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Fazit - das Wirtschaftsblog

Das Jobwunder: Ein Lob auf Gerhard Schröder

04. Februar 2012, 18:02 Uhr

Von Rainer Hank

Das Wunder des deutschen Arbeitsmarktes ist kein Wunder, sondern das Werk des SPD-Kanzlers Gerhard Schröder. Den Beweis dafür liefert jetzt der Monatsbericht der Bundesagentur für Arbeit für den Monat Januar. Die Charts auf Seite 50 dieses Berichts sind spektakulär. Danach sinken Erwerbstätigkeit und Beschäftigung in Deutschland bis zum Ende 2004, während zugleich Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung und die Zahl der Deutschen, die von Stütze leben, ansteigen. Das war der Peak. Ab dann ändert sich die Richtung: Die Arbeitslosigkeit geht zurück von ehedem fast fünf Millionen auf derzeit rund drei Millionen Menschen ohne Arbeit, während die Erwerbstätigen mit rund 41 Millionen sich auf einem Allzeithoch befinden.

HartzStetig mit der Erwerbstätigkeit steigt auch die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung: Es sind „gute" Jobs, die entstehen, quer durch alle Qualifikationen. Wer behauptet, das deutsche Jobwunder verdanke sich den Billigjobs, erzählt Märchen. Dass freilich die qualifikatorische Lohnstruktur auch am unteren Ende weiter aufgefächert wurde - einfacher gesagt, der Bereich der Niedriglöhner größer wurde - ist geradezu gewünschte Folge. Wenn unter den Arbeitslosen mehr einfach Qualifizierte als Akademiker sind und wenn dann diese Arbeitslosen Arbeit finden, dann werden sich logischerweise deren Jobs eher am unteren als am oberen Ende der Lohnskala finden. Fakt ist jedenfalls: Mit einer Erwerbslosenquote (saisonbereinigt) von 5,6 Prozent liegt Deutschland in Europa jetzt auf Platz vier, hinter Österreich, Luxemburg und den Niederlanden, aber vor dem Rest, angefangen mit Tschechin (6,4) bis Spanien (22,9).

Just am 1. Januar 2005 traten die Hartz-IV-Reformen (vornehm: Sozialgesetzbuch II) der rot-grünen Bundesregierung in Kraft. Ihr Grundsatz lautet „Fordern und Fördern", oder, wie häufig betont: Gefördert werden soll Arbeit und nicht Nichtarbeit. Den revolutionären Einschnitt brachte die Umstellung der früheren Arbeitslosenhilfe zum heutigen Arbeitslosengeld II. Während die aus Steuermitteln gezahlte Arbeitslosenhilfe am letzten Erwerbseinkommen Maß nahm, ist das Arbeitslosengeld II einkommensunabhängig. Jeder erhält die gleichen - niedrigen - Regelsätze. Das schafft enorme Anreize, eine Arbeit aufzunehmen. Weil die Unterscheidung zwischen Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe ebenfalls abgeschafft wurde und jeder, der arbeiten kann, auch arbeiten soll, schrumpft inzwischen auch die Sockelarbeitslosigkeit. Die strukturelle Verhärtung des Arbeitsmarktes weicht auf. Gewiss, dass sich zugleich die Arbeitsnachfrage in den vergangenen Jahren signifikant besserte, liegt an der moderaten Lohnpolitik der Gewerkschaften, verbunden mit ihrer geschwächten monopolistischen Preissetzungsmacht und verstärkt durch die implizite Abwertung des Euro in Deutschland. Das hat Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit entscheidend gestärkt und zugleich die Jobs sicherer gemacht. Aber konjunkturelle Schwankungen sind eben nicht einschlägig für die fundamentale Richtungsänderung des deutschen Arbeitsmarktes, die 2005 einsetzt und bis heute andauert. Weder Finanzkrise noch Fiskalkrise halten diese Entwicklung auf. Gerhard Schröder hat den Arbeitsmarkt gedreht und - demnächst - das Ziel erreicht, die Zahl der Arbeitslosen zu halbieren.

Selbst die viel gescholtenen „Aufstocker" (Lohndumping!) dürfen inzwischen als rehabilitiert gelten. Bei den Aufstockern wird der Marktlohn, der sich an der Produktivität bemisst, bis zum gesellschaftlich definierten Existenzminimum mit Steuergeld aufgefüllt. Das ist die dem Mindestlohn überlegene, bessere Alternative der Marktkorrektur. Sie folgt dem Grundsatz, wonach am Markt Knappheitspreise gezahlt werden, die der Staat, wenn er dies aus Gerechtigkeitsgründen für geboten hält, aus Steuermitteln kompensieren kann: ein in der sozialen Marktwirtschaft übliches Verfahren. Die neue Statistik der BA über die Aufstocker (nach diesem Absatz eingebunden) weist nun aus, dass die Vollzeit-Aufstocker - also jene Menschen, deren Job kein existenzsicherndes Einkommen abwirft - zwischen 2007 und 2010 von 400 000 auf 340 000 gefallen ist. 60 000 Menschen scheinen also auf diesem Weg inzwischen eine auskömmliche Arbeit gefunden zu haben und nicht mehr auf staatliche Kompensationen angewiesen zu sein. Das war genau das Ziel des Aufstocker-Modells: Einen Einstieg in den regulären Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Es ist merkwürdig, dass die SPD aus diesem nachhaltigen, humanisierenden und die Gesellschaft integrierenden Erfolg der Schröder-Regierung propagandistisch nicht mehr macht. Das Fortschrittspathos der Sozialdemokratie, wonach Arbeit stolz und reich macht, würde es geradezu fordern. Das die SPD sich dieser historischen Leistung so wenig rühmt, kann nur mit dem Trauma der Spaltung zu tun haben, der entscheidenden Blessur durch den Auszug der „Linken" aus der SPD als Folge der Schröderschen Reform. Umso mehr installiert Kanzlerin Angela Merkel sich jetzt als Erbin dieser Reform, die sie damals bekämpft hat. Inzwischen gibt sich sogar der bürgerliche französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy als bekennender Schröderianer, der seinen Landsleuten statt der 35-Stunden-Woche die Hartz-Reformen als Vorbild empfiehlt.

