Das notorische Versagen der Fed
15. Februar 2012, 15:52
Uhr
Die amerikanische Notenbank Federal Reserve wird im kommenden Jahr 100 Jahre alt. Die geldpolitische Bilanz ist nicht so toll.
Von Patrick Welter
"Keine
wichtige Institution in den Vereinigten Staaten hat so einen schlechten
Leistungsnachweis über eine so lange Zeit, aber zugleich eine so gute
Reputation." Das Urteil, das der verstorbene Nobelpreisträger Milton
Friedman einst über die amerikanische Notenbank Federal Reserve fällte, lässt
an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig. Aber ist dieses Urteil gerechtfertigt?
Aktuell ist der Ruf der Federal Reserve wohl so schlecht wie noch nie in ihrer
Geschichte. Der Zorn über die Milliarden Dollar, mit denen die Fed während der
Finanzkrise Großbanken und Versicherer herauspaukte, ist in den Vereinigten Staaten
noch lange nicht verraucht. Die Notenbank wird scharf kritisiert, dass sie als
Aufseher vor dem Ausbruch der Krise nicht genau in die Bücher der Finanzhäuser
geschaut habe. Und die Ängste, dass der Vorsitzende Ben Bernanke mit der
jahrelangen Nullzinspolitik und dem Ankauf von Staatsanleihen einen großen
Inflationsschub heraufbeschwört, sind allgegenwärtig.
In Vorbereitung
auf das 100. Jubiläum der Fed im kommenden Jahr haben drei Ökonomen genauer
hingeschaut. George Selgin, William Lastrapes und Lawrence White lassen in
ihrer Studie über die Leistung der Federal Reserve die Zahlen sprechen. Die
drei Ökonomen sind bekannte Anhänger des "Free Bankings", einer
Geldordnung, in der nicht Zentralbanken und Finanzaufseher für stabile Preise und
eine möglichst stabile Finanzordnung sorgen sollen, sondern
privatwirtschaftlich bereitgestelltes Geld und die Kraft des Wettbewerbs. In
der Ökonomik ist das eine extreme Außenseiterposition. Darunter leidet die
Qualität der Analyse der drei Ökonomen nicht, sie bieten ein ausgewogenes
Urteil. Gemessen an der Inflationsentwicklung ist die Bilanz der Fed, die mit
der Geldversorgung in den Vereinigten Staaten 1913 zum Monopol erhoben wurde,
verheerend. Der Wert des Dollars ist in den Fed-Jahrzehnten dramatisch gesunken,
nachdem er zwischen 1790 und 1913 nahezu wertstabil geblieben war. Ein
Warenkorb mit typischen Produkten eines privaten Haushalts, der 1790 rund 100
Dollar kostete, war 1913 für 108 Dollar zu haben. Am Beginn der Finanzkrise
2008 kostete das gleiche Warenbündel 2422 Dollar. Kein Zufall ist nach Ansicht
der Autoren, dass die größte Entwertung des Geldes einsetzte, als die
Vereinigten Staaten 1971 die Bindung des Dollars an das Gold aufgaben.
Neben einer
niedrigen Inflation ist als Vorbedingung für ein erfolgreiches Wirtschaften von
Haushalten und Unternehmen gleichermaßen wichtig, dass das Preisniveau
möglichst wenig schwankt. Solche Stabilität erleichtert es den Menschen,
langfristige Verträge einzugehen. Sie fördert das Sparen und den Aufbau eines Kapitalstocks,
der größeres Wachstum und Wohlstand ermöglicht.
Die Leistung der
Federal Reserve ist in dieser Hinsicht durchwachsen. In der Zeit zwischen den
Weltkriegen schwankte die Inflationsrate weit mehr als in den Jahrzehnten vor
der Gründung der Fed. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber lagen die Schwankungen
der Inflationsrate niedriger. Mit der Verfestigung der Inflation wurde es indes
immer schwieriger, das künftige Preisniveau auf längere Sicht zu
prognostizieren. Die größere Unsicherheit zeigt sich unter anderem darin, dass
Unternehmen weit weniger willens sind als früher, Anleihen mit einer Laufzeit
von 100 Jahren aufzunehmen.
