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Ding und Dinglichkeit

Blogpremiere: Gut auf dem Papier

04. Februar 2011, 01:35 Uhr

Was für ein seltsames Ding ist doch, was uns von fünfzehn bis fünfunddreißig bestimmt. Es wird zur Messlatte des Seins, zur Geißel aller Entscheidungen, zur Krönung der Selbstaufwertung. Nein, ich meine nicht den Verlobungsring, liebe Damen. Es ist vielmehr ein simples Blatt Papier ohne Eigenwert, den man beim Pfandverleiher umsetzen könnte: Es ist der Lebenslauf.

Als strukturiert, erfolgsorientiert und qualifiziert verkauft er mich.  Mein geliebtes Chaos, ständiges Sinnieren oder mein einziger Zugang zu nachhaltigem Wissen, die Autodidaktik, zählen auf ihm nicht. Also muss ich eine Rahmenhandlung darüber stülpen, ein Studium zum Beispiel. Im Grunde nutzt mein Lebenslauf mir vielmehr um zu verheimlichen, was ich besonders gut kann: Schlafen bis zur Mittagshitze und tagelang Backgammon spielen am Strand während des Auslandssemesters, staffelweise meine Einsamkeit ignorieren mit Hilfe von TV-Serien während des Praktikums weit weg von allen meinen Freunden. Oder Flüchten in schmeichelnde Zukunftsmomente nach einem anstrengenden Tag im Büro, direkt vor den Kamin mit einem Ehemann, der mir aus Dostojewski vorliest.

Sätze wie „ich möchte keine Lücke auf meiner Vita" höre ich oft, als könnte das Leben einfach aussetzen, wenn sich beispielsweise eine längere Reise nicht als Eintrag im Lebenslauf eignet. Wirklich kompliziert wird es für Absolventen, wenn die Bewerbungszeit nach dem Studium selbst zur Lücke wird. Jobs recherchieren, Anschreiben abschicken, Interviews führen, Assessment Center ertragen, dazu kommt die Warterei auf Zu- oder Absagen. Derweil regelmäßig zu Hilfseinsätzen nach Hause abkommandiert werden - man hat ja nichts zu tun.  Außerdem jobben in der Kneipe nebenan, umgeben von Kreativen, die noch nie eine Bewerbung losgeschickt haben. Die Galerie entdeckt schließlich den Künstler, alles andere gilt als unzurechnungsfähig.

Auch schon oft gehört: „das ist nicht gut für meinen Lebenslauf". Ein Bruch in der Ausrichtung, von Modejournalismus über Buchhaltung zu Personalberatung zum Beispiel, kommt sehr schlecht an; Unternehmen wollen keine Tausendsassa. Auch ein Jobwechsel nach weniger als zwei Jahren darf nicht sein, ist der Chef auch noch so cholerisch, die Kollegen dickbramsig und Aufstiegschancen nicht vorhanden. Gut auf dem Papier, so heißt das Ziel. Überträgt man diese Bezeichnung auf einen möglichen Lebenspartner, bedeutet es zwar Tantentäuschung und gähnende Langeweile, doch nur so läuft es.

Ausbildung

Anfangs weiß niemand, was er in die Zeilen reinschreiben soll. Also kriegt das kleinste Talent großer Bedeutung: Gute Deutsch-Noten in der Grundschule heben eine besondere Ausdrucksstärke hervor, Bäume pflanzen in der Schüler-AG gilt als Indiz für Teamfähigkeit, das Amt des Klassensprechers beweist Führungsqualitäten. Als Zehntklässlerin sagte mir eine Freundin, ich sollte bei dem Schülerplanspiel „Models of United Nations" teilnehmen. Hierfür kommen Schüler aus aller Welt zusammen, um einen Kongress der Vereinten Nationen protokolltreu nachzuspielen. Dieser Eintrag auf dem Lebenslauf belegt eindeutig, ob ich nun anwendbare Resolutionen für das Übel der Welt verfasst habe oder nicht, eine Anwärterin auf die Weltherrschaft zu sein.

 

Wenn das Studium beginnt, ist ein Leben danach erst einmal unvorstellbar. Es überwiegt die Erleichterung, endlich zu wissen, wo man die nächsten drei Jahre leben wird. Existentielle Fragen nach dem Ich lähmen derweil den Geist, die Einordnung in das System scheint unmöglich. Wer nicht weiß, wer er ist, kann auch nicht nach vorhandenen Chancen greifen.  Doch dann der Blick auf die anderen, die nicht rasten, sondern fleißig beim Praktikum im Sommerloch die Däumchen drehen. Man wird nun wer und manche haben es verdammt eilig damit. Schnell fühlt man sich überholt, es muss was passieren. Vor allem, wenn man, wie die anderen heimlich auch, im fünften Semester immer noch nicht sicher ist, überhaupt das richtige zu studieren. Ein Abgleich mit dem echten Berufsleben soll helfen, schließlich sind Praktika dafür da, um sich auszuprobieren, am besten in Vollzeit. Und so heißen Ferien bald Urlaub und Leben ist das, was man tut, während sich der Lebenslauf füllt.

Berufserfahrung

Es ist sogar schon so weit, dass die Zeitspanne der Semesterferien nicht mehr ausreicht. Damit ein Praktikum auf dem Lebenslauf überhaupt erst anerkannt wird, sollte es mindestens sechs Monate dauern, sonst fällt es durch das Raster der Online-Bewerbung und gelangt erst gar nicht zu den prüfenden Augen der Personaler oder deren Praktikanten. Also werden Urlaubssemester beantragt und gegebenenfalls Kredite aufgenommen, die Liebe nur unter Vorbehalt und mit Enddatum zugelassen, das eigene Bett mit einem Sofa in einer Fünfer-WG eingetauscht oder, etwas züchtiger, im Gästezimmer einer entfernten Tante genächtigt, wo man sich der Etikette des Biedermeiers unterwirft: keine Partys, keine laute Musik nach elf, keine Männerbesuche.  

