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Das Fernsehblog

Rückblog 2011: Die ARD und ihre Reformlaunen

12. Dezember 2011, 08:02 Uhr

In diesem Jahr beteiligt sich – endlich! – auch das Fernsehblog am allgemeinen Rückblicksrausch. Völlig ziellos und ohne Plan geht es im Laufe des Monats an dieser Stelle um Programmtrends, die 2011 im und für das Fernsehen wichtig waren. Wenn Ihnen auch noch einer einfällt: nur her damit! (Am besten unten in die Kommentare.)

Bisher erschienen: Überdosis Castingshow.

Diesmal: Die Reformlaunen der ARD.

Jahrelang dachte man, sie bewegt sich nicht mehr, die dicke Tante ARD. Doch in den vergangenen Monaten hat der Senderverbund eine Reform nach der nächsten durch sein Erstes Programm gejagt. Das muss die Zuschauer derart überrascht haben, dass sie dem noch nicht ganz folgen können. Falls es Ihnen genauso geht: Hier steht, wo die Probleme liegen und an welchen Stellen die ARD nochmal ran müsste.

Der Spätabend

Problemgenre: Talk.
Worum geht's? Um Reinhold Beckmann zu ärgern, hat die ARD Günther Jauch überreden müssen, sonntagabends einen Polittalk für sie zu moderieren, damit "Anne Will" auf den Mittwoch verschoben werden konnte, um "Hart aber fair" auf den Montag ausweichen zu lassen und Beckmann von dort auf den Donnerstag zu vergraulen.
Wo ist das Problem? Jetzt haben alle schlechte Quoten außer Jauch.
Was nun? Jeden Abend einen "Tatort" zeigen, dann klappt's auch mit den Talks.

Der Abend

Problemgenre: Nachrichten.
Worum geht's? Darum, dass das Weltgeschehen sich erdreistet, nicht mehr in 15 Minuten "Tagesschau" zu passen. Zumindest war das in diesem Jahr mit den Aufständen in Nordafrika, dem Tsunami und der Atomkatastrophe in Japan, dem UN-Einsatz in Libyen, der Gefangennahme Osama bin Ladens und Muammar Gaddafis, der Wahl des ersten grünen Ministerpräsidenten Deutschlands, der Griechenland-Pleite und der Euro-Krise der Fall. 27 Mal entschied man sich bei ARD aktuell deshalb, im Anschluss an die 20-Uhr-"Tagesschau" einen "Brennpunkt" zu zeigen (eine Auswahl steht noch online) – und der Dezember mit seinem beliebten "Winterchaos" auf deutschen Autobahnen ist noch nicht mal halb rum. 2010 waren es übrigens 24, 2009 gerade mal 17 "Brennpunkte".
Wo ist das Problem? Eines? Ha! Da gibt es haufenweise. Zum Beispiel, dass wir uns ausgerechnet an Tagen, an denen die Lage offensichtlich besonders kritisch ist, die Nachrichten plötzlich von Leuten erklären lassen sollen, die besonders wenig vom Moderieren verstehen: von ARD-Chefredakteuren (siehe Fernsehblog 2011 und Fernsehblog 2010).
Und dass die angestrengte Mischung aus Expertenbefragung, Korrespondentenparade und Wiederholung von Fakten, die gerade schon in der "Tagesschau" erklärt wurden, die Zuschauer oft nicht schlauer macht, sondern bloß verwirrter.
Und dass Korrespondenten, wenn sie sich dafür entscheiden, über Krisen zu berichten, nicht in albernen Columbo-Trenchcoats auf Dächern rumstehen sollten, um von dort in die Kamera hineinzuspekulieren, weil das nämlich vom Nutzwert nicht mehr weit von der "heute show"-Greenbox entfernt ist.
Oder, um's mal knapp zusammenzufassen: der "Brennpunkt" ist das Problem. Alles daran.
Was nun? Wenn auf der Welt tatsächlich etwas außerordentlich Wichtiges passiert – kann man dann nicht einfach die "Tagesschau" verlängern? Einfach nur um exakt soviele Minuten, wie es etwas zu berichten gibt? Und ein allgemeines Chefredakteur-Moderationsverbot verhängen? Ginge das auch?

