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Ding und Dinglichkeit

Musik zum Mitnehmen: Der Walkman und die Folgen

20. Februar 2010, 01:10 Uhr

Ich weiß nicht genau, wie ich ohne Walkman meine Jugend überstanden hätte. Eigentlich müßte ich schon längst taub sein, sooft wie ich man mich und meine Altersgenossen vor den drastischen Spätfolgen warnte, aber ich höre bis heute ausgezeichnet. Spätfolgen traten dann ganz andere auf. Spätfolgen wie die, daß ich Musik bis heute eigentlich nur dann ungestört hören kann, wenn ich alleine bin. Ich fühle mich am wohlsten, wenn keiner hinschaut oder hinhört. Ich in meiner Blase, und ich muß mir keine Gedanken machen, daß sich irgendjemand belästigt fühlt. Wunderbar.

Für die meisten Jugendlichen ist Musik Abgrenzung zur Umgebung und Anschluß zur Peergroup, sie ist ziemlich wichtig in Sachen Grüppchenbildung und Identifikation, ähnlich wie später der Beruf. Was machen Sie so? fragen sich Erwachsene auf Parties, Was hörst du so? fragen sich junge Menschen. Damit weiß man noch nicht alles, hat aber einen validen Anhaltspunkt, wie das Gegenüber einzuschätzen ist. Gleichzeitig zieht Musik eine Linie zur vorangehenden Generation, denn wenn das Elternhaus mit René Kollo und dem Naabtal-Duo beschallt wird, bleibt nur die Flucht – ob nach vorn oder hinten. (Und wenn die Eltern coolere Musik hören, ist das trotzdem egal, denn Abgrenzung muß sein.)

Es gibt für den Jugendlichen dann zwei Möglichkeiten des Auslebens: Laut und offensiv, mit Ghettoblaster oder Plärrhandy, vorzugsweise im öffentlichen Raum und gern auch störend. Und introvertiert, mit Ohrstöpseln, unbemerkt von der Umgebung, hinter dem Haarvorhang mit dem Hintergrund verschmelzend. Beides ist möglich, beides wirkt mehr oder weniger charakter- und geschmacksbildend.

Ich hatte einen häßlichen, sehr uncoolen Siemens-Walkman in lila und weiß, der auch nicht viel taugte, aber in unserer Familie gab es nun einmal alle Elektrogeräte aus dem Werksverkauf der Frankfurter Siemens-Niederlassung, da mußte ich durch. Das war jedenfalls immer noch besser, als dauernd blöde Kommentare zu kassieren, was man da wieder für ein unkultiviertes Zeugs hört. Der lilaweiße Plastikklotz half mir auch im Urlaub, während ich auf der Poolliege herumlungerte, und reinigte die Ohren von der volksmusikalischen Dauerbeschallung vom Vorabend. Die Ärzte eigneten sich dafür hervorragend. ("Sind das wirklich Ärzte?" – Nein, Mama." – "Hätte ja sein können." – "Guck dir die doch mal an.") Der Kopfhörer war noch mit Drahtbügel und Schaumstoffpuffeln, die irgendwann ausleierten, und der Bügel hatte unbedingt leicht nach hinten versetzt aufgesetzt zu werden, alles andere war uncool. Später kamen die Stöpsel, dann war wiederum alles andere uncool. Inzwischen gehen ja nur noch weiße Ohrstöpsel, alles andere ist uncool, oder richtig dicke Kopfhörer, das sind die Auskenner, die auf alle anderen herabblicken und sie zwar nicht uncool finden, aber irgendwie leidenschaftslos und konsumistisch.

Ob Sony wohl ahnte, was der Walkman auslösen würde? 1979 kam das tragbare Kassettenabspielgerät auf den Markt, und die vielen toten Wartezeiten an der Bushaltestelle waren plötzlich viel weniger tot. Zumindest für die meisten Heranwachsenden und ein paar Berufsjugendliche, denn kaum jemand über vierzig hätte sich mit Kopfhörern in der Öffentlichkeit gezeigt. Das hat sich mittlerweile gründlich geändert, an der Taunusanlage steigt kaum noch ein unverkabelter Anzugträger in die S-Bahn, alle mit weißen Schnüren überm Revers und diesem nach innen gerichteten Blick. Die sind alle damit aufgewachsen, daß Musik tragbar ist, mitnehmbar, Zeitvertreib für Zwischendurch.

