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Ding und Dinglichkeit

Besitzanspruch auf ein Allgemeingut: Bürokaffeetassen

12. März 2011, 01:15 Uhr

Frau Sophie ist im Streß, und so müssen Sie, werte Leserschaft, heute mit mir altgedienter Schreibkraft vorlieb nehmen. Ich habe das geplante Thema letztens bei einem Abendessen im Hause Maltzahn erwähnt, und es verfehlte nicht die sofortige Wirkung. Man muß nur kurz den Begriff fallen lassen: Über was wollen Sie schreiben? Bürokaffeetassen? Allgemeines Gekicher am Tisch und lockeres Abgewinke aus dem Handgelenk. Ja, da weiß ein jeder die ein oder andere Anekdote zu erzählen. Die Kollegin etwa, die einmal aus schierem guten Willen ein ganzes Sortiment stiftete, das aber nur wenige Wochen im entsprechenden Küchenschrank verblieb bis es zerstob. Wohin so etwas zerstiebt, ist ja nie so ganz klar, das Haus hat sieben plus zwei Stockwerke, wo soll man da anfangen zu suchen? In der Tiefgarage? In der Pförtnerloge? Einige Abteilungen experimentieren zwar auch mit auffordernder Beschriftung ("CvD!!!"), das konnte sich aber bislang nicht durchsetzen.

Wenn Tassen auf Wanderschaft gehen (was sie immer dann tun, wenn irgendwo die Kaffeemaschine kaputt ist und die Arbeiterschaft sich in langen Kolonnen durch die Treppenhäuser schiebt, auf der Suche nach einem funktionstüchtigen Vollautomaten, der einen nicht mit der Aufforderung "Satzbehälter entleeren!" anherrscht, und das noch am frühen Morgen vor dem ersten Kaffee, oder der gerade eine Identitätskrise durchmacht und einem hilflos die Frage "Brühposition?" entgegenblinkt, was ja schon fast wieder rührend ist), dann wandern die Tassen immer so lange, bis sie in einem Stockwerk landen, in dem garantiert keiner mehr weiß, wem sie irgendwann einmal gehört haben, und dann bleiben sie da. Für immer. 

So ziemlich der einzige Sport, den der Büroalltag neben dem Kantinenspaziergang erlaubt, ist ja auch der Gang zur Kaffeeküche. Das führt natürlich früher oder später dazu, daß alle viel mehr Kaffee trinken als eigentlich gesund ist, und natürlich ist das auch viel ungesünder, als sitzen zu bleiben und sich überhaupt nicht zu bewegen. Aber der Gang zur Kaffeeküche sorgt nicht nur für die Entfaltung der gekrümmten Glieder, er birgt auch eine durchaus wichtige soziale Komponente. Weil man sich ja nicht das Rauchen angewöhnen will, nur um ab und zu mit Menschen zu reden, gewöhnt man sich eben das Kaffeetrinken an, schlendert gen Küche und hofft darauf, daß zufällig gerade irgendein freundlicher Kollege auf die gleiche Idee gekommen ist.

Jetzt geht die Sache aber noch ein Stück weiter. Denn wer neu im Büro ist, kann in der Kaffeeküche nicht nur viele nette Kollegen kennenlernen, er kann auch in viele weniger nette Fettnäpfchen treten. Und das beginnt schon bei der Auswahl der Tasse, denn es gibt Kollegen, die Besitzansprüche auf bestimmte Tassen erheben, was man aber erst dann erfährt, wenn es zu spät ist. Das widerfuhr mir einmal, als ich nichtsahnend einen großen schwarzen Kaffeebecher mit irgendeiner Aufschrift mit Kaffee füllte und das Büro betrat. Schweigen. Betretene Blicke gen Tastatur. Später im Gang der dezente Hinweis, die Aufschrift zu lesen: "Ich Chef du nix", stand darauf. Verdammt. Solche Tassen gehören immer jemandem. 

