Instabiles Geld setzt den Zusammenhalt der Bevölkerung aufs Spiel
12. Dezember 2011, 16:42
Uhr
Die Notenbank kauft Anleihen und stellt sich damit in eine schlechte Tradition. Ein Ausflug in die Geschichte lehrt: Der Wert des Geldes muss stabil bleiben.
Ein Gastbeitrag von Hendrik Mäkeler
Dann
und wann scheint es an der Zeit zu sein, die elementarsten Voraussetzungen für
die Funktionalität unseres Währungssystems in Erinnerung zu rufen. Denn wer die
Diskussion über die Euro-Rettung über längere Zeit verfolgt hat, mag fast am
eigenen Verstand zweifeln: Die zahlreichen, völlig konträren Lösungsansätze sind
in sich vielfach schlüssig begründet.
Helmut Schmidt etwa sagte am 4. Dezember auf dem
Bundesparteitag der SPD in Berlin: „Alles Gerede und Geschreibe über eine
angebliche Krise des Euro ist in Wirklichkeit leichtfertiges Geschwätz von
Medien, [...] von Journalisten, und leichtfertiges Geschwätz von Politikern." Im
Feuilleton von F.A.Z. und F.A.S. vertraten unlängst der amerikanische
Wirtschaftswissenschaftler Michael Hudson und die deutsche Linkspolitikerin
Sahra Wagenknecht einmal mehr die Meinung, die Europäische Zentralbank (EZB)
müsse direkt oder indirekt über eine Banklizenz der EFSF die Finanzmärkte mit
Geld fluten.
Aber
kann die EZB die Krise lösen, indem sie Geld druckt, wie Hudson und Wagenknecht
es fordern? Oder sind die Vertreter der gegenteiligen Meinung im Recht? Haben
wir es mit einer Krise des Euro zu tun, oder ist das nicht der Fall, wie Schmidt
behauptet?
Die Antwort auf diese Fragen findet, wer darüber nachdenkt, was Geld ist
und welchen gesellschaftlichen Zweck es zu erfüllen hat. Derartige Gedanken hat
man sich vermutlich bereits gemacht, als das Münzgeld im 7. Jahrhundert vor
Christus in Kleinasien erfunden wurde. Der Name des dortigen Königs ist seither
sprichwörtlich mit Reichtum verknüpft: Er war nicht nur ein Krösus, sondern er
hieß auch so.
Aus
der Zeit des Krösus oder seiner Vorgänger, die das Münzgeld erfanden, sind
allerdings noch keine theoretischen Überlegungen überliefert, die uns
Nachgeborenen erklären würden, warum man die ersten Münzen prägte. Erst aus dem
4. Jahrhundert vor Christus ist eine solche Erläuterung bekannt: Aristoteles
fragt in der Nikomachischen Ethik unter anderem danach, wie sich Gerechtigkeit
in der Gesellschaft herstellen lässt. In diesem Rahmen behandelt er auch das
Geld.
Aristoteles geht davon aus, dass Menschen keine amorphe
Masse bilden, sondern dass sie individuell unterschiedliche Interessen und
Fähigkeiten haben. Diesen Interessen nachzugehen und ihre Fähigkeiten auszuüben,
wird den Menschen allerdings nur dadurch möglich, dass sie Gemeinschaften bilden,
innerhalb derer sie ihre unterschiedlichen Waren und Dienstleistungen
austauschen können. So erhält der Ingenieur sein Brot und der Bäcker ein Dach
über dem Kopf.
Das
Problem ist, dass der Wert eines Hauses gemessen und zu demjenigen eines Brotes
in Beziehung gesetzt werden muss, um einen gerechten Austausch vornehmen zu
können. Diese Funktion leistet das Geld, indem es in Form unterschiedlicher
Nominale selbst kleinste und größte Werte messbar, vergleichbar und somit
austauschbar macht.
Dabei ist es Aristoteles besonders um die
Austauschgerechtigkeit zu tun: Lässt sich durch das Geld keine Gerechtigkeit beim
Austausch von Waren und Dienstleistungen mehr herstellen, dann werden
Arbeitsteilung und Handel für die Menschen unvorteilhaft. Sie kehren
infolgedessen zur Selbstversorgung zurück, und die Gemeinschaft löst sich
auf.
Die Argumentation ist bis hierhin von zwingender Logik. Aristoteles leitet im
folgenden allerdings Geld (nomisma) etymologisch von Gesetz
(nomos) ab und stellt fest, dass es per Gesetz seinen Wert erlange und
demgemäß auch durch das Gesetz seinen Wert verlieren könne. Demgemäß
betrachteten die Herrscher in der Antike und während weiter Teile des
Mittelalters das Bargeld als ihren Besitz, den sie beliebig entwerten konnten.
Dem liegt die damalige Vorstellung zugrunde, dass der Herrscher Quell des Rechts
war, das dem Geld erst seinen Wert einhauchte. So oder ähnlich mag Aristoteles
das auch seinem wohl bekanntesten Schüler, Alexander dem Großen, beigebracht
haben. Alexander ließ seinen Namen daher im Genitiv auf seine Münzen prägen, die
somit diejenigen „des Alexander" waren.
