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Das Fernsehblog

"Big Brother" und das Haus der verlorenen Seelen

13. Januar 2010, 08:23 Uhr

Eigentlich seien die Aufnahmen aus den Castings "geheim und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt", erklärte Moderatorin Aleksandra Bechtel in der "Big Brother"-Auftaktshow am Montagabend, "aber: um [Kandidatin] Micaela besser zu erklären, haben wir jetzt mal einen kleinen Ausschnitt für Sie vorbereitet". Mit der Einblendung "Original Casting-Material" in der Bildschirmecke lief anschließend ein Video, in dem Micaela (die sich bereits von bild.de bei ihrer Brust-OP begleiten ließ) ihre Lebenskurve auf einem Flipchart aufzeichnen und dabei erläutern sollte, welches die einschneidensten Erfahrungen in ihrem Leben gewesen seien. An einem Punkt stockt die 26-Jährige und sagt mit tränenerstickter Stimme, dass sie eigentlich alles habe "außer Freunden, außer einem Freund":

"Ich hab eigentlich gar nichts – und das find ich total schlimm. Ich hab noch nie darüber geredet, weil es einfach keinen interessiert. Deshalb will ich auch gerne ins Haus gehen, weil ich einfach mal normale Menschen um mich rum haben möchte. Weil mich eh keiner vermissen wird. Deswegen."


Screenshot: RTL 2

Zuvor hatte Bechtel bereits erklärt, dass keiner von Micaelas Freunden ins Studio kommen wollte, um sich interviewen zu lassen, während alle anderen Kandidaten einen ihnen nahe stehenden Menschen mitgebracht hatten (obwohl im Beitrag davor noch eine "beste Freundin" mit Micaela im Café saß und angeregt plauderte). "Irgendwie traurig", sagte "Big Brother"-Verstehfrau Erika Berger. "Das ist ein schlimmes Gefühl."

Ja, schlimm. Und irgendwie unglaubwürdig.

Mag sein, dass man der jungen Frau damit Unrecht tut. Womöglich hat sie wirklich so wenige Freunde, fühlt sich von allein gelassen und sehnt sich danach, geliebt zu werden. Es kann aber auch sein, dass sie einfach nur ins Fernsehen will. Wer würde sonst schon auf die Idee kommen, bei "Big Brother" auf "normale Menschen" zu treffen? Nur für den Fall, dass Sie's verpasst haben, wollen wir kurz zusammenfassen, welche Mitbewohner Micaela seit Montag hat.

Da ist Cora, 20, die über sich erzählt, sie sei "selbstständig in der Erotikbranche" tätig, aber zunächst verschweigt, dass man sie auf Wunsch im Internet bestellen kann, um mit ihr Sex zu haben, damit sie das nachher als Video verkaufen kann. "Wenn ich in eine Gruppe von Männern komm, stört es mich nicht, wenn ich erstmal aufs Äußere reduziert werde", sagt sie. Kristina, 23, findet ihren Po und ihre Beine zu dick, hat sich aber vor dem Einzug bei "BB" erstmal die Brust vergrößern lassen, immerhin hat das mit der Nasen-OP ja schon so gut geklappt, obwohl ihre Mutter meint, sie solle sich besser "Gehirnmasse reinspritzen" lassen.

Pisei, 18, ist Fotomodel, hat sich nach bisherigem Kenntnisstand nicht operieren lassen, legt aber ebenfalls Wert auf ein brustbetontes Äußeres, einfach "um zu zeigen: Du bist etwas wert und viele gucken hinter dir her". Und dann ist da noch Iris, mit ihren 42 Jahren die "Muddi", die ihre eigene Kneipe mit dem schönen Namen "Im Bett" betreibt, in der es einen Likör zu trinken gibt, der "F*cken" heißt. Iris' Tochter Daniela ist nicht ins Haus gezogen, weil sie gerade an ihrer Karriere als (Nackt-)Model feilt. Daniela ist derzeit in der Vox-Auswanderer-Sendung "Goodbye Deutschland" zu sehen ist, wo sie – so ein Zufall – auf Micaela traf, die zu ihrer Erzrivalin wurde, weil Micaela sich auf Messen ebenfalls sehr unangezogen fotografieren lässt, auch schon bei "Germany's Next Topmodel" dabei war und sich bei "taff" als "Boxenluder" bewarb.

