Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Das Fernsehblog

Raus aus der Humorkrise: Der große Sitcom-Check

20. Juli 2009, 17:38 Uhr

Weil das Fernsehen sonst immer zu Hilfe eilt, wenn sich Ehepaare verschuldet oder Familien zerrüttet haben, machen wir das jetzt auch mal. Denn das Fernsehen ist längst selbst zum Problemfall geworden. Der deutschen Sitcom geht es gerade nicht so gut. In der F.A.S. stand am Sonntag schon mal ein Text darüber, wie es dazu kommen konnte. Und hier steht jetzt: "Der große Sitcom-Check" – ein Ratgeber für krisengelähmte Privatsender.

Und diese Männer sollen den Programmverantwortlichen helfen: Bastian Pastewka ("Pastewka") und Ralf Husmann ("Stromberg") aus Köln – Humorexperten mit langjähriger Erfahrung. Ihnen geht es nicht nur darum, Leute zum Lachen zu bringen, sie wollen einfach gutes Fernsehen machen. Pastewka und Husmann sind keine privaten Spaßmacher, SIE haben die öffentliche Anerkennung.

Also stellen wir unser imaginäres Flipchart auf, zücken den Filzstift und notieren die wichtigsten Punkte auf beiden Seiten:



 

 

Geld!
Davon wäre eigentlich genug da, es will nur keiner ausgeben, glaubt Ralf Husmann: "In den USA hat man in der Krise noch mehr Geld investiert – in Deutschland passiert genau das Gegenteil: das Geld wird ins Sparschwein oder ins Heuschreckenschwein gesteckt, und dann wird versucht, mit noch weniger Geld ein Programm hinzukriegen. Das lässt sich so schnell nicht wieder rückgängig machen. Mit den Folgen müssen wir dann leben."

Zeit!
Bei 24 Stunden Programm ist immer ein Plätzchen frei, auf dem sich Neues ausprobieren ließe – aber das ist gar nicht das Ziel der Sender: "Das Fernsehen stellt sich immer mehr auf den flüchtigen Zuschauer ein. Die Rauswurf-Verkündungen in Castingshows beispielsweise werden bis zum Anschlag in die Länge gezogen, damit's auch wirklich jeder kapiert – während die Sitcom auf eine möglichst schnelle Taktung geeicht ist, um viele Gags unterzubringen und gute Laune zu machen", sagt Bastian Pastewka.

Vorbilder!
Gibt es zuhauf, in den USA genauso wie in Großbritannien – nur sind sie den wenigsten Zuschauern bekannt, weil die Sendeplätze im deutschen Fernsehen dafür immer arg begrenzt waren: "US-Sitcoms sind in Deutschland ja meist nur als Füllmaterial für den Samstagnachmittag genutzt worden. Das hat natürlich auch Auswirkungen darauf, wie die Leute so ein Genre wahrnehmen", sagt Husmann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zuschauerbegeisterung!
Wir vermissen Sitcoms einfach nicht so stark, dass es den Sendern wichtig wäre, mehr davon zu zeigen: "Bei der Late Night war es ja ganz ähnlich", sagt Ralf Husmann. "Es gab diese Phase mit Harald Schmidt, in der das bei uns erfolgreich war, mittlerweile ist es dem Publikum egal. Es hat auch niemanden gegeben, der in Schmidts Fußstapfen getreten ist – wahrscheinlich weil das den Leute nicht wichtig genug war. In den USA ist das mit Jay Leno und der Letterman-Nachfolge ein richtig großes Thema."

Ein Dauerbrenner!
In den USA gab's acht Jahre lang die "Bill Cosby Show" – und bei uns? "Der Sitcom fehlt im deutschen Fernsehen eine solide Basis: drei, vier Shows, die die Leute immer sehen wollen. Dann gäbe es die Möglichkeit, rechts und links davon auch mal was Ungewöhnlicheres Absurderes auszuprobieren", sagt Husmann.

