Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Fazit - das Wirtschaftsblog

Endlich verstehen: Warum die Märkte in der Euro-Krise so verrückt spielen

20. November 2011, 09:33 Uhr

Von Patrick Bernau

Was gerade an der Börse passiert, das wirkt völlig unerklärlich, ja richtig irre: Jahrelang schienen die Kreditgeber der Peripheriestaaten nichts von irgendeiner Gefahr zu ahnen, Griechenland zahlte fast die gleichen Zinsen wie Deutschland. Dann, plötzlich, schossen die Zinsen ohne Vorwarnung durch die Decke. Inzwischen trifft es auch Frankreich, und selbst die grundsoliden Holländer mussten sich vergangene Woche plötzlich Sorgen machen. Die Krise scheint die Krise zu nähren, ohne dass die Anleihenbesitzer auch nur kurz zum Überlegen innehalten.

Schlechte Stimmung an den Märkten - Foto: dpaPanik scheint die Märkte zu erfassen, eine sinnvolle Erklärung ist nicht ersichtlich. Da müssen die Märkte doch irrational sein, denkt man. Und tatsächlich: Selbst gestandene Bank-Volkswirte resignieren und bezeichnen die Märkte inzwischen als „verrückt".

Doch unerklärlich ist immer nur das, wofür es keine Erklärung gibt. Und für das Verhalten der Märkte gibt es eine gute Erklärung, die unter Ökonomen zunehmend populär wird, aber in der deutschen Debatte noch nicht richtig angekommen ist. (Zuletzt hat mich Hans-Peter Burghof darauf hingewiesen.) Diese Erklärung stammt aus der Spieltheorie und läuft unter dem Stichwort „multiple Gleichgewichte". Der angesehene Währungsökonom Maurice Obstfeld hat damit schon in den 90er-Jahren die Krise des Europäischen Währungssystems untersucht - und auch jetzt hilft sie wieder. Wer in der Spieltheorie nicht firm ist, muss sich kurz hineindenken. Aber es lohnt sich.

Denn wer die „multiplen Gleichgewichte" versteht, der weiß ...

a) warum Griechenland jahrelang nur so viel Zinsen zahlte wie Deutschland
b) warum die Märkte keine Vorwarnung gegeben hatten, bevor die Zinsen stiegen
c) warum die Zinsen dann schlagartig durch die Decke gingen
d) warum die Krise selbst die Krise zu verschlimmern scheint
e) und dass so eine Situation gerade dann entsteht, wenn die einzelnen Kreditgeber völlig rational handeln.

Wichtig ist: In der Spieltheorie bedeutet ein Gleichgewicht nicht etwa, dass alles toll ist. Ein Gleichgewicht ist schon erreicht, wenn jeder Börsenhändler aus seiner Sicht das richtige tut und seine Situation nicht mehr verbessern kann, indem er sich anders verhält.

Nun gibt es in der Eurokrise dummerweise nicht nur ein Gleichgewicht, wie man es meist im VWL-Grundstudium lernt. Sondern es gibt mindestens zwei pro Land.

Das erste Gleichgewicht kennen wir seit Jahren: Solange jeder daran glaubt, dass das Land ein einigermaßen sicherer Schuldner ist, bleiben die Zinsen unten. Zum Beispiel in Italien. Italien kann sich seine Schulden dann gut leisten und zahlt das geliehene Geld pünktlich zurück. Für die Kreditgeber lohnt es sich deshalb, Italien zu niedrigen Zinsen Kredit zu geben - zu einem Zins, der ungefähr dem allgemeinen Zinsniveau im Währungsraum entspricht. Der kann mal ein bisschen höher sein, mal ein bisschen niedriger. Der Finanzminister in Rom ist im Himmel. Und niemand verschwendet in so einer Situation einen Gedanken daran, dass die Welt auch mal ganz anders aussehen könnte - weder die Kreditgeber noch die Finanzminister.

Das zweite Gleichgewicht ist weniger schön. In diesem Gleichgewicht setzt sich die Annahme durch, dass Italien kein sicherer Schuldner mehr ist. Also steigen die Zinsen. Die hohen Zinsen überfordern den ohnehin strapazierten Haushalt, und die Gefahr einer Staatspleite wächst. Plötzlich verlangen Kreditgeber hohe Zinsen, damit sie dieses Risiko noch tragen. Solche Zinsen treiben das Land erst recht in die Pleite. Deshalb gibt es in dieser Welt nur eine lohnende Strategie für Anleger: Sie geben keinen Kredit mehr an Italien, vielleicht spekulieren sie sogar dagegen. Deshalb steigen die Zinsen weiter. Und der ganze Teufelskreis beginnt von vorn. Für den Finanzminister in Rom ist das die Hölle. Das Phänomen ähnelt einem „Bank Run".

Das Problem ist: Es gibt nur Himmel oder Hölle, dazwischen scheint kein stabiler Punkt zu existieren. Entweder sind die Zinsen so tief, dass der Staat sie aushält - dann können sie bis auf den "risikolosen Zins" im Währungsraum sinken, so wie vor Beginn der Eurokrise. Oder die Zinsen steigen. Und sobald sie den kritischen Punkt erreicht haben, hören sie nicht mehr auf. Denn plötzlich können sie gar nicht mehr hoch genug sein.