 

Wirklich absurd wird es, wenn der Lebenslauf aus allen Nähten platzt. Zwei Studienabschlüsse in drei verschiedenen Ländern, vier Publikationen, sieben Praktika und zehn Projektarbeiten passen nicht auf eine Seite und niemals darf der Lebenslauf länger sein als eine Seite. Also wird aussortiert und umgeschrieben, gerade so wie es am besten zur Jobbeschreibung passt. Der Schwerpunkt lässt sich beliebig stricken, Hauptsache die Dramaturgie ist nachvollziehbar, der berühmte Rote Faden erkennbar, ganz so, als hätte ich immer schon gewusst, was die Aufgabe meines Lebens ist.

Sonstiges

Die Anpassungsfähigkeit geht soweit, dass auch Hobbies gnadenlos abgestimmt sind. Für eine Bewerbung beim Immobilienmakler spiele ich Polo, für Public Relations eignet sich Yoga, als Unternehmensberater gehe ich ins Theater, im Kunsthandel auf die Jagd, bei einer Werbeagentur trainiere ich für den Triathlon.

Und doch reichen all diese Anstrengungen noch nicht aus, um sich besser zu fühlen als die anderen. Voller Unruhe bemerken Anwärter auf einen soliden Berufseinstieg im mittleren Management, dass sie nicht nur als Karrieristen gelten dürfen. Unverzichtbar und vielleicht ausschlaggebend, mehr noch als das Golf-Handicap, ist die Kategorie „Soziales Engagement".

Je näher das Ende des Studiums rückt, desto schneller muss diese Lücke geschlossen werden. Praktisch, wenn attraktive Gutmenschen bereits im Hospiz um die Ecke Besuche abstatten oder die Armensuppe zweimal die Woche ausschenken. Man schließt sich für ein paar Wochen an und macht nebenbei noch interessante Kontakte. Im Verbund der Engagierten sind Mitläufer zwar schnell erkannt, doch jede Hand wird gebraucht und wer weiß, vielleicht dringt das Erlebnis, einen kleinen Dienst an der Menschheit vollbracht zu haben, tiefer in die Persönlichkeit ein, als vom kurzweiligen Helfer geplant.

Sehr gut lässt sich das soziale Engagement auch mit einem Auslandsaufenthalt verbinden. Tierpflegedienst in Afrika, Popo-Abputzen in einem bolivisches Waisenhaus, einen Hilfsgütertransport nach Weißrussland organisieren. Die Möglichkeiten sind so vielfältig wie die Welt groß und schlecht; und ich klein, mein Herz nicht rein und der Wunsch nach Bedeutung übermannend. Aber das schreibe ich wohl besser auch nicht auf meinen Lebenslauf.

Veröffentlicht 04. Februar 2011, 01:35 von Sophie von Maltzahn
Kommentare

Arabella

04. Februar 2011, 02:21

Vielleicht klappt's ja, wenn Du irgendwas mit Medien machst.

Paulchen P

04. Februar 2011, 09:38

Ich habe mich diesen "Zwängen" nie unterworfen und bin trotzdem immer sehr gut damit gefahren. Zugegeben, an den Schlüsselqualifikationen (Abi, Examen) kommt man nicht vorbei. Ansonsten sollte LL und Anschreiben beim Beworbenen vor allem persönliches Interresse an einem Gespräch wecken. Nichts ist langweiliger als über Stunden abgeleckte, stromlinienfrisierte und nichtssagende Bewerber zu interviewen, oder gar später mit ihnen zusammenzuarbeiten.

(Lustige, leicht nerdige Story zum weiterlesen in der vorletzten c't auf S.190. heise.de/ct/inhalt/2011/03/190/).

Ferdinand Strachwitz

04. Februar 2011, 10:08

Super Beitrag!

Hast den gesellschaftlichen-Nagel auf den Kopf getroffen...

P.Seudonym

04. Februar 2011, 10:50

Ausweichende Sätze wie „ich möchte keine Lücke auf meiner Vita" oder  „das ist nicht gut für meinen Lebenslauf" zu formulieren stellt m.E. ein Armutszeugnis für den Sprecher dar. Letzterer sollte sich besser überlegen, ob für den Empfänger der Botschaft vielleicht auch ein simples „Das möchte ich nicht." ausreicht.

Nutznießer

04. Februar 2011, 11:28

Ich würde bei dem ganzen Zauber nicht mitmachen wollen. Da wäre ich lieber Unterschicht als beim Überlebenstraining im Managerseminar mitzuspielen.

w.schmid

04. Februar 2011, 11:58

Zum Glück für den Arbeitgeber gibt es ja auch noch die Probezeit - und das halbe Jahr ist für die 36jährige Bachelorette, die gern was mit Medien macht, auch nicht verloren: Es verlängert als "Praktikum" die Vita...

silberarmreifen

04. Februar 2011, 12:08

Die Analogie zur Partnerschaft ist mir neu, aber schlüssig...

Dort müsste es wohl eher heißen "der hälts nicht ohne Frau aus" als "da ist ne Lücke im Lebenslauf"....

Henriette

04. Februar 2011, 12:14

Du sprichst mir aus der Seele!

Steffi ohne Trauschein

04. Februar 2011, 12:20

http://keine

Liebes,

so ehrlich, so wahr, so (philo)sophisch!

Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen, genau so fühlt es sich an!

silberarmreifen

04. Februar 2011, 12:43

Hier wird gleich dedutzt, oder was?

Bitte doch um etwas mehr gesellschaftlichen Respekt!

P.Seudonym

04. Februar 2011, 13:07

@silberarmreifen: Respekt wird erst ab Goldarmreif aufwärts gezollt; vorher gibt's nur Achtung.

Maxwell

04. Februar 2011, 13:47

Treffer.

