Mondrian spielen
01. Dezember 2008, 18:13
Uhr
Wir haben uns ja vorgenommen, das Ganze ein
bisschen sokratisch, aber bloß nicht platonisch aufzuziehen, so dass man später
einmal nicht vom „Gorgias", sondern vom „Gekas" spricht", vom
„Bordon" statt vom „Phaidon". Und ich hätte nicht gedacht, dass
uns gerade Dieter Hoeneß dazu eine Steilvorlage liefert. In der Sendung,
die ich sonst wegen des unerträglichen Dauergrinsers Steinbrecher oder seines
ahnungslosen Dioskuren Poschmann nie gucke, saß also am Samstagabend Dieter
Hoeneß.
Es war gar nicht so weltbewegend, was er zur
Situation der Hertha sagte - journalistisch hechelte man sowieso den
Printmedien hinterher; es war auch nicht so aufschlussreich zu erfahren, wie
oft er mit Bruder Uli telefoniert. Aber auf einmal wurde sich das Fernsehen da
selbst historisch, was man nun nicht gleich mit Selbstreflexion verwechseln
sollte. Aber egal: Es gab Archivmaterial, das Dieter Hoeneß zeigte, Mitte der
achtziger Jahre, im Jeanshemd, mit mehr Haaren, wie er von seinem Hobby
spricht, der Malerei, und von seinem Traum, nach seiner Fußballerkarriere einen
Malkurs in der Toskana zu absolvieren. Er male abstrakt, sagte der historische
Hoeneß, es gehe ihm um die Farben, und womöglich, sagt der Manager, werde er
2010, nach Hertha, wieder anfangen zu malen.
Wäre das nicht mal eine Überlegung wert: Wie
sich das Spiel einer Mannschaft, eines einzelnen Spielers verhält zu einem
bestimmten Stil? Bespielt Hertha das Feld wie der abstrakte Expressionismus die
Leinwand? Oder ist einer wie Pantelic beim Siegtor zum 2:1 in seinen Gesten
nicht eher ein zum Leben erwachtes Sujet der Ikonenmalerei? Und einer wie
Cicero eher impressionistisch? Und Simunic gerade in seiner kubistischen Phase?
Man konnte das ja beim Schalker
Klein-Exzentriker Yves Eigenrauch studieren, dessen Abwehrverhalten so eckig
war wie die Gebilde auf seinen Bildern. Und David Winner hat ins einem
großartigen Buch "Oranje brillant" (2008 bei Kiepenheuer &
Witsch) sogar behauptet, die Elftal habe in den siebziger Jahren Mondrian
gespielt. Gibt es womöglich jemanden, der spielt, wie Gursky fotografiert? Die
Becher-Schule auf dem Platz? Und ähneln nicht die aufwendig inszenierten
Fotografien eines Jeff Wall einer Mannschaft, die stark in Standards ist?
Minimal Art, arte povera oder art brut im Stadion?
Man möchte das eigentlich an den ewigen
Philosophiestudenten Thomas Broich überweisen, der Zeit zum Räsonnieren hat,
weil er beim 1. FC Köln so oft auf der Bank sitzt, oder auch an den
dauerverletzten Juan Pablo Sorin, der angeblich philosophische Gedichte
schreibt. Vielleicht finden sie dann auch heraus, wie es um das Verhältnis von
Konzeptfußball und Konzeptkunst steht: Wenn der Witz einmal verstanden ist, mag
man es nicht mehr anschauen. Da warten wir lieber auf das nächste Bild von
Dieter Hoeneß.
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