch kreativ sein. Das Familienalbum auf Papier mit den Fotos darin mit gezackten Rändern, diesen Fotoecken, die nie richtig kleben, dem knisternden Seidenpapier zwischen den Seiten, das mag tatsächlich aussterben. Aber die kulturelle Praxis, die dahintersteht, die bleibt. Das Zeigen von Bildern, das Basteln an der eigenen Aufstiegslegende mittels fotografischen Beweisen. Und wie soll man sonst die Erinnerung wachhalten an all die schönen, nur die schönen Zeiten – für sich selbst und für andere?

Veröffentlicht 26. November 2009, 18:26 von Andrea Diener
Kommentare

Christian S

26. November 2009, 18:58

Verehrte Fr. Diener, herzlichsten Dank für diese erneut großartige und so treffende Bestandsaufnahme eines verblassenden Kulturaspekts. Als Kind der letzten Jahre der "alten BRD" (Jg. 1979) betrifft und trifft mich diese Praxis noch zu fast 100% ins Herz, in meinem spezifischen familiären Umfeld auch in der Diaprojektor-Variante.

Als "IT-Beauftragter" meiner schwergeprüften Eltern hatte ich in den letzten Jahren, seit meine Mutter das internetbestellte individualisierte Fotobuch als Geschenk entdeckt hat, Gelegenheit, Jahrzehnte von Familiengeschichte(n) zu scannen und weiterzuverarbeiten, auch und insbesondere nach dem Tode meiner Großmutter als digitale Bewahrung der ansonsten unsystematischen Albeninhalte...

Man wundert sich schon, ob die digitale Revolution dies in irgendeiner Form (evtl. mit dem genannten individuellen Album, oder dem alltagsbillig werdenden Digitalprojektor [verzeihen Sie die Vermeidung des Begriffs "Beamer") aufgreifen wird.

Foersterliesel

26. November 2009, 19:06

.....und ganz ganz schlimm ist, wenn der samstägliche Flohmarkt schließt und alte Familienfotos im Rinnstein landen, von den Straßenkehrern zusammengekehrt werden. Sogar Fotos aus bäuerlicher Umgebung und einer Zeit, als die Burschen nur beim Militär und dann nochmal bei der Hochzeit fotographiert wurden, und diese Hochzeitsfotos dann Jahrzehnte überm Ehebett hingen, erleiden dieses schlimme Schicksal. Meine Mutter kaufte sich zu Kriegsende mit einer Hand voll Badeanzugfotos aus den Dreissigern von einer Vergewaltigung durch russische Besatzer frei.

Stiftungsmensch

26. November 2009, 19:16

Als meine Tochter drei Jahre alt war, tollte sie morgens immer schon im Wohnzimmer herum, während ihre Eltern noch dösten.

Einmal saß sie auf dem Sofa und blätterte in einem älteren Fotoalbum. "Da ist der Papa", sagte sie, "und da ist der Papa und da ist der Papa." -- Aber wo bin ich? Die Antwort, sie sei noch nicht auf der Welt gewesen, befriedigte sie nicht.

Don Ferrando

26. November 2009, 20:01

ich lasse mir immer noch Abzüge machen, egal ob von Silberchlorid oder Speicherkarte.

Und so führe ich die Familientradition fort.

Ich gucke sie immer gerne an, egal ob meine Irlandreise im 21. Jahrhundert oder Opas Album vom Staab der 3. Landwehrdivison Flandern 1916!

Till

26. November 2009, 20:03

LIebe Frau Diener - Vielen Dank! Sehr schön erinnert. Photographiert wurde wenig. Und lange telefonieren war Sünde. Meine Mutter im fliederfarbenen Mini-Dirndl auf der Akropolis herumturnend. Das war dann schon im Super 8 Format.

hr.fuenfprozentfrau

26. November 2009, 20:11

Ich hege immer noch Bewunderung für die Fähigkeit meines Schwiegervaters aus einem 36er- Film ca. 30 vorzeigbare Fotos zu machen.

