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Das Fernsehblog

Die falschen Experten aus den Messie-Sendungen

08. November 2011, 16:18 Uhr

Fast alle großen Privatsender machen derzeit Quote mit Sendungen über so genannte Messies – aber keiner erklärt, was Messies wirklich sind. Stattdessen werden bergeweise Unrat, verschimmelte Lebensmittel und vertrocknetes Ungeziefer gezeigt. Dann kommt ein Räumtrupp und bringt die Wohnung wieder auf Vordermann, manchmal lassen die Kamerateams die Leute aber auch einfach in ihrem Elend sitzen. Dabei bräuchten viele eigentlich professionelle Hilfe, weil der Müll oft nur ein Symptom für ernstzunehmende Probleme ist, die von einem Therapeuten gelöst werden müssten. (Mehr zum Thema steht in diesem Text, der heute auf der F.A.Z.-Medienseite erschienen ist.)

Das Fernsehen kümmert das nicht weiter. Es schickt lieber seine eigenen Experten, die zwar keinen Erfahrung im Umgang mit Leuten haben, die vom Messie-Syndrom betroffen sind. Dafür wissen sie aber, wie Geschichten sendetauglich erzählt werden.

Das Fernsehblog macht den Expertencheck – und fragt Fachleute, die es besser wissen.

Ralf Seeger – "Messie-Coach" bei Kabel 1 in "Achtung Messies!"
Eigentlicher Job: Free Fighter; "spielte" schon "Anti-Gewalt-Coach" in der RTL-2-Dokusoap "Mädchen-Gang"

Ralf Seeger kommt gleich zum Punkt: "Die Wohnung finde ich also, von den Bildern, die ich gesehen habe, echt scheiße – wirklich scheiße. Das könnt ihr euch wirklich auf die Fahne schreiben", sagt er den jungen Eltern gleich im ersten Satz. Dann präzisiert er seine Ausführungen: "Ich würde mich als Elternteil schämen, mit meinen Kindern in so einer Müllhalde zu wohnen!" Und: "Ich möchte hier nicht essen!" Und: "Ich möchte meinen Kindern sowas nicht zumuten!" Augenblicklich stellt der Kabel-1-"Messie-Coach" klar: "Selber werd ich hier nicht putzen oder saugen – das ist euer Part!" Er schaut der Mutter dabei zu, wie sie die Toilette schrubbt ("Siehst du, da hat sich schon was gelöst"). Als er jedoch das angetrocknete Erbrochene im Kinderbett entdeckt, holt Seeger Unterstützung: sechs Reinigungskräfte in weißen Ganzkörperanzügen mit Atemmasken, die das, "was ihr nicht hingekriegt habt", endlich erledigen. Die Eltern bleiben auf der Couch sitzen bis Seeger Vollzug meldet und mitsamt seinem Trupp wieder abhaut.

Kabel 1 schreibt der Mutter trotzdem restlose Begeisterung in die Bauchbinde. In die Kamera muss sie Seeger loben: "Der sagt einem die Sachen direkt ins Gesicht."

Wedigo von Wedel vom Münchner H-Team, dass sich um Messie-Betroffene kümmert, hält das für totalen Quatsch: "Wenn die Betroffenen beim Aufräumen nicht gleichzeitig versuchen, sich auch im Innern zu ändern, wird das Chaos innerhalb kürzester Zeit wieder hergestellt – vor allem wenn von außen eingegriffen wird, ein Räumkommando in die Wohnung platzt oder zu schnell Veränderungen erzielt werden."