Der Vorabend

Problemgenre: Unterhaltung.
Worum geht's? Weil im Laufe der Jahre unterschiedliche ARD-Koordinatoren den Vorabend im Ersten konsequent heruntergewirtschaftet haben, indem sie erfolglos Trends aus dem Privatfernsehen kopierten, kopiert sich die ARD jetzt selbst, um wieder erfolgreich zu werden. Dafür hat sie nicht nur ein schlaftablettiges Kai-Pflaume-Quiz gestartet, sondern auch drei neue Vorabendkrimiserien unter dem Motto "Heiter bis tödlich", die eine Mischung aus "Großstadtrevier" und "Mord mit Aussicht" sein sollen.
Wo ist das Problem? Die Vorabendkrimiserien sind unter dem Motto "Heiter bis tödlich" gestartet und sollen eine Mischung aus "Großstadtrevier" und "Mord mit Aussicht" sein. Das funktioniert nur sehr bedingt, weil die Reihen sich nicht entscheiden können, entweder richtig Mainstream oder richtig ironisch zu sein. Vor allem aber sind sie kaum auseinander zu halten. Das liegt auch daran, dass sich die Konstellationen fast gar nicht unterscheiden (selbst ansehen?). Immer wird irgendein Großstadtermittler aufs Land versetzt und muss sich dort mit den örtlichen Gesetzeshütern zusammenraufen. Im ZDF kriegt das Vorabendpublikum immerhin eine deutliche Differenzierung angeboten: eine Küstenwache ist kein Bergdoktor ist kein Sonderkommando. Die ARD verwirrt hingegen nicht nur mit Titeln wie "Nordisch herb", "Hubert und Staller", "Henker & Richter" – sondern auch mit sage und schreibe 19 (!) neuen Hauptcharakteren, die innerhalb von zwei Wochen mit den drei Krimis eingeführt wurden. Wer soll die denn alle auseinanderhalten?
Ach so, und "Drei bei Kai": Das ist halt, wie gesagt, viel zu schlaftablettig für den Freitagvorabend.
Was nun? Erstmal den Gottschalk abwarten. Und überlegen, ob das wirklich eine gute Idee ist, die Zahl der Hauptcharaktere nochmal zu verdoppeln, wenn im kommenden Jahr die nächsten Regionalkrimis "Alles Klara", "München 7" und "Fuchs und Gans" starten. Sonst ist's im Vorabend nämlich bald wieder: Zappen & Duster.

Der Rückblog zu den Programmtrends 2011 geht weiter. Bald an dieser Stelle. Noch Vorschläge?

Screenshots: Das Erste

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Kommentare

Flo

12. Dezember 2011, 08:55

Perfekt auf den Punkt gebracht!

Uli

12. Dezember 2011, 09:39

"Wenn auf der Welt tatsächlich etwas außerordentlich Wichtiges passiert – kann man dann nicht einfach die "Tagesschau" verlängern? Einfach nur um exakt soviele Minuten, wie es etwas zu berichten gibt?"

Das habe ich noch nie verstanden, warum man so krampfhaft an diesem 15 Minuten Raster festhält. Die Verlängerung kann man ja zu Beginn einmal ansagen und der Zuschauer muss halt dann auf die Uhr kucken wenn er genau um 20:15 Uhr etwas sehen will.

Da müsste man sich dann auch überlegen was es denn wirklich noch mehr zu berichten gibt und nicht einfach nur wiederholen was in der Tagesschau fünf Minuten vorher schon mal gesagt wurde ("heute war Eurorettungskrisengipfel Nr. 248...").

Raoul

12. Dezember 2011, 11:37

http://www.goodnewstoday.de

Da schließe ich mich @Flo an !

Themenvorschlag: Die inflationäre Häufigkeit von Tatort-Sendungen in der ARD.

Mirko

12. Dezember 2011, 12:31

Talk: Wenn ja wenigstens nicht immer dieselben Nasen zu immer denselben Themen immer dieselben "Argumente" bringen würden. Oder irgendwelche Ersatz-Themen aus dem Hut gezaubert würden, die nun wirklich kaum jemanden jucken. Und warum ausgerechnet Jauch so hohe Quoten hat, ist mir ein Rätsel. Der ist als Moderator so einer Sendung so gut geeignet wie ein 4wöchiger Chihuahua als Wachhund...

Nachrichten: Eine Viertelstunde für den Überblick - warum nicht. Zeit für Hintergründe - auch nicht schlecht. Nur warum muss jedes Mal ein eilig zusammengeschusterter Brennpunkt das ganze Programm durcheinander bringen? (Zumal man ja auch nicht unbedingt den Programmplatz der Mutantenstadlkrimitalkshow einschaltet wenn man Hintergründe zur Euroüberflutung bei japanischen Revolutionen wissen will...)

