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Das Fernsehblog

Neu: RTL 2 macht das Gespür für Mitgefühl täglich erlebbar

19. August 2010, 18:43 Uhr

"Trash" nennen Kritiker das, was RTL 2 zeigt. Eigentlich tun sie das fast immer schon, angesichts der Menschen-, Tier- und vor allem Zuschauer-verachtenden neuen Programme, die der Sender in diesen Tagen gestartet hat, aber gerade wieder besonders intensiv.

Heute hat RTL 2 in einer erstaunlichen (und bislang nicht als Fake enttarnten) Pressemitteilung seinen Kritikern recht gegeben und Besserung gelobt. Natürlich ist darin nicht von "Trash" die Rede. Aber unter einer dünnglänzenden Oberfläche aus PR-Deutsch ist der Vorwurf unschwer zu erkennen. Indirekt räumt der mysteriös mit dem Chefsessel verwachsene, öffentlichkeitsscheue Geschäftsführer Jochen Starke sogar ein, dass es seinem Programm an Mitgefühl und gesellschaftlicher Verantwortung fehlte. Starke lässt sich mit den Worten zitieren:

"Wir legen Wert darauf, dass RTL II als ein Sender wahrgenommen wird, der Unterhaltung und innovative, auch kontroverse Formate mit einem Gespür für Mitgefühl und gesellschaftliche Verantwortung verbindet. Unser neues Qualitätsmanagement wird uns dabei helfen, dieses Bewusstsein im Programm täglich erlebbar zu machen."

Neue Formate sollen künftig einen "standadisierten Evaluationsprozess" durchlaufen, der den gesamten Sender, von der Redaktion über das Marketing und die Werbevermarktung bis zur Geschäftsführung, einbezieht. "Auf diese Weise wird sichergestellt", formuliert der Sender weiter, "dass die Programme von RTL II künftig in größerem Maße als bisher den qualitativen Ansprüchen gerecht werden, die der TV-Sender mit dem Start seiner neuen Markenpositionierung 'it's fun.' im vergangenen Jahr Zuschauern und Werbekunden versprochen hat." So deutlich hat selten ein Sender formuliert, dass seine gegenwärtigen Programme erbärmlich sind.

Überhaupt ist von "qualitativen Ansprüchen" im deutschen Fernsehen selten die Rede, und vermutlich wäre es auch zu dieser plötzlichen Erkenntnis nicht gekommen, wenn viele der neuen Sendungen nicht vor allem den quantitativen Ansprüchen der Werbekunden und der Gesellschafter nicht genügt hätten. Nur eine sympathisch überschaubare Zahl von Menschen wollte zusehen, wie sich RTL 2 auf bösartigste Weise über einfache, dicke Menschen lustig machte, die der Sender zu diesem Zweck ins "Abenteuer Afrika" geschickt hatte, und auch der Versuch der Drag-Queen Olivia Jones, mithilfe von Plüschohren und einer Ganzkörpermaske aus Kamel-Dung unerkannt unter Dromedare leben zu können ("Das Tier in mir") stieß auf nachvollziehbar wenig Interesse.

Hinter den Erwartungen zurück blieb auch die Quote der Aufklärungs-Doku-Soap "Generation Ahnungslos"; die harmlos-doofe Mittelmeer-Game-Show "Der Kreuzfahrt-König" ist nach nur drei Folgen aus dem Programm genommen worden. Die tägliche Vorabend-Fake-Dokumentation "X-Diaries" hat zwar einige Zuschauer - ihre Zahl steht aber in keinem Verhältnis zur Blödheit der schlecht erfundenen Sex-Geschichten aus dem Urlaub.

Nun kann es natürlich sein, dass der Trash einfach nicht trashig genug war - andererseits müsste man dann angesichts des RTL-2-Programms die unter Wissenschaftlern noch umstrittene Frage klären, ob es nicht selbst bei Fernsehqualität einen absoluten Nullpunkt gibt oder es sich um ein tatsächlich bodenloses Phänomen handelt.