Tine Wittler – "Wohnexpertin" bei "Einsatz in 4 Wänden" auf RTL
Eigentlicher Job: Wohnexpertin bei RTL

Immerhin: RTL suggeriert gar nicht erst, die Moderatorin seiner früheren Einrichtungsshow hätte irgendeine fachliche Kompetenz im Umgang mit Menschen, die – verursacht etwa durch schwerwiegende familiäre Probleme – ihre Wohnung nicht mehr unter Kontrolle haben. Anders als den Umgang mit den Messies überlässt Wittler die Sanierung der Wohnhäuser lieber den Profis. Sie klebt am Ende Dekofliesen in die Küche und stellt Boxen mit zusammengerollten Handtüchlein ins neue Bad. Als "Einsatz in 4 Wänden" noch eine Einrichtungsshow war, hat das ja auch gepasst. Jetzt wirkt es geradezu absurd, wenn die Moderatorin erst in vorwurfsvoll-mahnendem Tonfall über den vielen Müll schimpft und nachher so tut als seien mit dem neuen Mobiliar auch die alten Probleme verschwunden.

Dr. Rainer Rehberger gehört zu den wenigen Ärzten, die sich in Deutschland mit der Erforschung des Messie-Phänomens befassen. Dazu, dass Betroffene überglücklich in die Kamera strahlen, weil sie womöglich glauben, mit dem Chaos auch dessen Auslöser losgeworden zu sein, sagt er: "Das ist blanke Illusion."

Christel Lützenkirchen – in "Achtung Messies!" bei Kabel 1 "die Frau, der die Messies vertrauen"
Eigentlicher Job: Hausfrau, TV-Köchin; gibt Kochtipps in der ZDF-Servicesendung "Volle Kanne"

Als Ausweis ihrer Fachkundigkeit hat Christel Lützenkirchen sich einen Staubwedel an ihr Auto montiert. Als sie in die Wohnung der unbekannten Frau kommt, der sie helfen soll, weiß sie gleich: "Sieht nicht gut aus hier, kann man schon sagen." Schlimmer noch: "ein Dreckstall!", lauter "Schweinecken", "da krieg ich ja Schüttelfrost". Dann wird der Container angeliefert und zwei Ausräumer sollen das, was über Jahre hinweg angehäuft wurde, an einem Tag aussortieren und wegwerfen. Dabei will sich die Wohnungsbesitzerin von vielem gar nicht trennen. Geräumt wird trotzdem.

"Es lebt ja keiner freiwillig gerne in einer zugemüllten Wohnung", sagt Jürgen Bernsen, der bei Frei-Raum Berlin in Messie-Wohnungen geht und mit den Leuten gemeinsam aussortiert. "Es gibt Gründe, und die erfährt man erst, wenn man mit den Menschen zusammen arbeitet, während des ganzen Prozesses. Ich muss ja sehen, wie es demjenigen dabei geht. Der kann mir zusammenbrechen. Das ist eine starke psychische Beanspruchung." Bei vielen setzt die Panik ein, wenn der Aufräumtrupp plötzlich vor der Tür steht – obwohl sie ihn vielleicht selbst gerufen haben. "Sobald es darum geht, zu handeln, kommen in vielen massive Widerstände auf, die sie sich oft selbst nicht erklären können", sagt Wedigo von Wedel. Manche klammern sich sogar an verschimmelte Brotkanten, weil sie so sehr daran gewöhnt sind, sonst alles mit sich alleine auszumachen.


[Verfremdungen: Fernsehblog]

Malwine Sydnaes – "Familienexpertin" beim Sat.1-"Messie-Alarm"
Eigentlicher Job: Hebamme

Im "Horror-Haushalt" gibt es ein vollgemülltes Kinderzimmer, das Malwine Sydnaes überhaupt nicht gefällt. Doch die alleinerziehende Mutter, bei der sich die Sat.1-"Familienexpertin" angemeldet hat, ist völlig aufgelöst: "Ich weiß nicht, was ich machen soll." Wenn das Jugendamt ihr die Kinder wegnimmt, weiß sie es hingegen schon: "Ich werd mir dann das Leben nehmen." Und Sydnaes? Die sagt: "Ich komme in zehn Tagen wieder und hoffe, dass sich was getan hat." Dann überlässt sie die kleine Familie wieder ihrem Schicksal. Bis zum Kontrollbesuch in 10 Tagen.