Wer schon länger im Arbeitsleben steckt, weiß mittlerweile, daß es Tassen gibt, die immer jemandem gehören. Katzenmotive etwa, das ist die Chefsekretärin. Witzische Sprüche, das ist der witzische Kollege. Und es gibt welche, die man sich grundsätzlich nehmen kann, weil sie sonst niemand benutzt. Glühweintassen vom Weihnachtsmarkt Mannheim anno 1993, dafür will sich keiner mehr zuständig fühlen. Überhaupt Tassen früherer Jahrzehnte, pockig-brauner Töpferwarenlook aus den Siebzigern, satiniertes Farbglas aus den Achtzigern, weiße Standardtassen mit der Spülmaschine zum Opfer gefallenen Aufschriften längst in die Insolvenz geschlitterter IT-Consultingfirmen aus den Neunzigern. Ein wildes Sortiment steht dort im Schrank, das Handelsblatt und die Diddl-Maus einträchtig Henkel an Henkel.

Fettnäpfchen, ja, da lachen sie am Tisch. Da kann jeder etwas beitragen. Es gebe, so berichtet der Kollege, eine Tasse, auf die er sehr viel Wert lege. Sie sei nicht eben schön, aber groß, und zwar genau so groß, daß sie einen Cappuccino plus einen schwarzen Kaffee aus dem Vollautomaten fasse, und ohne diese Kombination fühle er sich weder fähig noch Willens, morgens den Dienst anzutreten. Um also seine tägliche Tauglichkeit zu gewähren, bunkere er diese lebensnotwendige Tasse auf seinem Schreibtisch. Das ging so lange gut, bis besagter Kollege einmal in Urlaub war und der Volontär vorübergehend seinen Platz einnahm. Oh, Geschirr, dachte der fleißige und um Ordnung bemühte Volontär. Das gehört doch in die Küche! Und damit hatte er ja auch nicht unrecht, bis zu dem Tag, an dem der Kollege aus dem Urlaub wiederkehrte und in seinem Zimmer ziemlich vernehmlich ziemlich unzufrieden war. Die Vorenthaltung der morgendlichen Kaffeedosis rührt bei vielen ja an das Empfindlichste: An die gute Laune. Es sei schrecklich gewesen, berichtete der noch immer leicht erschütterte Volontär von diesem Vorfall. Jemand anderes habe sich in der Zwischenzeit der großen Tasse bemächtigt. Man habe sie ihm entreißen müssen, um die Arbeitsfähigkeit der Abteilung wieder herzustellen. 

Ja wem denn die große Tasse eigentlich ursprünglich gehört habe? fragt jemand am Tisch. Keine Ahnung, sagt der Kollege. Jetzt gehört sie mir. Und belegt damit, daß Tassen durchaus dauerhaft adoptiert werden können. Es stellt sich mitunter eine innige und allseits respektierte Beziehung zwischen Tasse und Arbeitnehmer ein, was aber auch daran liegen kann, daß sonst keiner daraus trinken mag. Die scheußliche orange Keramikware mit der Aufschrift "CDU-Fraktion im Hessischen Landtag" ist nicht eben beliebt, doch sie hat ihren Nutzer gefunden. Ewig ungeliebt dagegen die Tasse mit der skulptural geformten Diddl-Maus auf dem Henkel, mit der man immer Gefahr läuft, sich einen Augapfel auszustechen. Die ist was für echte Risikosportler, und die gibt es in Büros eher selten.

Auch ich habe einmal eine zarte Zuneigung zu einer Tasse gefaßt. Es war eine englische Porzellantasse mit Kaninchenmotiv. Sie war ein wenig kitschig, aber irgendwie optimistisch, und wir trafen uns im zweiten Stock. Irgendwann verloren wir uns aus den Augen, aber die Freude war umso größer, als wir uns im vierten Stock erneut begegneten. Hallo, englische Kaninchentasse! Du auch hier? Ich wollte mir gerade einen Kaffee aus der Kaninchentasse genehmigen,  als jemand die Küche betrat. Oh, das ist die Tasse der werten Kollegin, ein Geschenk ihrer Mutter, klärte man mich auf. Ich rührte die Kaninchentasse aus Respekt vor Kollegin samt Mutter nicht mehr an. Seitdem trinke ich aus allen möglichen Pötten, Hauptsache groß genug, Farbe egal. Irgendwann einmal werde ich mir eine eigene Tasse mitbringen und jeden, der sie sich aus Versehen aus dem Schrank nimmt, anherrschen. Ich bin noch nicht so weit, aber wenn ich damit anfange, weiß ich, ich bin endgültig im Büroleben angekommen.

