Bürgerwillen auf Bettlaken: Das Transparent
16. November 2011, 15:19
Uhr
Meine letzte Demonstration ist schon eine Weile her, ich
müsste überlegen, was war das noch, weiß nicht mehr, kann nicht so wichtig
gewesen sein, aber an meine erste erinnere ich mich noch sehr genau. Wir waren
in der elften Klasse und verließen die Schule so gut wie kollektiv, um gegen
den ersten Golfkrieg zu protestieren. Man trug aus irgendwelchen Gründen weiße
Armbinden, wahrscheinlich für den Frieden, und rief „Kein Blut für Öl". Etwas
später brachte sich Hoyerswerda auf ziemlich unrühmliche Weise das erste und
bislang einzige Mal ins nationale Gedächtnis, man trug Kerzen und demonstrierte
gegen rechts. Ich befand mich in guter Gesellschaft, es waren immer so um die
zehntausend Leute auf der Straße.

Diese ersten Demonstrationen waren welche, die mich vor
allem aus Idealismus auf die Straße trieben (das Wort „Gutmensch" war damals
nicht im allgemeinen Sprachgebrauch verbreitet). Später ging es an die
Existenz, nämlich gegen Kürzungen im Bildungsbereich und gegen Studiengebühren.
Das trieb mich vom schmutzigen Linoleumfußboden eines Vorlesungssaales in die
Öffentlichkeit, und wieder befand ich mich in guter und zahlreicher
Gesellschaft. Neu war allerdings, dass ich diesmal in all die seltsamen Abläufe
eingebunden war, die solchen Demonstrationen vorausgehen. Die Versammlung
nannte sich Streikkomitee und traf sich im Studentenzentrum, um die Abläufe zu
koordinieren.
Ich erinnere mich dunkel, für das Abfassen von
Pressemeldungen zuständig gewesen sein, das war ich meistens, andere hatten
andere Aufgaben: Anmeldung, Glühweinversorgung (es war ja verdammt kalt),
Drucken von Handzetteln. Oder die Koordination des Nachmittagstermins
„gemeinsames Transpimalen", der jeder ordentlichen Demonstration vorausgeht.
Denn der Bürgerwille artikuliert sich zumeist auf ausgedienten Bettlaken, an
Latten getackert und mit Löchern gegen den Luftwiderstand versehen. In dieser
Form wird er hoch in die Luft und in die Kameras gehalten, wo er in den
Abendnachrichten die Kernbotschaft verkündet: In großen, selbstgemalten oder
selbstgesprühten (eher ungern, weil schlecht für die Umwelt) Versalien, die
sich am rechten Rand gern ein wenig drängen, die Verschreiber weiß übermalt.

Unsere Fachschaft Anglistik hatte einige Traditionen, an
denen sie hartnäckig festhielt und vermutlich bis heute festhält. Das Zimmer
17, das einige Umzüge später längst eine andere Nummer hatte, aber immer noch
so hieß. Das Motivationsschild am Fachschaftsraum, das Erstsemester
warnte: „Suffering is mandatory". Und ein legendäres Transparent, auf Demodeutsch "Transpi" genannt, das zu allen
möglichen Gelegenheiten hervorgeholt wurde. Es passte auch immer irgendwie, mit
einem Darth-Vader-Kopf und der schönen Aufschrift: „Spar Wars - Das Uni-versum
schlägt zurück". Alle anderen mussten den Nachmittagstermin „gemeinsames
Transpimalen" leider wahrnehmen und sich zusammen mit buntgekleideten Mädchen
über am Boden ausgebreitete Bettlaken beugen, Ringbuchblätter mit Sprüchen
neben sich, Pinsel, Dispersionsfarbe, dann ging es los. Medial besonders Ambitionierte
bastelten Särge, in denen die Bildung zu Grabe getragen wurde, die wurden von
den Lokalnachrichten immer gern gefilmt.

Ich versammelte mich gern mit den anderen Anglisten hinter dem Spar-Wars-Plakat, denn abseits dessen wurde es gern peinlich. Auf jeder Demonstration finden sich Protestierer, die das Standardrepertoire brüllen, das seit gut vierzig Jahren gebrüllt wird: Hoch die internationale Solidarität, Deutsche Polizisten schützen die Faschisten, und mit den Studiengebühren werden in einem Handstreich gleich noch Kapitalismus und Staat mit abgeschafft, weil wir gerade dabei sind. Es waren vielleicht nur einige unter den tausenden, aber es waren immer die lautesten. Man gab sich große Mühe, auf Passanten halbwegs zurechnungsfähig zu wirken, und neben einem stand jemand und wollte Anarchie.
Wer demonstrieren will, muß das ertragen können. Er muß auch
die ständig wackelige Lautsprecheranlage ertragen, plärrende Mikrophone, dekorierte
Kinder und Hunde, Trillerpfeifen und Ratschen. Er muß notorisch schlecht
vorgetragene Forderungslisten ertragen, unverständlich gebrüllte
Solidaritätsadressen, vom Winde verwehte Reden von Gewerkschaftsangehörigen. Man
muß die Peinlichkeit ertragen, die die kollektive Empörung fast immer
hervorbringt, es ist kein schöner Anblick. Und es ist sehr leicht, sich darüber
lustig zu machen, herabzusehen auf die ewig Bewegten, die Weltverbesserer, die
Möchtegernrevolutionäre. Es ist sehr leicht, sich fremdzuschämen.

So hat man immer dieses ungute Gefühl der Vergeblichkeit,
wenn man das Transpi einrollt und nach der Kundgebung nach Hause geht. Der
Golfkrieg ist geführt, in doppelter Ausführung gar, Start- und Landebahnen
wurden gebaut, und um Stuttgart 21 führt wohl auch kein Weg herum. Bislang hält
sich auch der Kapitalismus noch halbwegs aufrecht.
Gegen das Gefühl der
Vergeblichkeit hilft vielleicht nur der Gedanke an ein paar sehr hartnäckige
Leipziger, die so lange immer mehr wurden, bis der Rest nicht nur
sprichwörtliche Geschichte wurde. Eines der berühmtesten Bilder von Barbara
Klemm zeigt das Brandenburger Tor am Tag seiner Öffnung am 22. Dezember 1989. Das
Gebäude überragt die Menschenmenge, kleine Silhouetten mit Schirmen, und da
unten rechts: Ein klassisches Bettlaken-Transpi wie aus dem
Demonstrationsbilderbuch. Das Licht strahlt hindurch, und spiegelverkehrt kann
man lesen: Deutschland einig Vaterland. Die Schrift ist ein bisschen schief,
aber was macht das schon? In so einem Moment?