Straight Chris

26. November 2009, 21:10

Irgendwie kommt mir dieser Text vor wie eine Kurzzusammenfassung eines Seminars, das ich mal besuchte. Die Fotomotive haben sich kaum geändert, in der Aufbereitung der Inhalte ist aber alles ganz anders. War es früher die meiste Arbeit vor dem Abdrücken zu überlegen, so ist es heute die Hauptarbeit aus den digitalen Fotos auszuwählen.

Nicht jedes fotografierende Individuum kommt damit zurecht, und letzten Endes beträgt die Anzahl der Urlaubsfotos, die man sich aus Höflichkeit ansieht etwa 200 Stück - die sind ja alle so schön! Jedes Sujet bei jeder Sehenswürdigkeit durchexerziert: 1. Sehenswürdigkeit; 2. Frau mit Sehenwürdigkeit; 3. Paar mit Sehenswürdigkeit. usw.

Einmal meinte jemand zu mir: "Ich lade meine Fotos auf flickr hoch, da bekomme ich durch einfache Bewertung Feedback welche Fotos gut sind und welche nicht. So erspare ich mir die Arbeit des selber bewerten müssens." Das hat sich wohl auch geändert, wer sich das alles noch ansehen?!?

---

Fotoautomaten laden zu unansehnlichem Aufpeppen ein. Billige Drucktechniken führen zu einer Inflation an Bildern auch in der realen Welt. omg!

---

Meine Empfehlung: Fotos vom Flohmarkt, wenn diese nicht übertrieben teuer sind. Ich habe mal am Flohmarkt an die 300 Fotos von einer Reise durch das östliche Mittelmeer aus den 1950er-Jahren um 100 Schilling (7,27 Euro) erworben, von dem zehre ich heute noch. Besonders empfehlenswert: Negative im Mittelformat. Fotografen mit dieser Ausrüstung konnten in der Regel besser fotografieren als gewöhnliche Leute.

---

Wie schon bei der analogen Fotografie folge ich auch in der digitalen Welt dem sogenannten Apostelprinzip: 12,24 oder 36 Fotos, damit die Zusammenstellung auch harmonisch und abgerundet wirkt.

zonebattler

26. November 2009, 21:23

http://www.zonebattler.net

Die Tante Hedwig war weiland auch die meine. Der Rest stimmt auch: Wie klein die Welt doch ist!

Andrea Diener

26. November 2009, 21:30

Christian S., Dias sind ein wunder Punkt unserer Familienhistorie. Mein Vater hat ein paar Jahre lang, zwischen Hochzeitsreise und ungefähr meiner Grundschulzeit, alles auf Diafilm aufgenommen, der aber nie gerahmt wurde, und der Diaprojektor ist auch seit fast 40 Jahren kaputt. Irgendwie fehlt mir da ein Stück Leben.

.

Foersterliesl, das ist wirklich schlimm. Ich muß zugeben, wir haben auch ein paar Glasplatten-Negative meines Großvaters entsorgt, ich habe mich aber vehement dafür ausgesprochen, zumindest die interessantesten zu behalten (die mit Leuten drauf).

.

Till, meine Mutter turnte im Dirndl immerhin in den Alpen herum (siehe Bild 1). Mit unbekannten Herren. Ts.

zonebattler

26. November 2009, 21:35

http://www.zonebattler.net

 

@Christian S:

 

Der Diaprojektor hat dem zeitgenössisch digitalen Bildwerfer gegenüber einen unschätzbaren Vorteil: Man kann an der Zahl der nebendran gestapelten Magazinkästen recht valide abschätzen, wie lange einen der Gastgeber zu bespaßen resp. zu drangsalieren gedenkt!

 

Der Silberscheibe im Laptop hingegen ist nicht anzusehen, ob sie eine wohlbedachte Bestenauswahl von 200 Aufnahmen aus dem Urlaub beherbergt oder doch eher die ungefilterte Ausbeute von 2000 Schnappschüssen zweifelhafter Güte. Letzteres ist leider die häufiger anzutreffende Variante, was man freilich erst merkt, wenn nach 2,5 Stunden die letzten Erdnüsse gefuttert sind und die Lider schwer werden...