In Situationen mit mehreren Gleichgewichten sucht die Spieltheorie bis heute nach einer Erklärung dafür, welches Gleichgewicht sich wann durchsetzt. Klar ist aber: In so einem Übergang zwischen den Gleichgewichten sind die Ausschläge zwangsläufig riesig - so lange, bis sich die Anleger wieder auf eines der Gleichgewichte geeinigt haben: die sichere Situation oder die Staatspleite.

Dummerweise wird ausgerechnet das zweite, schlechte Gleichgewicht im Lauf der Jahre immer leichter zu erreichen. Denn das kritische Zinsniveau, das der Staat gerade noch verkraften kann, ist in der Währungsunion immer weiter gesunken. Schließlich haben die Staaten sich darauf verlassen, dass sie immer so niedrige Zinsen bekommen - und ihre Steuern und Wohltaten an das neue Zinsniveau angepasst. Es sah ja auch alles so gut aus.

Doch Staatskredite sind offenbar auch nicht anders als Hypotheken von der Bank: Man bekommt Kredit - und einen Anschlusskredit - und noch einen. So kann man gut leben und sich der Illusion hingeben, alles sei in Ordnung. Aber irgendwann gibt die Bank kein Geld mehr, und schlagartig ist es vorbei.

Deshalb darf sich Deutschland nicht in Sicherheit wiegen. Es muss um jeden Preis den Anschein von Finanzproblemen vermeiden. Und rechtzeitig sparen. Weil Kreditprobleme sich nicht vorher ankündigen, sondern plötzlich auftreten - aber dann heftig.

Für die Krisenstaaten fordert Paul Krugman inzwischen: Die EZB muss die Staatsanleihen aufkaufen, um das zweite, schlechte Gleichgewicht zu vermeiden und die Anleger zurück zum ersten, guten Gleichgewicht zu bringen. Doch gegen Anleihenkäufe der EZB gibt es wichtige Argumente; am Sonntag habe ich sie in der F.A.S. beschrieben.

Die Krisenstaaten müssen ihren Investoren also umso schneller klarmachen, dass sie ihre Kredite zurückzahlen können. Dazu müssen sie kräftig sparen. So zeigen sie erstens, dass sie höhere Kreditzinsen aushalten können, und machen das gute Gleichgewicht so leichter erreichbar. Und zweitens drücken sie ihren Kreditzins nach unten - dem guten Gleichgewicht entgegen.

Das schafft nicht jedes Land. Die Schulden Griechenlands sind vermutlich schlicht zu groß. Aber Irland hat sich inzwischen ganz gut entwickelt. Italien kann es auch schaffen, wenn es sich beeilt.

 

____________________________________________________________________

Das Blog auf:  Fazit-Blog auf Twitter Fazit-Blog auf Facebook Fazit-Blog auf Google Plus

Der Autor auf:  Fazit-Blog auf Twitter Patrick Bernau auf Facebook Fazit-Blog auf Google Plus

Veröffentlicht 20. November 2011, 09:33 von Patrick Bernau
Kommentare

karl.theodor

20. November 2011, 12:05

Warum Märkte verrückt spielen? Die Antwort ist leicht zu finden, wenn man das Verhalten der (vor allem Sozial) Politiker als "Verrücktspielen" diagnostiziert. Denn das konnte die Politik seit über 40 Jahren fast ungestraft, ähnlich einem Alkoholiker. Jetzt kommt die Rechnung. Übrigens, die Märkte spielen nicht verrückt, sondern handeln rational. Mindestens rationaler als die Politiker. Dagegen ist ein Hühnerhaufen eine Ansammelung von Schlaftabletten. Jetzt entschuldige ich mich für meine Polemik. Aber wie soll man das noch anders ertragen können?

JR42

20. November 2011, 12:16

Lieber Herr Bernau, Ihr Artikel kommt reichlich naiv herüber: "Endlich verstehen" - klingt wie die Apothekenrundschau. Dann der in seriösen Diskussionen unzulässigen Autoritätsbeweis, vgl. der "angesehene Währungsökonom". Wenn er es denn wirklich ist, braucht es diesen Hinweis nicht

.

Spieltheorie ist wohl ein Modell, mit den Modellen eigenen Voraussetzungen und Einschränkungen. Darüber lese ich bei Ihnen nichts. Modelle spielten beispielsweise bei den jüngsten Bankenkrisen, befeuert durch modellierte, verbriefte Finanzprodukte, eine unrühmliche Rolle, also Vorsicht!

.

Ich habe keine Kenntnisse der Spieltheorie, aber geht es bei deren Einschränkungen nicht auch um Zeithorizonte sowie um Komplexität des beteiligten Kollektivs, ferner um den (einheitlichen) Spielort? Das sollte bei Ihren mutigen Aussagen über den europäischen Währungsraum abgeklopft werden, bevor der gedankliche Spieltisch eröffnet wird. Modelle sind immer eine Vereinfachung der Wirklichkeit, gezwungenermaßen desto stärker vereinfachend, je komplexer die Wirklichkeit ist. Menschliches Handeln von 313 Millionen Individuen, organisiert in unterschiedlichen Nationen ist komplex und nicht homogen modellierbar.

.

