Echtheit ist überschätzt: Frauenmagazine
26. Februar 2010, 01:02
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Liebe Leser – ausnahmsweise einmal meine ich das wirklich in dieser maskulinen Form – das ist jetzt so ein Frauen-Ding. Das kommt paradoxerweise daher in Verbund mit Schokolade und Cappuccino, also all den guten Dingen, die verhindern, daß man jemals so aussieht wie die Kleiderständer, die darin abgebildet sind, wenn es sich nicht gerade um die Brigitte handelt, die ja nun keine Kleiderständer abbilden will sondern "echte" Frauen, was auch immer das sein mag. Das Ding, um das es geht, heißt "Frauenzeitschrift" und führt immer wieder zu Mißverständnissen. Allerdings nicht dadurch, daß es nicht echt ist, sondern daß Leute glauben, daß es echt sein müsse, damit es niemand aus Versehen mit der Wirklichkeit verwechselt. Und falls doch, daß es dann wenigstens keinen Schaden anrichtet.

Es gibt das Ding namens Frauenzeitschrift in den seltsamsten Varianten: Mit Stars und ohne Stars, mit Mode und ohne Mode und in allen Kombinationen dazwischen. Die mit Stars und Mode haben den schlechtesten Ruf, die ohne Stars und ohne Mode den besten, weil manchmal Leute glauben, daß die deshalb am "echtesten" sind. Meiner Meinung nach ist das von vorneherein das falsche Kriterium, denn Magazine sind nicht echt, sie sind höchstens unterhaltend. Niemand, der auch nur halbwegs bei Trost ist, informiert sich allen Ernstes in einer Frauenzeitschrift, das sind vermutlich Menschen, die Britney Spears für eine ernstzunehmende Künstlerin halten, und zwar nicht auf so eine popironische Weise, sondern wirklich.
Frauenmagazine sind Popcorn fürs Hirn. Im plattesten aller Fälle sind sie das, was blöde Actionreißer (Transformers 2, 2 Fast 2 Furious usw.) für Männer sind. Man denkt lieber nicht genau drüber nach, warum man sich das antut, und gerade die Denkvermeidung ist das Erholsame daran. Man will das auch nicht rechtfertigen müssen. Berieseln reicht, danke der Nachfrage. Wenn ich denken will, les ich ein Buch. Vermutlich ist das der Grund, warum halbwegs intelligent gemachte Frauenmagazine immer wieder am Markt scheitern: Nicht, weil Frauen keine intelligente Unterhaltung wollen. Sondern, weil sie dann vermutlich nicht nach einem Magazin greifen, bei dem ein Model auf dem Cover ist. Oder eine "echte" Frau, die aber auch nur ihres Aussehens wegen abgebildet ist und nicht, weil sie eine Mikrochipfabrik leitet.

Man sollte daher nicht versuchen, sich dem Phänomen Frau über den Zeitschriftenmarkt und seine Produkte zu nähern. Man sollte nicht vor den Modezeitschriften stehenbleiben, darin herumblättern und dem Trugschluß verfallen, außer an Sommerkleidern, Rezepten für Mangold und Heidi Klum sei die moderne Frau an wenig interessiert. Oh doch, das ist sie. Sie greift dann eben zu einem Buch oder einer Fachzeitschrift. Frauenmagazine gibt es deshalb, weil Frauen es schaffen, völlig bewußt etwas sinnloses zu tun, ohne dabei irgendeine Art von Relevanz vortäuschen zu müssen. Für Männer muß ja jede Briefmarkensammlung mindestens kulturhistorischen Wert haben.
Es ist schon oft gesagt worden, aber so ziemlich jedes dieser Frauenmagazine gibt Versprechungen in Sachen Diätwunder, und gerade jetzt im Frühjahr häuft es sich wieder. Erstaunlicherweise sind das auch oft die Magazine mit den echten Frauen drin, die ganz abgehobenen Modeblätter kennen keine Diät. Die kennen nur Kunstausstellungen und Fotografen und ab und zu eine Schmuckdesignerin. Da kann man sich nun fragen, wer da nun welches Frauenbild propagiert und welches davon das frauenfeindlichere ist, aber ich habe mich von den Hochglanzmagazinen eigentlich noch nie mißachtet gefühlt. Ich fühle mich eher von Diättips mißachtet.

