Erst Pocher, jetzt Kerner: Wie Senderchef Guido Bolten bei Sat.1 Erste Hilfe leistet
22. April 2009, 16:54
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Als im Herbst die Nachricht vom Umzug nach Unterföhring kam, hätte es kaum schlimmer werden können: Sat.1 war fertig, durch, erledigt. Dass der Sender überhaupt noch existierte, war zwar kein wirkliches Wunder, weil sich eben auch mit Billigprogrammstrecken am Nachmittag Geld verdienen lässt. Aber offenbar hatte es das Team um den damaligen Sat.1-Geschäftsführer Matthias Alberti, dem zuvor N24-Chef Torsten Rossmann an die Seite befohlen worden war, schlicht aufgegeben, ein Fernsehen zu machen, das seinem Publikum auch nur ein Mindestmaß an Relevanz versprechen konnte.
RTL war seit Jahren in unerreichbare Ferne gerückt, und im eigenen Konzern gibt Pro Sieben den Ton an – zu Recht, weil es dort noch soetwas wie eine Programmentwicklung gibt. Sat.1 verließ sich lieber darauf, möglichst wenig zu ändern, um nicht noch mehr Zuschauer zu verlieren. Geradezu paralysiert war man in Berlin vom Quotenabsturz des früheren Programmerfolgs "Verliebt in Berlin". Wenn es Neues von Sat.1 gab, dann allenfalls, weil Sendungen eingestellt oder Mitarbeiter entlassen wurden.
Im Grunde bestand für den Sender nur wenig Hoffnung, bei weiter sinkenden Primetime-Marktanteilen die folgenden Jahre unbeschadet überstehen zu können.
Seit vier Monaten ist Guido Bolten neuer Geschäftsführer des Senders. Auch er muss seitdem jede Woche wieder Meldungen über Quotenabstürze erdulden. Vieles davon ist auf Altlasten zurückzuführen, die Bolten von seinen Vorgängern hinterlassen bekommen hat: die gähnend langweilige Dokusoap "Die Gerichtsvollzieher", die schlimme "Mann-O-Mann"-Neuauflage "Mister Perfect", die austauschbaren Comedyprogramme, die kein Zuschauer mehr auseinander halten kann (weil ja auch keiner mehr hinsieht). Alles Flops mit Ansage. Genau das macht Boltens Job so schwierig: Er muss einen Sender wachrütteln, der sich seit Jahren im Tiefschlaf befand, kann aber keinen radikalen Neuanfang machen, weil noch soviel Programm da ist, das weggesendet werden muss, um abgeschrieben zu werden.
Das größte Problem ist noch schlimmer: Die Zuschauer haben mit der Zeit das Vertrauen in Sat.1 verloren, dass es sich lohnen könnte, dort eine neue Sendung anzusehen, die nicht bloß der Abklatsch dessen ist, was die anderen schon seit Monaten zeigen. Das muss Bolten ändern.
Und selbst wenn das Sat.1-Programm momentan noch genauso zum Fürchten aussieht wie vor einigen Monaten: Ein Anfang ist gemacht. Denn das, was Bolten seit seinem Antritt im Januar bisher gerissen hat, vermittelt zumindest den Eindruck, dass er es ernst mit seinem Job meint und nicht bloß Elendsverwalter sein will wie Alberti (der dafür nachher auch noch als Stellvertreter von Andreas Bartl in die German Free TV Holding weggelobt wurde).
