Home
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Mittwoch, 08. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Das Fernsehblog

Warum der Erfolg von RTL dem deutschen Fernsehen schadet

02. Dezember 2009, 17:33 Uhr

Man muss Anke Schäferkordt natürlich gratulieren. Als sie 2005 die Geschäftsführung von RTL übernahm und erklärte, ihr Ziel sei es, den Sender zurück auf "die alte Flughöhe von 17 Prozent" zu holen, wurde sie belächelt. Unmöglich schien das den meisten in einer sich immer weiter diversifizierenden Senderlandschaft. Vier Jahre sind seitdem vergangen. Und RTL verzeichnet gerade zum zweiten Mal in Folge den besten Monatsmarktanteil seit 2004, liegt mit 18,7 Prozent bei den 14- bis 49-jährigen Zuschauern weit vor der Konkurrenz.

Schäferkordt ist es gelungen, mit einer stringenten Programmplanung und konsequenter Risikominimierung ihre eigene Zielvorgabe zu übertreffen. RTL hat einfach vieles richtig gemacht: Auf dem 19.05-Uhr-Sendeplatz am Sonntag hat Schäferkordt "Bauer sucht Frau" und "Rach der Restauranttester" entwickeln lassen, um die beiden Dokusoaps am Montag in der Primetime zu Superhits zu machen. Sie hat das Potenzial von "Das Supertalent" erkannt, das in der ersten Staffel gerade mal mit drei Shows im Programm war, aber die Zuschauer ganz offensichtlich interessierte und mit der Ausdehnung auf mehrere Wochen nun zu den größten Erfolgen seit Jahren gehört. Am Nachmittag hat sich RTL erst die Alltags-Dokus von Pro Sieben abgeschaut und sie dann zu geskripteten Versionen, die noch schärfer als die Originale sind, umgebaut.

Für die Geschäftsführung mag das ein Grund zur Freude sein. Für das deutsche Fernsehen allerdings ist der derzeitige Erfolg von RTL gefährlich, weil das Signal, das von ihm ausgeht, fatal ist.

Nicht nur, weil sich der Erfolg ausgerechnet in einer Zeit einstellt, in der RTL wegen rückläufiger Werbeeinnahmen sichtbar am Programm spart und, anstatt sich Neues zu trauen, fast ausschließlich auf etablierte Sendungen und Formate setzt. Sondern auch, weil dieser Erfolg, wenn man ihn inhaltlich betrachtet, im Wesentlichen auf Sendungen beruht, die Kandidaten dazu benutzen, Freakshows zu inszenieren, damit das Publikum sich über sie lustig machen kann. Wie im Mittelalter.

Beim "Supertalent" tritt ein Mann auf, der so schlecht singt, dass ihn das Publikum auslacht, ausbuht, und ihn mit eindeutigen Gesten von der Bühne weist, aber nicht, bevor Dieter Bohlen ihm den finalen Schlag versetzt hat. In "Schwiegertochter gesucht" lässt RTL Menschen auftreten, von denen nicht ganz klar ist, ob sie überhaupt wissen, dass sie im Fernsehen als Witzfiguren herhalten müssen und nicht etwa an einer seriösen Partnervermittlung teilnehmen. Durchgesetzt hat dieses Prinzip höchst erfolgreich "Bauer sucht Frau", das sich gerade Woche für Woche 8 Millionen Menschen ansehen, und das vorgibt, ernsthaft mit seinen Protagonisten umzugehen, aber schon durch Kameraeinstellungen und Schnitte verrät, worum es wirklich geht: Um das Ausstellen von Seltsamkeit, Spießertum, von Andersartigkeit, von allem, das nicht der vermeintlichen Norm entspricht.

Das ist hochprofessionell gemacht (so dummdreiste Texte wie in "Bauer sucht Frau" muss man als Autor erst mal schreiben können!) und funktioniert hervorragend, weil es tatsächlich unterhält. Jedenfalls so lange, bis man sich vor dem Fernseher dafür schämt, gerade gelacht zu haben.

Dass RTL damit so viel Erfolg hat, ist geradezu eine Aufforderung an die Konkurrenten, es dem Marktführer gleich zu tun: Wer Quote machen will, sucht sich am besten ein paar Dumme, die nicht peilen, dass sie benutzt werden.

Das ging neulich selbst Stefan Raab zu weit, der in "TV total" sonst auch nicht gerade zimperlich ist und sich mit großem Genuss über die RTL-Protagonisten lustig macht, aber seinen Augen nicht trauen wollte, als er vor zwei Wochen in "Bauer sucht Frau" sah, wie die Redaktion die Thailänderin Narumol untertitelt hatte. Die wollte eigentlich bloß zum Ausdruck bringen, dass sie wegen ihrer Höhenangst von der Seilbahnfahrt, zu der Bauer Josef sie eingeladen hatte, "fix und fertig" zurückkam, sprach das allerdings nicht korrekt aus, was RTL so lustig fand, um es 1:1 in den Untertitel zu schreiben:


Screenshot: Pro Sieben

Natürlich fand auch Raab das amüsant, aber als sein Publikum ausgelacht hatte, ging er schnurstracks auf die Kamera zu und sagte (im Video auf tvtotal.de ab 6'35):

"In der ganzen Sendung werden sprachliche Fehler in den Untertiteln korrigiert, damit man's auch verstehen kann. Und hier, wenn sie mal 'fick' sagt, schreiben die Schweine von RTL das einfach aus. Wer immer bei RTL mit seinen kleinen schmierigen Redakteurshänden hier 'fick' hingeschrieben hat: Du kommst in die Hölle!"


Screenshot: Pro Sieben

Naja gut, die Hölle. Aber was macht man nicht alles für 18,7 Prozent?

Bild oben [M]: RTL

Kommentare

Emilia

02. Dezember 2009, 17:53

Dieser Text trifft es genau auf den Punkt, was ich schon lange über das TV-Programm denke: Erfolg hat nur noch, wer Menschen bloß stellt und sie lächerlich da stehen lässt. Für ein Publikum von Voyeuren...

Mirko

02. Dezember 2009, 18:04

Ich glaube, der Erfolg von RTL kommt weniger dadurch, dass sie alles richtig gemacht haben, als dadurch, dass die Konkurrenz in wichtigen Punkten so richtig patzt.

Folgen und Staffeln von Serien werden wild durcheinander ausgestrahlt. Interessante Formate werden abgesetzt, bevor sich auch nur herumsprechen konnte, dass es sie gibt, oder versauern auf unmöglichen Sendezeiten und Sendern (wer schaut schon das Programm aller Dritten an?). Die Eigenwerbung mitten im Programm ist störender als Flash-Popups im Internet (die kann man wenigstens wegklicken). Statt Kritik anzunehmen und nachzubessern, wird gleich aufgegeben. Blockbuster werden mitten in der Nacht ausgestraht. Etc. pp.

Es hängt halt nicht nur davon ab, was gezeigt wird, sondern auch wann und wie es gezeigt wird.