 

Dagegen waren im Analogzeitalter die Materialkosten und der zu leistende Vorbereitungsaufwand ein erzieherisches Korrektiv. Aber dahin kommen wir nimmermehr zurück.

Nuschi

26. November 2009, 21:50

http://2ndtravel.blogspot.com

Das Brennen auf die CDs - die dann in fünf oder zehn Jahren nicht mehr ausgelesen werden können... bin das nur ich, der glaubt, das die Jahre, die wir jetzt grade erleben, später mal als die schlechtestdokumentierte Zeit von allen bejammert werden wird?

Denn von den tausend Bildern, die wir machen, kommt doch kaum mal eins auf Papier.

Vielleicht finden wir die Bilder, die wir heute verlieren, ja morgen per Google-Images-Suche wieder.

Andrea Diener

26. November 2009, 21:54

Chris, und andere schauen sich tatsächlich diese ganzen Flickr-Fotos durch und bewerten die? Haben die sonst nichts zu tun? ("Und das ist meine Frau im knappen Bikini" – na wunderbar. Da wird sich die Frau aber freuen über die vielen positiven Bewertungen.)

.

Ich bin im Übrigen heilfroh, noch nie zu einem digitalen Urlaubsdiaabend eingeladen worden zu sein. Hoffentlich bleibt es dabei.

Christian S

26. November 2009, 22:51

@Zonebattler:

"Der Diaprojektor hat dem zeitgenössisch digitalen Bildwerfer gegenüber einen unschätzbaren Vorteil: Man kann an der Zahl der nebendran gestapelten Magazinkästen recht valide abschätzen, wie lange einen der Gastgeber zu bespaßen resp. zu drangsalieren gedenkt!"

Trefflich und köstlich bemerkt! Ich bin in der Tat überaus dankbar, dass meine Eltern bei Urlaubsfotos stets durchaus selektiv vorgingen und -gehen, damals bzgl. Papierfilmen wie heute bzgl. Bits & Bytes. Sind die Koffer ausgepackt und hat sich der Heimkehrerstress gelegt, werden baldestmöglich die Bilder durchgesehen und bereinigt, und Dia-Abende zogen sich bei uns auch nie über mehr als drei Kisten. Meistens dann doch in Nostalgie schwelgend, da man Ende der 80er, Anfang der 90er aus Bequemlichkeit doch nur noch Papierbilder aufgenommen hat.

Aber Weiterverwertung und Medientransfers werden doch weiterhin dem "effizienteren" Sohne übertragen bzw. -lassen. Nicht dass ich es ihnen übelnähme.

Straight Chris

26. November 2009, 22:53

bez. flickr

Vielleicht war das im Jahr 2006 noch anders, die Aussage jenes Herren , im übrigen Universitäts-Professor, hat mich erschaudern lassen. Und weil das damals zugleich mein Erstkontakt zu flickr durch Mundpropaganda war, konnte ich mich zwangsläufig nie mit flickr anfreunden.

@Nuschi: Die Google-Bilder-Suche ist nicht immer ganz leicht. Aber wenn es funktioniert, ist es immer erfreulich wie süss die Fotos als Vorschaubilder aussehen.

Andrea Diener

26. November 2009, 23:24

Nuschi, nein, das sind nicht nur Sie. Mit etwas Glück funktioniert Archive.org dann immer noch. Wir haben letztes Jahr für die Tagebuchausstellung im Museum für Kommunikation versucht, mein Blog in allen Stadien seit dem Jahr 2000 zu rekonstruieren (und es auch geschafft) – da bekam ich eine grobe Vorstellung davon, was Internetarchäologen dereinst werden leisten müssen.

.