Gravierende Fehlanreize der Reform sollten freilich nicht verschwiegen werden. Denn zugleich mit der Abnahme in Vollzeit arbeitender Aufstocker steigt im selben Zeitraum zwischen 2007 und 2010 die Zahl jener Aufstocker, die Teilzeit arbeiten (bei den geringfügig Beschäftigten sogar von 570 000 auf fast 700 000). Bei dieser Gruppe wird nicht ein niedriger Lohn mit Staatsgeld aufgestockt, sondern - umgekehrt - ein Transfereinkommen durch einen Teilzeitminijob aufgestockt. Insbesondere für Alleinerziehende, die häufig gar nicht Vollzeit arbeiten können, ist Hartz plus Minijob inzwischen ein Geschäftsmodell, das schnurstracks in die Kombilohnfalle führt. Die ersten hundert Euro des Hinzuverdienstes sind komplett anrechnungsfrei und stellen somit willkommenes Zubrot und zugleich entscheidende Schwelle dar, von der an mehr Arbeit unattraktiv wird. Diese Form des Aufstockens verfehlt sein Ziel, mehr Menschen dauerhaft in den Arbeitsmarkt zu bringen. Schon vor ein paar Jahren hat deshalb der Sachverständigenrat eine interessante Korrektur vorgeschlagen: Demnach müsste der Regelsatz für das Arbeitslosengeld II gesenkt werden (30 Prozent), zugleich aber die Transferentzugsrate in Richtung einer negativen Einkommensteuer gelockert und gestreckt werden.

 

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Veröffentlicht 04. Februar 2012, 18:02 von Rainer Hank
Kommentare

ErnstLudwig

04. Februar 2012, 18:43

Möglicherweise merkt irgendwann einmal irgendjemand, daß die Probleme des Arbeitsmarktes strukturell bedingt sind.

Dann hört die politische Bastelei sicher immer noch nicht auf - dort merkt man meist eh nix.

Aber eventuell gibt es einige einsichtige Menschen, die sich über externe Faktoren der Arbeitslosigkeit in Industriestaaten mehr Gedanken machen als die uns Regierenden.  Als Einstieg empfehle ich Rifkin.

MTaege

04. Februar 2012, 18:59

Wie kann man eigentlich, bar jeder emperischen Analyse, so einen Artikel schreiben?

Deutsches Jobwunder? Wir haben offiziel 3 Mio, nimmt man die rausgerechneten dazu, sind es 4,5 Mio Arbeitslose!

Es schafft also Anreize? Interessant, vieleicht mal mit einem Psychologen reden, dass Druck auf Erbwerbslose, die idr ehr mit Depressionen und seinen nebenwirkungen (mehr Konsum von Genußmittel, Gewichtszunahme, Antriebslosigkeit und Resignation) zu kämpfen haben, was übrigens auch erklärt, warum in dem Segment nichts passiert ist. Die letzten Analysen zum Arbeitsmarkt sprachen davon, dass im bereich der ALGI sich eine Dynamik entfacht hat, da also die verweildauer geringer ist, während es bei der Sockelarbeitslosigkeit sich nichts geändert hat. Aber vieleicht haben sie da neuer Daten, als die Hans Bröckler Stiftung, wo sie die Publikation herunter laden können!

Und wenn man es als Erfolg werten will, dass sich die Zahl im Niederiglohnsektor erhöht hat (Zahlen des DGB, sowie Analysen der BA) obwohl die Qualifkationsstruktur 70 % hoch bis Höchstqualifizierte (ein bis mehrere Ausbildungen oder Studium) in diesem Bereich aufweist, muss ich ernsthaft fragen, wer sie für diesen Artikel bezahlt. Denn weder die Fakten stimmen, noch spiegelt der Artikel die Realität wieder. Mal davon ab, dass ihnen jeder Arbeitspsychologe ihnen das um die Ohren hauen würde..

Wie kann nachweislich, durch vielen Studien hinweg, verherrende Zeugnis der Politik, als Erfolg werten?

Wie kann man die Sprengung des Gesellschaftsvertrages, die Verarmung von Mio, die Prekarisierung ganzen Bevölkerungsgruppen, als Innovativ darstellen?

Haben sie sich mal die Zahlen von Burn Out und Depression angesehen? Das sind die Volkswirtschaftlichen Kosten, die die Defarmationspolitik angerichtet hat.

PS:

Senkung von ALGII kann ja wohl nicht der Ernst sein..

Hier hat wohl jemand den Knall noch nicht gehört..

ThorHa

04. Februar 2012, 22:37

Kein Wunder, dass die Menschen in Deutschland besonders staatsfixiert sind! Reden ihnen doch selbst renommierte Journalisten ein, der Staat habe Jobs geschaffen und Arbeitslosigkeit beseitigt. Ich will den Beitrag der Hartz-Gesetzgebung nicht unnötig kleinreden. Aber der Blogautor scheint Koinzidenz mit Konsequenz zu verwechseln. Denn zum Zeitpunkt der HartzIV Gesetze griffen einige Entwicklungen, die ausschliesslich den Betrieben und ihren Belegschaften zu verdanken sind. Bereits nahezu 10 Jahre relativer Lohnzurückhaltung verbunden mit konsequenter Rationalisierung machten deutsche Betriebe wettbewerbsfähiger als ihre europäischen Konkurrenten. Und diese Anstrengungen haben exakt 0, nada, nichts mit Politik zu tun. Die schon fast verächtliche Geringschätzung dieser kombinierten individuellen (!) Anstrengungen im Blogeintrag machen nur deutlich, wie sehr sozialdemokratisch selbst FAZ-Journalisten geworden sind. DER STAAT!

Und über die lobende Erwähnung des Vorschlages, den Sozialhilfesatz zum reinen Überleben in Deutschland (ja, da sind wir inzwischen) noch einmal um 30% zu senken schweigt des Sängers Höflichkeit. Wann hat der Autor nach seinem Studium das letzte Mal ernsthaft versuchen müssen, seinen Lebensunterhalt nach Miete von 350 Euro im Monat zu bestreiten? Und warum hält er es - bei weiterhin bestehender Millionenarbeitslosigkeit - für einen vertretbaren Vorschlag, Menschen in Deutschland verhungern und in Lumpen herumlaufen zu lassen? Geht´s ihm noch nicht gut genug?

