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Fazit - das Wirtschaftsblog

Immer Ärger mit der Geldmenge

10. Februar 2012, 08:36 Uhr

Von Gerald Braunberger

Kann es eine wachsende Geldmenge ohne nachfolgende Inflation geben? Diese Frage stellt sich spätestens, seitdem die Zentralbanken in Industrienationen wie den Vereinigten Staaten, der Eurozone, Japan, Großbritannien und der Schweiz die Krise mit einer gesteigerten Geldproduktion bekämpfen. So hat die Europäische Zentralbank im Dezember den Banken rund 500 Milliarden Euro für drei Jahre zu einem Zinssatz von einem Prozent zur Verfügung gestellt. Ende Februar werden sich die Banken ein weiteres Mal für drei Jahre billig Geld von der EZB leihen können.

Illustration: Alfons HoltgreveHier entsteht Geld durch Kreditaufnahme der Banken bei der Zentralbank. In monetären Analysen erfasst man dieses Geld in der sogenannten Geldbasis, auch "Geldmenge M0" genannt, die neben dem Bargeldumlauf die durch Kreditaufnahme entstandenen Guthaben der Banken bei der Zentralbank umfasst. Diese Geldmenge M0 ist in der jüngeren Vergangenheit sehr stark gewachsen, weil die Guthaben der Banken bei der Zentralbank zugenommen haben. Wenn sich Banken bei der EZB Geld leihen, das sie anschließend auf ihren Konten bei der EZB parken, werden hiervon die Güterpreise aber nicht erfasst, denn dieses Geld erreicht die reale Wirtschaft nicht.

Wer die Geldversorgung der Wirtschaft untersuchen will, muss daher auf eine Geldmenge schauen, die den Geldbestand der Unternehmen und Privatpersonen erfasst. Hier schauen viele Ökonomen auf die "Geldmenge M3", die - etwas vereinfacht - neben dem Bargeldumlauf die von Unternehmen und Privatpersonen bei Banken und Sparkassen gehaltenen Einlagen umfasst. Das auf diesen Konten gehaltene Geld entsteht ganz überwiegend durch Kredite, die Unternehmen und Privatpersonen bei Banken und Sparkassen aufnehmen. Wegen der schwachen Konjunktur und der schwierigen Lage vieler Banken wachsen im Euroraum die Geldmenge M3 und das Kreditvolumen nur mit geringen Jahresraten von rund 1,5 Prozent.

Die Untersuchung führt deshalb zu einem widersprüchlichen Befund: Die Geldmenge M0, die etwas über die Geldversorgung der Banken besagt, wächst sehr stark, während die Geldmenge M3, die etwas über die Geldversorgung der gesamten Wirtschaft aussagt, sehr langsam zunimmt. Welcher Schluss leitet sich hieraus für die Inflationsgefahren ab? Wie üblich in der Ökonomik, sind alle einfachen Antworten trügerisch.

Das geringe Wachstum der Geldmenge M3 und des Kreditvolumens sowie die schwache Konjunktur und die erzwungene Zurückhaltung vieler Banken bei der Kreditvergabe sprechen dafür, dass in absehbarer Zeit im Euroraum eine erhebliche Güterpreisinflation kaum zu befürchten steht. Aber ist es auf längere Sicht nicht möglich, dass sich das starke Wachstum der Geldmenge M0 in einem starken Wachstum der Geldmenge M3 und damit in einem erheblichen Inflationspotential niederschlagen wird? Zur Beantwortung dieser Frage bedürfte es einer festen Vorstellung von den Wirkungsketten, doch leider wird gerade hierüber seit mehr als 200 Jahren ein Streit ausgefochten, der bis heute nicht entschieden ist.

Eine Auffassung besagt, dass die Zentralbank über die Steuerung der Geldmenge M0 auf längere Sicht auch die Geldmenge M3 und damit das Inflationspotential steuern kann. Dies vertraten im 19. Jahrhundert die Mitglieder der sogenannten "Currency-School" und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Vertreter des Monetarismus. Diese Auffassung setzt einen einigermaßen stabilen Zusammenhang zwischen den Geldmengen voraus und die Annahme, dass M3 von M0 beeinflusst wird und nicht umgekehrt. In vielen Fällen ist diese Interpretation nicht falsch, aber sie stimmt nicht immer, und vor allem stimmt sie nicht in der aktuellen Krise. Denn gerade heute kann von einem stabilen Zusammenhang zwischen M0 und M3 keine Rede sein. Wäre er immer stabil, müsste niemand in dieser Welt (zumindest in schweren Krisen) Keynesianer sein.

Vielmehr ist man auch in dieser Krise auf den alten Rivalen der "Currency-School" aus dem 19. Jahrhundert zurückgekommen: Die Anhänger der "Banking-School" - wie im 20. Jahrhundert viele Keynesianer (*) (wenn auch nicht unbedingt Keynes selbst) - vertreten die Ansicht, dass sich die Unternehmen und Privatpersonen durch Kreditgewährung das für sie notwendige Geld selbst erzeugen und es keinen Zusammenhang zwischen der Geldmenge M0 und der Geldmenge M3 gibt. Hier kann die Zentralbank nur versuchen, durch Veränderungen der Leitzinsen, der Mindestreservesätze und/oder der Inflationserwartungen Einfluss auf die Kreditentscheidungen von Unternehmen und Privatpersonen zu nehmen. Ein lehrreiches Papier über die Art und Weise, wie Geldpolitik missverstanden wird, stammt von Piti Disyatat, einem Ökonomen von der Bank of International Settlement.

Freilich: Auch wenn die Bedeutung der Geldmenge M0 gerade in schweren Krisen von Monetaristen überschätzt worden sein mag, sollte man sie als Indikator nicht abschreiben. Denn die Zentralbanken weiten ihre Geschäfte unter anderem aus, um die Renditen von Anleihen zu senken. Dies geschieht entweder, indem Zentralbanken wie die Fed und die Bank of England unmittelbar in großem Stil Anleihen kaufen. Die EZB kauft zwar direkt viel weniger Anleihen, aber dafür setzt sie unausgesprochen darauf, dass Banken zumindest einen Teil der billig zugeteilten Gelder zum Kauf von Staatsanleihen verwenden. Diese erhofften Renditesenkungen sollen nicht nur die Finanzierung von Staaten erleichtern (wobei sie die Gefahr einer Spekulationsblase am Anleihemarkt erzeugen). Sie sollen auch die Wirtschaft ankurbeln: Fallende Renditen für Staatsanleihen haben oft fallende Renditen für Unternehmensanleihen zur Folge. Unternehmen können sich so billiger verschulden, um etwa Investitionen zu finanzieren. Nach einer modernen Interpretation versuchen Zentralbanken durch Anleihekäufe die Renditestrukturkurve zu steuern - ein, wie sollte es anders sein in der Geldlehre, in Wirklichkeit sehr altes Konzept, das sich mindestens bis Irving Fisher und Knut Wicksell zurückverfolgen lässt und für das in Deutschland vor wenigen Jahrzehnten einer meiner akademischen Lehrer, Wolfgang Gebauer, eingetreten war. Auch wenn die Steuerung früher durch Zinspolitik und weniger durch Quantitative Easing bewerkstelligt werden sollte - damals befand sich die Geldpolitik noch nicht an der Nullzinsgrenze und die Anleiherenditen waren höher als heute.

Ein weiterer Wirkungskanal kann über den Aktienmarkt beobachtet werden. Er ist nach dem Nobelpreisträger James Tobin ("Tobins q") benannt (auch wenn der schwedische Ökonom Knut Wicksell ein wichtiger Vorläufer war) und vergleicht den Marktwert eines Unternehmens mit den Wiederbeschaffungskosten des Sachkapitals des Unternehmens, sprich: den Investitionskosten. Wenn der Marktwert eines Unternehmens als Folge stark steigender Aktienkurse wächst, beginnen sich reale Investitionen immer mehr zu lohnen.

Insofern kann eine starke Zunahme von M0 durchaus indirekt Einfluss auf das Wirtschaftsleben nehmen. Gleichwohl gilt: Inflation ist kein aktuelles Thema, sie kann es im Zuge einer wirtschaftlichen Erholung aber sehr wohl werden.

(*) Man denke etwa an den um das Jahr 1960 in Großbritannien veröffentlichten Radcliffe-Report, an dessen Erstellung unter anderem Keynes' Lieblingsschüler Richard Kahn beteiligt war und der seinerzeit auch über Großbritannien hinaus viel Aufmerksamkeit fand.

 

Dieser Beitrag ist eine überarbeitete Version des "Sonntagsökonom" aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 5. Februar 2012. Illustration: Alfons Holtgreve

 

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Veröffentlicht 10. Februar 2012, 08:36 von Gerald Braunberger
Kommentare

Systemfrager

10. Februar 2012, 10:27

http://www.systemfrage21.de

Die monetäre Analyse ist auf den Hund gekommen.

Auch die von Keynes, aber vor allem die rechts-konservative liberale Analyse (Neoliberalismus)

Der Nobelpreis für Hayek und Friedman war ein reiner Missbrauch, ein ideologischer Betrug, eine Strategie der westlichen sozialdarwinistischen und asozialen Eliten den menschenfresserischen Kapitalismus des 19. Jh durchzusetzen.

.

Wir müssen zurük zur realen ökonomischen Analyse, zu einem Paradigma, das nicht auf dem Geld und den Präferenzen beruht, sondern bei der Produktion beginnt: zurück zur kreislauftheoretischen und nicht partikel-mechanischen Analyse

bhayes

10. Februar 2012, 12:35

http://www.nein-zur-transferunion-fuer-stabiles-geld.de

Es gibt nur eine Schule der Ökonomie, die was taugt und zwar die österreichische (von Mises, von Hayek & Co). Gerade diese hat als einzige Recht in der Analyse der aktuellen Überschuldungskrise und zwar zu 150%.

Und diese Schule sagt sehr klar, dass Gelddrucken, egal auf welche Weise, sich immer negativ auswirkt. Ist ja auch logisch. Oder würden Sie z.B. mit jemanden Monopoly spielen, der eine eigene Gelddruckmaschine hat und ständig frische Scheine präsentiert? De facto werden diejenigen, da nahe an den Gelddruckenmaschinen stehen, bevorzugt, sie stehlen den anderen nämlich Kaufkraft, genau wie bei Falschgeld.

Man sollte sich hierbei auch nicht von den ganzen Propagandalügen von Pseudoökonomen oder gar Politikern oder sonstigen Interessenkreise beeindrucken lassen, das, was da geboten wird (Krugmann etc.) ist zu 95% Propaganda und Agitation, um den Menschen Sand in die Augen zu streuen.

Das fängt schon bei der "Berechnung" der Teuerungsrate an, diese ist in Wirklichkeit massiv politisch manipuliert; auch wird den Menschen verschwiegen, dass selbst ein Nettolohnausgleich auf diesem Niveau bedeutet, dass einem der technische Fortschritt vorenthalten wird.

Aber da hört die Manipulation noch lange nicht auf, sie zieht sich durch alle Teilaspekte hindurch. Die Menschen sollen bloss nicht merken, wie sehr sie durch das Gelddrucken bestohlen werden.

tricky1

10. Februar 2012, 12:36

Die Steigerung der Geldmenge führt imho umso rascher zur Inflation, je schneller das Geld für Konsumausgaben verwendet wird.

.

Die kürzliche extreme Ausweitung im Euroraum wurde von den Banken vorwiegend dafür verwendet, Staatsanleihen zu kaufen und wirkt daher nicht direkt inflationär.

.

Wird dies jedoch über längere Zeit so fortgesetzt, wird es zu einer Abwertung des Euros führen was dann automatisch einen Import von Inflation bewirkt.

.

Ob es dann noch gelingen wird, die Geldwertstabilität zu erhalten ist zu bezweifeln.

Systemfrager

10. Februar 2012, 12:56

http://www.systemfrage21.de

@ bhayes

Ich weiß, du weißt es auch, was da steht, also brauchst du es nicht zu lesen

Es ist für jene, die nicht wissen, was Mises, Hayek & Co bedeuten

.

Das System der individuellen Freiheit als Rückkehr des Totalitarismus

Die Freiheit als Feind der Gerechtigkeit, des Wohlstandes und der Demokratie

www.forum-systemfrage.de/.../ba42a.php

bhayes

10. Februar 2012, 13:00

http://www.nein-zur-transferunion-fuer-stabiles-geld.de

@Systemfrager: Keynes & Co.

Keynes war ein Anhänger des intellektuellen Wichtelismus, jemand, der eine Analyse von Ökonomie nur vorgespielt hat. Sein Ziel war letztlich immer, den Parteikadern Vorwände zu liefern, den Menschen auf perfide Weise, am besten durch Gelddrucken, Kaufkraft zu stehlen, damit die Parteileute es ihren Klientelen zuschanzen konnten.

Übrigens: Es gibt gar keinen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, nur einen Preis der Parteikader Schwedens für Propagandaleistungen in Sachen "Wie tische ich der Bevölkerung die Lüge auf, dass man den Politikern ständig mehr Kaufkraft überantworten soll - am besten hintenherum durch Gelddrucken - damit sie es nach freiem Gutdünken ausgeben können". Dieser Preis nennt sich raffinierterweise "Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel"; die Reichsbank wiederum ist am dortigen Parlament aufgehängt, welches - natürlich - von Parteikadern dominiert wird. Mit den echten, naturwissenschaftlichen Nobelpreisen hat das alles NULL zu tun.

Der einzige Grund, warum auch einige nicht-Propagandaleute wie von Hayek diesen Preis erhalten haben, ist, dass es sonst zu auffällig wäre, wenn alle Ausgezeichneten ständig immer nur fordern würden, die Bürger sollten den Politikern ständig mehr Geld geben.

(Ich überzeichne etwas, um die Punkte deutlich zu machen).

bhayes

10. Februar 2012, 13:06

http://www.nein-zur-transferunion-fuer-stabiles-geld.de

@Systemfrager: Freiheit, Gesellschaftsordnung

Siehe als Referenz "Die Bürgergerechte Gesellschaft": www.deutschland.net/.../die-b%C3%BCrgergerechte-gesellschaft

Diese behandelt übrigens auch explizit das Geldsystem.

Die konsequente Umsetzung dieser Ordnung hätte zuverlässig die jetzige Überschuldungskrise verhindert.

Systemfrager

10. Februar 2012, 13:32

http://www.systemfrage21.de

@ bhayes

Wenn jemand viel Geld hat, der kann schon dafür sorgen, dass ihm eine Einbrecher das Geld nicht klaut. Wer kann ihm dann überhaupt Geld nehmen.

- Der Staat. Steuern

- Die Inflation (Gelddrucken)

Warum hasst also der Reiche nichts so sehr wie den Staat  und die Inflation. Ist klar! Möge die Wirtschaft zusammenberechen und die Welt unergehen, kein Gelddrucken.

.

Deshalb muss der reiche Ausbeuter verschiedene Ausreden finden, warum die Steuern schlecht sind und warum das Geld stabil sein soll. Solche unsinnige Ausreden lieferten Mises, Hayek & Co. Das hat mit der Wissenschaft nichts zu tun. Diese Menschen waren reine Scharlatane, Ideologen der Reichen. Was sie geschrieben haben, war eine reine Propaganda gegen 99%, und zwar der dreckigster Art. Ich habe ziemlich alles von dennen gelesen. Hast du auch was gelesen?

bhayes

10. Februar 2012, 13:56

http://www.nein-zur-transferunion-fuer-stabiles-geld.de

@Systemfrager: Hayek ein Scharlatan?

Ich halte ihn umgekehrt für einen der brilliantesten Denker der Menschheit, einer der größten Freiheitsdenker,

Ich habe bisher nur einige seiner Werke gelesen ("Der Weg zur Knechtschaft", "Die Verfassung der Freiheit" usw.), aber ich habe wenig Zweifel, dass die anderen genauso gut sind.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Leuten zeichnet sich seine Analyse und Konzeption dadurch aus, dass sie unwiderlegt ist (bzw. der Analyse, bei den Konzeptionen kann sich punktuell streiten, aber eben nur punktuell) und am wenigsten irgendwelche Gruppen zulasten anderer bevorzugt; sie basiert nämlich letztlich direkt auf dem Grundsatz der grundsätzlichen Gleichrangigkeit aller. Die meisten anderen Ordnungen dagegen sehen - z.T. geschickt verklausuliert - vor, dass bestimmte Gruppen andere Gruppen oder Einzelpersonen bestehlen oder knechten dürfen.

Bei einer freiheitlichen Ordnung, wie Hayek sie vertritt, dagegen, wird gerade das verboten. Wobei wohlgemerkt sehr wohl anerkannt und befürwortet wird, dass die Gemeinschaft Hilfebedürftige unterstützt und Allgemeingüter zur Verfügung stellt; diese Thematik wird von ihm ausführlich diskutiert. Von einer strikten Ablehnung des Staates kann also nicht im Geringsten die Rede sein, ganz im Gegenteil muss dieser in bestimmten Punkten sehr stark sein, z.B., um Dumping zu verbieten.

Systemfrager

10. Februar 2012, 14:13

http://www.systemfrage21.de

@ bhayes

>>> Ich habe bisher nur einige seiner Werke gelesen ("Der Weg zur Knechtschaft", "Die Verfassung der Freiheit" usw.), aber ich habe wenig Zweifel, dass die anderen genauso gut sind.

.