Dass es sich bei den Müttern aus dem Sat.1-"Messie-Alarm" wirklich um Menschen handelt, die am Messie-Syndrom leiden, ist zweifelhaft. Weil die Unordnung in den meisten der gezeigten Fällen bloß Ausdruck einer allgemein schwierigen Situation ist. (Und die Fälle aussehen als seien sie unter anderem aus der Sixx-Dokusoap "Junge Mütter, total überfordert" neu zusammengeschnitten.) Echte Messies aufzufordern, einfach mal aufzuräumen und dann alleine zu lassen, wäre fatal. Professorin Gisela Steins von der Universität Duisburg-Essen hat sich wissenschaftlich mit der Problematik befasst und sagt: "Viele Messies haben einen hohen Depressionswert – es ist ja auch bei ganz vielen anderen psychischen Diagnosen so, dass die Leute blockiert sind, antriebslos." Genau deshalb ist vorsichtige Hilfe von außen notwendig.

Juliane Kolletzki – "Aufräumexpertin" in "Achtung Messies!" bei Kabel 1
Eigentlicher Job: Moderatorin, Kinderbuchautorin

Da weiß die selbst ernannte "Fernseh-Fee" auch nicht mehr weiter: Vor ein paar Wochen ist sie bei der alleinerziehenden Mutter und ihrem Teenager-Sohn in der Wohnung aufgetaucht und hat das Jugendzimmer entrümpelt. Inzwischen ist wieder alles vollgestellt. "Schlimmer als vorher", sagt sie sauer. Und der Off-Sprecher ergänzt: "Alle Aufräumarbeiten, alle Appelle – umsonst." So ein Ärger: Jetzt muss sie "in der Messie-Wohnung wieder von vorne anfangen".

Die Schimpferei bringt nur nichts. Jürgen Bernsen erklärt: "Die Leute müssen doch Vertrauen zu mir haben! Sonst geht die ganze Arbeit nicht. Die Menschen machen sich ja im übertragenen Sinne 'nackt' vor mir. Deshalb geht nichts von dem, was ich sehe oder erzählt bekomme, nach draußen." Im Fernsehen passiert in den meisten Fällen genau das Gegenteil.

Screenshots: Kabel 1, RTL, Sat.1

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Kommentare

ThorHa

08. November 2011, 16:41

Leider kann ich in einer freien Gesellschaft, aufbauend auf der Fiktion eines selbstbestimmten Lebens als Erwachsener, die Menschen nicht daran hindern, sich in solchen Dokushows zum Brot zu machen. Die wissen es nicht besser - oder erwarten tatsächlich Hilfe.

Die Produzenten solcher, im Kern eindeutig menschenverachtender, Shows dagegen haben keine Entschuldigung. Vor dem Hintergrund ihres Intellektes und ihrer Ausbildung wissen sie genau, was sie tun. Und würden, so meine Vermutung, prima Wächter in einem sibrischen Arbeitslager abgeben. Die notwendige Menschenverachtung haben sie schon verinnerlicht.

Gruss,

Thorsten Haupts

E.R.Langen

08. November 2011, 17:46

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass das Privatfernsehen sozial schwache und hilflose Menschen ausnutzt, um mit ihrer Herabwürdigung die Zuschauerquote zu erhöhen. So ist das aber sicherlich nicht, denn kein anständiger Mensch würde sich ja solche entbößenden Sendungen ansehen wollen.

Raoul

08. November 2011, 17:48

http://www.goodnewstoday.de

Nachdem letzte Woche im Fernseh-Blog "Schwiegertochter gesucht" das Thema war und ich mich schon über die "Vorführung" von Menschen aufgeregt habe nun die Steigerung dessen. Ein Messie ist krank, die Seele sucht sich ihr Ventil im horten von Dingen jeglicher Art. Diese kranken Menschen vorzuführen ist schändlich. Warum hier die Landesmedienanstalten nicht eingreifen ist mir unverständlich. Es muss Grenzen geben, die nicht überschritten werden dürfen.

