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Ding und Dinglichkeit

Allein unter Begonien: Das Grab

03. Dezember 2009, 16:52 Uhr

Regelmäßig im Spätherbst, wenn das letzte Blättchen gefallen ist, brach meine Familie zum Nordzipfel unseres Stadtteils auf, denn dort, direkt am Rand des kleinen Wäldchens, liegt der Friedhof. Und dort muß man zum Winter hin etwas tun, was man "Grab machen" nennt. Man tritt also durch das etwas martialische Portal, das irgendwann in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einmal für würdevoll gehalten worden sein muß, durch die Pappelallee, deren Blätter ordnungsliebende Grabpfleger verzweifeln läßt, in hintersten Teil des Friedhofs. Dort, direkt an der unverputzten Ziegelmauer, stand der Grabstein: Schwarz mit Frakturschrift, ein wenig Efeu rankte von hinten her um den Sockel, darauf die Namen der Verwandtschaft meines Großvaters väterlicherseits.

Ich hatte wenig Bezug zu denen, die dort lagen. Lange verstorbene Großonkel, Urgroßväter und ihre Gattinnen, nie gesehen und nie erlebt, ihre Namen kennt man nur aus den Geschichten, wenn die Großeltern von einer Zeit erzählen, die "früher" heißt. Verwischte Gesichter im Familienalbum, einfache Kleidung, Bärte, große Kinderschar.

Wir waren selten die einzigen dort, die Grab machten. Scharen vorwiegend älterer Damen bewaffnen sich einmal im Jahr mit graugrünen Mooskissen, in denen getrocknete Pflanzenteile stecken, mit winterharten Eriken und Tannenkränzen und ordnen diese sinnfällig auf einem Rechteck an, das mit Cotoneaster und anderem Kriechgrün bewachsen ist. Liebevoll wird ein dunkelschwarzes Feld, für dessen Farbe ein Quadratmeter Moorlandschaft gestorben ist, mit einem Rechen in einen Zustand korrekter Krümelhaftigkeit versetzt, Gräslein werden gezupft und letztes Laub entfernt. Gepflegt und ordentlich soll es aussehen. Schön sollen es die Verstorbenen haben. 

Einige treiben es besonders weit. Man erzählte sich in Friedhofsgängerkreisen, die Schulze käme dreimal täglich. Das Grab ihrer Familie war stets makellos, kein Blättchen darauf, alle heruntersortiert, kein Unkraut, nichts. Sie hatte ihren eigenen Kies, der besonders sauber war und viel rötlicher als der normale, breitgetretene Wegekies, den breitete sie zu einem exakten Rechteck vor dem Grab aus und rechte ihn dreimal täglich wieder glatt. Im Winter packte sie den Kiesteppich ein und wusch ihn.

Die Schulze war das Extrembeispiel, aber es wurde ja viel getratscht auf dem Friedhof. Wer sein Grab ordentlich hält und wer nachlässig wirkt, wer geschmacklose Gestecke aufstellt und wer die billigen vom Penny, es wurde getratscht, wer nur eine Gärtnerei beauftragt und sich nicht einmal die Mühe macht, sein Grab selbst in der Reihe zu halten und wie lieblos das sei. Es gab eine Menge zu tratschen, wie überall, wo viele alte Frauen mit viel Zeit zusammenkommen, und viel zu urteilen, und nur eins schwebte über dem Tratsch, das war die Friedhofsordnung.

Trauer, so könnte man angesichts der Friedhöfe denken, ist nichts individuelles, und denen, die hier begraben liegen, wird anhand eines stereotypen Trauerarsenals gedacht, das keine persönlichen Züge zuläßt. Im süddeutschen Raum haben die Toten Gesichter, hier nicht. Hier haben sie nur einen Namen und dürre Lebensdaten, der Rest ist Begonie und Grablaterne. Es bleibt nur die Wahl zwischen Granit und Sandstein, zwischen Efeu und Cotoneaster, zwischen Primeln und Stiefmütterchen. Überall die roten Dauerkerzen, an denen noch der Aufkleber mit dem Barcode klebt. Im Tod, so heißt es, sind wir alle gleich. Es klingt wie eine Drohung. Wir bekommen einen nierenförmigen Stein hingestellt und mit etwas Glück eine Zwergkonifere. 