Trotz der
insgesamt schlechten Inflationsbilanz der Fed richteten sich seit den achtziger
Jahren die Hoffnungen darauf, dass Zentralbanken wie die Fed aus den
inflationären Übertreibungen der siebziger Jahre gelernt hätten. Ökonomen und
Notenbanker zeichneten das Bild einer "großen Moderation", gemäß dem
nicht nur die Vereinigten Staaten in nahezu goldenen Zeiten niedriger Inflation
und robusten Wachstums lebten. Zweifel an der Lernfähigkeit der Fed aber sind
angebracht. Ohne Frage hatten die Vorsitzenden Paul Volcker und Alan Greenspan
seit den achtziger Jahren die Inflation in Amerika mit harter Hand eingedämmt.
Viele Ökonomen begründeten die besseren wirtschaftlichen Ergebnisse - vor der
Krise - jedoch mit strukturellen Veränderungen wie weniger Angebotsschocks,
mehr Finanzinnovationen oder dem Trend hin zu Dienstleistungen. Die damit
sinkende strukturelle Arbeitslosigkeit führte die Fed weniger in Versuchung,
mit einer überraschend höheren Inflation zu versuchen, mehr Beschäftigung zu
generieren. Ein Indiz, dass die Fed gelernt hat, ist die große Moderation in
dieser Interpretation nicht. Seit 2007 hat die Finanz- und Wirtschaftskrise die
Hoffnung auf goldene Zeiten ohnedies dahinfliegen lassen wie Blätter im Wind.
Während die Fed im
historischen Vergleich darin versagte, Inflation zu verhindern, wird sie
üblicherweise dafür gepriesen, die Deflation, den Fall des Preisniveaus, fast
ausgerottet zu haben. Das Ökonomentrio stellt auch diese Wertung in Frage.
Richtig ist, dass in den Jahrzehnten vor der Gründung der Fed die Wirtschaft
oft von Deflationsschüben heimgesucht wurde. Meistens handelte es sich dabei um
eine ungefährliche Deflation, die mit Wachstum einherging. Der Abwärtstrend des
Preisniveaus von 1873 bis 1896 etwa gründete in einem Produktivitätsschub, in
dem "mehr Güter das Geld jagten", ohne die Wirtschaft in den Abgrund
zu stürzen. Gelegentliche Finanzpaniken führten indes zu kurzen
"hässlichen" Deflationsepisoden.
Die Fed hat diese
zwar weitgehend eliminiert. Sie ist andererseits aber mitverantwortlich für
einige der schlimmsten Deflationen in der amerikanischen Geschichte. Die Große
Depression von 1929 bis 1934 war deshalb so dramatisch, weil die Fed die
Geldversorgung zu knapp hielt. Und die Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007
ist auch Folge davon, dass die Fed die Geldversorgung zuvor zu lange zu locker
hielt. In beiden Episoden habe die Federal Reserve zugleich in ihrer Rolle als
"Lender of last resort", als Liquiditätsgeber der letzten Instanz,
versagt, werten die Autoren. Sie habe insolvente Institute am Leben erhalten,
anstatt sich auf reine Liquiditätsgaben zur Stabilisierung des Finanzsystems zu
beschränken. Selgin, Lastrapes und White halten das für den wohl größten Fehler
in der Geschichte der Fed. Die Fehlanreize für Finanzinstitute, dass sie auch
in künftigen Krisen herausgepaukt werden, sind offensichtlich.
George Selgin,
William Lastrapes, Lawrence White: Has the Fed Been a Failure? Working Paper,
Cato-Institut, Dezember 2010.
Der Beitrag erschien als Sonntagsökonom in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 12. Februar 2012.
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