Das Prinzip änderte sich nicht, nur die Form. Erst der bunte Plastikklotz, dann immer kleiner und technischer aussehende Geräte, schließlich Discmen und Minidisc-Spieler, dann im Jahr 2001 der iPod als Kulminationspunkt des digitalen Zeitalters, der die Form aller MP3-Geräte definierte wie einst der Walkman seine kassettenbasierten Nachfolger. Das Praktische ist, daß man nicht einmal mehr Medien dafür braucht. Wie oft hab ich mit dem Bleistift Kassetten zum Ende gespult, um kostbare Batterie zu sparen, wie oft gab es Bandsalat oder ausgenudelte Tonträger begannen zu leiern. Und diese holprigen Anfänge von Liedern, die aus dem Radio aufgenommen wurden, und man hat nicht rechtzeitig auf den Aufnahmeknopf gedrückt, und am Ende redet der Moderator rein, den man dafür hätte schlagen können. Was hatte ich Aggressionen auf Radiomoderatoren. Doch das Geholper und Geblubber wurde zum Bestandteil eines Stückes, zumindest für einen selbst. War ja auch egal, für den Eigenbedarf reichte es.

Wildes Sharing gab es schon immer, die Tauschbörse hieß Schulhof, das Angebot war zwar nicht üppig, aber man versorgte sich so. Das ist heute nicht anders, nur illegaler geworden. Angesichts der liebevoll zusammengestellten Mixtapes meiner Jugendzeit, möglichst mit selbstgestaltetem Einlagepapier, wäre keiner auf die Idee gekommen, von Produktpiraterie zu sprechen. Mit was hätten wir sonst auch unsere Walkmen gefüttert? Vinyl für zu Hause, Kassette für unterwegs, alles lag in zwei Versionen vor. Und so, wie heute Playlisten zusammengeklickt werden, wurden Kassetten für besondere Anlässe zusammengestellt und gern auch mal verschenkt.

Die Qualität war allzuoft mies, aber das Gerät prima. Heute ist es ja eher umgekehrt, wenn kristallklare Audiodaten aus blechernen Handylautsprechern scheppern und den jugendlichen Besitzer in eine eigene Klangsphäre hüllen, die die Umgebung auf Abstand hält. Der Abstand ist wichtig, der Unwillen, angesprochen zu werden, in Kommunikation treten zu müssen oder der Kommunikation der Mitmenschen ausgesetzt zu sein. Es ist vielleicht kein Zufall, daß der iPod gerade in einer Zeit populär wurde, als die Menschheit begann, intime Telefongespräche in öffentliche Verkehrsmittel zu verlagern. Akustische Verstöpselung ist da reine Notwehr.

Es gibt nur eins, was noch besser ist: Auto mit CD-Spieler. Und laut mitsingen.

Veröffentlicht 20. Februar 2010, 01:10 von Andrea Diener
Kommentare

Rosinante

20. Februar 2010, 05:23

Liebe Frau Diener, beim Walkman und seiner Nachfolger geht's mir wie beim Fernsehen (Sie erinnern sich). Ich hatte mal ein schönes Gerät mit Radio fürs Flugzeug, aber das wurde mir im ersten Hotel geklaut. Aber Ihr Text ist schön und lustig, besonders weil er aufschlussreich zwischen Interiour-Monologue, Zeit-Produkt-Schiene und der Soziopsychologie von Jugendheit oszilliert. Plötzlich verstehe ich Manches. Thank's.

Pseudomonas

20. Februar 2010, 07:55

Bei mir wurde nicht das Gelaber eines Moderators Teil eines Liedes, sondern etwas ganz anderes: Ich nahm damals Runaway train von Soul asylum aus MTV auf. Und irgendwo am Ende des Videoclips schreit kurz ein Baby, was zu den Bildern passte. Kein schöner Laut, aber irgendwie auch zu der Musik passend. Heute noch kommt es mir vor, als ob ich das Baby an der entsprechenden Stelle hörte, auch wenn ich natürlich inzwischen eine ganz andere Aufnahme habe...

muscat

20. Februar 2010, 10:32

Mein erster Walkman 1984 war von Aiwa. Die Firma gibts glaube ich gar nicht mehr...

