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Das Fernsehblog

Kleine Werbekritik: Von Geisterfahrern und Windows-Nutzern

13. November 2009, 18:22 Uhr

Wenn bei privaten Fernsehsendern von der Entwicklung "individueller Sonderwerbeformen" die Rede ist, dann bedeutet das meistens: Die Werbung rückt näher ans eigentliche Programm ran (im nächsten Jahr darf sie dann ja sogar direkt darin vorkommen). Zum einen, weil die Werbekunden sich nicht mehr nur darauf verlassen wollen, ihre Spots in siebenminütigen Werbeblocks zu versenken, und zum anderen, weil die Sender in der Krise angesichts des schwierigen Werbemarkts besonders flexibel sein müssen.

Sat.1 hat am Donnerstagabend zum ersten Mal Werbung in einem Imagetrailer untergebracht. Darin ist zu sehen, wie sich vor drei Sat.1-Moderatorinnen in Abendgarderobe ein roter Teppich ausrollt, auf dem sie im Blitzlichtgewitter stehen, weil kein Wagen da ist, um sie abzuholen. Plötzlich verlagert sich die Aufmerksamkeit der Fotografen: Der neue BMX X1 fährt vor, jemand öffnet die Tür, dann fährt der Wagen weiter. Ohne dass die Sat.1-Moderatorinnen drin sitzen. Keine Ahnung, wieso sich BMW das aufschwatzen hat lassen, aber: In dieser Mischung aus Werbung und Trailer passt wirklich nichts zusammen. Die Atmosphäre ist kühl, die Musik wird abrupt unterbrochen, als der Wagen im Bild auftaucht und das BMW-Pochen eingespielt werden muss – und in der Totalen ist im Wagen ein Fahrer zu sehen, der, als sich in der Nahaufnahme die Tür öffnet, plötzlich verschwunden ist.


Screenshots: Sat.1

Was wollen Sat.1 und BMWuns damit sagen? Dass der X1 immer zu spät kommt? Dass der Wagen auch von Geisterhand gefahren werden kann? Dass Sat.1-Moderatorinnen besser mit dem Taxi nachhause fahren sollten? Oder vielleicht doch bloß, dass im privaten Fernsehen jetzt auch das letzte Eckchen freigeräumt werden muss, um dort krampfhaft Werbung unterzubringen?

Auch Vox experimentiert. Im Werbetrenner zu "Prominent!" am Sonntagabend wurde neulich die rote Vox-Kugel durch ein Nivea-Produkt ersetzt, das auf den Zuschauer zuraste, bevor der Werbeblock im Anschluss mit dem klassischen Nivea-Spot begann.


Screenshots: Vox

Das alles wirkt allerdings weniger innovativ als aufgesetzt (und im Fall von Vox sogar ziemlich stümperhaft umgesetzt). Dabei lässt sich durchaus mit modernen Werbeformen experimentieren. Ein schönes Beispiel ist die Idee von Microsoft, für sein neues Betriebssystem zwischen den beiden Doppelfolgen von "Stromberg" zu werben. Nach dem Abspann der ersten "Stromberg"-Folge ist unmittelbar im Anschluss Ensemblemitglied Ernie im Bild und versucht den Telefonhörer abzuheben, den ihm die Kollegen aber am Apparat festgeklebt haben. Als er dann auf dem Handy angerufen und nach Dokumenten am PC gefragt wird, wendet er sich kurz ans Publikum, dreht den Bildschirm zur Kamera und sagt:

"Hier, das wär vielleicht für euch auch ganz interessant, oder? Bei Windows 7, da kann man jetzt parallel in zwei Dokumenten – und dann einfach von einem flubbediwubbedi ins andere rüber." (Video)


Screenshots: Pro Sieben

Für einen Moment ist Ernie rundum zufrieden, weil er seine Arbeit so schnell erledigen kann und dafür am Telefon gelobt wird – bis er entdeckt, dass ihm die Kollegen Pudding auf seine "Extrasocken" in der Schublade geschmiert haben.

