Zwischen Techno und Talmud
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Kriegsfront quer durch Israel

04. Januar 2009, 19:14 Uhr

Es gibt die Idee eines gerechten Krieges. Thomas von Aquin, ein Philosoph aus dem 13. Jahrhundert, erklärt hierbei den Frieden als das oberste Ziel des Krieges.

Nach einer Woche Krieg in Gaza spüre ich davon nichts. Im Gegenteil: auch wenn sich der Alltag in Tel Aviv normal anfühlt, spüre ich in Gesprächen, wie die Gräben zwischen den Menschen weiter aufklaffen und immer schwerer überwindbar werden.

Für mich persönlich bedeutet das: ich kann es Freunden auf beiden Seiten nur noch selten recht machen.

Viele meiner palästinensischen und arabischen Freunde beklagen sich, dass die Medien ein falsches Licht auf die Situation in Gaza werfen. „Die sind doch alle auf israelischer Seite", sagen sie und fordern von mir, dass ich politisch Stellung beziehe. Ich solle meinen Freunden und meiner Familie in Deutschland immer wieder deutlich machen, was für ein Massaker der Krieg in Gaza ist. Sobald ich die Raketen der Hamas anspreche, stehe ich für sie auf der pro-israelischen Seite.

Vielen meiner israelischen Freunde ist es wiederum nicht recht, wenn ich von dem Leid der Zivilbevölkerung in Gaza spreche. „Warum erzählst du nicht von dem Raketenhagel in Sderot, in Ashkelon und überall im Süden?" bekomme ich dann vorwurfsvoll zu hören und kriege Videos per Mail geschickt, in denen das Recht Israels auf Selbstverteidigung beschworen wird. Sobald ich darüber diskutieren möchte, dass die Offensive in Gaza ein Wahlkampf-Krieg auf Kosten der Bevölkerung ist, stehe ich für sie auf der pro-palästinensische Seite.

Es scheint, als gäbe es nur noch schwarz oder weiß - und keine Nuancen mehr.

Das spüre ich auch auf einer Gaza-Demonstration am Samstag in Tel Aviv. Der Rabin-Square leuchtet von weitem in rot, weiß, grün, schwarz - den Farben der Palästinensischen Flagge. Wenn man den Kopf reckt, sieht man nur wenige Meter weiter weiß-blaues-Gewusel: die Gegendemonstration rechter Israelis wartet im nächsten Straßenzug.

Am Ende der Demonstration werde ich nicht nur erfahren, dass all die Rufe der Protestler nichts genützt haben, weil die Bodenoffensive gerade begonnen hat. Ich werde auch erfahren, dass ein Professor der Universität Tel Aviv von rechten Demonstranten ins Krankenhaus geprügelt wurde. Das erzählt mir Adi Dagan von der „Coalition of women for peace in Israel". „Ich war schon bei so vielen Demos, aber noch nie habe ich eine solche Spannung gespürt, noch nie standen sich Rechts und Links so aggressiv gegenüber."

Auch ich sehe die Provokationen. Immer wieder rennen Menschen aus den Seitenstraßen auf den Demonstrationszug zu, in israelische Fahnen gehüllt, brüllen und beschimpfen sie die pro-Gaza-Aktivisten. Die Polizei muss sich immer wieder zwischen die Fronten stellen.

Doch auch auf der Seite der Kriegsgegner sieht man sie überall, die weiß-blaue Flagge Israels - klein, gleich neben der Palästinas: als Symbol auf der Fahne von Gush Shalom, der linken israelischen Friedensbewegung. Gush Shalom heißt übersetzt „Friedensblock."

Dessen Mitglieder setzen sich für eine Zwei-Staaten-Lösung ein und für das Ende der israelischen Besatzung. „Es ist mein demokratisches Recht, meine Regierung zu kritisieren", sagt Beate Zilversmidt. Die 66-jährige Jüdin ist der Überzeugung, dass Israel diesen Krieg und die Raketenbeschüsse der Hamas provoziert hat. „Nur wenn Israel aufhört mit der Blockade Gazas, mit der Besatzung und mit den Angriffen, dann wird auch die Hamas aufhören", sagt sie.

Die Mitglieder der linken israelischen Friedensbewegung bilden eine Minderheit in Israel. Laut einer Umfrage der Zeitung „Maariv" vergangenen Freitag unterstützen 85 Prozent der Befragten die laufende Militäraktion, 41,8 Prozent waren für eine Bodenoffensive.

Beate Zilversmidt fühlt sich dennoch stark: „Wir sind viele, wir sind nicht nur zehn oder zwanzig, sondern Tausende!"