Das iPod-shuffle (ein Werbegeschenk) liegt bei mir weitestgehend unbenutzt in der Schreibtischschublade herum. Ist wohl meinem Bedürfnis zur Abgrenzung gegenüber den von Ihnen beschriebenen weiß-verkabelten, Rucksack-behängten Anzugträgern geschuldet.

Not quite like Beethoven

20. Februar 2010, 10:51

http://notquitelikebeethoven.wordpress.com

Interessant, die Spätfolgen bei Ihnen, die Sie da im ersten Absatz ansprechen. Ich habe was ähnliches bei Filmen. Ich glaube, das muss ich auch mal beschreiben...

Andrea Diener

20. Februar 2010, 13:12

Beethoven, Sie können File nur alleine gucken? Da bin ich ganz anders gestrickt. In Sachen Film bin ich ein soziales Wesen. Es gibt ja auch Leute, die gern allein ins Kino gehen, und das Prinzip leuchtet mir auch ein. Ich mache es nur seltsamerweise nie.

.

Pseudomonas, es gibt auch Platten, die einen Kratzer an einer bestimmten Stelle haben, und wenn man dann dasselbe Stück ohne Kratzer hört, fehlt einem richtig was. Ich hatte das mit einem Lied von Sinead O'Connor, da war der Kratzer so prominent, daß ich ihn immer mitgedacht habe, wenn ich das gleiche Stück im Radio gehört habe. (Aber Musik im Radio mag ich eh nicht, die klingt immer irgendwie so kalt und steril. Vielleicht ist das Einbildung, vielleicht hat das technische Gründe. Ich nehme Erklärungen dankbar entgegen.)

Jeeves

20. Februar 2010, 13:28

http://jeeves.blogger.de

"Laut und offensiv, mit Ghettoblaster oder Plärrhandy, vorzugsweise im öffentlichen Raum und gern auch störend."

Kann ich bestätigen, sogar schon für die mittleren fünfziger Jahre: Handy gab's noch nicht, und der Ghettoblaster war ein Kofferradio (Stereo gab's noch nicht), das man lässig (cool gab's auch noch nicht) in der linken Armbeuge trug und man hörte laut plärrend AFN auf Mittelwelle (UKW gab's noch nicht) mit George Hudaks "Frolic at Five", jedenfalls in Berlin. Öffentlicher Raum war gaaanz wichtig, auch mal das extra weit geöffnete Hoffenster: seht und hört was ich für'n toller Kerl bin. Heut' weiß ich nichtrrecht, soll ich über das laute Techno-boom-boom aus verbeifahrenden Autos der Kopf schütteln, oder an meine Jugend denken? War Elvis & Fats Domino besser als das Zeugs heute? Ich sage ja; aber meine Vorgeneration sagt auch ja zu Hans Albers und Marika Rökk. Tja...

Not quite like Beethoven

20. Februar 2010, 14:16

http://notquitelikebeethoven.wordpress.com

Ich kann sie schon mit Leuten gucken und tue das auch oft und gern. Nur bin ich, Kurzform, schnell genervt und abgelenkt, wenn die anderen Anwesenden Geräusche oder Bemerkungen machen, den Film nebenher gucken. Mit Kopfhörer ist die Beziehung Film-Zuschauer noch etwas inniger und wenn er dann plötzlich fehlt....

Don Ferrando

20. Februar 2010, 14:18

Frau Diener,

ich glaube, die haben da wirklich soeine Technik im Radio, daß es steril klingt.

Neulich war eine Sendung auf BR, da haben sie mit ohne ohne Einsatz dieser Technik Musik gespielt, um den Unterschied zu präsentieren.

An Details erinnere ich mich leider nicht mehr - Fluch der Informationsflut!

Claudio

20. Februar 2010, 15:45

http://www.anonymekoeche.net

Genau. Und wie virtuos wir mit der Zeit zu einem bestimmten Musikstück zu spulen wussten: vor-zurück-vor-noch-n-Stückchen-zurück-eines-vor-da! Wie routiniertes Einparkieren. Revolutionär waren bei meinem Panasonic a) 2 Kopfhöhreranschlüsse (!) und b) Autoreverse – was für ein Luxus.