Das reicht in der Tat um zu erkennen, wessen Interesse er Vertritt. Als du das kapiert hast, wurde dir natürlich sofort klar, dass "sich seine Analyse und Konzeption dadurch auszeichnet, dass sie unwiderlegt ist". Tja, wie konnte ich das nur von Anfang an ahnen

;-)

bhayes

10. Februar 2012, 14:33

http://www.nein-zur-transferunion-fuer-stabiles-geld.de

@Systemfrager: Auch Sie haben ihn nicht widerlegt

Aber Sie könnten auch hier anfangen, das ist zwar nicht Hayek, aber weitgehend kompatibel dazu: "Die Bürgergerechte Gesellschaft": www.deutschland.net/.../die-b%C3%BCrgergerechte-gesellschaft

Welche Punkte hiervon sind aus welchem Grund falsch?

Logik-Ratio

10. Februar 2012, 15:03

Kann es eine wachsende Geldmenge ohne nachfolgende Inflation geben?

Die Frage ist ungefähr gleichbedeutend wie: Kann die Zimmertemperatur steigen, ohne dass es wärmer wird?

Inflation von "aufblasen" ist immer eine Erhöhung der Geldmenge. Das ist rein definitorisch der Fall.

Mit diesem "Trick" der Umdeutung des Begriffs Inflation versuchen "Wirtschaftswissenschaftler" die Ursachen der "steigenden" Preise zu verbergen.

"Steigende Preise" ist ein weiteres Phantom - Preise können nicht per se steigen, denn es sind immer Austauschraten zwischen Produkten. Das Verhältnis kann sich immer nur zueinander ändern. Also 3 Birnen für 4 Äpfel, oder eben 2 Birnen für 4 Äpfel.

"Steigende Preise" sind also ebenfalls per Definition eine Änderung der Relation von "Geld" zu "Ware". Die "pol. Inflation" bezeichnet die Vergrößerung der effektiven Geldmenge zur effektiven Warenmenge.

Effektive Geldmenge beduetet Geldmenge * Umlaufgeschwindigkeit (Quantitätsgleichung des Geldes.) Besser wäre jedoch:

Bevölkerungsgröße * Lebensstandart * Umlaufgeschwindigkeit = benötigte, optimale Geldmenge zur Abwicklung der Transaktionen.

Wenn die Umlaufgeschwindigkeit nicht sinkt, oder die Bevölkerungsgröße nicht steigt, führt eine Erhöhung der Geldmenge immer zu einer Verschiebung der Geldmenge aus dem notwendigen Punkt hinaus. Es wird neues Geld in das System iniziiert.

Inflation ist daher pe se der Akt der Geldmengenvermehrung bei einem gleichen Bevölkerungsstand.

rum

10. Februar 2012, 15:25

http://www.mariensaeule.de

Herr Braunberger, Sie sehen die Banking-Schule mit den Augen der Currency-Schule, eine große Verzerrung. Selbstverständlich hängt M0 von M3 (neue monetaristische Begriffe), denn je mehr wirtschaftliche Aktivität, desto größer ist das Kreditvolumen, desto mehr Wechsel werden diskontiert, desto größer der Notenumlauf. Die Geldmenge, ebenso M0 wie M3, hängt von Preisen und Wirtschaftstätigkeit, nicht umgekeht, wie die Monetaristen sagen, aber das setzt eine Geldordnung voraus, nicht die heute legalisierte Geldfälschung durch Banken (einschließlich Zentralbanken) im Dienst der Banken und Staaten. Sie setzen voraus, dass die Geldmenge/Geldfälschung immer wachsen muss, das hat nichts mit Banking-Schule zu tun, das ist Milton Friedman. Die Banking-Schule war maßgebend im 20. Jahrhundert, besonders in Deutschland, es war nicht die Theorie der Keynesianer. Obwohl sich die Monetaristen Anfang der 1970er in die deutsche Geldpolitik einmischten, ist noch in der Zeit kurz vor Einführung des Euros den starken Einfluss der Banking-Schule auf die Bundesbank klar erkennbar, die Bundesbank wie die Bank Deutscher Länder blieben in der Tradition der Reichsbank. Es wundert, dass die Banking-Schule heute so fremd geworden ist, als wäre eine Sache des 19. Jahrhunderts: das kann man nur mit dem ideologischen Interesse an der Geldfälschung erklären, denn bei der Banking-Schule spielt nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität des Kredits, eine Rolle.

Systemfrager

10. Februar 2012, 15:28

http://www.systemfrage21.de

@ bhayes

>>> Sie haben ihn nicht widerlegt

Unsinn lässt sich nicht widerlegen.

@ Logik-Ratio

Die Preissteigerung und die Geldemenge als Synonyme zu betrachten, lässt sich nicht mehr mit Unkenntnis bezeichnen, es geht  schon um eine gar nicht kleine geistige Störung. Oder bist du auch einer austrian?

timschaefermedia.com

10. Februar 2012, 16:41

http://www.timschaefermedia.com

Auch in Japan hätte ja eigentlich nach der gigantischen Verschuldung des Staates die Inflation kommen müssen. Nein, sie kam nie. Trotz des billigen Geldes.

rum

10. Februar 2012, 16:42

http://www.mariensaeule.de

Zu den Wirkungsketten will ich mich deutlicher ausdrücken: Selbestverständlich erhöht die Geldfälschung die Nachfrage und verursacht Preissteigerungen. Das ist kein Gegenstand des Streits der zwei Schulen. Ich kann Herrn Braunberger nur dringend empfehlen, ein älteres deutsches Lehrbuch über Geldpolitik, von der Zeit vor der "Neuorientierung der Bundesbank", also vor 1970. Es mag da ein bißchen "Keynesianismus" erkennbar sein, aber das gehörte nicht zum Wesen der Geldpolitik: es gibt eine Konstante, die ebenso für die Reichsbank wie für die Bank Deutscher Länder und die Bundesbank gilt, und das ist nicht die Konjunkturankurbelung. Allein wenn man das Literaturverzeichnis eines solchen Lehrbuches sieht, bekommt man die erste Überraschung: nichts, was heute zitiert wird. Ich empfehle zum Beispiel Otto Veits Grundriss der Währungspolitik, aber eine Auflage von vor 1970, denn das "Institut für das Kreditwesen", zu dem Veit gehörte, hatte als Aufgabe die Fortbildung der Anwärter auf den höheren Dienst der Bundesbank, und wahrscheinlich machte Veit deswegen ein bißchen die "Neuorientierung" mit, aber sicher gegen seine Überzeugung.

Blickensdoerfer

10. Februar 2012, 17:08

http://blog.erkenntniswiderspruch.de

Logik-Ratio

In dieser Kürze ein sehr guter Hinweis, von welchen Zusammenhängen die Geldmenge – die Menge gleicher Geldeinheiten – bestimmt ist (hier also nicht „von jemandem bestimmt wird“ – das ist ein anderes Kapitel), mit der in einer „Geldwirtschaft“ das Leben, das Zusammenleben reproduziert werden kann. Nicht mehr, nicht weniger!

Logik-Ratio

10. Februar 2012, 17:20

@ systemfrager

Ich bin mir nicht sicher ob ich Deinen Post bezogen auf mich richtig verstanden habe? Ich bin kein "Austrian" weil ich einige Elemente für überholt halte - z.B. bin ich für ein Erneuerbares Energien Gesetz - aber ich Teile einige Einschätzungen der österreichischen Schule, oder z.B. von Ron Paul.

Am Ende des Tages zählt immer das Engagement, der Wille, die Motivation, die Moral und die Disziplin des einzelnen Menschen. Nur auf funktionierenden Grundwerten kann eine Gesellschaft aufbauen.

Für mich ist Geld im Grund ein Tauschmittel NUR ist natürlich vollkommen klar das die "Geldillusion" ebenfalls eine Illusion ist. Niemand weis, ob der Tauschpartner alter oder neues/"falsches" Geld in den Kreislauf gibt.

Die Mengenverhältnisse sind entscheidend, am Ende steuert Geld das Güterangebot - wenn die Zentralbank bzw. die Geschäftsbanken neues Geld erschaffen, steuern Sie die Gesellschaft / das Güterangebot bzw. die Güternachfrage - der Transmissionskanal ist die Kreditvergabe bzw. Auswahl.

z.B. indem Sie das Geld an "Facebook Start Up 2" vergeben ermöglichen Sie eventuell eine neue Technologie oder nicht, oder Sie vergeben Kredite an Privatkunden zum Kauf von Urlausbreisen und Nippes - dass verändert ebenfalls unsere Gesellschaft und unsere Anreizfunktionen bzw. sogar die inneren Eisntellungen der Menschen / Gesellschaft.

Daher bin ich hier auch auf der Seiten von rum - natürlich ist die Qualität absolut entscheidend für die Effekte von Geldschöpfung. Es ist eben nicht egal ob der Kreditnehmer mit dem Geld einen Urlaub finanziert oder das Geld investiert, z.B. in eine bessere Ausbildung seiner Kinder oder in die Wärmedämmung seines Hauses.

Gerald Braunberger

10. Februar 2012, 18:38

@ logik-ratio

"Daher bin ich hier auch auf der Seiten von rum - natürlich ist die Qualität absolut entscheidend für die Effekte von Geldschöpfung. Es ist eben nicht egal ob der Kreditnehmer mit dem Geld einen Urlaub finanziert oder das Geld investiert, z.B. in eine bessere Ausbildung seiner Kinder oder in die Wärmedämmung seines Hauses."

Moderne Untersuchungen historischer Finanzkrisen z.B. durch Schularick/Taylor sprechen allerdings für die entgegengesetzte Auffassung.

Gruß

gb.

rum

10. Februar 2012, 19:24

http://www.mariensaeule.de

@Logik-Ratio & Gerald Braunberger. Qualität des Kredits bedeutet, dass die Beschaffenheit des Kredits eine Rolle spielt, also wozu der Kredit vergeben wird, und nicht (allein) das Kreditvolumen/die Geldmenge als Kriterium genügt. So liest man im Kapitel IV ("Die Geldschöpfung der Währungsbank") in Veits Buch den Subtitel: "Quantum und Quale des Zentralbankkredits". Für geldschöpfende Kredite sollten, nach der Lehre der Banking-Schule, weder Investitionen noch  Konsum in Frage kommen. Nicht umsonst beharrt man auf den Diskont von "guten Handelswechseln". Die einzige Krise, die ich mehr oder weniger gut kenne, ist die Krise von 1931: das hatte nichts mit dem Diskont von Handelswechseln zu tun, sondern mit dem Geldzufluss und Abfluss aus dem Ausland, die als letzte Ursache die wilde Geldschöpfung und die Inflation nach dem Krieg von 1914 hatte (Zinsgefälle). Ähnlich war es 1929 in den USA: wilde Offenmarktgeschäfte von Benjamin Strong führten zu Fehlinvestitionen. Und ähnlich 2008: Greenspan/Bernankes lockere Geldpolitik. Man redet über die Vorbildsrolle der Bundesbank für die EZB, obwohl die Geldpolitik der EZB kaum etwas  mit der Geldpolitik der alten Bundesbank zu tun hat, und jetzt sollen die "modernen Untersuchungen historischer Finanzkrisen" dem Erfolg der angeblich vorbildlichen  Bundesbank widersprechen? Worin besteht also das Vorbildliche der Bundesbank?! Um zu erkennen, dass die EZB nichts mit der Bundesbank zu tun hat, empfehle ich: "Die Geldpolitik der Bundesbank", Oktober 1995, Selbstverlag der Deutschen Bundesbank.

Systemfrager

10. Februar 2012, 19:58

http://www.systemfrage21.de

Am 8. November 2002 hielt Ben Bernanke, als Gouverneur im Federal Reserve Board, in Chicago eine Rede zu Ehren Milton Friedmans. Anlass war dessen 90. Geburtstag. „Wie jeder unter uns weiß“, sagte Bernanke, „haben Friedman und Schwartz in ihrer Monetary History die Auffassung vertreten, der wirtschaftliche Zusammenbruch der Jahre 1929-32 sei zustande gekommen, weil der geldpolitische Mechanismus unseres Landes nicht richtig funktionierte“. Seinerzeit, so Bernanke weiter, habe die Fed die Zügel angezogen, um der Spekulation zu begegnen, und deswegen musste die Wirtschaft kollabieren. Aber man habe die Lektion für alle Zeiten gelernt. Fast pathetisch schloss Bernanke mit den Worten:

.

„Erlauben Sie mir, meine Rede zu beenden, indem ich meine Stellung als offizieller Vertreter der Federal Reserve ein wenig missbrauche. Ich möchte Milton und Anna gern sagen: Was die Große Depression angeht, habt Ihr Recht. Wir waren schuld. Es tut uns sehr leid. Aber euretwegen werden wir es nie wieder tun.“      

.

Nie wieder! Was hat Ben Bernanke begriffen und was hat er in den nächsten 6 Jahren getan? Die sogenannte Finanzkrise im Herbst 2008 war der praktische Test für ihn und für die monetäre Analyse. Sie hat eklatant versagt. Die Jünger von Friedman, also die angebotstheoretisch orientierten Monetaristen haben diese Krise nicht geahnt, die Jünger von Keynes, also die nachfragetheoretisch orientierten Monetaristen auch nicht. Man kann daraus schlussfolgern, dass sich mit Geld die ökonomischen Zyklen nicht erklären lassen. Die monetäre Analyse hat in dieser Hinsicht so gut wie nichts gebracht. Die Geldphänomene, also die Geldmenge und Zinsen sind offensichtlich nicht die Ursachen der Zyklen sondern ihre Folgen.

Logik-Ratio

10. Februar 2012, 21:32

@ Herr Braunberger

Ich kenne die von Ihnen zitierte Untersuchung nicht, bezweifle jedoch, dass eine solche Untersuchung möglich ist. Das Problem ist die wissenschaftliche Qualifizierung von betimmten Krediten - Sie müssen definitorisch immer Kategorien bilden - guter Kredit Investitionskredit , schlechter Kredit Konsumkredit - das ist immer eine Frage der Interpretation.

Ist ein Auto eine Investition? Meine Frau brauchte füre ihren Job ein Auto, das günstigste Angebot war ein Neuwagen für 0% aus bestimmten Gründen. Ein Kleinwagen. Sie hätte natürlich auch ein BMW für den gleichen Zweck kaufen können für das 3 Fache.

Wie bewerten Sie die Investition aus definitorischem Gesichtspunkt? Was ist "Investition", was ist Konsum?

Im Kern ist es eine Frage der inneren Einstellung der Menschen - nur diese können wirklich wissen was notwendig ud was Luxus ist.

Das Unternehmertum hat in unserer Gesellschaft gerade wegen diesem Faktor eine solch entscheidende Bedeutung - es ist eben nicht einfach eine Firma zum Erfolg zu führen - dafür müssen schnelle Entscheidungen getroffen werden, dafür muss permanent am Erfolg gearbeitet werden, und bereits Kleinigkeiten entscheiden über Erfolg und Misserfolg - wie soll hier eine wissenschaftliche Untersuchung feststellen können, worin der Erfolg nun genau begründet liegt? Selbst wenn 10 andere erfolgreiche Unternehmer sofort erkennen könnten, woran es wahrscheinlich! seine Begründung findet. Es sind eben bei einer Frage bzw Antwort oftmal die Nuancen oder die feinen Zwischentöne, die den Unterschied erklären  - wie wollen Sie diese messen?

Die Qualität von Krediten ist ja nicht nur eine Frage der Verwendung, sondern auch eine Frage des Charackters des Kreditnehmers. Sie argumentieren von einer aggregierten Makro Ebene - ich glaube das Geheimnis der Currency Schule ist die Eigenverantwortung des Menschen als treibende Kraft des Wirtschaftens.  

germon

10. Februar 2012, 21:35

http://turgotdekrete.wordpress.com/

"doch leider wird gerade hierüber seit mehr als 200 Jahren ein Streit ausgefochten, der bis heute nicht entschieden ist."

Da würde ich jetzt nicht stören wollen und empfehlen, die zerstrittenen Parteien die nächsten 200 Jahre weiterstreiten zu lassen.

Bezüglich der "festen Vorstellung von den Wirkungsketten" könnten Wirtschaftswissenschaften, anstatt Wirtschaft immer als eine Ansammlung von brauchbaren Werten vorzustellen, auch mal zugeben, dass es um ein komplexes Entwicklungsgeschehen geht, dass sich nur dann mittels Modellbildung beurteilen lässt, wenn die chaotischen Prozesse mittels willkürlich getroffener Theorieentscheidungen auf Abläufe mit regelmäßig wiederkehrenden Eigenschaften, idealtypischen Akteuren und Wertpräferenzen reduziert werden.

Holly01

11. Februar 2012, 02:20

Abseits aller Leeren gibt es eine Größe : wir haben nur - ein - Geld.

Dieses Geld wird in vielen Bereichen unterschiedlich genutzt und der Transfer ist mit unterschiedlichem Tempo behaftet, aber es gibt nur ein einziges Geld.

Die ständigen Versuche, dieses Geld zu separieren und zu unterstellen, man könne es in Teilbereichen isolieren ist Utopie.

Geld "schwappt" immer dort hin, wo das kleinste Risiko, bei maximaler Rendite zu finden ist.

.

Die alte "Bauernregel" sagt : je mehr Bäume gepflanzt werden, um den Wald unsichtbar zu machen, desto tiefer ist das Wasser, in dem die Kapitalinhaber im Trüben fischen.

Im Moment erscheinen "Finanzprodukte" in hunderten pro Stunde. Das sind extrem viele Bäume, um den Wald zu verstecken.