Nicht zuletzt der allgemein wissenschaftliche Ansatz bei Beurteilung aller Theorien bzw. Modelle: Vorhersage, Messung (Beobachtung), Verifizierung des Modells (der Theorie) gegen die Messergebnisse. Dabei der statistische Grundsatz "Eins ist Keins", also einige Sigma sollten es schon sein. Eine Krise reicht da nicht aus! Und wie steht es hier hinsichtlich Peer-Review?

tobiasfuentes

20. November 2011, 12:44

Solche Konstrukte sind doch Augenwischerei. Im permanenten Preisbildungsprozess gibt es ständig neue (ad-hoc)-Gleichgewichte. Gleichgewichte, die zwischen zwei Extremen pendeln. Pendelausschläge dürften im weltfremden reinen/strengen Rationalitätsdogma nicht exzessiv sein. Nun kann man das doch nicht "heilen" wollen, indem man (im nachhinein) irgendein Extrem als neues zweites Gleichgewicht, als neue Rationalität, definiert/interpretiert, das sich nun erst durchsetzen müsse. So als ob es tatsächlich nur "Himmel und Hölle" gäbe. Dass man da im Dunkeln tappt, ab wann 'die Rationalität umschlägt', wen wunderts. Welche Absurditäten bringt denn ein mechanisches Theoriegebäude noch hervor? Sind denn alle närrisch?

Patrick Bernau

20. November 2011, 12:48

Lieber JR42,

natürlich baut die Spieltheorie Modelle. Modelle können sehr hilfreich sein, vor allem wenn die wirkliche Lage unübersichtlich ist - so wie Landkarten gerade deshalb hilfreich sind, weil sie die reale Welt abstrahieren.

Es gibt noch zu wenige Euro-Krisen, um überhaupt ein sinnvolles Sigma auszurechnen. Die Frage ist jetzt: Hilft die Landkarte, sich im Gelände zurechtzufinden? Viele Leute haben den Eindruck, dass dieses Modell das tut.

MTaege

20. November 2011, 13:11

Was wir jetzt brauchen ist erstmal Zeit,und wir müssen den Teufelskreis durchbrechen.

Würde man jetzt alle Schulden der Eurozone zusammenlegen,und Eurobonds einführen, wäre auf einen schlag die Spekulation vorbei.

Eurozone hat eine Verschuldung zum BIP von 85% (vergl Deutschland derzeit 83%)

Damit wäre dann sämtliche Spekulation auf einen Schlag vorbei, und es wäre besser vernüftiger, als das derzeitige Herumgedoktor. Den je mehr Zeit wir damit verschwenden, desto höher steigen auch die Schulden der Eurozone,und der Effekt wäre dahin. Schon 2009 schrieb Guy Verhoftstadt (heutiger ALDE Vorsitzende) ein Buch "Europa ist der Weg aus der Krise" (NL Europe is de Weg uit de Crisis) wo er gemeinsame Europäische Bankenrettung, und auch Einführung von Eurobonds zur belebung der Europäischen Konjunktur vorschlug. Hätte man es damals schon gemacht, wäre die Krise erst garnicht aufgetaucht, und wir hätten uns mehr als 2 verlorene Jahre erspart. Ähnlich hatte sich aber auch schon Sebastian Dullien and Daniela Schwarzer 2009 geäußert..

Ein Außenwirtschaftlicher Stabilitätspakt für Europa

www.project-syndicate.org/.../German

Beide Massnahmen würden die Erwartung wieder ins andere Gleichgewicht bringen, statt Sinnlos die Volkswirtschaften kaput zu sparen. Brunning hat es schon vor 80 Jahren eindruckvoll gezeigt, wie man es nicht macht! Das wir daraus immer noch nichts gelernt haben, ist das erschreckende..

PS

Natürlich kann man das ganze auch aus politischer Sicht ansehen.

Dazu hat Ali Arbia (von Scienceblogs) schon einen interessant Artikel verfasst

Eurokrise und Putnams 'Two Level Games'

www.scienceblogs.de/.../eurokrise-und-putnams-two-level-games.php

Systemfrager

20. November 2011, 13:21

http://www.systemfrage21.de

Zur Spieltheorie:

"In den 80er Jahren hat die spieltheoretische Forschung eine Fülle von interessanten Resultaten über das menschliche Verhalten und Handeln hervorgebracht, die auf ganz unterschiedliche ökonomische Fragestellungen anwendbar sind. Aber die Begeisterung hat nicht lange gedauert. Bei der praktischen Anwendung ihrer Resultate auf die einzelnen Teilgebiete der Ökonomie stellte sich nach anfänglicher Euphorie häufig eine gewisse Ernüchterung oder gar Enttäuschung ein. Die große Zahl denkbarer Optionen für konkrete Situationen vermittelt vielfach den Eindruck scheinbarer Beliebigkeit der analytischen Ergebnisse. Die Spieltheorie verzettelte sich sozusagen. Aber die Inflation der Lösungen, aus denen man dann „nicht klüger wird“, ist nicht die einzige Ursache, warum es der Spieltheorie misslungen ist, zu einem neuen Paradigma zu werden. Auch andere Gründe dürften sehr gewichtig sein ..."