Veröffentlicht 12. März 2011, 01:15 von Andrea Diener
Kommentare

colorcraze

12. März 2011, 15:21

Apropos, Bürokaffeetassen. Wußten Sie, das das schon eine ganz alte Sache ist? Ich war vor ein paar Jahren mal urlaubsmäßig in Olympia. Dort wurden Reste einer Werkstatt gefunden, wahrscheinlich Bildhauer oder sonstwelche Bauhandwerken. Und was fand man auch noch - Tassenscherben. Und auf einer stand wohl tatsächlich "Phidias". Man darf also davon ausgehen, daß der Schöpfer der überragenden klassischen Statuen bereits eine - Bürotasse - hatte.

Andrea Diener

12. März 2011, 19:04

Das ist großartig. Das wußte ich noch nicht. Und daß sein Name draufsteht, stellt ihn natürlich auch in eine lange Tradition. (Überhaupt Namenstassen. Der Brauch kam uns ja irgendwann in den späten Achtzigern abhanden.)

Marco Settembrini di Novetre

12. März 2011, 20:36

Der Glühweinbecher vom Mannheimer Weihnachtsmarkt 1993 gehörte bestimmt Hugo Müller-Vogg. Bei aller Liebe zur Quadratestadt wäre das für mich jedenfalls Grund genug, die Tasse auch weiterhin im Schrank zu lassen.  

colorcraze

12. März 2011, 20:36

@AD: in Geschenkläden (mal Porzellan, mal Touristik) gabs Namenstassen aber eigentlich durchgehend immer bis heute, will mir scheinen - na gut, seit der Zeit, als ich das letzte Mal eine in der Hand hatte, sind auch schon 2 Jahre vergangen. Aber im Büro meine ich mich zwischen 1981 und heute nicht an Namenstassen zu erinnern, da geb ich Ihnen recht.

dummbratz

12. März 2011, 23:23

Liebe Frau Diener, schön, daß Sie mal wieder hier auftauchen.

Meine ist groß (0,5l), orange und unparteilich, nachdem die vorige der Schusseligkeit des nicht mehr Kollegen zersplitternd zum Opfer fiel.

Blicke können zwar nicht töten, aber es reichte dennoch für einen ziemlich nachhaltigen Eindruck, außerdem bewegte sich seine Karriere dann eindeutig Richtung Süden (Wissen ist eben manchmal doch Macht), nicht daß er vorher nicht vorsichtig ermahnt worden wäre, respektvoll und vorsichtig mit fremden Gut umzugehen. Vielleicht verstand der Kollege eben auch nicht, daß im Westflügel das permanente den Mitarbeitern auf die Füsse treten ein absehbares Ende haben würde. Keiner vermißte ihn nach seinen Abgang und so gesehen brachten die Scherben etwas Glück.

Filou

12. März 2011, 23:41

@colorcraze, die Scherbe von Phidias ist ein ganz alter Archaeologenscherz. Bei einer Domgrabung in Koeln, so wurde mir erzaehlt, faelschten die mal eine "roemische" Lucky-Strike-Packung. Danach wurde sehr heftig getrunken.

kaktus

13. März 2011, 01:09

Einfach eine eigene Tasse mitbringen. Die unmissverständlich Ihnen gehört. Ich mein Sie haben es schon gut erkannt, wo sehen Sie sich in der Kette zwischen Witz und Katzentasse ? Vllt gibt es von der Uni Maastricht mittlerweile Merchandise Artikel, oder Golf Club/ Hockey Club schieß  mich tot oder was von sportlichen Events oder der irakischen Botschaft.  Würde es mit der Tasse ebenfalls wie Ihr oben genannter Kollege handhaben. Dann muss man nur seine eigene Tasse reinigen bzw. weiß auch, dass diese sauber ist und man kann den persönlichen Kaffeekonsum perfekt steuern.

gruß Kaktus

kaktus

13. März 2011, 01:52

Pardon ! Erst jetzt ist mir aufgefallen, dass dieser Artikel gar nicht von Sophie von Maltzahn geschrieben wurde, sondern von Frau Diener. Streichen Sie Uni Maastricht und Konsorten, das verliert so leider seinen Witz.