.

Es wird eine Inflationswelle geben, man wird das Geld in isolieren können.

rum

11. Februar 2012, 08:45

http://www.mariensaeule.de

@germon, es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass das Kreditvolumen eine Funktion von wirtschaftlicher Tätigkeit und Preise ist. Wenn alles still ist, ist kein Kredit. Der grundlegendste Kredit ist der Warenkredit: sie geben etwas und haben den Anspruch, dass jeder Zeit etwas zurückgegeben wird mit dem selben Wert. Sie können diesen Kredit mit einem Handelswechsel verbriefen, Sie können den Handelswechsel in typisierten bunten Zettel zerstückeln (oder analog in Buchgeld umwandeln): das ist der Diskont, da entstehen Banknoten (und Einlagen). Die Beteiligten an der Produktion haben einen Anspruch auf die produzierte Ware, was man auch als Warenkredit betrachten kann, die Banknoten, die sie als Lohn bekommen, kann man als Gutschein betrachten, den sie beim Händler einlösen, der Händler löst mit den Noten den Wechsel, den das produzierende Unternehmen zog und diskontierte. Austausch ist die Grundlage einer gesunden Geldpolitik, solches Geld entsteht in der wirtschaftlichen Tätigkeit, seine Menge muss nicht ständig wachsen, weil eben die Wirtschaft schrumpfen kann. Etwas anderes ist der Kredit der Banken (einschließlich moderner Notenbanken wie EZB und FED), sie leihen bunte Zettel, Geldscheine, oder Buchgeld, die nur deswegen begehrt sein sollen, weil die Bank schöne Zaubersprüche (engl. Hype) auspricht, weil die Banken ja so schön, groß und stark sind, weil die begehrte Zettel und Bankdepositen angeblich knapp sind trotz der astronomischen Zahlen, weil die Zettel als gesetzliches Zahlungsmittel erklärt wurden und so ihre Nachfrage erhöht wurde. Das ist stilisiert die Grundlage der zwei Schulen, die Praxis lag dazwischen, was wir aber heute erleben ist alles andere als eine gesunde Geldpolitik.

Gerald Braunberger

11. Februar 2012, 09:33

@ rum

Wir wollen aber nicht eines der ältesten Gegenarumente gegen die Banking-School vergessen: In dem Modell des Warenkredits ist das Preisniveau indeterminiert; sprich, die Finanzierung von Warenkrediten kann theoretisch zu jedem Preisniveau erfolgen, was dann eben doch Inflation gestattet. Aus der unübersehbaren Literatur nur ein Beispiel:

www.richmondfed.org/.../er680501.pdf

Im Übrigen ist die These falsch, die Bundesbank sei der Banking-School gefolgt, nur weil sie Diskontpolitik betrieben hatte. Die Diskontpolitik war nur ein (immer geringer werdender) Teil ihrer Geldpolitik und sie hat stillschweigend auch keineswegs nur "gute" Handelswechsel angekauft.

Gruß

gb.

P.S. Das Buch Veits habe ich vor über 20 Jahren gelesen. Es wa r sicherlich ein bravouröses Werk - für eine frühere Zeit.

allace64

11. Februar 2012, 10:20

Ein weiterer Aspekt der erweiterten Geldmenge ist der Inflation anheizende Effekt durch die Finanzwirtschaft selbst. Wenn die Zentralbanken, um der Inflation entgegen zu wirken, die Leitzinsen erhöhen, erhöhen die Banken ihre Kreditzinsen meist überproportional. Das wirkt sich auch auf das Kapitalvolumen im Markt aus, das aus der Geldmenge stammt, die in den Markt gebracht wurde um konjunkturelle Anreize zu schaffen. Das ist auch ein Grund, weshalb die Finanzwirtschaft ein hohes Interesse an QE-Maßnahmen hat: In der Krise sorgt QE für Liquidität, nach der Krise für zusätzlichen Profit durch überproportional erhöhte Zinsen auf QE-Kapital nach der Einleitung von Gegenmaßnahmen der Zentralbanken zur Reduzierung der Geldmenge.

Bashi49

11. Februar 2012, 11:04

http://Immer wieder das gleiche Spiel - Theorie hin oder her.

Es wird so sein, wie es immer war: Die Banken erhalten ja keine Geschenke, sondern Kredite, die zurückgezahlt werden müssen. Daher kommt demnächst die jahrelange Deflation mit Niedergang der Wirtschaft nebst sozialen Unruhen und politischen Verwerfungen. Wenn es dann wieder bergauf zu gehen scheint, beginnt die Inflation, steigert sich zur Hyperinflation mit anschließender Währungsreform und allgemeinem Chaos (Geschichte des Geldes in den USA von Galbraith). Dieser Weg wurde beschritten mit Zinssenkung und Gelddrucken der Notenbanken; man kann höchstens noch eine Abkürzung nehmen, indem die Währungsreform vorgezogen wird. Ich kenne nur einen Notenbanker, der den Durchblick hatte und vor allem die Nerven, das Richtige durchzuziehen, das war FED-Direktor Paul Volcker. Er hat in den USA Ende der siebziger Jahre (als die übliche Krise mal wieder fällig war) über eine extreme Hochzinspolitik eine Stagflation in eine schwere Deflation umgewandelt  - d.h. kein Geld gedruckt, sondern Geld vernichtet - und so die zweite Phase der Krise + Währungsreform vermieden. Der gesunde wirtschaftliche Kern blieb erhalten,  es konnte nach Absenken der Zinsen sofort wieder nach oben gehen, die USA waren einer Pleite entkommen. Aber, wie schon gesagt, dazu braucht es Leute mit Durchblick und Mut.

rum

11. Februar 2012, 11:27

http://www.mariensaeule.de

Vielen Dank, Herr Braunberger, für den zitierten Aufsatz. Eine Menge ähnlicher Aufsätze kenne ich. Die einen sagen, die "Real Bills Doctrine" ist inflationistisch, die anderen sagen das Gegenteil, sie sei sogar die Ursache der Krise von 1929 in den U.S.A. Das einzige, was diese Aufsätze beweisen, ist, auf welchem ideologischen Niveau die Diskussion getragen wird: man soll sich fragen, um wessen Interesse. Die Antwort ist teilweise sehr einfach: wer gewerblich Kreditgeschäft betreibt, ist gegen Privatkredit; wer die Liquidität seiner Anleihen erhöhen will, will sie als Pfand bei der Notenbank sehen. Der Aufsatz beweist auch, wem die Fed dient. Wenn man eine Regierung diffamieren will, dann nennt man sie "Regime", und so wird die Ordnung der Banking-Schule hier mit "Doctrine" und "Fallacy" diffamiert, sie wird als eine naive Theorie des 19. Jahrhunderts dargestellt, um dann ihr problemlos zu widersprechen. Im letzten Satz meines obigen Beitrags schrieb ich bewusst das Wort "stilisiert" und fügte hinzu, dass die Praxis dazwischen lag: es war eine Vereinfachung, um die Grundidee zu vermitteln. Selbstverständlich ist keine eins zu eins Entsprechung zwischen umlaufende Waren und diskontierten Wechsel, und man soll auch die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes berücksichtigen. Hauptsache bleibt, dass das meiste Geld bis sehr spät in Deutschland aus dem Diskont von Handelswechseln entstand. Man hatte mehrere Mechanismen, um die Geldmenge in Schranken zu halten, zum Beispiel die Golddeckung, die Notensteuer, die Kontingentierung des Diskonts, die Diskontpolitik mit dem Diskontsatz, man betrachtete Indikatoren wie Zinssätze, Wechselkurse, Goldbewegungen und Preisindizes. So naiv war das ganze nicht, wie Humphrey es darstellt. Es war erfolgreiche Praxis. Es stimmt, dass auch Finanzwechsel mal diskontiert wurden, aber sehr beschränkt. Dass immer weniger Handelswechsel diskontiert wurden, hätte man als Alarm-Signal betrachten sollen, als Inflationszeichen, denn, wenn die Wirtschaft in "Bargeld" schwimmt, will man keinen Privatkredit geben, sondern "Barzahlung" verlangen. Der Preis einer Ware ist realativ zum Preis anderer Waren, Inflation sollte nicht nur geldpolitisch bekämpft werden. Wettbewerb gehört dazu. Es tut weh zu sehen, wie gerade heute uralte Mechanismen in Deutschland abgebaut werden. Inflation wird immer mehr als gegeben in den Gesetzen betrachtet, und damit hervorgerufen, bei Steuergesetzen (Kalte Progression), beim Erlauben von Indizierungen, usw. Inflation wird sogar von der Notenbank nicht nur als gegeben, sondern als erwünscht betrachtet: "möglichst nah, aber unter 2%".

Logik-Ratio

11. Februar 2012, 11:28

Banking und Currency Schule aus einem biophysikalischen Blickwinkel:

Geld ist ein Tauschmittel - darin stimmen sich hoffentlich beide Schulen und alle Diskutanten überein - und Geld besitzt keinen inneren Wert - vom geringen Heizwert abgesehen (zur Bedriedigung der überlebenswichtigen Grundbedürfnise, wie Essen, trinken, Schutz etc.)

Wir unterhalten uns also über die Frage, wie das Schmiermittelsystem Geld am sinnvollsten in die Maschine Volkswirtschaft initiiert werden soll bzw. wie diese Maschine konstruiert werden sollte.

Es gibt hier, unabhängig der historischen Diskussion und Bezeichnungen, unterschiedliche Optionen - z.B. die Erschaffung von 100% zentralem Vollgeld, von dezentralen Tauschwährungen, einen Edelmetallstandard, freies Warengeld, freies Geld, Kreditgeldt etc. PP.

Für mich ergeben sich 6 Kerneigenschaften von Geld - bzw. dem herrschenden Tauschmittel einer Volkswirtschaft:

a) Physikalische Limitierung - z.B. bei Gold, oder anderen Währungen kann neues Geld durch die Investition von Arbeitszeit und Kapital erzeugt werden. Die Menge entzieht sich der Kontrolle des politischen Systems - werden ergiebige Quellen gefunden, beeinflusst dies das Preisniveau bzw. die Geldmenge kann nicht an Bevölkerungsgröße oder Warenumfang angepasst werden (nur nach unten durch das Einlagern von Edelmetall)

b) Zentrale Geldkontrolle - oder dezentrale Geldkontrolle - hat eine zentrale Instanz einen Überblick über die im Umlauf befindliche Anzahl an gesetzlichen Tauschmitteln? Wie ist die rechtliche Situation?

c) Zeitliche Stabilität von Geld - Option A) langsamer Verfall (Kornwährungen) oder der Chiemgauer , Option B) Inflation - Erhöhung der Anzahl an gedruckten Scheinen / erlaubten Geldoptionen (schwierige Definition)

d) Innerer Wert - z.B. Heizwert / Nahrung bei Kronwährungen - oder reine Referenzgröße?

e) 1) Fähigkeit des Menschen zur Überprüfung der Echtheit des Geldes UND 2) Überblick über das Gesamtsystem

f) Bedeutung von Geld für die Gesellschaft - Selbstzweck oder Mittel zum Zweck

Egal ob Banking, Currency oder Hulla Hup Schule - Geld war und ist immer ein Tauschmittel und daher Teil des politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systems! Geld und Geldpolitik ersetzen nicht kluge wirtschaftliche Entscheidungen - der Wert des Geldes ist immer abhängig von äußeren Geschehnissen - sei es seitens der Natur oder seitens der Gesellschaft.

Heute ordnet sich das Geldsystem allerdings nicht mehr der Wirtschaft unter, sondern es ist DER zentrale Ankerpunkt alles wirtschaftlichen Geschehens. Geld wird zum Selbstzweck, vor allem auch weil Geld und Schuldsystem mtieinander vermischt werden, dabei sind beide Funktionen getrennt zu betrachten:

Das Schuldsystem

ist das "Gedächtnis" der Wirtschaft und das Kreditgeschäft ist sein Gegenstück. Ich bin bereit heute eine Ware zu lieferen, dafür erhalte ich morgen eine Ware zurück. Auch hier wird Geld zum Selbstzweck - obwohl es keinen inneren Wert besitzt - denn nicht die Lieferung einer bestimmten Ware ist im Vordergrund, sondern der dafür am "Markt" erziehlbare Preis.

Übersetzt bedeudet dies - die Bereitschaft eines Besitzers der "Ware" Geld dieses gegen ein Produkt zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort einzutauschen.

Damit rückt nicht mehr die Ware und der Austauschprozess in den Vordergrund, sondern "Geld" als Selbstzweck und Geld als "Speichermedium" für Waren. Würde Geld als Tauschmittel verstanden, könnte der "Schuldner" auf andere Tauschmittel ausweichen um seine Schuld zu begleichen. Betont würde das Prinzip Leistung Gegenleistung - Leistung heute gegen Leistung morgen.

Genrell muss diese Speicherung von Leistung bzw. der zeitliche Transfer sehr kritisch betrachtet werden - auf den "Strommärkten" z.B. ist die Speicherung von Elektrizität mit sehr, sehr großen Problemen verbunden und verursacht hohe Kosten - eine Überleistung heute, kann sogar zu einem Systemzusammenbruch führen.

Übertragen auf Geld bedeutet dies, dass diese "Speicherfähigkeit" von Schuld und Gegenleistung höchst problematisch ist. Es setzt auch die Einlagerfähigkeit von Waren/Dienstleistungen voraus bzw. ein höchst flexibles Austauschsystem, dass wie im Elektrizitätsmarkt sofort auf Bedarf und Angebot reagieren kann.

Der Elektrizitätsmarkt zeigt deutlich die Problematik von Märkten mit 3 Voraussetzungen a) geringe Speicherfähigkeit der Güter und b) lange Investitionszeiträume auf der Angebotseite und c) hohe externe Effekte bzw. ein komplexes Gesamtsystem, dass entweder insgesamt funktioniert oder Zussamenbricht (0 oder 1 Zustand des Systems)

Alle wichtigen natürlichen Systeme weisen diesen Zusammenhang auf. Jeder Körper speichert Nährstoffe und Energie, Wasser wird oft schnell knapp, Nahrung dauert länger, Sauerstoff nur wenige Minuten.

Unserer überlebensnotwendigen Grundbedürfnisse kann Geld, selbst Weizengeld, nicht vollständig erfüllen - es bedarf eines komplexen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systems. Wir sollten uns die Frage stellen ob das gegenwärtige System daraus abziehlt dieses Wirtschaftssystem zu erzeugen oder ob Geld nicht vielmehr zum Selbstzweck wird und die Entstehung/Erschaffung von Geld nicht als zentrales Steuerelement fungiert. Der einzelne Bürger weis nicht mehr, wieviel Geld im Umlauf ist, wo es ins System wie zugefügt wird etc. Auch über das Wirtschaftssyste wird nicht gesprochen:

Wirtschaften bedeutet vorsorgen und Leben bedeutet verfall. Alleine die Aufrechterhaltung des Lebens verbraucht Energie - von Wachstum ganz abgesehen. D.h. selbst wenn wir einen Teil unseres Einkommen nicht verkonsumieren, sondern als Risikovorsorge zurücklegen, nutzt dies der Gesellschaft auf lange Sicht, ohne Wachstum zu generieren.

Die Fokusierung auf die historische Diskussion der Currency oder der Banking Schule verengt die grundlegenden Dimensionen des Problems - ich persönliche vertrete die Auffassung, dass wir in Zukunft mehre Geldsystemebenen benötigen: Das lokale Tauschgeld ebenso, wie Geld auf Länderebene und ein anderes Geld im internationalen Güteraustausch.

Doch auch hier bleibt Geld immer nur ein Hilfsmittel Veränderungen der physischen Welt zu koordinieren.

P.S. ein weiteres wichtiges Themenfeld ist die Neuordnung von Schuld und Sühne - auf nationaler und internationaler Ebene. Der Prozess der Kreditvergabe birgt immer Risiken, für beide Parteien, daher ist die zentrale Frage wie weit wir rechtlich die Schuld dem Gläubiger / Schuldner zurechnen bevor eine Schuld erlischt. Schuld bezieht sich immer auf Geschehnisse der Vergangenheit, setzt allerdigns Anreize zum handeln in der Gegenwart und Formt das System der Zukunft als Wechselspiel zwischen Angebot und Nachfrage (Siehe auch Diskussion der Elektrizitätswirtschafts, das Atomstromangebot in Frankreich führt zu einem hohen Angebot an Elektroheizungen, eine hohe Spitzenlastnachfrage, führt zu Spitzenlastkraftwerken und teuren Preisen, was wiederum im Versuch mündet die Bedarfspitzen im Verbrauch zu dämpfen, was wiederum Spitzenlastkraftwerke überflüssig werden lässt usw. usf.)        

Systemfrager

11. Februar 2012, 11:34

http://www.systemfrage21.de

@ Bashi49

>>> Es wird so sein, wie es immer war: Die Banken erhalten ja keine Geschenke, sondern Kredite, die zurückgezahlt werden müssen.

Das ist mir was Neues. Oder soll es ein Witz sein?

.

>>> Daher kommt demnächst die jahrelange Deflation mit Niedergang der Wirtschaft nebst sozialen Unruhen und politischen Verwerfungen. Wenn es dann wieder bergauf zu gehen scheint [?], beginnt die Inflation, steigert sich zur Hyperinflation

Was jetzt? Kommt nach dem Aufschwung Deflation oder Hyperinflation - oder beides gleichzeitig? (Dann ist die Treffsicherheit 50%) Also noch einmal Galbrath lesen, du hast ziemlich alles durcheinander gebracht

.