Die Formensprache der heutigen Sepulchralkultur hängt irgendwo zwischen falschverstandenem Jugendstil und Bronzebrutalismus fest. Immerhin kann man sich in Eintracht-Frankfurt-Urnen einäschern lassen, wahlweise in rot oder schwarz, soviel Auswahl muß sein. Man kann sich zunehmend auch in Ruhewäldern bestatten lassen, die viele Friedhöfe inzwischen anlegen. Dort erinnert ein Stein an einen, ein Grab muß nicht gepflegt werden. Die Menschheit ist eben mobiler geworden, Hinterbliebene ziehen mitunter auch weg, und es ist keiner mehr da, der die Blättchen aufliest. Witwen und Waisen haben mitunter auch andere Lebensinhalte.

Doch auch bei der guten, alten Grabgestaltung tut sich derzeit einiges. In den neu erschlossenen Arealen macht sich ungewohnte Farbigkeit breit. Hier ruhen die Neuankömmlinge: Polen und Italiener stellen große, bunte Madonnen auf, Plastikblumen und Figürchen aller Art, Marmorengelchen sind besonders beliebt. Wer einen türkischen Namen trägt, bekommt sein Grab mit weißen Steinen eingerahmt, ein Holzschild statt ein Kreuz und viele bunte Blumen. Mit ein wenig Verspätung gleicht sich der Friedhof seinem Stadtteil an. 

Es ist nicht mehr alles braun und beige. Es gibt noch mehr Blumen außer Begonien. Kindergräber dürfen bunt sein und sind gerade dadurch besonders rührend. Es gibt keine DIN-Norm für Trauer, und seitdem die Ordnung ein wenig aufgebrochen ist, die eigentlich die Würde bewahren helfen sollte, haben die Friedhöfe einiges von ihrem sterilen Schrecken verloren. Und an Würde interessanterweise gewonnen. Für einige Unverbesserliche gibt es noch immer viel zu tratschen, aber das ist egal, es gibt wichtigeres.

Veröffentlicht 03. Dezember 2009, 16:52 von Andrea Diener
Kommentare

muscat

03. Dezember 2009, 17:22

Die Grabinschrift auf dem oberen Foto: Wirklich ein Knaller. Da braucht es dann auch keine "bundischen" Blumen mehr auf dem Beet...

Filou

03. Dezember 2009, 17:22

Sie uebertreffen sich. So ein scheoner Titel. Wie oft werde ich den nun metaphorisch verwenden...

Don Ferrando

03. Dezember 2009, 17:31

Mein Idealfriedhof ist der der Niederländisch Reformierten Gemeinde in Elberfeld, wo meine Großeltern begraben liegen!

wuppertal.de/.../550x550.pm1.bgFFFFFF.jpg

Für jeden nur eine Grabplatte und ein Rosenstock!

Jeeves

03. Dezember 2009, 19:55

@muscta:  Was oder wo ist der "Knaller" an "fleißig" und "redlich" oder gar an "gut"? (bei "fromm" halt ich mich raus). Und was sind "bundische" Blumen in diesem Zusammenhang und überhaupt?  Rätselhaft, sehr rätselhaft.

Andrea Diener

03. Dezember 2009, 20:14

Nunja, Jeeves, es ist ein dem Zeitgeschmack entsprechend rührend unbedarftes Knittelverschen, was der Dame da angeheftet wurde.

.

Don Ferrando, das ist ja mal ein wirklich demokratisches Prinzip. Gleicher Stein, gleiche Pflanze, keine Vasenorgien.

Esther

03. Dezember 2009, 21:11

Was wäre denn euer - dem Zeitgeschmack entsprechender - Grabspruch?

Mein Tipp:

"Da liegt bestimmt ein kluger Kopf darunter"

Julius Böhmer

03. Dezember 2009, 22:26

Mein Lieblingssatz: "Die Formensprache der heutigen Sepulchralkultur hängt irgendwo zwischen falschverstandenem Jugendstil und Bronzebrutalismus fest." Genau, so isses!

miner

04. Dezember 2009, 01:24

Mein Gott, welch Tiefgang. Ach, ich werd´s ja nie verstehen....wie kann man nur fähig sein, so etwas zu schreiben?  Alle Achtung.