Rotiboy

13. März 2011, 03:21

Unsere so überaus regelorientierten Nachbarn, die Schweden, haben natürlich auch für dieses Problem eine Lösung gefunden, wie ich vor einigen Jahren herausfand. Bei meinem Eintreffen wurde mir daher, mit dem gebührenden Pomp (vom Dekan persönlich) 'meine' Kaffeetasse präsentiert. Versehen mit dem Logo der Uni, daher diebstahlsfrei UND einer Nummer. Es stellte sich heraus, dass jeder Mitarbeiter im Departement 'seine' Tasse hatte. Für Gäste gab es dann die allseits bekannte Kollektion von unerwünschten Tassen. Bei meinem Ausscheiden verblieb die Tasse natürlich im Departement, und wird vermutlich jetzt von meinem Nachfolger reklamiert. Selbst die Putzfrauen wussten wem die Tasse zuzuordnen war !

Jeeves

13. März 2011, 07:23

Kein Wort über die typisch braun-schwarze Farbe, die in den Tassen quasi "klebt"? und die kaum noch abgeht? Wäscht in der FAZ  jedesmal jeder seine Tasse ordentlich ab? Oder werden die entsorgt und für Nachschub ist gesorgt?

...so wie mein Anwalt, der mir mal ein Quintett "lustiger" Tassen (die er wohl auch bereits geschenkt bekam) mit auf den Weg gab, also richtiggehend aufdrängte und die ich nach zwei Wochen unbenutzem Küchenschrankplatzwegnehmen schlicht wegwarf; arbeitete ich in einer großen Redaktion, hätte ich solch Set wunderhübscher großer Kaffeetassen natürlich sofort großzügig gespendet. Und die schmutzigen hätten die längste Zeit ihren Dienst ... na wie sagt man: getan? verrichtet? Weg damit!

Aber, wie schon vermutet: bei der FAZ gibt's keine dreckigen Tassen (?!)

colorcraze

13. März 2011, 08:57

@Filou: ja, in Peenemünde legen sie extra Scherben aus, damit die Touristen ein paar V2-Splitter zum Einsammeln haben. Da werden schon Scherze getrieben. Daß Phidias längere Zeit in Olympia gearbeitet hat, ist aber recht wahrscheinlich, weil dort die Zeus-Statue stand. Inwiefern die Identifizierung einer Gebäudeschicht als "Werkstatt des Phidias" stimmt oder nicht, konnte ich aber natürlich nicht nachprüfen.

Anonym

13. März 2011, 08:59

Endlich kann ich mich einmal anonym outen: Meine Lieblingstasse habe ich vor circa 15 Jahren an einer Souvenir-Bude in Pisa gekauft. Es handelt sich um eine Schiefe-Turm-von-Pisa Tasse und stellt den Schiefen Turm da. Daher ist die Tasse auch irre schief. Warum sie allerdings zudem auch ganz grün ist, kann ich nicht genau beantworten. Der Tassen-Designer war wollte vermutlich eine individuelle Note einbringen.

colorcraze

13. März 2011, 09:04

@kaktus: was ich auch schon mal (in einer kleineren Firma, die sich nur über ein Stockwerk mit 2 Kaffeeküchen verteilte) als funktionierend erlebt habe, waren einheitliche Kaffeetassen "vom Haus", die man nach Gebrauch in die Spülmaschine setzte. Ein paar Kollegen hatten aber auch ihre individuellen Diddlmäuse, wie von Ihnen beschrieben.

Andrea Diener

13. März 2011, 11:24

Kaktus, ich steuere auch meinen Teekonsum, und wenn ich meine Büroidentität auf tönernen Pötten aufbaue, dann lieber auf meine Teekanne. Das ist sozusagen der nächste Level.

.

Rotiboy, das ist jetzt aber kein Scherz? Daran sieht man wieder einmal, für wie wichtig andere Einrichtungen solche Rand- und Begleiterscheinungen des Lebens nehmen. Darauf muß man erst einmal kommen.

.