Strategien statt Gleichgewicht: Wäre die Spieltheorie ein besseres Paradigma?

weiter lesen >>>

www.forum-systemfrage.de/.../ba41f.php

JR42

20. November 2011, 13:24

Herr Berneu, Landkarten sind kein guter Vergleich. Die Erdoberfläche ist hinreichend statisch, deren Abbild in Landkarten zuletzt durch Satelliten-Aufnahmen erfolgreich verifiziert; sehen Sie sich Ihr Häuschen bei Google Earth an!

.

Dynamik vieler ist weitaus schwerer zu modellieren; das beginnt mit dem n-Körper-Problem in der Physik und endete zuletzt fatal in den unvollkommenden Sicherheitsbetrachtungen der 4 Fukushima-Blöcke. Die Problematik von Wetterprognosen oder der Prognoseberechnungen zum Klimawandel sind ebenfalls gute Beispiele unvollkommener da grob vereinfachender, dynamischer Modellierungen.

.

Zurück zur Spieltheorie, hier nur einige Sonderklassen an Mitspielern (die Liste kann vermutlich ohne Mühe weiter ergänzt werden:

1. Der rechnergestützte Handel, aufgrund längerfristig hinterlegter Algorithmen, die dann zur Unzeit greifen. Kollege Rechner spielt also mit, mit oder gegen den menschlichen Spieler.

2. Die "Zocker" - gewissermaßen als Trittbrettfahrer, die per Leerverkäufe oder allgemeiner "Hebelungen" einem Trend Fahrt verleihen, wobei es im Grundsatz egal ist ob auf- oder abwärts.

3. Die institutionellen Anleger (Versicherungen, Pensionskassen ...), für die es per "Compliance"-Regularien Zwangs-Handlungsanweisungen zum Verkauf gibt. Ein spezieller Fall sind die noch Staatsfonds, vgl. China, die auch ihre eigenen Motivationen einbringen.

4. Die Rating-Agenuturen, - herausgehobene 3 Super-Mitspieler gegenüber dem großen Kollektiv von mitspielenden Anlegern.

5. Die EZB als Ankäufer - mehr oder weniger, ebenfalls ein Super-Mitspieler.

Diese haben alle nennenswerten, ggf. verstärkenden Einfluss auf das Geschehen und müssen also differenziert bei Modellierung des Spielerkollektivs abgebildet werden.

.

"Modelle können sehr hilfreich sein" - sicherlich, die beschriebene Spielthorie-Anwendung aber m.E. nicht im Sinne "Endlich verstehen" und als (fatalistische) Handlungsanweisung an regierende Politiker.

Patrick Bernau

20. November 2011, 15:16

Ich bin mir nicht sicher, ob es noch hilft, die Schulden zu vergemeinschaften, lieber MTaege. Die Sorgen um Deutschland wachsen ja auch schon in der aktuellen Situation - ich bin mir nicht sicher, ob Eurobonds noch viele Abnehmer fänden.

Wenn man eben nicht die Märkte davon überzeugt, dass Europa entschlossen spart. Irland hat ja bewiesen, dass das funktionieren kann - auch wenn man schon unter verschärfter Beobachtung steht.

Modelle, lieber JR42, sind ja gerade dazu da, nicht jede Einzelheit zu berücksichtigen. Natürlich gibt es 1000 Dinge, die man gegen Modelle - auch gegen spieltheoretische - einwenden kann; das gilt für jedes Modell. Der Sinn ist, die komplexe Realität auf den wesentlichen Kern zu reduzieren. Ich habe den Eindruck, das gelingt hier sehr gut - und den habe ich gemeinsam mit Paul Krugman, Paul de Grauwe, Maurice Obstfeld etc. Die entsprechenden Beiträge sind ja im Text verlinkt.

sirop

20. November 2011, 16:14

http://mef_ibn_stofel

Lieber Herr Bernau, wenn Sie meinen, das Sie "den Eindruck haben"  "gemeinsam mit Paul Krugman, Paul de Grauwe, Maurice Obstfeld etc.", warum sind Ihre Rezepte so verschieden von denen Krugmans und de Grauwes?

Könnten Sie bitte etwas von Thomas Meyers (Chefökonom DB)  und  -- zum Vergleich --  Heiner Flassbecks Ansichten und Rezepte  zur Euro-Krise schreiben?

JR42

20. November 2011, 17:38

Lieber Herr Bernau,

ich habe nichts gegen Modelle. Wohl aber meine Zweifel darüber geäußert, wo diese ggf. anwendbar sind. Und die praktische Anwendung mathematischer Modelle durch Ökonomen hat in der jüngsten Vergangenheit eben sehr negative Resultate gebracht. U.a. dadurch, dass wesentliche Einzelheiten außer Acht gelassen bzw. nicht modelliert worden sind. Die Fachwelt darf sich eben nicht durch die "Schönheit" des Modells zu unzulässigen Folgerungen hinreißen lassen und das Modell auf das Anwendungsgebiet "hinbiegen". Vgl. das sog. Straßenlampen-Syndrom, wo der Autofahrer seinen verlorenen Autoschlüssel im Lichtkreis einer Straßenlampe sucht, den Schlüssel jedoch woanders (im Dunkeln) verloren hat, diesen überhaupt aber nur im Licht einer Straßenlampe wiederfinden könnte.  

Zu Ihrem Artikel:

"Ein Gleichgewicht ist schon erreicht, wenn jeder Börsenhändler aus seiner Sicht das richtige tut und seine Situation nicht mehr verbessern kann, indem er sich anders verhält."

