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Das Fernsehblog

Hauptstadt der Doofen? "Spiegel TV" tritt Berlin in die Tonne

28. September 2009, 19:16 Uhr

Als der Wahlabend schon fast gelaufen war, Sat.1 sich vorzeitig aus der politischen Berichterstattung verabschiedet hatte, um eine Polizeidoku zu zeigen und sich in der "Berliner Runde" auch niemand so richtig mit dem ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender anlegen wollte, gab es doch noch einen Hammer. Bei RTL stand "Spiegel TV"-Moderatorin Maria Gresz vor dem Brandeburger Tor und sagte mir ihrer souveränsten Investigative-Journalisten-Mimik:

"Der Tag, an dem sich die Machtverhältnisse in der Hauptstadt verschoben haben, begann wie jeder andere Sonntag in Berlin: mit tanzwütigen Pistengängern, fleißigen Brötchenbäckern – und mit einem grandiosen Sonnenaufgang. (...) Spiegel-TV-Reporter haben den Entscheidungstag in Berlin dokumentiert, haben Wähler, Gewählte und Abgewählte begleitet. Eine Stadt im Wandel. Die letzten Stunden der schwarz-roten Regierung."

Und mal abgesehen davon, dass wir immer noch eine schwarz-rote Regierung haben, was wohl auch noch ein paar Wochen so bleiben wird, folgte anschließend ein 35-minütiger Zusammenschnitt, mit dem "Spiegel TV" offensichtlich das neulich im RBB gezeigte Mammutprojekt "24 h Berlin" noch mal richtig machen wollte, also: richtig journalistisch, wie sich das gehört. Dabei herausgekommen ist eine Kampfansage an eine ganze Stadt, in der, wenn man "Spiegel TV" glaubt, nur Deppen wohnen.

Und Politiker. Was ja, hoho, manchmal dasselbe ist.

In der Nacht zum Sonntag schon war das "Spiegel TV"-Kamerateam in einer Diskothek am Potsdamer Platz zu Gast, um die Leute zu befragen, wie politikverdrossen sie sind. Nachher ging's beim Bäcker weiter, und vor der Wohnung von zwei Frauen, die sich ausgeschlossen hatten ("Die letzte Nacht vor der Wahl wird teuer, das ahnen die beiden schon jetzt"), schließlich mit dem Boten, der die Sonntagszeitungen auslieferte, also einen "Service für die Bessergestellten dieser Gesellschaft" bietet, wie der Off-Kommentator erklärte. Und davon gibt es in Berlin, der Stadt des Elends, nicht viele. "Dafür leistet sich diese Gesellschaft Dinge, die man kaum für möglich hält. Die deutsche Hauptstadt zum Beispiel betreibt eine U-Bahn-Linie, die niemand braucht und mit der kaum einer fährt." 320 Millionen Euro hat die neue U55 vom Hauptbahnhof zum Brandenburger Tor gekostet, verrät "Spiegel TV". "Berlin hat's ja." Dass die Strecke in den kommenden Jahren bis zum Alexanderplatz ausgebaut wird und Anschluss an die U5 bekommt, um eine zweite Route für Zugreisende zu Europas größtem Umsteigebahnhof zu schaffen, wird nicht erwähnt. Keine Zeit, denn:

"Es wird Wahlmorgen in der Hauptstadt."

Und bei "Spiegel TV" noch ein bisschen schlimmer.

Manche Protagonisten können sich vor der Kamera alleine blamieren – so wie die Frau aus dem Wahltaxi, die behauptet: "Ampelkoalition, das ist ja schwarz-rot-gelb". Oder die Neuköllner Rapper, von denen der eine die Kanzlerin "Angelika Merkel" nennt und ein anderer sagt: "Ich möchte nicht frauenfeindlich wirken, aber ich denke, es ist noch nicht Zeit für Deutschland, 'ne Frau an der Macht zu haben. Ich würde mich trotzdem freuen, wenn sie wiedergewählt wird. Aber ich denke, dass da'n Mann doch mächtiger rüberkommt." Im Osten erzählt eine ältere Dame im Treppenhaus, wie toll die DDR war, und fragt dann: "Aber das bringense nicht wirklich im Fernsehen?"