Jeeves, Sie meinen diese bräunliche Verfärbung im unteren Drittel, die sich so langsam in die Glasur frißt? Doch, das gibt es überall. Nur bei den ganz alten sieht man es nicht so, wegen Töpferlook. (Das antikischste, was mir je unterkam, allerdings nicht beim gegenwärtigen Arbeitgeber, ist eine Weihnachtsmarkttasse von 1979. Die sahen damals noch ganz anders aus, braun in braun eben, und größer waren sie auch. Vermutlich war auch die Glühweinportion größer, was wohl so einiges erklärt.)

icke

13. März 2011, 15:22

Traurig wirds, wenn die Firma zu Coffeepads und Plastikbechern übergeht.

colorcraze

13. März 2011, 21:27

@icke: buhuhuuu heul!!! In der Firma mit den zumeist einheitlichen Kaffeetassen konnten wir einen bösartigen Anschlag auf die Kaffeequalität dieser Art, verschärft durch den gewollten Ersatz von H-Milch durch Dosenmilch (schauder, ein Produkt, das man meiner Generation nicht vorsetzen darf), tatsächlich abwehren.

@AD: ich verwende für solche Zwecke eine übergroße grobe chinesische Teetasse (0,5 l) mit Teebeuteln nach Geschmack (meistens Kräutertee), daneben irgendein Erbstück aus dem Bestand als Kaffeetasse.

Rotiboy

14. März 2011, 03:55

@ Andrea Diener: das ist wirklich kein Scherz sondern eine Geschichte die das Leben schrieb. Die Kaffeemaschine war allerdings SUPER.

Blackjack

14. März 2011, 10:07

http://walkinginboots.blog.de/

ja ja wer kennt sie nicht, diese Tassen. Es lassen sich trefflichste Studien über den Charakter eines Menschen treiben, wenn man mal die Tassen vertauscht oder gar sich erdreistet sie zu nehmen.

Als Neuer bin ich immer auf Gläser ausgewichen und das fällt mir leicht, da ich eh niemals Kaffe trinke, nur ab und zu Tee.

Paul Ingendaay

14. März 2011, 11:05

Frau Diener, darf ich von meiner Bekehrung zu grünem Tee berichten? Einmal angeschafft, verbleibt das Teezeug (Teedose, Tasse, Kanne, Sieb, Teelöffel oder Teemaß, bei Bedarf Thermometer) im Büro des Teetrinkers. Einmal bereitet, darf der Tee abkühlen, während man ihn trinkt, und wer mehr trinken will, macht sich eine zweite Kanne. Guter grüner Tee verträgt einen zweiten, besonders guter grüner Tee einen dritten Aufguss. Der Gang zur Kaffeeküche entfällt, wenn man sich einen eigenen Wasserkocher anschafft, das macht unabhängig von streikenden Maschinen, fehlenden Tassen und Bürogeschnatter. Die Sozialkontakte verkümmern. Man lernt sich selbst von einer anderen Seite kennen. Irgendwann beginnt man, mit der Teetasse zu sprechen. Ein ganzes neues Panorama entfaltet sich.

Andrea Diener

14. März 2011, 15:45

Herr Ingendaay, das klingt ja alles sehr Zen. Zur Zeit werde ich aber noch im Zweimonatsrhythmus von einem Volontärsschreibtisch zum nächsten verfrachtet, und es bietet sich daher an, mit leichtem Gepäck zu reisen. Die Kanne geht gerade noch so mit in der großen Buchmessentüte, das ist der Mindeststandard der Bürozivilisiertheit.

(Aber ich habe letztens eine Geschichte über Berater gemacht und was die so mitnehmen - Wasserkocher seien nicht selten im schwarzen Trolley dabei, sagte man mir. Dazu Hausschlappen, Kissen, Ohrstöpsel und alles, was weich und flauschig ist. Wir sind hier noch Waisenknaben und -mädchen.)

Sophie von Maltzahn

14. März 2011, 16:11

Stimmt, der Schreibtisch auf Rädern mit hochklappbarer Sitzfläche! Jeden Tag ein neues Büro, je nachdem welches Team gerade am dringensten vom Experten zu bespaßen ist.  Mir wurde auch schon mit Stolz von einem Modell erzählt, das tatsächlich mit einem Becherhalter ausgestattet ist - die S-Klasse unter den Trolleys also.

schusch

14. März 2011, 22:51

Frau Diener!