Thorsten Haupts,

selbst Besserverdienender - aber sich dessen bewusst!

Systemfrager

05. Februar 2012, 14:44

http://www.systemfrage21.de

Allmählich beginne ich zu begreifen, warum hier keiner zu kommentieren kommt

Es ist unvorstellbar womit hier die "Experten" wie dieser Hank berieseln

Das ist das Niveu der niedrigsten Ideologie

Patrick Bernau

05. Februar 2012, 15:41

http://www.faz.net/fazit

Naja, lieber MTaege, die empirische Analyse gibt es schon, auch wenn sie Ihnen nicht gefällt. Letztlich sind wir hier bei der alten Grundsatzdiskussion, die wir schon ein paar Mal geführt haben: Ist es besser, schlecht bezahlte Arbeit zu haben oder keine? Jeder ernstzunehmende Psychologe - auch die Forscher anderer Disziplinen - wird die schlecht bezahlte Arbeit der Nichtarbeit vorziehen, denn wenig ist schlimmer als Arbeitslosigkeit. (Ich werde jederzeit sofort zustimmen, dass besser bezahlte Jobs auch psychologisch angenehmer sind als schlechter bezahlte Jobs, aber ich sehe schlicht nicht, dass es diese Alternative gäbe.)

Natürlich sind immer noch mehr Leute arbeitslos, als die Statistik ausweist, keine Frage. Aber das ändert nichts daran, dass heute mehr Menschen Arbeit haben als je zuvor seit der Wiedervereinigung (und sowieso in der Geschichte der Bundesrepublik, aber das macht ja statistisch wenig Sinn zu vergleichen).

---

Und ja, lieber ThorHa, natürlich waren es die einzelnen Leute, die auf Gehalt verzichtet haben. Wir sollten trotzdem nicht vergessen, dass der Staat die Anreizstruktur setzt.

Von 350 Euro plus Warmmiete kann man leben. Das beweisen nicht nur viele Leute während des Studiums. Das beweisen auch gerade die Leute, die monatlich eben ungefähr diesen Betrag ausgeben (Die Zahlen werden ja nicht aus der Luft gegriffen, sondern orientieren sich an den tatsächlichen Ausgaben von 20% der Menschen).

--

Lieber Systemfrager, auf diesen Kommentar fällt es natürlich schwer inhaltlich zu antworten, ansonsten habe ich hier kein Problem mit Zahl oder Qualität der Kommentare hier im Blog, bei Twitter und Facebook :)

MTaege

05. Februar 2012, 16:30

Hey Patrick, klar werden wir die Diskussion auch noch öfter führen, grade wenn man, wie in dem Artikel meint, dass sich der Arbeitsmarkt verbessert, oder wie es Hank sagt:

"Es ist merkwürdig, dass die SPD aus diesem nachhaltigen, humanisierenden und die Gesellschaft integrierenden Erfolg der Schröder-Regierung propagandistisch nicht mehr macht."

Das allein war schon ein Faustschlag, dass er dann noch gegen Mindestlöhne argumentiert, ja sogar eine Absenkung der ALGII wieder ins Spiel bringt, ist der Gipfel. Du weißt selbst, dass die empirischen Analysen, ob es überhaupt einen Zuwachs gab, oder nur eine Verdrängungseffekt durch die Reformen gab, umstritten sind. Einige Studien sagen ja, andere nein.

Nimmt man die Analyse der Hans Bröckler Stifung:

www.boeckler.de/.../S-2009-327-3-1.pdf

Im Abschlußbericht "Atypische Beschäftigung. Eine wissenschaftliche Bilanzierung."

heißt es wiefolgt:

"Ob die Ausweitung der atypischen Beschäftigung zur Reduzierung von Arbeitslosigkeit

beigetragen oder eher zu einer Verdrängung qualitativ besserer

Beschäftigung durch Erwerbsformen mit höheren Prekaritätsrisiken geführt

hat, ist umstritten. Bislang gibt es keine Belege dafür, dass atypische Beschäftigungsformen

das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen erhöhen."

Nehmen wir die andere, vieleicht auch erschreckendere:

Prekäre Beschäftigung

Auf Kosten der Sozialversicherung

www.boeckler.de/22605_22612.htm

Wir machen unsere Sozialsysteme systematisch kaput, Alterarmut, ist da noch nicht mal das Thema, und die Befunde der Kapitalgedackten Renten (Riester und co) sind verherrend. Häufige Jobwechsel, der zerreißen von Sozialen Netzwerken, Isolation und Depression, kommen da noch als I-Tüpfelchen oben drauf!

Erschöpfungsdepression

www.zeit.de/.../burnout-hilfe-arbeitgeber

Ebenso hatte ich dir ja schon gezeigt:

Arbeitslosigkeit und Gesundheit aus sozialmedizinischer Sicht

www.aerzteblatt.de/.../57333

bzw hier www.uni-bamberg.de/.../Arbeitslosigkeit_Gesundheit.pdf (für genauere lektüre)

Auch interessant:

Ausgrenzende Integrationsnormen – arbeitsweltliche

Integrationsmodi im Wandel

www.ssoar.info/.../4000_Speidel_Ausgrenzende_Integrationsnormen.pdf

Das Einzige Argument, dass man bis dato hat, ist ein vermeitliches Sinken der Arbeitslosigkeit. Und selbst das gibt es nicht, wenn man sich die Daten mal genau ansieht. Wie gesagt, Seite 77 des monatlischen Arbeitsmarktberichtes, und schon entpuppen sich die Erfolge, als eine Luftnummer.. 4,5 mal 4,6 Mio..

Das andere Statistische Trickerein..

Patrick Bernau

05. Februar 2012, 16:51

http://www.faz.net/fazit

Angesichts der Böckler-Studie vergrabe ich gerade mein Gesicht in den Händen. Die Autorin hat doch die Zahlen selber drin, gleich in Tabelle 1: die Normalarbeitsverhältnisse sind um 800.000 runter, die Gesamtzahl an Erwerbstätigen um 2,2 Mio. hoch. Da kann man doch nicht behaupten, das hätte keinen Effekt. (Abgesehen natürlich davon, dass man immer die anderen Erklärungen ablehnen kann und dann behaupten kann, die Antwort sei "umstritten"). Ich bin mir nicht sicher, ob diese Studie anderswo angenommen worden wäre.