Bei anderen Protagonisten muss "Spiegel TV" nachhelfen, um sie bloßzustellen. Wie bei der Wahlhelferin, die einem älteren Herrn zuredet, der zu seiner Frau in die Wahlkabine drängelt – ein "schwerwiegender Eingriff in das Prinzip der geheimen Wahl", spottet der Sprecher. Die Kollegen vom Wahllokal 313 in Moabit, die ihren "vaterländischen Dienst" verrichten, indem sie ein Wahlplakat melden, das in der "Bannmeile" des Lokals hängt, kriegen auch ihr Fett weg: "Am Wahllokal 313 wird der ordnungsgemäße Ablauf der Demokratie nicht scheitern."


Screenshots: dctp/RTL

Richtig in Fahrt ist "Spiegel TV" aber erst zum Schluss, beim Besuch des BSC Reinickendorfs, zu dem es heißt:

"Dass man im Leben nicht immer gewinnen kann, wissen die Fußballer von der dritten Mannschaft des BSC Reinickendorf nur zu genau. In Berlins unterster Spielklasse sind sie souverän Tabellenletzter. Da fällt die Motivation am Wahltag nicht schwer."

Am Sonntag war wieder ein Spiel. "Doch die Dauerloser aus Reinickendorf können ihren Kasten nicht lange sauber halten, auch heute werden sie wieder 5:0 untergehen."

Ehrlich, der Sprecher sagt "Dauerloser".

Was "Spiegel TV" da für den späten Sonntagabend zusammengepappt hat, ist das Ergebnis eines Elendsjournalismus, der selbst fürs deutsche Fernsehen ungewöhnlich eklig ist, weil er nur zu dem Zweck betrieben wird, dass sich selbstgefällige Reporter über alles und jeden lustig machen können, der so leichtsinnig war, dem Kamerateam nicht Hausverbot zu erteilen. Anders als "24 h Berlin", das klar Inspirationsquelle war und den Alltag einer Großstadt möglichst vielfältig und unverfälscht wiedergeben wollte, will "Spiegel TV" – gar nichts. Die Reporter haben noch nicht mal eine einzige ernst gemeinte Frage, wie sich zwischendurch herausstellt, als den gewöhnlichen Berlinern eine Verschnaufspause gegönnt wird, um Spitzenpolitikern hinterher zu jagen.

Nach Bonn ist "Spiegel TV" gereist, um Wolfgang Clement beim Joggen aufzuspüren und zu fragen, was er wählt, weil er ja in der Zeitung dazu aufgerufen habe, die FDP zu unterstützen. "Wir wollten mal fragen, wen Sie vorhaben zu wählen, heute", sagt der Reporter, der sich Clement mit wackeliger Kamera mitten auf der Straße nähert, und als der sagt, dass er das gern für sich behalten würde, reagiert der Reporter patzig: "Dann muss man's ja nicht in die Zeitung setzen, wenn man drüber nicht sprechen will." Dann joggt Clement davon.


Screenshot: dctp/Spiegel TV

Guido Westerwelle wird (wieder in Berlin) auf dem Nachhauseweg vom Wahllokal verfolgt, obwohl er zuvor mehrere Male höchst freundlich versucht hat, zu kommunizieren, dass es jetzt genug ist: "Ich danke Ihnen sehr für Ihr Interesse, aber wenn Sie jetzt so freundlich wären..." Die drängende Frage, die "Spiegel TV" vorher nicht stellen konnte, lautet: "Sagen Sie mal: Vier weitere Jahre Opposition. Wäre das was für Sie?"


Screenshot: dctp/RTL

In Berlin-Zehlendorf hat Frank-Walter Steinmeier schon morgens um halb zehn die Kamera vor der Nase, aber als im Wahllokal nicht gedreht werden darf, ist "Spiegel TV" beleidigt und lästert: "Wahrscheinlich hat Steinmeier SPD gewählt."

Gregor Gysi hingegen hat im Flugzeug sein Gepäck verstaut, und davon gibt es hochexklusive Aufnahmen:


Screenshot: dctp/Spiegel TV

Zum Höhepunkt aber kommt es erst "vor den Privatgemächern der Kanzlerin" in Berlin-Mitte:

"Hier wohnt sie, im 3. Stock. Am Klingelschild allerdings: nur der Name ihres Mannes. Seit den frühen Morgenstunden haben die Untertanen auf ihre Erscheinung gewartet. Sie werden nicht enttäuscht. Pünktlich um halb zwei tritt die 'Lady in Red' der deutschen Politik vor die Tür. Mit dabei: der Mann vom Klingelschild, Herr Sauer."