Ein Urgestein, der Gründer der Friedensbewegung ist ebenfalls vor Ort. Uri Avnery hat seine Fahne geschultert und bittet darum, die Interviewfragen laut zu stellen. Seine Ohren seien halt nicht mehr so gut. Der 85-Jährige engagiert sich schon seit über 50 Jahren für einen palästinensischen Staat. 2001 erhielt der gebürtige Deutsche den alternativen Nobelpreis.

Für ihn war der Beginn der Blockade von Gaza bereits ein israelischer Kriegsakt. Mit Luftangriffen den Raketenbeschuss der Hamas stoppen zu wollen hält er für „Blödsinn." Die Bodenoffensive wird für ihn zu einer „unabwendbaren Eskalation führen." „Die Hamas wird nur stärker zurückschlagen", sagt er.

Momentan würde die Bevölkerung noch hinter der Regierung stehen, doch nach zwei, drei Wochen, so prognostiziert er, wird die Stimmung kippen. „Sobald die ersten israelischen Soldaten tot sind." Für ihn ist der Krieg in Gaza ein Wahlkampfkrieg, nichts anderes.

In der Tat sind die Umfragewerte für die Politiker, besonders für Verteidigungsminister Ehud Barak so gut wie lange nicht mehr.

Vielen meiner palästinensischen und israelisch-arabischen Freunde ist das egal. Sie sehen in dem Krieg ein Gemetzel ohne Grund, Wahlkampf spielt keine Rolle. „Arabisches Blut ist billig", höre ich von allen Seiten.

Das UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge UNRWA beklagt, dass vor allem Zivilisten die Opfer dieses Krieges sind, zwischen 20 und 25 Prozent der Toten seien Frauen und Kinder, heißt es von Seiten der UN. Nach Angaben der Rettungskräfte starben seit Beginn der Angriffe mehr als 80 Kinder.

Israel erwidert auf diesen Vorwurf, dass die Hamas Zivilisten als Schutzschilde benutzt - doch generell bedeuten militärische Aktionen in dem dicht bevölkerten und schmalen Gaza zwangsläufig viele zivile Opfer.

„Genau dagegen müssen wir uns wehren, wir müssen auf die Straße gehen und für unser Recht und unsere Freiheit demonstrieren", sagt mir ein Freund, Ahmed*, aus dem Westjordanland. Die meisten meiner Freunde und Bekannten aus den palästinensischen Gebieten denken so. Doch Ahmed geht weiter: „Wenn ich all die toten Kinder und Frauen auf den Straßen Gazas liegen sehen, dann weiß ich: es wird niemals Frieden geben mit Israel - und ich will ihn auch gar nicht mehr."

Ahmed hat studiert, ist Hobbyfotograf und organisiert allerlei Kulturprojekte. Ich hätte niemals erwartet, dass er mir auch diese Sätze sagen wird: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten: ich sitze vor dem Fernseher und weine - oder ich nehme mir meine Kamera, ein Messer, eine Waffe oder einen Schlagstock, kämpfe und töte israelische Soldaten. Die zweite Möglichkeit werde ich wählen."

Es ist das erste mal, dass ich einen Eindruck davon bekomme, wie die Intifada in den Köpfen der Menschen anfängt, erste Wurzeln zu schlagen. Wie sehr sie wächst, wird sich im Verlauf des Krieges zeigen.

Als gerecht galt Thomas von Aquin der Krieg übrigens nur, wenn er Aussicht auf ein positives Ende hat. Dieses positive Ende war allerdings auch bei ihm eine Auslegungssache.

 * Name geändert

Veröffentlicht 04. Januar 2009, 19:14 von Svenja Kleinschmidt
Kommentare

maxi47

05. Januar 2009, 11:57

Bei einem Land mit der Geschichte Israels ist es zwangsläufig, dass die Meinungs- und Gefühlsfront quer durch die Gesellschaft geht. Die gegensätzlichen Auffassungen werden sich noch verhärten und die gegeneinander gerichteten Gefühle werden sich teilweise bis zum Hass steigern, das ist schade aber nicht zu ändern. Frieden wird es zunächst nicht geben. Und das positive Ende der kriegerischen Auseinandersetzung ist wie Sie schreiben Auslegungssache, einen objektiv gerechten Krieg kann es auch deswegen nicht geben.

Da die Terroristen der Hamas unbelehrbar sind, wird Israel jetzt seine Offensive bis zu einer weitestgehenden Schwächung der Hamas weitertreiben müssen.

