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Wenn keiner hilft, hilft nur das Fernsehen?

04. Dezember 2008, 13:18 Uhr

Für jedes Problem gibt es eine Lösung. Manchmal ist nur nicht klar, wo sie herkommen soll. Also, außer natürlich aus dem Fernsehen.

Am gestrigen Mittwoch lief bei RTL die 99. Folge der "Super Nanny", in der Erzieherin Katia Saalfrank Familien besucht, in denen es drunter und drüber geht, um Lösungsvorschläge anzubieten. Im Wesentlichen ging es darum, dass eine alleinerziehende Mutter ihren siebenjährigen Sohn massiv misshandelt, ständig ausflippt, wenn er sich nicht so verhält, wie sie es will, ihn anschreit, schlägt und tritt. Und dass sie weiß, dass das falsch ist (Video bei rtl-now.de ansehen).

Es war, ehrlich gesagt, erschütternd zu sehen, wie die Mutter erzählt, dass sie ihren Sohn eigentlich bloß "abfertigt" (wie sie es selbst formulierte) und sagt: "Er weiß: Ich lehne ihn ab, aber er kommt ja immer wieder." Und wie der Sohn erzählt: "Ich werde oft von Mama geschlagen, aber es gibt auch Gründe dafür – wenn ich zum Beispiel den Tisch nicht richtig decke." Und es war erschütternd, dass das die "Unterhaltung" ist, die Menschen sich abends um 20.15 Uhr bei RTL ansehen, um sich damit von ihren eigenen Problemen abzulenken.

Saalfrank hat sich die Dauerkrise angeschaut, mit der Mutter gesprochen und gesagt, dass sie das dem Jugendamt melden müsse, wenn sie es nicht selbst tue. Die Mutter hat sich dazu entschlossen, es selbst zu melden. Sie hat angerufen und um einen baldigen Termin gebeten, was zweimal (offenbar aus Zeitgründen) abgelehnt wurde. Erst als RTL mit dem Jugendamt in Kontakt trat, wurde kurzfristig ein Gespräch vereinbart und beschlossen, den Sohn vorübergehend in eine Pflegefamilie zu geben, mit dem Einverständnis der Mutter, die sich im Gespräch mit Saalfrank, so schien es, erstmals richtig bewusst machte, wie falsch das ist, was sie ihrem Sohn antut, und woher das womöglich kommt, nämlich aus ihrer eigenen Kindheit, in der sie selbst misshandelt wurde.

Das Erstaunliche ist, wie ich finde, dass sich die Mutter, die bereits wusste, dass sie sich falsch verhält, mit ihrem Problem nicht an Freunde gewandt hat oder an die bekannten Institutionen, um zu vermeiden, dass die Situation weiter eskaliert. Sie hat sich dort gemeldet, wo ihrer Meinung am ehesten Hilfe zu erwarten war. Ans Fernsehen.

Ich glaube, das ist keine Ausnahme.

In "Helfer mit Herz" besucht Vera Int-Veen Familien, die unverschuldet in schlimme Situationen geraten sind – durch den Tod eines Ehepartners, eine schlimme Krankheit oder andere Schicksalsschläge. Sie hilft ihnen, wieder auf die Beine zu kommen, eine neue Wohnung zu finden, die Kinder in den Fußballverein zu schicken und günstige Möbel zu besorgen. Und sie macht das nicht mit Geld, sondern indem sie andere um Hilfe bittet: Nachbarn, Vermieter, Vereine. Die Familien haben sie zwar nicht selbst gerufen, aber die Hinweise kommen von Bekannten, die der Ansicht sind, selbst nicht die Unterstützung liefern zu können, die notwendig wäre.

Ich habe mich vor zwei Jahren mal mit Int-Veen über ihre Sendung unterhalten (die damals noch als "Glück-Wunsch" bei RTL 2 lief) und gefragt, ob sie wisse, warum die Familien, wenn sie doch so große Sorgen haben, nicht selbst bei anderen um Hilfe gebeten haben. Weil sie sich dafür schämten, dass es ihnen so schlecht geht, hat Int-Veen gesagt.