Andrea Diener

20. Februar 2010, 17:51

Jeeves, ich glaube, das ist eine Konstante und gibt sich nicht viel. Halbstarke sind halbstarke, egal in welchem Zeitalter, sie machen raumgreifende Gesten und freuen sich an dem Krach, den sie produzieren. Ich begegne dem mit Gelassenheit. Ich bemühe mich zumindest. Wenn man allerdings an einer Hofeinfahrt wohnt, wenn im Hinterhof ein Autoradio-Einbaubetrieb ist, lernt man den in den Fahrschulmaterialien sogenannten "Powersound" zu hassen.

.

Claudio, Autoreverse, da hab ich mich immer mit dem Spulen vertan: Ist vorwärts nun wirklich vorwärts oder gerade etwa rückwärts? Das hat bestimmt das dreidimensionale Vorstellungsvermögen geschult. Solche Denkleistungen verlangt einem ja keiner mehr ab, seit das Musikabspielen appelisiert ist.

fernetpunker

20. Februar 2010, 18:41

http://fernetpunker.blog.de

Es ging mir so mit Speed Demon von Michael Jackson, das ich auf Kassette besaß und am Schluss einen Fehler im Band hatte. Da hat mir dann auch etwas gefehlt, als das Lied ohne Fehler auf CD hörte. Den Schritt zum iPod habe ich auch noch nicht gemacht. Aber ich werde wohl eines Tages meine CD-Sammlung auf ein tragbares Gerät ziehen, obwohl mir nichts fehlt. Die Walkman-Zeiten sind lange her.

Inge

21. Februar 2010, 08:17

ja das ist ja sowieso das Best im Auto ganz laut CD und die Haare im Wind flattern lassen   an mir sind die ganzen Stöpsel in den Ohren vorbeigegangen

hat auch nicht geschadet sollen doch die anderen verkabelt rumlaufen

Reiterjunge

21. Februar 2010, 09:36

Ich hatte nie einen Walkman.

Das Elternhaus durfte ich bis zur Besinnungslosigkeit mit David Bowie beschallen.

Den originalen alten Sony Walkman meiner Schwester habe ich jedoch kürzlich in der hintersten Ecke des Schrankes meines Jugendzimmers bei den Eltern erspäht.

Sind die Dinger inzwischen Sammlerobjekte ?

.

Ich werde den Apparat einer Revision unterziehen und dann im Retro-Look durch die Fußgängerzone grooven.

Andrea Diener

21. Februar 2010, 10:47

Reiterjunge, bestimmt sind das Sammelobjekte. Der Applestore kriegst sich ja schon kaum ein vor nostalgischem Entzücken, wenn ich mit meinem iPod Baujahr 2003 dort auftauche. Noch mit richtiger Festplatte! Der rödelt noch richtig, wenn er ein Stück sucht! Wahnsinn. Für diese jungen Menschen dort ist das vermutlich ein Stück Jugend, wie für uns der Plastik-Walkman.

.

Überhaupt, das Nachdenken darüber, was die Jugend-Pop-Erinnerungen anderer Generationen sind. Letztens saß ich in einem Café, und aus unerfindlichen Gründen lief ganz, ganz frühe Madonna. Neben mir ein Tisch junger Menschen, vermutlich Oberstufe, Abschlußfahrt oder so. Für die muß das ja sein wie für mich Abba, irgendwas mit eher historischem Wert.

perfekt!57

21. Februar 2010, 15:12

In meine Blase wollte ich auch schon immer mal.

Alter Bolschewik

21. Februar 2010, 17:13

Meine erste Benutzung eines Walkmans war reichlich surreal. Bei einer Tagung in Bochum hatte ich mir, von der Veranstaltung ziemlich angenervt, einen Walkman ausgeliehen und hörte Fischer Z, während ich über den nächtlichen Uni-Campus schlenderte. Wer die Uni Bochum kennt wird leicht nachvollziehen können, daß das atmosphärisch an einen (frühen) Carpenter-Film herankam. Trotz der beeindruckenden Erfahrung habe ich mir damals trotzdem kein solches Gerät zugelegt.