Besonderheit!
Selbst Reality-Shows können witzig sein, wenn auch oft unfreiwillig oder auf Kosten der (skurrilen) Protagonisten. Auf jeden Fall sind sie günstiger zu produzieren als Sitcoms und werden deshalb von den Sendern bevorzugt. Sowas ähnliches gab es schon mal, erinnert sich Bastian Pastewka: "Als wir in den 90ern in der 'Wochenshow' Allerweltstypen und durchschnittliche Talkshow-Gäste imitiert haben, wurden wir eines Tages von 'Big Brother' überrollt – weil es für viele Zuschauer plötzlich interessanter war, Zlatko zehn Minuten beim Leberwurstbrotschmieren zuzuschauen anstatt den von uns ausgedachten Figuren, die mit der Realität gar nicht mehr mithalten konnten."

Nachwuchs!
Wer soll eigentlich die ganzen Gags aufschreiben? "Auf der Macherseite ist keine Generation nachgerückt, die das als ihr Thema begriffen und reklamiert hat. Es gibt wenige Autoren, die Mitte 20 sind und versuchen, Sitcom für ihre Generation neu zu interpretieren", findet Husmann.

Mut!
Die Angst vor einem neuen Flop ist so groß geworden, dass Programmen kaum noch Zeit gegeben wird, sich auf dem Sender zu entwickeln. Husmann: "Es wird sicher in den nächsten Jahren nicht einfacher, im ohnehin schon schwierigen Fernsehmarkt Projekte zu machen, die einen gewissen experimentellen Charakter haben. Ich mache mir gerade nicht so viel Hoffnung, dass ich bald noch mal sowas wie 'Dr. Psycho' schreiben darf."


Unterm Strich ist die Lage also bedrohlich – aber nicht hoffnungslos. Den Sendern bleibt immer noch der Weg in die Humorinsolvenz. Nach sechs Jahren, wenn sie sich von allen Verbindlichkeiten befreit haben, besteht für sie die Chance, komplett humorfrei zu sein. Dann ließe sich ein Neustart wagen, mit kleineren Lachern und günstigeren Bühnenproduktionen vor Publikum. Bis dahin allerdings muss eisern gespart werden. (Und Sie mögen sich zum Zeitvertreib auf myspass.de vielleicht ein paar Klassiker ansehen.)

Vielen Dank an unsere Experten. Demnächst lesen Sie an dieser Stelle, wie der Telenovela-Tester (N.N.) den saumäßigen Zustand deutscher Süßholzraspel-Programme offenlegt und ihnen mit frischen Klischees neues Leben einhaucht.

Fotos: Brainpool

Veröffentlicht 20. Juli 2009, 17:38 von Peer Schader
Kommentare

Muriel

20. Juli 2009, 18:13

http://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com

"Der deutschen Sitcom geht es gerade nicht so gut"? Klingt für mich ein bisschen wie "McCain's Präsidentschaftskampagne gegen Obama läuft gerade nicht so gut".

Hans

20. Juli 2009, 18:15

http://www.flohbu.de

Herr Hussmann kopiert mit "Stromberg" praktisch 1:1 das britische "The Office" und wirft den Sendern fehlenden Mut vor, experimentelle Projekte zu machen? Ist das eine (Angst) die Ursache des anderen (Kopieren)?

Peer Schader

20. Juli 2009, 19:06

@Muriel: Ok, dann eben "immer noch nicht so gut".

@Hans: Ist's mit dem Kopievorwurf nicht inzwischen mal gut? Ich bin da ja weiß Gott nicht ziemperlich, aber Husmann hat doch spätestens mit der dritten Staffel ganz gut bewiesen, dass "Stromberg" auch ohne "Office"-Vorlagen ziemlich gut funktioniert.

Muriel

20. Juli 2009, 19:12

http://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com

Einfach, um mal was zu sagen, was sonst niemand sagt: Ich find Stromberg gut, The Office hab ich mal probiert, hat mir aber gar keinen Spaß gemacht.

Andrea

20. Juli 2009, 20:53

Sicher ist Stromberg kopiert, aber dafür richtig gut. Wenn ich darüber nachdenke beinahe die einzige deutsche Sitcom über die ich so richtig lachen kann.

