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Über Existenzialismus, eklige Weihnachtsmärkte und kunstlose Bullen
06. Januar 2009, 11:10
Uhr
Gedanken zum neuen Jahr und auch noch ein paar zum alten, weil man um Neujahr nicht weiß, wo einem der Kopf steht (oder hängt)
1. Existenzialismus
Noch mal zurück zu Weihnachten. Da habe ich bei meinem Buchhändler zehn Bücher bestellt, und zwar zehn mal das selbe. „Der Ekel" von Jean-Paul Sartre. Das gibt's günstig bei rororo für 8.95. (Ich habe übrigens die deutsche Erstausgabe von 1949, ebenfalls bei Rowohlt erschienen, broschiert, 1.-6. Tausend, vor einigen Jahren günstig erstanden bei meinem Antiquar.). Da hatte ich genug Weihnachtsgeschenke. „Die Existenzialisten sind jetzt wieder in", wurde mir gesagt, aber darum ging's mir gar nicht, die Existenzialisten interessieren mich nicht als Existenzialisten (schon das Wort löst Ekel bei mir aus, und weil ich mich gerne selbst quäle...), sondern höchstens als Schriftsteller, Camus zum Beispiel, oder die Urväter der Existenzialisten, die beiden André: Gide und Malraux (der erste André beschreibt zum Beispiel in „Die Verliese des Vatikan" etwas, was mich bei jeder zweiten Zugfahrt überkommt: jemanden -und ich meine die inkompetenten Zugfahrer, die einem jede Reise zur Hölle machen- scheinbar ohne Grund aus dem fahrenden Zug zu schmeißen).
Die Bücher habe ich dann Leuten geschenkt, die so richtig in Weihnachtsstimmung waren, den ganzen Tag Geschenke für ihre Kinder und Verwandte und Freunde kauften, mit Kerzen und Tannenzweigen hantierten und auf schreckliche Weihnachtsmärkte gingen.
„Der Ekel" unverpackt auf den Gabentisch geschmissen. Ich finde, ein besseres Weihnachtsgeschenk kann's nicht geben. Da ist dieser Mann, ein Historiker, der lebt recht zurückgezogen, und den packt plötzlich der absolute Abscheu vor der Welt, den Gegenständen und den Menschen und er sieht die Sinnlosigkeit seiner Existenz. „Ich kann nicht mehr! Ich halte es nicht aus: mich hat der Abscheu gepackt - der Ekel. Und diesmal ist etwas Neues dabei: er hat mich im Café gepackt. Bis jetzt waren die Cafés mein einziger Schutz... Ich hatte kein Recht zu existieren. Ich war zufällig erschienen, ich existierte wie ein Stein, eine Pflanze, eine Mikrobe. Mein Leben wuchs auf Geratewohl und in alle Richtungen." Jawoll! Kein Schutz nirgends. So geht's mir auch jedes Jahr zu Weihnachten, und so sollte es jeden klar denkenden Menschen zu Weihnachten gehen. Was zum Beispiel soll ein vernünftiger Mensch auf dem Weihnachtsmarkt, dort gibt es nur Fresskram und Ramsch. Fressen und Ramsch in allen Sorten, die vom hindurchwalzenden Pöbel konsumiert werden, Sartre und sein Historiker hätten ihre helle Freude bzw. ihr dumpfestes Grauen empfunden. Am liebsten möchte ich hunderte Exemplare des Ekels kaufen - vielleicht macht mir Rowohlt nächstes Jahr eine Freude, im Gegenzug würde ich Beiträge zu den dümmsten Rowohlt-Anthologien, die die Welt nicht braucht, beisteuern - und auf Weihnachtsmärkten verteilen (nicht die Anthologien sondern den „Ekel").
Ich hatte leider kein Exemplar dabei, als mich zwei alkoholisierte oder unter Drogen stehende Berliner Rotzer auf dem Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz dumm anquatschten. „Was glotzt'n so?", in der Schlange an der Geisterbahn stehend. Visagen, denen ich sofort entnahm, dass sie in ein paar Jahren ihre Weihnachten am Bahnhof Zoo verbringen werden. Lest den Ekel, ihr ekelt euch vor mir, ich ekle mich vor euch, was bleibt einem da anderes übrig, als ihnen Prügel anzudrohen, voller Ekel vor ihnen (nun gut, es war halb auf sie) auszuspucken, auf die Gefahr hin, halb Pankow am Hals zu haben (wie gut es Sartre ohne Handys hatte). Versöhnlicher Abschluss: ein Türke verbündete sich mit mir. Multikulti funktioniert doch noch. Jawoll!