Paule

02. Dezember 2009, 18:05

@ Peer: Du hast durchweg recht. RTL steht für Einfalt und Innavationsfeindlichkeit, denn das Allermeiste wurde auch noch im Ausland erfunden und nur eingekauft. Aber - Stefan neigte neulich auch schon dazu, als er in seinem Blog auf das ZDF-Gaffermagazin am Mittag hinwies - das ist eine einseitige Drescherei.

Es gibt da noch die andere Seite: Das Publikum. Nicht die dreisten Hinterhältigkeiten machen den Erfolg, sondern der Zuschauer.

Wenn wir alle auf den Weltspiegel stehen würden, dann hätte der 8 Mio Zuschauer. Hat er aber nicht. RTL macht nur das, wofür es geschaffen wurde: Es bedient Instinkte und sammelt damit Geld ein. Sinn erfüllt.

Du hast doch bestimmt gute Kontakte. Frage doch mal hochrangige Macher, worin fehlender Mut wirklich begründet liegt. Zu deutsch: Warum steht ein ordentlicher Teil der deutschen Zuschauer auf Einfalt, wenige Neuheiten und immer Gleiches. Als Anke Schäferkord dies vor einiger Zeit mal in schöneren Worten ausdrückte, bekam sie in manchen Foren Prügel, nur ungern wollte sich der Einzelne als einfältigen Rückwärtsgewandten bezeichnen lassen. Aber die Gegenwart bestätigt sie.

Warum schaut der junge Zuschauer fast grundsätzlich keine deutsche Fiction?  Weil sie so deutsch aussieht, was darin endet, dass RTL seinen Kampfmönch in verfälschten Farben zeigte und jetzt eine Serie in Afrika plant, Hauptsache man sieht Deutschland nicht wie es ist. Da nützen Jubelstürme über KDD nicht viel.

Im Kern sehe ich in der Kritik wieder ein Stück der deutschen Selbstverleugnung. Keiner liest die Bild-Zeitung und keiner schaut Trash-Fernsehen. Natürlich nicht.

Die Briten sind da anders. Die stehen zu ihren Tabloids und die schauen auch freiwillig ihre Trash-Shows. Das führt dann aber auch dazu, dass sie der BBC ein Stück massenwirksame Unterhaltung zugestehen und abnehmen. Und das resultiert in einer gesunden Konkurrenz zwischen BBC und ITV, was deren Angebot sehr innovativ und beweglich macht.

Um das zusammenzufassen: Der Kern des Problems fällt immer auf uns zurück.

matser

02. Dezember 2009, 18:16

Wenn das Publikum sich das anschaut..

Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler..

Peer Schader

02. Dezember 2009, 18:17

@Paule: Natürlich sind Gaffer ätzend. Aber es ist natürlich noch mal was Besonderes, diese Gaffer professionell zu bedienen, um damit Geld zu machen, oder? Da ist die alte Frage wieder: Müssen wir alles erdulden, was Quote bringt?

Paule

02. Dezember 2009, 18:32

@ Peer: "Müssen wir alles erdulden, was Quote bringt?"

Ja. Schon. Weitestgehend. Weil Geschäftszweck nicht nicht Quote ist, sondern der Umsatz, der damit gemacht wird. Und wenn wir Unternehmen diesen Zweck zugestehen, dann müssen wir auch mit den Folgen leben. Fürs Gewissen haben wir Public Service Broadcaster, die aber peinlich schläfrig und desinteressiert vor sich her senden. Da liegt für mich das größere Problem und auch das Änderungspotenzial. Verbessern kann man nicht mit - inhaltlich völlig richtigen - Blogbeiträgen, sondern nur mit Alternativen.

Christian Körner, RTL

02. Dezember 2009, 19:55

Lieber Herr Schader, es freut mich, dass Sie schreiben, dass die Zuschauer unser Programm mögen und einschalten. Einiges versteh ich trotzdem nicht: Wie kommt es, dass Sie sich beim "Supertalent" einen Kandidaten raussuchen, der ausgebuht wurde vom Publikum im Saal, aber die, die standing ovations bekommen, erwähnen Sie nicht? Über 30.000 Kandidaten, die sich insgesamt beworben haben, alle "im Wesentlichen" Freaks? Und die Millionen Zuschauer vor dem Bildschirm, ob bei Bauer sucht Frau oder Supertalent - allesamt Gaffer? Große Worte, Herr Schader, Respekt! Und einen Experten-Rat für die deutschen Fernsehmacher haben Sie auch noch parat: US-Serien wie Dr. House - bloß nicht einkaufen. Deutsche Serien wie Doctors Diary: Bitte nicht nachmachen. Klassiker wie WWM - bitte aufhören. Dokumentationen wie "Die Ausreisser" - Finger weg. Fußball WM-Spiele im nächsten Jahr mit Klopp und Klinsmann - bestimmt öde. Und Produktionen wie die Hindenburg - bitte wieder abbrechen. Ist ja auch alles irgendwie zufällig bei RTL ins Programm oder die Planung gerutscht, gehört eigentlich gar nicht dazu. Weil wenn doch, würde wohl die Geschichte nicht mehr so funktionieren, die Sie so gern schreiben, dass alles alles immer schlimmer wird. Mein Fernsehtipp für Sie heute abend: Der Bernsteinzug - eine Reise durchs Baltikum, 20.15 Uhr, 3 sat - oder, wenn Sie´s beschwingter wollen: Die schönsten Weihnachtshits mit Carmen Nebel im ZDF. Bei RTL ist mit Super Nanny und Raus aus den Schulden wohl eher Vorsicht geboten.

Phil

02. Dezember 2009, 19:56

Aus diesem Grund habe ich ein Premiere/Sky Abo. Hier kann ich die Quotengeilheit der Sender wenigstens mit monatlichen Gebühren entgegenwirken und sehe dafür Inhalte, die man im FreeTV in Deutschland womöglich niemals sehen wird.

zoey

02. Dezember 2009, 20:09

die sendungen sind erbärmlich. trotz konsequentem aus dem weg gehen wird mir der dreck immer wieder vor die füße getragen.

kinder von freunden erzählen mit einem lachen von einem typen, der beim supertalent melodien pupst. die anderen sendungen werden einem am kiosk oder beim bäcker in schlagzeilen entgegengehalten oder kommen einem im internet ungewollt unter.

wer dieses fernsehen macht, gehört mindestens in die vorhölle. stefan raab hat in diesem punkt mal kolossal recht.

Sven

02. Dezember 2009, 20:18

http://inselblog.com

Die bösen sind nicht RTL, sondern die Dummköpfe die RTL die 18,7 % verschaffen. Schämme dich Deutschland, Land voller Trottel...