Und im Übrigen, aber das ist ein anderes Thema, ist "kopieren" besser als mit einer Synchronisation, die einfach nicht funktioniert, alles kaputt zu machen. Ich habe vor kurzem eine Folge von Life on Mars auf Kabel 1 gesehen und konnte es nicht fassen. Jaaa, ich weiß, das ist keine Sitcom.

Ich hoffe noch auf gute neue Ideen! Und Dr. Psycho fand ich doch auch recht amüsant. Und ansonsten: Kopiert eben noch mehr britische Sitcoms. Black Books vielleicht?

Dent

20. Juli 2009, 21:00

Erstmal müsste jemand ein Konzept entwickeln, das die amis nicht schon zehnmal besser gemacht haben, oder die Engländer und am Ende muß die Qualität vergleichbar sein. Das Problem ist, man braucht einen radikalen Ansatz, der eine breite Masse finden muß und, bei den ÖR, den bürokratischen Prozeß überlebt. Ich sehe da keine große chance. Da Amis machen seit 60 Jahren Sitcoms, da sehen wir alt aus, aber was solls? sind wir halt sitcomtechnisch ein drittweltland, mein Bedarf wird durch Importe gedeckt (wie bei allen anderen unterentwickelten Genres auch). Das ist nen bisschen wie mit der indischen Autoindustrie. Schön für die Inder, daß sie halbwegs solide, kompakte, günstige Fahrzeuge bauen können, aber wenn du einen Inder fragst ob er lieber ein einheimisches oder, sagen wir, ein deutsches Produkt fahren würde, wäre die Bedenkzeit eher kurz.

Thomas

20. Juli 2009, 22:08

Das Genre Sitcom ist zumindest in Deutschland tot.

RTL hat es mittlerweile eingesehen, und die letzte Staffel von "Mein Leben und ich" gar nicht mehr an den Start gebracht. "Der Lehrer" wird zügig in Doppelfolgen weggesendet und bei Misserfolg nach Folge 3 abgesetzt.

Bei Sat.1 produziert man das Zeug immer noch nicht, da man dort beratungsresistent ist, siehe Fun-Freitag.

Die Frage ob man über den Tod des Genres traurig sein soll ist Geschmackssache. Ich bin es nicht. Jahrelang hat sich insbesondere Sony Pictures Deutschland mit ausschließlich in Köln spielenden Formaten dieses Zuschnitts eine goldene Nase verdient, andere Produktionsfirmen und Drehorte kamen nicht zum Zug, eine richtige Monokultur, die mangels Alternative (Nikola, Ritas Welt etc.) auch noch mit Preisen überhäuft wurde.

Ob Zwegat und Saalfrank besser sind sei mal dahingestellt, Frau Ruff Krokodilstränen hinterherweinen wie Stefan Niggemeier tue ich aber nicht.

Um Dr. Psycho ist es schon schade, allerdings hat Autor Husmann ebenso wie seine Kollegen Betz und Terjung massiv abgebaut, siehe sein letztes Projekt Der kleine Mann.

ProSieben wollte sich die Stundenserie (schon allein deshalb ist dies keine Sitcom) Dr. Psycho sparen und eine Halbstundenserie als Prestigeprojekt verkaufen, wo sich die finanziellen Verluste in Grenzen halten. Leider mangelte es auch stark an Qualität.

G. Burghagen

20. Juli 2009, 22:34

Ein Satz von einem großartigen Mann sehr präzise ausgesprochen beantwortet alle Diskussionen. Bastian Pastewka sagt: „Ich wünsche mir wieder mehr Kreative und Betreuer, die sich nicht nur am Markt orientieren, sondern sagen: Wir haben eine Geschichte, die gut, verrückt und erzählenswert ist, die wir mit tollen Schauspielern oder Komikern besetzen und für die wir kämpfen. Denn nur darum geht es: um gute Geschichten.“ Hierzu siehe auch Süddeutsche Zeitung vom 18./19.7. "Der perfekte Plot" von John Mahrenholz

Christian

20. Juli 2009, 23:34

http://www.fuckthesystem.de

Hans hat doch vollkommen recht. Hussmann hat ja nun Stromberg nicht plötzlich mit der dritten Staffel neu erfunden. Wie kann man denn behaupten "The Office" wäre nicht mehr die Vorlage für "Stromberg" bloß weil es ein paar neue Folgen gab? Im Grunde eine Frechheit den Office-Machern gegenüber. Der einzige, der Stromberg auf eine neue Ebene gehoben hat war Kessler.

