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Das Fernsehblog

Rückblog 2011: Eine Chance für kleine Sender! Lasst die Digitalkanäle leben

21. Dezember 2011, 17:33 Uhr

In diesem Jahr beteiligt sich – endlich! – auch das Fernsehblog am allgemeinen Rückblicksrausch. Völlig ziellos und ohne Plan geht es im Laufe des Monats an dieser Stelle um Programmtrends, die 2011 im und für das Fernsehen wichtig waren.

Bisher erschienen: Überdosis Castingshow; Die ARD und ihre Reformlaunen; Warum die "Super Nanny" nicht wegen Scripted Reality gekündigt hatWird bei "Undercover Boss" geschummelt, Herr Küttner?

Diesmal: Warum die Digitalsender für ARD und ZDF wichtig sind.

* * *

Weil gerade alle so fleißig dabei sind, die Digitalkanäle von ARD und ZDF wegzumobben: Wie wär's denn, wenn wir das hässliche Wort "abschaffen" durch das freundlichere "zusammenlegen" ersetzen?

In der ganzen Debatte, die Kurt Beck in einem Interview angestoßen hat, das noch gar nicht erschienen ist, würde es sich nämlich lohnen, auch mal über Inhalte zu sprechen. Von denen Beck als Vorsitzender der Rundfunkkommission der Länder bloß am allerwenigsten Ahnung, zumindest wenn es ums Fernsehen geht. Vor einem Monat forderte er – wegen des Lärms um Kandidatenmanipulation bei "Schwer verliebt" in Sat.1 – bereits die "Überprüfung von Kuppelshows" und warf die auch noch mit Scripted Reality durcheinander. (Das geht vielen Medienjournalisten ja ähnlich, aber da lässt sich ja leicht Abhilfe schaffen.)

Im Gespräch über die Digitalsender, das vom Branchenmagazin "Promedia" in seiner Januar-Ausgabe veröffentlicht wird und bereits vorabgemeldet wurde, sagt Beck nun, er könne sich vorstellen, "dass ARD und ZDF zunächst ihre Infokanäle aufgeben und Phoenix als gemeinsamen Ereignis- und Dokumentationskanal stärken". Zudem sehe er "keine Notwendigkeit, neben den hervorragenden Kultursendern Arte und 3sat zwei weitere öffentlich-rechtliche Kulturkanäle anzubieten".


Rundfunkkommissions-Chef und TV-Spezialist Kurt Beck möchte gerne die Digitaklsender von ARD und ZDF abschaffen.
Das Bild zeigt aber natürlich Pit den Panda aus dem "TV Lab" bei ZDFneo.

Kurt Beck hat mit großer Wahrscheinlichkeit noch nie angesehen, was er da abschaffen will (nachdem er es übrigens im 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag selbst genehmigt hat). Sonst wüsste er, dass das in diesem Jahr relaunchte zdf.kultur von 3sat und Arte so weit weg ist wie – sagen wir: Medienpolitiker von der Fernbedienung, und dass die Konzepte von Eins Extra und zdf.info, so sehr man sie auch kritisieren kann, Phoenix zum implodieren brächten, wenn man die Ideen dort auf Sendung gehen ließe.

Natürlich muss man darüber reden, ob ARD und ZDF jeweils drei Kanäle brauchen, um ein Programm für eine jüngere Zielgruppe zu machen. (Die brauchen sie nämlich eher nicht.) Man muss aber auch dazu sagen: Vermutlich war zumindest das ZDF in den vergangenen 20 Jahren nicht so kreativ wie in den zurückliegenden zwölf Monaten – und zwar genau wegen seiner Digitalkanäle.