 

Heute benutze ich mobile Musikabspielgeräte vor allem zum Selbstschutz: In öffentlichen Verkehrsmitteln, um das saudumme Handygeplapper von mir fernzuhalten, und in der Muckibude, um die dort laufende saudumme Musik zu übertönen.

 

Doch eigentlich sehne ich mich nach Stille, so einer Stille, wie es sie nur außerhalb der Städte geben kann. Aber wenn man die nicht bekommen kann, dann bleibt einem eben nur die Alternative, den fremdbestimmten Lärm durch selbstgewählten Lärm zu übertönen.

Andrea Diener

21. Februar 2010, 18:33

Alter Bolschewik, Sie schaffen es wirklich, das Muckibuden-Gedudel zu übertönen? Haben Sie's gut. Das hab ich noch nie geschafft. Und immer still gelitten. Und wenn es nicht dudelte, dann leider auch da saudummes Geplapper. Als ob die Drückerei irgendwelcher Polster nicht schon hirnzermürbend genug wäre. (Ich glaub, das ist noch ein Thema, das seines Aufgegriffenwerdens harrt.)

.

perfekt, jaja, schon gut, metaphorisch halt.

Alter Bolschewik

21. Februar 2010, 19:08

@Andrea Diener: Für die Muckibude kann ich Ihnen In-Ear-Kopfhörer empfehlen (ich verwende die AKG Acoustics K 324 P), die werden nicht nur in die Ohrmuschel eingehängt, sondern, fast wie Oropax, direkt in den Gehörgang gesteckt. Das dämpft, auch ohne daß Musik läuft, Außengeräusche schon ganz gut ab. Dann braucht man nur noch Musik mit einigermaßen konstantem Geräuschpegel (ich hab's mal im Unverstand mit Beethoven-Streichquartetten versucht, das war ein Flop), und schon wird die Muckibude zu einem deutlich freundlicherer Ort.

Inge

22. Februar 2010, 06:22

die kunst ist doch all das Gedudel und Geplapper nicht zu hören und die feinen

Stimmen und Stimmungen trotzdem wahrzunehmen dann haben Sie es geschafft

ohne sich von der Welt abzustöpseln (das bedarf eines feinen Filters im Kopf und

Gehörgang)  es ist ja  bekanntlich schrecklicher taub zu sein als blind zu sein

Der-mit-dem-Schlumpf-tanzt*

22. Februar 2010, 10:47

Als jemand, der nie einen Walkman besessen hat und einen Discman (den haben Sie irgendwie übersprungen) auch nur als Ersatzanlage während einer Zeit als Wochenendfahrer in Neufünfland angeschafft habe (und der jetzt Teil der Resteanlage bei Muttern ist), darf ich mal was Gemeines schreiben:

Wer in die Muckibude geht, hat auch keine andere Musik verdient.

Haben Sie keine Stimmen im Kopf oder können die bloß nicht singen?

*= Das Wort "Avatar" ist mittlerweile bestimmt copyrightgeschützt....

wazzerpfärdt

22. Februar 2010, 11:07

Ich weiß nicht, die privat Telefonierer in öffenltichen Verkehrsmitteln sind doch stark zurückgegangen und murmeln mittlerweile eher in ihre Freisprechanlagen, dagegen nervt es mich schon, wenn ich nicht nur Jugendliche zurückgezogen, mit geschlossenen Augen und dem Rucksack auf dem Nebensitz im vollbesetzen Bus die dichtgedrängte Umgebung nicht wahrnehmen wollen, sondern auch die Anzugträger. (Nicht, dass ich mit meinem Buch nicht prinzipiell das gleiche machen würde.) Hat das immerwährende Hören vielleicht auch Suchtpotential? Ich weiß immer noch nicht, ob ich es als rüde Zurückweisung oder als Gedankenlosigkeit auffassen soll, dass ein Bekannter von mir bei einer gemeinsamen Zugfahrt erst einmal seine Ohren verstöpselte.