>>> Der gesunde wirtschaftliche Kern blieb erhalten [dank Volckers Hochzinspolitik]

Ach so, du meinst, man hat die reale Wirtschaft geretet, indem man sie vorläufig bei den chinesischen Kommunisten auslagerte

.

Tja: Eine großartige Kombination von Realitätsfremdheit und verworrenem Denken  

Gerald Braunberger

11. Februar 2012, 12:50

Generell - und das bezieht sich auf mehrere Beiträge - ist es ganz hilfreich, bei Diskussionen über Geld und Kredit nicht zu vergessen, dass sie als Folge von Marktprozessen zustande kommen; das heißt: als Ergebnis von Angebot und Nachfrage.

Nur zwei Beispiele:

1. Man kann gelegentlich lesen, die Zentralbank könne die Geldbasis steuern. Tatsächlich gibt es aber auch für Zentralbankgeld einen Markt mit der Zentralbank als Anbieter und den Geschäftsbanken als Nachfragern. Nun mag in ruhigen Zeiten das Nachfrageverhalten der Geschäftsbanken kein Geheimnis für die Zentralbank sein, in Krisenzeiten mit hoher Verunsicherung unter den Geschäftsbanken und einer daraus folgenden hohen Liquiditätspräferenz ist die Nachfrage aber schwer einzuschätzen. Daher kontigentiert die EZB ihre Dreijahrestender (den vergangenen und den kommenden) nicht und daher gehen die Schätzungen über das Volumen des kommenden Tenders so extrem weit auseinander.

2. Auch bei Schilderungen, Geschäftsbanken erzeugten durch Kredittvergabe Geld aus dem Nichts - sozusagen mit dem Zauberstab, sollte man nicht vergessen, dass dieser Geldentstehung ein Marktprozess auf dem Kreditmarkt zugrunde liegt mit den Geschäftsbanken als Kreditanbietern und Unternehmen/Pivatpersonen/Finanzinstitute/Staat als Kreditnachfragern.

Die Geldmenge (egal in welcher Definition) entsteht nicht alleine als Ergebnis von Angebotsentscheidungen.

Gruß

gb.

Logik-Ratio

11. Februar 2012, 13:08

@ Braunberger

Ihre Aussage bzgl. der "Marktprozesse" ist vollkommen richtig und ein wichtiger Punkt. Sind Sie allerdings nicht auch der Meinung das Geld und Schuld/Kreditsystem getrennt werden oder zumindest getrennt betrachtet werden sollten?

Zudem sollten wir einen internationalen Rechtsrahmen errichten der 2 Punkte regelt:

a) Insolvenz bzw. Überschuldung von Staaten in Anlehnung an nationale Insolvenzregeln für z.B. Privatpesonen?

b) Der Fokus auf die Frage, was die Banken mit den Krediten finanzieren? Mir flattern von vielen Banken jede Woche neue Schreiben ins Haus, ob ich nicht Interesse hätte an diesem oder jenen Kredit.

Daher ist für mich der "Marktprozess" ein wichtiger Ansatzpunkt, allerdings ist der Markt kein "höheres Wesen" sondern die Summe des menschlichen Handelns incl. der inneren Werte.

Mich würde ihre Meinung zu diesen Aussagen sehr interessieren.

Gerald Braunberger

11. Februar 2012, 13:55

"Sind Sie allerdings nicht auch der Meinung das Geld und Schuld/Kreditsystem getrennt werden oder zumindest getrennt betrachtet werden sollten?"

a) Ich habe in den vergangenen 12 Monaten in der F.A.Z. mit Verweis auf ältere und moderne Arbeiten von Ökonomen mehrfach geschrieben, dass man gleichzeitig Geld- und Kreditmärkte analysieren sollte (weitere Informationen dazu finden Sie in unserem geldpolitischen Schwerpunkt www.faz.net/geldpolitik) und dass die Vernachlässigung solcher Analysen durch die moderne Makroökonomik der vergangenen 20 Jahre nicht glücklich war. Mittlerweile gibt es aber wieder zahlreiche Ökonomen, die Geld und Kredit analysieren.

b) Ich habe keine fundamentalen Probleme mit unserer aktuellen Geldordnung eines zweistufigen Bankensystems bestehend aus einer Zentralbank und Geschäftsbanken, auch wenn die Krise uns Schwächen dieser Ordnung gezeigt hat. Allerdings sind manche Kritikpunkte, zum Beispiel der von Austrians gerne erwähnte Cantillon-Effekt, in Zeiten niedriger und kaum schwankender Inflationsraten aus empirischer Sicht unerheblich.

"Der Fokus auf die Frage, was die Banken mit den Krediten finanzieren? Mir flattern von vielen Banken jede Woche neue Schreiben ins Haus, ob ich nicht Interesse hätte an diesem oder jenen Kredit."

Noch einmal: Mit der Unterscheidung zwischen Sach- oder Warenkrediten und anderen Krediten erklärt man empirisch nicht viel, wenn es um Krisen geht. Vielen Krisen gehen Booms an Immobilienmärkten voraus, aber ist ein Immobilienkredit nicht auch ein Sachkredit? Moderne Ökonomen schauen sich eher aggregierte Bilanzen des Banksystems oder von Teilen des Banksystems (z.B. Schattenbanken) an. Auch dazu findet sich in dem oben genannten Schwerpunkt www.faz.net/geldpolitik etwas.

Gruß

gb.

Logik-Ratio

11. Februar 2012, 14:19

@ Herr Braunberger

Natürlich können empirische Arbeiten Krisen nicht durch die Kategorisierung von Kreidten erklären - jede Studie steht vor dem Problem der Kategorisierung - was ist Investition, was ist Konsum bzw. zu welchem Prozentsatz.

--

Ich stelle auch nicht per se das 2 Stufige Modell in Frage - nur kann man den Fakt nicht leugnen, dass alle! Geschäftsbanken direkt oder indirekt von den Zentralbanken oder den Staaten gerettet wurden. Das Argument Geschäftsbanken seien die Garantie für einen verantwrotungsvollen Umgang mit Kredit / neu geschöpften Geld kann nicht mehr aufrecht erhalten werden - zumndest nicht in den bestehenden Strukturen.

--

Es ist einfach nicht zu erklären, wieso Banken mit einfachen Geldleihgeschäften Gewinne erwirtschaften können, in dem Sie Geld von der EZB/FED leihen und an klamme Staaten weiterleiten, wenn die Banken im Falle eines Falles nicht mehr mit ihrem Eigenkapital haften müssen (und trotzdem ihre Bonuszahlunge erhalten.) Das widersricht sämmtlicher marktwirtschaftlicher Logik - Unternehmer haften zumindest mit dem eingesetzten Kapital.

--

Mich würde es zudem interessieren, wieso Sie im Schuldensystem kein Problem sehen. Sind Schulden und Geld nicht zwei fundamental unterschiedliche gesellschaftliche Regelsysteme, wie z.B. Einkommen und Vermögen? Die Welt ist Jahrtausende ohne Rechtssystem funktionstüchtig gewesen, solange Geld ein Tauschmittel war - Schuldsysteme führten immer zum Aufbau einer gesellschaftlichen Regelinstanz z.B. der Justiz.

--

Wir kennen den Begriff "Schuldknechtschaft" und kennen die heilende Wirkung von Insolvenzen, seien Sie privat oder geschäftlich - es gibt, bis auf der zwischenstaatlichen Ebene kein Schuldsystem ohne Insolvenzrecht. Wäre der wichtigste Punkt über den wir uns unterhalten sollten, daher nicht vordringlich der Aufbau einer Insolvenzordnung für Staaten, bevor wir über Geldmengen und deren Wirkung diskutieren?

--

Für eine Analyse wäre ich Ihnen sehr verbunden - Ihre Arbeiten werde ich im Anschluss, nachdem ich meine unmittelbaren Gedanken niedergeschrieben habe, genauer durcharbeiten. Vielen Dank.

P.S. ich habe oftmals das Gefühl, dass vor allem in der Ökonomie gerne über einen unbedeutenden Effekt diskutiert wird, während der Elefant im Porzelangeschäft unerwähnt bleibt.

Systemfrager

11. Februar 2012, 14:19

http://www.systemfrage21.de

@ Braunberger

>>> Mit der Unterscheidung zwischen Sach- oder Warenkrediten und anderen Krediten erklärt man empirisch nicht viel, wenn es um Krisen geht.

.

1) Man erklärt ökonomische Zyklen der freien Marktwirtschaft nicht (meine Rede), weil ihre Ursachen nicht monetärer Natur sind. Was auch immer das Geld war und wie auch immer das Finanzsystem in den letzten 2 Jh konstruiert war, die ökonomischen Zyklen sind sicher wie Amen in der Kirche aufgetaucht

.

2) Man erklärt aber wie in den lezten Jahrzenten die Völker enteigent wurden, wie man 99% von 1% regelrecht ausgeplündert hat

.

Das spekulative Sparen als staatlich legalisierte Plünderung der Bürger

www.forum-systemfrage.de/.../ca46f.php

rum

11. Februar 2012, 14:42

http://www.mariensaeule.de

"Aber ist ein Immobilienkredit nicht auch ein Sachkredit?" --- Das ist eine sehr wichtige Frage. Kann man eine Immobilie verkaufen und ein Handelswechsel ziehen, um ihn dann bei der Notenbank zu diskontieren? Nein. Eine Immobilie ist nicht eine Ware, die umläuft, sie ist eine Anlage, die man in der Regel stückweise verkauft: als Miete bis zum Ende der Restnützungsdauer. Wohnungsbau finanziert man nicht mit Notenbankkredit. Anlagen finanziert man mit längerfristigen Krediten, aus Ersparnissen. Längerfristige Kredite darf die Notenbank nicht vergeben: die dreijährigen Kredite der EZB sind eine Schande! Eine Bank nimmt heute kurzfristige Kredite bei der Notenbank, finanziert längerfristige Anlagen damit, und wenn die Sache schief läuft, jammert und verlangt, gerettet zu werden, weil sie systemisch so wichtig sei. Da die Kredite der EZB immer längerfristiger werden, besteht diese Gefahr langsam nicht mehr. Nun, wenn man früher gegen eine Notenbank schimpfen wollte, verglich man sie mit einer zahlungsunfähigen Hypothekenbank. Die EZB ist gegenüber Beschimpfungen immun.

Gerald Braunberger

11. Februar 2012, 14:54

@ rum

"Kann man eine Immobilie verkaufen und ein Handelswechsel ziehen, um ihn dann bei der Notenbank zu diskontieren? Nein."

Vielleicht können wir uns darauf verständigen, in einer Zeit zu leben, in der Handelswechsel keine bedeutende Rolle in der Finanzierung mehr spielen. Sie werden auch kaum wiederkehren. Sie können als Bank zwar keinen Wechsel auf eine Immobilie ziehen, aber Sie können als Bank den Immobilienkredit mit anderen Immobilienkrediten verbriefen und die daraus entstandene hypothekenbesicherte Anleihe als Sicherheit (collateral) für einen Kredit bei der Zentralbank verwenden.

"Eine Bank nimmt heute kurzfristige Kredite bei der Notenbank, finanziert längerfristige Anlagen damit, und wenn die Sache schief läuft, jammert und verlangt, gerettet zu werden, weil sie systemisch so wichtig sei."

Fristentransformation ist keine Erfindung unserer Zeit. Die sogenannte "Goldene Bankregel" war immer nur etwas für die Lehrbücher.

Gruß

gb.

Logik-Ratio

11. Februar 2012, 16:08

@ alle

bzgl. Immobilienwerten - müsste hier nicht erst einmal zwischen privaten Immobilien und wirtschaftlichen Nutzbauten, mit allen Schwierigkeiten der Kategorisierung, unterschieden werden? Ferienwohnungen, Häuser etc. sind immre eine Konsumentscheidung. Sicherlich auch mit positiven Anreizwirkungen auf Menschen, aber auf jeden Fall keine Investition in leicht handelbares Sachvermögen oder in Produktivvermögen.

Es ist wie auf vielen Märkten - gibt es zuviel Angebot als Nachfrage, ist die Ware sehr wenig Wert, bis es wieder eine Knappheit an Produkten gibt. D.h. es gibt in der Regel im Privatimmobilienmarkt eine Sättigungsmenge, was auch nachvollziehbar ist, da der Mensch in der Regel keine zu großen Wohnungen mag (zuviel Arbeit) und keine zu kleinen Wohnungen (bzw. unbequeme, nicht modernisierte etc.).

Gibt es irgendeinen Zusammenhang zwichen verbesserter volkswirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und privaten Immobilien?

germon

11. Februar 2012, 16:13

Ich komme noch mal auf die im Blog erwähnten "feste Vorstellung von den Wirkungsketten" zurück, die zerstrittene Wirtschaftswissenschaft nicht zustande bringt.

Man kann sich in dem Chaos natürlich endlos über Kreditformen und Beziehungen untereinander unterhalten. Ich bevorzuge eigentlich nur zwei Formen von Kredit: die zurückgezahlt werden, und die nicht zurückgezahlt werden. Den "endlosen" und zugleich expandierenden Kredit, es handelt sich meist um den Staatskredit, finde ich als endlose Geschichte den interessantesten, weil eben auch diese Geschichte ein bestimmtes "Ende" hat (mit bestimmten Wirkungsketten), während alle anderen ja gewöhnlich enden, wenn sie getilgt sind.

rum

11. Februar 2012, 16:37

http://www.mariensaeule.de

@Gerald Braunberger. Gerade bei Immobilienkrediten/Hypothekenbanken galt die Goldene Regel, also nicht nur etwas für Lehrbücher. In der Tat ist die Fristentransformation nichts Neues, aber sie bedeutet ein Risiko, das erwägt werden soll. Weder Steurzahler (durch Bankenrettung), noch Sparer, Lohnempfänger oder andere Gläubiger (durch Inflation) müssen für dieses Risiko bürgen. Es kann nicht die Regel sein, ständig kurzfristigste Kredite der Notenbank in langfristige Kredite umzuwandeln, um dabei unabhängiger von Ersparnissen zu sein. Gebündelte Hypothekenkrediten als Sicherheit bei der Notenbank fördern Immobilienblasen, so wie Staatspapiere Staatsverschuldung: es ist indirekte Immobilienfinanzierung bzw. Staatsfinanzierung durch die Notenbank, es sollte unerlaubt sein. Nach der großen Inflation sollte der Gebrauch des Handelswechsels wieder belebt werden. Es geht nicht darum, dass er tot ist, sondern um die Beschaffenheit dieses Kredites. Ich stimme aber zu, dass das ganze nicht einfach zu regeln ist.

rum

11. Februar 2012, 17:26

http://www.mariensaule.de

@Logik-Ratio. Eine Immobilie für eigenen Gebrauch kauft man entweder auf Kredit und zahlt man sie Jahrzehnte lang, oder kauft man sie mit Ersparnissen am Ende seines Lebens, oder erbt man sie, oder mietet man sie. Notenbankkredit kommt für Verbrauch nicht in Frage. Auch wenn man Wohnungen industriell produzieren könnte, sollte der Notenbankkredit für den Absatz von Immobilien nicht in Frage kommen. Wie lange braucht man, um eine Immobilie zu verkaufen? Wer trägt das Risiko der Preisschwankungen? Und wenn die Immobilienindustrie das ganze Land und Teil des Meeres gepflastert hat, einschließlich des Starnbergersees?

Gerald Braunberger

11. Februar 2012, 17:36

@ Logik-Ratio

"Ich stelle auch nicht per se das 2 Stufige Modell in Frage - nur kann man den Fakt nicht leugnen, dass alle! Geschäftsbanken direkt oder indirekt von den Zentralbanken oder den Staaten gerettet wurden. Das Argument Geschäftsbanken seien die Garantie für einen verantwrotungsvollen Umgang mit Kredit / neu geschöpften Geld kann nicht mehr aufrecht erhalten werden - zumindest nicht in den bestehenden Strukturen."

Das wissen wir spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Gedanke, dass eine Zentralbank durch eine reichhaltige Geldversorgung ein angeschlagenes Bankensystem stabilisieren (aber nicht einzelne insolvente Banken retten!) soll, stammt von dem britischen Wirtschaftsjournalisten und Ökonom Walter Bagehot (1826 bis 1877) und ist eine Folge von unerfreulichen Vorgängen in der Londoner City gewesen, die das britische Banksystem bedrohten. An das Prinzip halten sich Zentralbanken noch heute und ich finde daran nichts Verwerfliches - allerdings haben Zentralbanken in der aktuellen Krise mit Maßnahmen wie Staatsanleihekäufen auch Dinge getan, die nicht bei Bagehot stehen.

"Das widersricht sämmtlicher marktwirtschaftlicher Logik - Unternehmer haften zumindest mit dem eingesetzten Kapital."

Es stimmt, dass Banken in dieser Beziehung anders sind, aber mir scheint, dass Sie das Problem nicht vollständig beseitigt bekommen, solange Sie als Zusamenbruch einer größeren Bank einen Systemcrash befürchten müssen. Deswegen ist ja die Frage einer effizienteren Regulierung ein seit wenigen Jahrenheiß diskutiertes Thema. Übrigens wäre es in einer Welt privaten Geldes sehr wahrscheinlich nicht anders: Nehmen Sie an, es gäbe in Deutschland eine sehr große Bank mit z.B. 10 Millionen Kunden, die umzufallen drohte (und auch eine Bank mit privatem Geld könnte in Situationen gelangen, in denen sie umzufallen droht). In einer solchen Situation geriete der Staat angesichts der sehr hohen Zahl potentieller Geschädigter unter erheblichen Druck, diese Bank zu stabilisieren.

