Die optimale Steuer
22. Februar 2012, 08:36
Uhr
Müssen starke Schultern mehr tragen, oder muss sich Leistung
mehr lohnen?
Von Patrick Bernau
Wie viel Steuern sollen die Reichen zahlen? Es ist eine
endlose Debatte, egal, wie hoch die Steuern gerade sind. Immer werden linke
Politiker fordern, dass die Reichen mehr berappen. Liberale Politiker werden für
Steuersenkungen plädieren und im Gegenzug die Sozialleistungen kürzen wollen.
Jetzt hilft eine neue Studie zweier Harvard-Ökonomen, den ewigen Streit besser
zu verstehen - und sie gibt sogar einen kleinen Hinweis darauf, wo der
Kompromiss liegen könnte.
Die beiden
Forscher Benjamin Lockwood und Matthew
Weinzierl sind von den alten Argumenten ausgegangen, die sich die Menschen am
Stammtisch immer wieder um die Ohren hauen: "Starke Schultern müssen mehr
tragen", sagen die einen, und die anderen antworten: "Das Geld der Reichen ist
doch hart erarbeitet. Leistung muss sich auch lohnen."
Diese Sätze verdeutlichen, wie schwer es ist, das
richtige Steuersystem zu finden. Denn beide Argumente sind ja im Prinzip
anerkannt. Die meisten Leute werden es gerecht finden, dass die Bürger mehr Geld
behalten dürfen, wenn sie das Geld durch viel und harte Arbeit verdient haben.
Die Anreize dazu sollen auch erhalten bleiben. Umgekehrt finden es die meisten
Leute schlecht, wenn der Zufall den Lohn bestimmt: Wer einfach Glück hatte oder
eine besondere Begabung mitgebracht hat, der soll nicht allein davon schon
profitieren. Das würde der Chancengleichheit widersprechen.
Die Nobelpreisträger Peter Diamond und James Mirrlees
haben solche Überlegungen einst zu einer Theorie der optimalen Besteuerung
verdichtet. Sie sagen: Theoretisch wäre das Steuersystem dann am besten, wenn es
den Teil des Einkommens besteuert, den die Menschen dank Zufalls, Glück und
Begabung bekommen - aber nicht den Teil, der die Frucht harter Arbeit ist.
Praktisch ist dieser Satz völlig unbrauchbar. Wer kann
schon entscheiden, ob der Kollege im Prinzip viel zu faul ist für seinen Lohn?
Wer kann messen, wie viele seiner Tore der Fußballspieler Lionel Messi seiner
Begabung verdankt und wie viele seinem Training? Niemand. Deshalb ist das
Steuersystem in allen Ländern bisher eine Krücke: Der Staat kümmert sich nur
darum, was ein Mensch verdient. Wenn der viel verdient, dann wird ein Teil davon
Glück sein, sagt der Staat, und berechnet ihm einen höheren Steuersatz. Wenn
einer nichts verdient, dann wird er daran nicht allein selbst schuld sein, sagt
der Staat - und bezahlt Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe.
Benjamin Lockwood und Matthew Weinzierl haben jetzt einen
Weg gefunden, die Bedeutung dieser beiden Einflüsse wenigstens für ganze Staaten
zu messen. Die beiden nutzen dazu den World Value Survey, eine standardisierte
Umfrage für mehrere Länder. Darin werden die Teilnehmer auch gefragt, wie sie
Arbeit und Freizeit abwägen: Ihnen werden zwei Sätze vorgelegt, und sie müssen
sich entscheiden zwischen dem Satz "Freizeit macht das Leben lebenswert, nicht
Arbeit", dem Satz "Arbeit macht das Leben lebenswert, nicht Freizeit" oder einer
von drei Stufen dazwischen.
Die meisten Menschen sehen sich in der Mitte zwischen
diesen beiden Sätzen, nur in Korea, Tschechien, der Slowakei, der Türkei und
Mexiko gibt es besonders viele Fleißige - so zumindest zeigt es die Umfrage. Den
beiden Forschern war es aber auch gar nicht so wichtig, wie faul oder fleißig
sich diese Länder selbst finden. Stattdessen haben sie untersucht, ob die
Menschen in einem Land alle ungefähr gleich fleißig sind oder ob es große
Unterschiede zwischen den einzelnen Leuten gibt.
Dann haben sie die Fleißunterschiede in jedem Land damit
verglichen, wie stark der Staat die Einkommen umverteilt: ob der
Spitzensteuersatz hoch ist, der Staat generell hohe Steuern verlangt und ob das
Sozialsystem einen großen Anteil an der Wirtschaftsleistung ausmacht.
Dabei ergibt sich tatsächlich ein klares Muster: Je
gleichmäßiger der Fleiß in einem Land verteilt ist, desto stärker werden die
Einkommen umverteilt. Offenbar ist in solchen Ländern das Gefühl stärker, dass
Verdienstunterschiede mehr durch Glück entstehen als durch Fleiß. Gleichzeitig
müssen die Leute, die hohe Steuern zahlen, weniger fürchten, dass ihr Geld
Mitbürgern zugutekommt, die einfach nicht so viel arbeiten wollen.
Schweden ist in dieser Untersuchung das gleichmäßigste
Land mit der höchsten Umverteilung. Korea und Mexiko haben in ihrer Bevölkerung
sehr unterschiedliche Arbeitsethiken, dafür verteilen sie weniger Geld um. Die
Türkei könnte nach dieser Betrachtungsweise ihre Steuern ein gutes Stück
erhöhen, während die Slowakei selbst mit ihrem kleinen Sozialsystem noch relativ
viel Geld umverteilt von Leuten, die viel arbeiten zu Leuten, die wenig arbeiten
wollen. Die Vereinigten Staaten mit ihren niedrigen Steuern und Deutschland mit
seinem großen Sozialsystem liegen beide ungefähr dort, wo es die
Fleißunterschiede im Land nahelegen. Die Deutschen unterscheiden sich in ihrer
Arbeitsethik einfach nicht besonders.
Mit diesem Ansatz können die beiden Forscher immerhin
rund ein Viertel der Variation zwischen den unterschiedlichen
Umverteilungssystemen erklären.
Zudem konkretisieren sie eine Erkenntnis über das
Steuersystem, die Harvard-Ökonom Alberto Alesina und sein Kollege George-Marios
Angeletos schon vor einigen Jahren hatten: Sie stellten fest, dass die
Umverteilung in den Ländern klein ist, in denen die Menschen stärker an ihre
eigene Leistung glauben und davon ausgehen, dass sie ihr eigenes Schicksal
beeinflussen können. Das sind vermutlich die Länder, in denen wirklich einige
Leute mehr verdienen könnten - würden sie sich nur ein bisschen mehr
anstrengen.
Der Beitrag ist der Sonntagsökonom aus der F.A.S. vom 19. Februar 2012. Die Illustration stammt von Alfons Holtgreve.
____________________________________________________________________
Das Blog finden Sie unter http://www.faz.net/fazit und auf:
Der Autor auf: