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Unter Raketenbeschuss
12. Januar 2009, 22:47
Uhr
Kalt und unmenschlich klingt die Stimme, die mein Leben retten soll: „Farbe rot“ lärmt es in Wiederholungsschleife aus den Lautsprechern über der Straße. Mein erster Raketenalarm. Willkommen in Sderot.
Ich bin keine Minute in dem Ort, eben gerade erst links abgebogen – da kann ich doch nicht jetzt schon das Pech haben...?
Vor mir rennen Menschen über die Straße, meine Frage beantwortet sich von selbst, hier haben alle gerade Pech. Hektisch zerre ich an meinem Gurt, taste neben mir nach dem Knopf, um mich abzuschnallen, stolpere aus dem Auto.
Wie lange mag das gedauert haben? Vier Sekunden, acht? Manchmal bleiben nach einem Alarm nur zehn Sekunden bis zum Einschlag, manchmal sind es zwanzig.
Ich schaue mich um, sehe oben an der Kreuzung einen Bunker, der Weg dorthin bietet keine Bäume, keine Häuser, keinen Schutz. Soll ich da hinrennen, wie schnell bin ich?
Schon wieder dieses Zögern, dieses Einfrieren für Momente, deren Dauer man nicht abschätzen kann, weil man das Zeitgefühl verliert. Meine Reflektion über das, was rasend schnell abläuft, versetzt mich in eine Welt, in der Sekunden zu Stunden werden.

Ich entscheide mich für die Mauer vor mir, kauere mich an den Beton, fühle mich sicher vor dem kühlen Grau, auch wenn über mir der blaue Himmel klafft.
Eins, zwei , Bummm!
Ein dumpfes Donnern durch den Körper, man fühlt es tief im Bauch. Der Einschlag war nah.
Oben an der Straße, aus der Luft etwa 150 Meter, klafft ein Loch im Beton. Einen Fußball könnte man hineinlegen, er würde halb versinken. Militär rauscht an, ein Soldat trägt die Kassam weg. Ein Ofenrohr mit Blechflügeln, gezimmert in irgendeiner Garage in Gaza.

Etwa zehn Kilometer weiter westlich wurde die Rakete abgeschossen – nur ein kleiner Tick an der Rampe und der Krater hätte dort sein können, wo ich kauerte.
Genau das ist es, was die Hamas-Raketen in den meisten Menschen auslösen: das permanente Denken an das „was-wäre-wenn.“ Kassams sind weder zielgenau noch haben sie eine besonders große Sprengkraft – es ist vor allem der Psychoterror, mit dem die Menschen in den Orten wie Sderot leben müssen. Und mit der Furcht, dass immer häufiger Raketen mit größerer Reichweite und Zerstörungskraft abgeschossen werden. Ich sehe einige Menschen weinen, als sie aus den Bunkern kommen.
Nur wenig später ertönt wieder Alarm, ich flüchte hinter den dicken Schutzwall aus Beton. Erneut schlägt die Kassam nicht weit entfernt von mir ein, Splitter der Rakete zerstören die Fensterscheiben mehrerer Minibusse, sie verletzten niemanden.
Doch man muss sich die Stadt nicht als Kriegsgebiet vorstellen, ich sehe keine Häuserruinen, sondern zwei zerstörte Dächer, einige Einschläge in den Straßen. Aber die Bewohner fürchten, dass die Rakete genau ihr Haus treffen könnte, oder ihren Garten, wo das Kind spielt.
Daher spielen auch keine Kinder mehr im Garten. Beziehungsweise sehe ich keine. Sie sitzen den gesamten Tag in Bunkern bei Kunstlicht, bis sie abends von den Eltern abgeholt werden. Die Straßen sehen leer aus – das ist etwas, was bereits auf den ersten Blick unnormal und beängstigend wirkt in dieser Stadt.

Doch eine Vergleichsebene kann es nicht geben zwischen Orten wie Sderot und Gaza.
Dorthin kann ich nicht. Weil mich die Armee nicht lässt – und weil ich vor dem Bombardement dort nicht einfach davonlaufen könnte. Es gibt keine Bunker, die mir Schutz böten. So höre und sehe ich nur, was dort wohl landen wird:
Wummwummwumm, vielleicht auch ein viertes mal. Gleich neben der Hauptstraße wird eine Salve Artillerie von der Armee abgeschossen. Es ist ähnlich laut wie der Einschlag der Kassam, den ich erlebt habe. Hinten, am Horizont über den Dächern Sderots, sieht man Rauchsäulen aufsteigen.
Ich fahre dicht bis an die Grenze zu Gaza, die Presse hat bereits die besten Plätze besiedelt, die den Blick aufs Kriegspanorama bieten.

Absurderweise strahlt die Sonne, der Himmel ist blau, es riecht nach Kuhstall. Vor mir brennt Gaza. Schwarze, graue und weiße Rauchpilze quellen gen Horizont, über mir schwirren Helikopter, Flugzeuge, hinten schwebt ein Aufklärungszeppelin.
Wenn man eine Weile dort steht, erfährt man den Mechanismus des Krieges: erst surrt es, dann wummt es – und dann steigt irgendwo eine neue Rauchwolke auf. Mehr kann ich nicht sehen. Wie es den Menschen dort in Gaza geht, kann ich erahnen.
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