Alle Kandidatinnen hatten nichts dagegen, sich für die von RTL 2 produzierten Filmchen, in denen sie vorgestellt werden, komplett auszuziehen. Gehört für die meisten ja eh zur täglichen Arbeit.

Männer gibt es auch im Haus, aber gegen die Normalität der Damen kommen die meisten nicht an. (Und einer hat sich ja auch schon wieder verabschiedet, weil er sich nicht mit der HIV-Erkrankung seiner Mitbewohner beschäftigen wollte – aber, ach, lesen Sie's halt selbst). Außer vielleicht der 19-Jährige Daniel, der sich nicht zum ersten Mal beworben hat, weil "Big Brother" sein "Traum" ist, der sich Frauen, die er in der Disco kennenlernt, am liebsten mit seinem Freund Pepsi teilt, und über den in Internetforen und bei Twitter geschrieben wird, er habe bereits eine kleine Karriere als Laiendarsteller bei "Richter Alexander Hold" und "Familien im Brennpunkt" hinter sich, nachdem ihn die Lust auf die Schule verließ.

Es ist eine ganz erstaunliche Truppe, die Endemol da für die zehnte Staffel von "Big Brother" zusammengecastet hat: Menschen, die nicht mal mehr fürs, sondern teilweise schon im Fernsehen leben, und für die schon ganz genau vorgeplant sein dürfte, welche Konflikte sie in den kommenden Wochen durchlaufen sollen. Was wird das für ein Spaß, wenn Micaela irgendwann auf die Mama ihrer Erzrivalin trifft!

Dem Medienpromimagazin "clap" hat RTL-2-Unterhaltungschefin Julia Nicolas erzählt, für sie sei "Big Brother" ein "Reality-Programm mit echten Menschen" – wobei mit "echt" in diesem Falle allenfalls gemeint sein kann, dass alle aus Fleisch und Blut sind und nicht irgendwelche Außerirdischen oder Formwandler. Für die Programmmacher im Privatfernsehen ist dieses "echt" eine Art Qualitätskriterium, das dem Publikum signalisieren soll: Wir sind ganz nah dran an der Realität. An welcher, wird selten dazu gesagt.

Aber wahrscheinlich ist die eigentliche Begabung der "Big Brother"-Macher sowieso, all die verlorenen Seelen in diesem Land aufzuspüren, die man auf keinen Fall ins Fernsehen lassen sollte. Um dann mit ihnen genau das Gegenteil zu unternehmen.

Veröffentlicht 13. Januar 2010, 08:23 von Peer Schader
Kommentare

Sven

13. Januar 2010, 09:17

http://inselblog.com

Man möchte die Big Brother Zuschauer sicherlich nicht mit zu vielen neuen Gesichtern überfordern. Stattdessen greift man lieber auf bewährtes aus dem schon bekannten Unterschichten-TV zurück.

BlackJack66

13. Januar 2010, 09:26

http://walkinginboots.blog.de/

Nun ein wenig exhibitionistisch veranlagt sind die meisten Menschen und das ist wohl genetisch auch in uns verankert. Zeigen wer man ist und was man hat, macht einen eventuell interessant und hilft bei der  Partnersuche.  Und jede Gesellschaft schafft sich die Spiele, die sie braucht. Vielen Menschen scheint denken weh zu tun und darum vermeiden sie es, wo es nur geht. Doch sind es Menschen mit allen Rechten und Pflichten. Intellektuell tieftanzende Neurobaten haben das Recht sich so zu verwirklichen, wie sie es wünschen, genauso wie Herr Professor xyz. Es gibt in dieser Gesellschaft nun mal die  - so schreibt es ein Blogkollege von Ihnen - Unterprivilegierten, die Lernunwilligen und die Nichtdenker. Diese wollen sich berieseln lassen und sind froh Leute zu sehen, die noch ein wenig "dümmer" scheinen als man selbst. Man mag sich über diese Kreise lustig machen, man kann sie aber auch genauso gut einfach ignorieren, ohne sich die eigene Lebensqualität zu verderben.   Jeder hat doch die Wahl zu entscheiden, ob man sich lieber in ein gutes Buch vertieft oder die Glotze anschaltet. Ob man sich an einem Gemälde erfreut oder an Cora und Micaela. Ich habe meine Wahl getroffen und vor 8 Wochen meinen Fernseher und mein Radio abgeschafft. Ich entdecke seitdem, dass mein Leben an innerer Tiefe gewonnen hat. Ich muss mich nämlich jetzt mit mir selbst beschäftigen, etwas was viele Menschen anscheinend auch fürchten.