PS: Wer meinem universellen Weihnachtsgeschenktip nicht ganz folgen möchte: „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter". Handkes deutschsprachiges Äquivalent zu „Der Ekel". Etwas subtiler, genauso wie Camus' „Der Fremde". Aber nicht wundern, wenn frische Mörder im Verwandten- und Bekanntenkreis auftauchen.
2. Zitate und Literarisches Quiz 2008
Bei Amazon gefunden: „literarisch einfach schlecht. keine stringenz, kein eigener stil, keine dramaturgie, mini plot, der nicht durchs buch trägt. viel lärm um nichts. paar anale fantasien, bisschen körperflüssigkeit, who cares? Als, wahlweise, wichs- oder ekelvorlage gerade so geeignet."
(Achtung: andere Quizfrage!)
Mein Onkel, wegen Hüft OP in langer Reha, liest viel: „Der alte Ranicki würde sagen ‚schlecht geschrieben!'."
Ich: „Ach na ja, weißt du... ich hab schon großen Respekt vor dieser Leistung...."
Mein Onkel: „Aber das schlimme ist, jetzt denken alle, die es nicht besser wissen, genauso war es damals..."
Ich: „Aber das ist doch kein literarisches Kriterium!"
Mein Onkel (mit der Krücke fuchtelnd wie der alte Ranicki mit seinem phallischen Zeigefinger): „Wenn er aber überall behauptet, genauso wär's gewesen, macht er es aber zu seinem Anspruch!"
Ich (in Deckung gehend vor der phallischen Krücke meines Onkels): „In fünfzig Jahren oder eher zählt nur noch das, was er in seinem Roman entstehen und wiederauferstehen lassen hat, die Kunst ist stärker als die Realität!"
Mein Onkel: „Aber manche Passagen wie im Trivialroman: ‚Sie schlemmten vortrefflich' oder ‚jauchzend und prustend'..."
Ich (mich schämend für den Spruch ‚die Kunst ist stärker als die Realität'): „In England fahren sie links und haben auch andere Verkehrszeichen."
3. Die Kunst zu Silvester
War am Abend vor Silvester mit einem Leipziger Maler unterwegs. Nein, nicht Neo Rauch und auch nicht mit Matthias Weischer. Aber neueste ganz neue moderne postmoderne Leipziger Vorschule. Hab ihn übrigens gefragt, ob ich über den Vorfall schreiben darf. Da ich einige Bilder von ihm gekauft habe, darf ich.
Wir sangen Lieder. Das sollte erlaubt sein, auch wenn es gegen drei Uhr nachts in der Innenstadt ist, und auch, wenn es Fußballlieder sind. „Ja, ja Chemie, ja, ja Chemie, ja, ja Chemie steigt wieder auf..." (Chemie Leipzig, jetzt FC Sachsen Leipzig, war gemeint, und ich muss zugeben, dass ich ihn angestiftet habe, denn er hat mit Fußball nicht allzu viel am Hut.) Aus der Klammer heraus hatte auch die Polizei damit nicht viel am Hut.
Auto hielt (Sixpack nannten wir die Kleinbusse früher). Polizisten raus. Was hier los. Er: geht euch n Scheißdreck an. Körperkontakt. Bodenkontakt. Er hatte mehr getrunken als ich, deutlich aggressiver, aber wie die da aus ihrer Karre sprangen... nicht deeskalierend. Straftat: Lieder singen. Ich: Versuch der Schlichtung. Aber keine Schlichtung auf der Lichtung. Was für ein tolles Motiv für ein Bild! Öl auf Leinwand.
Er lässt sich nichts sagen, provoziert auch ein bisschen, was bleibt ihm anderes übrig bei der Übermacht.
Ein Polizist, der Alpha-Bulle, tut sich besonders hervor: Verdreht meinem Freund den Arm, zerrt ihn wieder hoch, stößt ihn wieder runter. Ist einer von den Bullen, die gerne beim Fußball eingesetzt werden. Ich versuche sie zu beruhigen, also ihn und die Polizisten. Sie drängen mich ab, keine Chance, der Mann kommt mit. Schneller als ich gucken kann: Maler in Sixpack, Tür zu, Motor heult, ich werd drüber schreiben, du drüber malen, ich weiß, wo sie ihn hinbringen werden, mach mich zu Fuß auf den Weg. Bin dann irgendwann dort, klingele, frage, nee, Mann weg!
Wo er zu dem Zeitpunkt war, erzählt er mir Silvester, auf der Notaufnahme, wo ich mit ihm sitze, Arm kaputt, Haarriß im Ellenbogen. Da wurde zu viel dran gedreht.