Haco

02. Dezember 2009, 22:11

Ich sehe das Problem weniger in den Inhalten als in dem Dreh, den RTL den Formaten gibt. Dass solche Reality-Formate erfolgreich sind halte ich für plausibel: der Einzelne droht in der Masse, in den Bits und Bytes unseres durchprogrammierten Lebens unterzugehen, der Wunsch aufzufallen, egal wie, ist deshalb verständlich. Das Internet hat's vorgemacht: jeder kann zum Helden werden. Das Fernsehen schreibt dieses Phänomen mit Casting- und anderen Realityshows lediglich fort. Was aber RTL nicht verstanden hat: die Leute, die ihr Gesicht zeigen, werden durchaus geliebt - weil sie anders sind, weil sie sich was trauen, sich trauen, auszubrechen, sich möglicherweise unmöglich zu machen. Weil sich die Macher dieser Programme das nicht vorstellen können (und vermutlich ihre eigenen Sendungen nicht leiden können), weil die Macher also nicht verstehen, dass da eine Ifdentifikation stattfindet, denken sie, der Aspekt der Demütigung ist der ausschlaggebende, und trimmen das Programm in diese Richtung. Erst dadurch bekommen diese Sendungen so einen eigentümlichen Beigeschmack.

Andreas

02. Dezember 2009, 22:40

Ich gebe mal zu, ich gucke gerne Schwiegertochter gesucht und auch Bauer sucht Frau, weil ich finde, es ist wirklich gut gemachtes Fernsehen. Sicherlich übertreibt es RTL auch öfters an einigen Stellen (zum Beispiel in dem sie der Monika in Sg noch Quietschgeräusche unterjubeln wenn sie sich durch die Tür zwängt).

Wo RTL den Bogen allerdings maßlos überspannt ist für mich das Supertalent, z.B. wenn dort das gesamte Publikum dazu aufgerufen wird von Anfang an zu buhen bzw. mit sich mit dem Rücken dorthin zu stellen.

Unerträglich sind auch die diversen "Zeitlupen" zwischendurch um die "Spannung" zu erhöhen (unterlegt mit Herzklopfgeräuschen). Und am allerschlimmsten sind die Entscheidungsshows vom Schreyl. Da sollte man sich in UK (X-Factor) oder in den USA (American Idol) mal abgucken wie man es besser macht.

Jeeves

02. Dezember 2009, 22:51

"Wer Quote machen will, sucht sich am besten ein paar Dumme, die nicht peilen, dass sie benutzt werden. "

Da muss man nicht lange suchen. Was genau so erschreckend ist wie die "Methode RTL".

gretchen hase

02. Dezember 2009, 23:26

hallo peer,

bin genau deiner meinung.... aber "doctor's diary" war zum beispiel mal eine echt gelungene rtl-serie, mit klasse dialogen. ist aber wahrscheinlich viel zu teuer und aufwendig zu produzieren, da kostet eine folge bestimmt soviel wie eine ganze "bauer sucht frau" staffel...

uoertel

02. Dezember 2009, 23:45

Das Problem der Privaten ist, dass die Werbegelder mit den Quoten nicht mehr Schritt halten. Und das ist für die Privaten alarmierend, nicht jedoch für die "intellektuellen" Zuschauer, die die Privaten nie schauen. Es ist Zeit für neue Konzepte, die nicht nur Inhalte, sondern auch die Frage nach der Plattform betreffen, auf der ausgestrahlt wird.

klaus

02. Dezember 2009, 23:53

und jetzt eine Dose Mitleid für den Interpreten des Textes der RTL ja als sooo große Schweine bezeichnet hat weil sie mal was lustiges gemacht haben !

Thomas

02. Dezember 2009, 23:59

http://tvundso.com

Die Entwicklung bei RTL ist wirklich bedenklich, das allerdings, weil sie sehr offensichtlich und eindeutig ist.

Geht man nicht mit einer ideologischen/moralischen Sichtweise heran, die etwa besagen würde, mit Schicksalen von Menschen, deren Vorführung usw. darf man überhaupt kein Geld verdienen, dann wäre folgendes entsprechend der Welt in der wir leben denkbar:

Was zählt ist, was dabei rauskommt. Helfen etwa Super Nanny und Schuldnerberater ihren Protagonisten wirklich, ist die Sendung verantwortungsvoll produziert und finden hat sie auch auf die Zuschauer eine entsprechend hilfreiche Wirkung, und sei es nur als abschreckendes Beispiel, dann ist sie unterm Strich legitim. Dann darf man - selbstverständlich soviel und so hemmungslos Geld damit verdienen, wie man will - und das die Leute da eben auch sich mal im TV entblößen müssen, das kann nur der bemängeln, der nicht begriffen hat, dass es um das Ergebnis geht und nicht um theoretische Prinzipien und Ideale.

Auch zu "Schwiegertochter gesucht" kann man eine Position finden, die etwa besagen würde, dass all jene die vorwerfen, RTL würde unbedarfte Menschen als Witzfiguren missbrauchen (ohne das die es wissen), gerade die sind, die sich arrogant über diese Leute stellen. Denn tatsächlich gibt es auch sehr viele Zuschauer, die große Symphatie mit den Kandidaten haben, gar Identifikation verspüren, weil "Schwiegertochter gesucht" von mehr Menschen die Lebenswirklichkeit abbildet, als man denkt. Dass es aber eben Leute gibt, die sich gehässig darüber kaputt lachen, das ist eben das Problem dieser Leute, sie sind einfach schlechte Menschen.

Alles Quatsch wird der Kulturkritiker, der Moralist rufen. Es geht nur um eines: Geld, Geld, Geld. Niemals kann, solange im Rahmen der Gesetze, den kapitalistischen Medienproduzenten in irgendeiner Form an etwas anderen gelegen sein, Geld zu verdienen, und wenn das am besten damit geht, Menschen vorzuführen und lächerlich zu machen - wie im Mittelalter, wie hier steht - dann eben so.

Wer derzeit RTL schaut, etwa das Supertalent, demnächst wieder DSDS, der sieht, dass die Wahrheit näher am Standpunkt des Kritikers/Moralisten liegt. Einiges was da passiert, lässt einen wirklich erschaudern, mit welcher Kaltschnäuzigkeit da menschliche Schicksale ausgebeutet werden.

Dabei ist es, denke ich, nicht so, dass RTL sagen könnte, wir können es entweder so machen, oder gar nicht. Und gar nicht geht nicht. Britain's Got Talent ist ja auch nicht so schlimm, wobei der Zusammenbruch von Susan Boyle auch ein ziemlicher Tiefpunkt war und in Kauf genommen wurde. Wer Ant und Decs Gesichter während des Finales gesehen hat, der weiß das.

Wie auch immer, RTL scheint den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, und das was eben funktioniert und woran die Zuschauer gewöhnt sind immer und immer weiter zu machen, wie hier beschrieben. Alles andere wäre in diesen Zeiten ein zu großes Risiko. Es bringt Geld, es funktioniert, niemand hat es verboten, ausreichend Leute schalten es ein.