Hans

21. Juli 2009, 00:26

http://www.flohbu.de

Glashaus -> Stein: So einfach geht die Rechnung.

Die Aussage "Es gibt wenige Autoren, die Mitte 20 sind und versuchen, Sitcom für ihre Generation neu zu interpretieren" verkommt hier zu einem schalen Euphemismus.

(Wie auch immer: Mir gefällt Stromberg ebenso.)

Peer Schader

21. Juli 2009, 00:33

@Hans: Ist zugespitzt, ok. Sind Autoren Mitte 20 unter den Lesern, die erläutern können, wie sehr sie sich anstrengen, gute Ideen unterzubringen, aber an den etablierten Strukturen scheitern? Würde mich sehr interessieren.

Schmidt

21. Juli 2009, 02:29

http://www.kontextredaktionsbuero.twoday.net

@Christian: Genau Kessler hat den Karren aus dem Mist gefahren. Über die "originäre" Leistung von Herbst können wir ja schweigen...(!??)...verwirrt....

Ansonsten möchte ich mal, die von mir offensichtlich abonnierte, Meta-Ebene nutzen.

Könnte die "Krise" nicht darin begründet sein, dass nur gelegte Eier genrefokussiert durchgeschossen werden? Da gibt es bei den achso talentierten Amis und Angelsachsen Formate, die mal so eben als Kopie ans Volk verschleudert werden. Und wenn sie durchgenudelt sind, ist halt Schluss mit Lustig. Das ist die programmatische Politik der Sender.

Es fehlt völlig an Kreativität, strategischem Durchhaltevermögen und imagebildener starker Brust. Die von mir schon oft angesprochene neo-liberale Haltung im Programmatischen ist der Knoten. Ich verkaufe als TV-Sender eben nicht nur Dosensuppen. Wo ist der Mut und der lange Atem, "Pastewka" und "Stromberg" einfach durchzuziehen und weiterzuentwickeln? "Friends" lief fast 10 Jahre und hat heute noch auf SAT1-Comedy verhältnismäßig gute Ratings.

Und versucht nicht mehr Kunst zu machen als nötig. Nichts gegen die Ästhetik von "Stromberg" und "Pastewka". Unterm Strich bleibt das aber etwas für Liebhaber (DVD-Konsumenten). Eine wirklich erfolgreiche Sitcom muss die Breite ansprechen (und damit meine ich nicht "Ritas Welt"). Sie muss reflexartig funktionieren, wohl so, wie Daily Soaps. Die menschen müssen sich nach langer Zeit dort zu Hause fühlen (siehe "Friends", "Cosby-Show").

Und letztlich ist der Ansatz der 20jährigen Autoren auch der falsche. Vielleicht muss genau das Publikum geholt werden, das nicht Mitte 20 ist, sondern mit der Formaten der 90ern aufgewachsen ist. Mehr Autoren ab 30. Und dann bitte nicht im zynischen Raum der Frustration, sondern als augenzwinkernde optimistische Betrachter des wahren Lebens.

Mirko

21. Juli 2009, 08:35

Was fehlt, ist eine gute Serie mit abwechslungsreichen Autoren, die auch lange genug im Programm bleibt um bekannt zu werden. Denn wenn man sich die Trailer ansieht, wirkt irgendwie jede Sitcom entweder wie 'ne schlechte Seifenoper mit minimal höherer Lachfrequenz (bei der Seifenoper halt ungewollt...) oder ein schlechter Abklatsch der 08/15-Konzepte (Asso/Spießer-Familien, Büros, ...). Und bei der Vorschau zum kleinen Mann hab ich nur gedacht "Was soll das denn für'n seltsamer Schwachsinn sein? Worum geht's da eigentlich?".