"Und so heißen Ferien bald Urlaub (...)" - wie gut und genau. Die Gegenwehr bröckelt, und dennoch kämpfe ich für dieses so oft und fälschlicherweise als an-der-Kindheit-hängen interpretierte Wörtchen "Ferien", das für unglaublich viel Prägung steht und das den so wichtigen Sehnsüchten Raum geben kann.

ilnonno

04. Februar 2011, 13:47

Wirklich großartiger Text.

.

Aber was hat es mit der Altersbegrenzung von fünfunddreißig auf sich?

Sophie von Maltzahn

04. Februar 2011, 13:51

Jade ist das einzig Wahre!

Sophie von Maltzahn

04. Februar 2011, 14:09

@ilnonno: Ist nur ein Vorschlag mit der Vermutung, dass danach alles anders sein wird. Aber wie ist es tatsächlich?

Robi

04. Februar 2011, 14:17

Kunstfigur oder echter Lebenslauf?

muscat

04. Februar 2011, 14:29

Werte Frau von Maltzahn (13:51 Uhr), ganz recht, Gold oder Silber ist sowas von ... 2010.

Perlen sind auch hübsch, aber immer noch kein Vergleich zu Imperial Jade, wie wir schon mal an anderer Stelle feststellten:

faz-community.faz.net/.../vom-niedergang-der-perlenketten.aspx

Alexandra SJ

04. Februar 2011, 14:29

Bin begeistert von Deinem Blog und ein großer Fan. Der Bewerbungs-Jungle ist hart und unherzlich, schonungslos und brutal.

Enkidu

04. Februar 2011, 14:33

Guten Tag Frau von Maltzahn,

es freut mich sehr, dass dieses Blog wieder zum Leben erweckt wurde!

Ich freue mich auf mehr von Ihren schönen Texte.

Viele Grüße

Sophie von Maltzahn

04. Februar 2011, 15:16

Liebes Robi,

Kunstfigur? Um die Lorbeeren jahrelanger Entwicklung einer Fiktion in den Rachen zu werfen? Niemals. Die Wahrheit ist absurd genug -und die Lüge immer ein Teil von ihr.

unellen

04. Februar 2011, 15:16

Die Grenze von 35 macht vielleicht deswegen Sinn weil man dann (hoffentlich) schon echte Berufserfahrung reinschreiben, echte Projekte als Referenz aufzeigen kann und nicht mehr auf (dubiose) Praktika zurückgreifen muss (obwohl: nix gegen Praktika, ich hab mal eins im Bundestag gemacht, das hat immer sehr Eindruck geschunden ;-))

Ich persönlich wär ja mehr für diese Methode:

www.thedoghousediaries.com

das wär wenigstens ehrlich.

Inge

04. Februar 2011, 15:25

schoener Beitrag und Jade triffts auf den Kopf

V

04. Februar 2011, 15:54

Ab einem gewissen Alter lässt ja das Gedächtnis doch merklich nach, liebe Sophie, aber ich kann mich wirklich beim besten Willen nicht an irgendwelche Praktika erinnern. Ich habe zwar davon gehört, dass es solche gibt, und das man kein Geld dafür bekommt, und frage mich daher, wieso man soetwas machen sollte - umsonst für jemanden arbeiten? Das ist ja Frondienst! Ich bin empört, dass Leute so dumm - direkt die Entschuldigung in die Runde, falls jemand betroffen sein sollte - sind.

Sophie von Maltzahn

04. Februar 2011, 16:02

Ich danke Ihnen allen so sehr für Ihre liebe Anerkennung. Sie glauben nicht, wie groß das Lampenfieber war, bevor ich heute Nacht auf "Publizieren" gedrückt habe

Sophie von Maltzahn

04. Februar 2011, 16:21

Ich schätze ALLE sind davon betroffen.

V wie Vendetta!

Sophie von Maltzahn

04. Februar 2011, 16:22

Liebe Alexandra SJ, ich gebe Ihnen vollkommen recht. Nie wieder möchte ich mich bewerben, nie wieder, nie wieder, nie wieder

Kalchas

04. Februar 2011, 16:40

Anscheinend wird Praktikum inzwischen mit unbezahltem Arbeiten gleichgesetzt. Das mag so sein, wenn man 'etwas mit Medien' macht, aber zwingend ist dem nicht so. Wo etwas Sinnvolles und Verwertbares gemacht wird, gibt es auch Geld. Daß in D vielleicht zuwenig Sinnvolles gemacht wird, ist ein anderes Thema.

Schöner Artikel ansonsten, meinerseits viel Zustimmung.

Gruß K

ilnonno

04. Februar 2011, 16:57

Naja, SvM, natürlich sind alle betroffen, wenn man es weit genug auslegt. Ansonsten habe ich in 25 Berufsjahren noch nie eine Bewerbung verschickt, auch noch nie einen Lebenslauf getippt (wäre mal spannend). Dennoch kommen pro Jahr in schöner Folge zwei bis drei Angebote.

Langsam habe ich den Eindruck, das mit dem Bewerben und den Praktika ist wie mit dem Rauchen. Hat man einmal damit angefangen, kommt man nicht mehr so leicht davon los. Zugegeben ein blöder Vergleich. Was ich meine: die Leute hängen in der immer gleichen Schleife und sehen die Möglichkeiten gar nicht mehr, die anderen einfach zufallen.

Sophie von Maltzahn

04. Februar 2011, 17:32

Unterbezahlt, überqualifiziert und doch oft die große Chance. Ist eben ein sehr amerikanisches Prinzip-Praktikum, was sich auch im alten Europa eingenistet hat.

Ursel81

04. Februar 2011, 17:53

Der Text hat so viel Wahres. Viele Branchen tendieren dazu mit Praktika und ausschließlich befristeten Verträgen, die mühsamen unbefristeten Mitarbeiter zu ersetzen. Doch die Rechnung geht am Ende nicht auf. Wer keine langfristig loyalen Mitarbeiter fördert und Ihnen nachhaltigen Anreiz gibt, wird seine Existenz langfristig in einer alternden Gesellschaft und vor dem Hintergrund der Fach- und Führungskräftemangels nicht sicher.