Ich persönlich möchte das aber eigentlich nicht mehr sehen. Ich könnte mir gut vorstellen,  RTL ganz aus meinem Receiver zu verbannen. Mal schauen, wie sich das weiterentwickelt.

Stefan Niggemeier

03. Dezember 2009, 00:10

@matser: "Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.." Was bei Helmut Thomas viel zitierter Metapher immer wieder vergessen wird: Der Fisch ist am Ende tot.

Peer Schader

03. Dezember 2009, 01:39

Ach, @Herr Körner. Soll ich Ihnen nochmal meine Eloge auf "Doctor's Diary" aus der FAS verlinken? Die Positivtexte über "WWM" zum Jubiläum neulich, die Sie vergessen haben? Das Lob für den "Vulkan" im Fernsehblog? Sowas fällt immer schnell gerne unter den Tisch, wenn sich Kollegen vom Sender über die fiese Kritik an ihrem Programm beschweren. Natürlich ist das hier zugespitzt, und natürlich macht RTL immer wieder auch tolles Programm. Aber die Quoten, die der Sender gerade holt, gehen eben auf die hier kritisierten Programme zurück. Und die werden offensichtlich nicht nur von Medienkritikern als problematisch bewertet, wie sich auch schön an den Kommentaren ablesen lässt. Wie schön wäre das, wenn sich ein Sender wie RTL mit dieser Kritik auch einmal auseinander setzen würde anstatt sie immer bloß als übertrieben abzubügeln.

Thomas Television

03. Dezember 2009, 02:25

http://tvundso.com

Was ich oben schreibe, scheint mir jetzt doch etwas ziellos zu sein. Ich denke aber, es wichtig, dass so wie ich es gemacht habe, nochmal deutlich zu machen, welche Dimensionen das Thema hat.

Denn man wird immer, bei jedem "RTLigen" Format Leute finden, die sich darüber aufregen und den Untergang von Sitte, Moral und Ethik beklagen. Und zwar meistens zu Unrecht. Das ist, und das möchte man auch Herrn Körner nochmal sagen, hier nicht der Fall.

Wer die Entwicklung bei RTL beklagt, der hat nicht Unrecht, sondern liegt richtig.

Anders ist es etwa in folgendem Fall: Ich schaue grade mit (bis jetzt) großer Begeisterung die Channel 4 Serie "Cast Offs", in der Behinderte in einer fiktiven Reality Show auf einer Insel ausgesetzt werden. In Rückblicken ala Lost wird aus dem Leben der sechs Behinderten erzählt. Mit großer Verwunderung musste ich lesen, wie viele Journalisten das Format offensichtlich ungesehen völlig missverstehen, von Freakshow, vorgeschobener Satire, Tabubruch und ähnlichem reden. Nicht anders war es bei Kid Nation, Boys and Girls alone oder bei RTL "Erwachsen auf Probe", allesamt Formate, denen man nichts vorwerfen kann. Genausowenig dem Dschungel, der Super Nanny, Peter Zwegat, Rach usw. . Und auch "Cast Offs" ist eine super geschrieben, unaufgeregte und einfühlsame kleine Miniserie.

In den hier kritisierten Fällen Supertalent, DSDS, Mitten im Leben und was es sonst noch so bei RTL gibt, ist es anders: Diese Sendungen sind eben wirklich zu einem immer größer werdenden Teil nichts weiter als die Befriedigung von niederen menschlichen Regungen. Das nimmt immer mehr zu bei RTL.

Wir sind nicht mehr an dem Punkt, an dem wir darüber diskutieren, ob Rauchen schädlich ist, wir wissen dass es so ist, das also die Programme von RTL bedenklich sind. Frau Schäferkord mag eine hervorragende Betriebswirtin sein, eine gute Führungsperson, aber wirklichen Respekt hätte sie verdient, hätte sie das was gerade mit dem Sender passiert verhindert und nicht befördert, einen realistischen Kompromiss zwischen ökonomischen, ethischen und qualitativen Aspekten gefunden.

Gerade "Das Supertalent" ist so unnötig schlecht. Mit mehr Feingefühl, subtilerem statt brachialem Humor verschreckt man überhaupt keine Zuschauer. Viel wichtiger als das Lachen über die Freaks (worauf RTL die Zuschauer hervorragend konditioniert hat) sind - wie Dieter Bohlen zuletzt richtig sagte - die Emotionen. Doch gerade beim Supertalent merkt man, wie schwer es den Leuten bei RTL/Grundy fällt hier einfühlsam, weniger brachial einfach mal nur eine berührende, keine erzwungene Geschichte zu erzählen, bei der wie in GB 12, 15 Millionen Zuschauer Tränen in den Augen hätten, weil man anders gar nicht darauf reagieren könnte, gerade bei diesem Format, das im Prinzip jeden erreichen könnte. Aber die Quoten gehen jetzt, wo die Freaks fast weg sind, ja schon zurück. 6,5 Millionen nur. Das kommt vielen viel vor. Es ist wenig für "Got Talent". Weil RTL das was das Format ausmacht nicht kann: trotz aller Kalkulation authentische, bewegende Emotionen. RTL hat statt dessen Assis, Prolls und Freaks perfektioniert.

Mir scheint, es fehlt das Personal, dass unter der sicher hervoragenden Führung entsprechend arbeiten kann. Den Nachwuchsmangel hat die Chefin von Grundy Light ja neulich bei DWDL schon beklagt.

Wolfgang

03. Dezember 2009, 02:54

http://fastvoice.net

<Ironie-Button ein> Danke, Anke!

Hartmut Dresia

03. Dezember 2009, 08:09

http://www.plantor.de/

"225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern." Irgendjemand muss im Schnitt täglich 450 Minuten fernsehen, da ich auf 0 Minuten komme.

.

Sollte ich mich demgegenüber, der da jeden Tag nahezu 4 Stunden opfert, damit der Schnitt gehalten wird, irgendwie erkenntlich zeigen?

Christian Körner

03. Dezember 2009, 08:30

"Ach", Herr Schader, mal davon abgesehen, dass es wohl schwierig ist, mit nur zwei Sendungen diesen Erfolg zu haben, streite ich doch gern mit Ihnen über Formate wie das "Supertalent". Nur bin ich nicht sicher, ob Sie die Sendung eigentlich ganz gesehen haben. Denn sie nehmen sich eben einen einzigen Auftritt raus - stellen den Ausgebuhten als Stellvertreter des gesamten Formats dar, das wars. Die anderen Auftritte - mit dabei sehr gute, (be)rührende, sicher auch durchgeknallte - finden bei Ihnen nicht statt. Ähnlich pauschal ist auch Ihr Prinzip, wenns ums gesamte Programm geht: Ich freue mich doch noch heute, dass Sie die oben genannten Formate gut beschrieben haben. Nur dann sind es eben einzelne Formate, die irgendwie bei RTL gelandet sind, so scheint es. Wenn Sie aber Sendungen haben, die Sie nicht mögen - was übrigens völlig ok ist - dann stehen diese für das gesamten Programm von RTL. Und das ist, wenns gut läuft, dann gleich auch noch ein Schaden für nicht weniger als das gesamte deutsche Fernsehen. Diese Verallgemeinerung macht es so schwer, ernsthaft mit Ihrer Kritik umzugehen. Wenn wirs nicht versuchen würden, hätte ich mich nicht zu Wort gemeldet. Ich denke aber gern nochmal drüber nach, Sie vielleicht auch?