Andrea Diener

22. Februar 2010, 15:04

Der mit dem Schlumpf tanzt, wenn der Hexenschuß erstmal schlimm genug ist und Sie sich zwei Wochen kaum bewegen können, dann ist der Leidensdruck da und Sie gehen sogar in die Muckibude, wenn es sein muß. Nein, man muß es nicht mögen. Das ist wie Hustensaft, rein medizinisch und Hauptsache, es hilft.

.

wazzerpärdt, das Verstöpseln angesichts anwesender Bekannter habe ich eigentlich auch immer als Unhöflichkeit wahrgenommen. Erst wenn einer der beiden das leise Signal gibt, eventuell ungestört sein zu wollen, etwa mittels Herausholen eines Buches, das allerdings erstmal offen hingelegt wird, erst dann ist das Zurückziehen erlaubt. Dachte ich immer. Aber vielleicht ist das für manchen schon zu subtil.

schusch

22. Februar 2010, 21:47

Mixtapes sind übrigens eine vollkommen untergegange Kulturtechnik.

Der angebeteten in mühevoller Arbeit mit exaktem Nadelaufsetzen und gleichzeitigem "Play"-Drücken ein durchkomponiertes Meisterwerk dramaturgisch durchdacht, höchstens ein Song von einer Band auf einer Seite, auf exakt C90 ohne Leerlauf zu spielen, mit handgemachten Cover, um sich dafür ein "Ach wie lieb von dir, *schmatz* abzuholen", das war Hingabe.

Gehört haben sie dann lieber die Charts als diese Sentimentalitäten junger Männer á la Smiths oder Hüsker Dü.

Hätte ich die bloss alle behalten. Hüsker Dü laut im Auto hören und im Stau auf dem Alleenring mitsingen hat aber was. Wenn mich diese Damen heute sehen könnten, nu ja. Pffft.

TOPCTEH

23. Februar 2010, 12:56

Tragbare Musikabspielgeräte sind das beste Mittel gegen nervige Musikanten in öffentlichen Verkehrsmitteln!

Tatort: Stuttgart, S-Bahn-Linie 6 in Fahrtrichtung "Outback". Ein Schifferklaviermann steigt ein und bringt sein Instrument in Betriebsstellung. Ich greife instinktiv in meine Hemdtasche und mache mein iRiverchen lauter - und zwar so, dass es hörbar nach außen dringt (was ich normalerweise wg. Rücksicht nie mache). Mein Gegenübersitzer holt nahezu synchron seinen Eipott raus und macht ihn ebenfalls lauter. Der Schifferklaviermann sieht das und zieht frustriert von dannen, um an der nächsten Station gleich wieder auszusteigen - ohne einen Ton gespielt zu haben.

Fahrgäste - Musikant 1:0! Breitestes Grinsen allerorten...

@schusch: Mein Musikkassetten-Karton (inkl. Mixtapes) ist wieder einmal beim Umzug lediglich 1:1 von Keller zu Keller gewandert, aber weggeworfen wird der nie!

Beobachter

23. Februar 2010, 12:58

Oh mein Gott, es gab wirklich einen Walkman von Siemens*...und nichtmal ein Wasserkocher, Mixer oder Telefonhörer dran....wobei letzteres ja seiner Zeit um Jahrzehnte voraus gewesen wäre. Ob das Ding wohl auch aus der Abteilung Bosch/Siemens Hausgeräte "BSH" kam und einfach irgendwo sein Label bekam und baugleich als Bosch Walkman zu haben war? Also Walkman und Kühlschrank vom gleichen "Laden" gibts ja dank unseren chinesischen Freunden auch wieder...

*siehe www.retronom.hu/.../siemens.preview.jpg

elbsegler

23. Februar 2010, 14:53

Ich hatte nie einen Walkman, auch keinen Discman und weiß auch nicht so recht, was ich mit einem I-pod soll. Ich mag diese Musikberieselung über Kopfhörer weder beim Gehen, Laufen oder Radfahren, auch nicht in der Bahn oder an der Haltestelle, noch zu hause während ich beschäftigt bin. Ich kann Musik nur genießen, wenn ich ihr meine volle Aufmerksamkeit schenken kann. Autoradio ist auch noch ok. Vielleicht ein Generationsproblem. Es gibt ja auch immer mehr Menschen, die nicht ohne eine Flasche Wasser in der Hand außer Haus gehen können. So viel Durst kann ich selbst im Hochsommer nicht entwickeln, dass mir die blöde Flasche nicht lästig wäre.