Dent

08. November 2011, 19:51

Es gibt Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen und die sind zum Glück sehr hoch angesetzt, alles andere wäre Zensur. Meiungsfreiheit ist nunmal ein hohes gut und auch solcher TV-Müll fällt darunter.

Markus Väth

08. November 2011, 20:22

http://mensch-chance.de/blog

Kürzlich wollte mich Sat.1 als Coach für eine solche Sendung rekrutieren; ich habe abgelehnt. Hier die ganze Story: mensch-chance.de/.../sozialporno

Raoul

08. November 2011, 20:55

http://www.goodnewstoday.de

@Dent

Die meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, das zu bewahren gilt. Meine Äußerung in Bezug auf Grenzen ist sicherlich emotional gefärbt und letztendlich entscheidet der Zuschauer.

E.R.Langen

08. November 2011, 22:22

@Dent: Mit Verlaub: das "hohe Gut" (welch eine Phrase - nennen Sie mir doch ein "tiefes Gut") Meinungsfreiheit meint das Verhältnis von Bürger und Staat. Es umfasst nicht eine Freiheit der Bürger untereinander, Schwächere zu missbrauchen.

T.I.M.

09. November 2011, 02:54

@E.R.Langen: Natuerlich gilt die Meinungsfreiheit auch zwischen Buergern (GG Art. 5 (1-2) siehe unten). Das einzige Argument fuer Ihre Sicht waere der Schutz der persoenlichen Ehre, das aber hier vermutlich nicht greift, weil die Menschen weder beleidigt noch verluemded werden. Es gibt hingegen kein Gesetz, dass es verbietet, sich selbst zu demuetigen (ja, SELBST. Wenn man Markus Vaeths Bericht liest, wird klar, dass sich diese Leute in vollem Bewusstsein haben casten lassen).

GG Art.5

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

DW

09. November 2011, 08:11

@ Dent:

Zunächst möchte ich E.R. Langen beipflichten* und ergänzen, dass jede Freiheit auch die Pflicht umfasst, damit verantwortungsvoll umzugehen (und: jede Freiheit endet bekanntlich dort, wo die Freiheit anderer eingeschränkt wird). Im Artikel 5 Grundgesetz heißt es übrigens:

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

Und die oben beschriebenen Sendungen dürften eindeutig gegen Absatz 2 verstoßen. Leider wird dieser Absatz allzu oft vergessen, wenn mit der Meinungsfreiheit argumentiert wird.

Solche Sendungen machen es Gegnern der Meinungsfreiheit leicht, gegen sie zu argumentieren und sie einzuschränken. Genau diese Art von Fernsehen nutzte auch Viktor Orbán auch als Argument, um sein Mediengesetz durchzudrücken und die ungarischen Medien gleichzuschalten. Ich bin mir sicher, dass das ungarische Fernsehen kein bisschen besser wurde, aber die kritische Berichterstattung wurde weitgehend abgeschafft.

* Dent, würden Sie eigentlich auch einen Rollstuhlfahrer auslachen, der nicht in den Bus kommt, weil statt eines angekündigten Niederflurbusses ein älteres Modell mit Stufen und ohne Fläche zum Hinstellen kommt? Ohne Sie zu kennen: ich denke (und hoffe) doch nicht. Nach Ihrem Verständnis von Meinungsfreiheit wäre das aber durchaus legitim.