Auch ihr mag "Spiegel TV" nicht von der Seite weichen, um ihr beim Wahlgang die alles entscheidende Frage zu stellen:

"Frau Bundeskanzlerin, wie siegessicher sind Sie heute?"


Screenshot: dctp/RTL

"Ich bin erstmal wahlsicher", kontert Merkel souverän und eilt davon. Kurz darauf ist das Elend vorbei. Zumindest für diesen Sonntag. Im vergangenen Jahr hat die Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) die Lizenz des "Spiegel TV"-Partners dctp als "unabhängigen Dritten im Programm von RTL" bis 30. Juni 2013 verlängert. Das dürfte dicke reichen, um außer der kompletten Politik auch noch ein paar andere Städte in die Tonne zu treten.

Screenshot oben: dctp/RTL

Veröffentlicht 28. September 2009, 19:16 von Peer Schader
Kommentare

Wurst Brot

28. September 2009, 20:56

Aha, der Gysi fliegt Business.

Krischn

28. September 2009, 22:08

OT: Schade, dass Das Fernsehblog (bzw. FAZ.net?) inzwischen auch dermaßen klickgeil ist, dass nicht mehr der ganze Artikel im Feedreader angezeigt wird, sondern ich stattdessen nur einen Anreißer zu sehen krieg.

Wirklich schade.

Speziell Sie wissen es doch eigentlich besser, liebe Autoren...

R.S.V.P.

Peer Schader

28. September 2009, 22:17

@Krischn: Das unterliegt nicht unserer Beeinflussung, aber ich danke für den überaus freundlichen Hinweis und leite es gerne an die Technik weiter, womöglich lässt sich dies ändern.

Guckeda

28. September 2009, 22:53

Gut beobachtet.

Ich darf aber mal ein bischen in die Nachbarschaft schauen und abwandeln, denn was sieht man da?

das Ergebnis einer Elendsbloggerei, der selbst für ne deutsche Zeitung ungewöhnlich eklig ist, weil sie nur zu dem Zweck betrieben wird, dass sich selbstgefällige Besser-Fühl-Schlaumeier über alles und jeden lustig machen können, der so leichtsinnig war, einem Teekannenschwenker nicht Hausverbot zu erteilen.

Peer Schader

28. September 2009, 23:03

@Guckeda: Also ich habe mit dieser Bemerkung keinerlei Probleme.

Paule

28. September 2009, 23:27

Ach ja... die Drittanbieter, die für Vielfalt sorgen und die Qualität erhöhen sollen.

swina

28. September 2009, 23:29

keene uffregung, meesta,

an balin haben sich schon ganz andere versucht.

.

und

kann man ja vastehn:

provinz macht aggro auf dauer.

da hilft och keene binnenalster.

Krischn

28. September 2009, 23:57

@Peer Schrader (22:17): Danke. Hab mir schon gedacht, dass Ihr selbst nichts dafür könnt.

norro

29. September 2009, 00:31

http://arne-nordmann.de

@Krischn (und evtl. @Peer): Das hat nichts mit Klickgeilheit zu tun, sondern ist schlicht nicht der Sinn von RSS-Feeds. Diese _sollen_ durch den Titel und einen Anreisser über neue Inhalte informieren. Den ganzen Text in die Welt zu schleudern, ist nicht deren Sinn.

Benjamin P

29. September 2009, 01:15

Der Artikel spricht mir aus der Seele! Auch wenn diese Von-Oben-Herab-Berichterstattung auch deutlich in Print (vor allem bei Kommentaren und Rezensionen) zu finden ist. Es gehört offensichtlich zum normalen Ton, selbstgefällig und abwertend zu berichten.