Denken

03. Dezember 2009, 08:33

Es wäre mal interessant wie stark sich die Gesamtzahl der TV-Zuschauer entwickelt hat in den letzten Jahren. Um diese 17% mal in ein Verhältnis zu bekommen.

Ich hoffe inständig die Zahl ist rückläufig ...

viewer

03. Dezember 2009, 09:24

Ich bin eigentlich Fan von Casting-Formaten, aber was da beim "Supertalent" passiert, ist nun wirklich das Allerletzte. Hier werden nicht die besten Stimmen gesucht, sondern nur die "besten" Schicksale, die man mit viel Pathos in Einspielfilmchen emotional benutzen kann.

Und, Herr Körner, tun Sie mal bitte nicht so, als ob die Sendung nicht zu 50% aus peinlichen Acts besteht, die vom Pöbel ausgebuht und vom Scharfrichter Bohlen öffentlich hingerichtet werden. Dafür wünscht man sich als mündiger Zuschauer tatsächlich eine Hölle!

Christian

03. Dezember 2009, 10:55

Fr. Schäferkordt macht doch nicht Fernsehen für 'die Masse', sondern eine überschaubare Handvoll sog. Entscheider in MediaAgenturen. Und die sehen einen 1000er Preis von xx€ und nicken die Millionen durch und sacken ihre Vergütungen ein ..

Ob DIESE Art Werbung auch nur einen ansatzweise spürbaren Effekt im Abverkauf erzielt  - den Beweis müssen diese Herrschaften zu ihrem Glück nicht antreten.

Das für diese Manager ungreifbare Abstraktum 'Konsument' entscheidet nicht wegen, sondern TROTZ dieser Werbung in diesem Umfeld ... !

Gut für Fr. Schäferkordt, gut für die MediaAgenturen, gut für WerbeAgenturen und  MarketingAbt. bei den Herstellern ...-

Ich bin für echte Gladiatoren-Kämpfe mit echten Toten, live im TV - aus irgendeiner Bananenrepublik könnte man das doch 'legal' übertragen, oder?

Gucki

03. Dezember 2009, 11:28

An den Kommentaren sieht man, wieweit die Fernsehmacher sich von der realen Welt verabschiedet haben. Es ist schon alles gesagt worden. Die Typen wollen einfach ihre Verantwortung nicht wahrhaben. Machen ja nur ihren Job. Und der wird dort halt anders bewertet. Sollen sie. Ich würde vor Scham mein Spiegelbild vollkotzen.

Sonja Eckmann

03. Dezember 2009, 11:39

http://www.lovely-concept.de

Ich möchte mit einer Information aufwarten: Als ich mich jüngst bei der ARD über miese Programmplanung - Spitzen-Spielfilme nachts um eins etc. - beschwerte, bekam ich u.a. zur Antwort:

"Bei der Vergabe von Sendeplätzen gilt es für die Programmverantwortlichen [...] immer darauf zu achten, welche Resonanz eine Sendung, bestimmte Formate oder ein Themenspektrum bei den Gebührenzahlern finden. Fällt der Zuspruch unserer Zuschauerinnen und Zuschauer gering aus, bleibt den Programmverantwortlichen nur, den entsprechenden Sendungen einen Sendeplatz außerhalb des Hauptabendprogramms zuzuweisen."

Die Öffentlich-Rechtlichen sind also die Unabhängigen, die die Kulturflagge hochhalten. Oder, wartet, nee - JEDER Sender will Quote machen! Crazy.

zoey

03. Dezember 2009, 11:50

so ganz unter uns könnte Herr Körner doch mal freundlicherweise auskunft geben:

wenn rtl sich die gekauften formate anschaut, wird dann grundsätzlich überlegt, wie die latte am besten auf rtl niveau runtergeschraubt werden kann?

simon cowell ist auf dem britischen und amerikanischen markt eine als juror anerkannte person, ohne dass er jedem dritten teilnehmer versucht das rückgrat zu brechen.

war das für den deutschen markt zu lahm, hätte das nicht gezündet hier?

hat das supertalent aus england rtl gelangweilt oder glaubt rtl, dass sowieso kein ausländischer format-zuständiger jemals einen vergleich england-deutschland vornehmen wird, so dass es ganz egal ist, wie die objektiv nur zu einem casting antretenden teilnehmer von rtl in persönlich tief verletzender art und weise ausgeschlachtet werden für ein paar tränen oder ein paar lacher mehr.

pro sieben hat mit popstars den wettbewerb angetreten: mach die leute kaputt -  mindestens tränen; besser tränen und gestammelte statements; noch besser tränen und gestammelte vorwürfe und dann erklärung des ausstiegs.

Matthias Scheer

03. Dezember 2009, 11:56

Eigentlich muß man den Casting- und Scriptedreality-Formaten ja dankbar sein, denn noch nie war es so einfach, die eigene Moral hochzuhalten. Solange 'die anderen' menschenverachtendes Voyeurismusfernsehen produzieren, reicht es, dieses zu kritisieren, um moralisch auf der sicheren Seite zu stehen.

Diese Reflexe bedient seit Mitte der Nullerjahren eine Medienkritik-Gegenkultur, welche nach die Empörungsmaschine anwirft, wenn wieder Anlaß dazu besteht, was leider häufig genug der Fall ist.

Das Problem ist nun, dass die Spaltung zwischen Medienschaffenden, die ihr instinktbedienendes Produkt vehement verteidigen, und Medienkritikern, die reflexhaft den Empörungswunsch der Gutmenschen bedienen, das gemeinsame Ziel, nämlich besseres, erfolgreiches Fernsehen, torpediert.

hirngabel

03. Dezember 2009, 13:23

http://hirngabel.wordpress.com

Die kleine, durchaus berechtigte Medienschelte von Raab hindert diesen übrigens nicht daran, den "Ich bin fick und fertig"-Spruch als kleinen Ausschnitt auf einem seiner Knöpfe zu platzieren und regelmäßig einzuspielen, wie ich gestern feststellen durfte.

Wie er auch ohnehin gestern bei TV Total eine komplette "Bauer sucht Frau"-Rubrik hatte, in denen er vorwiegend eines gemacht hat: Sich über den lustigen Akzent und die Sprachfehler der thailändischen Kandidatin lustig zu machen.

So recht er mit dem Spruch gegenüber den Untertitel-Textern von RTL hatte, bekommt das doch einen extrem schalen Beigeschmack, wenn er doch selbst nichts anderes in seiner Show macht.