Echt feine/tiefe Zeilen, die Leben, Tod und "Leben nach dem Tod" ( zumindest das der anderen ) miteinander verknüpfen und auf den Punkt bringen.  

Mir ging übrigends beim Lesen des Textes das Lied "Gräber" von Biermann durch den Kopf ( obwohl ich kein Biermann Fan bin )

Kai Stockrahm

04. Dezember 2009, 07:41

http://www.stockrahm.de

Ein wunderbar pointierter Artikel. Als Profi kann ich Ihnen nur zustimmen. Oftmals stehen Angehörige dem Tod und der Trauer - und vor allem deren Bewältigung - recht hilflos gegenüber. Die Folge sind Flucht in Stereotypen mit den Ergebnissen, die Sie so treffend gschildert haben. Hier könnten Friedhofsgärtner (diesen Beruf gibt es tatsächlich, wir gehen manchmal etwas unter...) helfen , man muß sie nur lassen. Siehe z.B. auch hier: www.es-lebe-der-friedhof.de

Ich habe schon eine Menge Gespräche zur Grabgestaltung geführt und es ist zum Teil unendlich schwer, eine Individualisierung einer Ruhestätte hinzubekommen. Aber, und auch da liegen Sie richtig, es ändert sich. Ganz vorsichtig wird seitens der Witwe nachgefragt, ob man denn auch Steine, die ihr Mann gesammelt habe, aufs Grab legen könne? Natürlich! Gerne! Hatte der / die Verstorbene Lieblingsblumen? Wo hat sie oder er sich gerne aufgehalten? Gibt es Hobbys, auf die man bezug nehmen kann? Das sind so Sachen, die ich versuche herauszuarbeiten.

Nicht alles geht, nicht jede Pflanze kommt mit jeder Lage zurecht, aber oft gibt es Alternativen. Ich freue mich auch jedesmal über einen individuell gearbeiteten Stein, zu viele Gräber habe ich schon rund um einen 50er-Jahre-Nierentisch anglegt...

Andrea Diener

04. Dezember 2009, 08:51

Esther, Grabsprüche sind leider völlig aus der Mode gekommen. Man druckt ein frommes Sprüchlein über die Traueranzeige, das war's. Die Grabsteine des letzten Jahrhunderts werden die vermutlich langweiligsten auf dem ganzen Friedhof sein.

.

Kai Stockrahm, gut zu wissen, daß die Friedhofsgärtner da mitziehen. Man denkt ja oft, es sei verboten, irgendetwas anderes als Eriken zu pflanzen. Meistens sind mir dann die überwucherten, ungepflegten Gräber noch lieber, die sehen wenigstens nicht ganz so tot aus. In einigen Gegenden scheinen ja auch komplette Steinplatten beliebt, das hat dann immer so etwas komplettverdeckeltes. Da muß es rundherum schon sehr schön und grün sein, daß man das aushält.

muscat

04. Dezember 2009, 09:19

@Jeeves: "bundisch" ist das hessische Wort für "bunt".

@Esther: Sehr schön ;-)) So einen Spruch würde ich mir für mein Grab in jedem Fall auch wünschen. Doch das will verdient sein...

Frau Waldwuff

04. Dezember 2009, 09:24

Sehr geehrte Frau Diener,

der Tratsch auf den Friedhöfen, meine Familie "macht viele Gräber" ist mir nie aufgefallen.

Die Friedhofskultur ist trotz allem doch sehr individuell. Nie habe ich bei meinen Freundinnen gehört, dass bei ihnen alle Feiertage auch für die Toten schön sein sollen. Und so besuchen vermutlich nur mein Vater und meine Mutter vor Ostern (quasi Frühlingsputz), zu Allerheiligen, zum Volkstrauertag, zum Totensonntag und dann noch einmal zu Weihnachten sämtliche Familientote, um die "Gräber zu machen", zusätzlich dann ganz individuell noch einmal zu den jeweiligen Geburtstagen und bei meinen drei verstorbenen Großeltern dann noch an ihren Hochzeitstagen. Nicht zu vergessen, die viele Male, die man im Sommer dann die Gräber (auf verschiedenen! Friedhöfen), aufsuchen muss, um regelmäßig zu gießen.

