Schütze, kenne Deine Grenzen! - Der Kugelschuss
23. November 2011, 13:00
Uhr
„Nicht die Dinge bringen die
Menschen in Verwirrung,
sondern die Ansichten über die Dinge"
Epiktet
Ich muss ein Beichte
ablegen: In meinem ersten Blogbeitrag zum Thema Jagd (Das Jagdmesser oder wie
nah komme ich meinem Steak) habe ich den Jäger beschrieben, wie ich ihn mir
wünsche und habe beiseite geschoben, wie es tatsächlich um die Moral so manchen
Jägers steht. Das muss nachgeholt werden, es wäre unverantwortlich ein
Idealbild stehen zu lassen, wenn doch die Diskrepanz zur Realität regelmäßig
Wutanfälle auslöst, - übrigens nicht nur bei mir, anderen Jägern geht es
ähnlich. Deswegen soll dieser Angriff nicht der allgemeinen Jägerschaft gelten,
sondern jenen beschämenden Einzelnen, die immer noch meinen, die Jagd sei ein
Sport.
Zurzeit ist Hochsaison in
deutschen Wäldern. Jedes Wochenende tönen Hörner durch die rot und gelb
gefärbten Wälder, das Wild kommt auf die Läufe und versucht, den Treibern zu
entkommen, die Hunde folgen mit enthusiastischem Gebell ihren Spuren. Schüsse
knallen wie an Silvester. Doch nicht jeder von ihnen tötet, manche verletzen
nur. Darauf ist man vorbereitet bei Bewegungsjagden, die Tiere werden
schließlich nicht angepflockt und aus idealer Distanz in Breitseite vorgeführt,
sodass ein Schuss das Blatt, also die Herzgegend, kaum verfehlen kann. Ohne
Bewegungsjagden wäre der Abschussplan im Revier nicht einzuhalten, der das natürliche
Gleichgewicht im Wald bewahrt. Der Nutzen einer Drückjagd steht außer Frage.

Liegt ein Tier nicht sofort
im Schuss und bricht auch nicht wenige Meter später zusammen, wird eine
Nachsuche mit Hund angesetzt. So brutal es für den Nicht-Jäger klingen mag, der
nicht tödliche Schuss ist einkalkuliert. Mehrere Hundeführer mit
ausgezeichneten Tieren stehen deswegen bei jeder dieser Jagden bereit. Das
Risiko wird in Kauf genommen und die traurige Wahrheit ist: Nicht alle
getroffenen Tiere kann man einholen und erlösen. Ich möchte behaupten: Bei
jeder Jagd gibt es Nachsuchen, die erfolglos bleiben.
Dennoch, Fehlschuss ist
nicht gleich Fehlschuss; doch der eine ist ein Unfall und der andere beruht auf
Übermut und Selbstüberschätzung. Ich möchte Ihnen von einer Begebenheit
erzählen, bei der meine Ohren vor Zorn zu klingeln angefangen haben.
Meinem Hochsitz nähern sich
zwei Stück Rotwild, beide weiblich. Vorweg die Mutter, ihr folgt das Kalb.
Schon im Anmarsch zwischen dichtem Gestrüb merke ich, dass das Alttier stark
wankt, als hätte es Wodka statt Wasser getrunken. Tatsächlich sehe ich, als sie
auf die Schneise treten, dass es den Vorderlauf schont. Mein Schuss fällt, drei
Sprünge noch, dann bricht sie zusammen, es ist vollendet. Das Junge jagt davon. Hoffentlich ist es tough genug, dass es den Winter
gut übersteht. Bis zu den entbehrungsreichen Monaten ist es noch ein bißchen
hin, die Chancen stehen nicht schlecht. Dennoch, ideal ist das nicht.

Als ich mir nach der Jagd
das Tier ansehe, wird schnell klar, dass ein Schuss den Lauf zertrümmert hat.
Ein Schuss, der nicht einmal im oberen Drittel des Beins eingeschlagen ist, was
sich mit einem kleinen Verriss beim Abkommen noch erklären ließe. Nein, er traf
tief unten kurz über den Schalen. Man muss sich das mal vorstellen: So ein
Alttier ist größer als ein Pony! Und, nicht nur, dass der Schütze dermaßen
miserabel getroffen hat, er schoss auch noch auf das falsche Stück. Niemals
schießt man das führende Tier, immer den Nachwuchs.
Doch damit nicht genug: Nach
der Jagd, als alle Schützen zusammen kommen und angeben, was sie geschossen
haben und ob bei ihnen eine Nachsuche durchgeführt werden muss, macht keiner
eine Meldung, der man mein angeschossenes Stück zuordnen könnte. Auch noch
feige, vor dem Jagdherrn das Maleur zuzugeben! Auch noch verantwortungslos,
wenigstens eine Kontrollsuche beim Anschuss zu erwirken! Auch noch kaltherzig,
dieser Schütze!
Kaltherzigkeit ist leider
eine verbreitete Krankheit unter Jägern. Gleich am Abend bewies sie sich mir
erneut, als ich einem Schützen von meinem Erlebnis erzählte.
Kommentar Nr. 1:
„Wenn nur sichere Schüsse
abgegeben werden, kommt auch keine Strecke zusammen."
Kommentar Nr. 2:
„Vielleicht hättest du gar
keinen Jagderfolg gehabt, wenn es hochflüchtig an dir vorbeigekommen wäre."
Bei solchen Reaktionen
platzt mir beinahe die Pulsader, weil sie so stark zu pochen beginnt. Die Jagd
ist nicht zum experimentieren da. Wer wissen will, wie gut er trifft, soll ins
Schießkino gehen oder Sportschütze werden.

Und, der Wald ist kein
Fußballfeld, wo einer dem anderen einen Torschuss vorbereitet. Wäre das Alttier
zweihundert Meter weiter aus der Dickung gekommen, hätte ich nichts machen
können.
Schlimm genug, dass dieser
Schütze an Selbstüberschätzung und mangelnder Sorgfalt leidet. Doch wenn solche
Fehler vom sozialen Umfeld nicht mehr verurteilt, sondern heruntergespielt
werden, dann sind wir auf dem falschen Weg. Ich fordere eine Korrektur!