"Die Welt ist Jahrtausende ohne Rechtssystem funktionstüchtig gewesen, solange Geld ein Tauschmittel war - Schuldsysteme führten immer zum Aufbau einer gesellschaftlichen Regelinstanz z.B. der Justiz."

Da habe ich ein anderes Geschichtsbild als Sie. Bis frühestens in der Renaissance dürften die meisten Menschen niemals mit (Münz-)Geld in Verbindung gekommen sein. Die Ökonomien bis mindestens dahin waren überwiegend Tauschwirtschaften; Geldwirtschaft war auf wenige Menschen beschränkt. Die Verbreitung des Geldes innerhalb breiter Bevölkerungsschichten ging in Europa in etwa mit der Bildung stabiler Staaten einher und mit der Bildung der Staaten bildeten sich auch Rechtssysteme heraus. Die Vorstellung eines prosperierenden Gemeinwesens ohne staatliche juristische Institutionen erscheint mir weit hergeholt - auch wenn es ein paar Anarcholibertäre geben mag, die davon träumen (ich habe lange nichts mehr von Hans-Hermann Hoppe gelesen, vermutlich findet man da etwas in der Richtung).

Gruß

gb.

Logik-Ratio

11. Februar 2012, 19:56

@ Herr Braunberger

--

"Das wissen wir spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Gedanke, dass eine Zentralbank durch eine reichhaltige Geldversorgung ein angeschlagenes Bankensystem stabilisieren (aber nicht einzelne insolvente Banken retten!) soll, stammt von dem britischen Wirtschaftsjournalisten und Ökonom Walter Bagehot (1826 bis 1877) und ist eine Folge von unerfreulichen Vorgängen in der Londoner City gewesen, die das britische Banksystem bedrohten. An das Prinzip halten sich Zentralbanken noch heute und ich finde daran nichts Verwerfliches - allerdings haben Zentralbanken in der aktuellen Krise mit Maßnahmen wie Staatsanleihekäufen auch Dinge getan, die nicht bei Bagehot stehen. "

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Dazu möchte ich anmerken, dass damals der Goldstandard gepflegt wurde - der Staat kann, es sei denn über nukleare Brutreaktionen im geringen Umfang, kein Gold aus dem erschaffen. Zentralbanken heute müssen nur noch einen Knopf an einem Computer drücken.

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Wichtig finde ich auch ihre Aussage, dass das System stabilisiert werden soll - hier stimme ich Ihnen ausdrücklich zu - nur muss dann auch a) eine Konsequenz gezogen werden, nämlich der Umbau des Systems und b) dürfen nicht einzelne Banken incl. überzogener Bonuszahlungen "gerettet" werden.

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Wenn das System stabilisiert werden soll genügt die Rettung NACH der Insolvenz, d.h. die Zusage sämtlicher Zahlungen an die Gläubiger. Wenn eine zentrale staatliche Insitution, sei es das Finanzministerium oder die Zentralbank, dazu gezwungen wird in einem solchen Umfang einzugreifen MUSS zwangsweise eine umfangreiche jusristische Aufarbeitung folgen.  Diese ist bisher ausgeblieben obwohl offensichtlich viel gelogen und betrogen wurde.

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"Es stimmt, dass Banken in dieser Beziehung anders sind, aber mir scheint, dass Sie das Problem nicht vollständig beseitigt bekommen, solange Sie als Zusamenbruch einer größeren Bank einen Systemcrash befürchten müssen. Deswegen ist ja die Frage einer effizienteren Regulierung ein seit wenigen Jahrenheiß diskutiertes Thema. Übrigens wäre es in einer Welt privaten Geldes sehr wahrscheinlich nicht anders: Nehmen Sie an, es gäbe in Deutschland eine sehr große Bank mit z.B. 10 Millionen Kunden, die umzufallen drohte (und auch eine Bank mit privatem Geld könnte in Situationen gelangen, in denen sie umzufallen droht). In einer solchen Situation geriete der Staat angesichts der sehr hohen Zahl potentieller Geschädigter unter erheblichen Druck, diese Bank zu stabilisieren."

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Wie ich bereits weiter oben geschrieben habe, unterstütze ich staatliche Eingriffe - wenn dann auch der Vorgang juristisch und politisch aufbereitet wird. Zudem dient der staatliche Eingriff der Gesamtsystemstabilisierung - also eines dem Bankensektor Währungssystem übergeordneten gesellschaftlichen Gesamtsystem. Zweck des Eingriffs ist ein geordneter Übergang zu einem neuen System, mit signifikanten Veränderungen oder das Erkaufen von Zeit für die Ausarbeitung eines neuen Systems. Bisher sehe ich hier keine Veränderung. Ich empfinde es als obszön, wenn 22 jährige Bacheloreabsolventen in der Bankenbranche noch immer 120.000 € verdienen und Seniorberater Millioneneinkommen kassieren.

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Würde das Einkommen auf einer unternehmerischen Leistung beruhen oder generell der Allgemeinheit nützen, habe ich nichts gegen, auch hohe Einkommen - nur haftet hierfür direkt oder indirekt der deutsche Bürger, sei es über Steuern oder über das Geldsystem. Wie bereits mehrmals erwähnt, unterstütze ich die Systemrettung, aber nicht auf diese Art und Weise.

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Zudem vergessen Sie einen wesentlichen Punkt - in dem von Ihnen geschilderten Fall haben die Bürger eigenständige Entscheidungen getroffen Ihr Geld diesen Unternehmen anzuvertrauen. In dem jetzigen System haftet auch der vorsichtige Volksbanknutzer oder der Ethikbankkunde für die Verfehlungen und Exzesse der anderen Banken.

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"Da habe ich ein anderes Geschichtsbild als Sie. Bis frühestens in der Renaissance dürften die meisten Menschen niemals mit (Münz-)Geld in Verbindung gekommen sein. Die Ökonomien bis mindestens dahin waren überwiegend Tauschwirtschaften; Geldwirtschaft war auf wenige Menschen beschränkt. Die Verbreitung des Geldes innerhalb breiter Bevölkerungsschichten ging in Europa in etwa mit der Bildung stabiler Staaten einher und mit der Bildung der Staaten bildeten sich auch Rechtssysteme heraus. Die Vorstellung eines prosperierenden Gemeinwesens ohne staatliche juristische Institutionen erscheint mir weit hergeholt - auch wenn es ein paar Anarcholibertäre geben mag, die davon träumen (ich habe lange nichts mehr von Hans-Hermann Hoppe gelesen, vermutlich findet man da etwas in der Richtung)."

--

Ich behaupte nicht, dass in der Steinzeit oder in der Antike breite Bevölkerungsschichten mit Münzgeld handelten. Im Gegenteil, Tauschwirtschaft oder andere System werden bevorzugt worden sein. Wobei ich nicht ausschließen möchte, dass im römischen Reich oder in China ein großer Anteil der Bevölkerung Münzen nutzte. Gerade in diesem Punkt ist es wichtig zu erwähnen, dass auch damals der Staat die Nutzung von Münzgeld durch die Eintreibung von Steuern auf Münzbasis beeinflusste.

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Meine Aussage bezog sich auf das Welthandelssystem-selbst in der Steinzeit wurden Güter (und Technologien) über weite Strecken gehandelt und ausgetauscht. Dafür benötigte es kein übergreifendes Rechtssystem, weil das Geld oder der Tausch nicht auf einem Kredit oder einer Schuld basierte.

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Gerade Rom musste sogar zweitweise, insofern sich mein Gedächtnis nicht täuscht, den Handel mit China (Seide) einschränken, weil der Abfluss an Gold und Silber die Geldmenge im Reich gefährlich absenkte. Wird zudem nicht auch als ein begünstigender Faktor des Zusammenbruchs die Tauschwirtschaft der Germanen genannt, die sich nicht in das Geldsystem der Römer integrierten?

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Ich wollte mit meiner Aussage nur darauf hinweisen, dass Geld und Schuld zwei utnerschiedliche Funktionen erfüllen und eine Weltschuld auch eine Weltjustiz benötigt, die den Schuldner im Zweifel zwingt zu bezahlen bzw. eine Insolvenz regelt. Gäbe es die "Schuld" / den Krdit nicht, wäre z.B. Griechenland eben Pleite und könnte nur soviel importieren wie es bezahlen kann. Papiergeld auf Schuldbasis ist eine moderne Erfindung und man sollte das aktuelle System, seit Mitte der 70er Jahre, als größtes moderne Währungsexperiment bezeichnen.

Logik-Ratio

11. Februar 2012, 20:18

@ rum

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Es ist eine politische und gesellschaftliche Frage wie der Zugang zu Ressourcen geregelt wird. Ich halte es für komisch, dass unsere Gesellschaft technologisch bedingt immer reicher wird, aber eigene Häuser nur gegen volatile Kredite an die nachfolgenden Generationen vergeben werden, wobei man heute jedes Auto für 0% auf Rate kaufen kann.

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Würde die Bundsbank jedem Bundesbürger anbieten ihm den Hauskauf für 0% zu finanzieren, zzgl. paralleler Anreize zur Vermeidung der Flächenzersiedelung (Appartmenthäuser mit Eigentumswohnungen z.B.), würde die ökonomische Welt in Deutschland nicht zusammenbrechen.

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Ich kenne viele reiche Erben die sehr Tatkräftig arbeiten, obwohl Sie von ihren Eltern Autos, Häuser etc. geschenkt erhalten. Ich glaube die Einführung eines Kredits für definierte Sachwerte ist nicht unser Problem. Unser Hauptproblem ist die Zerstörung der Moral und der Eigenverantwortung, so wie eine Zerstörung der dezentralen Entscheidungsmöglichkeiten. Damit meine ich vor allem auch unternehmerisches Handeln - die meisten großen "Unternehmen" einschl. der Banken verdienen diese Bezeichnung nicht mehr. Es sind große Institutionen in denen keiner mehr für seine Fehler einstehen muss bzw. haftet.

--

Das gleiche gilt für gr. Banken und selbst für die Banker der Zentralbanken. Unser Problem ist der glaube, dass es egal ist welche Zukunft wir anstreben und wie wir unser Geld heute ausgeben - Konsum, Konsum, Konsum - jeder Nippes wird gekauft.

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Auf der anderen Seite können wir nicht ewig mit 2-3% pro Jahr real wachsen. Historisch sind 0,5 - 1,5 GROSSE Wachstumsraten. In einigen Bereichen macht Wachstum einfach keinen Sinn - es gibt Sättigungsmengen, z.B. auch bei Immobilien und Fortbewegungsmittel. Was möchten wir als Gesellschaft denn erreichen?

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Jede VWL verwendet, wie jedes Lebewesen, seine Energie für 3 Bereiche:

a) Enegiegewinnung - z.B. Photosynthese oder Jagd

b) Sicherung des Systems / Metabolismus - notwendige Energie zum Selbsterhalt

c) Wachstum - im Regelfall bis zu einem bestimmten Optimalpunkt

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In den letzten 100 Jahren ist es der modernen Gesellschaft gelungen unter hohem fossilen Energieeinsatz eine Überversorgung der Bevölkerung zu erarbeiten - bei steigenden Bevölkerungszahlen. Wir müssen nicht hungern, sondern produzieren soviele Nahrungsmittel, dass wir Sie verheizen können udn nur das Schmackhafteste verzehren. Wir müssen nicht frieren oder schwitzen, reisen in einem Tag um die Welt und werden älter als Könige und Kaiser.

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Wir haben einen 4. Bereich erschaffen, die überflüssige Energie, die wir in vieles Investieren könnten z.B. eine Energiewende anstatt spanische Immobilienruinen. Diesen "Überschuss" und ein Mangel an "Investitionsmöglichkeiten" wegen einer generellen Marktsättigung, kann unser System nicht abbilden, weil unser Geldsystem überfluss nicht abbilden kann.

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Der Sündenfall der EZB ist nicht die Erschaffung von Geld oder der Aufkauf von Staatsschulden - der Sündenfall der EZB ist die Priveligierung bestimmter Bevölkerungsschichten z.B. über ihr Einkommen oder durch den Schutz ihres Eigentums. Ein weiterer Sündefall ist der Versuch dies alles hinter fragwürdigen ökonomischen Begründungen zu verbergen. Und der größte Sündenfall ist es überhaupt keine Ziele mehr zu nennen, welche für die Gesellschaft erstrebenswert sind.

Systemfrager

12. Februar 2012, 06:49

http://www.systemfrage21.de

@ Logik-Ratio

>>> Der Sündenfall der EZB ist nicht die Erschaffung von Geld oder der Aufkauf von Staatsschulden - der Sündenfall der EZB ist die Priveligierung bestimmter Bevölkerungsschichten z.B. über ihr Einkommen oder durch den Schutz ihres Eigentums. Ein weiterer Sündefall ist der Versuch dies alles hinter fragwürdigen ökonomischen Begründungen zu verbergen. Und der größte Sündenfall ist es überhaupt keine Ziele mehr zu nennen, welche für die Gesellschaft erstrebenswert sind.

Das war großartig! Chapeau!

.

"Ich sehe in naher Zukunft eine Krise heraufziehen. In Friedenszeiten schlägt die Geldmacht Beute aus der Nation und in Zeiten der Feindseligkeiten konspiriert sie gegen sie. Sie ist despotischer als eine Monarchie, unverschämter als eine Autokratie, selbstsüchtiger als eine Bürokratie. Sie verleumdet all jene als Volksfeinde, die ihre Methoden in Frage stellen und Licht auf ihre Verbrechen werfen. Eine Zeit der Korruption an höchsten Stellen wird folgen, und die Geldmacht des Landes wird danach streben, ihre Herrschaft zu verlängern, bis der Reichtum in den Händen von wenigen angehäuft und die Republik vernichtet ist."

.

US-Präsident Lincoln  kurz vor seiner Ermordung

rum

12. Februar 2012, 08:56

http://www.mariensaeule.de

@Logik-Ratio. Die Zentralbank hat eine volkswirtschaftliche Aufgabe, eine nicht immer einfache Aufgabe, sie hat keine politische oder soziale Aufgabe, und das ist gut so, das ist Arbeitsteilung, sie soll sich auf ihre Aufgabe und nur auf ihre Aufgabe konzentrieren. Wenn wir wirklich reich sind und immer reicher werden, dann wird es sicher genug Menschen geben, die zeitlich auf den Verbrauch ihrer Ersparnisse verzichten, damit andere eine Wohnung kaufen. Das Auto für 0% Kredit ist illussion, die Zinsen zahlen Sie versteckt im Preis; wenn Sie sofort zahlen, kriegen Sie es sicher günstiger, eventuell nach ein einem wenig Verhandeln: was zwischen Freunden und Verwandten üblich ist, Geschenke, ist in der Wirtschaft sehr selten.  Unser Hauptproblem ist mehr als die Zerstörung der Moral, der Eigenverantwortung, der dezentralen Entscheidungsmöglichkeiten: wir bewegen uns wieder Richtung Totalitarismus, der Staat will besser als alle andere wissen, was gut für "uns" (und das bedeutet nicht jeden) ist. Es wird ein Rundfunk dazu gezüchtet und mit dem Geld der anderen verwöhnt, der gesetzliche Auftrag auf Grundversorgung: uns zu informieren, bilden, unterhalten und orientieren. Es ist kein Angebot, es ist ein Zwang, "Rundfunkteilnehmer" zu sein. Der Staat soll die Bürger bilden, nicht umgekehrt. Es ist ein großes Problem, denn selbst ehemalige Verfassungsrichter diese Sache mitmachen.

Gerald Braunberger

12. Februar 2012, 09:31

Zum Thema Bundesbank und Banking-School hier ein nicht mehr ganz taufrisches Gutachten, verfasst unter anderem von Otmar Issing, als er noch nicht bei der Bundesbank war:

epub.ub.uni-muenchen.de/.../6575.pdf

(Das Werk leistete mir am Anfang meiner journalistischen Laufbahn gute Dienste.)

Gruß

gb

Systemfrager

12. Februar 2012, 09:34

http://www.systemfrage21.de

@ rum

>>> Unser Hauptproblem ist mehr als die Zerstörung der Moral, der Eigenverantwortung, der dezentralen Entscheidungsmöglichkeiten: wir bewegen uns wieder Richtung Totalitarismus, der Staat will besser als alle andere wissen, was gut für "uns" (und das bedeutet nicht jeden) ist

.

Braucht man mehr Heuchelei und Zynismus? Nicht der Staat, sondern der Reiche ist der  größte Tyrann. Und das war von Anfang an klar:

.

"Die landbesitzende Aristokratie der vergangenen Zeitalter war durch das Gesetz verpflichtet oder Glaubte sich durch die Sitten gehalten, ihren Dienern zu Hilfe zu kommen und ihre Not zu lindern. Die Aristokratie der Fabrikanten unserer Tage jedoch überläßt die Menschen, nachdem sie sie in ihrem Dienst elend und stumpf gemacht hat, in Kriesenzeiten der öffentlichen Wohltätigketi, um sie zu ernähren. ... Zwischen dem Arbeiter und dem Herrn gibt s häufige Beziehungen, aber keine wirkliche Gemeinschaft.