Peer Schader

13. Januar 2010, 09:37

@BlackJack66: ...und weil das mit dem Abschaffen des Fernsehers so gut geklappt hat, lesen Sie jetzt stattdessen dieses Blog und dann auch noch einen Eintrag über "Big Brother"? Erstaunlich.

Densemann

13. Januar 2010, 09:53

http://www.couchmonster.de

Sagen wir mal so ... Nach der ersten Staffel von "Big Brother" wussten die nächsten Teilnehmer doch schon ziemlich genau, worauf sie sich einlassen und was verlangt wird.

Glaubt wirklich irgendjemand noch, dass dort Reales stattfindet? Meine Meinung ist das nur noch "Spiele ohne Grenzen" mit Erotik- bzw. Selbstdarstellern in einer geschlossenen Anstalt.

Ein "Wahres Leben" wie damals auf Premiere wird es bei uns in Deutschland nicht mehr geben ...

BlackJack66

13. Januar 2010, 10:11

http://walkinginboots.blog.de/

@ Peter Schader: Warum nicht, so kann ich lesend mir meine Meinung bilden und weiß genug, ohne mir die Serie antun zu müssen. Auch wenn man keinen Fernseher mehr hat, weiß man doch was BB ist.

Weeschnittchen

13. Januar 2010, 10:26

@Peer Schader:

Ja, genau deswegen tut er das. So wie ich und tausende weitere Leser. Ist das ein Problem?

Anonymaus

13. Januar 2010, 10:31

"Formwandler": lol. Sehr interessante These, dass die Akteure "im Fernsehen" leben.

Ob die Zuschauer das wissen und das Leben dieser Akteure über die verschiedenen Sendungen mitverfolgen? Denn dann entwickelt sich wirklich eine ganz eigene Telewelt, bei der man sich nicht mehr fragen muss, ob der Zuschauer verblödet, sondern diese sich mit den Akteuren eine eigene "Community" bauen, die von den Sendern nur gepflegt wird. Die auch von der Kommunikation nicht gleichwertig ist, sondern eher klassisch vom Akteuer zum Konsumenten fliesst.

Peer Schader

13. Januar 2010, 10:42

@Weeschnittchen: Ich freue mich über jeden, der sich für das interessiert, was in diesem Blog passiert, und vor allem über Leser, die es als kleines Fenster zur kuriosen Fernsehwelt nutzen, bin aber aus Erfahrung extrem vorsichtig mit Kommentatoren, die erzählen, wie toll es ihnen geht seit sie ihren Fernseher abgeschafft haben, dann aber sehr gefestigte Meinungen zu dem haben, was sie nicht mehr sehen.

BlackJack66

13. Januar 2010, 10:44

http://walkinginboots.blog.de/

Und das schönste an dem freiwilligen Fernsehentzug ist, das man jetzt zu Freunden geht, wenn es mal etwas sehenswertes gibt, so wie den Tatort aus Münster oder München. Dann isst man zusammen und bei einem guten Rotwein wird danach zusammen der Tatort geschaut. Ist durchaus eine Bereicherung.

maulwurf

13. Januar 2010, 10:45

@ Peer Schader:

Es ist mir fast peinlich, dass ich so etwas weiß, aber auch Kandidat Carlos lebt im Fernsehen. Er war in der Supertalent-Staffel von 2008 dabei. Damit waren die meisten der "Kandidaten" schon mal irgendwie im fernsehen, oder?

BlackJack66

13. Januar 2010, 10:56

http://walkinginboots.blog.de/

Legi intellexi condemnavi. Oder habe ich Ihren Artikel misverstanden? Ich hielt mich doch eher mit Meinungen zurück, Sie beschreiben die Unglaubwürdigkeit der Kandidaten und die etwas einfache Denkweise. Wahrscheinlich liest keiner von denen die FAZ im BB Haus oder gar das Feuilleton.  