Ist das nicht komisch? Dass sich Menschen, wenn sie Probleme haben, nicht trauen, in ihrem Umfeld nach einer Lösung zu suchen und sich stattdessen ans Fernsehen wenden? Weil das Vertrauen in Protagonisten wie Katia Saalfrank oder RTL-Schuldnerberater Peter Zwegat inzwischen größer ist als in staatliche Organisationen, oder die Scham zu groß, vor anderen zuzugeben, dass man es alleine nicht mehr schafft? Und ist es nicht absurd, dass diese Scham mit einem Mal nicht mehr da ist, wenn das Kamerateam im Wohnzimmer steht und nachher ein paar Millionen Menschen zusehen?

Die Mutter, um die es gestern in der "Super Nanny" ging, war nachher noch mit Katia Saalfrank bei "stern tv" zu Gast, hat offen über ihre Probleme und die Situation mit ihrem Sohn gesprochen, und am Ende des Gesprächs gefragt:

"Darf ich noch was sagen? Ich wollte diesen Weg gehen, dass andere auch diesen Weg gehen, sich Hilfe zu suchen und nicht wie ich die Tür zumachen und halt nix sagen und da enden, wo ich bin."

Das Fernsehen scheint in unserer Gesellschaft eine Funktion übernommen zu haben, der wir uns noch gar nicht richtig bewusst geworden sind. Für viele ist es der letzte Ausweg, um mit ihren Problemen fertig zu werden. Ausgerechnet das Fernsehen, dass ja seine Helfersendungen nicht aus Gemeinnützigkeit sendet, sondern um damit ein größtmögliches Publikum zu erreichen und Geld zu verdienen. Das kann man schlimm finden. Oder sich fragen, ob es nicht viel bedenklicher ist, dass ein solches Vertrauen nicht denen entgegen gebracht wird, die eigentlich dafür da sein müssten.

* * *

Nachtrag, 16.35 Uhr: Im Blog "Weltkriese" schreibt "Darwin" über Gründe, sich mit seinen Problemen ans Fernsehen zu wenden:

"Wie es dazu kommt, dass nun 80 Millionen Bürger zusehen können, wie sie erbost zum Jugendamt geht und ihren Jungen in eine Pflegefamilie unterbringt, ist eigentlich relativ leicht zu beantworten: RTL bietet seinen Kandidaten Geld und dabei werden gerade die Menschen angesprochen, die es bitternötig haben."

Ich habe beim Sender nachgefragt, der bestätigt, dass die Protagonisten eine branchenübliche Aufwandsentschädigung bekommen, die "wenige hundert Euro" betrage. Das mag, um "Darwins" Theorie zu folgen, für alle, "die es bitternötig haben", viel sein. Aber reicht das, um seine Lebensgesichte einfach so ans Fernsehen zu verscherbeln?

Veröffentlicht 04. Dezember 2008, 13:18 von Peer Schader
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Kommentare

Volker Weidermann

04. Dezember 2008, 13:31

Hm, Herr Schader - aber haben Sie denn schon einmal darüber nachgedacht, dass das alles womöglich - inszeniert sein könnte? Ich meine: wieso dürfen denn wohl keine Journalisten mit zu den Drehs des Super-Nanny? Und gerade ide gestrige Sendung wirkte doch von der ersten bis zur letzten Sekunde total gestellt. Das war doch bitteschön ein schlechter Fernsehwitz. (nur noch getoppt durch die Schuldnerberatung danach. Oooh - wie durch Zufall, in den Tagen der Anwesenheit des RTL-Teams entschließt sich das eben noch vereinte Ehepaar zur Trennung. Damit der Herr Berater und RTL mal ne neue Dramatik irgendwie reinkriegt in das Format. Jauch hat es doch in Stern-TV genau formuliert: "Ddas war ihre 99. Sendung aber so was ist Ihnen noch nie passiert, Super-Nanny?" Genau, wie er alle sieben Monate einen Millionär braucht. Die Formate brauchen Neuigkeiten. Und es ist nicht der Zufall, der sie ihnen in die Sendung spielt!  