Christian S., inzwischen liegt die Fotografiererei meiner Eltern weitgehend auf Eis. Meine Mutter tut etwas, was sie "knipsen" nennt, und die Ergebnisse landen dann in diesen registerartigen Alben mit Klarsichthüllen. Ein ziemlicher Kulturabfall gegen das, was sie in den Fünfzigerjahren liebevollst gestaltet hat.

schusch

27. November 2009, 01:11

"Gezackte" Fotos. Ich kann mich an solche Fotos in meiner Kindheit aus meiner noch früheren Kindheit erinnern. Es gab sie. Was da jetzt drauf war, werde ich wohl nie wieder wissen, denn die Fotoalben, die meine Eltern in Anwesenheit meiner diesmaligen Lebensgefährtin rausgeholt haben, (sind das das die einzigen?) hätten auch von Stalins Propagandaeinheit herausgeholt sein können. Die einzige Erkenntnis: Entweder war ich mit Eimer und Schaufelchen am Strand von Jesolo Lido oder hatte später Mal bescheuerte Frisuren. Und die Bilder von den anderen wirken auch nur dadurch, dass ich diese Leute wohl mal gekannt habe und sie wohl damals irgendwie so aussahen. Oder auch nicht.

zonebattler

27. November 2009, 06:18

http://www.zonebattler.net

 

Ein kleiner Seitenschwenk: Die weiter oben angesprochene Google-Bilder-Suche gibt mir zuweilen Anlaß, an der Menschheit zu zweifeln. Der mit großem Abstand meist-angeklickte Beitrag in meinem eigenen virtuellen Album ist nämlich dieser hier:

 

www.zonebattler.net/.../memory-effekte-6

 

Der wurde schon von mehreren Tausend virtuellen Gästen aufgerufen (mindestens ein Dutzend täglich!), die per Google-Bildersuche nach "Reichsadler" gefahndet hatten. Ich habe meine Zweifel, daß das sämtlich Historiker von unzweifelhaft demokratischer Gesinnung sind, die da im Netz ihre wissenschaftlichen Recherchen betreiben...

Ju Honisch

27. November 2009, 10:34

http://www.juhonisch.de

Was mich immer an diesen alten  (50er, 60er Jahre) Fotos fasziniert ist, dass sie bei allen Familien so unendlich gleich sind. Da ist die Mode, aber auch die Gesichter scheinen eine einheitliche Ausrichtung zu haben. Gedacht waren die Bilder als Zeugnis des Daseins bestimmter Individuen und Familien und rausgekommen ist die Erkenntnis, dass wir alle - blicken wir nur weit genug zurück - den Nachkommenden nur eine amorphe Masse identischer Zeitgeist-Darstellung sind. Nackte Kinder in Zinkbadezubern, Frauen mit der Hand am Korbgeflecht-Kinderwagen, daneben Männer, die stolz aussehen, aber den besagten Wagen nicht selbst schieben, da das als unmännlich galt. Und alles irgendwie sehr gleich.

Andrea Diener

27. November 2009, 11:14

Ju, ich glaube, diese Gleichheit sah man damals positiver. Man wollte wohl als angenehm normal, als nicht abweichend gelten. Dementsprechend hat man also brav die Familienbild-Sujets nachgestellt, die sich in ihrer Frühzeit noch an die Familienportraits in Öl anlehnen. Mit der portablen Fotografie, die nicht mehr im Studio vom Fachmann ausgeführt werden muß, ist zwar ein Stück Alltag in die Fotos eingekehrt, aber nur in sehr begrenztem Ausmaß. Es entwickelten sich eigene Familienbildthemen (Urlaub, Kind in Zinkwanne etc.), die die Alben in allen Familien gleich aussehen lassen. Umso stärker fallen Bilder heraus wie die aus dem Arbeitsumfeld meiner Mutter.

elbsegler

27. November 2009, 11:55

Die Bedeutung der Fotos wandelt sich auch mit der Zeit. Jedenfalls bei mir. Ich habe früher, als man noch die Bilder zählte, diese "Familienbildthemen" eher vermieden und im Urlaub lieber Land und Leute fotografiert. Nach Jahren suche ich jetzt oft gerade die Bilder der Familie. Diese "Guck mal, da hattest du ja noch Haare!"-Bilder. Ob die digitale Speicherung es noch zuläßt, unsere Bilder von heute in 20 oder 30 Jahren problemlos ansehen zu können? Oder gehen die Bilder mit dem Handy in den Müll? Jedenfalls steigt der Aufwand enorm. Das olle Fotoalbum brauchte nur herumliegen und warten, bis sich wieder jemand für seinen Inhalt interessiert. Das Digitale Archiv braucht ständige Pflege. Man kann seinen privaten Kram natürlich auf irgendwelchen fremden Servern ablegen, dann haben die Betreiber das Problem. Gleichzeitig verliert man ein Stück Privatsphäre. Denn wer weiß schon wirklich, was mit seinen Daten dort passiert.

