453 Millionen Tonnen zu verteilen
13. November 2007, 02:36
Uhr
Noch bis zum 19. November 2007 können Unternehmen ihre
Emissionsberechtigungen bei der Deutschen Emissionshandelsstelle (DEHSt) im
Umweltbundesamt (UBA) beantragen. Das UBA erwartet bis zu 2000 Anträge von
Unternehmen der Energiewirtschaft und der emissionsintensiven Industrie, die am
Emissionshandel teilnehmen. Deren Anlagen verursachen etwa die Hälfte des
deutschen Ausstoßes an Kohlendioxid (CO2). Für die Zeit zwischen 2008 und 2012
stehen deutschlandweit Berechtigungen für 453,1 Millionen Tonnen CO2-Emissionen
pro Jahr zur Verfügung. In der ersten Handelsperiode - bis Ende 2007 -
erhielten die Anlagenbetreiber noch Berechtigungen für 499 Millionen Tonnen pro
Jahr.
Aus dem Gesamtbudget von 453, 1 Millionen Tonnen CO2 erhalten die weiterhin
am Emissionshandel teilnehmenden Anlagen 379,1 Millionen
Emissionsberechtigungen pro Jahr unentgeltlich. Die Gründe: 40 Millionen
Berechtigungen pro Jahr gibt der Bund nicht mehr kostenlos aus, weitere Teile
des Budgets sind für zusätzliche Anlagentypen in der neuen Handelsperiode, etwa
Anlagen der chemischen Industrie, sowie als Reserve für Neuanlagen reserviert.
Kurz vor Toresschluss gibt es meist ein Gedränge, daher würde man auch in der
Emissionshandelsstelle in Berlin einen höheren Lärmpegel erwarten. Doch auf den Fluren der Behörde geht es sehr ruhig zu, nur in den Büros zeigt
sich Leben vor den Computern. "Wir sind eine rein virtuelle Organisation", sagt
Amtsleiter Hans-Jürgen Nantke, "manuell könnten wir die großen Datenmengen im
Emissionshandel gar nicht bewältigen." Der Zertifikate-Antrag einer Raffinerie
umfasst etwa 200 Seiten, weil er sämtliche Stoff- und Energieströme darlegen
muss.
Der Emissionshandel wird zu einem immer wichtigeren
Instrument des Klimaschutzes, weil er einen marktwirtschaftlichen Suchprozess
auslöst. Mit den Zertifikaten werden die Umweltkosten in das
betriebswirtschaftliche Kalkül internalisiert, und der Handel sorgt für eine
effiziente CO2-Vermeidung: Liegt der Zertifikate-Preis über den
Vermeidungskosten eines Unternehmens, lohnt es sich, "sauberer" zu werden. Sind
die Kosten höher, lohnt sich der Zukauf von Zertifikaten.
Wer die ökologische Buchführung in der
Emissionshandelsstelle aus der Nähe beobachten will, bekommt fast nichts zu
sehen. Nicht einmal die Zertifikate des Jahres 2008 gibt es in Papierform,
obwohl sie am Terminmarkt der Leipziger Strombörse (EEX) 21 Euro wert sind.
Solch ein Emissionsrecht kann Oliver Schwalb nur im Computer der Handelsstelle
vorführen. Er ruft ein Kundenkonto auf und zeigt Seriennummern, die fast über
den gesamten Bildschirm laufen. Jedes Zertifikat hat eine lange und damit
eindeutige Seriennummer. Sie beginnt mit einem nationalen Kennzeichen und kann
damit in allen EU-Ländern gehandelt werden. Kraftwerke brauchen Zehntausende
solcher Nummern, weil sie Zehntausende von Tonnen Kohlendioxid ausstoßen. "Die
Software schneidet die Zertifikate in große Bündel", sagt Schwalb, "ähnlich wie
Geld in großen Scheinen gebündelt wird."
Der Name "Handelsstelle" ist irreführend, die Behörde ist
eher eine große Registratur, vergleichbar mit einem elektronischen Grundbuchamt.
Die Beamten verteilen nach klimapolitischen Vorgaben Zertifikate, verbuchen sie
und prüfen alljährlich, ob die Unternehmen die maximale Menge an Kohlendioxid
eingehalten haben. Für die nächste Handelsperiode (2008 bis 2012) sind dies 453
Millionen Tonnen jährlich, neun Prozent weniger als bisher. Zugeteilt und
geprüft wird über eine virtuelle Poststelle, für die Rechtssicherheit sorgt eine
elektronische Signatur.
"Die Zuteilung ist komplizierter als in der ersten
Handelsperiode", sagt Nantke, "denn die Gesetzestexte kamen erst im August. Wir
mussten sie in lange Formeln umbauen, um am Ende eine präzise Zahl zu haben."
Diese besagt, wie viele Zertifikate einem Emittenten je nach seinen
Stoff-Strömen zustehen. Für die Kraftwerke wurde die Zuteilung erheblich gekürzt
gegenüber der ersten Handelsperiode, die Industrie kommt besser weg. Vor allem
Kohlekraftwerke werden weniger Emissionsrechte bekommen. Zudem werden neun
Prozent der Zertifikate nicht kostenlos abgegeben wie in der ersten
Handelsperiode, sondern zu einem festen Preis. Noch ist unklar, welche Bank den
Verkauf abwickelt, im Gespräch ist die staatseigene Kreditanstalt für
Wiederaufbau. In der Emissionsstelle weiß man schon jetzt, dass die Unternehmen
die Höchstmenge von 453 Millionen Tonnen überschreiten werden. Ende des Jahres
muss das Amt dann kürzen, doch kann es dieses Mal nicht die Rasenmäher-Methode
anwenden, sondern muss individuell kürzen. So wird bei den "Dreckschleudern"
unter den Kraftwerken stärker gekürzt als bei effizienteren Stromerzeugern.
Nantke befürchtet wieder Rechtshändel wie in der ersten Handelsperiode.
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