Was auch fehlt, ist der Mut zur Aktualität. Selbst die Simpsons haben öfter mal Bezüge zum Tagesgeschehen (bei uns dann halt zu dem vom vorletzten Jahr...). Deutsche Serien muss man aber scheinbar auch in 10 Jahren wiederholen können ohne dass einen mehr als die Inneneinrichtung antik vorkommt. Wobei, die hat sich bei den meisten Produktionsfirmen ohnehin in den letzten 20 Jahren nicht groß geändert...

Christian

21. Juli 2009, 09:10

> .. "Auf der Macherseite ist keine Generation nachgerückt, die das als ihr Thema begriffen und reklamiert hat. Es gibt wenige Autoren, die Mitte 20 sind und versuchen, Sitcom für ihre Generation neu zu interpretieren", findet Husmann.

Hä?

Wann tauchte eigentlich dieser Irrglaube das erste Mal auf, nur Junge können Junge erreichen? Selbst die Golden Girls hatten mehr junge Zuschauer als so mancher möchtegern Jung Comedian .-.

GERADE Humor bedarf (Lebens)Erfahrung, amerikanische Gagwriter sind zT 'uralt'..  wäre ich Verantwortlicher bei einem Produzenten / Sender und so ein Jüngelchen erzählt mir, wie man Wasser kocht und Räder baut.. weia, den elevator pitch verliert er schon im 2. Stock...-

Um meine Ausgangsfrage selbst zu beantworten: Junge sind einfach billiger, Erfahrung kost'.

Hans

21. Juli 2009, 09:19

http://www.flohbu.de

@Peer Schrader: Das Interesse teile ich. Doch da haben wir schon das nächste Problem, denn was ist das, eine "gute Idee"? Daher würde ich die Frage in "...wie sehr sie sich anstrengen, *innovative* Ideen unterzubringen, aber an den etablierten Strukturen scheitern?" umformulieren wollen.

thleutwein

21. Juli 2009, 09:38

Ich vermisse weniger die deutschen Sitcoms als die amerikanischen.

In den USA laufen auf diversen Kabelsendern zur besten (deutschen) Sendezeit Serien wie "Full House" - keine neuen Folgen, sondern die richtig ur-, uralten.

Damit bin ich, ich gestehe es, aufgewachsen und mein Herz hängt irgendwie daran.

Im Gegensatz dazu hat mich keine deutsche "Sitcom" irgendwie berührt. Ich denke, die sind zu sehr bemüht gewesen, komisch zu sein, als das das für mich glaubwürdig war.

Anregung: Warum findet sich nicht ein Sender, der - zu irgendeiner Sendezeit, man kann ja Sendungen aufzeichnen - diese und ähnliche Sendungen wieder mal bringt?

J. S.

21. Juli 2009, 10:30

"acht Jahre lang Bill Cosby Show", 9 Jahre lang Seinfeld, 11 Jahre lang Frasier, "Two and a Half Men" geht ins siebte Jahr.

Ehrlich gesagt: Alles, was hier in Deutschland sitcomtechnisch kommt, kann nur ein müder Abklatsch einer US-Sitcom sein (Pastewka - Curb your Enthusiasm). Eigene Ideen sind doch Mangelware.

Und ich schaue mir auch viel lieber die US-Serien an als die deutschen (unwitzigen) Versionen.

Wie schon geschrieben wurde, Sitcoms sind in Deutschland tot.

Trotzdem hoffe ich doch auf einen mutigen Sender, der eine wirklich innovative Sitcom ausstrahlt. Damit meine ich, dass sie kein Aufguss einer US-Serie ist. Denn Menschen lachen doch gerne.