Die betroffene Generation darf sich das Dumping und diese Entwicklung nicht bieten lassen. Einer muss mal anfangen nein zu sagen.

perfekt!57

04. Februar 2011, 18:02

Größe ist, wenn man gut ist, in dem, was man tut. was das ist, darauf kommt es nicht an."

.

Wenn ich mich verbiegen muss, bin ich fehl am platz.

ilnonno

04. Februar 2011, 18:16

In Amerika kenne ich (wie hier auch) sehr viele Leute, die Jobs jenseits ihrer Quakifikation betreiben. Darüber, darunter und was man sich noch so denken kann.

Dabei kommt mir mein Vater in den Sinn, der sich immer über das Wort "Job" geärgert hat. Es geht um Arbeit, nicht um einen Job, meinte er immer.

Sie bringen mich hier zum Nachdenken, dabei sollte ich längst in der Tränke sein. Ich habe noch nie etwas richtig Geplantes gemacht im Sinne von: jetzt lerne ich das, dann das, und dann lande ich in der und der Tätigkeit. Wie denn auch: wie soll ich planen, was ich nicht kenne.

Savall

04. Februar 2011, 18:52

Ich bin in der unglücklichen Lage, sogenannte „Initiativbewerbungen“ an die zuständige Abteilung weiterleiten zu müssen und in der überaus glücklichen Lage, über eine eventuelle Einstellung nicht befinden zu müssen. Notgedrungen muß ich die Bewerbungen zunächst zur Kenntnis nehmen und kann nur aus diesem völlig unrepräsentativen Erfahrungsschatz schöpfen. Ich bin, wie gesagt, in der Sache nicht entscheidungsbefugt und es kann sehr gut sein, daß man meine Empfehlungen mit umgekehrten Vorzeichen betrachten muß. Zudem sind die Verhältnisse hier in Sibirien, westlicher Abschnitt (aber diesseits der Elbe, ich bestehe darauf!) nicht mit den Verhältnissen andernorts vergleichbar. Und trotzdem: da ich gewissermaßen neutral bin, sind meine Anmerkungen vielleicht nicht unnützlich. Also: am anderen Ende des Tisches sitzt kein Idiot, den man mit Euphemismen beeindrucken kann. Es ist ganz einfach so, daß man aus schlichten Daten sehr wohl auf eine gewisse Konstitution, ein bestimmtes Verhalten schließen kann, manchmal liegt vor einem ein völlig fremdes Leben völlig offen. Als Beispiel vielleicht die kürzliche Bewerbung eines 60 Jahre alten Elektronikers. Er war offensichtlich Zeit seines Lebens an vielen Orten eingesetzt, nicht immer seiner Qualifikation entsprechend, immer wieder Arbeitslosigkeit dazwischen. Die letzten zehn Jahre hat er mit der EDV-Betreuung einer mittelständischen Firma verbracht. Seine Vita ist vollkommen obskur, sein letztes Zertifikat war von 1998. Und trotzdem würde ich den Mann einstellen. Warum? Er ist offensichtlich wegen seines Alters entlassen worden, hat sich immer für seinen Arbeitgeber den Allerwertesten aufgerissen und ist bereit, sich in seinem Alter neuen Herausforderungen zu stellen. Guter Mann!  Schlußfolgerung:  lieber die Wahrheit sagen, den Gegenüber nicht mit politisch korrektem Geschwafel  beeindrucken wollen (erkennt man auf den ersten Blick) und dafür lieber eine elegante, auch selbstironische Formulierung finden.  Wie gesagt, der andere ist auch kein Depp. Am liebsten allerdings wären mir Personalchefs mit Menschenkenntnis und einiger Bonhomie. Schwer zu finden, so etwas.

Sophie von Maltzahn

05. Februar 2011, 13:10

An Savall,

bei den Massenbewerbungen durch Portale wie stepstone&co kann ich mir vorstellen, dass hunderte lieblose Bewerbungen auf dem Tisch landen. Aus einer Laune "ich könnte ja auch mal Marketing machen" heraus ohne durchdachte Strategie, wie zufällig mal die Onlinebewerbungsmaske ausgefüllt. Ich weiß gar nicht, wie Personalabteilungen dieses Konvolut mit ehrenhaftem Anspruch bewältigen wollen. So geschieht es dann auch schnell, dass ein schlechter Eindruck von dem Unternehmen bei den wenigen ernsthaft attraktiven Bewerbern entsteht. Platt gesagt, Masse statt Klasse.

Savall

05. Februar 2011, 13:58

Nun, wissen Sie, Sophie, unsere Firma ist nur mittelständisch, ein paar hundert Mitarbeiter. So viele Bewerbungen gibt es da nicht. Nur wenn sich die Leute für die Berufsausbildung melden,  gibt es einen Schub. Der Entscheidungsprozeß läuft sehr gestuft, die Bewerbung ist nur ein Mosaikstein. Was ich aus meiner Erfahrung sagen kann ist, daß es in einem solchen Fall auf die Form ankommt. Das übelste sind Rechtschreibfehler. Nicht so sehr, weil es eine gewisse Unbildung implizierte, sondern mangelnde Sorgfalt. Im Zeitalter der automatischen Rechtschreibkorrektur sind Fehler ein Zeichen von Schlamperei, nicht des Unvermögens. Das ist von Übel. Irgendwelche Knicke im Lebenslauf sind im übrigen eher interessant als schädlich. Man denkt unwillkürlich: ach, wie ungewöhnlich, was mag da gewesen sein? In Großfirmen mag das anders sein, da fällt man sicher durch ein automatisiertes Raster.  Aber ich denke, es ist in diesem Fall eine läßliche Sünde, die eigene Vita stromlinienförmig zu interpretieren. Daß der potentielle Arbeitgeber sich dadurch vielleicht um die interessantesten Leute bringt, ist sein Problem.

perfekt!57

05. Februar 2011, 17:23

Besser als die FAZ heute kann man es kaum begreifen und hinschreiben: Jeder Satz dieser gesellschaftlichen Zustandsbeschreibung - und um eine solche handelzt es sich - wahr. www.faz.net/.../Doc~EC845CA0AABBC44C89CC120166EE3C696~ATpl~Ecommon~Scontent.html

.