-

Das ganze schadet den Sozialkassen? Sag das mal dem Gesundheitsfonds, der in diesem Jahr auf so viel Geld sitzt wie nie zuvor.

-

Und die Arbeitslosenzahl ist manipuliert? Meinetwegen, deshalb gucke ich mir - wie auf Twitter schon erwähnt - immer zur Kontrolle die Zahlen vom Statistischen Bundesamt an. Deren ILO-Zahlen sind nach feststehenden internationalen Standards erhoben. Und diese Zahlen sind einfach so gut, wie sie es nie waren. Das muss man doch auch mal anerkennen!

-

Das liegt alles am Wachstum? Ja, aber wo kommt das Wachstum denn her? Da sagt der Klassiker: Es liegt an der billigen Arbeit, der Keynesianer sagt: Es liegt daran, dass so viele Menschen Arbeit haben und konsumieren können - beides aber liegt an diesen Reformen. Ausgerechnet in der größten Rezession der Nachkriegsgeschichte ist der Arbeitsmarkt zum ersten Mal über dem Niveau der vorigen Rezession geblieben. Das ist doch kein Zufall.

Systemfrager

05. Februar 2012, 17:32

http://www.systemfrage21.de

@ Patrick Bernau

Man könnte sich schämen, aber die nuen Assozialen wissen nicht einmal, wie man das Wort schreibt

Wenn alle Euro haben und keine Notenbank, und ein Land wie verrückt Lohndumping betreibt, und dabei  etlichen Nachbarn den Markt bzw Absatz ruiniert, sollte man sich nicht wundern, dass die Beschäftigung nicht drastisch fällt

(Also dass die Beschäftigung, wenn man alle Fälschungsmethoden anwendet, noch ein bisschen gestiegen ist.)

MTaege

05. Februar 2012, 18:05

Die Debatte ist bei uns ein Dauerthema. Aber der Austausch ist oft befruchtend, und macht spaß ;)

Tabelle 1 ist 2008.. da gab es noch keine Krise..

Und nebenbei hat man mit Kurzarbeit. die Krise ausgesessen. Das klappt einmal, aber kaum ein zweites mal.. sieht man daran, wie sehr das an den Sozialversicherungen gezerrt hat siehe

Finanzierungssaldo Sozialversicherungen an, da kannst du den Krisenverlauf herrlich sehen..

s.23

www.destatis.de/.../Pressebroschuere__BIP2010,property=file.pdf

Die Studie ist besser als du denkst, wenn du dir die anderen Seiten ansiehst..

Seite 16. tabelle 3 ist interessant..  

Gesetzliche Versicherung www.gbe-bund.de/.../xwd_init

Btw Hast du dir mal die Deutschen Einzelhandelsumsätze angesehen?

epp.eurostat.ec.europa.eu/.../4-03022012-AP-DE.PDF

besser dargestellt bei Querschüsse ;)

www.querschuesse.de/reale-einzelhandelsumsatze-in-der-eurozone-ein-ausdruck-der-krise

Lustig ist, wenn man Export, Arbeitnehmerentgelte und Konsum vergleicht

www.querschuesse.de/miese-deutsche-einzelhandelsumsatze

Oder um es mal ganz böse zu sagen, wir sind dank der Agenda, Exportlastiger den je. Wer da einen Binnenkonsum getragenen Aufschwung erwartet, sollte sich warm anziehen.

Den der Fällt aus, und wenn man Baltic sich ansieht, dann fällt auch der Export aus...

Mögen wir in Interessanten Zeiten leben..

Patrick Bernau

05. Februar 2012, 18:20

http://www.faz.net/fazit

MTaege: Wir kommen weiter :) Deutschland mag exportlastiger sein, das liegt an Agenda 2010 in Kombination mit dem Euro - da stimme ich gerne zu. Ich habe jetzt allerdings auch nix gegen internationale Arbeitsteilung, auch wenn man dann halt an den weltweiten Konjunkturzyklen hängt. Und wenn der Export Arbeitsplätze bringt - umso lieber.

.

Die Einzelhandelsumsätze werden auch wieder wachsen, wenn alle Leute Arbeit haben und die Lohndrift nach oben wieder einsetzt. Wir sehen's ja schon an den Großstadt-Mieten: Da hatte sich 20 Jahre lang nichts getan, jetzt ziehen sie wieder an.

---

Systemfrager: Wir reden hier nicht davon, dass die Beschäftigung "nicht drastisch gefallen" sei. Die Zahl der Erwerbstätigen ist höher denn je! Ich beziehe mich da jetzt nicht nur auf die BA-Zahlen, sondern v.a. auf die vom Statistischen Bundesamt. Was soll denn an denen manipuliert sein?

(Dass die Existenz des Euros diesen Kurs vereinfacht hat, hat ja niemand bestritten.)

MTaege

05. Februar 2012, 18:56

Wir kommen damit nicht weiter. Ohne einen gut laufenden Binnenmarkt, sind wir dazu verdammt, jede Krise mit zunehmen. Unsere Exportlastigkeit ist die Achilliespferse unserer Volkwirtschaft. Seh ich mir den Baltic an, wird mir schlecht, denn der Signalisiert, dass wir in einen globalen Douple Dipp hineinsteuern.

Mal davon abgesehen, dass ich in einer Verarmungsstrategie, die Mio in die Armut stürzt (22% aller Beschäftigten sind im Armutsbereich!!) mit allen Folgen: niedrigere Lebenserwartung, Abreißen Sozialer Kontakte, isolation, usw usf

Folgen der Arbeitslosigkeit

www.bpb.de/.../1XDG03,0,Folgen_der_Arbeitslosigkeit.html

Armut in der Wohlstandsgesellschaft

www.bpb.de/.../5EKME5,5,0,Armut_in_der_Wohlstandsgesellschaft.html

Armut und Gesundheit

www.gbe-bund.de/.../abrechnung.prc_abr_test_logon

Depression link to heart disease not affected by medication

medicalxpress.com/.../2012-02-depression-link-heart-disease-affected.html

Und ich darf dich ja wohl auch an die OECD Studie zuim Thema Ungleichheit hinweisen.

