Das Erste schickt Heinz Erhardt durch den Häcksler
20. Februar 2009, 19:58
Uhr
Mit großer Energie wehrt sich der neue ARD-Programmdirektor Volker Herres gegen die Behauptung, öffentlich-rechtliche und private Sender würden sich immer mehr angleichen. Und er hat Recht: Die ARD ist nicht so schlimm wie RTL. Manchmal ist sie schlimmer.
Am Donnerstag zeigte das Erste die Show "100 Jahre Heinz Erhardt", in der "die besten Gags und die schönsten Sketche", die von den Zuschauern zuvor im Internet gewählt worden waren, noch einmal laufen sollten. Und wenn sich der für die Produktion verantwortliche NDR an dieses Versprechen gehalten hätte, wäre es sogar zu verschmerzen gewesen, dass wie bei jeder x-beliebigen Show im deutschen Fernsehen Promis auf einer Couch saßen, um einen Großteil der Sendezeit mit Eigenerinnerungen zu kontaminieren.
Gezeigt wurde als erstes: der "G-Sketch", in dem Erhardt und seine Mitspieler eine komplette Konversation mit 79 G-Worten nacheinander bestreiten. Das ist sehr lustig und dauert normalerweise eine Minute. Im Ersten dauerte der Sketch aber noch anderthalb Minuten länger - weil es irgendjemand für eine gute Idee hielt, im Abstand weniger Sekunden Bluebox-Prominente mit ihren Kommentaren dazwischen zu schieben.
Und das hatten sie zu sagen:

Michael Kessler: "Der berühmte G-Sketch. Von Heinz Gerhardt."
Dieter Hallervorden: "Mein absoluter Favorit ist der G-Sktech."
Dieter Hallervorden: "Eine geniale Grundidee."
Ottfried Fischer: "Komisch."
Ottfried Fischer: "Versuchen Sie mal, einen Satz mit 15 Worten zu bilden, wo jedes Wort mit dem gleichen Buchstaben anfangt."
Peter Kraus: "Du darfst dein dreister Dagolbert dich..."
Ottfried Fischer: "Und dann wissen Sie, was Heinz Erhardt gearbeitet hat."
Peter Kraus: "Auf alle Fälle war es bravourös gemacht."
Dieter Hallervorden: "Es ist eben auch unnachahmlich, wie der Mann mit dem Publikum spielt."
Dieter Hallervorden: "...und je nachdem, wie die Leute reagieren..."
Ottfried Fischer: "Der G-Punkt."
Peter Kraus: "Hahaha. Das gab's damals noch nicht. Das wäre nicht erlaubt gewesen."
Bürger Lars Dietrich: "Vielleicht hat er auch seine Sketchpartner während des Sketches zum Lachen gebracht."
Peter Kraus: "Hahaha."
Peter Kraus: "Das Schöne ist: Er war nicht unter der Gürtellinie."
Michael Kessler: "Erinnert mich so ein bisschen an die Sprache, die man heute verwendet, bei SMS oder Email, ne?"
Michael Kessler: "Schön knapp."
Dieter Hallervorden: "Haha."
Michael Kessler: "Hahahahahahahaha."
Dieter Hallervorden: "So unübertrefflich gespielt, mit so absurden Wendungen."
Dieter Hallervorden: "Bis zur Schlusspointe hin. Schade finde ich nur, dass es mir nicht eingefallen ist."
Peter Kraus: "Das war damals live auf der Bühne, rechts war 'ne Band. Wir haben's noch gesehen."
Michael Kessler: "Oaahh! Ein G-naller."
Vielleicht war es leichtsinnig, den Fernseher mit der Erwartung eingeschaltet zu haben, das Erste könne Erhardt ganz klassisch feiern, womöglich sogar mit Showband und einem Ambiente, das ein bisschen an die Fernsehstudios aus den 60ern erinnert hätte (wie Peter Kraus kurz wieder einfällt, wenn er von "damals" spricht), und nicht ans derzeit übliche Oliver-Geißen-Universalmodell. Womöglich bringt es auch nichts, sich zu fragen, was das für Leute sind, die Erhardts Sketche, die ja zum Wesentlichen durch ihr Timing leben, einfach so durch den Bluebox-Häcksler schicken, um ihre "einzigartige Humor-Chartshow" (NDR-Ankündigung) zu produzieren.
Aber irgendwie hab ich den leisen Verdacht, dass für den Mann, den die ARD da am Donnerstagabend zwei Stunden als einen unserer größten Humoristen feierte, im Fernsehen, wie es heute ist, kein Platz mehr wäre.
Screenshots: Das Erste