(Ergänzend höchstens könnte man Überlegungen anführen zu Theorie und Praxis von Nützlichkeitserwägungen bei Individuum einerseits und einem (sich am Rande des funktionierenden bewegenden, wenn man dem Artikel folgt) Apparats (Kollektiv) andererseits - und die Nützlichkeitserwägungen eines überwiegend unakademischen aber geistige Arbeit durchaus kanibaliserenden Staates ("des Typus A9-A13") als "außen" als möglichem dritten Akteur etc. und wie dieser wiederum durch Politik und Medien(konsum) partiell abgelenkt/ruhig gestellt sein kann, so dass er nicht neidisch allzusehr/allzuhäufig auf akademische Freiheiten starrte ..., die nach Lesart des Neides eh bloß sogenannt wären ...) )

.

"Tu was", sagen wir ja immer wieder.  Was eben auch den sozialen Aspekt von "und verlass Dich nicht allzusehr auf andere" enthalten kann.

.

Oder noch anders: Das hat zu tun mit dem Begriff "Libertarismus", der wohl vor allem bei uns eher wenig bekannt war, nun aber, den Umständen der Globaliserung folgend (denn all das, was FAZ schreibt (weil es Realität betrifft) sind lediglich Teilaspekte, Auswirkungen bloß von Globaliserung) nun auch bei uns bekannt wird, als praktisches Lebenshandeln in Erscheinung tritt. de.wikipedia.org/.../Libertarismus

kaktus

05. Februar 2011, 17:56

Sophie,

dies bitte nicht als Angriff verstehen, aber:

BWL mit Schwerpunkt Marketing signalisiert einem doch schon, dass BWL nur ein Verlegenheitsstudium war. Dann auch noch in Maastricht, was bei einigen einen Ruf als Ort für NC Flüchtlinge hat.

Dann der Master of Arts in Media Dingsbums. Hatten sie damit ein klares Ziel vor Augen? Dachten womöglich damit kann man gleich hoch einsteigen bei Sothebys, oder so? Hm, lieber zuerst Kunst studieren und dann mördermäßigen GMAT machen und danach einen nicht konsekutiven BWL nahen Master machen.

Meiner Meinung nach, war das Profil vor dem Master wesentlich besser.

Ansonsten steckt in dem Artikel aber auch viel wahres, bei dem ich ihnen uneingeschränkt rechtgeben muss.

gruß kaktus

kaktus

05. Februar 2011, 17:59

@ Kalchas

Stimme dem uneingeschränkt zu. Habe vor kurzem gelesen, dass das Cern Studenten im praktischen Jahr über 3000sFr zahlt. Auch macht eigentlich kein Maschinenbaustudent unbezahlte Praktika.

gruß Kaktus

Sophie von Maltzahn

05. Februar 2011, 18:32

Lieber Kaktus,

kein Angriff kann es sein, was so charmant entgegen gehalten wird. Ziellos mag die Entwicklung gewesen sein, doch zum Glück erkennt man im Nachhinein, dass die unterschiedlichen Enden zueinander finden. Auch wenn der Grund währenddessen etwas nebulös erschien.  

Aber doch, es machte Sinn, also weiter knoten!

Sophie von Maltzahn

05. Februar 2011, 19:54

Thema University Maastricht: man muss bedenken, dass sich Maastricht dem planwirtschaftlichen System der ZVS nicht unterwirft, genauso wenig das Qualitätsgefälle der Länderhoheit in Deutschland in Betracht zieht.

Nach dem ersten Jahr, der Bewährungsprobe, ist das Studium ein echter Schleudergang. Das deutschlandweite Stöhnen über den Bachelordrill ist kaum ernst zu nehmen, wenn man Maastricht hinter sich gebracht hat.

chrissi

05. Februar 2011, 20:58

Die Unsicherheit in dieser Zeit ist unangenehm, aber das wird durch etwas  Verspieltheit, verbliebene Spielzeit und schöne Illusionen ausgeglichen. Mit Familie hat Glück, wer auf einer seetüchtigen Galeere gelandet ist, gesund ist, genug Kraft hat und gerne rudert. Wie sagte noch Peter Ustinov: Jetzt sind die guten alten Zeiten nach denen wir uns in ein paar Jahren zurücksehnen.

Christian H.

05. Februar 2011, 21:13

Also 21 jähriger Student aus München, der gerade mitten in der quälenden Vorbereitung auf die Klausurenphase steckt, um nur zwei Tage nach der letzten Klausur sein Praktikum in Frankfurt anzufangen, spricht dieser Eintrag aus meinem tiefsten Herzen!

Aber genug davon, es wartet noch die empirische ökonomie auf mich...

Tobias Milchereit

05. Februar 2011, 21:49

Immer wieder ein Genuss sind die mit solchen Artikeln verbundenen Momente der Selbstreflektion...Mehr davon.

Fahrer

05. Februar 2011, 22:59

Madame,

haben Sie Dank fuer Ihren genialen Beitrag. Der CV klebt an einem wie ein Verlobungsring, und hinterher die weisse Stelle. Ich muss immer noch sowas schreiben, sozusagen post-applikativ, und es gibt in meiner Institution sogar ein eigenes internes Formular dafuer, das regelmaessig upgedated wird. Da kann ich mir dann ueberlegen, was mit "Enterprise and Engagement" und was mit "Outreach Activities" und was mit "Impact" gemeint ist. Demnach kommt dem CV so etwas wie die Funktion eines Antragsformularantrags zu. Dank Ihnen aber kann ich wieder darueber lachen. ;-)

Sind Emoticons zwecks Abkuerzung im CV erlaubt? Beste Gruesse,

helmut.hoelzler

05. Februar 2011, 22:59

SvM,

Du hast ja einen Job, ich richte den Text aber trotzdem an dich - gewissermaßen als Platzhalter.