Es hat zwar eine halbe Ewigkeit gedauert, aber inzwischen haben die Verantwortlichen in Mainz durchaus begriffen, dass es dem ZDF gut zu Gesicht steht, junge Leute ein Fernsehen machen zu lassen, dass dann – potenziell – auch von jungen Leuten gesehen wird.

zdf.kultur hat im Sommer mehrere Wochenenden nacheinander von den größten Musikfestivals Europas berichtet und kümmert sich regelmäßig um alternative Musikkultur. Sowas hat es (in diesem Umfang) im deutschen Fernsehen lange nicht gegeben. zdf.info versucht, sich mit Experimenten wie "heute plus" und dem Talk "log in" seinem Publikum zu öffnen. Und obwohl ZDFneo über zwei Jahre nach dem Sendestart mit echten Programminnovationen immer noch arg sparsam umgeht, hat der Sender es geschafft, 2011 die einzige politische Talkshow des deutschen Fernsehens im Programm zu haben, bei der man Politikern wirklich zuhören mag; eine ganze Woche neue TV-Ideen zu zeigen und die Zuschauer darüber abstimmen zu lassen; und sich die Herren Heufer-Umlauf und Winterscheidt zu krallen, die mit "neo Paradise" gerade donnerstäglich eine Sendung hinkriegen, die so vollgestopft ist mit lustigen Ideen, dass Harald Schmidt damit einen ganzen Monat bestreiten würde.

Wie gesagt, über die Qualität lässt sich im Einzelnen immer streiten.

Aber eines haben die Digitalkanäle geschafft: Sie haben dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen die Panik davor genommen, immer gleich den kompletten Quotenabsturz beim Stammpublikum zu riskieren, nur weil mal jemand was anders macht als die Mehrheit der Zuschauer es erwartet.

Das Problem der Digitalsender ist ein ganz anderes. nämlich dass die Kanäle gleichzeitig als Ausrede dafür funktionieren, im Hauptprogramm nichts verändern zu müssen. Wer keine Lust auf 60 plus hat, soll halt Nische gucken.

Das ist natürlich eine Unverschämtheit: einen winzigen Teil der Gebührengelder für innovative Programme auszugeben, damit der Großteil weiter für ein Programm ausgegeben werden kann, das beim jüngeren Publikum zunehmend in der Bedeutungslsogkeit verschwindet.

Das zweite Problem ist die ARD, die in den vergangenen Monaten demonstriert hat, wie wenig Interesse sie daran hat, ihrem Publikum ein passendes Programmangebot zu machen. Sonst wären die beiden Sender Einsplus und Einsfestival nämlich schon längst fusioniert, wie es vor einem Jahr mal der Plan war. Wegen gegensätzlicher Interessen von SWR und WDR (die federführend für die beiden Digitalsender verantwortlich sind) ist es dazu nicht gekommen. Dabei wären Zusammenlegungen die einzig richtige Konsequenz, um all die Ideen, die sich derzeit über jeweils drei Sender verstreuen, zusammenzufügen. (Übrigens auch beim ZDF.) Das wird kaum mit etablierten Kanälen wie Arte, 3sat oder Phoenix klappen, denen kein Mensch einen derart radikalen Programmwechsel abnehmen würde.

All das müsste man in die Überlegung einbeziehen, in welcher Form ARD und ZDF künftig Digitalkanäle erlaubt sein sollen.

Sich einfach hinzustellen und die Abschaltung zu fordern, kann jedenfalls nicht die Lösung sein. Weil das öffentlich-rechtliche Angebot dann nämlich tatsächlich schlechter würde als es derzeit ist.

Screenshot: ZDFneo

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Veröffentlicht 21. Dezember 2011, 17:33 von Peer Schader
Kommentare

foo

21. Dezember 2011, 18:01

Tja, der Herr Beck. Wenn er denn mal die Zeit hätte, aufmerksam TV zu gucken (oder ggfls. gucken zu lassen), käme er sicherlich bald auf die Idee die "Dritten"  der ARD aufgrund ihrer hanebüchenden Redundanz ein bisschen zusammenzustreichen. Das wäre dann imho auch gar nicht mal so verkehrt.

Peer Schader

21. Dezember 2011, 18:04

@foo: Nää, SWR guckt er bestimmt, das ist doch sein Heimatsender. (Mit ausreichend Beck im Programm.)

Michael

21. Dezember 2011, 19:23

Die Argumentation im Artikel, Digitalkanäle müssen erhalten bleiben, damit sich ARD+ZDF etwas trauen, ist für mich nicht nachvollziehbar. Der Bedarf nach solchen Kanälen würde sich erübrigen, wenn die ganzen neuen tollen Formate, die sowieso nur ein Bruchteil der Bevölkerung empfangen können, in den Hauptprogrammen bzw. bei Arte/3Sat/Phoenix gezeigt werden würden.

