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Heulsusenverein VPRT: Immer sind die anderen schuld
19. November 2009, 16:08
Uhr
In Berlin trafen sich gerade die Mitglieder des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT), um zu bejammern, wie schlecht es ihnen geht und wie ungerecht es ist, dass ARD und ZDF von der Politik so arg bevorzugt werden. VPRT-Präsident Jürgen Doetz nutzte die Gelegenheit, noch mal über den neuen Digitalkanal ZDFneo zu schimpfen und (laut dpa) sogar dessen Stopp zu fordern, weil sich das ZDF erdreistet, damit – Achtung! – junge Zuschauer erreichen zu wollen. Ja, das ist natürlich eine Unverschämtheit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, endlich ein Programmangebot für alle Gebührenzahler machen zu wollen, und nicht nur für solche, die gerne "Bergdoktor" gucken.
Nicht nur das ZDF hat sein Fett weggekriegt, am Abend kritisierte Doetz beim "Get-together" in Berlin auch die Medienwächter dafür, dass sie ihre Arbeit machen. Die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) hatte gestern ein Bußgeld in Höhe von 95.000 Euro gegen Sat.1, Kabel 1 und DSF verhängt, weil die in ihren Call-in-Shows gegen die Gewinnspielsatzung verstoßen hatten. Das sehe man nun auch dem Buffet an, scherzte Doetz:
"Der Hummer ist nicht da, der Kaviar gestrichen, der Champagner durch Prosecco ersetzt."
Nun gehört Jürgen Doetz durchaus zu den respektablen Persönlichkeiten im deutschen Medienlobbyismus, aber das Geheule, das sein Verband in den vergangenen Wochen veranstaltet, ist schlicht unerträglich, weil man sich angewöhnt hat, gegen alles anzustänkern, was den Privatsendern nicht in den Kram passt – wie ein beleidigtes Kind, das nicht mit Fußballspielen darf und bei Mama petzt, dass die anderen längst hätten zuhause sein müssen.
Gar nicht zur Sprache kommt dabei, wie sehr die Privatsender selbst wesentliche Trends verpennt haben, wie sie ihr Publikum aus reiner Profitgier mit Anrufshows abzocken und in einer Tour gegen Werberichtlinien verstoßen. Der VPRT kann froh sein, dass die Landesmedienanstalten noch immer überfordert damit sind, sämtliche Verstöße zu ahnden. Dass hinsichtlich der Call-in-Shows in letzter Zeit härter durchgegriffen wird, ist richtig und wichtig. Und hoffentlich nur der Anfang einer besseren Kontrolle im Interesse des Publikums.
"Der private Rundfunk hat hinreichend bewiesen, dass er sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist – er muss diese Verantwortung nur auch finanzieren können",
sagte Doetz am Mittwochabend. Was genau er damit wohl gemeint hat? Dass RTL und Pro Sieben ihren Nachmittag mit schlimmstmöglichen "Geschichten aus dem Leben" zukleistern, die neuerdings auch noch erfunden sind, um drastischere Fälle schildern zu können? Dass RTL Quotenrekorde mit Sendungen wie "DSDS", "Das Supertalent", "Bauer sucht Frau" und "Schwiegertochter gesucht" feiert, in denen Menschen bloßgestellt, verspottet und als Freaks inszeniert werden? Oder dass viele Sender sich einen Dreck darum scheren, was ihnen die Medienkontrolle vorgibt – zumindest so lange bis es jemand merkt?
Das Privatfernsehen in Deutschland gibt gerade über weite Strecken ein erbärmliches Bild ab. Anders als der VPRT annimmt, liegt das aber nicht bloß an den anderen.
Archiv-Foto: dpa