Ziege grüßt Murmeltier - Zwischen Barcelona und Bielefeld
19. Oktober 2010, 13:26
Uhr
Klingt anmaßend oder kurios, die Überschrift, ich weiß, ist ein Unterschied wie, sagen wir mal, zwischen Himmel und Hölle, aber manchmal schafft man das sogar innerhalb von 48 Stunden. Am Samstagabend war ich erstmals im Camp Nou in Barcelona, einem der Orte, an dem man als Fußballfan einfach mal gewesen sein muss, und der Zufall wollte es, dass es ein Spitzenspiel gab, auf das man sich durch die Lektüre der täglichen Zeitung „Sport" bis zur Erschöpfung vorbereiten konnte. Selbst wenn man das Spanische nur rudimentär beherrscht (am Katalanischen wäre ich komplett gescheitert), merkt man, dass weder vor noch nach dem Spiel irgendetwas publizistisch unberücksichtigt bleibt.
Die erste Halbzeit gehörte dem Team aus Valencia, das klug und nicht allzu tief stand und, begünstigt von einigen überraschenden technischen Fehlern, den Barca-Flow immer schon im Ansatz erstickte. Erstaunlich war erneut, wie leidenschaftlich das Publikum sein kann, ohne sich mit Fahnen, Tröten, Feuerwerkskörpern und anderen Hilfsmitteln hochzurüsten. Ein kleiner Fanblock in der Südkurve, mit Barca- und katalanischen Farben, kein erkennbarer Gästeblock des FC Valencia, man hatte fast den Eindruck, der junge Mann mit dem Valencia-Schal in unserer Nähe sei der einzige Unterstützer. Entsprechend wenig Polizei fand sich rund ums Stadion, und wenn sich nach Spielschluss auch nicht alles so reibungslos auflöste wie im Bernabeu-Stadion, wirkte es doch alles viel gelassener und entspannter als nach einem beliebigen Zweitligaspiel von Hertha BSC.
Es lag vielleicht auch am Ergebnis, denn nach der Pause drehte Barca auf, einer dieser unnachahmlichen Xavi-Pässe auf Iniesta sorgte für den Ausgleich, ein Puyol-Kopfball, ebenfalls nach Xavi-Vorarbeit, für den Sieg, und nur wegen der notorischen Abschlussschwäche der Katalanen blieb es beim 2:1. Und wenn man so weit oben sitzt, wenn man fast schon auf der Vogelperspektive aufs Spielfeld schaut, dann sieht man selbst an einem Tag, an dem Barca unter seinen Möglichkeiten blieb, welche phantastische Raumaufteilung zu diesem Kombinationsspiel gehört. Dort, wo man auf der Taktiktafel einen Spieler hinziehen würde, steht längst einer, und kaum möchte man dem träge trabenden Messi zurufen, er solle sich mal bewegen, ist er schon in der Balleroberung. Ein Abend, denn ich so schnell nicht vergessen werde.
Manchmal wünscht man sich da schon, das Schicksal hätte einen zum Anhänger einer Mannschaft wie Barcelona gemacht, und dieser Wunsch wird noch stärker, wenn man 48 Stunden später vorm Fernseher sitzt und nach 15 Minuten eigentlich schon das Gerät ausschalten möchte. 0:3 stand es da beim Gastspiel des MSV Duisburg auf der Bielefelder Alm, und ich wusste nicht, ob Tränen der Verzweiflung, Häme, Zynismus oder Stoizismus die passende Antwort auf diese Vorstellung waren. Stattdessen habe ich weiter zugesehen, wie ein ziemlich erbärmlicher MSV mühelos eine Arminia in Schach hielt, für deren Spiel mir das geeignete Attribut fehlt. Und zwischen Bielefeld und Barcelona lag auf einmal unendlich viel mehr als knapp 1300 Kilometer
Auch Christian Ziege wirkte hinterher vor der Kamera wie zerstört. Und es war nicht so, dass ihm die Worte weggeblieben wären, ich hatte eher den Eindruck, er musste heftig darum kämpfen, nicht auszusprechen, was ihm durch den Kopf ging, weil das vermutlich zum sofortigen Ende seiner Beschäftigung geführt hätte. Seine Äußerung, er komme sich vor wie in dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier" war ja noch eine eher diplomatische Formel. Um allzu viele Tage dürfte er seinen Job damit allerdings auch nicht verlängert haben. „Zieges Entlassung steht wohl kurz bevor", heißt es heute lakonisch beim Sportinformationsdienst. Die Frage ist nur, wer mit diesem Kader in diesem Zustand noch arbeiten will; und was, wer willens (und bezahlbar) ist, da noch herausholen kann. Wenn ich lese, dass der alte Arminia-Heros Ansgar Brinkmann nach Uwe Rapolder ruft, dann ist diese Einfallslosigkeit eher Teil des Problems. Mittlerweile hoffe ich nur noch, dass der SV Babelsberg in Liga 3 die Klasse hält - dann ist es nächste Saison von Berlin aus nicht so weit zum Arminiaspiel.
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