Peer Schader

13. Januar 2010, 11:01

@BlackJack66: Hab das ja auch gar nicht unmittelbar auf Sie bezogen, sondern versucht, Weeschnittchen meine generelle Skepsis zu erklären.

elbsegler

13. Januar 2010, 12:37

Es ist doch geradezu beruhigend, dass das Trash-Fernsehen sich zunehmend zu einem geschlossenen Recycling-System entwickelt. Wenn immer die gleichen Zuschauer immer die gleichen Akteure beglotzen, hält sich der Schaden in Grenzen. Es ist ja nichts Neues, dass auch niedrige Instinkte irgendwie befriedigt werden wollen. Früher gab es dazu  Etablissements, die gut davon lebten, dass angeblich niemand dort hinging (und es gibt sie immer noch). Inzwischen gibt es eben auch elektronische Bedürfnisbefriedigungsanstalten. Der Unterschied ist nur der leichtere Zutritt in diese virtuelle Welt mittels des Fernsehers. Und noch einen Unterschied gibt es. Ein Puff war und ist ein Puff und gibt auch nicht vor, etwas anderes zu sein. Diese Fernsehkaschemmen a´la RTL2 wollen auch noch ernst genommen werden. Die Puffmutter war in der Stadt persona non grata, die Geschäftsführerin irgendeines Schmuddelsenders wird für ihre wirtschaftlichen Erfolge gefeiert und sieht sich als "Promi". Pecunia non olet - die einzige Maxime, die heute noch zählt.

ute

13. Januar 2010, 13:00

@ Peer Schader

Ihre Skepsis ist ja durchaus verständlich. Allerdings ist es auch die sogenannte Qualitätspresse - die FAZ ist da keine Ausnahme - die ihre Leser mit ausführlicher Berichterstattung über diverse Spektakel und Sub-Boulevard-Themen versorgt (nervt) und diesen dadurch zusätzliche Relevanz zumißt. Wenn die Lektüre der (Online-) Tageszeitung zum Slalomlauf wird um Dinge herum, die man eigentlich nicht wissen will, dann ist der gelegentliche Tritt gegen die Torstangen doch ebenfalls verständlich, oder nicht?

Kreuzfahrtinspektor

13. Januar 2010, 13:17

Gut das ich nach der zweiten Staffel aufgehört habe zuzuschauen und mitzudenken.

Peer Schader

13. Januar 2010, 13:28

@ute: Also bitte: Einigen wir uns darauf, dass es einen Unterschied zwischen purem Nacherzählen vermeintlicher Skandale und einordnender Reflektion gibt? Und: Slalom müssen Sie nun wirklich nicht laufen, um dieses winzige Blog zu vermeiden.

Jan Hartmann

13. Januar 2010, 13:46

http://www.ab-nach-amman.de

Ich hab auch keinen Fernseher mehr und schaue mir wichtige Sendungen mit und bei Freunden an.

Aber auf dieses Blog möchte ich nicht verzichten, auch wenn ich die fast alle Sendungen nicht gesehen habe.

Aber ist es nicht bei den meisten Kritiken zum Fernsehen so, dass man den Inhalt nicht selbst gesehen hat, weil man gerade arbeitete oder was anderes schaute? Ich freu mich auf weitere Artikel.

J. S.

13. Januar 2010, 13:55

Eine Meinung zu einem Programm kann man sich nur bilden, wenn man es auch gesehen hat.

Man wird ja auch nicht eine Meinung zu einem Roman haben, bloß weil man die Kritik eines bekannten Kritikers gelesen hat.

Jan-Philipp Picard

13. Januar 2010, 14:44

@Peer Schader: Ich bin Ihnen und Stefan Niggemeier auf jeden Fall sehr dankbar, dass es dieses Blog gibt. Ich fahre lediglich Slalom, wenn ich mir die Berichterstattung anderer Medien zu verschiedenen Sendungen angucken muss - wozu ich leider beruflich angehalten bin. Dies ist auf jeden Fall der geradeste Weg zu amüsanter TV-Berichterstattung! Gern auch in der FAS wieder mehr! Auf der Medien-Seite der FAZ wird es wohl nie etwas in der Form geben, oder?

elbsegler

13. Januar 2010, 14:56

@J.S.

Im Grundsatz haben Sie recht. Natürlich kann man sich über eine Sendung nur dann ein Urteil erlauben, wenn man sie gesehen hat. Hier geht es aber um etwas anderes. Ich muss auch keine Kuhsch***e probieren, um zu behaupten, dass sie nicht schmeckt. Auch da gibt es Leute, die das in Zweifel ziehen, denn Millionen von Fliegen könnten sich nicht irren.