Manchmal fühle ich mich auch vom Feuilleton mißachtet, wenn darin Gräben aufgerissen werden zwischen einer verstaubten, männlichen, akademisch legitimierten alten Schule und der jungen, weiblichen, autodidaktisch hochbegabten neuen Generation, wie es jüngst wieder Iris Radisch vorexerzierte. Da werden dann Lager gebildet, die es nicht gibt, denn wo gehöre ich hin, als zwar akademisch ausgebildete, wenngleich eindeutig weibliche und jüngere, aber halt nur Bloggerin, die trotz Jugend und Weiblichkeit einfach keine solidarischen Gefühle für die "begabte junge Frau" Hegemann ausbilden möchte? Und "diejenigen, die auf sie einschlagen", verteidigen die wirklich "mehr als ihre schöne alte Männerwelt, in der nur brave und hübsche, schlanke junge Frauen im Dekor herumstehen dürfen"?
Da haben wirs schon wieder, der Ruf nach der echten Frau, die nicht schlank oder hübsch ist, sondern irgendwas anderes, im Zweifelsfall eben: begabt. Muß man dauernd über Gewicht reden? Ist man nichtmal im Feuilleton davor verschont, wo die Autorinnen jetzt wohl auch keine Models mehr sind, sondern richtige Frauen? Die Debatte auf diese Ebene zu ziehen, das fällt auch nur einer Frau ein, seufzte ich vergangene Woche angesichts des Aufmacherartikels. Ein Artikel, der ein Täter/Opfer-Rolle herbeikonstruiert, wo man hunderte anderer Täter/Opfer-Rollen konstruieren möchte. Anstatt der Frau als Underdog böte sich da eventuell die des Bloggers als marginalisiertem Medienweltbewohner an. Ich glaube jedenfalls nicht, daß man weiterkommt, wenn man Hegemann einen Opfer-Zettel an die Stirn klebt und sagt, ach je, sie ist halt nicht hübsch genug. Ich habe jedenfalls noch nie gehört, daß je ein Mann gefordert hätte, in der Werbung sollten gefälligst mehr echte Männer mit Bauch, Brille und Unterhaltszahlungen zu sehen sein und nicht dauernd diese alerten, dynamischen Anzugträger mit Fertigbauvilla und Trophywife, die sich den Audi aus der Portokasse leisten können. Es ist ja nicht so, daß nur auf die Hälfte der Menschheit Druck ausgeübt würde, und man kann auch mal aufhören, so zu tun, als wäre das so.

Liebe Leser, Sie sehen also, es ist alles nicht so einfach. Ich bewundere viele Frauen für ihre Leistungen. Ich bin der Meinung, daß Virginia Woolf die halbe literarische Männeravantgarde an die Wand geschrieben hat, ich habe, wenn ich mal drüber nachdenke, mehr bevorzugte Fotografinnen als Fotografen und freue mich, wenn morgen der neue Geniestreich von Joanna Newsom auf den Musikmarkt kommt. Allerdings messe ich sie künstlerisch alle an dem, was sie schaffen. Und daran, was sie nicht schaffen. AL Kennedy ist auch keine Schönheit, aber eine der besten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Zadie Smith ist eine Schönheit und auch eine der besten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Beide sind vermutlich echt. Keine ist ein Opfer, keine ist Dekor. Dafür sind sie ja viel zu klug.
Ich lese also weiterhin guten Gewissens Hochglanzmagazine und esse dazu Schokolade und weigere mich, mich deswegen irgendwie schlecht zu fühlen, weil ich echten Magazinfrauen keine Chance gebe. Ich will die völlig abgehobene Seidenraschelwelt, die mit mir nichts zu tun hat, ich will Make-up sehen, mit dem ich mich nicht auf die Straße tauen würde, und ich will um Himmels Willen keine Diättips. Ich will nicht von echten Frauen irgendwelche Büromode vorgeführt bekommen, ich will nicht verbessert werden, ich will nicht, daß mir irgendjemand Ratschläge gibt. Authentizität ist überschätzt, Originalität ist unterschätzt. Und mit dieser ästhetischen Forderung entlasse ich Sie alle aus meinen Fiebergedanken ins Wochenende. Falls es Ihnen zu wirr war, schieben Sie es auf meine Erkältung. Ich gehe jetzt die Vogue lesen.