Torsten

09. November 2011, 10:10

Wie hier die Menschen erst übelst angegiftet werden, wie furchtbar ihre Wohnug aussieht, und dann alles neu gemacht wird, als ob mit dem Müll auch die Probleme verschwinden würden, ist in der Tat erbärmlich und wird den wirklichen Problemen von Messies nicht im Geringsten gerecht. Messietum ist eine schwerwiegedne psychische Störung, bei der der Betroffene für sein Verhalten wenig bis nichts kann, von daher sollte man, wenn man einen Rest Anstand und Menschlichkeit besitzt, auf diesen polemisch-anschuldigenden Tonfall den Betroffenen gegenüber verzichten, denn diese können dafür wie gesagt nichts und haben schon genug Probleme mit ihrem Leben. Fernsehkritik.TV hat auch schon einen Beitrag dazu gemacht, wo auch Indizien für Fälschungen zu sehen sind: fernsehkritik.tv/.../Start

Petra

09. November 2011, 10:56

http://nachbarsgarten.blogspot.com/

Jetzt mal Butter bei die Fische, Herr Schader,

Wenn nicht immer und überall darüber berichtet würde, übers "fremdschämen", über Briefe an Sarah

www.rhein-zeitung.de/regionales_artikel,-Sie-saugen-Deine-Seele-aus-Ein-Brief-an-Schwer-verliebt-Kandidatin-Sarah-Sat1-_arid,332817.html

oder über diese ganzen Schundsendungen, würden eine ganze Menge Leute weniger verdienen.

Fernsehkritik.tv, bildblog.de, und.... Der Schund wird wird immer weiter durch die Welt gekickt, bis auch jeder es mitbekommen hat. Und es kommen immer diesselben Kommentare. Der beste ist immer "Ich bin so froh, keinen Fernseher mehr zu haben" - Aber lustig - auch die Leuten kennen diese Sendungen in- und auswändig!

Alle haben ihre Werbeeinnahmen. Traffic auf den Webseiten erhöht doch nur die Werbung, die im Fernsehen begonnen hat.

Es sollte einfach mal NIRGENDWO von diesem Mist berichtet werden - vielleicht so einen Monat lang?

Ich lese hier immer gern mit, aber ich hätte so gern einfach nur positive Kritiken.

Mit schon fast verzweifelten Grüßen

Peer Schader

09. November 2011, 11:13

@Petra: Ich verstehe Ihren Reflex, ich hatte den auch, bin aber nach einigen Überlegungen, ob es gut wäre, das alles komplett zu ignorieren, zu der Überzeugung gekommen, dass das nicht geht. Selbst wenn ein einziger Text dagegen nichts ausrichten kann, führt er im besten Fall  zu Diskussionen und die Sender müssen sich in irgendeiner Weise zu der Kritik verhalten. Die "echten" Experten, mit denen ich telefoniert habe, sind teilweise wirklich erschüttert von dem, wie das Fernsehen Problemfälle zeigt und inszeniert. Und ich glaube, deswegen muss jedes Jahr wieder über "Einsatz in 4 Wänden", "Das Supertalent" und "Schwiegertochter gesucht" geschrieben werden. Weil diese Art Fernsehen nicht mehr von alleine weggehen wird.

Genug Butter?

@T.I.M.

09. November 2011, 11:17

****(ja, SELBST. Wenn man Markus Vaeths Bericht liest, wird klar, dass sich diese Leute in vollem Bewusstsein haben casten lassen).****

Lies nochmal....

****Insgesamt bekommt man den Eindruck dreier verarmter, kranker Menschen, die eigentlich gar nicht wissen, was hier gerade passiert.*******

The_Vanguard

09. November 2011, 12:00

Vom Erzählerischen her sind solche Messie-Geschichten etwas, bei dem sich die TV-Produzenten in ein bereits (unordentlich) gemachtes Bett legen können. Die Thematik bietet bereits von Haus aus alles, was ein solches Format benötigt: Eine emotional aufgeladene Grundproblematik, Protagonisten bei denen es menschelt, ein Problem, dessen Bewältigung man gut in 45 Minuten inszenieren kann, sowie ein objektives Ereignis, welches das Happy End trägt. Gerade bei letzterem ist dieser Themenkreis anderen, wie z.B. "Überforderte Teenie-Mütter" klar überlegen, da hier immer noch so etwas wie eine geheilte Krankheit des Kindes oder die Versöhnung mit dem Vater dazukommen muss, um die narrative Grundlage für ein klares Ende zu bieten. Messies sind deshalb ein gefundenes Fressen für die medialen Ausschlachter menschlicher Schicksale.