BlackJack66

13. Januar 2010, 15:54

http://walkinginboots.blog.de/

@J.S. Nun man kann aber mal ein oder zwei Folgen der ersten Staffel gesehen haben und 5 Minuten der zweiten Staffel, danach reicht dann dieser Beitrag, um sich bestätigt zu fühlen, man verpasst nach wie vor nichts! Lese ich einen Roman von xyz und der Schreibstil und / oder Inhalt sagt mir nicht zu und die Kritik lobt den Nachfolger als typisch und genauso wie den ersten, dann brauche ich den auch nicht mehr zu lesen, weil mir der erste Roman schon nicht gefiel.

Brother Sister Bores

13. Januar 2010, 16:29

Ich habe  die Sendung am Montag gesehen  und war hin- und her gerissen zwischen dem Ekel aufgrund der Absurdität der ganzen  Veranstaltung  und dem merkwürdigen Reiz, der  von den"Kandidaten" ausging.

Dass selbige sich für ihre Trailer  ausziheen mussten, hat mich schockiert. Schön, dass ich offenbar nicht der einzige bin, der sich daran gestört hat.  Alleine durch  diese Sache kann man schon erkennen, was das Wesen dieses Sendeformats ist.  

Der Einspieler von Micaela`s Heulattacke hat mich berührt.

Ich  bin  mir jedoch nicht mehr sicher, ob das ganze nicht doch  gestellt wurde.

Peer, was meinst du ?

Die Tatsache, dass Micaela ihr Problem der  Einsamkeit erkannt haben will, ihr dann  aber nichts besseres einfällt, als dan  in den BBB-Container einzuziehen, erscheint mir etwas zweifelhaft. Wenn die Situation nicht gespielt wurde, dann muss sich jedoch  RTL 2  fragen lassen, warum eine solch labile Person  mit offenkundig großen psychologischen Problem ins Haus gelassen werden. In meinen Augen hat der Sender die Verantwortung, die Kandidaten  vor  sich selbst zu schützen. Aber, so hieß es ja schon in  einem älteren Blogeintrag: Verantwortungsbeußtsein  ist ein altmodischer  Begriff...

Brother Sister Bores

13. Januar 2010, 16:56

So gern ich den FAZ-Fernsehblog lese. Der Unterton , der hier den Kandidaten gegenüber angeschlagen wird, gefälllt mir nicht.

Hier wird wild mit O-Tönen aus der Eröffnungsshow umhergeworfen und Fakten so dargestellt,  dass sie sich  perfekt in das Klischee der dümmlichen BB-Kandiaten einügen.  

Ganz klar: Allzu helle sind die Kandidaten sicherlich nicht, sonst würden sie bei einer  solchen Sendung gar nicht erst teilnehmen.

Aber man kann  auch versuchen, die Kandidaten unpolemisch und mit einer gewissen Fairness zu beschreiben und nicht die Kandidaten  noch dümmer aussehen  zu lassen, als sie es nicht ohnehin schon selbst tun bzw. durch RTL 2 dargestellt werden.

Pornodarstellerin  Cora kann man nicht buchen, man kann sich bei "nur" ihr bewerben. Merkwürdig genug, aber in diesem Artikel wird die Sachlage schlicht  falsch und bewußt manipulativ dargestellt.

Der Kommentar von Kristina`s Mutter mit der "Gehirnmasse" ist wohl eher nur als lustiger Scherz und weniger als ehrliche Kritik zu verstehen.

Dass Iris ein Lokal mit dem Namen "Im Bett" betreibt, wo es die lustigen Drinks "F....n" gibt, ist natürlich für  jeden Journalisten, der seinen Lesern ein bewußt ein einseitiges  Bild der Kandidaten vermitteln will, eine  Steilvorlage.

Überzeugend ist das aber nicht. Auf jeder  Hüttenparty haben Drinks zweideutige Namen, der Name "Im  Bett" finde ich auch nicht verwerflich (würde mich aber nicht wundern, wenn demnächst mal Christian Rach "Im Bett" vorbeischaut....)

