Kurszettel gegen Stimmzettel: Warum Habermas nichts von der Krise versteht
11. November 2011, 10:33
Uhr
Von Rainer Hank
Nachdem
es am vergangenen Dienstag erste Gerüchte über Berlusconis Rücktritt gab,
stiegen an der Börse die Kurse. Als Berlusconi dementierte brachen sie ein. Und
die Rendite der italienischen Staatsanleihen schoss mit 6,6 Prozent auf den
höchsten Stand seit vierzehn Jahren. Obwohl Berlusconi schließlich
kapitulierte, gingen die Renditen tags darauf abermals nach oben und lagen deutlich
über sieben Prozent. Warum? Weil Berlusconi, der Schelm, nur sagt, dass er
geht, aber nicht sagt, wann er geht. Wer einmal lügt, dem glaubt zumindest
kein Anleger nicht. Italien muss für seine Schulden einen exorbitant hohen
Preis bezahlen. Der Gläubiger sitzt dem Schuldner im Nacken.
Was die versammelten europäischen „Italienkritiker" in den linken (und anderen)
Lagern Deutschlands, Österreichs, Frankreichs etc in zehn Jahren nicht
hinbekommen haben, schaffen die Märkte in ein paar Monaten. Sie fegen den
Machthaber aus dem Amt, ohne freilich dafür von den Berlusconifeinden gepriesen
zu werden. Die Waffen der Märkte sind nicht die Stimmzettel, sondern die
Kurszettel: Wer nicht spurt, dem schrauben sie den Zins nach oben. Italien ist,
wenn wir nichts vergessen haben, mindestens die sechste Regierung Europas, die
innerhalb eines guten Jahres vor den Finanzmärkten in die Knie geht und
abdankt. In alphabetischer Reichenfolge sind das: Griechenland, Irland,
Italien, Portugal, Slowakei, Spanien.
Und
was macht die intellektuelle Elite? Sie ruft Zeter und Mordio. Die politische
Klasse werde „von den Märkten kujotiniert", behauptet Jürgen Habermas (Foto: Helmut Fricke) metaphernreich und sieht ein „postdemokratisches" Zeitalter am
Himmel heraufziehen. Dabei hat der langjährige Hausphilosoph des deutschen
Linksbürgertums noch nicht einmal so unrecht. Weil er aber nicht genau
hinschaut, bleibt ihm am Ende auch die Einsicht in den Sachverhalt verstellt.
Tatsächlich
stehen Regierungen Europas derzeit unter doppelter Aufsicht. Neben der
Abwahldrohung durch ihre Völker (der Umgang damit gehört zum Brot- und
Buttergeschäft von Demokraten) gibt es jetzt die Zinsschraube der Gläubiger.
Das ist neu; lange Zeit haben die Märkte geschlafen und das Risiko übersehen.
Inzwischen steigt der Preis in dem Maße wie die Rückzahlungswilligkeit der
Staaten fraglich wird. Staaten nämlich sind nie zahlungsunfähig. Stets können
sie sich, auch wenn sie über keine eigene Notenpresse verfügen, Geld besorgen:
indem sie Ausgaben kürzen, Einnahmen (Steuern, Gebühren) erhöhen oder Eigentum
verhökern. Staatsbankrott bedeutet nicht die Zahlungsunfähigkeit, sondern die
Zahlungsunwilligkeit. Stellen Regierungen den Schuldendienst ein, hat der
Gläubiger (anders als bei Privatinsolvenzen) keine Sicherheiten. Es sei denn, er
würde einmarschieren und Vermögenswerte verpfänden.
Drohung
des Volkes und Drohung der Märkte sind meist gegenläufig. Die Griechen verweigern
jegliches Austeritätsregime, würden am liebsten weiter Wohlfahrtsparty feiern
und die Rechung nach Europa (oder gleich nach Deutschland) schicken:
andernfalls drohen Unruhen, Wahlniederlagen und, schlimmstenfalls, Anarchie.