Im ganzen genommen ist, glaube ich, die Aristokratie der Fabrikanten, die wir vor unseren Augen erstehen sehen, eine der härtesten, die auf Erden erschienen ist."

Tocqueville

.

"1960 hatte das reichste Fünftel der Weltbevölkerung ein Gesamteinkommen, das 30mal so hoch war wie dasjenige des ärmsten Fünftels; 1998 betrug dieses Verhältnis 74 zu 1."

Der liberale Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson

.

Die ganze Verleumdung des Staates ist nur ein durchsichtiger Manöver, die Tyrannei der Reichen zu verschleiern. Bisher schien dies zu funktionieren, nun stehen wir vor dem Abgrund

schustla

12. Februar 2012, 18:51

http://www.lambertschuster.de

Danke für diesen Artikel, den ich mit Interesse und Aufmerksamkeit gelesen habe. Als Unternehmensberater und als Krisenberater gerate ich immer wieder in Situationen, in denen die Banken (oft aber nicht immer aus verständlichen Gründen) dem Unternehmer den Hahn zudrehen. Das geht dann brutal vonstatten und bringt den Unternehmer an den Ruin. Aktuell habe ich den Fall einer privaten Schule, bei der der überschuldete Unternehmer seine Immobilie verkauft hatte, um Liquidität zu schaffen. Was hat die Bank (eine große deutsche Bank) gemacht? Sie hat das Geld einbehalten (ich würde sagen "zweckentfremdet") und damit den laufenden Kredit gitilgt. Übrigens entgegen den Absprachen. Jetzt besteht die Gefahr, dass die Schule schließen muss und die Schüler das Nachsehen haben.

Leider ein Beispiel eines schlechten Verhaltens der Bank und Ausspielen der Macht.

rum

12. Februar 2012, 18:54

http://www.mariensaeule.de

Danke, Herr Braunberger, für den Hinweis. Zwar habe ich Probleme mit

Issings Ansichten, aber das Gutachten finde ich sehr interessant, um zu

verstehen, wie diese neue Ordnung der Geldpolitik entstanden ist. Ich

muss es wie ein Philologe lesen, es wird Zeit brauchen, und ich werde es

wahrscheinlich nicht so schnell schaffen, um in diesem Blog darüber zu

diskutieren.

Unten ist auszugsweise ein Aufsatz aus den 30ern Jahren, aus der Reichsbank, wahrscheinlich eine Publikation, nur um zu zeigen, dass

auch damals  Kritik an den Handelswechsel als Grundlage der Geldpolitik

gab. Man findet solche Kritik immer wieder, es war aber kein Grund,

etwas anderes zu tun als Handelswechsel zu diskontieren.

-----

R2501/6427/252-330

Dr.Fr./Br./He./Sz.

[...]

_Geschäftskreis der Bank_.

1) _Allgemeines_ .

[...]

2) _Goldankaufspflicht und Noteneinlösung_.

[...]

3) _Handel mit Edelmetallen und Devisen_. [...]

[...]

4)_Diskontgeschäft, Diskontpolitik_.

   Das Bankgesetz gestattet der Reichsbank weiter die Diskontierung

von Wechseln und Schecks, aus denen 3 als zahlungsfähig bekannte

Verpflichtete haften. Die Wechsel dürfen eine Verfallzeit bis zu 3

Monaten aufweisen. Von dem Erfordernis der 3. Unterschrift kann

abgesehen werden, wenn durch eine Nebensicherheit oder in sonstiger

Weise die Sicherheit der Wechsel oder Schecks gewährleistet ist.

  Diese Bestimmungen unterscheiden sich von den Vorschriften des

alten Bankgesetzes dadurch, daß dort auch der

Zweiunterschriftenwechsel ohne Einschränkung reichsbankfähig war,

während hier grundsätzlich der Dreiunterschriftenwechsel gefordert

wird. Für die Summe der von der Bank diskontierten Wechsel und Schecks

mit 2 Unterschriften ist außerdem insofern eine in der Praxis freilich

auch nicht annährend erreichte Grenze gezogen, als sie 33% des

jeweiligen Gesamtbestandes der diskontierten Wechsel nicht

überschreiten darf. Der Anteil der Zweiunterschriftenwechsel bewegte

ich meist um etwa 15 oder 16% und hat Ende 1935 nur 5,3% betragen. Die

bei der Diskontierung von Zweiunterschriftenwechseln zu bestellenden

Nebensicherheiten sind im Gesetz nicht näher erläutert, sie werden in

der Regel in der Verpfändung von Wertpapieren oder der Bestellung von

Bürgschaften bestehen. Da aber die Diskontierung auch erfolgen darf,

wenn die Sicherheit des Wechsels oder Schecks "in sonstiger Weise"

gewährleistet ist, kann auf Nebensicherheiten im Hinblick auf die

Bonität der Beiden Unterschriften auch verzichtet werden.

  Die Wechsel sollen gute Handelswechsel sein. Über den Befriff des

Handelswechsels läßt sich das Gesetz nicht näher aus.  Die

Entscheidung hieruber bleibt dem Reichsbankdirektorium vorbehalten,

das die Verantwortung für den Inhalt des Portfeuilles zu übernehmen

hat. Es wird auch von der jeweiligen volkswirtschaftlichen Lage

abhängen, ob die begrifflichen Grenzen etwas enger oder weiter gezogen

werden. Jedenfalls aber können Wechsel, die zu spekulativen Zwecken

ausgestellt sind oder nur der Geldbeschaffung dienen, ohne daß ihnen

wirtschaftliche Umsätze zugrunde liegen, nicht den Charakter von

Handelswechseln haben.

  Das Diskontgeschäft ist für die Reichsbank das wichtigste Mittel,

um das Maß des nationalen Kreditvolumens entscheidend zu

beeinflussen. Ihre unmittelbare Kreditgewährung ist zwar nur ein

kleiner Bruchteil der gesamten Kreditgewährung in der deutschen

Volkswirtschaft, doch geht ihr Einfluß erheblich weiter als es die

Zahlen über die gewährten Kredite zum Ausdruck bringen, weil sich auf

der Kreditgewährung der Notenbank die Kreditschöpfung der Banken

aufbaut.

  Um das Kreditvolumen der gesamten Volkswirtschaft zu regulieren und

dadurch den Wirtschaftsablauf in einer bestimmten Richtung zu

beeinflussen, bedient sich die Notenbank in normalen Zeiten, in denen

ein freier Geld- und Kapitalverkehr auch mit dem Ausland besteht, der

Diskontpolitik. Sie besteht in der Herauf- und Herabsetzung des

Zinssatzes, zu dem die Notenbank Wechsel diskontiert. Durch eine

Erhöhung des Diskontsatzes wird die Kreditentnahme verteuert und

dadurch die Versorgung der Wirtschaft mit Bargeld eingeschränkt, durch

eine Ermäßigung die Kreditentnahme verbilligt und so die

kreditpolitische Voraussetzung für eine Erhöhung des Bargeldumlaufs

geschaffen. Zwar beeinflußt der Diskontsatz die Kreditpolitik der

Privatbanken nicht so unmittelbar, wie es auf den ersten Blick

scheinen mag. In den Zeiten der beginnenden Konjunktur liegen die

Wirtschaftsumsätze noch zum großen Teil in der Produktionssphäre. Die

zu leistenden Zahlungen erfolgen größtenteils bargeldlos. Erst in

einem etwas vorgerückten Stadium der Konjunktur tritt entsprechend den

erhöhten Umsätzen in der Konsumsphäre ein erhöhter Bedarf an

Zahlungsmitteln auf, wodurch die privaten Kreditinstitute gezwungen

werden, auf die Reichsbank zurückgreifen und auf die Verteuerung des

Reichsbankkredits bei der Fortsetzung der Kredite an ihre Kunden

Rücksicht zu nehmen. So wirkt der Diskontsatz der Reichsbank, da die

Privatbanken einen Teil der gewährten Kredite in Bargeld auszahlen

müssen, auch bestimmend auf die Kosten und damit auf den Umfang ihrer

Kredite. Beeinträchtigt werden aber die Maßnahmen der Notenbank, wenn

die Kreditbanken in der Lage sind, durch Aufnahme von Auslandskrediten

sich von der Notenbank unabhängig zu machen und sich durch Verkauf von

Devisen oder Gold an die Notenbank das erforderliche Bargeld ohne

deren kreditmäßige Beansprüchung zu beschaffen.

  Weniger voraussehbar ist die Entwicklung bei Diskontsenkungen, die

zwar die Kreditentnahme und damit die Produktion anregen können, ohne

aber die Wirtschaft zu gesteigerteter Aktivität zwingen zu können.

  Der Einfluß der Diskonterhöhungen auf die Preise hängt davon ab,

wieweit die erhöhten Zinsen als Kostenelement für das jeweilige

Produkt in Frage kommen. Die Schwerindustrie, die in größerem Umfang

mit Eigenkapital arbeitet, wird sich weniger von Zinserhöhungen

beeinflussen lassen, als z.B. der mehr mit Kredit arbeitende

Großhandel. In der gesammten Wirtschaft wird aber, wenn auch in

verschiedenem Ausmaß, das Durchhalten von Lagerbeständen kostspieliger

und ruft das Bedürfnis hervor, die Waren raschmöglichst

abzustoßen. Das erhöhte Warenangebot drückt die Preise, der

Auslandmarkt wird für den Export günstiger und für den Import

ungünstiger.  Sowohl erhöhte Exporte als auch verminderte Importe

wirken sich in einer Erhöhung der Devisenangebote aus und führen zu

einer Verschlechterung der ausländischen Wechselkurse.  Gold- und

Devisenzuflüsse bieten dann die Grundlage für eine Herabsetzung der

Zinssätze und damit für die Unterbrechung oder gar Umkehr der durch

die Diskonterhöhung ausgelösten wirtschaftlichen Entwicklung.

  Neben diesen Wirkungen der Diskontpolitik in Binnen- und

Außenhandel haben die Diskontveränderungen auch Einfluß auf die

zwischenstaatlichen Geld- und Kapitalbewegungen, da sie veränderungen

des internationalen Zinsgefalles hervorruffen. In normalen Zeit

pflegen Diskonterhöhungen Zuflüsse von Auslandskapital herbeizuführen,

die sich in einer Erhöhung der Gold- und Devisenbestände der Notenbank

und einer Ausdehnung des Notenumlaufs auswirken.  Die Notenbank sieht

sich daher, will sie dieser Entwicklung entgegenwirken, veranlaßt, den

Diskontsatz zu senken.  Diskontherabsetzungen pflegen Kapitalabflüsse

zur Folge zu haben, die in sich bereits wieder den Keim zu

Diskontheraufsetzungen tragen.

  Die Diskontpolitik war lange Jahre das klassische Mittel der

Notenbank, um Preisniveau, Kreditvolumen, Handelsbilanz, Wechselkurse

und Kapitalverkehr nach großen volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten

zu beeinflussen. Die Zwangsjacke, in der sich der deutsche Außenhandel

und Devisenverkehr zurzeit befindet, läßt die Diskontpolitik an

Bedeutung stark zurücktretten.  Auf wichtigen ausländischen Märkten

wurde sie noch bis in die neueste Zeit angewandt. Erinnert sei an die

beachtlichen Diskontheraufsetzungen, mit welchen sich die Notenbanken

von Frankreich und Holland noch in neuester Zeit vor spekulativen

Goldabzügen erfolgreich schützen konnten. Doch bleibt in diesen Fällen

allerdings die Frage offen, inwieweit die erzielten Erfolge als die

üblichen Auswirkungen der Diskontpolitik anzusehen sind und wieweit

die Fortsetzung der Kapitalflucht unterblieb, weil in dem

rücksichlosen Anziehen der Diskontschraube der Wille zur

Aufrechterhaltung der Goldparität erkannt wurde.  Da die

Diskontpolitik die aufgezeigten Wirkungen nur haben kann, wenn eine

Solidarität der Geld- und Kapitalmärkte besteht, d.h. wenn der

Kapitalstrom durch das Zinsniveau nach bestimmten Ländern geleitet

oder von ihnen ferngehalten werden kann, wird sie versagen, wenn

Kapitalbewegungen aus anderen Beweggründen, insbesondere aus Furcht

vor Währungsentwertungen, erfolgen. Solchen Situationen ist auch die

Reichsbank in den Nachkriegsjahren mehrfach ausgesetzt gewesen. Sie

hat sich dabei des Mittels der Kreditrestriktion bedient. Darunter

versteht man eine ziffernmäßige Begrenzung des gesamten

Notenbankkredits.  Der Diskontsatz ist dann als Regulator des

Kreditbedarfs ausgeschaltet und das Wechselangebot wird nur soweit

aufgenommen, als es sich mit den Rücksichten auf die Höhe des

Zahlungsmittelumlaufs und damit auf die Sicherheit der Währung

vereinbaren läßt.  Die Notenbank geht dabei von der Erwägung aus, daß

ein noch so hoher Zinssatz die Kreditentnahme nicht einschränken kann,

wenn das Vertrauen in die Währung erschüttert ist. Die nachteiligen

Folgen der Kreditrestriktion, die vielfach dazu führten, dieses nur in

den Fällen äußerster Not anzuwendende Mittel ganz zu verwerfen, sind

indessen keineswegs leicht zu nehmen. Die Notenbank verliert die

Fühlung mit dem Geldmarkt, die Zinssätze können erheblich über den

Banksatz steigen und diejenigen, die ihren Kreditbedarf außerhalb der

Reichsbank decken müssen, sind benachteiligt gegenüber denjenigen, die

Reichsbankkredite erhalten.  Der durch Diskonterhöhungen bewirkte

natürliche Ausleseprozess tritt zurück, der billige Notenbankkredit

läuft - etwas hart ausgedrückt - Gefahr, Subventionscharakter

anzunehmen.

   Die Reichsbank hat dieses Mittel in den Jahren 1924 und 1929

erfolgreich angewandt. In der Krise von 1931 erwies sich aber schon

nach kurzer Anwendungszeit als unzulänglich, so daß zu der bereits

erwähnten Dewisenbewirtschaftung geschritten werden müßte.

   In diesem Zusammenhang wäre noch zu erwähnen, daß das

Wechseldiskontgeschäft das weitaus wichtigste Aktivgeschäft der

Reichsbank ist und sein Umfang den Gesamtgewinn maßgeblich

beeinflußt. Es bedarf wohl kaum der Betonung, daß alle Entscheidungen

auf dem Gebiet der Kredit- und Diskontpolitik ausschließlich nach

allgemeinwirtschaftlichen Gesichtspunkten getroffen werden.

   Seit der Bankenkrise hat die Reichsbank, um die Zahlungsfähigkeit

der Banken und Sparkassen und damit die Funktionsfähigkeit des ganzen

deutschen Kreditapparates zu erhalten, die bis dahin im

Diskontgeschäft geübte Praxis weitgehend aufgeben müssen.  An die

Stelle von Handelswechseln traten in einer später noch zu erläuternden

Form in großem Umfang Finanzwechsel, die ihrerseits im Verlauf der

Beteiligung der Reichsbank an den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen des

Reiches durch die sogenannten Arbeitsbeschaffungswechsel verdrängt

wurde.

5) _Diskontierung von Reichswechseln_.

   Im Gegensatz zum alten Bankgesetz, das die Diskontierung von

kurzfristigen Schatzanweisungen ausdrücklich gestattete und ferner, da

ein Unterschied zwischen Finanzwechseln und Handelswechseln nicht

gemacht wurde, auch die Diskontierung von Reichswechseln, wenn sie nur

eine zweite Unterschrift trugen, zuließ, hatte die Reichsbank nach dem

neuen Bankgesetz nur geringe Möglichkeiten, dem berechtigten

Finanzbedarf des Reiches gerecht zu werden. Der Ankauf von spätestens

nach einem Jahre fälligen und auf den Inhaber lautenden

Schuldverschreibungen des Reiches war der Bank nach dem Bankgesetz in

der Fassung vom 30. August 1924 nur insoweit gestattet, als es zur

Aufrechterhaltung des laufenden Kundengschäftes erforderlich war.  Der

Betriebskredit, der auf höchstens drei Monate gewährt werden darf, ist

auch heute noch auf 100 Mill.RM beschränkt und muß nach der Novelle

von 1930 am 15.Juli jeden Jahres (ursprünglich am Ende des

Geschäftsjahres) zurückgezahlt sein.

  Dieser beschränkte Rückhalt des Reiches bei der Reichsbank hatte

nachteilige Auswirkungen auf eine sachgemäße Führung der

Kassengeschäfte des Reiches zur Folge. Da sich die Reichseinnahmen

weder hinsichtlich ihrer Höhe noch hinsichtlich ihrer Fälligkeit mit

Genauigkeit errechnen lassen und auch eine Verteilung der Ausgaben

nicht genau auf die jeweiligen Eingänge abgestimmt werden kann, war

das Reich, dem die Möglichkeit, sich die vorübergehend benötigten

Mittel bei der Reichsbank auf dem Kreditwege zu beschaffen,

verschlossen war, genötigt, sich in großem Umfange Barmittel zu

halten, die durch Steuern aufgebracht werden mußten und dadurch der

Wirtschaft, in der sie produktiv arbeiten konnten, verloren

gingen. Die Wirtschaft wurde dadurch zu erhöhten Kreditaufnahmen

gezwungen, während sich andererseits für die Anlage der Barbestände

der öffentlichen Kassen nur geringe Möglichkeiten boten. Dieser Übung

konnte dadurch begegnet werden, daß man dem Reich ermöglichte, sich

durch Diskontierung von Reichswechseln am offenen Markt die nötigen

Barmittel zur Befriedigung eines vorübergehenden Bedarfs zu

beschaffen. Der Markt aber konnte Reichswechsel jederzeit nur

aufnehmen, wenn diese bei der Reichsbank rediskonntiert werden

konnten.