Vielleicht sollte man an diese Stelle doch einiges relativieren. Ich habe selbst schon viele Lebenläufe lesen müssen / dürfen. Das ist langweilig und ganz schön frustrierend. Denn die Fehler sind immer die gleichen, und so primitiv, dass ich mich oft am Kopf kratze und frage: Was denken sich die Leute eigentlich? Da wären die Rechtschreibfehler. Dann gibt es die Kandidaten, die die vielfältige Welt der Formatierungen entdeckt haben - je mehr verschiedene in einem Absatz, desto besser. Der Lebenslauf sieht also aus wie ein Hundefrühstück.

Dann diejenigen, die - zur Sache - 1000 Dinge getan haben, die nichts, aber auch gar nichts mit dem Job zu tun haben. Warum  muss ich das lesen? Niemand muss sich bei mir rechtfertigen für sein Leben und dafür, dass der Lebensweg manchmal Brüche aufweist. So gemein bin ich nicht. Darum gehts auch gar nicht. Ich will einfach nur einen Mitarbeiter, der den Aufgaben gewachsen ist, sich auch wirklich dafür interessiert, ein bisschen nett und kein Psychopath. Fertig. Und das - und NUR das - sollte im Lebenslauf Thema sein.

Es gibt nur wenige Fragen, die relevant sind:

Erstens, hat der Kandidat die notwendigen Qualifikationen? Das ist eine Ja-/Nein-Frage und man muss nicht in Stanford Assistant Professor sein, um hier zu punkten. Jedenfalls nicht bei allen Jobs. Manchmal muss man halt bestimmte Dinge können. Alle anderen Dinge, die der Kandidat noch kann, sind übrigens egal - Handstand, Pilotenlizenz, C64-Programmierung, dreizehn chinesiche Dialekte. Das heisst nicht, dass sie im großen Spiel der Welt keine Rolle spielen oder ganz und gar unwichtig sind, aber eben nicht jetzt und hier für mich zur Beantwortung der Frage: Ist der Kandidat dem Job gewachsen?

Frage Nummer zwei: Was interessiert den Kandidaten? Was bringt ihn / sie zum ticken? Ich meine NICHT die Hobbies. Ich meine ein im Lebenslauf erwähntes (!) Interesse an irgendeiner (ernsthaften) Sache, die du jemals mit wirklicher Hingabe verfolgt hast. Wer bist du? Falls du es selber nicht weisst, hast du Pech gehabt. Falls du es nicht erwähnst, ebenfalls. Ich hatte einen Kandidaten, der hat einen Go-Computer programmiert. Schiet egal, ob mit Erfolg oder nicht: So etwas tut nur jemand, der ein echtes Interesse daran hat, und einfach ist es bestimmt auch nicht. Eingeladen - obwohl es im Job um etwas anderes ging (immerhin um Mathematik - ein Sachbezug war also vorhanden).

Und drittens, eng verknüpft mit zweitens - wieso hat der / die Kandidatin all die Dinge getan, und was genau hat er / sie gemacht? Du hast dreimal Stelle gewechselt? Ohne Kommentar: ganz schlecht. Schreibst du dazu: Aus Familiengründen: Schon besser. Schreibst du (falls es so ist): Ich musste die Stelle leider kündigen, um näher bei meiner Familie zu sein, obwohl ich gerne noch geblieben wäre, weils ganz toll war: Jeder sieht ein, dass dir das an die Nieren ging. Jetzt wissen wir etwas über dich (siehe Punkt zwei). Dein letzter Job war eigentlich genau das, was du machen willst, aber die Firma ging pleite? Schreibs hinein.

Der einfache Rat ist also: Finde heraus, was dich interessiert, und schreib es in den Lebenslauf. Dann weisst du auch gleich, wo du dich bewerben solltest. Kein Mensch will wissen, ob du ins Theater gehst, falls es dir nicht WIRKLICH wichtig ist. Und auch das Praktikum im Waisenhaus in Bolivien ist mir ganz egal, wenn ich einen Programmierer suche.

perfekt!57

05. Februar 2011, 23:07

"Die Anpassungsfähigkeit geht soweit, dass auch Hobbies gnadenlos abgestimmt sind. Für eine Bewerbung beim Immobilienmakler spiele ich Polo, für Public Relations eignet sich Yoga, als Unternehmensberater gehe ich ins Theater, im Kunsthandel auf die Jagd, bei einer Werbeagentur trainiere ich für den Triathlon."

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Das Motto des Lebens selbst ist aber weiter und unverrückbar ein anderes. "Sei und werde, der Du bist" lautet es wohl - relativ treffend ausgedrückt. Und erst dann, wenn "Arbeitsstelle" (für manche durchaus ein mit bis zu stark hämischem Unterton auszusprechender Begriff) zum Selbst passt, können beide miteinander glücklich werden. (u.a. "Strizz" scheint so ein Fall zu sein). Alle anderen werden auch weiterhin besser Clown oder Artiste im Circus oder Blumenmädel oder Bäcker oder Escort(e) - und sei es über den Umweg Bewerbung plus Arbeitsstelle

.

Und bleibt noch die Einstellung zum Geld: Ein bißchen davon schadet auf jeden Fall nicht. (Weshalb ja auch die gut bezahlte Festanstellung so oft gesucht ist.)

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Ein Prinzip bleibt immer gleich, ist wertvoll und hat doch so eher wenig Propagandisten: "Geld haben kommt vom es-behalten". Am Beispiel: Wer 2500 Euro pro Monat Nettoeinkommen hätte und würde davon 1000/Monat sparen (können) hätte nach einem Jahr 12.000 Euro auf der Bank, wer netto 3500/Monat verdient und alles für sein Selbstbild (genannt "Lebenstandard") ausgibt, hat nach 12 Moanten genausviel wie nach 3 Monaten: Nichts.

