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Das Tabu der häuslichen Gewalt
21. Oktober 2009, 15:28
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Ich war noch keine vierundzwanzig Stunden in Istanbul und hatte schon ein blaues Auge. Es ist nichts Schlimmes passiert, die Sache ist mir eher peinlich: In einem gut besetzten Café mit einer Glastür, die andere scheinbar ohne größere Schwierigkeiten meistern, bin ich zielstrebig gegen diese Glastür gerannt. Sie war so blank geputzt, dass ich sie einfach nicht gesehen habe. Jedenfalls ist mein rechtes Auge jetzt zugeschwollen und schimmert rot und blau.
Das an sich wäre natürlich noch keinen Blogeintrag wert. Erstaunlich waren aber die Gespräche, die sich in den kommenden Tagen an meinem blauen Auge entzündeten. Der erste, der mich darauf ansprach, war am folgenden Morgen der Verkäufer im Zeitungskiosk. Was ich denn mit meinem Auge angestellt hätte, fragte er mich. „Ich bin gegen eine Glasstür gerannt." Er, nach einem langen Blick und Pause: „Nenn' es wie Du willst. Aber merke Dir: Die türkischen Männer sind Tiere. Wenn er das noch mal machen sollte, dann sag Bescheid. Ich werde mich dann um ihn kümmern." Ich beteuerte, dass es tatsächlich eine Glastür gewesen sei, doch er wollte sich nicht von mir überzeugen lassen. Genauso wenig der Polizist, der mich später auf der Straße ansprach und auch nicht der Kellner abends im Restaurant. Diese Fürsorglichkeit fand ich irgendwie reizend. Vor allem aber erregte sie mein Unbehagen.
Erstens, weil mein blaues Auge von den türkischen Männern sofort auf einen schlagenden Geschlechtsgenossen zurückgeführt wurde - ganz so, als sei das hier tatsächlich eine Selbstverständlichkeit (in Deutschland hätte man zunächst vielleicht einen Ski- oder sonstigen Unfall vermutet). Zweitens, weil niemand mir die Geschichte von der Glastür glauben wollte - als sei man es gewöhnt, dass geschlagenen Frauen ihr Schicksal verheimlichen. Und drittens, weil die Aufmerksamkeit meinem blauen Auge gegenüber nur von Männern kam, nicht aber von Frauen.
Ich erzählte türkischen Freundinnen davon. Ihre erste Reaktion war: „Eine türkische Frau würde niemals auf ihr blaues Auge angesprochen werden. Du bist nur darauf angesprochen worden, weil Du eine Ausländerin bist - eine von den sauberen Ausländerinnen."
Sie mussten mir beide Sätze erklären:
Häusliche Gewalt ist in der Türkei ein riesiges Problem - dass Männer ihre Frauen prügeln, gehört zum Alltag. Einer Regierungsstudie zufolge sind mehr als fünfzig Prozent der türkischen Frauen schon einmal von einem Familienmitglied geschlagen worden. Zumeist ist es der Ehemann. Nur wenige der misshandelten Frauen zeigen ihn bei der Polizei an. Türkische Frauenorganisationen wir Mor Cati haben offen gelegt, dass Polizisten die Anzeigen von Frauen oft nicht ernst nehmen und dass Richter den Männern Straferlass gewähren, wenn sie ihre Gewalttätigkeiten mit „Wahrung der Familienehre" begründen.
Laut der Studie ist häusliche Gewalt vor allem in ländlichen Gebieten verbreitet. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ehemann prügelt, nimmt mit steigendem Bildungsniveau ab. Und dennoch wird auch im städtischen Milieu misshandelt. Die Frauen kaschieren ihre blauen Augen mit Sonnenbrillen oder bleiben zu Hause, bis die Wunden verheilt sind, deshalb fallen die Opfer im Stadtbild wenig auf. Darüber zu sprechen ist ein absolutes Tabu. „In der Türkei gibt es eine Redewendung: Einen gebrochenen Arm sieht man nicht, denn der kaputte Knochen wird von der Haut geschützt", erklärten mir die türkischen Freundinnen: Will heißen: Was in den eignen vier Wänden geschieht, geht niemanden etwas an. Wichtig ist, nach außen die Form zu wahren.
Mit diesem Gedanken lasse sich auch das Engagement der türkischen Männer gegenüber meinem blauen Auge erklären, meinten sie. Dass in der Türkei geprügelt werde, sei für sie eine innertürkische Angelegenheit. Wenn eine Ausländerin davon betroffen sei und auch noch darüber rede, dann könnte das dem Ansehen des Landes schaden. Wobei hierbei noch zwischen Ausländerin und Ausländerin unterschieden werde. So seien viele der osteuropäischen Frauen, die in Istanbul leben, in den Augen der türkischen Männer wenig wert. Sie gelten als unehrenhaft, weil einige von ihnen den Weg über die Prostitution wählten, um dem wirtschaftlichen Elend in ihrem Land zu entkommen. Selbst wenn sie inzwischen mit einem Türken verheiratet sind, darf man sie schlagen.
Meinen Einwand, dass es sich bei meinen Gesprächspartnern vielleicht doch auch um Männer gehandelt haben könnte, die Prügeln tatsächlich nicht gut heißen, ließen die türkischen Freundinnen nicht gelten.
Und warum haben mich auf der Straße keine Frauen auf das blaue Auge angesprochen? Auch hier war die Antwort der türkischen Freundinnen klar: „Weil viele das schon einmal selbst erlebt haben. Jede weiß, wie demütigend das ist. Die meisten Frauen schämen sich, Opfer von Gewalt geworden zu sein. Deshalb schweigen sie. Sie haben den Eindruck, ohnehin nichts an der Situation ändern zu können."
Ich werde noch einige Wochen in der Türkei bleiben. Mal sehen, was noch so alles passiert.
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