Auf jeden Fall geht ein Stück Authentizität verloren. Schon das Album selbst ist ein zeitgeschichtliches Zeugnis. Die alte Blechdose mit den unsortierten Fotos hat auch einen magischen Reiz, den ein Bildschirm nicht ersetzen kann.

Andrea Diener

27. November 2009, 15:31

Elbsegler, ich habe früher immer vermieden, Menschen mit aufs Bild zu bekommen, inzwischen halte ich die Menschen für das eigentlich wichtigste. Gerade die eigentlich unspektakulären Bilder. Ich weiß nicht, ob Sie sich mal das Konvolut angeschaut haben, das das Bundesarchiv der Wikipedia gespendet hat, das geht ja querbeet. Und am interessantesten sind meines Erachtens nicht die Tagesergeignisse, sondern die Bauern bei der Rübenernte oder die Landfrauen beim Kaffeetrinken. (Weil mich der Alltag fasziniert, mache ich vermutlich auch so ein Blog wie dieses hier.)

Alter Bolschewik

27. November 2009, 15:52

Ich habe das unverdiente Glück, daß sich meine Geliebte um unsere Photos kümmert. Nach jedem Urlaub verlangt sie eine Kopie meiner Speicherkarte, dann werden alle unsere Photos gesichtet und eventuell am Rechner nachbearbeitet (gelegentlich kann es da schon mal vorkommen, daß sich das Dinosaurierskelett aus dem Naturkundemuseum in die freie Wildbahn verirrt), dann läßt sie von den wirklich gelungenen Bildern Papierabzüge machen, die heutzutage ja auch praktisch nichts mehr kosten. Nur in ein Album werden die Bilder nicht mehr eingeklebt, sondern landen in einer Art Karteikasten. Ich finde es sehr schön, dann nach ein paar Jahren die Bilder von diesem oder jenem Urlaub wieder herauszuziehen und gemeinsam durchzusehen, aber selber hätte ich nicht die Geduld für diese Arbeit. Bei mir landet alles auf einer CD und da habe ich dann auch schon bevor sie unlesbar wird in der Regel das Problem, daß ich sie nicht mehr finde.

 

Alben habe ich vor rund dreißig Jahren, auf meinen ersten Reisen, angelegt. Da ich damals nicht photographierte habe, wurden Eintrittskarten, Quittungen, Übernachtungsbelege und ähnliches eingeklebt und mit ein paar Stichworten versehen, damit ich mich später wieder erinnern können sollte. Neulich fiel mir so ein Ding zufällig beim Aufräumen wieder in die Hand. Beim Durchblättern mußte ich feststellen, daß ich mich wirklich an so gut wie gar nichts mehr erinnere und daß auch die Stichworte eher zur Mystifizierung beitragen. Seltsam, wie so ganze Teile von einem - und was sind wir denn anderes als unser Gedächtnis - einfach absterben können. Ganz zu schweigen von dem, das ich noch zu erinnern glaube, das aber wahrscheinlich mit den damaligen Erfahrungen auch wenig zu tun hat.

mark793

27. November 2009, 16:46

http://mark793.blogger.de

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"In einer Zeit, da nichts mehr gewiß ist und der Aufstieg schon gar nicht, schlampen wir mit unseren Fotos auf fünf externen Festplatten und dreißig Speicherkarten herum. Wenn man mal Muße hat, brennt man welche auf CD, beschriftet sie und wartet, bis die Daten der Zeit und dem Vergessen anheimfallen, denn anschauen, nein, anschauen will diese Bilder niemand mehr."