Peer Schader

03. Dezember 2009, 14:35

@Matthias Scheer: Gibt's einen Gegenvorschlag? Nicht mehr kritisieren? Weniger kritisieren?

nona

03. Dezember 2009, 14:55

@Christian Körner, RTL:

Dass die Schiene "die Standing Ovations gibt es doch auch" sehr bald kommt, war vorhersehbar, danke dafür. Wir halten also fest: (1) man bestreitet überhaupt nicht, dass "Freaks" für die "Show" herhalten müssen, und (2) man erkauft sich mit den vermeintlichen "Erfolgsgeschichten" also quasi das Recht, auch die Freakshow-Elemente laufen zu lassen.

Ist eine menschenverachtende Geisteshaltung eigentlich Einstellungsvoraussetzung bei RTL?

Den Spruch mit den getroffenen Hunden, die bellen, den spare ich mir mal. Das wäre ja noch vorhersehbarer.

Mercury

03. Dezember 2009, 15:00

@hirngabel: Raabs Bigotterie in dem Punkt bietet sicherlich anlass zur Kritik. Der wesentliche Unterschied jedoch: Raab betreibt eine Comedysendung; RTL hingegen erweckt nach außen hin den Anschein und behauptet, den Kandidaten bei "Bauer sucht Frau" zur "großen Liebe" und damit zu einem erfüllten Leben verhelfen zu wollen, stellt sich selbst also noch eine moralische Hoheit aus, während die Teilnehmer zielgerichtet bloßgestellt werden. Raab hat keine besondere Verantwortung gegenüber den Kandidaten einer RTL-Sendung. RTL dagegen schon!

Ein kluger Kopf

03. Dezember 2009, 15:48

@ Christian Körner, RTL

Danke für den Tipp mit dem Bernsteinzug. War wirklich sehr interessant.

Wenngleich 3sat auf einem der vorderen Programmplätze liegt und öfters

gesehen wird und ich vermutlich sowieso 'darauf gestoßen' wäre- RTL

hingegen gar nicht programmiert wurde.

Ich schätze, dort (nicht im Zug, sondern dort, wohin er fuhr) werde ich mal

Urlaub machen.

Bevor ich mir so ein Prekariats-TV wie RTL anschaue und meine Zeit vergeude mit

Dingen, die mir keinen Gewinn gleich welcher Art bringen, muss ich mich schon

sehr langweilen.

Matthias Scheer

03. Dezember 2009, 16:03

@ Peer Schader

Der triviale Gegenvorschlag ist natürlich, das Kritisierte durch die Kritik besser zu machen. So war dieser Blog sicher auch mal gedacht, das möchte ich Ihnen und Ihrem Kollegen nicht absprechen. Fakt ist jedoch, dass durch Ihre gestiegene Meinungsmacht eine negative Kritik von den Produktionsverantwortlichen nicht mehr als konstruktiv, sondern (wie auch gerade hier in den Kommentaren zu beobachten) als feindlich gesinnt wahrgenommen wird.

Die hier kritisierten Verantwortlichen befinden sich also automatisch in der Defensive und gehen eine Abwehrhaltung ein, was nicht zuletzt auch daran liegt, dass Ihre Art von Watchblogging sich mittlerweile zu einer in Deutschland bisher so nicht vorhandenen Form des Entertainment entwickelt hat. Quasi das geschriebene Äquivalent zu John Stewarts Show in den USA. Hier muss man sich auch mal vor Augen halten, dass das dabei zugrunde liegende Prinzip, also die öffentliche Bloßstellung von Inhalten, die mit der vermuteten Norm des Publikums unvereinbar sind, identisch ist mit dem der kritisierten Supertalent-Show. Nur ist im einen Fall die Norm der Mainstream der öffentlichen kulturellen Darbietung, im anderen ein intellektuell anspruchvolles, aufgeklärtes Medium.

Wirkliche Änderungen werden Sie nicht erzielen, indem Sie die Verantwortlichen einem Ihnen hörigen Publikum vorführen, sondern wenn Sie Ihren Einfluß in der Branche geltend machen und die Mißstände hinter den Kulissen ansprechen.

Thomas Television

03. Dezember 2009, 16:19

http://tvundso.com

Ich glaube anhand der beiden Diskussionsbeiträge von Christian Körner ist deutlich geworden, dass die Argumente, die von vielen, sicher auch in bester Absicht, vorgebracht wurden, an entscheindender Stelle gar nicht ankommen.

Wie man angesichts der atemlos durch die Show gepeitschten menschlichen Schicksale, garniert mit einer banalen Bemerkung nach der anderen von Moderator Schreyl oder Clown Bruce ernsthaft von "sehr gute, (be)rührende" Auftritte sprechen kann, erschließt sich mir überhaupt nicht. Und ich mag nun wirklich emotionales Fernsehen.

Aber angesichts der seit Jahren celebrierten, immer weiter perfektionierten zynischen Freakshow quer durch die Formate, scheinen es die Macher eben völlig verlernt zu haben, wie man einfach mal völlig unaufgeregt, und dafür mit umso stärkerer Wirkung eine Geschichte erzählt, die da ist, und erzählt werden will. Und nicht eine Geschichte erzwingt, oder drängt erzählt zu werden.

Das ganze kann meiner Meinung nach nur zwei Wirkungen haben: Die, die gute Geschichten wollen, wenden sich anderen Programmen zu. Es gibt DVDs, Pay-TV, Internet, Bücher, Theater, Comic, sogar Videospiele haben oft bessere Geschichten als RTL. Schon jetzt schauen 75 Millionen Deutsche Das Supertalent nicht, sondern suchen Zerstreuung und Entspannung in anderen Dingen, in Großbritannien schaut jeder Dritte zu.

Auf der anderen Seite bleibt RTL mit gut konditionierten Zuschauern hocken, so im Spielraum von 6 bis 8 Millionen, ist dann vielleicht profitabel, wird aber zusehends zynischer und seelenloser.

Manuel

03. Dezember 2009, 17:33

Ich stimme dem Artikel vollkommen zu. Qualität und Niveau gibt es bei den Privaten höchstens noch in den Fensterprogrammen, wie von dctp. Ansonsten beschränkt sich das Privatfernsehen fast nur noch auf die Befriedigung niederer Bedürfnisse - meist auf Kosten anderer. Gäbe es nicht, die Öffentlich-Rechtlichen, wäre das Medium Fernsehen für mich gestorben.

hirngabel

03. Dezember 2009, 18:43

http://hirngabel.wordpress.com

@Mercury

Wenn es rein danach geht, welches Label auf der Sendung steht, dann muss man aber auch so konsequent sein und in einer "Comedy-Sendung" auf Medienkritik verzichten. Raab nimmt sich da doch selbst eine gewisse "moralische Hoheit" heraus, indem er ein solches Urteil fällt.

Dann kann man den Bigotterie-Vorwurf in meinen Augen auf keinen Fall mit dem Comedy-Argument kontern.