Aber ob unregelmäßige Verlängerungen die Lösung sind? Gut, man wird nicht ganz so lang mit Unsinn genervt (wenn man nicht ohnehin wegzappt). Aber warum nicht auch mal ein ausgiebiges Nachrichtenjournal zu regelmäßigen(!) und arbeitnehmerfreundlichen(!!) Zeiten? Wäre mir jedenfalls lieber als diese Klatschmagazine, die Feuerwehrleute beim Unfall des Lokaladels mit Kamerateams aufhalten und Tagesthemen, die irgendwann zwischen 21.00 und 23.45 vielleicht gesendet werden. Wenn sie nicht wegen einem Brennpunkt um 20.15 und der verschobenen Sendungen ausfallen...

Oder auch einfach mal ein flexibleres Programm auf Phoenix.

Unterhaltung: Ja gibt's denn nur Volksmusik, Seifenopern, Quizshows und Klischeekrimis, die meist auch nur Seifenopern mit Leiche sind?

Uli

12. Dezember 2011, 12:52

"Jetzt haben alle schlechte Quoten außer Jauch."

Mir ist bis heute unklar woher dieser Trend zu Poltik-Talks kommt. Ich habe mir mal eine Sendung Jauch zum Thema "Essen für die Tonne - Wie stoppen wir den Wegwerf-Wahnsinn?" angesehen und fand das total unbefriedigend, obwohl mich das Thema brennend interessiert.

Bei fünf Gästen kommt man mit einer Sendezeit von 60 Minuten, minus mehrerer Einspieler, Vorwort und Zwischenfragen auf gefühlte 7,5 Minuten Zeit pro Person etwas von Substanz zu sagen. Werden in der Zeit dann noch Sprechblasen abgesondert, ist der Erkenntnisgewinn nach einer kompletten Sendung für mich gleich null.

Zumal sich kaum ein Thema in so einer kurzen Zeit befriedigend in allen Facetten beleuchten lässt. Allein das Thema Mindesthaltbarkeitsdatum hätte eine eigene Sendung füllen können und das war nur ein Gesichtspunkt von vielen.

nona

12. Dezember 2011, 17:55

Äh... "Gefangennahme"...?

mathepauker

12. Dezember 2011, 19:01

http://mathepauker.de/

> Das habe ich noch nie verstanden, warum man so krampfhaft an diesem 15 Minuten Raster festhält.

Die Tagesschau ist ja nicht nur im Ersten, sondern auch in den dritten Programmen zu sehen. Die werden von einer verlängerten Tagesschau, nach der sie ihre Abendprogramm ausrichten müssten, bestimmt nicht immer begeistert sein. Für sie könnte man – wie bei Großereignissen, bei denen die Tagesschau im Ersten nicht um 20 Uhr beginnt – zwar eine eigene Ausgabe produzieren. Aber dazu müsste zeitnah ein zweiter Sprecher bereitstehen. Und was das alles wieder kostet…

Ente

12. Dezember 2011, 19:20

Ein Thema, das mir noch beleuchtenswert erscheint:

Die Zukunft der deutschen Moderatorenschaft.

Trend 2011 war ja das große Bäumchen-wechsel-dich-Spielchen: Pilawa zum ZDF, Pflaume zur ARD, Gottschalk zur ARD, Kerner zu Sat.1, Jauch zur ARD, Pocher (wer?) zu RTL, Joko und Klaas zu ProSieben, Joko und Klaas zu ZDFNeo, Opdenhövel zur ARD.

Alle sind in diesem Jahr gewechselt, haben einen Wechsel angekündigt oder man kann nun erst die Früchte ihres Wechsels erkennen.

Man kann nun eine erste Bilanz ziehen...sowohl inhaltlich (z.B. Pilawa moderiert genauso belang- und lieblos wie im Ersten) als auch erfolgsorientiert (Kerner wird abgesetzt).

Daneben die Frage nach der Moderatorenjugend. Trauen sich die Sender nicht mehr, jungen Leute eine Bühne zu geben? Oder wenn, dann nur im Spartensender oder nächtens? Wer sind denn überhaupt potenzielle Showmaster von morgen? Pierre M. Krause, Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf sind die einzigen, die mir ad hoc einfallen. Und die letztgenannten sind scheinbar schon omnipräsent auf allen verfügbaren Kanälen.

