Auch Fernsehshow-Anrufer haben Rechte – in Großbritannien
20. Dezember 2008, 10:45
Uhr
Die Briten haben eine
erfrischend eindeutige Haltung zu Fernseh- und Radiosendungen, in denen das
Publikum dazu aufgefordert wird, die ein oder andere kostenpflichtige
Telefonnummer anzurufen: Wenn der Zuschauer Geld ausgibt, muss er auch etwas dafür
bekommen. Eine tatsächliche Chance auf einen Gewinn, zum Beispiel. Oder die
Möglichkeit, eine Wahl mit einer abgegebenen Stimme tatsächlich zu
beeinflussen.
Es war keine böse
Absicht, dass die BBC am vergangenen Wochenende gegen diese Regel verstieß
und wieder einmal den Volkszorn provozierte. Es war reine
Dusseligkeit. Und das ausgerechnet bei der seit Monaten unter größter
Anteilnahme der Nation laufenden Show "Strictly Come Dancing", die auf deutsch in Deutschland "Let's Dance" heißt und in der Prominente
um die Wette tanzen. Heute Abend ist das große Finale - es werden weit über
zehn Millionen Zuschauer erwartet.
Eigentlich hätte im
Halbfinale am vergangenen Samstag eines von drei verbliebenen Paaren
ausscheiden sollen. Die Wertungen von vier Juroren einerseits und die Abstimmung des Publikums andererseits bestimmen jeweils zur Hälfte die Platzierung der Kandidaten. Die beiden
schlechteren Paare müssen in ein Duell, in dem dann die Jury alleine
entscheidet.
Es ergab sich aber, dass
die Jury zufällig zwei Paare punktgleich auf den ersten Platz gesetzt hatte. Das drittplatzierte
Paar hatte aufgrund des Punktesystems keine Chance mehr, den ersten Platz zu
erreichen und so vor dem entscheidenden Duell gerettet zu werden - ganz egal,
wie das Publikum abgestimmt hätte. Entgegen der ununterbrochenen Aufrufe, für
das eigene Lieblingspaar zu stimmen und es so vor dem Duell zu bewahren, war
jede Stimme für die Drittplatzierten verschenkt.
Leider fiel das den
Verantwortlichen erst auf, als die Abstimmung längst lief. Und leider gab es
keine Regel, was in einem solchen Fall zu tun sei. Und so beschloss die BBC,
die Abstimmung nach einer Stunde "einzufrieren" und alle drei Paare
ins Finale kommen zu lassen. Die bereits abgegebenen Stimmen sollen dann dort gelten.
Ein Anruf in der Sendung
kostet nur vergleichsweise lächerliche 15 Pence (16 Cent), aber das Ausmaß an Empörung und Schiebung-Rufen war
dennoch gewaltig. Es legte sich erst dann ein wenig, als die BBC öffentlich erklärte, all die Anrufer, die wirklich unglücklich seien über den veränderten Ablauf, könnten ihr Geld zurück bekommen
- zunächst hatte die BBC genau das abgelehnt. Aber bei kostenpflichtigen
Telefonspielen sind die Briten besonders sensibilisiert, seit herauskam, dass
nicht nur Sender und Sendungen nach dem Vorbild von 9Live die Zuschauer in die
Irre führten, sondern die Anrufer auch in großen Shows und sogar Benefiz-Galas getäuscht
wurden. Die Aufsichtsbehörde Ofcom griff mit Strafen in Höhe von mehreren
Millionen Euro durch. Noch in dieser Woche verhängte sie eine Geldbuße von rund
100.000 Euro, weil vorher aufgezeichnete Radiosendungen der BBC so taten, als
könne man live anrufen.
Eine funktionierende
Medienaufsicht aber ist in Deutschland ähnlich unvorstellbar wie die Art, in
der sich ein BBC-Verantwortlicher in den BBC-Nachrichten unangenehme Fragen vom
Moderator nach dem peinlichen Chaos bei "Strictly Come Dancing" gefallen
lassen musste (Video). Vor allem aber fehlt bei uns fast jedes Gefühl, dass mit dem
Geld, das die Fernsehsender durch die teuren Anrufe einnehmen, eine
Verpflichtung verbunden ist.
Als im vergangenen Jahr der Kandidat Max Buskohl die RTL-Casting-Show "Deutschland sucht
den Superstar" außer der Reihe verließ, behaupteten er und sein Vater hinterher,
der Sender habe ihn überredet, nicht sofort zu gehen, sondern erst nach der
nächsten Entscheidungsshow. So konnte RTL am Samstag durch die Telefonanrufe der Zuschauer noch Einnahmen in schätzungsweise sechsstelliger Höhe generieren -
bevor am Sonntag klar wurde, dass all diese Anrufe bedeutungslos waren, weil
Buskohl ging und deshalb der vom Publikum herausgewählte Kandidat bleiben
durfte. Die zuständige Landesmedienanstalt sah sich nicht veranlasst, bei RTL
überhaupt nachzufragen, was denn da los war, ein öffentlicher Aufschrei über
den Betrug an den Zuschauern blieb aus. Vermutlich hätte man das Gelächter der
RTL-Verantwortlichen durch die halbe Republik gehört, wenn einer der Anrufer versucht
hätte, sein Geld zurück zu bekommen.