elbsegler

23. Februar 2010, 15:34

@beaobachter

Apropos Walkman und Kühlschrank vom gleichen Laden: Als der Walkman noch "state of the art" war, hatte ein Freund von mir auf seinen Walkman einen Aufkleber des Omnibusherstellers Kässbohrer geklebt. Als mal das Kassettenfach hakte suchte er den Fachhändler seines Vertrauens mit der Bitte um Hilfe auf. Nachdem  der auch vergeblich an der klemmenden Klappe herumgenestelt hatte, schaute er sich das verflixte Gerät noch einmal von allen Seiten an, entdeckte den Aufkleber, holte erleichtert tief Luft und sagte:"Ach, a Kässbohrer, des is ja ein ganz ein billiges Modell!" Der Mann hätte Niederrheiner sein können: Der Niederrheiner hat von nichts eine Ahnung, kann sich aber alles erklären (H.-D. Hüsch).

Nieselpriem

23. Februar 2010, 18:46

Ich bin mittlerweile in dem Alter für welches mir damals die Großmutter väterlicherseits unerträglichen Tinitus vorausgesagt hat. Was soll ich sagen... noch piept nix im Gehörgang.

Vielen Dank für diese tolle Zeitreise zurück in den Anfang der 90´er Jahre. Bei mir schmetterte damals wahlweise Technotronic, Die Prinzen oder Queen aus den flauschigen Kopfhörern meines original Sony Walkmans (damals DAS Statusobjekt), für den damals fast alle Märker des Ferienjobs draufgegangen sind.

mark793

23. Februar 2010, 19:51

http://mark793.blogger.de

@elbsegler: Ob das eine Altersfrage ist, weiß ich nicht. Für meine Altersgenossen (roundabout Jahrgang 1963) gehörte der Walkman damals schon dazu. Ich hatte anno 83 auch einen angeschafft für die wehrdienstbedingten Zugfahrten, aber so richtig meins war das nie. Auch ein tragbarer CD-Spieler und ein MP-3-Player vermochten daran später nichts wesentliches zu ändern. Autoradio mit CD-Teil habe ich zwar, nehme es aber kaum in Betrieb. Ich  kann gar nicht mehr genau sagen, wann das so stark nachgelassen hat, ständig Musikbeschallung um mich herum zu brauchen.

Und zu Wasser, tja, da sagen Sie was. Wenn ich das schön höre: "Wenn Sie den Durst spüren, ist es eigentlich schon zu spät!", "Drei Liter am Tag!" Ja, was denn noch alles, ich habe auch noch anderes zu tun als ständig oben Wasser rein- und unten wieder rauslaufen zu lassen. Noch dazu aus diesen blöden Plastikflaschen, haben die Leute denn gar keine Geschmacksnerven mehr?

virtualmono

24. Februar 2010, 12:03

http://virtualmono.twoday.net

Noch besser als Auto mit CD ist allerdings Auto mit iPod-Anschluss - das erspart das muehsame Auswaehlen der CDs vor der Fahrt, die man ansonsten ausserdem auch noch mitschleppen muesste...

Diese plaerrenden Handy-Lautsprecher gehoeren allerdings verboten (das Schlimme ist ja - die Kinder heutzutage merken nicht einmal, wie Sch#$%& das klingt).

Andrea Diener

24. Februar 2010, 12:34

Schusch, also ICH habe ja durchaus die Smiths gehört. Und andere britische Sentimentalitäten in diesem seltsamen Jahrzehnt, das sonst wenig brauchbares hervorgebracht hat. Leider habe ich nie ein Mixtape bekommen, meine Brille war zu häßlich.

.

Virtualmono, für mich ist der iPod auch so eine Art tragbare Plattensammlung. Vor allem machte ich da eine seltsame Entwicklung durch: Ich konnte plötzlich keinen Pop mehr hören und tendierte stark zu Klassik. Dem Herrn des Hauses, der seit einiger Zeit einen Touchpod besitzt, geht es interessanterweise genauso. Ich habe fast das Gefühl, man hört dann genauer hin und verlangt nach komplexeren Strukturen. Also nix Berieselung.