Zumindest für den Moment scheint RTL 2 die Antwort nicht herausfinden zu wollen. Zum "neuen" "Qualitätsmanagement" scheint auch zu gehören, dass man sich von der Unterhaltungschefin getrennt hat - "im gegenseitigen, freundschaftlichen Einvernehmen" natürlich, aber offenbar doch mit Differenzen, was die Erlebbarkeit des "Gespürs für Mitgefühl und gesellschaftliche Verantwortung" im Programm angeht.

Der Name von Programmdirektor Holger Andersen, der vor nicht einmal einem Jahr von RTL zum kleineren Halbschwestersender gewechselt ist, taucht in der Pressemitteilung nicht auf. Vor einem Monat hatte er in einem Interview gesagt: "Wir wollen auffallen, aber mit Qualität." Das klang damals schon irgendwie falsch.

Foto: RTL 2

Veröffentlicht 19. August 2010, 18:43 von Stefan Niggemeier
Abgelegt unter:
Kommentare

Stefan

19. August 2010, 19:51

Vielleicht ist Liz Mohn ja mal bei Zappen aus versehen auf dem falschen Sender gelandet? Unwahrscheinlich, ich weiß, aber charmante Vorstellung. ;-)

www.digitalfernsehen.de/.../news_947446.html

Muriel

19. August 2010, 20:09

http://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com/

Das Problem besteht natürlich vor allem darin, dass RTL bisher nicht "als ein Sender wahrgenommen wird", der all das Gute bietet. Wahrscheinlich ist es nicht gelungen, den Zuschauern das Programm richtig zu vermitteln...

Dent42

19. August 2010, 23:17

Also ich finde RTL2 ist ein toller Sender....wenn sie Ami-Serien senden.

Wolfgang

20. August 2010, 01:02

http://fastvoice.net

Und Starkes Worte wurden von Taten begleitet: RTL 2-Unterhaltungschefin Julia Nicolas muss gehen, siehe z. B. http://bit.ly/cCn60y

Larry

20. August 2010, 01:03

http://medienvielfalt.blogspot.com

Betreffend der "X-Diaries" war ich so frei und habe für eine Folge ein umfangreiches Review erstellt. Wer das ließt - schaut kein RTL2 mehr. Hoffe ich. medienvielfalt.blogspot.com/.../meine-wichs-diaries-oder-warum-ich.html

Beno

20. August 2010, 05:53

http://beno-bom@gmx.de

Würde mich nicht wundern, wenn sie demnächst wieder 4 oder 6 mal Full House am Abend senden würden.

Jörg

20. August 2010, 09:22

Das Problem ist aber leider auch, dass wirkliche Qualitätsserien (Dexter, Californication, Flashpoint) vom Zuschauer nicht angenommen werden. Das macht die im Artikel genannten Formate natürlich auch nicht besser. Aber letztlich reden wir hier von einem Privatsender - und der macht kein Programm, um Grimmepreise abzuräumen, sondern um Geld zu verdienen. Und wenn neimand sich solchen Quartsch (vgl. Nachmittagsprogramm der großen Privaten) anschauen würde, käme auch bei RTLII wohl keiner auf die Idee, so etwas auf den Bildschirm zu bringen.

rorocoach

20. August 2010, 10:45

http://www.rorocoach.de

Mir blieb neulich beim Zappen in die Dokusoap "Frauentausch" minutenlang fasziniert der Mund offen stehen. Wahrscheinlich war ich von der geballten "gesellschaftlichen Verantwortung und dem Mitgefühl" die diese Serie vermittelt irgendwie übermannt. Diese Dosis kann auf Dauer selbst für diejenigen zu hoch sein, für die das Programm gemacht wird, die auch das Abhängigkeitspotential erkennen und umschalten.

Michael S.