Alleine die Argumentation, man braucht Digitalkanäle, weil man dort was machen kann, was man sich zu unrecht woanders nicht traut und deswegen braucht man Digitalkanäle ist ein teurer und sinnloser Zirkelschluss...

Letztendlich ist das nur die argumentative Unterstützung der fehlenden Risikobereitschaft alter ÖR-Sesselfurzer...

nona

21. Dezember 2011, 20:15

Ein "Problem" der Digitalkanäle ist übrigens nicht zuletzt ihre immer noch relativ geringe Reichweite bzw. Verbreitung. Vieles sähe anders aus, wären sie genauso flächendeckend ohne weiteres empfangbar wie ARD und ZDF.

Die Dritten sind übrigens nicht wirklich redundant, nichtmals in ihrer internen nochmaligen Unterteilung. Inhaltlich regional und lokal gefärbte Programmgestaltung dieser Art ist richtig, wichtig, und meines Erachtens notwendig. Im Gegenteil ist es eher noch zu kritisieren, dass auch nicht alle Dritten überall gleich gut zu empfangen sind (siehe oben).

skeptiker01

21. Dezember 2011, 22:52

Jener Beck ist einer der kulturlosesten Kommunalpolitiker Deutschlands. Er ist völlig zu Unrecht Vorsitzender der Rundfunkkommission. Kreative sind ihm verdächtig, Innovation beunruhigt ihn. Wen wundert es, dass er Gründe findet, die Digitalsender abzumurksen. Merke: Kein Murks ist so vermurkst wie Becks Murks. Man betrachte das Projekt "Nürburgring 2009". Da zeigt sich Becks wahre Expertise.

Peer Schader

22. Dezember 2011, 15:41

(Das hat nichts mit den vorangegangenen Kommentaren zu tun.)

Die Kommentare in diesem Blog sind nicht dafür geeignet, dass irgendwelche Verbände hier ihre geringfügig umformulierten Pressemitteilungen einstellen. Danke.

hobbitfreund

22. Dezember 2011, 16:05

Schade, dass man beim ZDF die Illner nicht durch "log in" ersetzt. Bei Illner schlaf ich immer irgendwie ein (besonders seit Anne Will die ganze Diskussion schon mittwochs mit teilweise viel interessanteren Gästen vorwegnimmt).

Aber das wäre wohl wirklich zu viel verlangt. Genauso wie tolle Serien auf Neo nicht erst ab 22.30 zu senden oder  Phoenix nicht langsam dem n.tv/ n-24 Niveau anzunähern. Oder im Ersten oder Zweiten einen Primetimeabend in der Woch den jüngeren Zuschauern zu schenken. Das ist doch echt sehr einfach. ZDF: z. B.  "Mad Men", "Neo Paradise" etc., ARD Wdh. "Türkisch für Anfänger", "Es geht um mein Leben" etc. ...

Ich finde die Digitalkanäle toll und wichtig (zumindest die 3, die ich empfange und neo  leider erst ab 9). Nur erreichen sie (noch) nicht wirklich viele Zuschauer. Und Kurt Beck schon mal gar nicht.

Oh, und was mir echt auf den Zeiger geht, ist, dass die Dritten sich anscheinend niemals über ihr Programm absprechen (ich weiß, sie müssen nicht) und es dann oft vorkommt, dass einige Filme (das um Himmels- Willen -Weihnachtsspecial z. B.) in einer Woche 3-4 Mal laufen, teilweise sogar 2-mal an einem Tag. Und am Wochenende kann man sich mehrmals die aktuelle Folge von "In aller Freundschaft" angucken.  Als ob man nichts besseres zu senden hätte.

Aufrechtgehn

23. Dezember 2011, 11:24

http://www.aufrechtgehn.de

Gleich vorweg: ich empfange all die tollen Digitalkanäle von ARD und ZDF derzeit noch nicht, habe mich jetzt aber (zähneknirschend, weil ich meinen Kabelanbieter hasse und ihm eigentlich nicht noch mehr Geld in den Rachen werfen will) zur Umstellung auf Digitalkabel entschlossen, unter anderem wegen der Lobesarien für ZDF_neo in diesem Blog.