- Also z.B. in einer Krisensituation nach "Stop-Loss"-Strategien, möglicherweise Rechner gestützt, verkauft. Das ist die turbulente Situation eines panikartigen Kursrutsches, weit entfernt von einem stationären Gleichgewicht!

- Ein Gleichgewicht ist üblicherweise ein (lokaler) Minimalwert im Phasenraum der Variablen eines Modells (ich nehme einmal an, dass das auch für die Spieltheorie so gilt). Ist dieser Minimalwert erreicht, ruht die beschriebene Situation darin stabil. Wie kommt also die Finanzwelt von einem zum anderen (lokalen) Minimum bzw. aus dem einmal erreichten Minimum wieder heraus? Vgl. auch Ihre Formulierung "Und der ganze Teufelskreis beginnt von vorn." Was sind also die phasenändernden Ereignisse im spieltheoretischen Modell - werden diese mit modelliert? Regierungsbeschlüsse, Ratingverluste, Naturkatastrophen, usw. ...

HansMeier555

20. November 2011, 20:20

"Multiple Gleichgewichte" gibt es vermutlich auch auf dem Markt der verschiedenen Wirtschaftstheorien oder besser gesagt, deren Verbreitung in den Medien: Heute muss unbedingt die Konjuktur angeleiert werden (Konsumgutscheine!), dann wieder muß unbedingt heftig gespart werden (Schuldenbremse).

.

Und jedes Mal im Habitus des Propheten, immer verächtlicht herablassend: Wer Konsumgutscheine unseriös findet, denkt halt "wie eine schwäbische Hausfrau", wem beim Vorschlag, den Sozialstaat ratzfatz abzuschaffen, etwas mulmig wird, der ist bestimmt ein "kommunistischer Partymacher".

.

So erwirbt man sich keine Autorität. Wissen was ich glaube? Es fehlt vielen Vertretern Ihrer Disziplin ganz einfach ein wenig an menschlichem Anstand und sozialer Kompetenz, und vermutlich auch ein bissel Allgemeinbildung.

.

Darum können sie von ihrer (sicherlich vorhandenen) Intelligenz und ihren (sicherlich klug ausgedachten) Modellen keinen vernünftigen Gebrauch machen.

.

Sie sollten öfter mal ein Kunstmuseum aufsuchen.

schustla

20. November 2011, 22:00

http://lambertschuster.de/blog/

@JR42

Patrick Bernau hat das wunderbar erklärt. In der Sache haben Sie wenig entgegen zu setzen. Deshalb bemühen Sie sich am Rande der, zugegeben etwas vereinfachten Darstellung, Zweifel zu schüren. Das kann ich nicht akzeptieren. Die Kernaussage bleibt bestehen, nämlich, dass die Märkte mittlerweile anfangen, auch den bisher honorig geglaubten Staatsanleihen weniger zu trauen. Ein ganz normaler Vorgang. Dazu muss man aber bereit sein, die unbegrenzte Schuldenpolitik der Staaten, in Frage zu stellen. Gegentheorienen helfen da wenig.

Ich betreue viele Unternehmen, die in die Schuldenspirale geraten sind. Ein Verschuldung vergleichbar den Dimensionen der Staaten, ist dort selten zu finden. Hier greifen die Mechanismen der Märkte viel früher - glücklicherweise.

Da aber Vernunft der Staaten aus sich selbst heraus leider nicht in den vergangenen Jahrzehnten meist ausgeblendet war, greifen jetzt endlich, natürlich viel zu spät, die Mechanismen der Märkte. Da macht Deutschland keine Ausnahme.

Ich danke Herrn Bernau und der F.A.S, dass dort ungeschminkt die Wahrheit beschrieben wird und mit den ideoligischen Ablenkungsmanövern aufgeräumt wird.

JR42

20. November 2011, 22:08

Lieber Herr Bernau, nachdem Sie sich heute meinen Einwürfen gewidmet haben, möchte ich diese mit einer eigenen Bibelstelle beschließen:

"Why Economic Models Are Always Wrong"

www.scientificamerican.com/article.cfm

hhrr

20. November 2011, 22:54

http://Hans-Jörg Rechtsteiner

Wenn ein Schneeballsystem zwangsläufig zusammenbricht, Herr Bernau, muß man dafür keine Spieltheorie bemühen. Es reicht der gesunde Menschenverstand. Warum dieser bei kollektiven Prozessen so oft versagt, ist Gegenstand der Massenpsychologie. Es ist nun mal eine Binsenweisheit, daß die kollektive Aufmerksamkeit stets nur auf einige wenige Themen gerichtet ist, während die meisten anderen – von der großen Öffentlichkeit unbeachteten – Angelegenheiten einen scheinbaren Dornröschenschlaf schlafen. Daß der vermeintlich Schlafende in Wahrheit wellwach ist und tätig, nun, das ist den damit befaßten Experten durchaus klar. Sie, die Experten, sind es auch, die oft verzweifelt versuchen, Politik und Öffentlich auf Fehlentwicklungen hinzuweisen, sie wachzurütteln, um sich anbahnende Katastrophen zu vermeiden. Allein, es gelingt nicht. Die Tragik der Kassandra, die das Unheil stets voraussah, aber bei ihrer Umgebung auf taube Ohren stieß, gehört offenbar zu den unüberwindlichen Grundbedingungen menschlicher Existenz. Das Bemühen, eigentlich einfach erklärbare Vorgänge durch komplizierte Erklärungsmuster – hier: Spieltheorie – zu verunklaren, ist die Reaktion der Tauben, die im Angesicht der eingetroffenen Katastrophe vom eigenen Versagen ablenken möchten.