Toeb

04. Dezember 2008, 13:50

Peer Schader

04. Dezember 2008, 13:50

@Woronin: Sie haben sicher Recht, aber eigentlich ging es mir im Text ausnahmsweise einmal nicht um diesen Inszenierungsgedanken (das können wir gerne bald mal nachholen). Mich würde eher interessieren, was die Blogleser über die wahrgenommene Bedeutung des Fernsehens in unserer Gesellschaft denken. Vielleicht gibt es dazu ja noch mehr Meinungen - oder ganz andere.

speeddemon

04. Dezember 2008, 14:37

Hallo Herr Schader,

erst einmal interessante ansichtsweise die sie hier vertreten, eine Sache fehlt mir aber, ist es nicht mindestens genauso erschreckend das manche Probleme sich mit Hilfe des Fernsehens viel schneller regeln lassen als wenn man es ohne versucht? Wie lange hätte der Junge dieses Martyrium noch aushalten müssen wenn das Fernsehen sich nicht beim Jugendamt gemeldet hätte? Leider sind durch Sparzwänge als auch verbohrten alten Ansichtweisen unsere Amtsstuben reine Servicewüsten.

spiros81

04. Dezember 2008, 14:45

http://socialissuesandstuff.com

Interessante Beobachtung am Rande: Im Fernsehlexikon, dem Projekt ihres Kollegen Niggemeier, finden sich auch immer wieder Hilfesuchende in den Kommentarbereichen zur jeweiligen Ratgebersendung. Sie halten sie fälschlicherweise oft für die offizielle Anlaufstelle und hinterlassen dort munter Telefonnummern und sonstige Kontaktmöglichkeiten.

Man kann da vielleicht von einer Art Medienhörigkeit sprechen. Weil es halt die Medien sind, die sich wirksam an die Bürger wenden. Die Öffentlichkeitsarbeit der zuständigen Behörden ist oft nun einmal sehr katastrophal, und das Jugendamt im Speziellen hat einen Ruf, der Angst macht statt Hoffnung.

Aber das ist natürlich nicht die alleinige Schuld der Behörden. Jemand, der nach Peter Zwegat googelt und beim ersten Treffer um Hilfe bittet, hat noch ganz andere Probleme.

mwesthofen

04. Dezember 2008, 14:58

ich bin nicht unbedingt ein glühender Verfechter des Privatfernsehens  aber mit der Supernanny bietet RTL eine echte Hilfe für Menschen die von den Öffentlichen überhaupt nicht mehr erreicht werden. Dazu noch in einer Sprache die durchaus seriös aber nicht so unbeholfen pädagogisch ist wie bei in den dritten Programmen. Hier gibt e s mehr als die wahrgenommene Bedeutung. Ausnahmsweise einen echten Mehrwert...

Peer Schader

04. Dezember 2008, 15:04

@speeddemon/spiros81: Ich weiß was Sie meinen und hatte neulich erst einen Herrn am Telefon, der mir erzählte, er solle aus seiner Wohnung geschmissen werden, ob ich nicht im Fernsehen was dagegen tun könne. Die Menschen googeln - und suchen nach Unterstützung. das ist das eine: Fernsehen schafft Öffentlichkeit, und dadurch auch Druck, das ist glaube ich das, was speeddemon meint.

Das andere aber ist, dass Menschen wirklich der Überzeugung sind, die Protagonisten aus dem Fernsehen könnten die ersten Ansprechpartner sein, um reale Probleme zu lösen.

Volker Weidermann

04. Dezember 2008, 15:20

wohin haben Sie denn meinen zweiten kommentar verschluckt?

arathorn

04. Dezember 2008, 15:31

Interessant ist am doch am Allermeisten,daß die Mutter -nachdem sie von der Super-Nanny dazu angestoßen wurde,Kontakt mit der Familienhilfe auszunehmen-zunächst kein Hilfsangebot bekam.Erst nachdem das Fernsehen auch dort auftauchte,klappte es.Hätte die Frau ganz von sich aus das Jugendamt angesprochen und die Absage bekommen-wäre sie überhaupt so zäh gewesen,es mehrmals zu versuchen ? Wieviele Absagen bekommen eigentlich die,die es überhaupt wagen,Behörden,aber auch Freunde,Bekannte,Nachbarn um Hilfe anzusprechen ?!