Der Fußball war natürlich ein Geschenk: Bereits seit vergangenem Jahr ist klar, dass Sat.1 mit den Spielen des Uefa-Cups und der Champions League die Quotendelle wieder ausgleichen kann. Dass das auf Dauer nicht reicht, weiß Bolten aber genau. Und arbeitet seit Wochen daran, das zu ändern. Auch wenn er wenig davon in der Öffentlichkeit erzählt. (Und die Antworten seines ersten Interviews als Sat.1-Chef in der "Süddeutschen Zeitung" sahen neulich doch arg nach zusammengefassten Pressemitteilungen aus.) Offenbar hat der Mann, der zuvor Chef bei Kabel 1 war, aber Durchsetzungsvermögen: Mitte Januar meldete Pro Sieben Sat.1 quasi nebenbei, dass Torsten Rossmann doch nicht so lange wie ursprünglich geplant als zweiter Sat.1-Geschäftsführer arbeiten werde, sondern sich wieder auf seinen Job bei N24 konzentrieren. Das war ein Signal.
Zumindest eines hat der Neue schon geschafft: Sat.1 wieder ins Gespräch zu bringen, und nicht, weil es neue Katastrophen zu vermelden gäbe. Die erste Sat.1-Pressemeldung nach Boltens Amtsantritt war, dass Sat.1 seine alte Fußballmarke "ran" wiederbelebt. Anschließend folgte die Verpflichtung von Sabine Christiansen und Stefan Aust für eine Polittalkshow im Wahljahr, Oliver Pochers Zusage für eine Late-Night-Show war vor kurzem der vorläufige Höhepunkt, jetzt setzt Bolten mit Johannes B. Kerner, den er 2010 vom ZDF wegholt, noch eins drauf. Aber ob das wirklich die Namen sind, mit denen man so einen Neuanfang machen möchte?
In der aktuellen Mitteilung lässt sich Bolten mit den Worten zitieren, Kerner solle "die journalistische Kompetenz von Sat.1 weiter ausbauen". Journalistische Kompetenz? Mit dem braven Rücksichtnehmer Kerner? Das dürfte für beide Seiten eine komplett neue Erfahrung werden, zumal Sat.1 sich dafür bisher allein auf den etwas biederen Peter Limbourg verließ, der seine Sache als Anchorman zwar nicht schlecht macht, dabei aber nie von jemandem gesehen wird, weil die "Sat.1-Nachrichten" seit einem Jahr direkt gegen die "Tagesschau" versenkt werden. Noch so ein Quotendebakel.
Sat.1 muss in neue Shows investieren, um die Zuschauer wieder zu begeistern
Dabei muss Bolten sich im Klaren sein, dass es nicht reichen wird, Stars von der Konkurrenz abzuwerben, ihnen neue Shows zu geben und sich damit automatisch gute Quoten abzuholen. Mit genau dieser Strategie hat sich Fred Kogel in den 90er Jahren als Geschäftsführer von Sat.1 versucht. Kogel holte Harald Schmidt, Thomas Gottschalk und Fritz Egner, um endlich den ewigen Konkurrenten RTL zu überholen – und bewirkte wenig.
Keine Frage: Die großen Namen sind für Bolten wichtig, um den Sender dem Publikum in Erinnerung zu rufen. (Und dass ihm bei Pro Sieben Sat.1 dafür ein großer Geldtopf hingestellt worden sein muss, ist auch nicht gerade unwahrscheinlich.) Noch wichtiger ist aber, wieder in Programmentwicklungen zu investieren, um zur Hauptsendezeit nicht mit Sendungen gegen die Konkurrenz antreten zu müssen, die wirken, als hätte aus Versehen jemand die Nachmittagsschleife durchlaufen lassen. Noch dazu muss Bolten den Mut haben, das umzuschmeißen, was nicht mehr läuft: Mit dem katastrophalen Comedy-Freitag kann er gleich mal anfangen.
Wenn aus Sat.1 wieder was werden soll, braucht der Sender vor allem Shows, die die Zuschauer begeistern, einen Hit wie "DSDS" oder "Germany's Next Topmodel". Denn am Ende reicht es nicht nur, Sat.1 wieder ins Gespräch gebracht zu haben. Die Leute müssen den Sender auch wieder einschalten wollen. Vielleicht wird das Boltens härtester Job.
Foto: Pro Sieben Sat.1