Wie ich Israel noch vor kurzem erleben durfte, können Sie auf www.md-office-compact.de/Israel.htm nachlesen. Umso trauriger empfinde ich die jetzige Situation.

Elinoa

05. Januar 2009, 16:00

Wie schade, dass in diesem Artikel der Schwerpunkt - im Unterschied zur Einleitung - letztlich doch wieder auf der Darstellung der palästinensischen Sichtweise liegt.

Ich glaube nicht, dass nur die Teilnehmer der hier so ausführlich geschilderten Demonstration von Gush Shalom etc. gute Argumente für ihre Position haben; von der Gegendemonstration erfährt man aber leider nur, dass die "rechten" Demonstranten einen Teilnehmer der Friedens-Demo krankenhausreif geprügelt haben. Das ist nicht gerade eine ausgewogene Darstellung.

Mein Besuch in Sderot vor zwei Monaten hat mir deutlich gemacht, dass die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und insbesondere psychischen Folgen der fast 8 Jahre dauernden Angriffe aus dem Gazastreifen durchaus Argumente für die "rechtere" israelische Position liefern.

Die entscheidende Frage ist doch:

Was ist denn Israels Alternative zum Krieg? Welches Maßnahme würde bei den Palästinensern weniger Unbeteiligte (In einem Guerillakrieg ist die Unterscheidung  zwischen Zivilisten und Kämpfern ausgesprochen problematisch.) töten und den Beschuss Israels dauerhaft beenden?  

Benett

05. Januar 2009, 21:38

Fundamentalistische Gruppierungen wie der militärische Teil der Hamas rekrutieren sich immer aus jungen Männern. Dabei nutzen diese Gruppierungen den Überschuss an jungen Männern aus, der in den Ländern besteht in denen die Alphabetisierungsrate gering ist. Die geringe Alphabetisierungsrate führt dazu, dass besonders Frauen nicht zur Schule gehen, um beispielsweise Verhütungsmethoden kennen zu lernen. Dazu kommt, dass in solchen Ländern Verhütung als Religionsverstoß angesehen wird und der Zweck der Frau nur auf das Kinderkriegen reduziert wird. So kommt es dazu, dass es einen Überschuss an jungen Männern gibt, die in wirtschaftlich schwachen Ländern nicht zur Schule gehen, keine Arbeit haben und deshalb nicht wissen was sie mit sich anfangen sollen. Da diese jungen Männer keinen Sinn und keine Perspektive in ihrem Leben sehen, fällt es leicht sie mit einer Kalaschnikow, dem Selberbauen von Bomben und der Aussicht auf jenseitige Verlockungen zu motivieren.

Ursprung der ganzen Misere ist aber die fehelende Bildung der Frauen, bzw. das Verbot deren Aufklärung. Was man hier bräuchte sind Schulen und wenigsten Grundzüge der Emanzipation der Frauen. Um hiermit anzufangen sollte man zumindest damit aufhören Infrastrukturanlagen, wenn auch nur kollateral, zu zerstören oder ein Gebiet durch eine Mauer von sämtlicher Versorgung abzuschneiden. In der derzeitigen Situation ist im Gazastreifen ein normales Leben in dem sich Jugendliche zivilisiert entwickeln können nicht gewährleistet.

Jedoch muss auch gesehen werden, dass es nicht einfach ist auf Mörserbeschuss auf Wohnsiedlungen nicht zu reagieren. Besonders wenn man wiedergewählt werden will.

Was man bräuchte ist Zeit, viel Zeit. Eine Legislaturperiode ist dafür nicht geeignet. Stellt sich die Frage, ob die Demokratie geeignet ist, in einer solchen Situation zu bestehen. Solange man jedenfalls Auge um Auge und Zahn um Zahn vergilt, sehe ich keine Lösung des Konflikts. Notwendig wäre eine Regierung, egal auf welcher Seite, die damit aufhört und dadurch zeigt, dass sie besser ist als der Gegner.

history45

05. Januar 2009, 23:26

Wie schnell wird in diesen Tagen vergessen, wer Besatzer ist und wer Besetzter. Heute besitzen die Palästinenser gerade einmal 17% von ihrem Land vor 1947. Dieser Bruchteil wird ihnen seit Jahren durch extremistische Siedler strittig gemacht. Dass die Ursache für das Drama in Deutschland zu suchen ist, gehört zur bitteren Rechnung, die der Nahe Osten für Europa - vor allem Deutschland, bezahlen muss.