Mal ganz davon abgesehen, dass der Begriff Comedy nicht unbedingt dazu herhalten sollte, unter diesem Deckmäntelchen, sich über andere Leute auf einer rein plumpen Ebene lustig zu machen.

Und bevor das Argument kommt, dass Menschen in Reality-Shows sich schon ein wenig Spott gefallen lassen müssen, wenn sie sich schon in die Öffentlichkeit begeben: Ja, aber nicht auf dieser plumpen Ebene, wo sich darüber lustig gemacht wird, dass eine Ausländerin Deutsch mit einem sehr krassen Akzent spricht. Und das war nahezu einziger Aufhänger der ca. 10 Minuten über Bauer sucht Frau bei Stefan Raab gestern.

Antonia

04. Dezember 2009, 00:01

@Mirko

Dem stimme ich voll und ganz zu.

Meiner Meinung nach sind es immer noch die Leute selbst, die einen Vertrag mit RTL unterschreiben.  Wie man dann auch sieht gäbe es genügend Verwandte, die denjenigen abraten könnten (und wenn es nur die Mütter der Bauern sind).

Viele versprechen sich einiges davon, Werbung zum Beispiel, für sich selbst oder einen Betrieb. Man denke nur an eine Daniela Katzenberger (allerdings vox).

Dass man als "TV-Star" gnadenlos durchleuchtet und beurteilt wird, ist nicht erst seit RTL so. Damit muss man rechnen.

Viele der Menschen, die dort mitmachen, erleben auch Vorteile, finden tatsächlich einen Partner, ernten Aufmerksamkeit, verdienen Geld. Und wie schon erwähnt wurde, tut es manchen auch richtig gut, unerwarteterweise ein positives Feedback zu erhalten, und auch das geschieht oft, wie z.B. zur Zeit mit Josef und Narumol.

Ich jedenfalls habe nicht das Gefühl, ein unsensibler Klotz zu sein, nur weil ich mich über Bauer sucht Frau amüsiere. Ich finde das Ganze sehr sympathisch gemacht, es ist zwischenmenschlich und psychologisch interessant und man kann darüber spekulieren, was gefaked ist und was nicht.  

Menschen, die das nur schauen, um sich über dicke oder hässliche Menschen kaputtzulachen, tun das auch ansonsten in ihrer Freizeit. Diese Menschen ändern sich auch nicht, wenn Bauer sucht Frau abgesetzt wird.

Dass hier Raab - der der Schlimmste von allen ist und die "Kritik" ganz sicher nicht ernst gemeint hat- hier angeführt wird, finde ich reichlich albern.

Raab nimmt auch Leute auf die Schippe, die nicht in den sogenannten "Trashformaten" mitmachen und daher damit auch nicht rechnen müssen.

Mercury

04. Dezember 2009, 14:56

@hirngabel:

"Wenn es rein danach geht, welches Label auf der Sendung steht, dann muss man aber auch so konsequent sein und in einer "Comedy-Sendung" auf Medienkritik verzichten."

Du versuchst grad der Daily Show und Kalkofe ihre Existenzberechtigung zu entziehen.  ;-)

Comedy/Satire darf und muss übertreiben und mit dem Finger auf etwas zeigen, sonst kommt nicht viel dabei rum. Darf aber jeder sehen, wie er mag.

Achja, um mal was in den Raum zu werfen, was mich auch schon seit Jahr und Tag frustriert: Diese vielgepriesenen dctp/Kluge-Produktionen sind auch gerne Mal unsendbarer Quark. Sie nerven schlichtweg von einer anderen Stufe der Niveau-Leiter.

Nils

04. Dezember 2009, 15:29

Ein sehr interessanter Artikel. Aber mal ehrlich. Ich zitiere:

"Sondern auch, weil dieser Erfolg, wenn man ihn inhaltlich betrachtet, im Wesentlichen auf Sendungen beruht, die Kandidaten dazu benutzen, Freakshows zu inszenieren, damit das Publikum sich über sie lustig machen kann. Wie im Mittelalter. [...] Um das Ausstellen von Seltsamkeit, Spießertum, von Andersartigkeit, von allem, das nicht der vermeintlichen Norm entspricht."

Was hat denn der gute Autor gegen das Mittelalter: Menschen wollen unterhalten werden. Und da funktionieren die psychologischen Mechanismen heute vermutlich noch genau so wie vor 1000 Jahren. Oder sind wir seitdem zu "etwas besserem mutiert"? Brot und Spiele - zugegen ohne Tote.

Außerdem konterkarriert sich der Artikel selbst: Die schriftliche Zurschaustellung von "Seltsamkeit, Spießertum, von Andersartigkeit"(, also dem, was RTL im Bild zeigt), müsste von daher genauso verwerflich sein, wie die angeprangerten Formate des Kölner Senders.

Lasst doch dich Kirche endlich mal im Dorf: Der Erfolg gibt dem ganzen mehr als recht - und das heute genau so wie im Mittelalter.

Helmut Waldherr

05. Dezember 2009, 21:05

Warum die Dinge sind wie sie sind..

Im Kern provokante Fragen die Sie uns da präsentieren werter Herr Schader:

Sind 18,7% Marktanteil in der Zielgruppe verwerflich? Ist Geld zu verdienen - gar Gewinn zu machen - moralisch bedenklich? Oder beunruhigt uns dabei vielmehr der Gedanke dass mindestens jeder 5te der Gesellschaft ein geistiger Tiefflieger sein könnte? Meine Fresse – nun is aber die Rente futsch ;-)

Fragen über Fragen… da hätte ich noch eine: Ob diese (durchaus massiv erscheinende) Randgruppe der deutschen Population ggf. auch FAZ, Süddeutsche, Die Welt, oder gar eine FTD (Financial Times Deutschland) liest?

Ich glaube nicht: da ist die Schrift zu klein, hier viel zu viel Text, dort fehlen die Bildchen – und überhaupt - wo ist der faltbare Mittelteil?

Ob uns das nun passt oder nicht: Fernsehen für geistig degenerierte Menschen anzubieten ist jedermanns Vorrecht und es ist völlig legitim damit Geld zu verdienen. Denn am Ende muss der Anbieter mit dem entstehenden Ruf in der intellektuellen Randgruppe der Population zurechtkommen. Was nach meinem dafürhalten Hrn. Körner von RTL übrigens ganz gut gelingt.

Trotzdem Herr Körner, ich persönlich würde mir wünschen, dass Sie Ihr Sangestalent (ggf. zusammen mit Ihrer versammelten Mannschaft) auch mal dem hanseatischen Trällerbarden präsentieren. Vielleicht gewinnen Sie ja so einige Lacher in der intellektuellen Ecke zurück – man kann ja mal drüber nachdenken – allein schon wegen der erreichbaren Quote.