Ich wohne weit weg, und so ist diese Friedhofskultur für mich auch weit weg. Ein schöner besinnlicher Artikel, der mich fragen läßt, was mit den Gräbern geschieht, wenn es einmal nicht mehr die Leute gibt, die sich regelmäßig darum kümmern können, weil wir alle aufgrund der notwendigen Mobilität für unseren Job weit weg von unseren Wurzeln wohnen. Entwurzelung wird auch für die Grabpflege Folgen haben. Niemand der noch ein "Schnäpschen" extra auf den Grabstein gießt (sehr individuelles Ritual meiner Familie am Grabstein meines Großvaters väterlicherseits), sondern nur Standardpflege durch die Friedhofsgärtnerei.

Vergängliche Dinglichkeit. Ihr Artikel hat mich heute leider sehr traurig gemacht.

Hiwwelhubber

04. Dezember 2009, 09:28

Schöner Artikel, und leider auch schön wahr... und dabei reden Sie ja noch nicht mal vom Pomp der Beerdigungen und Särge...

Zu letzterem gebe ich immer wieder mal gerne den bösen Spruch:

"... das ganze Leben in Pressspan und Plastik gelebt, aber in Eiche massiv unter der Erde!"

Raunt der HH.

Alter Bolschewik

04. Dezember 2009, 13:38

Frau Waldwuff, kein Tratsch auf dem Friedhof? Dann kommen Sie ganz bestimmt nicht aus Oberschwaben. Ich hatte das Vergnügen in einem Haus am Berg großzuwerden, das vielleicht hundertfünfzig  Meter oberhalb des Dorffriedhofs lag. Um den Tratsch mitzubekommen - pünktlich am Samstagnachmittag wurden die Gräber gemacht, und zwar jeden Samstag - , brauchte man nur das Fenster zu öffnen. Dank der trainierten Lungen der Bäuerinnen, die sich vom einen Ende des Friedhofs zum anderen unterhielten, konnte man problemlos mithören.

 

Den hiesigen Friedhof finde ich gar nicht uniform und phantasielos, sondern es wird von vielen eine Blumenpracht entfaltet, die Bundesgartenschauen in den Schatten stellt. Mein Abendspaziergang führt mich recht häufig über den Friedhof und ich finde den wirklich sehr schön. Aber vielleicht muß man zwischen katholisch geprägten und protestantischen Friedhöfen unterscheiden.

AM Schäfer

04. Dezember 2009, 16:03

AMS

Das  " dunkelschwarze Feld" ist tatsächlich oft zu sehen. Die dazu gern genommene  Graberde sei  jedoch weder eine besondere Moorerde und auch nicht besser als jede andere Blumenerde: Sie sei  schwarz gefärbt! So jedenfalls erschütterte seinerzeit ein Gärtner meinen Glauben man tue den Blumen mit der Graberde was Gutes.

Andrea Diener

04. Dezember 2009, 18:47

Frau Waldwuff, gerade wegen der mobilen Hinterbliebenen sind wohl derzeit die Ruhewälder so beliebt. Es ist schön dort, es gibt einen Erinnerungsstein, aber man muß selbst nichts pflegen. Die angenehme Alternative zur Urnenwand mit ihren, wie meine Altvorderen auszudrücken pflegten, Gefachen. Ich finde die jetzt nicht so schlimm, es sieht ja in ganz Italien nicht anders aus. Aber wenn ich die Wahl zwischen Wald oder Betonwall habe, nehme ich ersteres.

S.Schubert

05. Dezember 2009, 01:12

HAHA, herrlich hiwwelhubber. in einer deutschen komödie fand das kürzel r.i.p. nach einer explosion eine tolle bedeutung: rest in pieces. in diesem sinne ^^

kimwales

05. Dezember 2009, 08:23

http://nullgeld

Solange wir nicht,wie in Spanien,in Wänden abgelegt werden,soll mir die deutsche Friedhofskultur recht sein.