Michael

29. September 2009, 01:36

Nachdem die ARD am Wahlabend die "Lindenstraße" in die politische Berichterstattung eingeschoben hatte, war ich bereits sehr erstaunt über die Programmgestaltung im deutschen Fernsehen. Doch die hier sehr treffend zusammengefasste "Reportage" von Spiegel TV übertraf am späteren Abend noch alle Erwartungen. Kaum zu glauben, dass man mit völlig belanglosen und billig produzierten Aufnahmen eine komplette Sendung füllen wollte, um verzweifelt einen aktuellen Bezug zur Bundestagswahl herzustellen. Dass den Kamerateams nichts spannendes vor die Linse laufen wollte, war jeder Szene schmerzlich anzumerken. Entsprechend zusammenhangslos und inhaltslos war die gesamte Sendung aufgebaut – von Informationen, Unterhaltung oder gar Spannung keine Spur!

Schmidt

29. September 2009, 02:59

http://kontextredaktionsbuero.twoday.net

Ein gerechtfertigter, aber auch verzichtbarer Beitrag, lieber Peer. Wo bleibt dein Kommentar zur verleihung des Deutschen Fernsehpreis? Gerade im Sinne deiner sonst zu Recht gepflegten Kommentierung der medialen Formal-Strukturen. Was hältst du von Klebers Äußerung zur sache 'Brender'?

kontextredaktionsbuero.twoday.net/.../modTrackback

Antworte er... ;-)

Muriel

29. September 2009, 03:16

http://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com/

Ich habe mich immer gefragt, ob die Off-Sprecher für solche Reportagen mit Drogen arbeiten müssen, oder wie die sonst damit zurechtkommen, sowas verlesen zu müssen. Ich würde ja nach so einem Arbeitstag mit Kopfschmerzen nach Hause gehen, die ich für Wochen nicht loswerden könnte.

Fuchsberger

29. September 2009, 09:44

Schöner Blogeintrag, danke an 6vor9 für den Link. Schade, daß die Kommentare so doof sind

Level

29. September 2009, 09:45

Sehr schöner Artikel!

Ich liebe den Kernsatz:

"Was "Spiegel TV" da für den späten Sonntagabend zusammengepappt hat, ist das Ergebnis eines Elendsjournalismus, der selbst fürs deutsche Fernsehen ungewöhnlich eklig ist, weil er nur zu dem Zweck betrieben wird, dass sich selbstgefällige Reporter über alles und jeden lustig machen können, der so leichtsinnig war, dem Kamerateam nicht Hausverbot zu erteilen."

Absolut top!

Criticon

29. September 2009, 10:10

Ich weiß gar nicht, was der Autor will. Deppen und debiles Stimmvieh gibt es in jeder deutschen Stadt, da ist Berlin keine Ausnahme, auch wenn Berlin Hauptstadt ist. Ich fand den Spiegel TV-Beitrag wirklich ein Highlight am Wahlabend: amüsant, kurzweilig und entlarvend. Dagegen waren die Elefantenrunden und sonstigen Wahlsendungen langweiliger TV -Murks.

Peer Schader

29. September 2009, 10:29

@Muriel: Die kriegen Geld. Miit dem sie ihre Wohnung und den Urlaub bezahlen können.

@Schmidt: meinst du nicht, Fernsehpreis hab ich hier kürzlich schon erschöpfend behandelt? Die Verleihung hab ich noch nicht gesehen und dachte, ich heb sie mir für den Tag auf, an dem sonst wirklich gar nichts ist.

Muriel

29. September 2009, 10:55

http://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com/

@Peer Schader: Weiß ich. Kriegen die Schauspieler in "Unser Charly" auch. Aber zu welchem Preis?

Peer Schader

29. September 2009, 10:57

@Muriel: Offensichtlich zu einem okayen.

Harry

29. September 2009, 11:01

Ich verstehe nicht, was an dem Ausdruck "Dauerloser" so witzig sein soll, mal abgesehen davon, daß es eine Kombination aus einem deutschen und einem englischen Wort ist. Aber das ist doch inzwischen Standard (leider).

StitchJones

29. September 2009, 11:50

http://stitch-jones.blogspot.com

Vielleicht irre ich mich ja, aber lief das 24h-Berlin-Dings nicht auf arte?

Peer Schader

29. September 2009, 11:50

@StitchJones: Auch auf Arte, ja.