Über diese Frage nach zu denken ,ist wohl bei weitem gescheiter,als -wie hier- über irgendwelche leichten "Verschwörungstheorien" (Thema : inszeniert) tiefgründig zu philosophieren !

HeinW

04. Dezember 2008, 15:35

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist vielleicht noch die Sendung "Escher - Der MDR-Ratgeber".

Das Beispiel trifft vielleicht nicht genau auf das zu, was Herr Schader gemeint hat, weil bei "Escher" tatsächlich hauptsächlich Fälle behandelt werden (Behördenwillkür etc.), in denen sich Menschen sich nicht mehr alleine helfen können. Aber es zeigt sehr schön, dass Fernsehen nicht nur Unterhaltung und Information bietet, sondern auch echte Lebenshilfe sein kann.

Diese Erkenntnis alleine finde ich schon sehr bemerkenswert.

kati280978

04. Dezember 2008, 15:35

Vielleicht sollte man an dieser Stelle auch mal Ursachenforschung betreiben. Das Fernsehen versucht zu helfen, wo es vorher Schaden angerichtet hat. Ist es nicht das Fernsehen, welches durch Werbung die Leute antreibt zu kaufen, so dass sie "mithalten" können in unserer Konsumgesellschaft. Kaufen, leasen, Ratenzahlung und hinterher müssen sie sich an das Fernsehen wenden, um Ihre Schulden besser im Griff zu haben...

Kinder werden dem allergrößten Scheiß (entschuldigen Sie bitte die Wortwahl) ausgesetzt, wenn Sie den Fernseher einschalten. Da wird gekämpft, da wird kein vernünftiges Deutsch gesprochen, und auch hier sind es die Kinder die der Werbung ausgesetzt sind (Computerspiele etc.). Ja, und dann kommt die Supernanny und soll wieder richten...

Das waren nur zwei Beispiele! Es gibt noch mehr!

Peer Schader

04. Dezember 2008, 15:36

@Woronin: Erscheint bei mir im System als publiziert, ich begeb mich mal auf Spurensuche.

Nachtrag: Meinen Sie den Kommentar, den Sie unter "Im Ersten nix Neues" abgegeben haben? Der ist da. Sonst hab ich hier keinen.

Volker Weidermann

04. Dezember 2008, 17:05

Sonderbar. Na, ich hatte nur geschrieben: ist doch nicht sonderbar, wenn das fernsehen zeigt: Chaosfamilie, alles schlimm und todschlag. dann die zaubernanny kommt. bisschen sorgentreppe, reklame, hand auf kinn streicheln und nach einer stunde: sorgen weg. tiptop-familie, alles schön. wieso sollte man sich da NICHT an die Wunderleute vom Fernsehen? Nur Trottel gehen da zum Elternnotruf oder zu Freunden! (ist peinlich, dauert lange, ausgang ungewiss. und ein star wird man auch nicht.

Darian-van-Dark

04. Dezember 2008, 17:48

http://darianvandark.wordpress.com/category/flimmernedes-inferno/

Zu diesem Thema habe ich (ebenfalls animiert von dem unsäglichen Treiben einer fürallesnachlehrplanverständnisshabenden, diplomierten Supernanny) unabhängig von dem nun von mir hier kommentieren Artikel bereits einige Worte verfasst. Titel: "Eiskalte Linsengucker".

Es ist durchaus richtig, dass einige Formate in vielen Szenen gestellt sind, damit der Zuschauer zu Hause so etwas wie Wut, Hass, Trauer, Entsetzen oder auch einfach nur Unterhaltung erlebt. Allerdings wäre es sehr verwerflich, wenn eine Produktionsfirma ein kleines Kind hernimmt und von einer Laienschauspielerin anbrüllen, niedermachen und sogar schlagen lässt. Gehen wir in dem hier geschilderten Fall also einmal davon aus: Das war echt.