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Ist dem so? Der Telekommunikationsanbieter unserer Wahl bietet nicht nur eine Software zur Erstellung von Fotobüchern, auf Bestellung druckt er diese auch in der gewünschten Stückzahl aus. Meine Frau betextet die Bilder mit sehr viel Liebe, und so nehmen wir diese Bücher auch von Zeit zu Zeit gern nochmal zur Hand ("ach guck, mal, sooo klein war die Kleine damals..."). Die Großeltern fragen regelmäßig nach, wann wir denn mal wieder ein neues Fotobuch fertig haben. Dass also die ganzen Gigabyte an digitalem Bildmaterial unbetrachtet auf irgendwelchen Datenträgern versauern, kann ich für unseren Haushalt so nicht bestätigen.

Allerdings muss ich gestehen, dass die zwei Jahrzehnte meines Lebens zwischen Abi/Wehrdienst und Heirat/Familiengründung so gut wie gar nicht fotographisch dokumentiert sind. Weder habe ich selber auf den Auslöser gedrückt noch mich anderweitig ins Bild gedrängt oder um Abzüge bemüht. Seit ich blogge, knipse ich ab und zu mit der abgelegten Digitalkamera meiner Frau, aber zu irgendwelcher Meisterschaft damit werde ich es in diesem Leben wohl nicht mehr bringen.  

elbsegler

27. November 2009, 17:05

@Andrea Diener

Ja, mir geht es auch so. Nach Jahren wird das Belanglose wichtig und das wichtige belanglos.

@Alter Bolschewik

Dieses Vergessen ist allerdings erstaunlich, wenn nicht sogar erschreckend. Ganze Jahre versinken im Nebel dieses Vergessens. Es ist ein Fataler Irrtum zu glauben, man erinnere sich an die damalige Wirklichkeit. Ein Zeichen dafür, dass man sich auf Zeitzeugen historischer Ereignisse nicht allzu sehr verlassen sollte.

Andrea Diener

27. November 2009, 18:15

Mark, Bolschewik: Es scheint fast, als seien die Damen eher angetan, Ordnung in digitales Chaos zu bringen. Vielleicht liegt es auch am Kinderkriegen, vielleicht wird mit der Familiengründung das Festhalten der Vergangenheit wichtiger, weil man jemanden hat, an den man es weitergeben will. Und für sich selbst die Zeit dadurch immer wieder erlebbar macht, wenn man die alten Alben zur Hand nimmt. (Nachfragende Großeltern sind natürlich auch ein handfestes Argument.)

.

Elbsegler, das verwischt verdammt schnell. Wenn ich mein Blog nicht hätte, ich könnte nicht auf Anhieb sagen, was ich im Sommer 2005 so gemacht habe. (Ah, da steht es ja: Ich habe das Prüfungsamt terrorisiert, mich zur Magisterprüfung zuzulassen.)

Kathrin

27. November 2009, 19:21

Ich gehöre zwar auch zu denen, die chronisch vergessen vor dem Herumzeigen der Urlaubsfotos diese auszumisten - Aber zumindest lasse ich irgendwann meine schönsten Fotos entwickeln und klebe sie ordentlich in ein Album. Zusammen mit Eintrittskarten und ähnlichem Firlefanz. Es gibt nichts schöneres als ein vernünftig zusammen gestelltes Fotoalbum. Wer weiss, wie lang CD-Roms halten.

Dagmar Cunningham

28. November 2009, 12:05

Seit meinem 14. Lebensjahr habe ich fast alles dokumentiert, Wohnung in Sachsenhausen, Ausbildung in der Uniklinik, Demonstration mit Herbert Marcuse, archäologische Ausgrabung in New Mexico, erste , freie Wahl in der DDR, Umzug nach Michigan. Die Alben füllen Wohnzimmer Regale. Seit  21/2 Jahren nun Digitalfotografie, mehr Bilder, aber weiterhin Papierabzüge und Alben. Bin dem lokalen Kamera Klub beigetreten. Es ist einfach eine gute Passion, sie tut keinem weh, im Gegenteil, man erfreut die Mitmenschen mit einem gelungenen Portrait. Zum Spass hänge ich auch Frankfurt Bilder im Cafe um die Ecke in Traverse City auf. Immer eine Gelegenheit zum Gespräch.