Hiwwelhubber

05. Dezember 2009, 10:27

@kimwales: Link funktioniert nicht, erbitte NACHBESSERUNG!

Hannaeleonora

05. Dezember 2009, 11:00

http://hannelore.marx@web.de

Ich wohne in einer Gemeinde, die 2 Friedhöfe hat, einen kirchlichen und einen kommunalen. Auf dem alten kirchlichen findet man noch ein paar Bäume, schönen Kies und individuelle Grabsteine.

Auf dem kommunalen Friedhof findet man nur noch Einfalt. Form (breiter als hoch) und Bearbeitung (möglichst poliert) der Grabsteine werden von der Gemeinde vorgegeben. Jedes Grabmal muss genehmigt werden. Die Wege und Grabumfassungen sind aus Betonsteinen. Bäume gibt es keine, nur ein paar Büsche, die in Höhe der Friedhofsmauer abgeschnitten werden. Es gibt keine Rückzugswinkel für Trauernde, man sieht von A - Z über den Friedhof. Die Gräber liegen sich gegenüber, Trauernde schauen sich also ins Gesicht. Es gibt keine Friedhofskultur mehr in dieser Gemeinde, dank Bürgermeister und Gemeinderäten. Es gibt nur noch hohe Gebühren, die soeben um 33,33 % angehoben wurden. Ab 2010 kostet das Doppelgrab (4-stellig nennt das die Gemeinde) 2400,--€ statt 1800.--€ für eine Nutzungsdauer von 25 Jahren. Alle 5 Jahre werden die Gebühren erhöht. Die Benutzung der Leichenhalle kostet jetzt 330,--€ und das Begräbnis 595,--€ für eine Person mehr als 10 Jahre alt.

Es ist zum Heulen, Tote werden zu einem Kostenfaktor der für viele Angehörige nicht mehr zu schultern sein wird.

Vorsorglich hat man auch gleich den Personenkreis, der zur Zahlung verpflichtet wird, erhöht. Nicht nur Ehegatten, Kinder und Eltern, auch Großeltern, Enkel, Geschwister und Lebensgefährten sind jetzt dabei.

hanfstein

05. Dezember 2009, 18:35

http://www.hanfstein.com

Gerade das Getratsche auf dem Friedhof, das Rechen und Jäten und Pflanzen und Gießen macht den Tod doch erträglich. Da geht es nicht um Designwettbewerbe (zumindest noch nicht), sondern darum, die größte Erfahrung des Lebens ins Leben zu integrieren. Dazu sind die Rituale, vom „Leichenchor“ bis zur Begonie da und dafür sind sie wichtig. Gerade in den Feuilletons wird oft über die Ausklammerung des Todes in unserer Gesellschaft geschrieben. Wer aber im Herbst oder im Frühjahr oder im Sommer oder wann auch immer auf deutschen Friedhöfen jäten, tratschen und gießen sieht, erlebt einen tröstlichen Umgang mit dem Tod. Eine Kultur, die man schätzen lernt, je mehr sie verschwindet. Wer einmal ein anonymes Großstadtbegräbnis erlebt hat, wird jede Begonie persönlich hätscheln – und in heiterer Dankbarkeit in die Erde greifen und die Gräber der Vorfahren bepflanzen. Mit was auch immer.

Antoinette

06. Dezember 2009, 00:14

Die Diskussion verfolge ich wirlich mit großem Interesse und möchte nun auch einen eigen Beitrag zusteuern:

Die Entwicklung hin zur quasi "ananymen" Bestattung in Firedwald oder ähnlichem finde ich sehr befremdlich. Wo bleibt der Ort zur Erinnerung und der kleinen persönlichen Rituale für die Angehörigen, schließlich ist der Friedhofbesuch und die Grabpflege Teil unserer Kultur. Ich fahre jeden Tag an einem Haustierfriedhof vorbei und bin jedesmal erstaunt, wie individuell und gepflegt die kleinen Grabstellen sind. Dort wird die Trauer einfach unverstellt ausgelebt und ein einfacher Ort der Erinnerung scheint eine hilfreiche Art der Trauer zu sein.