Die Gläubiger dagegen wollen Austerität, verlangen, dass die Staaten ihre
Ausgaben den Einnahmen anpassen; andernfalls droht die Stangulierung durch den
Zinsspread - oder die Demissionierung der Regierung.
Der
Konflikt, um den es geht - und den Habermas spürt, ohne ihn zu verstehen - heißt
nicht Diktatur des Volkes versus Diktatur der Finanzmärkte, sondern
Mehrheitsdemokratie versus Rechtsstaatlichkeit. Demokratien sind, nach einem
berühmten Wort des schwedischen Finanzwissenschaftlers Knut Wicksell (1851 bis
1926), nichts anderes als die „Diktatur der zufälligen Mehrheit". „Wenn einmal
die unteren Klassen definitiv in Besitz der gesetzgebenden und steuerbewilligenden
Gewalt gelangt sind", schreibt Wicksel, herrsche die Gefahr, „dass sie ebenso
wenig uneigennützig verfahren werden, wie die Klassen, welche bisher die Macht
in den Händen hatten, dass sie m.a.W. die Hauptmasse der Steuern den besitzenden
Klassen auflegen und dabei vielleicht mit der Bewilligung der Ausgaben, zu
deren Bestreitung sie selbst nunmehr nur wenig beitragen, so sorglos und verschwenderisch
verfahren, dass das bewegliche Kapital des Landes bald nutzlos vergeudet und
damit die Hebel des Fortschritts zerbrochen sein werden." Können demokratische
Mehrheiten ihren Ausgabenhunger mit Steuern nicht mehr befriedigen, weil sie
womöglich die Auswanderung der Besitzbürger fürchten, greifen sie in
zunehmendem Maße zur Staatsverschuldung. Weil alle demokratischen
Wohlfahrtsstaaten so handeln, sind (fast) alle inzwischen überschuldet
(gemessen am 60 Prozent Kriterium von Maastricht).
Als
Schuldner aber treffen die Staaten nicht auf „anonyme Märkte", sondern auf
konkrete Vertragspartner, hinter denen stets reale Menschen stecken: Wenn sie
sich verschulden, ist das nichts anderes als ein privatrechtlicher Vertrag
zwischen Schuldnern (Staaten) und Gläubigern (Banken, Privatleuten), bei dem
der Preis (Zins) und Rückzahlungsmodalitäten (Tilgung) vereinbart werden.
Verträge sind einzuhalten, so lautet ein Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit.
Auch demokratische Mehrheiten legitimieren den Vertragsbruch nicht. Wenn
Staaten ihre Schulden nicht tilgen oder die Zinszahlungen ab einer bestimmten
Höhe verweigern, ist das ein Verstoß gegen einen Grundsatz der
Rechtsstaatlichkeit, der auch durch Mehrheitsbeschluss nicht besser wird.
Mit
anderen Worten: Es geht in Europa derzeit auch um einen Konflikt zwischen
Mehrheitsdemokratie und Rechtsstaatlichkeit. Die liberale Tradition Europas -
von Locke über Hume bis Lord Acton - hat stets die Demokratie der
Rechtsstaatlichkeit nachgeordnet. Doch das Bestrafungspotential der Massen
wirkt für Regierungen gefährlicher als die Sanktionsdrohung des Vertragsbruchs.
Wo kein Kläger, da kein Richter. Es sind die Märkte, die heute für die
Einhaltung der Rechtsstaatlichkeit eintreten und diese mit der Zinsschraube
(dem Preismechanismus) erzwingen. Dass die Märkte (viel zu spät) wach geworden
sind, ist die gute Botschaft und kein Grund, Zeter und Mordio zu rufen. Sie
sind das kritische Korrektiv einer hemmungslosen Mehrheitsdemokratie. Genau das
ist der Grund, warum die Rettungseuropäer sie in der Krise außer Kraft setzten
wollen. Doch darüber nachzudenken, wäre einen neuen Blogbeitrag wert.
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