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"Erwachsen auf Probe" wird für RTL zur Rundum-Katastrophe

18. Juni 2009, 17:18 Uhr

Es wird höchste Zeit, dass RTL eine Pressemitteilung mit einer Entschuldigung herausgibt. Dafür, dass es uns mit seiner Dokusoap "Erwachsen auf Probe" eine wochenlange Diskussion eingebrockt hat, die noch immer zu keinem sinnvollen Abschluss gekommen ist, weil die Aufregung verraucht ist und konkrete Vorschläge für den Umgang mit Kleinkindern in den Medien offensichtlich nicht mehr so schlagzeilenträchtig sind.

Vor allem Zeit aber wird es Zeit, dass sich die Macher eines endlich eingestehen: "Erwachsen auf Probe" ist für RTL ein einziges Desaster, eine Fehlentscheidung, die man nur noch aus Trotz weiter stolz vor sich herträgt.

Die Kritiker haben das Programm gehasst, schon bevor sie es gesehen haben. Die Zuschauer interessieren sich nicht mehr sonderlich dafür: Am Mittwoch schalteten 1,56 Millionen 14- bis 49-jährige Zuschauer ein, der Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe lag bei 15,8 Prozent. (Zum Start waren's noch 19,1 Prozent.) Und vor der Ausstrahlung der vierten Folge am Mittwoch haben sogar die Werbekunden öffentlich rebelliert: Zehn Unternehmen zogen ihre geplanten Spots aus den Werbepausen der Sendung zurück, bestätigt der RTL-Vermarkter IP Deutschland. Der Sprecher eines großen Möbelhauses bescheinigte "Erwachsen auf Probe" eine "recht reißerische Darstellung" und ließ sich damit zitieren, solche Inhalte würden nicht zu den "Werten" seines Konzerns passen. Bei anderen Unternehmen ist von einer "Distanzierung" die Rede. Selten ist ein Fernsehsender in Deutschland auf diese Weise von den eigenen Kunden demontiert worden.

Wie aussichtslos die Lage wirklich ist, zeigte sich am Mittwochabend: Die erste Werbepause der Sendung war gerade einmal zweieinhalb Minuten lang, die dritte drei – aber auch nur, weil zwischendrin noch ein Spot für die RTL-Videoplattform Clipfish und ein Formel-1-Gewinnspieltrailer eingebaut wurden.

Trotz alledem will RTL an "Erwachsen auf Probe" festhalten. An einer Sendung, die dafür gemacht sein soll, möglichst viele Zuschauer zu locken, damit Unternehmen möglichst viele Werbespots kaufen, die aber das genaue Gegenteil erreicht und dem Image des Senders einen ordentlichen Knacks verpasst hat.

Entschuldigung, aber: mag RTL vielleicht mal jemand erklären, wie erfolgreiches Privatfernsehen funktioniert?

Screenshot: RTL

Veröffentlicht 18. Juni 2009, 17:18 von Peer Schader
Kommentare

Paule

18. Juni 2009, 17:41

Der letzte Satz ist böse. ;)

RTL hat es nun wirklich perfektioniert, sich im Ausland umzusehen und alles zu adaptieren, so dass man die Formatentwicklungsabteilung ins Reich der Fabeln verschieben kann. (Die Fiction-Abteilung ist jetzt für Doku-Soaps zuständig.)

Damit liegt man in Deutschland voll im Trend: Die einen schlafen (und wenn sie mal wach werden, verärgern sie Herrn Raab). Und die anderen holen sie ihre Ideen aus dem Ausland. Oder von sich selbst.

Aber heute wird nochmal spannend, wenn RTL seine langerwartete Serienhoffnung auf Sendung schickt.

Horst Müller

18. Juni 2009, 20:50

http://www.blogmedien.de

Ob die Werbekunden bei der nächtlichen Wiederholung auch abspringen? Die “sinnlich leidenschaftlichen Frauen mit erotischen Fantasien” zum Beispiel. Unglaublich, was sich dieser Sender leistet - oder besser - leisten darf.

Ben

19. Juni 2009, 05:39

Und die nächste Sendung gleicher Machart, wird wahrscheinlich trotzdem wieder

ein Erfolg werden. Ob bei RTL oder woanders. Dem Zuschauer jetzt zu unterstellen

er sei zu Bewusstsein gekommen sowas nicht zu schauen, traue ich dem deutschen Fernsehzuschauer nicht zu.

Hofnarr Florian

19. Juni 2009, 10:11

http://www.hingesehen.net/

RTL sollte mal Stefan Raab anrufen.

