Zwischen Gesetz, Moral und Remix: Das Plagiat
10. Februar 2010, 02:54
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Wem Bücher gehören, ist klar: Dem Besitzer, der Bibliothek. Wem Texte gehören, ist schon komplizierter. Aber wem gehört das Wort "Vaselintitten"? Gehört es überhaupt jemandem? Airen, seines Zeichens Blogger, Autor und unter einem unbekannten, vollständigen Namen auch Unternehmensberater, hat es jedenfalls in die Welt gesetzt, und zwar in folgendem Zusammenhang: "Denn alles führt ja von selber von sich aus ganz automatisch zum Chaos und dies zu bejahen oder gar prototypisch zu personifizieren, ein Künstlerleben zu führen [...] mit farbigem Schattenspiel auf hyperrealen aber durch Rohypnol etwas schlecht aufgelösten Vaselintitten … " und so weiter. Dann kommt eine Nachwuchsautorin, die findet das gut, und greift das Wort auf. Prima. Soll sie. Und zwar in folgendem Zusammenhang: "Meine Existenz setzt sich momentan nur noch aus Schwindelanfällen und der Tatsache zusammen, dass sie von einer hyperrealen, aber durch Rohypnol etwas schlecht aufgelösten Vaselintitten-Installation halb zerfleischt wurde." So schreibt Helene Hegemann in ihrem Debütroman "Axolotl Roadkill". Es geht also nicht nur um die Vaselintitten, sondern um durch Rohypnol etwas schlecht aufgelöste Vaselintitten. Und es bleibt auch nicht bei den Vaselintitten, das geht weiter mit der Technoplastizität, mit überhitztem Blut, mit den schmutzigen Details des Heroinrauchens und vielen, vielen anderen Fragmenten.
Die Masse macht es illegitim, meint Deef Pirmasens, auch Blogger und Entdecker der doch ziemlich frappierenden Übereinstimmungen, in einem Interview. Und jetzt streiten sich die Experten, warum das nun illegitim ist, und verhandeln das Ganze auf zwei Ebenen: Juristisch und moralisch.

"Also wie das juristisch ist, weiß ich leider nicht so genau", das sagt die Autorin, und spätestens da fragt sich der unbedarfte Leser, ob der Verlag eigentlich mal mit ihr darüber geredet hat, was so geht und was nicht. Sie verteidigt ihr Vorgehen mit den Konventionen der modernen Remixkultur, der "Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation", so sagt sie, argumentiert also mit ihrem gefühlten Recht als Künstler, sich quer durch die Kulturproduktion bedienen zu dürfen.
Gut, reden wir also über den Remix und nehmen das Argument der Autorin einen Moment lang mal ernst. Wie und unter welchen Bedingungen findet Cut-up, findet Transformation statt? Das ist ja so ein von Hipness umwehter Prozeß, der jeden, der da mit dem Recht am Text kommt, sofort zum Spielverderber degradiert, der die Moderne boykottiert. Man verweist dann gerne auf Beat-Literatur, auf frühen Hip Hop oder auch schon mal auf Goethe und wirft Dinge in einen Topf, die nun wirklich nicht zusammengehören. Gern rührt man noch den Begriff des Zitats dazu, damit das Ganze auch hübsch harmlos aussieht. Aber das ist es eben nicht, denn wenn da mehr steht als, sagen wir mal, "Vaselintitte", dann muß das kenntlich gemacht werden, und das ist nicht passiert. Das gilt im Übrigen auch für die Hip-Hop-Kultur, die aber ziemlich gerne kenntlich macht, weil das da eine Art der Respektsbezeugung ist. Diesen Respekt vermisse ich bei Axolotl Roadkill. Den vermisse ich auch an anderer Stelle. In einem älteren Interview mit dem "Küchenradio", als Podcast online, lobt man sie für einen Satz aus ihrem Film "Torpedo". "Wenn die Liebe geht, die Hobbies bleiben" – das fand der Moderator toll. Den Satz finde ich auch toll. So toll, daß ich ihn selbst schon mal als Motto eines Blogtextes verwendet habe. Mit dem Hinweis, woraus er stammt: Aus dem Lied "Dreißigjährige Pärchen" von Rainald Grebe. Rainald Grebe ist wunderbar und gehört gefälligst der Menschheit nahegebracht, finde ich. Frau Hegemann scheint das nicht zu finden und heimst das Kompliment für sich ein. So geht also Remix, aha.