Diese Sichtweise widerspricht eklatant der vorherigen
Argumentationskette: Wenn etwa das für ein Brot gezahlte Geld per Gesetz über
Nacht wertlos wird, dann ist damit auch das dem Gelderwerb zugrundeliegende
Handelsgeschäft nachträglich ungerecht geworden. Das Geld kann seine ebenfalls
von Aristoteles beschriebene Funktion als Wertaufbewahrungsmittel nicht
erfüllen.
Diesen logischen Bruch konnten freilich erst diejenigen
Gelehrten des Mittelalters überwinden, die seit dem 13. Jahrhundert die Werke
des Aristoteles wiederentdeckten und kommentierten. Am bekanntesten unter ihnen
ist Nicolas Oresme, ein französischer Bischof. In seiner Abhandlung über
Geldwertveränderungen (Tractatus de mutatione monetarum) vertrat er die
Ansicht, dass das Geld der Allgemeinheit gehöre, da sie durch ihre Arbeit den
Besitz daran erworben habe. Ohne die Zustimmung der Menschen dürfe der Wert des
Geldes demgemäß nicht einfach weginflationiert werden.
Diese Erkenntnis der Geldtheorie wird ein Schüler, der während
seiner Sommerferien gearbeitet hat, um etwa mit dem Ersparten ein Rad zu kaufen,
sicher ebenso zu schätzen wissen wie ein Rentner, der einen großen Teil seines
Lebens gearbeitet und somit gegen Geld eingetauscht hat, das ihm den Lebensabend
finanzieren soll. Denn beides ist nur möglich, wenn das erarbeitete Geld in
seinem Wert stabil bleibt.
Allerdings hatte Oresme noch ein weiteres Problem zu
lösen: Die Herrschaftsausgaben waren bis dato durch Inflation finanziert worden.
Oresme konzedierte den Herrschern auch weiterhin Einkünfte, die ihrem Rang
angemessen waren. Um die notwendigen Mittel aufzubringen, sollten fortan Steuern
erhoben werden, was man allgemein als gerechter empfand als die Monetisierung
herrschaftlicher Schulden.
In
den nachfolgenden Jahrhunderten ging die Erinnerung an diese allmählich,
teilweise erst mit gewaltsamen Volksaufständen durchgesetzte Lösung allerdings
wieder verloren. Staatsausgaben wurden nicht nur durch Steuern, sondern
bisweilen erneut zusätzlich über Inflation finanziert. Dies ändert aber nichts
daran, daß eine solche Finanzierungsweise eklatant gegen rationalere und
gerechtere Lösungen verstößt, die zu entwickeln die Menschheit fast zwei
Jahrtausende gebraucht hat.
Wer dieses historische Orientierungswissen hat, kann leicht zwischen nachhaltigen und nicht
zukunftsfähigen Lösungsansätzen für die gegenwärtige Krise
unterscheiden:
Sobald eine Zentralbank einspringt, um Staatsschulden zu
finanzieren, verwandelt sie eine Schuldenkrise in eine Währungskrise und begibt
sich damit gerade auf jenen Irrweg, den man im späten Mittelalter überwunden
hatte. Wenn Helmut Schmidt dennoch behauptet, es gebe keine Krise des Euro, dann
irrt er daher, leider. Der Altbundeskanzler müsste es eigentlich besser wissen,
hat er doch selbst diejenigen beiden Epochen in der deutschen Geschichte
miterlebt, in denen die Reichsbank in großem Ausmaß den Staat finanzierte - mit
den bekannten Folgen in Form der Hyperinflation 1923 und der zurückgestauten
Inflation des „Dritten Reichs", die sich nach dessen Untergang ihre Bahn
brach.
Mit
dem umfangreichen Ankauf von Staatsanleihen stellt sich die EZB mithin in eine
ungute Tradition. Sie setzt paradoxerweise den Wert der Währung (und damit den
Zusammenhalt der Bevölkerung) aufs Spiel, um den Euro-Währungsraum in seiner
Gesamtheit zu bewahren.
Der
Rückblick auf die Argumente des Aristoteles verdeutlicht aber auch, dass es nicht
zulässig ist, die EZB die Schuldenkrise auf dem Umweg über den mit einer
Banklizenz ausgestatteten Rettungsfonds EFSF zu finanzieren.
An
der Beachtung dieser Grundlagen müssen sich die aktuellen Lösungsansätze messen
lassen, egal von welcher Seite sie kommen. Wirtschaftswissenschaftler, darunter insbesondere amerikanische Nobelpreisträger, Europa- und Finanzpolitiker, nicht
zuletzt deutsche Ex-Kanzler und Ex-Kommunisten, sollten das nicht unbeachtet
lassen. Die Stammtische sind ihnen in dieser Hinsicht nicht selten weit voraus,
indem sie schon länger eine aristotelische Grundfrage aufgreifen: diejenige der
Gerechtigkeit.
Hendrik Mäkeler leitet das Münzkabinett der Universität Uppsala,
Schweden.
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