Mehr Ungleichheit trotz Wachstum? - Einkommensverteilung und Armut in OECD-Ländern

www.oecd.org/.../0,3746,de_34968570_34968855_41474972_1_1_1_1,00.html

Ist es das was wir wollen?

ThorHa

05. Februar 2012, 19:45

@Patrick Bernau:

"Von 350 Euro plus Warmmiete kann man leben."

Ja. Aber nicht mehr von 30% minus = 245 Euro. Und genau das war der Vorschlag, den Hank gelobt hat.

@MTaege - Ungleichheit:

Natürlich haben wir eine ganz einfache Wahl - höhere Grundsicherung und mehr Arbeitslose oder geringere Grundsicherung und mehr Niedriglöhner. Höhere Grundsicherung UND weniger Arbeitslose als in Deutschland werden Sie weltweit nirgendwo finden, also ist da ein Zusammenhang.

Wenn ich nur die Wahl habe - und das scheint so zu sein - ist die zweite Option gesellschaftlich immer die bessere, und das nicht in erster Linie aus finanziellen Gründen.

Selbstverständlich könenn sie diese Wahl bestreiten - aber dann bitte mit empirischen Fakten!

Gruss,

Thorsten Haupts

MTaege

05. Februar 2012, 20:52

ThorHa

Das ist mir absolut zu eindimensioanl.

Hast du eine Ahnung, was allen derzeit Technisch möglich wäre, wenn wir Breitbandzugang als GR hätten?

Was für wachstumpoteniale Emmissionsloser Nahverkehr bringen könnte?

Was es für Innovationspotentiale es bringen würden, wenn wir unsere Wirtschaft auf Cradle to Cradle umstellen?

Wir leben in so genialen Zeiten, aber Vorreiter sind wir nicht.

In Amerika bauen die Unis ihr Netz aus, dass die Unis mit einer rate von 100 gb/s verbindet.

Chinesen bauen Busse die 300 Km pro ladung zurück legen können.

Esten zeigen uns, dass man mit E- und Opengouverment, die Verwaltung verschlanken kann, ja sogar per Handy/Smartphone sein Parkticket löst.

Und was es erst bedeutet, wenn wir es schaffen, dass all unsere Produkte zu 100% Wiederverwertbar sind, und wir daher sogut wie kaum neue Ressourcen brauchen. brauch ich wohl niemanden erzählen.

Wir haben soviel möglichkeiten, wenn wir aufhören 2 Dimensional zu denken, wie wir es derzeit Tun..

Systemfrager

06. Februar 2012, 06:42

http://www.systemfrage21.de

@ MTaege

Genau darum geht es, so wie du es sagst.

.

Wir leben nach der dritten industriellen Revolution. Und die Neoliberalen wollen uns erzählen, wir müssen mehr schuften, weniger verdienen und früher sterben, und dann und dadurch wird uns gut gehen. In Herdetrieb hat es Mark Schieritz treffend beschrieben, was sie wollen, was also auch Hank will:

„Das goldene Zeitalter des späten 19. Jahrhunderts also. Als es keine anständige Krankenversicherung gab und die Lebenserwartung bei 39 Jahren lag statt wie heute bei 85 Jahren. Als die Armen in Armenhäusern dahinvegetierten. Als die Arbeiter für den Rest des Lebens Arbeiter blieben und auch ihre Kinder. Als die Universität den oberen Schichten vorbehalten war. Aber Hauptsache der Staat ist klein.“

blog.zeit.de/.../mit-rainer-hank-ins-19-jahrhundert_3862

.

Der Neoliberalismus ist keine Wissenschaft. Das was die Dampflokingenieure Walras & Pareto getan haben, aus der Newtonsche Mechanik die paradigmatische Grundlage für die WiWi zu schaffen, war eine der größten Torheiten der westlichen Zivilisation. Der ganze Neoliberalismus (Neoklassik) ist nur eine Ideologie, eine postmoderne, spätkapitalistische Ideologie der westlichen Plutokratie. Immer mehr Menschen in Westen begreifen aber - sogar die Reichen und auch manche Medien schon -, dass der Neoliberalismus den Westen total ruinieren wird.

Weil, wie du (MTaege) es sagt, sie verhindert, dass die neue Industrielle Revolution ihre bisher nie geahnten Möglichkeiten entfaltet. Diese desaströse Wirkung des Neoliberalismus haben schon vor einem halben Jh die seriösen Ökonomen mathematisch streng nachgewiesen. (Es geht, wenn man Kreslsufmodell nimmt und nicht das partikel-mechanische von W&P.) Die Lohnsenkung vernichtet die Produktivität, aber macht die Reichen noch reicher. Und das ist ihr einziger Sinn und Ziel:

.

Pars-pro-Toto als eine primitive und längst überholte Denkweise:

www.forum-systemfrage.de/.../ba40p.php Reswitching: Der Sargnagel für die neoliberale Produktionstheorie

Patrick Bernau

06. Februar 2012, 08:20

http://www.faz.net/fazit

ThorHa: Die Idee ist ja nicht, dass man dann von 245 Euro lebt. Sondern dass sich für jeden Arbeit findet, die 100 Euro im Monat abwirft.

--

Systemfrager: Es geht hier doch nicht darum, dass man zwanghaft mehr arbeitet und weniger verdient. Es geht darum, dass sich die Menge an Arbeitszeit und Lohn einpendelt, die - zu den dann bestmöglichen Bedingungen - möglichst viele Menschen in Arbeit bringt, die arbeiten wollen. Da hilft alles Gerede von "manipulierten Statistiken" nichts, da hat Hartz IV einfach geholfen.

Systemfrager

06. Februar 2012, 08:48

http://www.systemfrage21.de

@ Patrick Bernau

Natürlich sind die heutigen Statistiken im großen Stil manipuliert, nicht ein bisschen weniger als damals die kommunistischen. Dem ist so und dazu gibts nichts mehr zu sagen. (Ich selber bin nicht in dieser Statistik, ich existiere nicht, habe ich mich zurückgezogen, weil ich weiss, dass ich mit 56 keine Arbeit finden werde, die annähernd meiner Qualifikation entsprechen würde, von der Bezahlung gar nicht zu reden. Ich kenne die Folterbänke des Arbeitsamtes seit Jahren.)