Vom Juristischen mal abgesehen, sagen andere, ist das vor allem moralisch verwerflich, weil sie sich mit fremden Federn schmückt, in diesem Fall mit einer ziemlichen Ballung an Formulierungen, die nicht die ihren sind. Sie als vielbesprochene Autorin eines Publikumsverlages bereichere sich auf Kosten eines kaum wahrgenommenen Autors aus einem Berliner Untergrundverlag, das gehöre sich nicht. Das ist die zweite Argumentationsebene, auf der die Sache verhandelt wird.
"Es geht hier nicht um Remix-, Sample- und Zitatkultur, ein postmodernes Vexierspiel und intertextuelle Verweise ... Wir haben es hier nicht mit einem Roman von Thomas Meinecke oder Italo Calvino zu tun. Auch Rainald Goetz protokolliert Gespräche mit Freunden, aber er schreibt sie nicht aus anderen Büchern ab", meint der SuKultur-Verlag, der Airens Buch veröffentlicht hat, in einer Presseerklärung (Apropos Goetz – schonmal jemand mit "Rave" abgeglichen?). Im Internet, wo ja angeblich auch überall nur geklaut wird, gehört es zum guten Ton, Links zu setzen. In einem Buch hätte sich ein Verweis ebenfalls gut gemacht. Hegemann ringt sich immerhin in der zweiten Auflage – noch vor den Plagiatsvorwürfen, wie man ihr zugestehen muß – dazu durch, Airen in die Danksagungen mit aufzunehmen. Einen so hübschen Credit wie David Foster Wallace bekommt er allerdings nicht. Den bekommt auch nicht der Autor Malcolm Lowry, der die Eingangssequenz beisteuert und auch nicht die Band Archive, deren Song "F*** U" Hegemann übersetzt und als Brief der verstorbenen Mutter an ihre Tochter an den Schluß des Buches stellt. Ein gern und vielzitiertes Stück Prosa, das den Rezensenten ganz außerordentlich gut gefällt. Doch darf man eine Autorin für etwas loben, was sie nicht gut erfunden, sondern nur gut gefunden hat? Reicht das schon?
Im Grunde geht es um unser Verständnis von literarischer Kultur, meint der Züricher Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn in einem hörenswerten Interview mit dem Deutschlandradio. Was wollen wir, fragt er, eigenständige Autoren, Werke, literarische Verdienste und eben auch Verlage, die Autoren am Markt präsentieren und dank "Urheberrechtsexzeß" nicht unerhebliche Summen auszahlen – oder eine Kultur des Hypertextes, in der Frau Hegemann dann aber nichts weiter wäre als eine unvermarktete Bloggerin unter vielen? Es geht eben nur eines, und da müsse man sich entscheiden. Derweil leben wir noch in Szenario eins, auch wenn einige das Gegenteil behaupten. Der Urheberschutz gilt auch für Texte aus dem Internet.
Einigermaßen aus den Fugen gerät derweil das gesamte Drumherum. Man sollte vielleicht bei einer Siebzehnjährigen nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, aber kann der Verlag sie nicht ein bißchen besser davor schützen, unfaßbar peinliche Interviews zu geben, in denen sie Sachen sagen darf wie "die Quellenangabe ist für mich ein ästhetisches Problem, wobei ich aber aus ethischen Gründen glaube, dass sie trotzdem richtig ist"? (Gut, Interviewerin Cosima Lutz ist mit ihrer penetranten Duzerei nicht minder unangenehm.) Kann man ihr auch erklären, daß es nicht gut kommt, zu behaupten, sie haben Airens Buch nie gelesen, obwohl es nachweisbar an ihre Adresse ausgeliefert wurde? Warum so viele Unwahrheiten?

Vielleicht geschieht aber auch ein Wunder. Vielleicht regt sich das geschätzte Feuilleton einfach mal ab und fällt nicht auf jedes Küken mit Destruktionsvokabular hinein, das sie großäugig und minderjährig durch den Haarvorhang vom Waschzettel herunter anglotzt. Vielleicht zieht es sich nicht auf Ausweichbewegungen zurück wie Peter Michalzik in der Rundschau, "dass Helene Hegemanns wesentliche Leistung vielleicht darin besteht, eine Erfahrung von der Sub- in die Hochkultur (schau an, die beiden gibt´s ja doch noch!) transponiert zu haben", nur damit man irgendwas hat, was man an dem Buch noch feiern kann, wenn man selbst sich schon zu fein ist, sich in die Niederungen der Subkultur zu begeben.
"So verführerisch individuell" fand Maxim Biller in seiner FAS-Hymne die Sprache der Autorin, "dass ab morgen bestimmt hundert andere deutsche Schriftsteller – manche sogar gegen ihren Willen – den Hegemann-Sound nachmachen und dabei natürlich absolut scheitern werden."
Naja, vermutlich kommt es doch eher anders.