Torsten

21. Juli 2009, 10:45

Um zu sehen, wie elend die Situation in Deutschland ist, braucht man sich ja nur mal die Habenseite anzusehen: Geld, Zeit und Vorbilder. Hallo? Vorbilder? Wie wäre es, wenn wir uns einfach mal selbst was ausdenken würden, anstatt immer nur das zu imitieren, was die Briten, Amis oder sonstwer schon Jahre zuvor (meistens besser) hinbekommen haben? Diese Kopiermentalität des deutschen Fernsehens macht mich noch depressiv. Ich fühle mich manchmal schon wie in der South Park-Folge "Das gab's schon bei den Simpsons". Sicher, auch Kopien können gelungen sein, gerade Stromberg und Pastewka sind gute Beispiele. Und trotzdem bleibt bei solchen Produktionen doch immer der fade Beigeschmack, dass es das alles schon vor Jahren woanders gegeben hat. Wieso schaffen wir Deutschen, abgesehen von Raab, es ums Verrecken nicht, innovative, selbsterdachte Formate auf die Beine zu stellen? Was ist aus dem Land der Dichter und Denker geworden?

viewer

21. Juli 2009, 11:02

@Peer (aber gerne):

Hallo Herr Burghagen, schönes Zitat und toll, dass hier von einem RTL-Redakteur zu lesen. Klingt fast so, als ob Sie tatsächlich auf gute Ideen warten.

Meine Erfahrungen mit Kollegen aus ihrem Haus (ich selbst bin Sitcom-Autor, wenn auch nicht Mitte 20, trotzdem einer von den Jüngeren) sind leider etwas andere: Da wurden mutige und unkonventionelle Konzepte angeboten und von ihren Kollegen als "sensationell lustig" beurteilt und mit einem Entwicklungsauftrag versilbert.

Doch dann, immer das gleiche Bild: für den mickrigen Lohn einer Drehbuchgage (minus dem Buy-Out) wird über Dutzende Exposé-Fassungen hinweg monatelang an der Idee rumgedocktort. Jede Sitzung gibts neue Einwände (die meist darauf zielen, dass man nun doch etwas breiter, jünger, weiblicher, einfacher etc. werden müsse), so lange bis die Idee tot-entwickelt war

Für mich wirkte das fast so, als ob da ein kleiner Redakteur sitzt, der gar kein Interesse daran hat, das Projekt seinem Chef endlich mal auf den Tisch zu legen. Es wirkte eher wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für den Redakteur um seinen Posten zu rechtfertigen.

Realität ist, und das habe ich von vielen Kollegen bestätigt bekommen, dass RTL in den letzten Jahren mehrere Dutzend Sitcom-Konzepte pro Saison entwickelt hat, obwohl von vornhinein klar war, dass man nur ganz wenige Plätze im Programm hat. Und ich bin mir sicher, dass dabei viele solcher Projekte waren, die auf ihr Zitat passen.

Wollen wir hoffen, dass ihre neue Sitcom "Der Lehrer" ein bißchen mehr "gut, verrückt und erzählenswert" gemacht ist, als die letzte Lehrer-Sitcom mit Heiner Lauterbach und Sandra Speichert (die beide nicht die Spur von Pointen-Timing oder Sitcom-Humor hatten). Aber es ist das alte Lied (das für so ziemlich alle Fiction-Reaktionen dieses Landes gilt): die Redakteure rufen nach neuen und außergewöhnlichen Ideen und trauen sich am Ende doch nur das zu machen, was schon mal woanders funktioniert hat.

Hofnarr Florian

21. Juli 2009, 15:17

http://www.hingesehen.net/

Ich finde, man kann die deutsche Sitcom-Szene nicht über einen Kamm scheren. Sicherlich gibt es sehr schlechte Formate, aber "Pastewka", "Stromberg" oder auch "Switch" machen Hoffnung.

Amerika bietet mit "Scrubs" und "How i met your mother" amüsante Sendungen, an die Deutschland bisher nicht heran kommt. Allerdings gibt es auch in den USA allerlei Formate, die einfach nur auf unterem Niveau herum treiben.

Julian

21. Juli 2009, 17:24

Na ja, also auf Sitcoms wie "Ritas Welt" oder "Hausmeister Krause" kann ich gern verzichten. Bei Stromberg und Pastewka sieht das schon wieder anders aus. Das schau ich (obwohl es teilweise adaptiert ist) sehr gerne.

Und jetzt sagt mir mal einer eine wirklich neu Idee im Comedybereich der letzten 10 Jahre... okay, Schuh des Manitus vielleicht als eine der ersten Filmparodien, die sich nur auf einen Film, eine Reihe konzentriete... dies wars dann aber auch schon.