Das ist angenehm unaufdringlich, vor allem, weil Ernie keine geschliffene Werbebotschaft aufsagen muss, sondern ein neues Feature des Produkts so flubbediwubbedi in seiner ganz eigenen Sprache erwähnt. Der Spot ist im Bild als "Dauerwerbesendung" gekennzeichnet. Dann geht es weiter mit "Stromberg". Mag sein, dass das eine verhältnismäßig aufwändige Art ist, Werbung zu machen (insgesamt scheint es sechs Varianten zu geben), die darüber hinaus nicht besonders oft einsetzbar sein wird, aber vielleicht deshalb auch lange nicht so nervt wie man das sonst aus dem Fernsehen kennt.

Nachtrag, 17. November: In "epd medien" ist Markus Ridder übrigens ganz anderer Meinung und bezeichnet die Windows-Werbung als "Werbeterrorattacke". (Die Anmerkung, "Stromberg" würde "mit allerlei 'Sonderwerbeformen' zugekleistert", ist aber wohl in Rage geschrieben, denn Herbsts Auftritt für RWE, auf den er sich bezieht, ist bloß ein regulärer Werbespot.)

Veröffentlicht 13. November 2009, 18:22 von Peer Schader
Kommentare

dent42

13. November 2009, 18:43

Das Privatfernsehen will Geld verdienen, sollen sie doch - ist ihr gutes Recht, wär schön wenn sie die zusätzlichen Einnahmen, wenn denn welche generiert werden, in die Budgets ihrer Eigenproduktionen stecken würden......bei drei lachen wir alle.

Stefan

13. November 2009, 19:30

Zur ersten Werbung: Da passt noch etwas nicht. Seit wann hat Sat.1 Moderatorinnen, und dann noch 3 davon?

Zur letzten: Ernie ist wirklich ein glaubwürdiger Werbeträger für Microsoft: In der aktuellen Staffel ist er am Anfang völlig apathisch, redet mit sich selbst und versucht sich umzubringen. Vermutlich hat er zuvor Windows 7 installiert.

Torsten

13. November 2009, 19:39

Die Windows-Werbung mit Ernie ist fast das Witzigste an der bislang eher mauen neuen Stromberg-Staffel.

Übrigens fehlt im dritten Absatz ein Leerzeichen zwischen "BMW" und "uns".

Stromber Fan

13. November 2009, 20:52

Hi,

auch wenn die Werbung mit Ernie durchaus innovativ ist, bin ich mir nicht sicher, ob Microsoft bewußt war, daß ihre neue Werbe-Ikone gleich zu Beginn der Staffel eine Depression bekommt und einen Selbstmordversuch unternimmt?

LeoN

13. November 2009, 21:31

http://www.str82heaven.de

Man mag ja über Windows bzw. Microsoft im Allgemeinen sagen was man will, aber diese Kampagne bei Stromberg ist wirklich genial, weil sie einfach genau in den Kontext passt. Einer der wenigen Augenblicke wo man mal für Werbung nicht wegschaltet..

Muriel

13. November 2009, 21:43

http://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com/

Dann sind wir uns ja heute mal einig, sowas mag ich nämlich auch. Und genau deshalb störe ich mich auch immer an zu starren Vorschriften darüber, wie man Werbung machen darf, und wie nicht.

Dass es auch mit mehr Freiheit weiterhin doofe und nervige Werbung geben wird, ist natürlich klar. Aber immerhin gibt es vielleicht ein paar mehr solche Lichtblicke wie den Windows-Spot mit Ernie.

Peer Schader

14. November 2009, 10:12

@Muriel: Dieses Argument läuft aber nun total ins Leere - weil hier ja alles korrekt gekennzeichnet ist ("Werbesendung" hätte vermutlich auch gereicht) und trotz der "starren Vorschriften" was Originelles rausgekommen ist. Vielleicht liegt's also gar nicht an den Vorschriften, dass Werbung sonst so doof ist. Sondern daran, dass den Werbern wenig einfällt.