Dass die Teilnehmer der neuen Staffel bewußt nach bestimmten (optischen) Kriterien ausgewählt wurden, ist genauso offensichtlich wie die Tatsache, dass  viele Kandidaten wohl keine Hemmungen haben, Hüllen und Anstand fallen zu lassen,  um in den Genuss von 5 Minuten zweifelhaftem Ruhm zu kommen.

Das ist in der Tat sehr bedenklich und auch so eindeutig, dass es eigentlich der Autor hier nicht nötig hätte, durch geschicktes  Faktenverdrehen o.ä.  die Kandidaten noch dümmlicher darzustellen, als sie sind.

Auch wenn  die BB-Leute natürlich leichte Opfer sind und jede Menge  Angriffsfläche bieten - ich finde, so etwas gehört sich nicht.

Thomas Television

13. Januar 2010, 17:45

http://tvundso.com

"Mag sein, dass man der jungen Frau damit Unrecht tut. Womöglich hat sie wirklich so wenige Freunde, fühlt sich von allein gelassen und sehnt sich danach, geliebt zu werden. Es kann aber auch sein, dass sie einfach nur ins Fernsehen will."

Kann nicht auch einfach beides der Fall sein.

"Dann isst man zusammen und bei einem guten Rotwein wird danach zusammen der Tatort geschaut. Ist durchaus eine Bereicherung."

@BlackJack66: Ich würde sagen, sie unterscheiden sich damit in nichts von Big Brother Zuschauer, die sich bei einer Pizza und Bier die Eröffnungsshow von Big Brother ansehen. Menschen haben eben unterschiedliche Bedürfnisse.

Problematisch wirds, wenn - so wie bei RTL - bestimmte Formate keine Verantwortung bei der Bedürfnisbefriedigung wahrnehmen oder assoziale Bedürfnisse wie sich über andere Menschen lustig zu machen wecken oder verstärken.

Solche Probleme stehen bei Big Brother aber eigentlich nicht im Vordergrund. Im Gegenteil: Gerade weil viele Kandidaten bereits Medienerfahren sind, bedürfen sie weniger Schutz vor den bösen TV-Machern als die Jugendlichen und Behinderten, die RTL für DSDS vor die Kamera lockt.

Meine ersten Einschätzungen zu Big Brother finden sich hier:

tvundso.com/.../big-brother-10-hat-begonnen

Peer Schader

13. Januar 2010, 19:09

@Brother Sister Bores: Ich seh das anders und glaube, keine Fakten verdreht zu haben. Die Beschreibung der Kandidaten beruht auf der Darstellung von RTL 2, und mir ging es vor allem darum, hervorzuheben, nach welchen Kriterien sie ausgesucht wurden. Das ist ja keine besonders bunte Mischung, sondern hat eine klare Linie.

Und was Cora angeht: Ok, auf Ihrer Seite steht, man könne sie für Events "buchen", aber auch "verschenken" oder ihr "Drehpartner werden". Kommt also vielleicht auf die Definition an. Bewusst manipulativ finde ich die Formulierung aber nicht.

Christoph

13. Januar 2010, 19:23

Servus! Ich habe heute ja auch mal bei RTL2 durchgezappt, und es hat sich in mir da ne einfache Frage geformt... Gibt es eigentlich keinen Jugendschutz mehr?

Ich habe das Gefühl es gibt keine Sendung bei RTL2 mehr, die ohne Nacktheit und Sex auskommt... 3 konkrete Beispiele aus den letzten 10 Minuten...

BigBrother: Die Dusche ist in der Tat ohne Kabine mitten im Raum montiert mit einem Spiegel auf der Gegenseite, so dass jeder von allen Seiten immer zu sehen ist. Bei den Kandidaten duscht natürlich jeder nackt.

Frauentausch Werbung: Eine SM-Familie wird präsentiert. Nackter dicker Mann mit Peitsche läuft durchs Bild

Programmhinweis: "Ihre Tochter hat schon Sex? Sie kommen mit der Pubertät ihrer Kinder nicht klar? Rufen sie uns an?"

Wen wundert es da noch, dass immer mehr Jugendliche denken, Porno-Sex wäre der Normalzustand.