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Insofern freuen wir uns immer für jeden, der frühzeitig geübt und angewiesen/unterrichtet ist, mindestens zwei Bewerbungen zu schreiben: eine an den mögliche zukünftigen Arbeitgeber - und eine an sich selbst.

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(Für mache evtl. zu fortgeschritten: Man braucht überhaupt keine Arbeitstelle. Denn das Leben ist genial. (Das Leben an sich, vom Schöpfer so gedacht). Man muss bloß bereit sein zu arbeite , sich ggfls. auch mal die Finger schmutzig zu machen, wenn man so will, tätig zu sein, ganz einfach ohne nachzudenken, wenn man so will.

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Am Beispiel: Ich gehe ganz einfach morgens los, verlasse das Haus und beginne mit der nächsten kleinen oder größeren Tätigkeit, die sich mir anbietet. Repariere etwas Kaputtes, hebe etwas auf, räume etwas weg, was herumliegt. Dann der nächsten netten älteren Dame über die Strasse helfen, ein paar freundliche Worte wechseln, dann gfls. nach Problemen/Aufgaben/Arbeit fragen, vollkommen ehrlich und geradeaus. Sie wird was haben, jemanden kennen, der hat. Und das mache ich dann. Und so geht es weiter. Man kann nicht verhungern. (Evtl. wird man in Abhängikeiten geraten resp. lernen, sich nicht ausbeuten zu lassen und/oder "nein" zu sagen.) Um das Leben kennen zu lernen, muss man nicht mit Gewalt oben einsteigen- wobei sich das für den leichter sagt, der z. B. eher nicht aus eher nur-kleinen Verhältnissen kommt und diese deswegen so stark abstoßen muss ... . Aber ruckzuck hat mich einer gegriffen, der gesehen hat "der kann und will arbeiten - und sogar aus sich selbst heraus" - und bietet mir ein Stelle an (die dann am besten, soweit sind wir schon, den Charakter einer zu mir passenden Aufgabe hat).

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Und unsere verehrte Dichterin hat hier und heute ja auch so an sich selbst geschrieben.)

MAX

06. Februar 2011, 01:01

Schmunzel. Wie all die "Personaler" hier doch garstig fauchen und sich auf den Schlips getreten fühlen, der doch ganz und gar nicht eng gezogen war, sondern über dessen korrekten Sitz nur ein wenig heiter und zugleich irritiert berichtet wurde. Sehr unterhaltsam.

jon503

06. Februar 2011, 01:25

Vielen Dank für einen sehr wahren, wenn auch leicht deprimierenden Blogeintrag. Er spiegelt wirklich ungemein gut mein Leben dar, inkl. Studium in Maastricht übrigens, allerdings in European Law und nicht IB.

Er ist wirklich schrecklich dieser Lebenslauf. Meinen ganzen Bachelor über waren immer Leute bei den oben angesprochenen "Model United Nations (MUN)", haben pro forma bei Amnesty ausgeholfen, oder weiß ich was alles getan um unter "sonstiges" auch etwas gescheites hinschreiben zu können.

Dagegen habe ich mich immer vehement gewehrt; ich wollte Sachen machen weil sie mir Apaß machen oder ich mich zumindest dafür interessiere und nicht um eine weitere Zeile auf meinem Lebenslauf füllen zu können. Nun, einen Master und erste Berufserfahrung später muss ich leider gestehen dass ich vor dem System kapitulieren musste. Ich habe auch schon diverse (natürlich unbezahlte) Praktika hinter mir und habe mich tatsächlich doch noch zu so einer MUN schleppen lassen, alles nur um mich vor der ominösen "HR Abteilung" zu schützen, von der überall immer die Rede ist.

Ich habe mir jetzt - wie schon des öfteren - vorgenommen gezielt jegliche Studentenbeilage in FAZ, Zeit, etc. zu vermeiden und die darin enthaltenenen, sich wöchentlich widersprechenden Bewerbungstipps zu ignorieren. Allein die Titel schon;  die Beilage von entweder FAZ oder Zeit heißt "Karriere studieren" - man studiert doch keine Karriere sondern Jura, Medizin, Kunst, BWL, etc. Sicher möchte man auch später eine Karriere haben, aber ich denke schon der Titel spricht von einer seltsam verschobenen Wahrnehmung der Redaktion und sicherlich vieler Leser...

Hedon Prime

06. Februar 2011, 02:46

@perfekt!57 (23:07)

 

"Man muss bloß bereit sein zu arbeite , sich ggfls. auch mal die Finger schmutzig zu machen, wenn man so will, tätig zu sein, ganz einfach ohne nachzudenken, wenn man so will."

 

Sie selbst leben und texten offensichtlich gemäß dieser Weiheit.

Gratulation!

Fealcon

06. Februar 2011, 04:04

@h.hoelzler:

Ich gehe mal davon aus, dass sie dafür zuständig sind, Leute einzustellen in ihrem Unternehmen und wollte mich für diesen sehr hilfreichen Text bedanken. Ich bin bald mit dem Studium (Mathematik) durch und habe mir ihren Text abgespeichert als Richtlinie für meine Bewerbungen. Ist sicher nützlich zu wissen, worauf so geachtet wird ... insbesondere da ich es nie als wichtig erachtet habe, mich irgendwie sozial zu engagieren für meinen Lebenslauf ... es sei denn ich wollte Politiker werden, da macht sich das immer gut :D

PS: Zählt es, dass ich mal ein bisschen an einem eigenen Browsergame programmiert habe?

 

Ferdinand Spee

06. Februar 2011, 07:26

Erste Sahne Sophie! Hervoragender Artikel! Unternehmen neigen zur Demotivation! Schade für die heutige Welt und den Wirschaftsstandort Deutschland!