.

Tja, ich kenne deine Rede. Es geht angeblich darum, mehr Arbeit für Menschen zu besorgen. Sozial ist was Arbeit schafft. Na sowas! Dann sollen wir zurück in die Sklaverei, dort hat eine kleinge Gruppe von reichen Parasiten und Blutsauger immer genug Arbeit für den Rest gefunden. So veil Arbeit, wie man sich nur vorstellen kann.

.

Nein, es geht nicht darum, dass man so viele wie möglich mit unproduktiver und unsinniger Arbeit drangsaliert, und dabei die Natur ruiniert, sondern, dass mit wenig Arbeit (und Naturverbrauch) immer mehr produziert wird. Aber eine solche Welt, ohne Sklaven, ohne Menschen mit Freizeit, wäre ein Ende der plutokratischen Herrschaft. Hat schon Orwell in 1984 gut beschrieben (Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus / immanuel Goldstein)

.

Andersrum wird also ein Schuh daraus

;-)

sebiprivat

06. Februar 2012, 12:50

Hallo, ich finde den Artikel grundsätzlich sehr gut, jedoch bezweifle ich, dass der ganze Erfolg sich nur auf die Politik und die politischen Entscheidungen zurückführen lässt.

Meiner Meinung nach hat der deutsche Mittelstand zu dem Wachstum und der Bewältigung der Wirtschaftskrise geführt und nicht die politischen Entscheidungen.

Wir sollten auf den deutschen Mittelstand sehr stolz sein.

ThorHa

06. Februar 2012, 15:25

@Bernau:

"ThorHa: Die Idee ist ja nicht, dass man dann von 245 Euro lebt. Sondern dass sich für jeden Arbeit findet, die 100 Euro im Monat abwirft."

Ja, das dachte ich mir schon, wollte es aber nicht glauben. Ich darf das einmal überspitzen: Werde ich arbeitslos, muss ich mein Wissen und Können als Projektmanager dem Arbeitgeber für 100 Euro im Monat ganztägig zur Verfügung stellen, weil ich andernfalls verhungere. Das betrachte ich allerdings als Rückfall in die Sklaverei, weil ich anders als heute noch nicht einmal die Alternative habe, Arbeitsangebote abzulehnen und nur von der Grundsicherung zu überleben (die Möglichkeit der Ablehnung gibt es immer, egal, was das Gesetz sagt).

Sie können auf diesem Kurs natürlich weitermachen (warum bei 245 Euro + Wohnung stehenbleiben? 245 plus Wohnwagen? 150 + Wohnwagen?), sollten allerdings rechtzeitig vorher zur Diktatur als Regierungsform zurückkehren. Denn auch die Akzeptanz der Marktwirtschaft hängt davon ab, dass sie genügend Leuten eine Perspektive bietet. Mit Ihrem Modell hätten sie nicht das Problem, dass die Unterschicht sich akut ebenso bedroht wie perepektivlos fühlt (das tut sie heute schon, zu Recht), sondern die Trägerschichten der Gesellschaft.

Wohlgemerkt, ich habe Hartz IV für richtig gehalten und tue das heute noch. Ja, man kann von 350 Euro/Monat leben, wenn auch sehr sehr unbequem. Aber damit war und bleibt die Grenze erreicht. Weitere Kürzungen, wie auch immer begründet, sind dann tatsächlich ein Rückfall ins 19. Jahrhundert. Und ich kann mich des Verdachtes nicht erwehren, dass diejenigen der Besserverdienenden (zu denen ganz sicher sowohl Hank als auch Ökonomieprofessoren gehören), die das befürworten, etwas ganz anderes im Hinterkopf haben: Die Rückkehr von billigen Dienstboten, die es ihnen endlich ermöglichen, so zu leben, wie das heimlich noch immer bewunderte Beispiel - die adeligen Fürsten.

Gruss,

Thorsten Haupts

ThorHa

06. Februar 2012, 15:28

@sebiprivat:

Auch FAZ Journalisten haben den Glauben an Privatinitiative und deren Ergebnisse längst verloren. Sie haben nämlich Recht- die wesentlichen Grundsteine für den Erfolg wurden lange vor Hartz IV gelegt, von der Politik völlig unbeeinflusst.

Gruss,

Thorsten Haupts

ThorHa

06. Februar 2012, 15:31

@MTaege:

Sie werden mir meinen Zynismus verzeihen - aber das letzte mal, als nahezu alle unter 40 von der Revolution althergebrachter Wirtschaftsrezepte phantasierten, entpuppte sich das nach wenigen Jahren als dotcom-Blase. Ich glaube nicht mehr an Wunder.

Gruss,

Thorsten Haupts

Patrick Bernau

06. Februar 2012, 15:44

http://www.faz.net/fazit

@ThorHa: Darum geht's doch gar nicht. Lassen Sie uns das Pferd mal richtigrum aufzäumen: nicht vom Staat her denken, sondern vom einzelnen her, der arbeiten will. Der soll arbeiten, und zwar zu dem Lohn, auf den er sich mit jemand anderem einigen kann. Wenn's nicht reicht, stockt der Staat auf.

So wäre das im Prinzip eine gute Idee - man muss nur darauf achten, dass jemand, der Brutto mehr verdient, auch Netto mehr bekommt. Das ist aktuell nicht so. Es gibt einen enormen Anreiz, nur ein paar Stunden zu arbeiten (weil danach die Transferentzugsquote so in die Höhe schnellt, dass sich das Arbeiten nicht mehr lohnt - teilweise hat man trotz zusätzlichen Buttoverdiensts netto weniger Einkommen). Deshalb muss jeder, v.a. Hartz-IV-Empfänger, vom erarbeiteten Lohn mehr behalten können. Diesen Übergang kriegt man besser hin, indem man für arbeitsfähige Menschen den Grundsatz absenkt. Ja, dann muss man arbeiten. Aber 100 Euro bedeuten schon bei einem Stundenlohn von 5 Euro, dass man an jedem Arbeitstag eine Stunde arbeitet. Das ist realistisch und zumutbar.