(Btw. RTL2 News: "Nach dem Auszug des Tätowierers wegen der HIV-positiven: Wie gefährlich ist ihre Erkrankung für die Bewohner!" AAAAAAAAARRRRRGHHHH)

Dent42

13. Januar 2010, 20:04

Ich versteh das Problem nicht. Wenn man die Aussage akzeptiert das RTL2 Unterschichten-TV ist - was die meissten hier wohl tun - und ausserdem davon ausgeht das man BB entsprechend des Identifikationspotentials der Zuschauer zusammencastet, dann ist doch die aktuelle Besetzung nur konsequent, davon abgesehen schadet mehr Sex nie der Quote

Peer Schader

13. Januar 2010, 20:06

@Jan-Philipp Picard: Danke, das freut uns sehr. Und eigentlich ist's doch egal, wo es steht - so lange es gefunden wird.

Christoph

13. Januar 2010, 23:17

Naja, ich hab ja auch nichts gegen Sex, ich kann mir nur nicht vorstellen, dass das im Sinne der Entwicklung der Heranwachsenden ist, wenn bereits Kinder damit zugedröhnt werden... (Ganz ehrlich, wenn es erst um 22 Uhr liefe, dann könnten die da so viele Brüste zeigen, wie sie wollen! Vielleicht würd ich dann auch noch mal ein paar Minuten hängen bleiben :-D )

Unterschichten TV schön und gut, aber gerade Jugendliche kennen die Erwachsenen-Fernsehwelt noch nicht und sind ohnehin noch in der Entwicklung. Da sind solche Sachen automatisch noch attraktiver (unabhängig davon haben gerade Schüler auch Nachmittags viel Zeit).

Weeschnittchen

14. Januar 2010, 08:35

@Peer Schader:

Genau das ist ja der Grund, warum man diesen Blog liest - um sich in seiner Meinung über das deutsche Fernsehen bestätigt zu fühlen :).

Ich finde, man kann die Frage nämlich auch genau andersrum stellen: Warum sollte man diesen Blog lesen, wenn man fernsieht? Schließlich scheint man das Fernsehen ja zu mögen, sonst würde man es sich nicht antun. Doch dann dürfte man auch wenig Interesse daran haben, was Kritiker darüber zu sagen haben.

Thomas Television

14. Januar 2010, 20:27

http://tvundso.com

"Warum sollte man diesen Blog lesen, wenn man fernsieht? Schließlich scheint man das Fernsehen ja zu mögen, sonst würde man es sich nicht antun. Doch dann dürfte man auch wenig Interesse daran haben, was Kritiker darüber zu sagen haben."

Nach dieser Logik dürfte niemand Interesse an Kritiken zu Kulturformen haben, die er mag. Insofern werden also Theaterkritiken nur von Leuten gelesen, die nicht ins Theater gehen und Buchrezensionen von Leuten, die nicht lesen (was dann besonders absurd ist).

"Genau das ist ja der Grund, warum man diesen Blog liest - um sich in seiner Meinung über das deutsche Fernsehen bestätigt zu fühlen :)."

Das fürchte ich allerdings auch.

Atompilzkopf

14. Januar 2010, 20:29

Dieses "Ich habe den Fernseher abgeschafft und gehe jetzt zu Freunden zum Fernsehen", erinnert mich doch sehr and diese furchtbar nervigen Leute, die ich vor allem zu meiner Studienzeit immer wieder traf: "Ich habe keine Armbanduhr, ich lasse mir meinen Tagesablauf nicht von so einem Ding diktieren. Übrigens, wieviel Uhr haben wir eigentlich?" Oder: "Autofahren ist böse, Du machst die Natur kaputt. Aber wenn Du schon mal zum Supermarkt fährtst, kannst Du ja eigentlich auch gleich eine Kiste Bier und Wasser und ... mitbringen."

Wieso muss man den gleich den Fernseher abschaffen? Das Ding an sich ist doch nicht das Problem. Schaltet ihn doch einfach nicht ein, wenn nichts kommt. Oder wollt Ihr alle partout keine Gäste?  

Mein Fernseher ist Baujahr 1984, und weil ich ihn so selten anmache, braucht er 15 Minuten, bis das Bild kommt (erst blau, dann rot, dann grün). Aber hergeben würde ich ihn auf keinen Fall - hin und wieder kommt ja doch noch was Gutes im Fernsehen (und man kann ja auch DVDs ansehen). Und wenn mal was Gescheites kommt, kann man sich sogar Gäste einladen!

cirrus

14. Januar 2010, 21:28

Ich frage mich, was eigentlich die ganze Aufregung soll ... es gibt Leute die unbedingt ins Fernsehen wollen und Leute die sich gerne Leute angucken, die unbedingt ins Fernsehen wollen. Es gibt Sendungen die diese beiden Arten von Leuten zusammenbringen und dabei noch lecker Geld mit Werbung verdienen.