Aach als noch da! Und ein Thema zum Mitreden! Ja, Kaffeevollautomaten, schnell noch einen Espresso ziehen wollen und versehentlich die Vollreinigung auslösen. Ich pflege mittlerweile mit Kaffeevollautomaten einen Umgang wie mit Windows-Rechnern: Ich zieh einfach den Strom-Stecker, wenn sie nicht spuren. Und in der IT-Butze hat man immer genug großvolumige Werbegeschenke von Dienstleistern. ITler brauchen Kaffee. Dafür sind wir dann beim Sektempfang notgedrungen wenig stilecht.

colorcraze

15. März 2011, 23:55

@AD: au, wo kann man Ihre Beobachtungen über den Inhalt des Beraterkoffers nachlesen? (Eine kleine Kaffeemaschine als Wasserkocher ist auch ganz brauchbar - dual use, sozusagen)

elbsegler

16. März 2011, 15:32

Schön wieder was von Ihnen zu lesen, Frau Diener, habe Sie schon vermisst! Ist ein Leben ohne eigene Bürokaffeetasse überhaupt denkbar? Ich bin geschockt. Die Tasse gehört doch wie das Bild der lieben Familie auf dem Schreibtisch (was ich überhaupt nicht mag) zu den Reliquien jedes Büromenschen. Zeig mir deinen Tasse und ich sage dir wer du bist - oder so ähnlich. Die eigene Tasse erinnert uns an das Leben vor der Bürotür. Sie ist ein Hoffnungszeichen im Büroalltag, dass es noch ein Leben außerhalb der Zeiterfassung gibt. Sie ruft uns zu kleinen Fluchten vom Schreibtisch in die Kaffeeküche. Wir halten sie in den Händen und halten uns damit an etwas Privatem in einer normierten Bürowelt fest. Da Hunde im Büro nicht erlaubt sind, wird die Kaffeetasse zum besten Freund des Büromenschen. Wenn ich morgens komme, ist meine Tasse schon da. Wenn ich abends gehe, weiß ich, sie wartet wieder die ganze Nacht auf mich bis morgen früh. Die Kollegen, Chefs, Büros, Firmen wechseln, sie bleibt - meine Tasse! Darum darf sie auch niemand abwaschen, er könnte sie zerstören. Er würde mit dieser Tat in meine Intimsphäre eindringen. So sehen die Tassen dann auch aus. Geliebt und doch vernachlässigt.

Raoul

16. März 2011, 15:57

http://www.goodnewstoday.de

Ich erinnere mich gern an die Zeit Anfang der 90 er Jahre, als ich in einem Verlag arbeitete. Wir hatten seinerzeit Lotus Notes im Einsatz und jeden Morgen das gleiche Drama - "Wer hat meine Kaffetasse geklaut?" . Als ob die Kaffeetasse der einzig individuelle Ausdruck einer jeden Identität war. Versammlungen und ernste Worte gab es in der Kaffeeküche. Ein kleiner Kreis entwickelte daraufhin den "Wichtelfaktor". Kriterien waren zum Beispiel: Tiefgeragenstellplatz, Telefon mit oder ohne Display, mit dem Oberchef per sie oder du und eben auch eine unantastbare Kaffeetasse. Von dieser wußte Frau und Mann "Die ist heilig und darf keinesfalls angetastet werden und sei es die letzte Tasse im Regal". Meine Tasse gehörte nie in diese Rubrik, das sei nur am Rande bemerkt.

V

17. März 2011, 14:51

"Der Gang zur Kaffeeküche entfällt, wenn man sich einen eigenen Wasserkocher anschafft..."

Herr Ingendaay, was sagt eigentlich die Berufsgenossenschaft zu privat angeschafften Elektrogeräten in Unternehmen? Stichwort: Versicherungsschutz. Entschuldigen Sie bitte, denn ich weiß, der Einwand mag zunächst blöde klingen, wurde aber bei der letzten Begehung seitens der Damen und Herren der BG vorgebracht.

V

17. März 2011, 15:01

Private Tassen, Becher und Trinkeimer gehören m. E. übrigens in den privaten Haushalt. Die Mitarbeiter sollten einem Unternehmen ein ordentliches Kaffee- und Teeservice, möglicherweise mit Corporate Branding versehen, wert sein.

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