20. August 2010, 12:45

Also ich finde X-Diaries so schlecht, dass es, mit der richtigen Herangehensweise, fast schon wieder Kult werden könnte. Diese konstruierten, völlig überhypten Stories mit Schauspielerimitatoren kann man sich natürlich nicht zur Intelligenzförderung reinziehen, aber es gibt schöne Bilder von Ibiza und schöne Menschen (also die um die Schauspieler herum *g*).

Aber ich denke, der eigentliche Hauptgrund von RTL2, diese Sendung zu zeigen, ist die Möglichkeit, unter dem Deckmäntelchen einer Ibiza-Doku, endlich auch mal schon um 19 Uhr nackte Frauenoberkörper zu zeigen. Nachdem dies bei BigBrother ja wohl nicht so geklappt hat (wer kann denn auch ahnen, dass die größten Klappen hinterher so prüde sind *g*), können sie nun nach Script so richtig loslegen...

thomas hackenberg

20. August 2010, 16:03

Und Starke sagt gegenüber DWDL: "Ein neues Denken kann man nicht einfach top-down verordnen." Puhhhhh....Gruselsprache...gibt's demnächst bestimmt auch als App...

Mathias

20. August 2010, 18:59

"Das Tier in mir" und "Generation Ahnungslos" basieren übrigens auf Sendungen der BBC. Nur mal so als Anmerkung, weil die BBC ja in Diskussionen auf diesem Blog gerne mal als leuchtendes Vorbild genutzt wird. Auf der Insel ist also auch nicht alles hochqualitatives, anspruchsvolles Oberschichtenfernsehen.

Oma Schmitz

22. August 2010, 18:33

@ Mathias

Gute Anmerkung. Ich kenne das BBC-Original von "Generation Ahnungslos" nicht, aber mir ist schon mehrfach aufgefallen, wie eigentlich schöne und ungewöhnliche BBC-Formate in Deutschland verhunzt wurden: Überdreht, überspitzt, schlecht gecastet, schlecht geschnitten, dumm betextet, langweilige Musik etc.

Gerade die Privatsender nutzen BBC-Realityformate vor allem, um im Trashsegment aufzufallen: Billig produziert, Talk of the town und Quote über Senderdurchschnitt. Das liegt wohl an den vielen deutschen unterqualifzierten TV-Redakteuren, die den Produzenten in die Arbeit quatschen und sich bemühen, irgendwelche Qualitätsvorgaben auf Teppichhöhe noch zu unterschreiten. Nur wer dieses Raster erfüllt, kann seinen überbezahlten Wichtigtuer-Job behalten.

Uli G.

23. August 2010, 12:36

Und ich hab am Samstag abend schon gedacht, jemand hätte meine Sender durcheinander gebracht, als "Elisabeth" um 20:15 bei RTL2 lief...

Wenn jetzt noch Mitgefühl mit den selbst produzierten Ausgestoßenen der eigenen Sendungen hinzu kommt, macht der Sender ja alles richtig, oder?

Stephanie

24. August 2010, 19:07

http://kultur.streetrunway.de

Mit den neuen Sendungen hat die Qualität des deutschen Fernsehens einen neuen Tiefpunkt erreicht. Da sinkt nur beim Vorbeizappen der IQ.

Matthias Schumacher

25. August 2010, 17:23

http://matthias-schumacher.com

Für Verdummung ist Sarrazin zuständig. Also für die Ächtung. Der weiß immer, wo und weshalb.

Nina

26. August 2010, 14:08

Ich glaube, dass Serien wie Dexter oder Californication nicht angenommen werden, liegt vor allem daran, dass die Sendezeiten für solche Serien einfach total daneben sind. Ich hab mich ja echt gefreut, als ich vor Monaten mal Ankündigungen sah, dass diese Sendungen wieder laufen sollen. Und dann werden sie mitten in der Nacht gezeigt, teilweise erst Monate später und noch nicht mal regelmäßig, so dass man nur durch Zufall mal darüber stolpert, wenn man zu diesem Zeitpunkt nicht schon schläft.

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