In diesem Sinne – eine geruhsame Nacht zusammen :-)

kRemit

06. Dezember 2009, 19:17

"...Freakshows zu inszenieren, damit das Publikum sich über sie lustig machen kann. Wie im Mittelalter"

Och nö. Bitte nicht immer auf dem ach so "dunklen" Mittelalter herumhacken. Einen Vergleich mit RTL hat es nicht verdient

Stephanie

07. Dezember 2009, 11:41

http://kultur.streetrunway.de

Der Erfolg von diesen Formaten bei RTL gibt doch ein trauriges Gesellschaftsbild ab, oder? Ich habe bei jeder Minute, die ich solche Sendungen sehen Angst zu verdummen.

Fabel

07. Dezember 2009, 19:58

Ganz meine Meinung,lieber Herr Autor nur leider gucken sich zu viele Leute diesen Sender an und dessen Programm...das ist wirklich ein Armutszeugnis was sollten denn die lieben netten Herren aus dem Ausland denken wenn sie das Fernsehen anschalten und dann nach Hause kommen und dann RTLs Bauer sucht Frau sehen zum Beispiel mit dem Haare abreißen,nicht nur das deutsche TvImage schadet dieser Sender sondern auch dem gesamtdeutschen ansehen auch dem gesamtdeutschen TV-Ansehen!

bam bam

07. Dezember 2009, 20:53

Und was sagt uns der ganze Artikel? Jeder zieht über RTL her und alle Kleben bei den Shows,Supertalent,DSDS;Ich bin ein Star.... Dokus ,wie gebannt am Fernsehen.Denn sonst wüßte ja niemand was dort bei RTL abgeht.Aber keiner liest ja die Bild und keiner schaut RTL

chris

08. Dezember 2009, 15:15

stimme meinem Vorredner zu.

(FAST) jeder schaut doch RTL sonst würde man doch nicht wissen was alles dort läuft, und wie das Programm ist. ODER schreibt ihr etwa über etwas was ihr noch nicht gesehen habt. (so kann man keine Krtik schreiben)

Außerdem ist es eben so, wenn ich Bekannte frage oder Freund (alle haben einen guten Abschluss, haben die Schule besucht und kommen Nicht aus sozialen Brennpunkten) kennt es einfach jeder.

Man schaut sich es eben an, weil RTL weiß wie man unterhält.

Und wer schreibt das Menschen dort erniedrigt werden (mitten im leben, dsds, supetalent) der muss doch auch wissen das keiner gezwungen wird da mit zumachen.

Schon mal gemerkt das es auch beim Supertalent, echte Talente gibt???

Ja es gibt sie, und diese normalen und anständigen Mneschen werden dort weder von Jury noch vom Publikum erniedrigt, sondern alles sind erstaunt.

Außerdem hat RTL die größte Nachrichtenschiene von allen Privaten (das kostet), tolle Serien Alarm für Cobra11, LAsko, DoctorsDiary, der lehrer,

Shows wie 5gegenJauch, WWM uws teure Formate wie DSDS, Supertalent,

Gute MAgazine , wie SternTV, Extra   USW.

Also bitte auch mal nachdenken bevor man sich mit Kommentaren á la Unterschichten Fernsehen wichtig machen möchte.

Gruß

Paul Neuhaus

09. Dezember 2009, 15:37

http://pauneu.de

Ich bitte um Entschuldigung, dass ich mir nicht alle Kommentare durchlese, um zu kucken, ob meine Anmerkungen bereits geäußert wurden.

1. Ich empfinde die Untertitel selbst bereits als Demütigung für die Untertitelten, weil sie suggerieren, dass man das Gesprochene ohne Untertitel nicht verstehen würde. Vielleicht aber auch ein Eingeständnis gegenüber dem gemeinen RTL-Zuschauer.

2. Ich könnte mir vorstellen, dass es Raab in dieser Situation in erster Linie darum ging, selber einen Lacher zu produzieren, als wirklich darum RTL zu kritisieren. Das sieht man auch an seinem Witzversuch im Anschluss an "Du kommst in die Hölle." Vielleicht hat er sich auch einfach nicht getraut sein selbst schon weichgespültes Publikum mit ernstgemeinter Kritik an dem Entertainmentbetrieb - dessen Teil er ist - zu konfrontieren.

DJHLS

09. Dezember 2009, 18:39

RTL erfüllt eine sehr wichtige gesellschaftliche Funktion. Wenn es kein privatsender wäre, müßte er mit Steuergeldern als systemrelevant erhalten werden.

RTL und nochmehr RTL II unterhalten die Unterschicht. Kaum auszudenken wenn die Leute sich um ihre Schulden kümmern würden, statt RTL's Superschuldnern zuzuschauen oder wenn sie sich um ihre Kinder kümmern würden, statt bei der Supernanny zu gaffen, wie es bei den superüblen Eltern aussieht.  

Mit Geld wäre diese Unterschicht nicht zu befrieden. Die stuerfinanzierten Transferleistungen wären nicht finanzierbar, wenn RTL und RTL II die Unterschicht nicht in den goldenen Käfig des Fernsehsessels locken würden. Deswegen ist es auch zu begrüßen und zu fördern, dass die Konkurrenz schön fleissig nachmacht, was RTL vormacht.

Th. Heck

12. Dezember 2009, 22:09

Der Erfolg von RTL interessiert mich nicht die Bohne. Traurig ist aber, dass sich die öffentlich-rechtlichen Sender auf die qualitative Abwärtsspirale einlassen. Warum nimmt man sich hierzulande nicht mal ein Beispiel an der britischen BBC ? Die stellt ihren Bildungsauftrag im Zweifelsfall über die Quote - in Deutschland ist es umgekehrt.

UK

05. Januar 2010, 16:16

Wer ist eigentlich dieses "RTL"?

dePijd

08. Januar 2010, 03:15

Das Bedienen niederer Instinkte funktioniert eben immernoch und wird sich auch nicht Aendern. Es wird nur mit der Zeit immer noch eins draufgelegt. Wenn RTL damit also kein Geld macht, macht es ueber kurz oder lang ein anderer Sender. Insofern kann man RTL keinen Vorwurf machen. Was beaengstigt ist die Ueberzeugung des RTL-Schreibers, in dem ganz offensichtich moralisch verwerfliche Zustaende offenbar schon soweit zur Normalitaet und dem Alltag geworden sind, dass sie selbst nicht mehr erkannt werden.

Peer Schader

21. Januar 2010, 17:31

Liebe Antje, Sie haben am 21.1.2010 an dieser Stelle einen langen Kommentar zu "Die Ausreißer" geschrieben, den ich leider momentan nicht freischalten kann. Wären Sie so nett, sich bei mir unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de zu melden, damit wir uns kurz per Mail austauschen können? Vielen herzlichen Dank!

Trackbacks

Ihr Kommentar

 
Hinzufügen
Blogsuche
in
Blog abonnieren
per Email an folgende Adresse
Themenfinder
A B C D E F G H I J K L M
N O P Q R S T U V W X Y Z