ThorHa

06. Februar 2012, 16:40

@Patrick Bernau:

"Der soll arbeiten, und zwar zu dem Lohn, auf den er sich mit jemand anderem einigen kann. "

Berücksichtigen wir dabei jetzt die Hartz IV Gesetze oder nicht? Sprich, zwingen wir jemanden in Hartz IV weiterhin, jede Arbeit zu jedem Preis anzunehmen oder nicht (oder sollte Ihnen diese Bestimmung unbekannt sein)?

Weiter - Ihr Modell geht davon aus, dass nach einer solchen Änderung jede/r irgendeine Arbeit findet, die ihm mindestens 100 Euro einbringen MUSS. Nicht einmal das ist realistisch für eine 50jährige Ungelernte auf dem ostdeutschen Land, ne´st ce pas?

Und Ihr Modell geht natürlich von Vereinbarungen auf dem Arbeitsmarkt aus. Die aber gibt es nur noch für einen Teil hochqualifizierter Arbeitsplätze, alle anderen müssen nehmen, was sie kriegen (wie Sie und Ihre "freien" Journalistenkollegen nur zu genau wissen sollten). Und dann endet die staatliche Subventionierung von Mindestlohn in Kombination mit der Hungerfalle 245 Euro natürlich exakt da, wo ich vorhergesagt habe - Vollzeitarbeit für 2,50 Euro/Tag. Es sei denn, Sie glauben an den Weihnachtsmann im Arbeitgeber.

Auch Ihr Dreh in der Betrachtungsweise ändert nichts daran - ist Hartz IV nicht mehr überlebensfähig, üben Sie de facto den Zwang aus, für jeden Preis jede Arbeitszeit zu akzeptieren, damit man überhaupt leben kann. Womit natürlich gleichzeitig eine Standard-FAZ-Begründung gegen Mindestlöhne entfällt - dass wir den mit Hartz IV de facto haben. Nicht mehr beim diskutierten Modell ...

Gruss,

Thorsten Haupts

Systemfrager

06. Februar 2012, 17:50

@ Patrick Bernau

Prüfen wir es, ob ich es endlich richtig verstanden habe:

Nehmen wir als Beispiel eine Kebabbude. Holt sich der Besitzer einen aus Türkei, der fast umsonst arbeitet, dann kann der Preis von 3€ auf 2€ zurückgehen. Was für eine Kebabbude gilt, gilt für alle, und schon hat jede Kebabbude in DE einen neuen Beschäfigten. Ein BEschäftigungswudner! Daran kann man gluben. Man muss es aber nicht.

.

Noch einmal. In dem partikel-mechanichen Modell der Dampflokingenieure Walras & Pareto wurde "nachgewiesen", dass das mit der Kebabbude für alles auf der Welt ging. Nun gab es einen Streit, benannt als "Wiederkehr der Technik" (Reswitching - habe ich oben verlinkt). Der Sinn der Sache: Das Kreislaufmodell reißt nicht einen Betrieb aus der ganzen Wirschaft heruas, sondern betrachtet das Ganze. Dann kann man mathematisch streng nachweisen, dass die Geschichte wie die über die Kebabbude ein dummes Geschwätz ist. Dort stimmt gar nicht. Die Neoklassik ist ein totaler Unfug. Zur erinnerung: Um Walras & Pareto zu retten, hat sich damals Samuelson etwas ausgedacht, die "Surrogat-Produktionsfunktion", aber das war doch eine Lachnummer, nicht war

.

Damit sich die Kebabbudebesitzer nicht beleidigt fühlen, nimmt man normalerweise das Kinobeispiel. Einer steht auf, er sieht besser, dann sollen alle aufstehen, alle werden besser sehen. Das ist alles, was uns die Neoklassik zu sagen hat

Patrick Bernau

06. Februar 2012, 19:01

http://www.faz.net/fazit

ThorHa, Systemfrager,

mein Ziel ist es, genau über diese Verpflichtung zur Arbeit hinwegzukommen, die Sie ansprechen. Im Moment werden Alg-II-Empfänger häufig zu 1-Euro-Jobs verpflichtet - und die Pflicht gibt es deshalb, weil der Anreiz zur Arbeit nicht groß genug ist. Lieber hätte ich einen ordentlichen Arbeitsanreiz und keine Pflicht.

--

Die eigentliche Frage ist: Entsteht da ein neues Gleichgewicht? Ich glaube nicht an den Weihnachtsmann im Arbeitgeber, lieber ThorHa. Sondern ich bin überzeugt, dass - wie es in den vergangenen Jahren geschehen ist - Lohnzurückhaltung / -senkung Arbeitsplätze schafft. Schon für 4 Euro pro Stunde wird es genügend zusätzliche Stellen geben. (Auf dem Land in Sachsen-Anhalt mag dieser Wert etwas tiefer liegen, aber dort kann man sich auch von weniger Geld mehr kaufen.)

ThorHa

06. Februar 2012, 20:44

@Patrick Bernau:

Das können wir jetzt kurz machen. Wenn ich 4 Euro/Stunde höre, weiss ich schon - Dienstboten.

Und es ist einfach nicht meine Sache, einen gesellschaftlichen Grossversuch im massenhaften Hungern zu starten, nur um herauszufinden, ob und ab wann es eventuell mehr Jobs geben könnte.

Gruss,

Thorsten Haupts

Systemfrager

07. Februar 2012, 06:43

http://www.systemfrage21.de

@ ThorHa

>>> ... einen gesellschaftlichen Grossversuch im massenhaften Hungern zu starten, nur um herauszufinden, ob und ab wann es eventuell mehr Jobs geben könnte

.

Das läuft gerade, und wie es endet wissen wir ganz genau. Nämlich das war die Strategie unserer raffgieren, rücksichtslosen und räuberischen Eliten in der Weimarer Zeit:

.

Geschichte wiederholt sich nicht (sofort)

www.forum-systemfrage.de/.../ba40m-2klick-winup1.html

.