   Durch das Gesetz zur Änderung des Bankgesetzes vom 8. Juli 1926

(RGBl.II S.355) wurde der Reichsbank gestattet, vom Reich begebene

Schatzwechsel, welche nach spätestens drei Monaten fällig sind und aus

denen außer dem Reich noch ein weiterer als zahlungsfähig bekannter

Verpflichteter haftet, zu diskontieren und mit einem Abschlag von 5%

ihres Kurswertes zu beleihen. Um Bedenken, die sich aus einem Recht

zur unbegrenzten Schatzwechseldiskontierung ergeben könnten, Rechnung

zu tragen, wurde verfügt, daß der Betrag der erworbenen oder

beliehenen Schatzwechsel 400 Mill.RM nicht überschreiten darf, im

Reichsbankausweis besonders aufzuführen ist und nicht als Notendeckung

gilt. Durch die Neuregelung der Notendeckung in der Novelle vom

27.Oktober 1933 wurde dann die Notendeckungsfähigkeit sämtlicher

Lombarddarlehen und damit auch der Lombarddarlehen auf Reichswechsel

statuiert.

6) _An- und Verkauf von Wertpapieren_.

   Die Krise des Jahres 1931 zeigte, daß die Vorschriften des

Bankgesetzes, die als sekundäre Notendeckung nur Handelswechsel und

dementsprechend als ausdehnungsfähiges Aktivgeschäft nur das

Wechseldiskontgeschäft zuließen, den veränderten

Wirtschaftsverhältnissen nicht mehr gerecht werden konnten. Die

Schrumpfung der Wirtschatsumsätze hatte zu einem Rückgang an

Handelswechseln bei den Banken und damit an denjenigen liquiden

Mitteln geführt, die im Bedarfsfalle bei der Notenbank sofort in

Zahlungsmittel umgewandelt werden konnten. Den Bemühungen der

Reichsbank, die Wirtschaft zu einer ausgedehnteren Verwendung des

Handelswechsels zu veranlassen, waren Erfolge nicht beschieden

gewesen, zumal der geringe Anfall an Handelswechseln auch auf der

allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Unsicherheit beruhte, die

Handel- und Gewerbetreibende vor de Akzeptierung von Wechseln

zurückzuschrecken ließ. So mußte denn die Reichsbank, um Schlimmeres

zu verhüten, in der Krise die Diskontierung von Wechseln zulassen, die

weder nach der Form noch nach der wirtschaftlichen Grundlage den

Charakter von Handelswechseln hatten. Durch strenge Anwendung der

bankgesetzlichen Bestimmungen, nach deren Finanzwechsel nicht

diskontiert werden sollen, hätte sie den Zahlungsverkehr und den

deutschen Kreditapparat lahmgelegt und so die bereits stark

erschütterte Wirtschaft zu Erliegen gebracht.

   Die Schaffung von reichsbankfähigem Wechselmaterial vollzog sich

unter Preisgabe alter bewährter Grundsätze in folgender Weise. Die

Banken verflüssigten ihre Kontokorrentkredite, indem sie auf ihre

Kontokorrentschuldner Wechsel zogen und von diesen akzeptieren ließen

und gleichzeitig Prolongation bei Verfall in Aussicht stellten. Diese

Wechsel wurden durch Zwischenschaltung eines neu geschaffenen

Instituts, der Akzept- und Garantie-Bank A.G. (heute Akzeptbank A.G.)

bei der Reichsbank diskontiert. Damit hatte sich die Notendeckung und

das durch den Abfluß der Gold- und Devisenbstände für die Höhe des

Zahlungsmittelumlaufs nahezu allein ausschlaggebend gewordene

Diskontgeschäft in seinem Wesen verändert. An die Stelle liquider

Handelswechsel war ein Block auf längere Zeit unrealisierbarer

Forderungen getreten, die lediglich durch die in den letzteren Jahren

betriebene aktive staatliche Konjunkturpolitik abgelöst werden

konnten.

   Wenn schon diese Ereignisse eine Ausdehnung der Aktivgeschäfte der

Reichsbank durch Einbeziehung des An- und Verkaufs von Wertpapieren

nahelegten, so kamen in den auf die Krise folgenden Jahren weitere

Faktoren hinzu, die eine erhöhte Aktivität der Reichsbank auf dem

Geld- und Kapitalmarkt als wünschenswert erscheinen ließen.

   Als nach Überwindung der Krise die Zinsätze am Geldmarkt wieder

normale Höhe annahmen, wurde der gewaltige Prestigeverlust, den die

gesamte Wertpapieranlage während der Krise erlitten hatte, durch den

enormen Zinsunterschied zwischen Anlagen auf dem Geldmarkt und Anlagen

auf dem Kapitalmarkt offenbar. Die Illiquidität der langfristigen

Anlagen auch in der Form von Wertpapieren hatte sich allzu deutlich

gezeigt. Die Reichsbank hatte Wertpapiere nicht ankaufen und nur in

ganz beschränktem Umfange beleihen können. Die Notverkäufe am offenen

Markt führten daher zu schweren Kursverlusten.

   Die gesunkenen Kurse erholten sich nach der Krise nur langsam, da

das Publikum die Lust am Effektengeschäft verloren hatte.  Kleinste

Umsätze konnten die Kurse nach der einen oder anderen Seite

beinflussen und neue Unsicherheit auf dem Kapitalmarkt hervorrufen.

   Die Reichsbank war nach der Krise eifrig um eine Senkung der

Zissätze bemüht. Sie ging mit ihrem Diskontsatz unter die Geldsätze

des freien Marktes und erzielte dadurch eine Senkung der Zinssätze auf

dem Geldmarkt, ohne aber das Zinsniveau auf dem Kapitalmarkt

nachhaltig beeinflussen zu können. Es zeigte sich immer mehr, daß die

Abneigung des Publikums gegen langfristige Anlagen nur durch eine neue

notenbankpolitische Maßnahme - die Offene Markt- politik - wirksam

bekämpft werden konnte, deren Einführung eine Änderung des

Bankgesetzes zur Voraussetzung hatte. Unter Neufassung vom \S 21

Ziff.4 erhielt die Reichsbank durch das Gesetz zur Änderung des

Bankgesetzes vom 27.Oktober 1933 (RGBl.II S.827) das Recht, gewisse

festverzinsliche Wertpapiere, wie Pfandbriefe, Kommunalobligationen,

Schuldverschreibungen des Reiches, eines Landdes oder einer kommunalen

Körperschaft, zu kaufen und zu verkaufen.  Der jeweilige Bestand an

diesen Wertpapieren muß im Reichsbankausweis bekanntgemacht werden.

   Die offene Marktpolitik ist ein modernes Mittel der Kreditpolitik,

um Geld- und Kapitalmarkt in einem bestimmten Sinne zu beeinflussen.

Durch An- und Verkauf von Wertpapieren kann erreicht werden, daß die

sich ständig erneuernde kurzfristige Finanzierung zum Kapitalmarkt

abwandert und das unerwünschte Kursschwankungen, insbesondere aber das

Vertrauen untergrabenden Kurseinbrüche, vermieden werden, indem die

Reichsbank in den ihr geeignet erscheinenden Augenblicken als Käufer

oder Verkäufer auf dem offenen Markt auftritt.

   Ein Blick auf die großen Notenbanken der Welt zeigt, daß die

Reichsbank durch die Einführung der offenen Marktpolitik lediglich ein

Mittel moderner Notenbankpolitik in die Hand bekommen hat, das in

anderen Ländern schon längst zur Erreichung der verschiedenartigsten

Ziele angewandt wird.

   So kauft z.B. die Bank von England, deren Geschäftstätigkeit,

abgesehen von dem Verbot des Warenhandels, besonderen Vorschriften

nicht unterliegt, Wertpapiere, um technische Geldmarktstörungen und

saisonbedingte Goldbewegungen auszugleichen und um das Zinsniveau

zwecks Unterstützung einer bestimmten Kapitalmarktpolitik zu

beeinflussen. Sie hat von dem Mittel der offenen Marktpolitik gern

gebrauch gemacht, um die Aufnahmewilligkeit für neue Staatsanleihen zu

verbessern, indem sie durch erhöhte Aufkäufe ein Ansteigen der Kurse

und damit eine Verringerung der Rendite erzielte, die dann das neue

Regierungsangebot besonders günstig erscheinen ließ.

   Auch die Federal Reserve Banken der Vereinigten Staaten von

Amerika sind schon seit 1913 ermächtigt, sich in einem gesetzlich

genau festgelegten Rahmen am offenen Markt zu betätigen. Unter die an-

und verkaufsfähigen Papiere fallen z.B. Anleihen und Schatzanweisungen

der Vereinigten Staaten, Schuldscheine von Einzelstaaten, Städten und

sonstigen inländischen öffentlich-rechtlichen Stellen. Doch machten

die Federal Reserve Banken nur gelegentlich von diesem Rechte

Gebrauch.

   Durch die Glass-Steagall-Bill vom 27.Februar 1932 wurde ihnen

gestattet, mit Zustimmung des Federal Reserve Board angekaufte

Regierungssicherheiten als Deckung für Federal Reserve Noten bis zum

3.März 1933 zu benutzen. Seit März 1933 wurden gegen Hinterlegung von

Bundesanleihen, Wechseln und Akzepten Federal Reserve Banknoten

ausgegeben.

   Die Bank von Frankreich kauft u.a. Bons des Schatzamtes und Bons

der nationalen Verteidigung und lombardiert Wertpapiere der

öffentlichen Hand.

   Die Novelle zum Bankgesetz vom 27.Oktober 1933, die die

Rechtsgrundlagen für die offene Marktpolitik schuf, hat ihre Wirkung

nicht verfehlt. Schon die Ankundigung der Gesetzänderung bewirkte ein

sprunghaftes Ansteigen der Kurse der festverzinslichen Papiere und

damit einen Rückgang der Realverzinsung der davon betroffenen Werte.

Seither konnten, ohne Aufwendung größerer Reichsbankmittel, weitere

Erfolge erzielt werden, wie die letzter Zeit durchgeführten Emissionen

größerer Reichsbankanleihen zeigen.

7) _Lombardgeschäft_.

   Ein weiteres wichtiges, der Reichsbank nach \S 21 Ziffer 3

gestattetes Aktivgeschäft ist die Erteilung von Lombarddarlehen.  Es

ist als Notenbankgeschäft zwar älter als das Diskontgeschäft, ist aber

seit einigen Jahrzehnten an Bedeutung hinter diesem stark

zurückgetreten. Die Reichsbank hatte laut Ausweis vom 31. Dezember

1935 4498,3 Mill.RM in diskontirten Wechseln und nur 84,2 Mill.  RM in

Lombarddarlehen angelegt. Lombarddarlehen waren bis zur Novelle vom

27.Oktober 1933 noch nicht als Notendeckung zugelassen, so daß sich

die Reichsbank in diesem Geschäftszweig Zurückhaltung auferlegen

mußte. Das Lombarddarlehen eignet sich zum Notenbankgeschäft nicht so

gut wie das Diskontgeschäft, weil ihm die enge Verbindung des Wechsels

mit den Wirtschaftsumsätzen, die die Höhe des Zahzlungsmittelumlaufs

entscheidend beinflussen sollen, abgeht.  Auch unter dem Gesichtspunkt

der Liquidität kann die Anlage in Lombarddarlehen der Anlage in

diskontierten Handelswechseln nicht gleichgestellt werden. Dazu kommt,

daß in Krisenzeiten vielfach nicht mit einer ausreichenden

Realisierung der Pfänder zu rechnen ist.

   Um den Kreditsuchenden auf den Diskontkredit zu drängen, wird der

Lombardsatz über dem Diskontsatz gehalten. Daher werden

Lombarddarlehen möglichst nur zur Befriedigung eines vorübergehenden

Kreditbedürfnisses aufgenommen. Das Lombarddarlehen hat den Vorteil,

daß es täglich rückzahlbar ist und daß damit die Zinslasten auf die

Zeit des wirklichen Geldbedarfs beschränkt werden können, während beim

Wechseldiskont der Kreditnehmer die Zinsen für die ganze Laufzeit des

Wechsels, auch wenn der Geldbedarf nur für einen kürzeren Zeitraum

besteht, zu tragen hat. Der Lombardkredit ist von den Notenbanken, so

gut es ging, gepflegt worden, weil er eine Verbindung von Geld- und

Kapitalmarkt darstellt und die Notenbank über ihn Einfluß auf den

Kapitalmarkt gewinnt.

   Die im neuen Bankgesetz durchgeführte Trennung von Staat und

Notenbank kam in der ursprünglichen Regelung des

Lombardkreditgeschäftes wohl am schärfsten zum Ausdruck. Nicht nur die

Einschränkungen hinsichtlich der Art der zum Lombardverkehr

zugelassenen Staatspapiere sondern auch die im Gesetz geforderten

zusätzlichen Einschränkungen und Garantien bei Krediten auf

Staatspapiere gingen über die unter dem Gesichtspunkt der

Aufrechterhaltung der Währung zu beobachtende Vorsicht weit hinaus und

waren keineswegs geeignet, den schwer zerrütteten Staatskredit wieder

zu festigen.

   Nach \S 21, Ziff.3, können Lombardkredite gewährt werden gegen

Gold und Silber in Höhe ihres vollen Wertes, gegen gewisse

Eisenbahnaktien und Eisenbahnobligationen, deutsche Pfandbriefe,

Kommunalobligationen und Inhaberschuldverschreibungen

öffentlichrechtlicher Kreditinstitute bis zu 75% ihres Kurswertes, auf

ausländische Schuldverschreibungen und staatlich garantierte

ausländische Eisenbahnprioritätsobligationen bis zu 50% ihres

Kurswertes, auf Wechsel, welche anerkannt solide Verpflichtete

aufweisen, mit einem Abschlag von mindestens 5% ihres Kurswertes, auf

im Inland lagernde Kaufmannswaren bis zu zwei Dritteln ihres

Wertes. Die Bestimmungen über die Lombardfähigkeit dieser Waren und

Wertpapiere haben sich, abgesehen von der im Jahre 1930 erfolgten

Ausdehnung der Lombardfähigkeit der Inhaberschuldverschreibungen [,

die bisher auf Bodenkreditinstitute beschränkt war,] auf alle

öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute, seit dem Bestehen des neuen

Bankgesetzes nicht geändert. Dagegen haben die Grundsätze über die

Beleihung der Staatspapiere seit bestehen des Bankgesetzes mehrfache

Änderungen, und zwar ausschließlich in der Richtung einer Ausdehnung

des Staatskredits, erfahren.

   Ursprünglich konnten nur spätestens nach einem Jahre fällige

Inhaberschuldverschreibungen des Reichs, eines Landes oder einer

kommunalen Körperschaft und zinstragende Inhaberschuldverschreibungen,

deren Zinsen vom Reich oder einem Lande garantiert sind, zu drei

Vierteln des Kurswertes beliehen werden. Diese Darlehen konnten nur an

als zahlungsfähig bekannte Banken gegeben werden.

   Langfristige Schuldverschreibungen des Reichs, nicht aber der

Länder und Kommunen, konnten nur mit besonderer Ermächtigung des

Generalrats bis zu drei Monaten beliehen werden, wenn neben der

Pfandsicherheit zwei Verpflichtete haften, von denen einer eine in

Deutschland Geschäfte treibende Bankfirma sein mußte. Ein

entsprechender Beschluß des Generalrates kam zustande. Die Beleihung

erfuhr eine Erleichterung dadurch, daß ein Großbankenkonsortium die

Generalbürgschaft der Reichsbank gegenüber für alle auf langfristige

Reichsschuldverschreibungen erteilte Lombarddarlehen übernahm. Der

Gesamtbetrag dieser Darlehen war auf die Höhe des Grundkapitals und

des Reservefonds beschränkt.

   Die erste Änderung erfuhr das Lombardgeschäft durch die bereits

erwähnte Novelle vom 8.Juli 1926, durch welche Reichswechsel mit der

zahlenmäßigen Begrenzung auf 400.Mill.RM diskont- und lombardfähig

wurden. Durch das Gesetz zur Änderung des Bankgesetzes vom 13.März

1930 erfuhr der Kreis der lombardfähigen Wertpapiere eine nochmalige

Erweiterung. Lombardfähig sind seither unter Wegfall der bis dahin

bestehenden einschränkenden Bestimmungen die zinstragenden sowie die

spätestens nach einem Jahre fällig werdenden

Inhaberschuldverschreibungen des Reiches, eines deutschen Landes oder

einer Kommune sowie die zinstragenden Inhaberschuldverschreibungen,

deren Zinsen vom Reiche oder einem deutschen Lande gewährleistet sind.

   Das Bankgesetz hat aber nur die rechtliche Beleihungsfähigkeit der

genannten Wertpapiere ausgesprochen. Ob ein Wertpapier tatsächlich von

der Reichsbank beliehen wird, hängt von einer besonderen Entscheidung

des Reichsbankdirektoriums ab, der eine Prüfung der Sicherheit des

fraglichen Papiers vorausgeht. Für Lombardwechsel bestehen keine

gesetzlichen Bestimmungen hinsichtlich der Anzahl der Mitverbundenen

und der geschäftlichen Grundlage. Es ist aber selbstverständlich, daß

die Bonität und die Grundlage des Wechsels wie bei diskontierten

Abschnitten eingehend geprüft wird.

