Klimaschutz als Wettbewerbsfaktor
16. Juni 2008, 14:42
Uhr
Klimaschutz und Energiesparen kommt erst ganz langsam in den Köpfen der Entscheider an. Stefan Zanzinger, Sebastian Gallehr und Christoph Frings zeigen, dass sich Klimaschutz sehr schnell rechnet, wenn die Blockaden in den Köpfen der Manager mal abgebaut sind.
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Besonders in Europa ändern sich mit Blick auf den Klimawandel die
Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln. Man denke nur an die
regulatorischen Eingriffe des Gesetzgebers oder an die sich dadurch verändernden
Markt- und Wettbewerbsbedingungen. Allein das Klimaschutzpaket der
Bundesregierung und die Verpflichtung der EU, bis zum Jahr 2020 die CO2-Emission
um 20 Prozent zu reduzieren, werden die bestehende Geschäftsmodelle in nahezu
allen Branchen massiv beeinflussen. So wird der Emissionshandel auf weitere
Branchen ausgedehnt, die Emissionsberechtigungen sollen versteigert werden, und
die Emissionsauflagen für den Verkehrssektor werden schärfer.
Hinzu kommt, dass Kunden das Thema Klimaschutz immer
stärker in ihre Kaufentscheidungen einbeziehen. Ein erstes Beispiel liefert der
Einbruch des Pkw-Absatzes in Deutschland. Der Zentralverband des Deutschen
Kraftfahrzeuggewerbes ZDK führt diesen Rückgang nicht zuletzt auf die
Verunsicherung der Kunden durch die sehr breit diskutierte Limitierung des
CO2-Ausstoßes von Neuwagen zurück.
Weitere Akteure beginnen ebenfalls, ihre Entscheidungen
am Klimaschutz auszurichten. Kapitalgeber ziehen zusätzliche klimarelevante
Kriterien für ihre Entscheidungen heran. Schon werden durch Investoren Studien
veröffentlicht, in denen Branchen und Sektoren nach ihren Klimarisiken beurteilt
werden. Als Beispiel kann der Deutschland-Bericht des Carbon Disclosure Projects
für das Jahr 2007 dienen, der im Namen von weltweit 315 institutionellen
Investoren veröffentlicht wurde. Zudem werden Aufsichts-, Prüfstellen sowie
Verbraucherschützer ihre Bewertungskriterien verändern.
Zentraler Bezugspunkt der veränderten Rahmenbedingungen
sind für ein Unternehmen nicht nur die selbst verursachten Emissionen an
Treibhausgasen, sondern alle Emissionen entlang der Wertschöpfungskette vom
Rohstoff bis zum Endprodukt. Sie sind von regulativen Eingriffen betroffen und
werden so zum Kostenfaktor, der sich auch auf vor- und nachgelagerte
Wertschöpfungsstufen auswirkt. An diesen CO2-Emissionen setzt die Methodik des
Climate Value Management an.
Den Auftakt des Climate Value Management bildet eine
Climate Due Diligence. Mit ihrer Hilfe werden die zentralen Bereiche und
Wertschöpfungsstufen herausgefiltert, die den veränderten Rahmenbedingungen
unterworfen sind. Dadurch wird transparent, welche ökologischen und ökonomischen
Effekte das eigene Geschäftsmodell beeinflussen werden. Climate Due Diligence -
was ist das?
Zunächst werden jene Stufen der Wertschöpfungskette
identifiziert, in denen relevante CO2-Emissionen entstehen. Dieser Ausstoß an
Treibhausgasen wird berechnet, um die Prozesse oder Teilprozesse auf ihre
Klimawirkung (Climate Impact) hin zu bewerten.
Im nächsten Schritt wird die Klimaposition des
Unternehmens ermittelt. Hierzu werden klimainduzierte Änderungen sichtbar
gemacht, die das Unternehmen treffen, wie regulatorische Eingriffe, tatsächliche
Klimaänderungen oder verändertes Wettbewerbsverhalten anderer Markteilnehmer.
Chancen und Risiken des Klimawandels werden somit, bezogen auf das eigene
Unternehmen, offengelegt.
Die Climate Due Diligence betrachtet das Unternehmen im
Kontext der gesamten Wertschöpfungskette, also auch in seinen Beziehungen zu
Vorlieferanten und Abnehmern, sowie die damit verbundene Transportlogistik.
Setzt ein metallverarbeitendes Unternehmen beispielsweise Stahl ein, so sind die
eigenen Emissionen unter Umständen recht gering, die der Stahlproduktion als
vorgelagerte Wertschöpfungsstufe dafür umso höher. Die Stahlproduktion ist
einerseits sehr energieintensiv, und andererseits unterliegt dieser Sektor dem
Emissionshandel. Der Preis ist also entsprechend abhängig von dem volatilen
Emissionshandelspreis. Europäischer Stahl wird sich entsprechend verteuern,
chinesischer Stahl gewinnt an Wettbewerbsfähigkeit - mit entsprechenden
Auswirkungen auf das Unternehmen. Eine Betrachtung, die nur auf die eigenen
Emissionen abstellt, griffe daher zu kurz.