schustla

21. November 2011, 09:09

http://lambertschuster.de/blog/

@hhrr

Guten Morgen hhrr! Sie haben natürlich vollkommen Recht. Dennoch schätze ich den Artikel von Herrn Bernau sehr. Denn er hat allen Theoretikern, Intellektuellen, Ideologen - eben denjenigen, die den gesunden Menschenverstand unterdrücken, auf einfache Weise und anschaulich erklärt, dass ein Unheil ansteht, welches Politik und Öffentlichkeit nicht richtig wahrnehmen wollen.

JR42

21. November 2011, 10:25

@schustla:

Die Kernaussage in Bernaus Artikel ist "Endlich verstehen", und zwar anhand der Spieltheorie, angewendet auf das Geschehen an den Märkten. Dagegen habe ich argumentiert in dem Sinne, dass die Spieltheorie, ebenso wie andere mathematische Modelle, hier als Verstehensgrundlage nur sehr bedingt taugen kann. Insbesondere weil Mathematik ferne Anwender, als welche ich die Ökonomen einschätze, deren Voraussetzungen und Randbedingungen nur unvollkommen verstehen: der alte Gegensatz Werkzeug anstatt Inhalte. Das Marktgeschehen selbst war nicht Gegenstand meinert Kommentare.

gertrudenora

21. November 2011, 11:53

Die Spieltheorie ist eine wichtige und bewährte Methode in der Ökonomie, aber auch in vielen anderen Wissenschaften (z.B. Biologie) gehört sie zum unabdingbaren Standardrepertoire.

Sie kann nichts dafür, wenn sie im politischen Interesse benutzt wird. Dass Banken bei steigendem Kreditausfallsrisiko die Kreditzinsen erhöhen, was die Ausfallswahrscheinlichkeit weiter steigen lässt, ist ein alter Hut, dazu braucht man keine Spieltheorie. Die Zinsen für die griechischen Staatsschulden sind übrigens seit 2008 im Aufwärtstrend, die riesigen Targetkredite der EZB and die PIIGS verhinderten nur, dass dies nicht schon Jahre zuvor passierte. Das "stabile" Gleichgewicht war eigentlich schon lange ein gekünsteltes!

Krugman fordert einfach die EZB dazu auf, die Notenpresse noch stärker einzusetzen, was auf kalte Enteignung hinausläuft. Obama hat dies bereits verlangt, er sitzt dabei in einem Boot mit den Pleitestaaten.

Das ist allerdings nicht im Interesse jener Staaten, die für die PIIGS haften sollen und dies in zunehmendem Maße bereits tun. Verteilungskonflikte - noch dazu solche, die aufgrund der "bail out" Klausel eigentlich gar nicht zur Diskussion stehen hätten sollten - mittels Rückgriff auf schwer verständliche Mathematik zugunsten der Schuldner entscheiden zu wollen, überzeugt auch nicht besonders viele, wie die Kommentare zeigen.

Die Ökonomen sind in der gegenwärtigen Krise viel geschlossener, als diese Diskussion glauben ließe - die große Mehrheit sieht als Ursache das Fehlen des Wechselkurses zwischen heterogenen Ländern. Wenn man Preismechanismen verhindert, werden die Ungleichgewichte sehr teuer. Ohne Abwertung wird Griechenland seine Wettbewerbsfähigkeit nicht mehr erlangen, selbst wenn die Druckerpresse Tag und Nacht Überstunden fährt. Wir werden dabei nur alle einen großen Teil unseres Wohlstandes verlieren.

Schmeconomics

21. November 2011, 12:12

Der Artikel zielt am Hauptproblem vorbei: es geht im Moment nicht darum, dass Krisenstaaten den Anlegern zeigen, dass sie ihre Schulden wieder zurückzahlen können. Es geht für die Krisenstaaten vielmehr darum irgendwie ihren Bedarf an liquiden Mitteln zu stillen. Das ist aber erstens derzeit sehr schwer und zweitens fast prohibitiv teuer, weil Anleger sehr hohe Zinsen verlangen. Deshalb reicht es nicht aus, wenn die Krisenstaaten Sparprogramme auflegen (sparen und eine schnelle wirtschaftliche Erholunge passen sowieso nicht gut zueinander) und Besserung geloben.

Die EZB muss in meinen Augen bereit sein, Anleihen zu kaufen, um somit den Zinsdruck auf Krisenländer zu reduzieren. Ich bin mir nicht sicher, ob die deutschen Notenbänker u. Politiker die Zeichen der Zeit verstanden haben. Im Moment sieht es eher so aus, als gingen ihnen ihre Prinzipien (Inflation um jeden Preis vermeiden!) über alles. Ich hoffe aber, dass Draghi und Weidmann in gewisser Weise "good cop, bad cop" spielen: Weidmann, der Böse, spielt die deutsche Stabilitätskarte und verhindert somit einen Moral-Hazard der Krisenstaaten. Und Draghi ist in letzter Instanz doch bereit Anleihen aufzukaufen, wenn es für die Krisenstaaten hart auf hart kommt, nur sagt er dies so nicht.