Es gibt nur einen Weg, der herausführt. De Gaulle hat es anfangs 60er Jahre in Afrika vorgemacht: nach dem Einsatz von 2'000'000 Soldaten, eine Million Siedler die sich zurückzogen, war das französische Nordafrika entkolonialisiert. Frankreich konnte sich endlich wieder seiner Wirtschaft und dem Aufbau eines neuen Europas hinwenden. Zusätzlich brauchte es keine Angst mehr zu haben vor einem Militärputsch. Frankreich hatte De Gaulle, Israel I. Rabin, doch den wusste das Land nicht zu schützen. Es wird lange dauern, bis ein neuer I. Rabin kommt.

kleinermann3

06. Januar 2009, 01:47

Auge um Auge,Zahn um Zahn waere ja doch schoen....500 Augen um 1ein Auge,

500 Zaehne um 1 Zahn sind doch etwas anderes...

burkhard60

06. Januar 2009, 11:40

Frieden wird es wahrscheinlich erst geben wenn sich Israel und die Palästinenser gegenseitig ausgerottet haben.

Stas248

06. Januar 2009, 17:46

Naja wenn die Palis mit Terror auf hören würden, wäre Israel (da es ein demokratisches Land ist) gezwungen eine gemeinsame 2 Staatenlösung zu finden. Ich bin sicher, dass dies sehr leicht ist. Jedoch wird es nicht so schnell dazu kommen, denn die Anführer der Palästinenser sind weder an einem Frieden noch am eigen Sieg interressiert. Wenn es kein Israel gäbe hätten sie nichts zutun und müssten etwas für die Bürger tun. Das ist aber weit aus schwieriger als Raketen auf die Israelis zu schießen.

rum

06. Januar 2009, 22:37

Ihren Aufsatz kann ich nicht zu Ende lesen. Die Meinung von Leuten, die nicht deutlich Stellung nehmen wollen, sondern immer die Mitte wählen, auch die Mitte zwischen Wahr und Falsch, ist wertlos. Man stelle sich vor, sie seien ein Richter: eine Katastrophe!

Svenja Kleinschmidt

06. Januar 2009, 23:04

@rum

Nun fügt es sich aber so, dass ich Journalistin bin. Richten wäre in diesem Beruf weniger angebracht.

critiqueandpolicy

07. Januar 2009, 15:59

Immer wieder ist zu hören, "die Palästinenser" hätten 1947 auf 83 % ihres Landes verzichtet. Nur- es gab nie ein historisches "Palästina". In diesem Gebiet lebten schon immer Muslime, Juden und Christen. Regiert wurden sie meist von fremden Herren. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wanderten dort immer mehr Juden aus Europa ein, oft begrüßt von den damaligen Bewohnern, weil sie kulturelles und ökonomisches Kapital mitbrachten, was heute leider fast vergessen ist.

Was es dagegen gab, ist das britische Mandatsgebiet "Palästina", 1920 hervorgegangen aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches. Schon 1923 wurde davon das heutige Jordanien abgetrennt und die Einwanderung von Juden dorthin verboten.

Natürlich sind die oft genug rechtsextremen Siedler im Westjordanland zu kritisieren.

Man sollte jedoch nicht vergessen, dass analog zur Flucht der Palästinenser 1948 ebenso Hunderttausende Juden aus den arabischen Ländern fliehen mussten. Israel hat ihnen eine Heimat gegeben. Dass es heute noch so viele palästinensische Flüchtlinge gibt, ist primär die Schuld ihrer "arabischen Brüder", die sich weigern sie aufzunehmen und zu integrieren- so wie zur Zeit am Beispiel des Verhaltens Ägyptens im Hinblick auf den Gazastreifen zu sehen.

Vittos

08. Januar 2009, 12:01

http://www.vittos.eu

Das Interesse liegt bei gegenwärtiger Lage das vorallem an den Krieghandlungen und deren unmittelbaren Folgen. Ich hoffe, das dieser bald vorbei ist, und Sie uns vom Alltag Israels jenseits von Terror und Krieg berichten. Ich bin schon gespannt drauf!

FredericusSecondo

09. Januar 2009, 13:11

http://www.kinderschreie.de

Ich denke, es ist an der Zeit Schiffe zu chartern, als Massentransporter für Menschen auszurüsten und damit nach Palästina zu fahren.

Das erste Schiff sollte "EXODUS" genannt werden.

Die Kinder und Frauen müssen als erste evakuiert werden.

Diese Tragödie lässt keine Zeit mehr für Debatten und schon gar keine Zeit mehr für den Streit um die Frage des Rechthabens.

Es geht um die Zivilisation und um den Nachweis, dass wir noch Menschen sind und Erbarmen auch praktizieren können.

Trackbacks

Dirks Logbuch

10. Januar 2009, 16:02
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