ThorHa

09. November 2011, 12:35

"Weil diese Art Fernsehen nicht mehr von alleine weggehen wird."

Völlig richtig, Herr Schader. Im Fernsehen, flächendeckend, herrschen dieselben Gesetze, wie inzwischen überall in der Öffentlichkeit. Die der Unterschicht. Emotional, unreflektiert, gruppengrölend, vorverurteilend, schwarz/weiss, auf das Recht des Stärkeren ausgrichtet, sich seines eigenen Wertes durch das Niedermachen anderer versichernd. Nein, es wird nicht nur von alleine nicht mehr weggehen. Es wird gar nicht mehr weggehen. Nachdem man diesem Verhalten erlaubt hat, kulturprägend zu werden. Anstatt unanständig.

Gruss,

Thorsten Haupts

Torsten

09. November 2011, 12:50

@Petra: Aber wenn man als kritischer, aufgeklärter Mensch einfach wegsieht und nichts sagt und unternimmt, lösen sich die Probleme von alleine?

Stimme Peer da völlig zu, es ist wichtig, solche unsäglichen Formate zu kritisieren und aufzuklären, was wirklich dahinter steckt, gerade, weil man annehemn muss, dass die anvisierte Zielgruppe sich eben nicht bewusst ist, was für ein Ding hier eigentlich abgezogen wird. Und die Sender verdienen wohl weniger Geld damit, wenn sie mal bei Bildblog oder Fernsehkritik erwähnt werden, sondern eher mit den Millionen unaufgeklärten Zuschauern, die eben gerade nicht Bildblog, Stefan Niggemeier oder Fernsehkritik.tv regelmäßig konsumieren. Und nicht jeder Bildblog- oder Fernsehblog-Leser ist ein "Ich bin stolz, keinen Fernseheher zu haben"-Pseudo-Nonkomformist, also bitte nicht pauschalisieren.

ThorHa

09. November 2011, 12:59

@T.I.M. - Bewusstsein:

Mag sein. Solange die Leute nicht unter Vormundschaft gestellt werden, sind sie nun einmal für sich selbst verantwortlich. Und berechtigt, als Erwachsene den grössten Blödsinn zu machen.

Deshalb argumentiere ich auch nicht rechtlich, ich will keine Instanz, die entscheidet, wann und wie lange jemand "mündig" ist. Das wird auf Dauer erstens eine Entscheidung nach Zeitgeist und zweitens würde damit noch grösserem Missbrauch Tür und Tor geöffnet.

Sehr wohl aber kann ich von verantwortlichen Erwachsenen (Sender- und Produktionsverantwortlichen, Moderatoren) verlangen, diese menschenverachtenden Sendungen zu unterlassen. Im vollen Bewusstsein, dass dieser Appell fruchtlos bleiben wird - die gesellschaftlichen Leitbilder, die ihn wirksam machen würden, existieren nicht (mehr).

Steffen

09. November 2011, 16:15

Erstaunlicherweise ist das Vorbild dieser deutschen Messie-Sendungen, die amerikanische Sendung "Hoarders", im direkten Vergleich viel professioneller. Auch diese Serie ist nicht perfekt, aber dort stehen wirkliche Psychologen vor der Kamera und die Teilnehmer bekommen "aftercare funds" um auch im Nachhinein eine Therapie machen zu können. Auch im Vorfeld wird psychologisch gearbeitet. Hier kann man natürlich immer noch darüber streiten, ob solche Krankheiten in dieser Art der Präsentation ins Fernsehen gehören, jedoch vermittelt die o.g. Sendung einen ganz anderen Eindruck als die deutschen Pendants.