Und eigentlich empfinde ich es noch immer als Unverschämtheit, dass die öffentlich-rechtlichen sämtliche innovativen Programmideen auf schwer empfangbaren Nischensendern verstecken, während die Hauptprogramme in Seichtheit ersaufen. Ich habe nur mittlerweile die Hoffnung aufgegeben, dass sich daran noch mal etwas ändern wird. Jedenfalls solange die derzeitige Hauptnutzergruppe von ARD und ZDF noch nicht gestorben ist und jede neue Rosamunde-Pilcher-Verfilmung mit Traumquoten belohnt. Also voraussichtlich die nächsten zwanzig bis dreißig Jahre. Bis dahin gehöre ich dann selbst zur Generation 60+ und werde vermutlich genau so innovationsfeindlich sein wie Kurt Beck.

Und so würde ich mir dann doch wünschen, dass die bestehende Vielfalt der öffentlich-rechtlichen Experimentierkanäle möglichst weitestgehend erhalten bleibt. Auch, damit wenigstens ein paar neue Programmideen bereitstehen, wenn sich das Erste / Zweite dann in zwanzig-dreißig Jahren doch mal erneuern müssen...  

Robert

24. Dezember 2011, 02:45

http://www.RTiesler.de

@Aufgehtgehn: Um die ARD/ZDF-Digitalkanäle im Kabel zu empfangen, müssen Sie Ihrem Kabelanbieter kein zusätzliches geld in den Rachen schieben. Die Sender speisen die Anbieter nämlich ohne Mehrkosten ein.

Peer Schader

24. Dezember 2011, 14:18

@Robert: Aber die Umstellung von analog auf digital kostet leider monatlich.

Robert

26. Dezember 2011, 00:50

http://www.RTiesler.de

Nein. Das ist nicht so.

Außer die Kosten für den Receiver natürlich. Der Kabelanbieter stellt das digitale Signal ohne Aufschlag zur Verfügung. Ich zahle jedenfalls nichts extra.

Nur wenn man mehr als die ARD/ZDF-Sender sehen will, zahlt man den Aufschlag.

Peer Schader

27. Dezember 2011, 12:53

@Robert: Und Sie schalten dann immer zwischen analog und digital, wenn sie mal nicht öffentlich-rechtlich sehen wollen? Bisschen nervig, oder?

Bei Kabel Deutschland kostet der Komplett-Switch von analog auf digital jedenfalls 2,90 Euro monatlich, und das ist für die meise Bildqualität, die dann ins Haus kommt, schon ziemlich viel.

Axel

27. Dezember 2011, 19:52

@Peer

Robert hat Recht :)

einfach mal digitalen Receiver dran hängen und sich wundern was da auf einmal alles auftaucht.(ohen auf digital gestellt zu sein)

Jedenfalls bei KabelBW so, ohne extra Kosten.

Und gute Receiver können sowohl digital als auch anlog bzw. Fernseher.

Das ist Zukunft ;)

Robert

31. Dezember 2011, 15:15

http://www.RTiesler.de

@Peer: Nein, das ist gar nicht nervig, weil nicht mehr als ein Knopfdruck.

Robert

31. Dezember 2011, 15:16

http://www.RTiesler.de

@Axel: Bei Kabel Deutschland ist das auch so.

Die Anbieter sind dazu verpflichtet, die Öffis ohne Mehrkosten digital bereitzustellen.

AndreasP

22. Januar 2012, 06:24

Das Problem ist doch, was auf den "Info"-Kanälen und bei Phoenix und bei 3SAT und in den Dritten gesendet wird. Jedes Dritte sendet jeden Tag eine Unterhaltungssendung für Rentner (das macht doch aber auch schon das ZDF) und ein bis zwei alte Tatorte oder Polizeirufe. In dieser Zeit könnte man innovatives bringen. Die Infokanäle und Phoenix dagegen bringen die xte Wiederholung irgendeiner Pseudo-Dokumentation, gerne was mit Hitler, und dabei auch noch in Dauerberieselung wochenlang und tagelang das immer gleiche. Und am Feiertag kommen dann zwanzig Folgen irgendeiner uninteressanten Programmfüller-Dokuserie (60 deutsche Jahre oder ähnlicher Quark) am Stück, und das ganze dann nochmal wiederholt.

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