Sollten beide jedoch auf einer harten Linie gegenüber den Krisenstaaten bestehen, sehe ich schwarz für den Euro...

HerrZhao

21. November 2011, 12:35

http://Spieltheorie als Erklärungsansatz für die Finanzmärkte

@JR42

In der Tendenz hat der Nutzer JR42 recht. Spieltheorie ist ein spezieller Zweig der Entscheidungstheorie und im Grunde Wirtschaftsmathematik. Die Anwendbarkeit auf Finanzmärkte ist nicht gegeben - das bedeutet nicht, dass sie nicht für theoretische Forschung taugt unter sehr speziellen Prämissen. Als Illustration können Sie sich Finanzmarktexperimente im Wirtschaftslabor ansehen, wo die Voraussagen der Spieltheorie nicht eintreffen, und man sich erklärende Theorien aus der Psychologie oder noch tiefschürfender aus den Neurowissenschaften hinzunimmt.

Ein alternativer Zugang zu den Marktphänomenen findet man im "behavioral finance".

Die Bedenken des Nutzers JR42 zum blinden Glauben an die Mathematik wird jeder Ökonom unterschreiben. Zu dem Vorurteil des Nutzers JR42 - um die mathematischen Kenntnisse der Finanzwirte und Ökonometriker ist es recht gut bestellt - immerhin können sie stochastische partielle Differentialgleichungen lösen und einige können das auch in Quellcode überführen. An der mathematischen Vorbildung liegt es aber nicht, die zweite wichtige theoretische Herangehensweise seitens der Wirtschaftsphysik hat es mit statistischer Physik,Differentialgeometrie und Quantentheorie auch nicht geschafft die Finanzmärkte im Griff zu bekommen.

Die nächste Gruppe die Informatiker besitzen mit der stochastischen, dynamische Programmierung und natürliche Algorithmen ( genetische Algorithmen, Partikel Schwarm Optimierung, Ant Algorithmen ) zwar vergleichsweise effiziente Algorithmen für die Prognose, aber sie liefern keine neue Theorie.

So gesehen haben Sie völlig recht mit ihrer Skepsis gegenüber der mathematischen Herangehensweise - aber was soll man machen: die Finanzprodukte müssen einen Preis zugeordnet bekommen. Besseres gibt es nicht auf den Theoriemarkt.

JR42

21. November 2011, 16:08

Lieber HerrZhao, den Vorwurf des "Vorurteils" akzeptiere ich, die ehrenwerte Zunft der Wirtschaftsmathematiker und verwandte Disziplinen hatte ich ausgeblendet. Dank auch für den kleinen Einblick in den Werkzeugkasten der "Wirtschaftslabore".

.

Wenn ich von der Einbeziehung der Quantentheorie (in der Kopenhagener Interpretation?) und einer Disziplin "Wirtschaftsphysik" höre, graust es mich jedoch! Kommt jetzt noch die allgemeine (ökonomische) Relativitätstheorie mit gekrümmten Indikatorräumen?

khaproperty

21. November 2011, 17:11

Märkte, besser die Teilnehmer, besser die relativ wenigen bedeutenden Teilnehmer, reagieren stets nur auf das, was sie zu erkennen vermögen. Da braucht es keine Theorien, auch keine Spieltheorien. Es reicht völlig, ein wenig das eigene Hirn zu bemühen. Gemeinsam mit Vernunft, Logik und Verständnis für Sache und Umfeld  läßt sich lange bevor Reaktionen offensichtlich werden, prognostizieren, was in Etwa demnächst an den Märkten geschehen wird.

Da müßte man reich werden, sagen all die Neunmalklugen. Keineswegs, denn was sehr schwer bleibt, ist die Abmessung der bis dahin vergehenden Zeit, wann also erforderliche Mehrheiten akkumuliert sind. Wie oft lag man richtig - bloß die Zeit war noch nicht  reif. Das kann gleichbedeutend sein damit, komplett falsch zu liegen. Jedenfalls braucht es Nerven wir Stahlseile, manch Zeitläufte durchzuhalten - sofern man voll oder überhaupt nicht investiert ist.

Wenn den Leuten etwas unverständlich bleibt, erfinden sie halt irgendwelche Erklärungsmodelle. Schön und gut, wenn sie sich dabei (wenigstens) besser fühlen.

Spaetroemer

21. November 2011, 17:14

http://schwieriges timing

Mittlerweile scheint sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass das Haus soweit in Brand geraten ist, dass nur noch radikale Maßnahmen ihn löschen können (Eurobonds, EZB-Intervention im großen Stil).

Die Frage nach dem richtigen Timing ist aber eine heikle und eine essentielle, wenn es eine dauerhafte Lösung geben soll.

Trotz aller Vorwarnungen und genügend Zeit, präventiv zu reagieren, musste etwa in Italien erst genug Druck von außen aufgebaut werden, um konkrete Aktionen zum (künftigen) Defizitabbau zu bewirken.

Ähnliches war letzte Woche in Österreich zu beobachten. Auch dort lavierte man bisher nur herum, aber ein ordentlicher Satz nach oben des Spread hat hektische Aktivität ausgelöst und kurzfristig den Beschluss einer "Schuldenbremse" ermöglicht.