J. S.

09. November 2011, 17:16

Also mir fällt auf, dass in letzter Zeit auf verschiedenen Sendern Messie-Sendungen laufen. Was ist los? Wieso wird dieses Thema plötzlich von so vielen Sendern, und dann auch noch so oft, behandelt?

Und dann frage ich mich, ob bei echten Messies (bei Scripted Reality weiß man ja nie, ob die Messies gestellt oder echt sind) auch echte Experten zu Rate gezogen werden. Wenn ich jedoch hier lese, wie die Messies behandelt werden, dann heißt das wohl, dass nur Laien am Werk sind. Wie kann das sein?

Ich weiß nicht, ob man das vergleichen kann, aber bei einem Alkoholiker kann man auch nicht einfach das Alkohol entfernen, damit seine Alkoholsucht verschwindet. Da gehört mehr dazu. Und diese Sendungen dienen nur wieder der Erniedrigung der Schwächsten der Gesellschaft, so als ob man einem am Boden liegenden Menschen noch ein paar Tritte mitgibt.

Petra

09. November 2011, 17:29

http://nachbarsgarten.blogspot.com/

Gemeinerweise hat es meinen letzten Kommentar  mit einem time-out zerrissen. Das ist sehr schade, weil ich mir immer reiflich überlege(n muss), was ich schreibe.  Bin ja nur ein kleine doofe Hausfrau, kein Journalist. Und ich meine auch, dass ich Recht habe mit meiner Kritik, dass auch die kritisierenden Bildblogs, Fernsehkritik.tv und alle anderen gut mit dem antisozialen Ping-Pong verdienen.

Der Gipfel war dann für mich der Artikel aus der Rhein-Zeitung von Frau Vera Müller mit ihrem heldenhaften im Bildblog verlinkten Brief über die „arme Sarah“. Liest man den Artikel in der Rhein-Zeitung, so erscheint direkt darunter der Werbeartikel für die Sendung von SAT 1, mit genau den Floskeln, die im Brief bemängelt werden. Und wer hat diesen Werbe-Fernsehbericht geschrieben? Siehe da –Kürzel  vm. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die gleiche Redakteurin  beides geschrieben hat?

Wie verlogen ist das??

hobbitfreund

09. November 2011, 17:33

Vor langer Zeit renovierte Tine Wittler auch mal Häuser, die einfach nur schlecht eingerichtet und verwohnt aussahen, weil die Familien für eine komplett neue Einrichtung kein Geld hatten. Heutzutage tuts das ja nicht mehr. Ich hab mir doch tatsächlich zwei Folgenanfänge Wittler angetan. Ich war beide Male so angeekelt (nicht unbedingt von dem Müll selbst, sondern von der RTL- Verfremdung und dem Ranzoomen direkt in den Schimmel etc. wohlgemerkt), dass ich nach 10 Minuten umgeschaltet hab.

Solche Artikel wie dieser hier sind Gold wert, da die meisten Zuschauer sich dieser Machenschaften nicht bewusst sind. Und desto mehr Menschen die Wahrheit verbreiiten, desto höher die Chance auf Veränderung.

Torsten

09. November 2011, 18:38

@Petra: Wenn Sie so sicher sind, dass Sie mit Ihrer Kritik Recht haben, vielleicht können Sie dann ja mal genauer erklären, wie Bildblog und Fernsehkritik an solchen Sendungen "gut verdienen"? So weit ich das sehe, sind sowohl Bildblog als auch Fernsehkritik nichtkommerzielles Privatvergnügen von ein paar Journalisten, die sich an ein aufgeklärtes, gebildetes Publikum wenden und ja gerade heftige Kritik an diesen Formaten üben und wenn überhaupt nur negative Werbung dafür machen. Der Brief an die "arme Sarah" ist eine andere Sache, das gehört in der Tat in dieselbe Boulevard-Journalismus-Ecke wie RTL selbst, aber Leute wie Bildblog oder Fernsehkritik damit auf eine Stufe zu stellen, ist völlig fehl am Platz und wird der tollen Arbeit dieser Herrschaften nicht im Geringsten gerecht.