Dazu kommt die noch ungeklärte Nachfolge Gottschalks auf dem großen Sofa. Ein Nerv-Thema, aber vielleicht gerade das Symptom dieses Vakuums in der deutschen Landschaft?

BlueKO

13. Dezember 2011, 03:25

Trendthema zum Jahresende:

Sogar RTL-Zuschauer fangen an die Realität hinter Scripted Reality zu verstehen. Damit ist der Anfangspunkt zum Untergang dieses "Genres" in den nächsten Jahren gesetzt. Ähnlich der Entwicklung von 9live.

Und zum Glück scheint auch die Ära Bohlen so langsam ein Ende zu finden.

(Es wird einem fast Angst und Bang bei dem Gedanken was danach bei RTL passieren wird.)

TOPCTEH

13. Dezember 2011, 09:14

Zu "Zappen & Duster" fällt mir ein, dass ich aufgrund des auf allen Kanälen grottigen Programms nicht mal mehr zappen mag und daher die Glotze duster bleibt.

P.S.: Heißt es nicht Sonder_kommission_ anstatt Sonder_kommando_? (Wobei ich ja gerne von einer actionreichen, aber patriotismusarmen, Serie über Sonderkommandos, wie SAS/GSG 9/SWAT/Navy Seals/whatever träumen darf.)

Wolfgang

14. Dezember 2011, 12:29

http://fastvoice.net

Kleine Ehrenrettung für die "Tagesschau": Ich habe in letzter Zeit schon mehrfach Ausgaben gesehen, die bis ca. 20.16 bzw. 20.17 Uhr gingen - also ganz so starr wie beschrieben ist das offenbar nicht mehr.

Hat natürlich den Nachteil, dass man den Anfang von Sendungen verpasst, die in einem anderen Programm pünktlich um 20.15 Uhr beginnen. Wobei das eigentlich eine prima Strategie sein könnte, die Zuschauer bei der ARD zu halten - einfach öfter mal bis 20.20 Uhr senden ;-)

Sandrine

14. Dezember 2011, 15:38

Ich kann alles 100%ig unterschreiben.

Talk: von der Qualität müssten eigentlich Will und Maischberger überleben. Die sind doch um einiges besser als Jauch und Plasberg- aber Jauch wird man garantiert nicht absetzen.

Nachrichten: Tagesschau einfach um 19.45 beginnen lassen und auf eine halbe Stunde ausdehnen. Dann fehlt irgendwo im Vorabend eine Viertelstunde, die man mit Krimisoaps füllen muss.

Vorabend: Regionalkrimis gibts schon gedruckt in Hülle und Fülle, die meisten davon von bestenfalls schlechter Qualität. Warum also sollte der ARD der große Wurf gelingen, dass sie etwas ala Jörg Juretzka oder Eifelkrimis hinkriegen?

Na, ich hoff bloß, dass RTL im nächsten Jahr so einen Umbruch durchmacht ;-)

pilotenvereinigung

15. Dezember 2011, 01:48

Ich sehe gerade Herrn Trittin in der Anne Will Sendung am 14.12.2011 in der er den Saubermann betreffend des Bundespräsidenten spielt.

Mann sollte Herrn Trittin einmal befragen ob es in Ordnung sei dass er sich nach einer Veranstaltung offiziell zum Bahnhof in Leer zwecks Bahnfahrt bringen lässt, nur um sich dort inoffiziell abholen zu lassen und am Flugplatz in Leer Nüttermoor in eine privat gecharterte Turboprop Maschine zu steigen.   Das nenne ich echtes Umweltbewusstsein und Aufrichtigkeit!

Howie Munson

15. Dezember 2011, 11:08

19:45 geht nicht wenn keine Werbepuase in der Tagesschau haben will....

in der Viertelstunde macht die ARD doch ihren Haubtumsatz bei der regulär gebuchten Werbung... (und nur deswegen gibt es die unter 3 Minuten Sendungen "Wissen vor acht", "wtter im Ersten"  und "Börse im Ersten", eben um den Platz zwischen der Werbung zu füllen und paar leute zum durchhalten bis zu den "richtigen" Nachrichten zu bewegen...

wäre dann also in zukunft ab 19:40 "Tagesaufmacher vor 8" "Sport vor 8" und die beiden anderen und informierter wär man trotzdem nicht...

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