In Frankreich zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab. Dort will Sarkozy erstmal Wahlkampf für ein Sparprogramm machen, bevor es echte Einschnitte gibt. So könnte er die Märkte zum Wahlkampfhelfer umfunktionieren - wenn da bloß das Timing nicht danebengeht.

Was ich damit sagen will: Es war meines Erachtens nötig, erstmal abzuwarten und nicht vorschnell z.B. Eurobonds einzuführen. Nach Jahrzehnten des gewohnheitsmäßigen Schuldenmachens musste den Völkern erst wieder vor Augen geführt werden, dass dauerhafte Verschuldung jeden Staat irgendwann - ohne große Vorwarnung - in den Abgrund führen kann.

Es öffnet sich jetzt also ein Zeitfenster. Die einen (ich meine damit die wählenden Völker, auf die es ankommt) haben kapiert, dass Defizite auf Dauer einfach nicht möglich sind, die anderen (v.a. Deutschland) kapieren gerade, dass Sparen allein vielen möglicherweise nicht mehr hilft, den Kollaps abzuwenden. Nachdem es nach wie vor eine Mehrheit dafür gibt, die europäische Integration nicht rückabzuwickeln, muss man sich "nur" noch auf die richtigen Instrumente einigen.

Hoffentlich wird dieses Zeitfenster nicht verpasst, so wie damals nach Lehman Brothers, als man es versäumte, die Spielregeln auf globaler Ebene zu ändern.

Patrick Bernau

21. November 2011, 18:18

Aus technischen Gründen erscheint der Beitrag auf Kantoos, der sich mit einem ähnlichen Beitrag von mir kritisch in der Sonntagszeitung und auf FAZ.net auseinandersetzt, nicht unten in der Liste - darum der Link hier:

kantooseconomics.com/.../die-ezb-als-lender-of-last-resort

HansObermeier

21. November 2011, 18:26

http://www.obermeier-communications.de

Ein interessantes und scharfsinniges Erklärungsmodell, Herr Bernau, das zudem die Komplexität der Situation deutlich macht. Aufgabe der Politik ist es allerdings nicht, sich in einem Modell zu bewegen, sondern die unter demokratischen Bedingungen bestmögliche und tatsächlich umsetzbare Lösung zu finden - eine Lösung, die vom Modelloptimum weit entfernt sein mag, aber dennoch den einzig relevanten Weg nach vorne beschreibt. Dieser Weg nach vorne in der aktuellen Währungs- und Vertrauenskrise bedarf m.E. zunächst klarer Eingeständnisse:

1. Die aktuelle Bereitschaft vieler europäischer Volkswirtschaften, ihre Schuldenprobleme anzupacken, übersteigt die entsprechende Bereitschaft vieler entwickelter nicht-europäischer volkswirtschaften wie der amerikanischen bei Weitem. Das ist mittelfristig ein großer Wettbewerbsvorteil für die Euro-Zone.

2. Kein Land wird seine Schuldenprobleme durch die Kombination von Sparen + Rezession + Steuererhöhung lösen, sondern nur durch eine kombinierte Spar- und Wachstumsstrategie.

3. Die Attacken auf den Euro und seine Länder sind nicht nur, aber auch das Ergebnis des gezielten Handelns angelsächsischer Marktteilnehmer, die die Dominanz ihrer Währungen (USD, GBP) und ihrer Finanzplätze (NY, LDN) behaupten und die Regulierungsbemühungen der EU untergraben wollen.

Aus Alledem folgt 4. die Notwendigkeit, den reformwilligen Euro-Staaten (und nur diesen) eine zwei- bis dreijährige Anpassungsphase zu verschaffen. Und dies wird nur mit einem zeitlich strikt befristeten, an scharfe Reformauflagen geknüpften, quantitativ indes unbegrenzten Programm zum Anleihekauf durch die EZB gelingen. Der geldpolitische Sündenfall ist unvermeidlich, er wird zur Stabilisierung der Banken am Geldmarkt längst erfolreich geprobt, und er ist situationsbedingt auch richtig. Alles andere wäre ein Spiel ohne Gewinner.

Trackbacks

At Worlds End

22. November 2011, 12:46
Aktuelle Twitterbeiträge
Der Bund bringt eine Anleihe mit einem Kupon von null Prozent. Ist das eine Blase? So fragt Gerald Braunberger: http://t.co/avPBZBVL
Vor 1 Stunde
Zu viele Schulden machen arm - @PatrickBernau über die neuen Argumente in der Schuldendiskussion: http://t.co/ruxz6UkR
Vor 3 Tage
Quantitative Easing taugt nichts, sagt eine kurze Studie - wie Gerald Braunberger beschreibt: http://t.co/9c41R7Y1
Vor 6 Tage
Geschichte ist wichtig, aber warum? Gerald Braunberger über den Aufstieg mathematisch arbeitender Wirtschaftshistoriker http://t.co/jXRi9zOc
Vor 8 Tage
Schummeln in der Ökonomie: @PhilipPlickert über die Ehrlichkeit der Forscher http://t.co/q8tCVKHB
Vor 14 Tage
Blogsuche
in
Blog abonnieren
per Email an folgende Adresse
Themenfinder
A B C D E F G H I J K L M
N O P Q R S T U V W X Y Z