Das ist eine klassische Win-Win-Win-Situation, denke ich. Das beste dabei? Keiner *muss* sich das ansehen.

(Disclaimer: Mein "guilty pleasure" ist Frauentausch ... so ab und an)

Weeschnittchen

15. Januar 2010, 09:08

@Thomas Television:

Ich sehe, Sie haben die Unvereinbarkeit dieser These mit der Realität verstanden. Nun sollte Ihnen auch klar sein, dass Peer Schaders erster Kommentar ebenso wenig Sinn macht.

@Atompilzkopf:

Dieses Gemecker erinnert mich doch sehr and diese furchtbar nervigen Leute, die ich mein ganzes Leben immer wieder treffe: "Ich komme nicht damit klar, dass sich ein freier Mensch einen anderen Lebensstil wählt als ich."

Warum nutzen Sie denn eigentlich keinen Kohleofen mehr? Funktioniert wie eine moderne Heizung. Und wenn es warm ist, können Sie sich sogar Gäste einladen!

davmda

16. Januar 2010, 15:43

http://www.habkeineseite.de

@Weeschnittchen

Ähm, eigentlich hat der Pilzkopp das doch auf dem Punkt gebracht. Man schafft doch auch nicht den PC ab, obwohl unglaublich viel Dreck im Internet angeboten wird, oder?

Insofern ist es zwar jedem unbenommen, seinen Lebensstil mit einem fehlendem

Rundfunkgerät zu charakterisieren, aber zum Artikel ist die Bemerkung doch eher belanglos. Ich habe ein Fernseher, aber es ist schon Jahre her, dass ich einen dieser sogenannten Unterschichtensendungen auch nur gezappt habe. Gut, das mit den Freunden ist so ne Sache, da muss ich BB oder DSDS schon mal ertragen...

Die Einstellung, dies sei ja Unterschichtenfernsehen und muss einen selbst ja nicht tangieren, halt ich für ein bißchen zu kurz gesprungen.

Denn solche Formate (und die Absichten der Macher) sind keineswegs bewusst einfach gestrickt um einfache (weniger gebildete?) Menschen anzusprechen.

Sondern sie untergraben zielsicher allgemeinverblindliche moralische Werte, deren Fehlen uns früher oder später (bzw. schon jetzt) bitter schmecken wird.

Natürlich ändern sich Werte durch Fremdeinflüsse, Erfahrung und neue Erkenntnisse, aber das ist dann doch etwas anderen wie wenn eine Firma um des schnöden Mammon willen etwa eine "alles kann, nichts muss" Haltung Millionen von Zuschauern näherbringt (Kinder und Jugendliche inbegriffen).

Apropos letztere...warum ist es (pädagogisch?) sinnvoll, wenn Pubertierende ab 10-12 das Kamasutra in die Hand gedürckt kriegen? Natürlich in teeniegerechten Optik und Lesart...

Thomas Wiegand

20. Januar 2010, 01:02

http://securaplan.de/

Pseudoseelenstriptease in Vollendung....jeder will den dick gefüllten Pott und geht hier über jegliche Moralvorstellung die hier bei RTL II zur Farce verkommt.

Grauslich!

Weeschnittchen

27. März 2010, 18:24

@ davmda & Atompilzkopf:

Ich zitiere: "225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen." Es scheint also auch für die hiesigen Blogger durchaus denkbar, sich gegen das Fernsehen zu entscheiden. Und dieser Blog ist in Ihren Augen eine geeignete Hilfe.

Mag sein, dass ihr zu abhängig von diesem Medium seid, um es noch kritisch sehen zu können/wollen. Viele Menschen sind es aber nicht (mehr) und wenden sich bewusst ab, vielleicht auch in ihrer Entscheidung durch den Fernsehblog unterstützt. Daran ändern auch eure einfach gestrickten Vorurteile gegenüber Fernsehverweigerern nichts.

Apropos Vorurteile, noch eine Frage: Ihr bekommt Besuch von Freunden, und dann sehen die bei euch fern??? Na, das scheint ja sehr spannend bei euch zu sein :)

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