Jeanne S.

28. November 2009, 21:21

Ein wunderbarer Artikel Frau Diener, vielen Dank dafür.

Ich höre noch genau die Worte meiner Oma "Kommt mal zusammen, ich will den Film noch vollmachen...". Bei uns wurden früher auch sämtliche Familienereignisse auf Bildern festgehalten. Und es stimmt, je kleiner die Kinder, desto mehr Fotos.

Zwar arbeite ich mittlerweile auch mit einer digitalen SLR und Bildbearbeitungsprogrammen im semiprofessionellen Bereich, aber auch bei mir werden immer viele Bilder auf Papier gebracht. Das schönste Gefühl ist es für mich, wenn meine Bilder die Wohnzimmer meiner Freunde und Familie schmücken. Ab und an greife ich allerdings auch heute noch zu meiner alten Pentax SLR, welche auch noch nach 25 Jahren gestochen scharfe Bilder liefert.

Meine Fotoalben und die meiner Familie stehen noch im Wandschrank und ich hoffe, dass es noch viele mehr werden.

Andrea Diener

28. November 2009, 23:29

So viele Freunde des Albums.

.

Ich glaube, ich muß mal wieder ausdrucken und kleben. Und die Eintrittskarten und Informationsblättchen nicht in eine Kiste werfen, sondern schön ordentlich dazu. Irgendwer wird sich daran sicher mal freuen, im Zweifel ich selbst.

tberger

29. November 2009, 13:29

Übrigens, wo Ju Honisch schreibt, daß auf alten Fotos die Menschen so gleich aussehen - das wird eine zukünftige Generation auch über uns denken.

Ich war neulich mit meiner Freundin im Park (Kolomenskoe, also kein rein deutsches Phänomen :-)), wo Jugendliche gegenseitig Bilder schossen. Sie haben ganz genau gemerkt, daß diese Bilder zur Veröffentlichung bei Facebook gedacht waren. Es gab da eigentlich nur zwei Variationen, entweder der gedankenvolle, emotionale Blick aus schrägem Winkel, oder der geneigte Kopf mit aufgesperrtem Maul und "quirky"-gem Ausdruck.

Paulchen

01. Dezember 2009, 17:40

Wehrte Frau Diener,

und ganz am, na ja kurz vor dem Ende, habe ich die Zeit

mehr als einen Nachmittag zu grübeln, wer all diese Leute

waren. Nicht nur die Namen auch woher und wohin?

Es ist ein besser Zeitvertreib als Kreuzworträsel.

Danke für Ihren Artikel.

Herzlichst P.

Ploy

05. Dezember 2009, 06:34

Als Beobachtung aus dem Fernen Osten, bzw. von insbesondere Ostasiatinnen (lebe nicht in Europa und weiß daher nicht, wie sehr das Phänomen vielleicht auch dort um sich gegriffen hat):

An die Stelle der Photographie bei "besonderen Anlässen" ist längst die pausenlose Selbstphotographie (natürlich digital, oft per Mobiltelephon) getreten, die weit überwiegend von jüngeren Damen betrieben wird (Herren entdecke ich höchst selten bei dieser Beschäftigung). Bevorzugtes Sujet ist: "Ich und meine Freundin", besser noch: "Ich und ein Promi", alternativ: "Ich und ein Berg/Gebäude/Schaufensterauslage/usw.). Vermutlich wird, wie bei jeder Inflation, auch bei dieser Photoinflation ein galoppierender Wertverlust (nebst entsprechend geringschätzender Aufbewahrung) eintreten;  vielleicht werden in 100 Jahren die wenigen dann zufällig noch vorhandenen Aufnahmen zu Kultobjekten. Das hat - in anderem Zusammenhang - auch schon Karl Marx gesehen und nannte es die Umwertung aller Werte.

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27. November 2009, 07:24

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