8)_Sonstige Geschäfte der Reichsbank_.

   Unter den übrigen Geschäften, deren Ausübung der Reichsbank

gestattet ist, steht nur noch die Annahme unverzinslicher Gelder im

Depositen- und Girogeschäft im Zusammenhang mit der Verfassung unseres

Geldwesens. Das alte Bankgesetz hatte im Gegensatz zum geltenden auch

die Annahme verzinslicher Depositengelder zugelassen, doch hat die

Reichsbank seit 1879 von dieser Befügnis keinen Gebrauch mehr gemacht,

so daß die gesetzliche Neuregelung nur der tatsächlichen Lage Rechnung

trug. Der bargeldlose Zahlungsverkehr hat in den letzten Jahrzehnten

nicht nur durch den Giroverkehr der Reichsbank sondern auch durch

Einrichtungen anderer Kreditorganisationen und der Post eine

Entwicklung genommen, die nach Umfang und Bedeutung sogar über das

erstrebte Ziel hinausging. Da Girozahlungen an die Stelle von

Barzahlungen treten und außerdem gerade die großen Zahlungen auf

unbarem Wege geleistet werden, war die Reichsbank im Interesse einer

einheitlichen Währungspolitik bestrebt, sich den entscheidenden

Einfluß auf alle Giroorganisationen Deutschlands zu sichern.

   Ausdrücklich verboten sind der Reichsbank nach \S 24 BG gewisse

Geschäfte, die entweder einen spekulativen Charakter tragen oder aus

anderen Gründen mit den Aufgaben einer Notenbank nicht zu vereinen

sind. Dieser Vorschrift zuwider abgeschlossene Geschäfte sind aber

zivilrechtlich gültig. Auch sind Strafbestimmungen für den Fall der

Übertretung des \S 24 im Bankgesetz nicht vorgesehen.  Verboten ist

der Reichsbank, Wechsel zu akzeptieren, Grundstücke,

Bergwerkseigentum, Ölfelder oder Aktien zu beleihen, soweit es sich

nicht nur um die Bestellung von Nebensicherheiten

handelt. Grundstücke, Aktien oder Waren darf sie weder kaufen noch

verkaufen, soweit es sich nicht um Anschaffungen für Betriebszwecke

der Bank oder um die Realisierung vorhandener Aktiva handelt.

   Von dem Verbot, Aktien zu kaufen und zu beleihen, bestehen zwei

Ausnahmen. Einmal blieb das im Gesetz über Änderung des Bankgesetzes

vom 19.März 1924 (RGBl.II S.73) für Reichsbank und Privatnotenbanken

festgelegte Recht, Aktien der Deutschen Golddiskontbank zu erwerben

und zu beleihen, nach \S 52 BG unberührt. Ferner wurde durch die

Novelle vom 13.März 1930 der im Young-Plan vorgesehenen Gründung einer

Reparationsbank unter Beteiligung der großen Notenbanken Rechnung

getragen und die Reichsbank ermächtigt, Aktien der B.I.Z. zu erwerben

und zu veräußern sowie die Garantie für die Zeichnung solcher Aktien

zu übernehmen.

d) _Notendeckung_.

[...]

  Die Liquidität der Notenbank, d.h. ihre Fähigkeit, den an sie aus

der Notenausgabe und der Annahme fremder Gelder gestellten Ansprüchen

nachkommen zu können, ist jahrzehntelang der Angelpunkt der

Notenbankpolitik und der Notenbankgesetzgebung gewesen. Dieses Problem

scheint nahezu unlösbar in den Staaten, in denen eine Notenbank die

Stellung einer Zentralnotenbank erlangt hat, weil die Zentralnotenbank

die Aufgabe hat, den an sie gestellten berechtigten Kreditansprüchen

jederzeit in volkswirtschaftlich erwünschten Ausmaße nachzukommen,

d.h. die Notenausgabe nicht an den Deckungsbeständen sondern an dem

volkswirtschaftlich erwünschten Kreditvolumen auszurichten. Die

Entstehung von Zentralnotenbanken hat sich in fast allen

wirtschaftlich wichtigen Staaten vollzogen. Zwar bestehen in den

Vereinigten Staaten noch zwölf rechtlich gleichwertig

nebeneinanderstehende Notenbanken, doch hat die Federal Reserve Bank

von New York weitaus die beherrschende Stellung inne. Die Entstehung

des Einreservesystems hat zur Folge, daß alle Ansprüche der Wirtschaft

auf die einzige Notenbank zurückfallen können und die

Funktionsfähigkeit dieser einen Notenbank die Entwicklung der

Volkswirtschaft entscheidend beeinflußt.

[...]

   Das Bankgesetz von 1924, das sich zu dem Prinzip der prozentualen

Deckung bekennt, verpflichtet die Reichsbank, für ihren Notenumlauf

eine Deckung von mindestens 40% in Gold oder in Devisen (Golddeckung)

zu halten. Diese Deckung muß zu mindestens drei Vierteln aus Gold

bestehen. Der Begrif der Devisen wird hier etwas enger gefaßt, als er

sonst im Bankgeschäft oder auch in Devisengeschäft der Reichsbank

verstanden wird. Diese Deckung in Gold oder Devisen ist die Bardeckung

oder primäre Notendeckung. Der Restbetrag der umlaufenden Noten muß

durch diskontierte Wechsel und Schecks, welche den in \S 21 BG

aufgestellten Erfordernissen genügen, oder, seit der Novelle vom

27.Oktober 1933, durch bestimmte Wertpapiere und täglich fällige

Forderungen auf Grund von Lombarddarlehen gedeckt sein. Diese Deckung

wird auch sekundäre Notendekkung genannt.

   Durch die Aufnahme von Vorschriften über die sekundäre

Notendeckung unterscheidet sich das deutsche Bankgesetz wesentlich von

den entsprechenden Gesetzen in Frankreich und England. Der

Warenwechsel wird in Deutschland seit langem als geeignetes Mittel

angesehen, um den Zahlungsmittelumlauf den Wirtschaftsumsätzen

anzupassen. Er steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem

Warenverkehr.  Als besonderer Vorzug wird die Tatsache gewertet, daß

er sich selbst liquidiert, d.h. daß aus dem Verkauf der Ware die

Mittel, mit denen der von der Notenbank diskontierte Wechsel eingelöst

werden kann, entstehen. In kurzer Zeit fließen die Noten wieder zur

Bank zurück und geben der Notenbank ein großes Maß von

Beweglichkeit. Sie ist insbesondere in der Lage, eine begonnene

Kreditexpansion, deren schädliche Auswirkungen sie erkannt hat, ohne

größere Schwierigkeiten wieder zu korrigieren. Jedoch können gegen

Argumente zugunsten des Wechsels ernsthafte Einwendungen erhoben

werden. Ihnen kann etwa entgegenhalten werden, daß der Finanzwechsel

nicht mit Sicherheit vom Warenwechsel zu unterscheiden ist, so daß die

Möglichkeit einer Ausweitung des Notenumlaufs auf der Grundlage von

Finanzwechseln gegeben ist. Ferner spricht gegen den Warenwechsel, daß

die Laufzeit des Wechsels nicht unbedingt mit der Laufzeit der Ware

übereinstimmt und für die gleiche Ware mehrere Wechsel zirkulieren

können.  Von Wichtigkeit ist weiter, daß der Wechselkredit nur einen

Teil der gesamten Wirtschaftskredite ausmacht und daß auch dieser Teil

in seinem Verhältnis zur Gesamtsumme der Wirtschaftskredite

Schwankungen unterworfen ist. Diese Schwankungen sind zum Teil in

vorübergehenden Änderungen der Zahlungssitten begründet, beruhen aber

andererseits auf strukturellen Wandlungen der Wirtschaft. So führt

z.B. die Gewährung hoher Skonti bei Barzahlungen zur Aufnahme von

Kontokorrentkrediten, so daß eine Verschiebung vom Akzept- zum

Buchkredit eintritt. Eine strukturelle Änderung waren z.B.  die

industriellen Zusammenschlüsse, die eine Verminderung des

Wechselanfalls ohne eine entsprechende Verringerung der

Wirtschaftsumsätze zur Folge hatten. Auch während des

Konjunkturablaufs ändert sich der Umlauf an Handelswechseln, da bei

ansteigender Konjunktur die Banken meist in der Lage sind,

Kontokorrentkredite zu gewähren, so daß der Wechsel als

Finanzierungsform zurücktritt, während im fortgeschrittenen Stadium

des Konjunkturablaufs der Kontokorrentkredit zugunsten des Wechsels

zurückzutreten pflegt. Mit der fortschreitenden Entwicklung der

Technik hat sich auch die Liquidität des Handelswechsels

verschlechtert, da hochqualifizierte Erzeugnisse schwerer verwertbar

sind als Stapelware.

   Wenn auch alle diese Argumente die Verwendbarkeit des

Handelswechsels als geeignete Grundlage der sekundären Notendeckung

nicht erschüttern konnten, so hat sich aber in den letzten Jahren doch

gezeigt, daß die Notenbank eine aktive Konjunkturpolitik, solange

_nur_ Handelswechsel als sekundäre Deckung zugelassen sind, schwerlich

betreiben kann. Durch Diskontsenkungen allein kann sie wohl die

kreditpolitische Voraussetzung für eine Erhöhung des

Zahlungsmittelumlaufs schaffen, diese aber nicht erzwingen. Diese

Überlegung weist zur Effektendeckung, die in Verbindung mit der

Offen-Markt-Politik der Notenbank in gewissem Umfange die Möglichkeit

gibt, in den ihr geeignet erscheinenden Zeitpunkten zu einer aktiven

Konjunkturpolitik überzugehen. Voraussetzung ist aber neben einem

aufnahmefähigen Kapitalmarkt, daß die Notenbank auch über beachtliche

sonstige liquide Mittel verfügt. In Deutschland dürfen daher

praktische Auswirkungen weniger für die Gegenwart als die Zukunft zu

erwarten sein.

   Die Einbeziehung der Lombarddarlehen in die sekundäre Notendeckung

fällt zahlenmäßig nicht sehr ins Gewicht, sie schafft aber der

Reichsbank für den Fall erhöhter Lombardansprüche die erforderliche

Handlungsfreiheit und ist eine wichtige Ergänzung für eine wirksame

Offene-Markt-Politik.

[...]  Neben der Deckung für die im Umlauf befindlichen Noten ist die

   Reichsbank verpflichtet, für ihre täglich fälligen Verbindlich-

   keiten eine besondere Deckung von mindestens 40% zu halten. Diese

   Deckung muß bestehen aus sofort verfügbaren Depositen, Schecks,

   Wechseln mit einer Laufszeit bis zu 30 Tagen oder täglich fälligen

   Forderungen auf Grund von Lombarddarlehen.

[...]

f) _Reichsbankausweis_.

   Die Bedeutung, die der Tätigkeit der großen Notenbanken für die

Gesamtwirtschaft zukommt, veranlaßt die Gesetzgeber, den Notenbanken

die Pflicht zur Veröffentlichung regelmäßiger Ausweise

aufzuerlegen. Diese ermöglichen der Allgemeinheit, sich über die

kredit- und währungspolitische Lage der Notenbank zu orientieren und

Schlüsse auf die konjunkturelle Lage zu ziehen. Die Ausweise der

Reichsbank werden von allen größeren Tageszeitungen mit kürzeren

Erläuterungen abgedruckt und finden in den wirtschaftlichen

Fachzeitungen noch eingehendere Beachtung.

   Die Reichsbank ist verpflichtet, den Stand ihrer Aktiva und

Passiva wöchentlich nach einem gesetzlich vorgeschriebenen Schema zu

veröffentlichen und ferner spätestens sechs Manate nach dem Schlusse

jedes Geschäftsjahres eine genaue Bilanz ihrer Aktiva und Passiva

sowie den Jahresabschluß des Gewinn- und Verlustkontos zu

veröffentlichen.

   Über dieses Mindestmaß gesetzlicher Publikationsvorschriften geht

die Reichsbank aber hinaus und unterrichtet die Öffentlichkeit durch

regelmäßige Verwaltungsberichte und bei besonderen Anlässen durch

Denkschriften usw.. Die Reichsbank hat, den Bestimmungen des alten

Bankgesetzes folgend, den 7., 15., 23., und letzten jedes Monats als

Ausweistage beibehalten, obwohl diese Termine nicht mehr gesetzlich

vorgeschrieben sind.

e) _Notenkommisar_.

rum

12. Februar 2012, 19:11

@Systemfrager. Mit Ihrem Kommentar kann ich nichts anfangen, nennen Sie es Heuchelei und Zynismus. Meine "Verleumdung des Staates" richtet sich ganz konkret auf die Art der Gesetze und ihrer Entstehung. Und wenn jemand mir sagen würde, "der Reiche" steht hinter dem Staat, dann würde ich mich sofort fragen, wer genau "der Reiche" ist.

Systemfrager

13. Februar 2012, 07:06

@ rum

Aber natürlich bis du nicht gegen den Staat. Du bis schon für den Staat, der natürlich das richtige tut, also das, was sich 1% wünscht, dass man gegen 99% tut.

.

Aber natürlich hatst du bei uns noch keine Reichen gesehen. Die gibt es selbstvertändlich nicht. Unser Problem sind die Armen und Arbeitslosen, die sich ein paar Bier pro Woche leisten, und damit ruinieren sie unsere ach so demokratische und ach so freiheitliche Ordnung. Sarrazin hat das schon alles richtig erklärt.

Gerald Braunberger

13. Februar 2012, 09:46

Wer sich für Alternativen zur Geldpolitik der vergangenen 20 Jahre interessiert, findet hier viele Anregungen:

www.brookings.edu/.../Rethinking%20Central%20Banking.pdf

Ich hatte darüber im Oktober 2011 in der F.A.S. einen "Sonntagsökonom" geschrieben, der aber online nicht frei verfügbar ist.

Gruß

gb.

rum

13. Februar 2012, 11:15

http://www.mariensaeule.de

@Braunberger.

Ich habe schon die ersten zwei Kapiteln gelesen (nicht ganz wie Philologe), es gibt viel zu sagen, aber ich möchte, als Anregung, zwei sachen bemerken:

.

(1) Seite 19: "Diese Tatsache [Sonderstellung des Handelswechsels in Geldsystem] ist um so erstaunlicher, als der Wechsel als Finanzierungsinstrument in einer Umwelt, in der sich Innovationen beinahe überschlagen, ein eher 'altmodisches' Erscheinungsbild abgibt. So läßt sich denn der Eindruck nicht ganz von der Hand weisen, der Wechsel verdanke, wenn nicht schon seine Weiterexistenz, so doch seine anhaltende Verbreitung, nicht zuletzt der Möglichkeit der Rediskontierung, und zwar besonders dann, wenn die Notenbank dafür günstige Konditionen einräumt"

.

Nur der Eindruck? Wahrscheinlich wird er leugnen, dass die Schuldenkrise eine Folge der Staatspapiere als Sicherheit bei der Notenbank zu tun hat. Und wenn die Notenbank andere Investitionspapiere als Sicherheit nimmt, dann werden wir andere Fehlinvestitionen sehen. Die Banken begehren das, was die Notenbank als Sicherheit von ihnen nimmt. Warum ist der Handelswechsel anders? Das findet man in meinem obigen Zitat aus der Reichsbank.

.

(2) Seite 20: "Ganz im Gegenteil erweist sich das 'endogene element' im Geldentstehungsprozeß via Rediskontierung, das den Kern der banking-theoretischen Überlegung ausmacht, als ausgesprochen störend für ein Konzept der strikten Geldmengensteuerung".

.

Hier zeigt Issing deutlich einen Mangel an logisches Denken. Beim Festhalten der Geldmenge entweder erhöht sich die Umlaufgeschwindigkeit, sinkt die Anzahl der Umsätze oder sinken die Preise. Warum? Weil sonst würde die Geldmenge steigen und das wird gehindert. Gerade das, was Issing so mag, war notwendig für die Konjunktur-Ankurbelung: die Geschäfte am offenen Markt.

.

Das Gutachten muss man in seinem historischen Kontext lesen: Bretton-Woods-System mit freier Konvertibilität und festen, ja starren Wechselkurse, zusammen mit dem deutschen Exportüberschuss. Jede Zinserhöhung hatte, im Gegensatz zur normalen Zeit während der Goldwährung, sofort eine expansive Wirkung wegen der Zuflusse. Die BuBa musste mal den Diskont senken, wenn die Konjunktur eher eine Erhöhung erforderte. Es war keine normale Zeit, die Kontingentierung schien notig. Issing kritisiert nicht die richtigen Ursachen, er nimmt die Situation als Vorwand, im Namen des Wettbewerbs, um gegen den Diskont zu agitieren.

.

Die Alternative? Zunächst Anfangen, wieder Handelswechsel als Sicheheit zu nehmen, und zwar so, dass ein Kredit mit Handelswechseln als Sicherheit günstiger als andere sei. Das wäre der Anfang.

rum

13. Februar 2012, 11:39

http://www.mariensaeule.de

Ergänzung zum historischen Kontext: auch die unmittelbare Zeit nach Bretton-Woods. Aber das ganze Chaos war Folge von Bretton-Woods und nicht des Gebrauchs des Handelswechsels.

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