Petra

10. November 2011, 10:30

http://nachbarsgarten.blogspot.com/

@ Thorsten

Fernsehkritik.tv ist ein Ableger der Alsterfilm, mit eingetragener Umsatzssteuernummer. Das macht man sicherlich nicht, wenn man damit nicht wenigstens die Butter auf sein Brötchen verdienen will.

Herr Niggemeier ist nicht zuletzt auch durch das Bildblog soweit in Deutschland bekannt geworden, dass er auch sicherlich aus dieser Bekanntheit Jobs bekommen hat.

Und ich stelle auch nicht die tolle Arbeit der Leute in Frage. Aber man sollte aufhören zu sagen, dass die das nur aus Nächstenliebe tun.

Und die es erreichen soll, wird es nicht erreichen.

Selbst ich bin schon in die "Fernsehfalle" getappt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Peer Schader

10. November 2011, 11:32

@Petra: Sie können das ja verwerflich finden, wenn Ihnen sonst nichts einfällt, aber Kritiker ist nunmal ein Beruf, mit dem man auch Geld verdient. Und der Vorwurf des "antisozialen Ping-Pong" an einen ganzen Berufsstand ist mir zu allgemein.

Parasit

10. November 2011, 12:23

@Petra

Eigentlich bin ich argumentativ ganz bei Ihnen, aber ein Satz stört mich:

"Und die es erreichen soll, wird es nicht erreichen."

Das impliziert, die Herren Niggemeier und Co. und der bestensfalls als "kamerauntauglich" zu bezeichnende Mann bei fernsehkritik.tv damit diejenigen erreichen WOLLEN, die solcherlei Fernsehmüll anschauen. Das wollen sie nicht, sie wollen sich aus sicherer Distanz lustig machen und ab und zu moralisch entrüsten. Zielgruppe sind einzig und allein Menschen wie sie selber, denen es etwas gibt, im Schlamm zu wühlen und festzustellen, dass er schlammig ist.

Torsten

10. November 2011, 12:56

@Petra: Dass solche Herrschaften das "nur auch Nächstenliebe" tun, habe ich nicht behauptet und sonst auch niemand. Aber es ist und bleibt doch was völlig anderes, ob ein kleiner, einzelner Blogger ein Bisschen Aufklärungsarbeit leistet und damit nebenher auch ein Wenig verdient oder ein profitgieriger Privatsender gezielt Schwächere und Wehrlose bloßstellt, um damit Millionen-Umsätze zu machen. Beides in denselben Topf zu werfen, ist und bleibt Äpfel und Birnen.

Peer Schader

10. November 2011, 13:01

Ich hätte nichts dagegen, wenn sich die Diskussion wieder zum Thema des Eintrags hin verlagern könnte.

sathomaso

12. November 2011, 22:18

Ist es Ironie, daß in solchen Wohnungen der Fernsehapparat oft das einzige noch funktionierende Mobiliar ist?

BadSchandex

13. November 2011, 11:22

Natürlich ist jeder für sich selbst verantwortlich, und es steht jedem Erwachsenen frei, seine verdreckte Wohnung im Fernsehen herzuzeigen und sich ordentlich dafür zurechtweisen zu lassen.

Ich befürchte nur, dass mit diesen Sendungen ein gewisses gesellschaftliches Klima erzeugt wird. Der Tenor bei den Messi- und vergleichbaren Formaten ist allemal: Wer unter unerträglichen Verhältnissen lebt, müsste nur mal aufräumen. Wem es schlecht geht, der ist selber schuld. Deshalb gehört auch, was unten ist, nach unten.

Selbstverständlich fällt dies alles unter Freie Meinungsäußerung. Aber es ist eben auch politische Propaganda, was da läuft.

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