Zum angesprochenen Late Night Beispiel von Herrn Husmann würde ich aber noch gerne sagen, dass mir (leider gehöre ich da zu einem viel zu kleinen Kreis) es nicht egal ist, dass es keine richtige Late Night mehr in Deutschland gibt. Und wenn ich sehe was aus Harald Schmidt geworden ist (sind sie ja such nicht mehr Gagredakteur *schleim*), könnte ich manchmal wahlweise schreien (aus Wut) oder weinen (aus Trauer).

@Hofnarr Florian

Switch, ne Sitcom?? Erklär mal.

Torsten

21. Juli 2009, 22:25

"Und jetzt sagt mir mal einer eine wirklich neu Idee im Comedybereich der letzten 10 Jahre..."

Zuumindest eine Comedy-Innovation made in Germany hat es in den letzten Jahren gegeben, nämlich "Dittsche". Eine live per Überwachungskamera aus einem Imbiß gesendete Comedy, das gab es m.M.n. zuvor noch nie. Mittlerweile ist bei Dittsche zwar auch die Luft raus, aber es war zumindest ein Ausrufezeichen, dass die Deutschen sehr wohl innovativen, unkonventionellen Humor machen können, wenn man sie nur lässt. Allerdings hat Dittsche auch Jahre gebraucht, um ins Fernsehen zu kommen, da so ein unkonventionelles Konzept die Programmmacher eben skepisch macht, ob das funktioniert. da setzt man lieber auf zuvor schon im Ausland Erprobtes.

Andreas Bohlus

21. Juli 2009, 23:13

http://www.bohlus.de

Zu wenig gute Leute? Junger Autor mit Erfahrung sucht Anstellung als Sitcomschreiber.

Andi

22. Juli 2009, 10:32

http://medienmogul.blog.de/

Okay, gute Sitcoms haben wir nicht mehr. Aber warum diskutieren wir über so einen "engen" Begriff? Warum reden wir nicht allgemein über Humor im deutschen Fernsehen - um auch mal einen deutschen Begriff zu nennen.

Es gibt einige lustige Formate im deutschen Fernsehen und man muss sie nichtmal mit der Lupe suchen.

Aber schade ist natürlich, dass Late Night hier nicht funktioniert. Das, was Schmidt zuletzt machte, hatte ja mit Late Night nicht mehr viel zu tun. Und nur, weil auch hier keine Sitcoms mehr funktionieren, ist das ja kein Grund, Trübsal zu blasen so nach dem Motto "Wir sind einfach nicht witzig". Denn das stimmt ja nicht. Ich glaube, wir Deutschen haben viel Humor und es gibt viel lustiges zu sehen und zu hören und zu lesen. Und man sollte jetzt auch nicht krampfhaft versuchen, das Genre "Sitcom" wiederzubeleben. Sowas wie "Friends" oder "King of Queens" oder "Seinfeld" läuft bei uns eben nicht. Und wenn jemand auf die Idee kommen würde, das zu kopieren, würde ich mir lieber das Original ansehen.

Wenn wir schon kopieren, dann Sachen, die wir auch selber können, zum Beispiel "Stromberg" - das funktioniert, weil Stromberg ein "deutscher" Charakter ist und in der Serie "deutsche" Geschichten erzählt werden.  "Stromberg" ist allerdings auch keine reine Sitcom, denk ich mir.

Chica

22. Juli 2009, 12:49

Noch eine Anmerkung zur "Soll"-Seite (übrigens sehr schöne Idee, layoutmäßig): Schauspieler!

Damit ich eine Sitcom gut finde und auch regelmäßig einschalte, brauche ich sympathische Figuren, und die hängen nun auch mal an den Schauspielern, die sie verkörpern. Beispiel Ritas Welt: Fand ich furchtbar, weil ich Gaby Köster nicht leiden kann. Und wer hat eigentlich gesagt, dass "Comedians" auch automatisch Sitcom können? Das andere Beispiel mit Lauterbach hat ja schon einer meiner Vorgänger gebracht. In US-Sitcoms haben so "große" Schauspieler maximal Kurz/Gastauftritte, nicht eine eigene Sendung. Sitcoms mit Clint Eastwood (fiktives Beispiel) in deR Hauptrolle wären einfach unglaubwürdig. Umgekehrt ist es natürlich möglich, vom Sitcom-Schauspieler ins Kino-Genre zu wechseln (wenn auch nicht immer mit Erfolg), siehe Jennifer Aniston oder Ashton Kutcher.

