Kleidungskosmetik für Verhaltensauffällige bei RTL
11. Mai 2009, 15:40
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Vom Genre der täglichen Talkshow wird sich RTL in diesem Sommer mit der Einstellung der "Oliver-Geissen-Show" verabschieden, aber das Personal und die Geschichten aus diesen Sendungen haben längst einen anderen Platz im RTL-Programm gefunden. Unter dem harmlos klingenden Namen "Mitten im Leben" zeigt der Sender täglich drei Stunden lang billigste Reportagen, darunter immer wieder Fälle, die an die schlimmsten Auswüchse der Daily-Talk-Epidemie erinnern.
Vergangene Woche stellte uns der Sender das Leben einer Familie aus Baden-Württemberg vor (anzusehen auf RTLnow). In einer vermüllten Wohnung lebt eine Frau mit ihrem Noch-Ehemann, ihrem neuen Freund, ihrer kleinen Tochter, mehreren Hunden und dem Großvater zusammen. Der Vater des Kindes weigert sich angeblich auszuziehen, bis die Scheidung endgültig durch ist, und drängt sich auch sonst in das Leben der jungen Mutter, was zu bizarren Situationen nicht nur an der Fleischtheke im Supermarkt führt, wo sich ein Streit entwickelt, ob sein Aufschnitt extra muss.
Die Protagonisten wirken, als hätten sie die Aufnahmeprüfung zu Barbara Saleschs Laienspielschar nicht geschafft. Es scheint, als versuchten Menschen Figuren zu spielen, die noch dümmer sind als sie selbst.
Für die Firma Constantin Entertainment, die den Sechzigminüter für RTL produziert hat, war es eine preisgünstige Zweitverwertung. Sie hat dieselben Leute bereits eine Ausgabe von "Frauentausch" auf RTL 2 spielen lassen - ebenfalls eine schwer zu ertragende Milieustudie und ein erschütterndes Dokument aktuellen Fernsehschaffens.
Und als sei das alles nicht grotesk genug, hat RTL weite Teile der Folge verpixelt.

Foto: RTL
Die Tätowierung des neuen Freundes (oben) wurde ebenso unkenntlich gemacht wie diverse Aufdrucke auf seiner Kleidung:




Fotos: RTL
Auf die Frage, was RTL verpixelt hat und warum, erklärt der Sender:
"Wenn wir auf Symbole stoßen, die wir nicht eindeutig zuordnen können, pixeln wir diese umsichtig, um im Zweifelsfall keine ideologischen Botschaften zu transportieren. Gerade alle Marken/Embleme/Tätowierungen, die auf eine rechtsextreme Gesinnung der Protagonisten schließen könnten, werden von uns gepixelt, um Rechtsextremismus keine Plattform zu bieten. In diesem konkreten Fall war es das Logo einer Marke, die u.a. von der rechten Szene gerne getragen wird, aber nicht nur. Auch die Tätowierung wurde von uns gepixelt, da die Bedeutung nicht eindeutig erkennbar war."
Der junge Mann hat eine Vorliebe für Kleidung von "Pit Bull" - einer Marke, deren Image tatsächlich eher allgemein martialisch und nicht speziell rechtsextrem ist. Der große unkenntlich gemachte Aufdruck auf dem Rücken des Kapuzenshirts zeigt einen angriffslustig wirkenden, muskelbepackten Pitbull neben dem Slogan: "Kenne deinen Feind!" (siehe rechts).
Vor einigen Wochen hatte RTL in "Mitten im Leben" bereits den Aufdruck "Masterrace" verpixelt, den mehrere Protagonisten in einem ähnlich abwegigen Familiendrama trugen. Im Gegensatz zu "Pit Bull" lässt "Masterrace" (Herrenrasse) wenig Fragen über die Gesinnung des Trägers offen. RTL bestreitet aber, bewusst oder wiederholt mit Protagonisten aus der rechten Szene Filme über ihre Beziehungskonflikte zu drehen.
Geradezu rührend ist die Sorge des Senders, durch T-Shirts und Tätowierungen versehentlich "ideologische Botschaften zu transportieren", denn asoziales Verhalten ist natürlich außerordentlich erwünscht und teilweise geradezu Voraussetzung, um mit "Mitten im Leben" ins Fernsehen zu kommen. Es darf sich nur nicht in Kleidungsaufdrucken materialisieren.
Wie gedankenlos RTL seinen Nachmittagstrash produziert, zeigt die Tatsache, dass der Sender auch das Logo auf diesem T-Shirt konsequent unkenntlich gemacht hat:

Foto: RTL
Was mag sich dahinter verbergen? Eine vieldeutige Rune? Die weiße Faust? Irgendwas mit Hakenkreuz? Nein, es ist - ein Foto aus der "Frauentausch"-Folge enthüllt es - viel schlimmer:

Foto: RTL 2
Das Logo der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Gut dass deren ideologische Botschaft nicht versehentlich verbreitet wurde.