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Weltenwechsel
17. November 2008, 09:00
Uhr
Ich weiß nicht, ob das jüdische Mea Shearim oder das arabische Nablus mehr Touristen im Leben gesehen hat. Aber ich weiß, dass man sich als Touristin an beiden Orten schnell als Sonderling fühlen kann.
Zunächst wegen zwei völlig unterschiedlicher Reaktionen vieler Männer auf den Straßen dort: geht man vorbei, schauen die einen hier verkrampft gen Boden, starren die anderen dort einen an; die einen wollen damit Ehebruch um jeden Fall vermeiden, die anderen hätten nichts dagegen.
Das ist natürlich politisch inkorrekt ausgedrückt, zugespitzt und eine unnötige Stereotypisierung. Aber das nehme ich mir heraus, schließlich bin ich für einige hier auch nur die Blonde aus Berlin.
Und der wird an jeder Ecke in Nablus – und in Jenin und Ramallah – zugerufen: „Welcome“. Es ist natürlich schön, so willkommen zu sein, in Berlin freut man sich ja bereits über ein durch die Lippen gepresstes „Tach“ beim Bäcker. Hier „welcomed“ mich der Busfahrer, der Falafelmann, der Gemüseverkäufer und eigentlich jeder, an dem man vorbei geht, es ruft immer aus irgendeiner Ecke. Das Willkommen ist der Auftakt des Dreiklangs: „Welcome“, „Where are you from“, „Beautiful“. Das ist ein Kompliment, Komplimente erfreuen und daher empfinde ich es nur als angemessen höflich, mich kurz umzudrehen, zu lächeln, und dann zügig trotz weiteren Zurufen meines Weges zu ziehen. So jedenfalls habe ich es bisher betrieben. Nun habe ich aber mittlerweile viel Zeit im Westjordandland verbracht und bei meinem letzten Besuch in Nablus habe ich mich dabei ertappt, das ich meinen Kopf gen Boden richte und einfach gar nicht mehr gesehen werden will. Bitte, kein „welcome“, ich fühle mich auch ohne wohl.
Es kann schwierig sein, wenn man sich permanent im Fokus der Menschen befindet. Die Frauen schauen, wenn ich mein Pitabrot mit Hummus esse und dabei versehentlich den Tisch bekleckse, die Kinder lachen, wenn mir was von der Paste an der Oberlippe klebt. Ich wäre doch gerne einfach mal ganz unauffällig.
Nablus war vor der zweiten Intifada eine international frequentierte Stadt, es gab sogar ein Touristenbüro gleich gegenüber von dem Markt im Zentrum. Und doch erregen Besucher heute Aufsehen.
In Mea Shearim, dem jüdischen Ultra-Orthodoxen Viertel in Jerusalem, ist es ebenso schwer, nicht aufzufallen. Auch wenn man sich hier bei einem Besuch der Kleiderordnung anpassen muss, die überall auf den großen Schildern angeschlagen ist: man trägt lange Röcke, bedeckt die Arme, nichts sollte eng am Körper anliegen. Und doch ist man wieder der Sonderling, wieder reagieren die Menschen – doch diesmal genau konträr: im alten Teil des Viertels, wo die Ultras der Ultra-Orthodoxen leben, schlagen sich einige Religiöse die Hände vor die Augen, sobald ich plötzlich in ihr Sichtfeld gerate. Sie wenden ruckartig ihren Kopf zur Seite, schauen gen Boden. Ein Blick auf mich und sie könnten ihre Ehe brechen, so glauben sie. Statt zu starren wehren sie ab. So befremdlich das zunächst erscheint, ich versuche mich wieder in mein Gefühl hineinzuversetzen, wie es ist, wenn man einfach nicht angeschaut werden will.
Hier der Charme, dort die Scham – so unterschiedlich die Reaktionen auf mich im palästinensischen Nablus und im jüdischen Mea Shearim sind, ihre Bewohner sind enger verbunden, als man vermutet. Gerade bei den Ultra-Orthodoxen sieht man an jeder Baustelle Araber arbeiten. Sie laufen durch die Straßen, sie verkaufen in den Lädchen.
„Das ist das Gebiet Palästina“, steht dort als hebräisches Graffitti an die Wände geschmiert. Gleich daneben: „Juden sind keine Zionisten, Zionismus ist Holocaust.“
Ein wachsender Anteil der Ultra-Orthodoxen spricht sich gegen den Staat Israel aus. Sie nehmen nicht an Wahlen teil, sie nehmen keine staatlichen Gelder an – denn für sie darf laut Tora nur der Messias am jüngsten Tag den Staat Israel ausrufen. Es sei eine Anmaßung der Zionisten, dass Menschen ein Land namens Israel regieren. Sie sehen es als Sünde, ein Land mit Gewalt zu erobern und sprechen sich, ebenfalls in Bezug auf ihre heiligen Schriften, dafür aus, stets loyal gegenüber anderen Völkern zu sein.
Es ist nur eine Strömung innerhalb der Ultra-Orthodoxen, die nicht nur in ashkenasische Juden aus Ostereuopa und Sephardim aus Spanien und Nordafrika zu unterteilen sind, sondern in viele diverse Gruppierungen zerfallen. Eine dieser antizionistischen Gruppierungen heißt "Neturei Karta", deren Rabbi Moische Arye Friedman im Dezember 2006 bei einer von der iranischen Regierung organisierten Holocaust-Konferenz Irans Präsidenten Ahmadinedschad küsste.
Für sie ist die 60-Jahr-Feier Israels ein Graus, würden sie doch lieber in Palästina leben. Sie sind gegen israelische Siedlungen und gegen die israelische Armee.
Mea Shearim grenzt direkt an die Altstadt Ostjerusalems an, die Demarkationslinie zwischen Transjordanien und Israel verlief nur wenige Meter von den Häusern der Ultra-Orthodoxen entfernt, bis Israel im Sechstagekrieg 1967 den Osten der Stadt eroberte. Viele der Religiösen versuchten damals, die Armee daran zu hindern, dieses Gebiet zu übernehmen. Ein Teil ist zwar noch arabisch, doch heute findet man sogar oben auf den Dächern im arabischen Viertl israelische Mini-Siedlungen. Dort weht die israelische Fahne, die Bewohner gelangen über die Dächer in ihre Häuschen- direkt über dem pulsierenden orientalischen Markt.
Es erscheint eigenartig, dass das Jüdische gerade in dieser radikalsten Form seinen arabischen Nachbarn am nächsten steht. Damit teilen sie Ansichten der politisch Linksliberalen, obwohl sie konträrer nicht sein könnten.
Die Männer gehen zur Synagoge, beten und studieren, während die Frauen die Kinder hüten, acht davon, wenn die Familie dem Durchschnitt entspricht.
Eine fremde Welt voller schwarzer Mäntel, Hüte, Hosen und Röcke, in der ich mich selber dabei ertappe, die Menschen zu beobachten. Aus Neugier – vielleicht genau mit dem Blick, den ich auf mir in Nablus so oft gespürt habe.
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