Filou

24. Februar 2010, 14:36

Der Geschmackswechsel. Komisch, nicht wahr? Ging mir genauso. Vor vier Jahren schenkte ich meiner Madame einen iPod 80 Giga. Naechtelang kopierte ich CD's und DVD's heimlich (sollte ja ein Geschenk sein) auf die Muehle. Es war ganicht nicht sicher, ob sie sich darueber freuen wuerde, denn die ganzen Jahre davor laesterte sie ueber meinen Walkman, die diversen CD-Spieler, den MD-Spieler. Jetzt mag sie ohne iPod garnicht mehr irgendwohin gehen. Bei soviel Verstaendnis wird es mir leicht fallen, mich mit einem iTouch zu begluecken. Ha, Neid wird er erregen! Welch ein Triumph nach jahrelangen Demuetigungen.

colorcraze

01. März 2010, 15:51

Ist es wirklich immer noch so, daß die Jugendlichen danach gehen, was man hört? (Ich weiß es nicht, kenne derzeit keine Jugendlichen persönlich). Ich finde, das öffentliche Lärmen qua Musik von Jugendlichen hat eher nachgelassen, aber vielleicht täusche ich mich auch nur, weil ich zuwenig zu Zeiten unterwegs bin, in denen Jugendliche unterwegs sind. -

Daß sich der Musikgeschmack allmählich verändert, kann ich für mich nur bestätigen. Meiner erweiterte sich qua Hardcore-Punk. Darüber kam ich zum Schlagzeugspielen, und darüber entwickelte ich eine große Toleranz gegenüber verschiedensten Arten von Musik, weil ich seither Musik eher höre, wie sie gemacht ist. Ich reagiere nicht mehr so mit allergischer Unverträglichkeit wie früher, auch wenn mir nach wie vor vieles auf den Wecker geht. An meinem jugendlichen Nachbarn, der täglich seine 3 Stunden Musikinfusion braucht (jaja, war bei mir auch mal so), stört mich jedenfalls seine stilistische Beliebigkeit.

markus

05. März 2010, 16:29

@ colorcraze ...

ja musik taugt immer noch als hervoragendes distinktionsmerkmal. am jeweiligen musikstil hängt ja auch noch der ganze rattenschwanz an subkulturellen eigenheiten. Kleidung, Drogen, sexuelle praktiken, usw. Da kann man schon einiges herauslesen wenn man möchte. Wenn man sich etwas in der Clublandschaft auskennt ist dann auch sofort klar, wo man hingehen muss, um sich mal wieder über den Weg zu laufen.

das öffentliche Lärmen ist auch nur ein Beispiel für solch subkulturelle eigenheiten. Die musikstil der sich da scheppernd seinen Weg aus viel zu kleinen Lautsprechern bahnt dürfte fast ausschließlich irgendwas im Bereich Hip-Hop oder RnB sein ( und da auch nur wieder eine spezielle Unterkategorie).

in anderen Jugendsubkulturen legt man größten Wert darauf, nicht so in erscheinung zu treten. Liegt vieleicht auch daran, dass man sich nicht nur ein schepperhandy leisten kann sondern auch ohne Anzug bereits Besitzer weißer Ohrstöpsel ist ( reicht ja wenn Papi einen tragen muss).  

colorcraze

08. März 2010, 22:53

Aha, soso. Also noch beim alten. Nein, ich hatte nie einen Walkman. Ich hörte Musik immer laut, schließlich sollten auch andere daran teilhaben! Es war mir eher eine kommunikative Angelegenheit, keine meditative.

DJ München

27. Juni 2010, 21:44

http://www.dj-muenchen.com

Ohne meine heißgeliebten Walkmans in den 80er- und 90er-Jahren wäre ich nicht das was ich heute bin - ein hauptberuflicher DJ, der immer noch jede Menge Spaß dran hat die Kopfhörer aufzusetzen und richtig abzurocken... ;-)

der Michael

31. Januar 2011, 23:54

Abschottung beim Bus-und Bahnfahren: kennichkannich

Laute Musik beim Autofahren: kennichkannich

Obiges nebst falschem Mitsingen: kennichkannich

weisse Kopfhörer?: Desintresse...

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