Die hier bereits angebrachten Aspekte des Vertrauens kann ich nachvollziehen. Wenn man alleine ist, kaum Hilfe erwarten kann, nicht weiß wohin und dann womöglich noch Stunden vor dem TV zubringt, dann findet man in Peter Z. aus B. eben denn symphatisch wirkenden Mann der einen schon irgendwie aus der Scheiße holt, in der Fräulein-Rottenmeier-Kopie Katja Saalfrank die Beintätschelnde Supernanny die mit einem Schnipp Konflikte löst, in einem knautgesichtigem Talkshowmoderator den Daddychecker der einem den Vaterschaftstest bezahlt. Damit die heimische, beschissen eingerichtete, vor sich hingammelnde Wohnung einen neuen Anstrich bekommt, kann man mit seiner herzzerreissenden Geschichte dann noch "Zuhause im Glück" anrufen...

Nicht selten werden die sozialen "Härtefälle" auch von Format zu Format weitergereicht. Und die Verlockung für ein bisschen schnöden Mammon ist groß: Man muss selbst so gut wie nix machen ausser arm und hilflos wirken und bekommt dafür mediale Unterstützung, ein neues Wohnzimmer, den lang gewünschten Plasma-Fernsehr, funktionierende Kinder und ein schuldenfreies Leben. Das da manch einfach gestricktes Gemüt sich freiwillig zum "asozialen Freiwild" der gierigen Medienmeute macht: Nachvollziehbar. So haben z.B. Anwälte wie Zwirbelbärtchen "Lenßen" enorme Mandantenzahlen weil man sich sagt: Der löst im TV jeden Fall, der kann nur gut sein!

Aber (und das bitte ich zu bedenken): So etwas wie die Supernanny würde es nicht geben, wenn es niemand schaut. Ich verwette meinen fluffigen Arsch darauf, dass mit Sicherheit 75% der Zuschauer vor dem TV hocken, den Kopf schütteln, die Chipstüte rascheln lassen und darauf hoffen, dass "Mama asozial" den armen Wurm noch härter rannimmt - damit man sich noch mehr aufregen kann. Meine Freundin hat beim Anblick des Umgangs mit dem Jungen geweint, ich umgeschaltet. Die Zuschauer alleine bestimmen, was wie lange wann gesendet wird - und solange eine Supernanny sich in Spannermanier neben prügelnde Eltern und ausflippende Kinder stellt um "die Situation" wahrzunehmen, so lange wollen wir das alle scheinbar sehen - nur um uns dann darüber aufzuregen.

Das scheint eine neue Qualität von Einschaltquote zu sein: Man schaut ein Format nicht mehr aus Interesse am Format sondern nur noch aus dem Grund sich über das Format immer wieder aufs Neue aufregen zu können....

darween

04. Dezember 2008, 18:24

(Mein Kommentar war irgendwie nicht da, Requestfehler hieß es)

Also erstmal vielen Dank dafür, dass Sie sich meine Meinung dazu durchgelesen haben. Sie müssen bedenken, dass die gezeigten Menschen meistens finanziell bedürftig sind. In dieser Situation ist es ein kleiner Schritt sich bloß zu stellen. So klein, dass man ihn vielleicht auch eher in Kauf nimmt. (In diesem speziellen Fall hat die Frau von SternTV auch noch ein nettes Sümmchen bekommen, denke ich.)

Die Qualität dieser Hilfe ist schlechter (www.kinderschutzbund-nrw.de/StellungnahmeSuperNanny.htm). Es ist nicht möglich komplexe Erziehungsprobleme innerhalb von wenigen Tagen zu lösen. Diese Kinder haben oft jahrelang unter diesen Stresssituationen gelitten, man kann ihnen das "richtige" Verhalten nicht einfach so beibringen, insofern ist vieles gestellt. Ich bezweifle, dass diese Mutter unbedingt zeigen wollte, dass sie ihr Kind schlägt und ich bin mir sicher, dass sie nicht wollte, dass man sieht, wie sie ihr Kind in eine andere Familie bringt. Dieses "stark sein" vor der Kamera ist Teilaspekt des Produkts, das RTL verkauft, aber ebenso ein Punkt zur Kritik an das Format.