@Stefan: Stimmt, als "Imagetrailer" ist das wirklich nur für Eingeweihte zu erkennen.

Anja

14. November 2009, 10:54

Hab den Ernie-Windows-Mischmasch gesehen und fand es einfach nur extrem peinlich. Bei "da kann man jetzt" mußte ich dann wegzappen. Dann lieber Nivea-Vox-Kugeln, da weiß ich und der Sender ganz offen, daß ich jetzt verarscht werde.

elbsegler

14. November 2009, 12:05

Zum Glück ist man ja nicht gezwungen, sich diese Sender live ansehen zu müssen. Mir geht dieses Werbegedudel so auf den Geist, dass ich, wenn überhaupt, die Privaten nur zeitversetzt über die Festplatte sehe, immer mit der Fernbedienung im Anschlag. Mir ist meine freie Zeit viel zu schade, sie mit dem Glotzen von Werbung zu verbringen. Sollte wegen Leuten wie mir jetzt die Werbung ins Programm eingeflochten werden, lasse ich es ganz. Wenn dann noch versucht werden sollte, für HD-Empfang extra zu kassieren, hebt sich die Branche ihr eigenes Grab aus.

Der Sat1/BMW-Spot zeigt, wie betriebsblind man werden kann. Die verantwortlichen werden sehr stolz auf diese Idee gewesen sein. So stolz, dass ihnen geflissentlich entgangen ist, ein Stück Satire produziert zu haben.

elbsegler

14. November 2009, 12:08

Ach ja, den (dämlichen) Spruch "Colour your live" in diesem kalten Blau-Grau zu präsentieren, ist auch schon ein Stirnrunzeln wert.

Muriel

14. November 2009, 13:11

http://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com/

@Peer: Dass die starren Vorschriften die Ursache sind, wollte ich nicht gesagt haben. Natürlich liegt es an den Werbern, wenn ihnen nichts Spannendes einfällt. Und dass die Kennzeichnung als Werbesendung keine guten Ideen verhindert, ist mir auch klar.

Vielleicht hätte ich nicht von Vorschriften sprechen sollen, sondern von Konventionen. Bei der Stromberg-Geschichte wurde die Werbesendung ja unüblicherweise quasi in das Hauptprogramm integriert - oder umgekehrt -, und dabei ist was Unterhaltsames und Werbewirksames rausgekommen, was ja für Werbende und Zuschauer gleichermaßen erfreulich ist.

Trotzdem bin ich der Meinung, dass eine weitere Lockerung der Vorschriften allen das Leben leichter machen kann. Ich zum Beispiel hätte viel lieber Werbeeinblendungen im laufenden Programm als noch so klar gekennzeichnete und getrennte mehrminütige Unterbrechungen desselben.

Bernhard

14. November 2009, 13:33

Die Ernie-Werbung funktioniert deshalb so gut, weil die direkte Ansprache des Zuschauers in die Kamera eines der grundlegenden Elemente von "Stromberg" ist. So verliert die Figur keine Glaubwürdigkeit, denn der Zuschauer kennt es ja nicht anders.

Allerdings ist es nicht die erste Werbung mit "Stromberg"-Charakteren. Da gab es schon mal einen Spot mit Stromberg selbst für Tele 2. siehe hier: www.youtube.com/watch

Moss

15. November 2009, 23:55

@LeoN: «diese Kampagne bei Stromberg ist wirklich genial, weil sie einfach genau in den Kontext passt.»

Stimmt: Fremdschämen auf allen Seiten.  Der ärgste Nix-auf-die-Reihe-Bringer im ganzen Büro erklärt einem, dass Windblows jetzt auch mal zwei Fenster nebeneinander aufmachen kann.  Herzlich willkommen im 21. Jahrhundert, Microsoft.