KM

29. September 2009, 12:16

guter Blogeintrag, aber total bekloppte Kommentare

garfield

29. September 2009, 13:05

http://youtube.chilluminaten.net

mein gott, wer wundert sich noch über spiegel-tv? das ist dooffernsehen für's prekariat! billige populistische polarisierende meinungsmache, auf bild "niveau". meinungsvielfalt war gestern, oder vorgestern...

fritz

29. September 2009, 13:34

http://tokyofotosushi.wordpress.com/

sehr guter artikel, wobei ich sagen muss, dass mich spiegeltv schon seit längerem einfach nur belustigt beim ewigen und kläglichen versuch ernszunehmend und kritisch zu sein. ich errinne mich nur an einen 5 minütigen beitrag über einen kaninchenmörder in einer deutschen kleingartensiedlung, der mit einer ernsthaftigkeit vorgetragen wurde, als sei es der gefährlichste triebtäter deutschlands, den der unfähige staat nicht packen kann.

diese sendung vom sonntag regte mich als berlin allerdings nur auf, wie kann man sich selbstherlich über eine gesamte Stadt lustig machen und warum darf man diesen Stuss dann auch noch senden? ist ja schon schlimm genug hier kommentare marke spiegel tv unter diesem artikel zu lesen, aber in einem klassischen medium mit einer gewissen kontrollfunktion hät ich soetwas nicht erwartet.

Jörn

29. September 2009, 14:22

Spiegel TV kann ich seit mindestens 10 Jahren nicht mehr für vollnehmen.

Wird deswegen auch nicht mehr geschaut.

Öffentlich rechtlich "Zapp", Mittwochs auf N3- das isses.

Ostfriese

29. September 2009, 16:13

Auch beim SPD- Kandidaten für den Wahlkreis 26 (Unterems) hat Spiegel- TV zugeschlagen. Vor einigen Wochen wurde ein Beitrag versendet, in dem der junge, unerfahrene Kandidat nach allen Regeln der Kunst lächerlich gemacht wird. Auch der Ostfriese als solcher war vor dem pseudo- klugen Spott der Spiegel- Pappnasen nicht sicher. Deppenjournalismus allererster Güte!

Inge

29. September 2009, 18:34

Ich habe jedenfalls beim Lesen dieses Artikels vor Lachen unter dem Sofa gelegen! Welche Dramatik in den "journalistischen" Begleittexten des Filmmaterials bei Spiegel TV. Lernt man jetzt sowas in der Ausbildung als investigative Schreibe? Oder ist das die Endstufe des Ausbildungsmoduls "Propaganda"? Da ist ja wirklich alles drin! Suuuuper  geschildert Herr Schader, von der Überschrift bis zum Schlusssatz!!

Fritzi

29. September 2009, 19:26

Vielen Dank dafür. Ein sehr treffender Eintrag.

SZ-Leser

29. September 2009, 19:33

http://www.sueddeutsche.de

Super Text! Die Spiegel-TV-Leute sollten mal von ihrem hohen Ross runterkommen und einsehen, dass es ihre Sendung ohnehin nur gibt, weil zufälligerweise ein (leider auch in der Tendenz absteigendes) seriöses Nachrichtenmagazin und eine Webseite den gleichen Namen haben. Grausam, was man sich alles als Fernsehsendung erlauben kann. Da lob ich mir doch die Qualität der öffentlich-rechtlichen.

Ach je

30. September 2009, 14:45

Berlin wird es nicht kratzen. Und der Rest der Welt wird nicht überrascht sein, denn diese Masche kenn man doch, seitdem der Lokalseitenchef 1977 schlecht gelaunt und halb besoffen dem Volo sagte: "Jetz' mach' halt 'ne Straßenumfrage, ist eh' nichts los. Aber alle nur mit Nase (Übersetzung: Porträt, vom Volo, egal wie, selbst geknipst)." Zehn Jahre später nannte man derlei substanzlosen Unsinn "Bürger-" oder "Lesernähe", dabei ist es eine dümmliche Simulation von - nein, nicht von Journalismus - keine Ahnung, was.

Im TV geht das genau so: Kamera drauf, dumme Fragen stellen, blöde Antworten bekommen, diese aus dem Off noch ein wenig hochzwirbeln mit einer bitteren Pointe in schlechtem Deutsch: Fertig ist ein Beitrag, der keinerlei Recherche erfordert hat und die Sendezeit um den Werbeblock mit einer irgendwie kritisch wirkenden Nummer irgendwie füllt. Bäh.