Quiz: Wie heißt der Autor von „Einer flog übers Kuckucksnest"? (Übrigens eins der besten Bücher, was ich je gelesen habe. Geschenktip: Nervenzusammenbruch.) Das ist schon schwieriger als oben. Jede Wette, dass das kaum jemand weiß. Ken Kesey.
Wie ich drauf komme? Mein Freund, der Maler, ist in der Nacht in der Klapsmühle gelandet. Wie das passiert ist?
Ganz einfach: Sie wollten ihn nicht sein Telefongespräch führen lassen, und da hat er in die Gegensprechanlage der Ausnüchterungszelle gebrüllt: Ich möchte meinen Anwalt sprechen, oder ich häng mich auf!
War eh nichts da, hatte ja nur noch Unterhose und Unterhemd an, sagt er. Trotzdem großer Fehler. Maler raus aus Zelle, telefonieren darf er jetzt, ruft Mutter an, dann Handschellen, Sie haben Suizidabsichten geäußert, wir bringen sie dort hin, wo man sich drum kümmert. Mein Lieber, wie willst du das alles malen, erzähl's mir, ich schreib was drüber!
Er findet sich im Krankenhaus wieder, psychatrische geschlossene Abteilung, aber das weiß er zu dem Zeitpunkt noch nicht. Ans Bett geschnallt wie auf ein Kreuz, Arme auseinander, Beine auseinander. Ostern, der Herr ist auferstanden. Er: schreit. Ich will meinen Anwalt sprechen, ich möchte hier rausgeholt werden! Straftat: Singen. Sing mein Sachse sing! Sing-Sing.
Was machst du, wenn du an ein Bett geschnallt bist und weißt nicht genau warum? Richtig: randalieren! Der Mensch in der Revolte.
Er ist wohl mit seinem Bett durchs ganze Zimmer geritten. Schub- und Stoßweise. Weiterhin brüllend, dass er ein Heer von Anwälten hätte (und das hat er, das weiß ich!), die informiert werden müssten. Klapse ansonsten ruhig außer ihm, stille Nacht, heilige Nacht... Kunststück: Er irgendwann mit Fingerspitzen an Lattenrost unter seiner Matratze. Hat gedauert... gut Ding will Weile... Lattenrost auf Brust, dann mit Aufbäumen gegen Tür. Mit Bett durch Zimmer. Lattenrost aufgehoben durch Bettankippen. Vorgang wiederholt. Ich möchte meinen Anwalt sprechen! Wo bitte ist der riesige Indianer?
Tür auf, böse Nachtschwester kommt rein: Sie werden hier niemanden sprechen, wenn Sie sich nicht benehmen können! Mein Maler: mixt was in seinen Bronchien zusammen, Öl auf Leinwand, und spuckt es der Vettel ins Gesicht, zumindest in Richtung dessen. Tür zu. Pause. Dann: Tür auf, Nachtschwester Kissen in der Hand, drei oder vier Pfleger, Kissen auf Gesicht von Maler... Hab ich gedacht ich ersticke, geschrien wie ein Vieh, Todesangst, immer leiser, keine Luft, Pfleger fixieren mich fester, jemand jagt mir Spritze in Armbeuge. Ich schlafe eine Weile. Zeit sehr langsam, wenn festgeschnallt...
Junge, sage ich, verdammt noch mal... Wenn seine Mutter nicht vehement interveniert hätte, die hätten jedes Recht gehabt, ihn dort eine Weile festzuhalten. Gefahr für sich selbst, Gefahr für die Öffentlichkeit... Sing in Zukunft nicht zu laut, mein Freund!
Ich und der Maler, wir haben einen gemeinsamen Freund, auch ein Maler, Liam Scully aus East London.
Der hat sich mal freiwillig in ein Programm einweisen lassen, gegen gute englische Pfund, da haben sie Medikamententests an ihm vorgenommen, und seine Ernährung bestand verrückterweise zu achtzig Prozent aus Äpfeln... one flew over the appletree... Und der hat dann fantastische Bilder und Installationen aus den Mitbringseln gemacht. Will mein Maler jetzt auch machen, obwohl die Mitbringsel nur im Kopf sind. Die Kunst ist stärker als....
Und damit wir das alles zu einem guten visuellen Abschluss bringen, hier ein paar Bilder von Liam Scully, die ich in meiner Sammlung habe. („The Sex" und „The Beast" bezieht sich übrigens auf den Fritzl und seine eingesperrte Tochter.)


Bis die Tage, mit neuen Betrachtungen über Kunst und Leben
Euer Clemens Meyer