Gut, als Werbespot an sich ist das schon wieder sowas von angemessen …

@ Muriel: noch lockerere Vorschriften?  Bloß nicht.  Ich find’s jetzt schon zum Kotzen, wo einem überall Werbung untergejubelt wird.  Sollen die Werbefatzkes sich doch mal ein bißchen anstrengen, dass man ihre Filmchen vielleicht freiwillig angucken mag!

Hofnarr Florian

16. November 2009, 17:09

http://www.hingesehen.net

Ich finde auch, dass die Windows-Werbung bei Stromberg sehr gut gemacht ist. Sie bringt ein frisches neues Image von Windows rüber. Dass private Sender Geld verdienen wollen, ist doch legitim.

H.M.Voynich

16. November 2009, 18:07

http://voynich-ms.de

@Muriel:

"Ich zum Beispiel hätte viel lieber Werbeeinblendungen im laufenden Programm ..."

So wie diese Programmhinweise, die mittlerweile den halben Bildschirm einnehmen und sogar mit lauten Jingles an den unmöglichsten Stellen ins Programm geplatzt kommen? Bitte nicht.

Thomas Television

17. November 2009, 00:50

http://www.tvundso.com

Die Windows Werbung eine Woche zuvor, ebenfalls mit Ernie war noch lustiger. Windows 7 möchte ich zwar trotzdem nicht kaufen oder haben, aber gut fürs Image isses. Microsoft ist nicht nur dadurch zumindest in meinen Augen deutlich symphatischer als Apple geworden.

Flug

17. November 2009, 11:19

Ich finde es ebenfalls nur legitim, dass die privaten Sender Geld verdienen wollen. Solange die Werbung keinem weh tut soll doch jeder machen was er will. Ich gucke mir witzig gemachte Werbespots gerne an und lasse mich auch durchaus davon beeinflussen. Bei der Ernie-Werbung musste ich richtig lachen. Hoffe auf einen neuen Spot heute Abend.

SvenR

17. November 2009, 11:53

Das mit Ernie ist schon clever gemacht.

Ich schaue Privatfernsehen seit Jahren ausschließlich zeitversetzt über den Festplattenkekorder. Wenn der Werbeblock kommt, dann springe ich in ein-Minuten-Sprüngen vor. Und als ich Ernie sah, dachte ich, es ginge schon weiter, bin dann wieder zurückgesprungen, um dann zu erkennen, dass es Werbung ist, die ich mir dann aber trotzdem angeschaut habe, weil sie gut gemacht war.

Mort74

18. November 2009, 15:33

@H.M.Voynich

Naja, ob mich nun Contra7 oder Nestlé mit nervigen Popups stört, ist mir dann auch egal. Mich haben ja schon die Eigenwerbungen (und das besch.. äh, schlechte Programm) dazu gebracht, die Privatsender nur dann einzuschalten, wenn ÖR und DVD-Sammlung wirklich nichts mehr hergeben und ich auch sonst nichts besseres zu tun habe...

Und so gut die MS-Werbung vielleicht gemacht sein mag - für mich läuft das ungefähr auf dem selben Niveau wie gekaufte Fake-Editoriale und -Artikel in Zeitschriften. Hauptsache erstmal die Aufmerksamkeit mit irgendwelchen Tricksereien erreichen.

Worüber hat man sich damals eigentlich aufgeregt? Nur weil's Nachrichten statt Stromberg und Eigenwerbung statt MS waren? promi.skins.be/.../fake-nachrichten-pro7-irritiert-seine-zuschauer

Peer Schader

18. November 2009, 15:45

@Mort74: Ich würde da noch mal einen massiven Unterschied machen, ob ein Sender seine Nachrichten dazu missbraucht, Mysteryserien anzutrailern oder ob fiktive Charaktere in klar gekennzeichneten Werbeclips auftauchen. Alles durcheinander zu werfen, bringt jedenfalls nix - auch wenn man's doof findet.

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