Mats

30. September 2009, 17:25

" .... Guido Westerwelle wird (wieder in Berlin) auf dem Nachhauseweg vom Wahllokal verfolgt,  ..."

er hat doch in bonn gewählt oder? er saß dann ja auch in dem flieger mit gysi richtung berlin.

ich meine SPIEGEL TV hat clement UND westerwelle in bonn erwischt ...

na ja, haarspalterei ;)

Peer Schader

30. September 2009, 19:29

@Mats: Kann sein, ja, ich glaube, er hat zwei Wohnsitze.

darkhorse

30. September 2009, 20:27

wie unglaublich arrogant, uninformiert und kollegenfeindlich spiegel tv reporter sind, erfahren hauptstadtfernsehkorrespondenten jeden einzelnen arbeitstag. da schaue ich mir das daraus entstehende produkt gar nicht erst an - ich kann mir zusammenreimen, wie es wird. also danke für die statt-dessen-wahrnehmung.

jwd

01. Oktober 2009, 00:04

@Criticon: Wenn so klar ist, dass es "debiles Stimmvieh in jeder deutschen Stadt gibt" und dass, "Berlin da keine Ausnahme ist" was zur Hölle ist dann "entlarvend"? Besonders angesichts der Tatsache, dass sie ja ganz offensichtlich nichts neues erfahren haben?

"Kurzweilig" dagegen -- geschenkt. Aber seien sie doch wenigstens so ehrlich, zu sagen: "sei's drum, ich amüsiere mich eben über Zusammenschnitte von Menschen, die dämlicher sind als ich". Menschen haben nunmal das Bedürfnis, sich über andere lustig zu machen -- und das funktioniert besonders gut, weil und indem sie sich selbst erhöhen. Funktioniert bei mir auch so, und ich hätte mir die Sendung höchstwahrscheinlich auch mit einer nicht unangenehmen Mischung aus Voyeurismus, Fremdschämen, Schadenfreude und sich-selbst-auf-die-Schulter-Klopfen gesehen. Stolz darauf bin ich allerdings nicht.

Aber zu behaupten, da wäre etwas Originelles oder besonders Intelligentes von Spiegel TV produziert worden, ist lächerlich. Es ist eine (noch) akzeptable Weiterentwicklung der Freak Show -- Vor hundert Jahren hätten sie, und ich, und die absolute Mehrzahl der Entrüsteten auch mit Freuden auf siamesische Zwillinge und Menschen mit Mikrocephalie gezeigt und uns amüsiert. So funktionieren Menschen eben, so unschön das ist.

Trotzdem wäre es mir lieber, wenn man uns Dummheitsvoyeuren solche Sendungen nicht auf dem Silbertablett servieren würde.

Ja, die Schuld liegt zum Größeren Teil bei den Produzenten, auch wenn die Zuschauer natürlich besser nicht einschalten würden. Aber, um Himmels Willen, liebe Produzenten: macht es uns doch etwas schwerer, unserem Fremdschäm-Bedürfnis zu folgen. Macht es uns stattdessen leichter, tatsächlich etwas zu lernen oder nachzudenken. Das ist zugegebenermassen ein Bedürfnis, das sich nicht ganz so leicht befriedigen lässt, aber das Ergebnis ist ungleich schöner. Für alle Beteiligten.

(ach, und swina: Auch der Berliner Dialekt nennt Berlin "Berlin". Ein "Balin" ist ein sicheres Zeichen für schlechte Imitationen. ;) )

Provinzdepp

05. Oktober 2009, 21:05

Vielleicht hätte man Thilo Sarrazin zu diesem Thema befragen sollen. Aber Herrn Schaders Hauptstadt-Apologie ist ja mal wieder typisch Berliner Blogger ...

Ich hoffe nur, dass Sie sich auch so ins Zeug legen, wenn es um die Verteidigung der Ehre Münchens, Stuttgarts, Dresdens oder Hannovers geht.

Krischn

06. Oktober 2009, 01:21

http://de.wikipedia.org/wiki/Sarkasmus

@norro: Tja, dann hat FAZ.net ja _jetzt_ was dazugelernt. Werd dann mal die anderen 48 Feeds in meinem Reader darüber informieren, die wissen das nämlich noch nicht...

P.S. Korrigiere: sind 47, English Russia ist schon länger am Puls der Zeit. Nerf.

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