Es ist etwas anderes, wenn sich Menschen ans Fernsehen wenden, weil sie auf etwas aufmerksam machen wollen, wie Sie in Ihrem Kommentar aufzeigten: "Ich weiß was Sie meinen und hatte neulich erst einen Herrn am Telefon, der mir erzählte, er solle aus seiner Wohnung geschmissen werden, ob ich nicht im Fernsehen was dagegen tun könne."

Darian-van-Dark

04. Dezember 2008, 18:38

http://darianvandark.wordpress.com/category/flimmernedes-inferno/

Noch ein Nachtrag:

Ich bitte Rächtschraipfäla generell zu entschuldigen, betrachten wir sie einfach als Ausdruck meiner geschriebenen Persönlichkeit.

Zur Sache selbst der Nachtrag:

Es wäre doch mitunter nicht verwunderlich, wenn so manche Familie auf die Idee käme, sich bewusst als arme Schweine zu verkaufen damit die Kasse klingelt? Wie oft sitze ich mit der Lebenspartnerin vor so mancher Beglückungsshow und denke mir: "Wenn ich jetzt so tue als säße ich im Rollstuhl, meine Freundin als schwerkrank angebe und die Wohnung schnell ganz vernachlässigt aussehen l asse, dann könnte das klappen!" Und was meinte meine Lebenspartnerin bezogen auf den aktuellen Supernanny-Fall zu mir: "Ist es denn nicht denkbar, dass "Mama asozial" noch ein "paar Pfund" an Härte drauflegt, weil`s vielleicht ein bisschen mehr Kohle bringt?

Und zum Quotenthema abschließend: Die meist gesehenen Ausschnitte bei YouTube sind eben die, bei denen es bei der Nanny oder anderen Formaten richtig abgehen. Da wird sogar ein überhyperaktiver Junge mit Technosound untermalt und zum Kult erhoben: "Kleene !". Das alles wohl nach dem Motto: "Ist das ekelig, ich kann gar nicht wegschauen!" Der sogenannte Verkehrsunfallgaffereffekt. Und weil man nicht ständig in der Nähe eines Verkehrsunfalles unterwegs ist, liefert uns das TV diese Unfälle eben häppchenweise direkt an die heimische Couch. Nur gaffen müssen wir noch selbst...

Peer Schader

04. Dezember 2008, 19:13

@Darian-van-Dark: Die Trailer schießen tatsächlich oft weit übers Ziel hinaus und dramatisieren noch mehr als es in der Sendung schon der Fall ist.

JoSchaefers

04. Dezember 2008, 20:14

http://faz.net/fas/notizblog

@HeinW: Über die Öffentlichkeit Druck aufzubauen, um eine Behörde oder Firma, also einen Dritten, zum Einlenken in einem Streit zu bewegen, ist aber anderer Ansatz.

Wobei, ich hatte heute Mittag einen Gedanken, wo es, bei Licht betrachtet, auch um den Druck der Öffentlichkeit geht:

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Ich glaube nicht, oder nur zum Teil, dass die Menschen sich als Fernsehen wenden, weil sie dort kompetente Hilfe vermuten. Ich glaube, sie wenden sich vor allem an das Fernsehen, weil sie sich insgeheim die Unausweichlichkeit der TV-Entscheidung wünschen (so krank das klingt). Sich durch die Sendung eine Art Katharsis* erhoffen.

Wenn Katharina Saalfrank öffentlich bewertet und urteilt, gibt es für die Betroffenen keine Möglichkeit mehr, etwas zu beschönigen. Sich selbst oder Freunden etwas vorzumachen, ist eine Folge "Super Nanny" nicht mehr möglich. Fernsehen ist die erzwungene Wahrheit, bzw. der Schlußstrich, nachdem man neu anfangen kann.

*In Form eines äusseren Zwangs, den offizielle Stelle offenbar nicht/nur noch selten in der nötigen Konsequenz ausüben können und Freunde/Bekannte gar nicht.

--snip--

hotzen

05. Dezember 2008, 08:20

http://www.blog.gitarrenunterricht-frankfurt.de/

Der Grund für das Verhalten der Mutter dürfte einfach sein, was für einen Aufwand müsste die Mutter im wirklichen Leben treiben, bis sie so eine kompetente Problemlösung wie Katia Saalbach bekommt.