Die Climate Due Diligence verfolgt das Ziel, die für das
Unternehmen wesentlichen Veränderungen zu erkennen, Breite geht daher vor Tiefe.
Sie mündet in eine Ermittlung des Unternehmenswertes unter diesen neuen
Rahmenbedingungen, den Climate Values. Die oben beschriebenen Effekte und
Änderungen werden hierzu in finanzielle Größen transformiert, indem sie in der
Erfolgsrechnung des Unternehmens abgebildet werden.
Der Climate Value bildet CO2-Emissionen entlang der
Wertschöpfungskette und ihre Wirkung auf den Unternehmenswert ab. Der
Unternehmenswert hat sich als Steuerungsgröße für unternehmerische
Weichenstellungen fest etabliert. Er wird vor allem für strategische
Entscheidungen herangezogen. Bei Entscheidungen unter Unsicherheit kommen zudem
zunehmend Verfahren des Risikomanagements zum Einsatz, die mit
Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Zukunftsentwicklungen arbeiten und einen
Wertmaßstab unter Risikogesichtspunkten liefern.
Die Folgen des Klimawandels stellen eine strategische
Weichenstellung für viele Geschäftsmodelle dar, die wirtschaftlichen Folgen für
ein Unternehmen sind mit Unsicherheit behaftet. Der Climate Value integriert die
ökonomischen Konsequenzen des Klimawandels risikoadjustiert in den
Unternehmenswert.
Einerseits werden die direkten Kosten von CO2-Emissionen
berücksichtigt, zum Beispiel durch eine Adjustierung künftiger
Beschaffungskosten. Anderseits werden auch weitere Veränderungen mit hoher
Relevanz in den Unternehmenswert "eingepreist", wie Auflagen an
Produktionsprozesse, Veränderungen im Nachfrageverhalten oder höhere Kosten der
Kapitalbeschaffung. Hierzu werden etablierte Verfahren des Risikomanagements
genutzt, um solche Änderungen betriebswirtschaftlich zu bewerten.
Wettbewerbsvorteile sind möglich durch geschicktes
Bedienen der sogenannten Climate Value Drivers. Das sind die im Zuge der Climate
Due Diligence bereits ermittelten klimainduzierten Wertetreiber
(Climate-Value-Drivers), welche die ökonomische Klimaposition des Unternehmens
fundamental beeinflussen.
Gemeint sind jene Stellgrößen im Geschäftsmodell, mit
denen die ökonomischen Klimawirkungen der Wertschöpfungskette selbst und die der
äußeren Einflüsse auf das Unternehmen optimiert werden sollen. Dabei wird
zwischen strategischen und operativen Werttreibern differenziert. Strategische
Werttreiber bedingen in der Regel ein Aufbrechen der klassischen Wertschöpfungs-
und Prozessarchitektur. Sie können im erwähnten Beispiel des
metallverarbeitenden Unternehmens einen Wechsel in den Lieferantenbeziehungen
umfassen oder eine Änderung oder Weiterentwicklung des Produkt- oder
Leistungsangebots zur Verringerung des CO2-Ausstoßes, also des Climate Impacts.
Ebenso denkbar ist ein Auslagern von einzelnen Prozess- oder
Produktionsschritten an klimaeffizientere Unternehmen.
Strategische Werttreiber existieren auch auf der
Absatzseite. Vorhandene oder neue Produkte erfahren im Rahmen dieses
Managementprozesses eine klimagerechte Mehrwertpositionierung. Die
Zahlungsbereitschaft der Kunden wird da genutzt, wo die Kunden bereit sind, eine
Prämie für klimagerechtere Angebote zu zahlen.
Alle dargestellten Maßnahmen werden in ihrer Wirkung auf
den Climate Value bewertet. Sie tragen dazu bei, ihn zu erhöhen und generieren
somit zusätzlichen Wert - den Climate Value Added.
Die Änderungen, denen Unternehmen durch den Klimawandel
ausgesetzt sind, sind fundamental und in ihrer Wirkung mit denen der
Globalisierung oder des Internets durchaus vergleichbar. Im Wettbewerb werden
jene Unternehmen erfolgreich sein, die sich diesem Wandel intelligenter und
besser stellen als ihre Wettbewerber. Dazu müssen sie die wesentlichen
Stellgrößen kennen und bedienen. Die Methodik des Climate Value Management
unterstützt Unternehmen dabei, dies effizient zu tun.
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