Andi

19. Juni 2009, 10:52

http://medienmogul.blog.de/

Ich schon. Der Fernsehzuschauer an sich lässt sich nämlich ungern auf Dauer verarschen. Ein paar Verirrte gibt es natürlich trotzdem und ich bin auch sicher, dass es Leute gibt, die "Erwachsen auf Probe" total supi finden. Aber im großen Ganzen denke ich, dass Zuschauer schon ein recht feines Gespür dafür haben, wann sie verarscht werden.

Karl

19. Juni 2009, 12:19

Ich frage mich schon lange, ob die mutmaßlich bildungsfernen Fans dieser nervigen Formate tatsächlich eine lohnende Zielgruppe für die Werbung darstellen. Ich kann es wirklich nicht nachvollziehen, aber offensichtlich schauen sich auch einkommensstarke potenzielle Konsumenten den ganzen Müll an, den uns das Privatfernsehen zumutet. Wäre es anders, würden diese Machwerke ja nur durch Klingeltonwerbung unterbrochen...

aufrechtgehn

19. Juni 2009, 15:47

http://www.aufrechtgehn.de

Ich muss zugeben, ich hab die Sendung nicht gesehen und das auch nicht vor.

Und es erfüllt mich mit einer gewissen Schadenfreude, dass die bewusste (und bislang bei ähnlichen Tabubruch-Formaten ja meistens für den Sender sehr profitable) Kalkulation für RTL nach hinten losgegangen ist.

Und sicherlich hält RTL das auch aus und hat es verdient, wenn jetzt der Peer mit ausgestrecktem Finger da steht und laut "Ha ha" ruft.

Den letzten Satz find ich trotzdem überzogen. Man ist bei RTL ein Risiko eingegangen und auf die Nase gefallen. Find ich immer noch besser und respektabler als die dreitausendste Kochshow. Und Risikobereitschaft wird doch hier immer eingefordert? Das muss aber auch gelten, wenn einem das Format nicht in den Kram passt. Finde ich.

Meine stille Hoffnung ist übrigens, dass nunmehr der Bogen der Unterschichts-Pseudodoku-Trash-Formate endlich soweit überzogen ist, dass diese jetzt langsam wieder aussterben, so wie schon der Krawalltalk vor ihnen...

Thomas

19. Juni 2009, 17:27

http://tvundso.com

"dem Image des Senders einen ordentlichen Knacks verpasst hat."

Naja, den größeren Knacks hat RTL sich zumindest bei mir damit verpasst, dass sie 2010 kein Dschungelcamp machen (und wer weiß, obs 2011 finanziell besser aussieht). Aufs erste hat RTL erstmal verschissen.

Zum Glück war "Erwachsen auf Probe" ein Misserfolg, ansonsten hätten wir uns wohl auf "Mitten im Leben" zur Primetime einstellen können. Oder sowas.

Gregor Keuschnig

19. Juni 2009, 19:35

http://begleitschreiben.twoday.net

Mal losgelöst von dieser Sendung, die ich nur fünf Minuten aushalten konnte: Zählt denn jetzt plötzlich alleine die Quote? Welch' merkwürdiges Verhalten! Jahrzehntelang hört man, dass Quote nichts mit Qualität (und umgekehrt) zu tun hat. Es gibt Beschimpfungen, wenn Sender wegen zu geringer Quote Fernsehserien oder -sendungen einstellen. Jetzt plötzlich wird sie vom Kritiker selber vom Fetisch erhoben. Triumph schwingt da mit, von Demontage ist die Rede. Nicht davon, dass Mittwoch ein schöner Tag war und die Leute vielleicht lieber draußen waren.

Sorry, aber ein bisschen windet man sein Fähnchen arg im Wind. Schlechte Quote = Format wird abgesägt. Gute Quote (Dschungelcamp) = Affirmation.

Alexz

22. Juni 2009, 11:26

"[...] An einer Sendung, die dafür gemacht sein soll, möglichst viele Zuschauer zu locken, damit Unternehmen möglichst viele Werbespots kaufen..."

Gilt das nicht für jede, wirklich jede Sendung im Privatfernsehen? Muss man das noch erwähnen? :)

partikelfernsteuerung

23. Juni 2009, 11:22

http://partikelfernsteuerung.wordpress.com/

Da muss ich Gregor Keuschnig durchaus zustimmen. In anderem Zusammenhang wäre ein Sender vielleicht gelobt worden, wenn er trotz schlechter Quoten weiter zu einem Format steht. Noch viel schlimmer: Plötzlich wird es hier als relevant betrachtet, wie sich Werbekunden zum Programm verhalten! Es würde RTL genauso vorgeworfen, wenn sie ein Format von den Werbekunden absägen ließen.

Sicher, RTL ist in dem Nest gescheitert, in das es sich gesetzt hat. Und das kann man auch so aufschreiben. Aber wie der Vorredner schon anmerkte: Gänzlich unreflektiert und mit Genugtuung die Quoten/Werbekunden-Argumentation zu übernehmen, passt hier nicht.

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