Problem liegt darin:

Ein Parasit kann nicht so weit gehen, um seinen Gestgeber völlig zu vernichten. Der Westen ist aber dabei. Mit 4 Euro/Stunde wird ein junger Mensch nicht heiraten und Kinder zeugen. Es sei, er ist dermaßen ruiniert und verarmt, dass er auf dem Niveu eines Tires lebt und dann zeugt er Kinder wie Tiere. Aber solange er noch normal denken kann, wird er dies nicht tun. Und dann sterben wir aus. Unsere raffgieren, rücksichtslosen und räuberischen Eliten vernichten uns. Tja, alles ist doch irgendwie menschlich, alzu menschlich:

.

"Das Versagen der Hilfe bei dringender fremder Noth, das ruhige Zuschauen fremden Hungertodes bei eigenem Ueberfluß, zwar grausam und teuflisch, aber nicht Ungerecht ist: nur läßt sich mit völliger Sicherheit sagen, daß wer fähig ist, die Lieblosigkeit und Härte bis zu einem solchen Grade zu treiben, auch ganz gewiß jedes Unrecht ausüben wird, sobald seine Wünsche es fordern und kein Zwang es wehrt."

Schopenhauer

ThorHa

07. Februar 2012, 09:48

@systemfrager:

Mit Apokalyptikern konnte ich noch nie etwas anfangen, mit der üblichen "die da oben" Verachtung auch nicht.

Fakt ist, dass es in Deutschland mehr bezahlte Arbeitsplätze gibt, als jemals zuvor. Gut. Fakt ist aber auch, dass wir einfach qualifizierten Menschen oder Ungelernten nicht mehr genügend vernünftig bezahlte Arbeitsplätze anbieten können, geschweige denn eine Aufstiegsperspektive. Das kann man alles wegdiskutieren und in Verteilungsorgien schwelgen, das Grundproblem bekommt man auch durch die durchaus notwendige Besteuerung von Kapitaleinkünften und Vermögenszuwächsen nicht weg.

Im Grunde genommen ist EINE der Funktionen von Sozialhilfe die einer Stillhalteprämie - wir finanzieren Dir auch ohne Gegenleistung das Leben, dafür belästigst Du uns auf der Strasse nicht. Deswegen gehe ich so in die Luft, wenn die Bernaus und Hanks dieser Erde auch daran noch herumschrauben wollen - sie haben nie einen Blick in Geschichtsbücher geworfen und glauben, die relative Fügsamkeit der Unterschicht würde ewig halten. Dieser Irrtum entlud sich schon früher in regelmässigen Aufständen und Revolutionen - nur dass es den heutigen Eliten an dem notwendigen Mut und der notwendigen Fähigkeit fehlt, solchen Aufständen selbst zu begegnen.

Gruss,

Thorsten Haupts

Systemfrager

08. Februar 2012, 08:25

http://www.systemfrage21.de

@ ThorHa

Apokalyptiker ist ein Totschlagargument. Wenn man nicht weiter kann, dann versucht man den Gegner durch ein stark verzerrte Karikatur mundtot zu machen. Bei mir keine Chance. Also: Es steht fest, die freie Marktwirtschaft funktioniert nicht, also sie funktioniert so, dass sie periodisch zusammenbricht. Dann kommen Revolutionen und Kriege - nun bin ich bei dir, nicht wahr. (Man kann dies apoklyptisch bezeichnet, muss man nicht - ist schegal.)

.

Der Kommunismus hat nicht funktioniert (leider), der Faschismus hat nicht funktioniert (zum Glück) und auch die freie Marktwirtschaft funktioniert nicht (das ärgert saumäßig).

.

Meine Leidenschaft ist, zu verstehen, warum die Marktwirtschaft nicht funktioniert. Natürlich, sie funktioniert für ca. 10% der reichsten Parasiten unserer Gesellschaft schon - und zwar märchenhaft -, aber ich will, dass sie für zB 90% funktioniert. Gerade deshalb will ich zuerst die Marktwirtschaft verstehen. Mein Vorschlag ist, die ganze Neoklassik in die Tonne zu treten. Es war ein verlorenes Jh für die WiWi. Eine geistige Prostitution auf dem Hofe der Reichen. Mit dem Kreislaufmodell als die paradigmatische Grundlage kommen wir viel weiter:

.

4. Phase des ökonomischen Zyklus: Der Abschwung (Rezession)

Der obere Wendepunkt des ökonomischen Zyklus und der Absturz in die Tiefe

www.forum-systemfrage.de/.../ca47j.php

ThorHa

08. Februar 2012, 14:03

@Systemfrager: "Es steht fest, die freie Marktwirtschaft funktioniert nicht,"

---

Machen wir´s wie die Briten - we agree to disagree. Ich akzeptiere schon Ihr Axiom nicht einmal ansatzweise, im Gegenteil. Historisch so sicher wie das Amen in der Kirche ist, dass kein Wirtschaftssystem funktionieren kann, dass nicht auf Privatbesitz und freie Preisbildung gegründet ist. Also funktioniert die Marktwirtschaft selbstverständlich, eine wirklich freie im Sinne von regellos gibt´s nirgendwo auf dem Planeten.

Systemfrager

09. Februar 2012, 07:24

http://www.systemfrage21.de

@ ThorHa

Deine Haltung bezeichne ich als "sozialdemokratisch"

Man ist entsetzt, dass man mit den Menschen wie mit den Sklaven und Verbrechern umgeht (Agenda 2010), man darf doch nicht wie verrückt von unten nach oben umverteilen, nein, es könnte zu sozialen Unruhen kommen ... aber man kann und darf nicht die Verfassung, man kann und darf dies und das nicht ändern...

.

Also alles bleibt wie gehabt ... Noch einmal für dich zur Erinnerung

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"Das Versagen der Hilfe bei dringender fremder Noth, das ruhige Zuschauen fremden Hungertodes bei eigenem Ueberfluß, ist zwar grausam und teuflisch, aber nicht Ungerecht: nur läßt sich mit völliger Sicherheit sagen, daß wer fähig ist, die Lieblosigkeit und Härte bis zu einem solchen Grade zu treiben, auch ganz gewiß jedes Unrecht ausüben wird, sobald seine Wünsche es fordern und kein Zwang es wehrt."

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Schopenhauer

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