Ganz Deiner Meinung!

kaktus

06. Februar 2011, 12:34

@ Universität Maastricht. Ich glaube nicht, dass man dort irgendwas geschenkt kriegt. Aber ich glaube noch weniger, dass das Studium respektive der Bachelor dort schwerer ist als an einer besseren deutschen Uni. Desweiteren denke ich, dass die Uni in Deutschland schwer gehypt ist, und dort ein spezieller Schlag Studenten anzutreffen ist. Entschuldigung, aber ich schließe von Personen die ich kenne auf die allgemeine Studentenschaft. Es würde mich nicht wundern, wenn überproportional viele Hamburger an der Uni sind. Ich denke die Leute die sich nicht einem ZVS Diktat unterwerfen wollen und an eine gute Uni wollen, gehen nach St Gallen oder versuchen es mit der WHU aber da ist der Unsicherheitsfaktor größer als in  Maastricht.

Als wirtschaftswissenschaftlicher Bachelor Student, steht es einem meiner Meinung nach nicht zu über das Anstrengungsniveau im Bachelor Studium allgemein zu urteilen. Ich denke ein BWL Studium ist immer noch gut machbar(egal wo). Dramatisch verschärft hat sich die Lage an den elitären Ingenieursunis. Dort hat man teilweise NC's von <1,5 und nach 2 JAhren ist trotzdem mehr als die Hälfte weg. Das sollte eigentlich nicht passieren.

gruß kaktus

empfundene Larmoyanz

06. Februar 2011, 14:13

Nehmen wir die "gute Papierform" mal als Bewerbung an des mitlesende,

gelegentlich auch kommentierende Publikum.

Offensichtlich gut hineingefunden, wohl auch aus eigener Erfahrung, in

das Szenario eines noch nach den akzeptablen Verbiegungensvarianten

suchenden Wesens, die das Leben in Gesellschaft zu fordern scheint.

Die Darstellung der empfundenen, teilweise vielleicht auch schon verinner-

lichten Widrigkeiten erinnerte ein wenig an die hochadlige auf den Hülsen-

früchten.

Abgehakt.

Mal sehen, ob sich in der Probezeit die herzerfrischend skurile Originalität,

mit der dieses Blog bis zur leider viel zu langen Pause gut be'diener't wurde, aus dem Weichbild gegebener Andeutungen herausarbeitet.

perfekt!57

06. Februar 2011, 19:01

Kurze Kleinigkeit wäre evtl. noch anzumerken gewesen, und wir bemühen uns deshalb natürlich um geringste Lautstärke und wenigstes Auffallen dafür und wählen auch die spätere Stunde:

.

In gewissen seltenen Kulturkreisen galt von Alters her nicht vorzugsweise der Arbeitsstelle die erste Bewerbung, also der "Welt" und dem "Profanen", sondern der "Herkunft", so sagt man wohl.

.

"Gotteskindschaft" also. Wie das evtl. nennt, wer es kennt. (Einfach nur eine Tatsache. Fast eigenschaftslos. (Kennen = erfahren haben; passiver Sprachgebrauch und Tatsache: ergriffen worden sein, nicht wahr?))

.

Und dann gälte praktisches Tun, man verzeihe die kleine Vollständigkeit, die erste Bewerbung des Tages sehr häufig dieser Gegebenheit:

.

"Vater ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund." (1)

.

Und solche Bewerbung hat einen Namen. "Gebet" wird sie genannt.

.

((1) Oder eigener, freier Text oder anderes, as usual, für die erste Orientierung des Lebens. Aber das war ja gestern.)

StraßenAusZucker

06. Februar 2011, 19:23

eine perverse entwicklung des marktes wird nicht kritisiert...lieber irgendwie auf den zug aufspringen und nicht nach hinten schauen, statt widerstand zu leisten und missstände aufzuzeigen. besonders der letzte absatz erzeugt mehr ekel als interesse...

der artikel ist gut geschrieben keine frage, inhaltlich zeigt er sehr gut die apathische anpassung an den markt bis hin zur erniedrigung und entmenschlichung der facebook generation.

aber bevor noch viel darüber nachgedacht wird: lieber noch ein paar fotos hochladen, eine neue digicam kaufen und ein gratis-praktikum machen....vielleicht erleichert das ja das "leben"

perfekt!57

06. Februar 2011, 21:06

@Hedon Prime

.

"Yes, the Spirits are talking to me..." (3:23) (und viele/alles andere) www.youtube.com/watch (Hohe Auflösung 480p und "fullscreen" empfohlen)

Sophie von Maltzahn

07. Februar 2011, 11:37

Lieber Helmut Hoelzler

ich freue mich über Ihren Beitrag. Der Schaum vor dem Mund ist nicht zu überlesen, doch das hat schon viele Texte erst lesenswert gemacht und die Generation "laboro, ergo sum" wird sich an den praktischen Tipps von der anderen Seite des Vorstellungsgesprächen gewiss erfreuen. Vielen Dank dafür.

Sophie von Maltzahn

07. Februar 2011, 11:45

@Lamoyanz,

auch wenn mir Empfindsamkeit als hohen Gut erscheint, kann ich Ihnen versichern: wenn ich unter siebzehn Matrazen eine Erbse entdecke, freue ich mich über den Mitternachtssnack. Problem abgehakt.

force de bureau

07. Februar 2011, 18:40

@die "weisheit von mulsan" 11:45

nur um des potentiell mitlesenden Personalchefs Geneigtheit aufrecht zu

erhalten: "La moyanz" mit rrrrrr, "als hohes Gut";

Erbse ungekocht könnte, besonders in Mehrzahl eine Karriere als

Magendrücker beginnen, kicherte die brave Bohne, aber doch etwas

zweifelnd an dem Vorsatz: if you cannot beat it, eat it, wissend,

unfähig für solches Risiko am Versicherungsmarkt Deckung zu finden,

mangels Angebot.

Soll aber die Wachphase bei Nachtarbeit günstig beeinflussen.

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