Ergo: bitte nicht nur gute Autoren sondern auch junge gute Schauspieler!

Jeff Kelly

23. Juli 2009, 14:03

Das große Problem in Deutschland ist eher, das jeder glaubt Comedy sei billig zu haben.

Ein tägliches Format wie die "Daily Show", "Colbert Report" oder die zahlreichen Late Night Shows von Conan O'Brian bis David Letterman (obwohl ich fast nur noch Craig Ferguson gucke) beschäftigen ganze Stäbe von Autoren um ihr Niveau über jeden Tag halbwegs zu halten. Das ist zwar für amerikanische Verhältnisse billig(er) als Fiction aber halt immer noch recht teuer.

Gleiches gilt für die entsprechenden Sitcoms. Ein guter Autor alleine geht da meiner Meinung nach ein, wenn man mit den klassischen 24 Folgen pro Season rechnet und deshalb werden auch da ganze Teams mit bis zu 20 Autoren (und dem entsprechenden Show-Runner) beschäftigt.

Die Engländer begrenzen ihr Budget und halten ihr Niveau meistens durch die Anzahl der Folgen (6 - 12 Folgen pro Season je nach Aufwand). Coupling, Black Books, Black Adder, The IT Crowd und Co. bringen es in der Regel nur auf 6 Folgen pro Staffel.

Deutsche Comedy soll aber in der Regel nur eines sein - billig zu produzieren. der Fun Freitag ist zwar ganz übel, scheint sich aber zumindest zu rechnen und sein wir doch mal ehrlich, die Privatsender in deutschland haben doch überhaupt kein Interesse daran Programm zu machen, die würden auch testbilder senden, wenn sich damit am Ende des Tages Profite erzielen liessen. deshalb ja auch die Legion an Call-In Telefonsendungen.

ClausV

24. Juli 2009, 16:05

http://www.sitcom.de

Deutsche Fiction allgemein hat so viele Probleme, dass sie kaum in ein Buch passen. Unter anderem ist auch der Braindrain schuld, viele gute Leute sind verschwunden, es fehlt an Kompetenz. Im Vergleich zu US-Serien wirken deutsche Formate verschnarcht und altbacken - und zwar in jeder Hinsicht, die sind komplett noch in den Neunzigern steckengeblieben. Was als anspruchsvolles Format gefeiert und mit Grimme-Preisen ausgezeichnet wurde, war dann wiederum viel zu kopflastig und eher 'was fürs Feuilleton.

Im Development fehlen Zeit, Geld, gute Leute. Und selbst wenn alles passte, dann müsste man es erstmal schaffen, das anspruchsvolle Publikum, das in den vergangenen Jahren regelrecht vergrault worden ist, wieder vor den Fernseher zu locken.

critter

04. August 2009, 04:12

http://christianritter.wordpress.com

Ich schließe mich dem Herrn Bohlus an. Autor, Mitte 20, sollte passen. Fragt mich doch einfach mal. Fernseherfahrung: Bei "TV total" wegen "überqualifikation" gefeuert und bei "Verbotene Liebe" mit Argumenten wie "versteht der Zuschauer nicht, mach es einfach, vielleicht Schlaftabletten, hm?" ausgebootet worden. Seither Resignation. Aber dem Herrn Husmann würde ich mal ne Bewerbung schicken.    

Trackbacks

Britische Sitcoms » Nichts zu lachen

09. August 2009, 11:03

Ihr Kommentar

 
Hinzufügen
Blogsuche
in
Blog abonnieren
per Email an folgende Adresse
Themenfinder
A B C D E F G H I J K L M
N O P Q R S T U V W X Y Z