Ich würde sogar so weit gehen, dass die Mutter auf dem normalen Weg nie diese Hilfestellung erfahren würde.

Letztendlich verspricht der Weg über das Fernsehen eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit bei geringem Aufwand.

Stadtneurotiker37

06. Dezember 2008, 16:52

http://stadtneurotiker.org

Stecken diese Leute nicht allzu häufig so tief im eigenen Sumpf? Sin sie von einem Umfeld mit ähnlicher Problematik umgeben, daß als letzter Ausweg nur noch das Fernsehen bleibt?

jens.fabry

08. Dezember 2008, 14:15

Ist eine Bewertung der „Systeme“ überhaupt sinnvoll? – Die normative Durchsetzung von gesellschaftlichen Ansprüchen – aber auch deren Scheitern haben einen schlechten Ruf zur Folge, der von den Sozial- und Jugendämtern auch durch erfolgreiche Arbeit nicht abgestreift werden kann. Demgegenüber nähert sich das Fernsehen der gleichen Klientel mit selektiver Vorsicht an (um am Ende „fast immer“ eine Erfolgsgeschichte präsentieren zu können).

Frau Saalfrank widmet Ihre Zeit ja nicht den unlösbaren und zeitaufwendigen Fällen, sondern nur denjenigen, an deren Ende (nach einer Beobachtungs- und Beratungsphase) eine Art Familienvertrag über ein verändertes Verhalten zustande kommt, was immer eine Fähigkeit zur Einsicht in die eigene Misere und zur Mitwirkung voraussetzt.

Wird diese unterschritten, ist man medial vielleicht noch präsentabel, wird aber (wie im letzten Fall) dann an die zuständigen Ämter zurückverwiesen. Aufgrund dieser Arbeitsteilung kann das Fernsehen noch aus jedem Fall Kapital ziehen, wie Frau Saalfrank in eigener Sache (etwa bei Kerner im Vorfeld der Sendung) eindrucksvoll vorgeführt hat.

Ich will hier nicht der Frage nachgehen, ob die Sendung die Intervention angemessen abbildet, sondern nur die Frage aufwerfen, ob die gewährten Einblicke in Herangehensweise und Ergebnis nicht die Hoffnung wecken, dass mit dieser Methode auch einem selbst auf eine Weise geholfen wird, der man selbst (bei aller Schwierigkeit) noch zustimmen kann, während einem die Entscheidungsabläufe in Ämtern entzogen und einem abschreckenden normativen Automatismus unterworfen bleiben.

Das Fernsehen wirbt mit jeder Sendung in eigener Sache und erlaubt Einblicke in das, was einen erwartet, wenn man sich auf es einlässt. Diese „Eigenwerbung“ steht den Ämtern in keiner Weise zur Verfügung – denn bestenfalls hat man als Kunde eigene Erfahrungen (oder nur verschwommene Vorstellungen und Vorurteile über das, was einen erwartet). Wenn ich die Wahl habe, ob ich etwas für mich selbst (mit Hilfe des Fernsehens) erreichen möchte oder ob ich mich durch Offenlegung meiner Situation einem fremden Anspruch ausliefere, deren Verantwortliche sich fortan bei mir einmischen, dann viele meine Wahl auch auf das Fernsehen.

Über die Qualität der Hilfe hat darween einen entsprechenden Kommentar verfasst. Es ist naheliegend, dass intuitive Beobachtung und freiwillige Mitwirkung in kurzer Zeit nur einen Weg aufzeigen können, der bei mangelnder Compliance und anderen Schwierigkeiten wenig Aussicht auf Erfolg hat.

Die letzte Wendung, sich als Protagonistin einer schlechten Praxis zu präsentieren, „damit auch andere diesen Weg einschlagen mögen“ – ist eine naheliegende Wendung, weil sie das einzige ist, was positiv am eigenen Verhalten als Einsicht ergriffen werden kann (und es der Betroffenen ermöglicht, sich in der Öffentlichkeit so zu präsentieren, dass sie sich ein Stückweit mit sich in Einklang befindet).

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