Beim Todesfall eines Angehörigen scheint heutzutage allerdings ein gewisser Zwiespalt zu herrschen zwischen vermeidlich "spießigem"Prozedere und der Suche nach irgendwelchen neuen, innovatigen und möglichst zeitsparenden  Wegen.

Andrea Diener

06. Dezember 2009, 09:47

Kimwales, die Wände sind ungewohnt, aber wenn man darüber nachdenkt: Man verbringt sein ganzes Leben zwischen Mauern, warum soll man als Toter plötzlich raus in die Natur ziehen? Die Stadt für die Toten mit Häusern und Straßen dazwischen ist doch eigentlich ein schöner Gedanke.

.

Hannaeleonora, diese baumlosen Äcker finde ich auch unschön. Ein bißchen Auflockerung muß sein, ein bißchen was parkartiges, ein bißchen Gestaltungsfreiheit auch.

Andrea Diener

06. Dezember 2009, 09:55

Herr Hanfstein, niemand sagt etwas gegen freundliches Getratsche. Aber muß man sich wirklich über jeden, der nicht dreimal die Woche Unkrätchen zupft, das Maul zerreißen? Darf man sein Grab nicht ein wenig persönlich gestalten? Gegenseitiges Übereinander-herziehen anhand einer absurden Normvorstellung ist nicht tröstlich, denn es muß auch ein abweichender Umgang erlaubt sein. Gerade bei so einem Thema.

.

Antoinette, das ist halt das Problem, daß Angehörige heute oft wegziehen, weil wir alle ja so mobil und flexibel sind. Oder uns eingeredet wird, daß wir das sein müssen.

.

Ich wußte gar nicht, daß es in Deutschland Haustierfriedhöfe gibt.

Kranker Pfleger

06. Dezember 2009, 20:03

http://weblog.hundeiker.de

Das ist ein sehr schöner Artikel... Von Berufs wegen komme ich ja oft mit dem Tod in Berührung. Aber weniger mit dem, was danach kommt.

Antoinette

06. Dezember 2009, 20:59

Es gibt sehr viele Haustierfriedhöfe, vorzugsweise an ungünstigen Grundstücken wie beispielsweise unmittelbar an Bahnstrecken.

Das Mobilitätsargument finde ich furchtbar. Man sollte sich nicht zum Skalven seines CV machen.

Reiterjunge

08. Dezember 2009, 08:29

Eigentlich möchte ich am Ende nicht auf so einen Friedhof.

Am liebsten wäre aus mir, ich könnte mich noch in den Wald schleppen und an einer ruhigen Stelle dahinsinken, in einer Höhle, am Fuße eines alten Baumes oder an einem pitoresken Felsen.

Die wilden Tiere oder Wind und Wetter würden dann das übrige besorgen.

Aber das geht ja leider nicht.

Die Angehörigen würden sich sorgen machen und die Kameraden von der Feuerwehr müßten die Überreste bergen.

Das kann ich nicht machen.

Stefan

08. Dezember 2009, 10:41

http://lichtecho.blogspot.com/

Mir gefällt die Idee mit den Ruhewäldern. Irgendwo im Wald liegen (wo ich sowieso gerne bin) und mit dem Erinnerungsstein den Kindern und Enkeln ein nettes Ausflugsziel bieten, ohne ihnen Verpflichtungen zuzumuten (Grabpflege etc.), finde ich sehr sympathisch. Ich glaube ich mach das so.

Antoinette

08. Dezember 2009, 12:49

Warum sprechen eigentlich alle immer von "Verpflichtungen" und "zumuten"?

Andrea Diener

08. Dezember 2009, 13:38

Kranker Pfleger, danke.

.

Reiterjunge, Stefan, Wald hat immer etwas tröstliches. Man kompostiert irgendwie artgerecht. Und die Nachkommen sollen über mir lieber ein Picknick machen, als Unkräuter zu zupfen, aber vermutlich ist das verboten, fürchte ich.

.

Antoinette, wenn der Nachkomme ein Grab pflegen will, gern, aber es macht Arbeit und kostet Geld. Da fragt man doch erst einmal, bevor man jemandem so etwas aufbürdet. Er soll sich zumindest entscheiden dürfen und das aus freiem Willen tun und nicht, weil es ihm vorgeschrieben wird.

Antoinette

08. Dezember 2009, 18:02

Für mich ist so etwas selbstverständlich, deshalb wahrscheinlich die Befremdung.

Ich sage meinen Eltern ja auch nicht, wenn sie alt und krank sind, sie hätten mich ersteinmal fragen sollen, bevor sie mir so etwas aufbürdeten.

Wie soll man denn die eingesparte Arbeit und das eingesparte Geld anderweitig verwenden? Playstation und RTLII (man entschuldige meine Polemik)?

Frau Waldwuff

09. Dezember 2009, 13:41

Antoinette,

für mich wäre es eine Verpflichtung und Zumutung regelmäßig nach Berlin zu fahren, um dort den Gräbern meiner Vorfahren die Pflege zukommen zu lassen, die diese im Moment durch meine Eltern erfahren.

Ich könnte das nicht, und ich wollte es nicht, meinem lebenden Kind, zugunsten von Toten Fahrzeit ohne Ende aufzubürden und Lebenszeit am Wochenende zu beschneiden.

Natürlich ist die Pflege der Eltern selbstverständlich, aber dann müßten meine Eltern zu mir ziehen, da ich dem schnöden Gelderwerb fröne.

Ein Grab ist statisch, ich kann es schlecht herholen, um meiner Verpflichtung nachzukommen.

Ich kann Frau Diener daher sehr gut verstehen.

perfekt!57

13. Dezember 2009, 15:50

Nachdem dieser Blog nun schon eine kleine Weile alt ist und die Kommentare wohl auch weitgehend "durch", ganz kurz und voller Symphatie unserer Bericht von unserem Friedhof:

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"Regelmäßig zu Allerheiligen, also ungefähr wenn die letzten Blätter gefallen waren, brach unsere Familie zum Nordzipfel unseres Stadtteils auf, denn dort, direkt am Rand des kleinen Wäldchens, lag der Friedhof des Stadteils. Und dort mußte man zum Winter hin etwas tun, was man "Grab machen" nannte.

.

Und daran hat sich bis heute für manche nicht viel geändert: Auch heute noch gehen wir "Grab machen" - und wer schon etwas älter ist geht sogar "Gräber machen", denn in vielen oder sogar den meisten Familien hier bei uns sind in den letzten Jahrzehnten mehr Leute gestorben, als geboren wurden.

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Man tritt also auch bei uns ein durch ein etwas martialisches Portal, welches wohl aus der Sicht des heutigen Betrachters irgendwann in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einmal für würdevoll gehalten worden sein muß  und geht dann durch die Pappelallee, deren Blätter mach ordnungsliebenden Grabpfleger verzweifeln lassen, wie der Hindurchschreitende manchmal bei sich selbst vermutet, geht in unserem Fall sogar weiter bis in den hintersten Teil des Friedhofs. Dort, direkt an der unverputzten Ziegelmauer, steht der Grabstein: Schwarz ragte er auf, darauf Frakturschrift; ein wenig Efeu rankt auch um den Sockel, die Schrift nennt Namen, es sind die Namen der Verwandtschaft des Großvaters väterlicherseits."

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Ja, so ist das hier bei uns. Und auch das genaue Datum des Einbaus des schmiedeiseren Eingangsgitters verrät die Kirchenchronik, auch wer es gebaut und was es gekostet hat vermutlich.

Horst

02. Januar 2010, 00:06

Andrea Diener

"Ich wußte gar nicht, daß es in Deutschland Haustierfriedhöfe gibt"

Den gibt es auch hier in Frankfurt, zwischen Rödelheim und Hausen an der Bahnlinie

Mehr dazu auf den Seiten des Tierschutzvereins Frankfurt, unter "Tierfriedhof"

http://www.tsv-frankfurt.de/

Dort gibt es auch eine Seite über Grabpflege, mitsamt Friedhofsordnung, wie sich da gehört, und die Bilder sehen auch nach gepflegter Erika-Langeweile aus. Ich glaube sie würden bei einem Besuch dort sicher auch manch wunderliche Dinge entdecken. Lohnt sich ;-)

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Bestatterweblog

06. Dezember 2009, 20:02

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