Netzökonom

Das große Start-up-Sterben hat begonnen

16. Mai 2008, 12:08 Uhr

Wenn Businesspläne radikal geändert, Auslandsexpansionen gestoppt und die Venture Capitalists die Anschlussfinanzierungen verweigern, dann sollten die Alarmglocken klingen: Das große Start-up-Sterben im Web 2.0 hat offenbar begonnen. Zumindest drängte sich dieser Eindruck auf der next 08 in Hamburg auf. In Amerika und Großbritannien ist es schon deutlich zu sehen, in Deutschland berichten viele Insider von sehr unangenehmen Gesprächen der Gründer mit den VCs, die sehr kritisch nach der Erfüllung der Businesspläne fragen und am Ende ihr Geld lieber in der Tasche lassen. Viele Start-ups, die noch eine Anschubfinanzierung bekommen haben und nun in die zweite Finanzierungsrunde gehen, werden wohl nicht weitermachen können. Zumal in Deutschland die Szene, die mit ihrem Geld die Start-up-Szene finanziert hat, sehr klein ist.

Jörg Malang, Chef von Plazes, hatte schon Anfang des Jahres gewarnt. In einem Beitrag über die "Jobmaschine Internet" sagte Malang: "Im Moment ist es aber sehr schwierig, Mitarbeiter mit zwei bis drei Jahren Online-Marketing-Erfahrung zu finden. Young Professionals mit einigen Jahren Berufserfahrung sind vorsichtiger mit einem Wechsel geworden, vor allem wenn der neue Arbeitgeber ein Start-up ist", sagt Malang, der vor einem übereilten Wechsel warnte: "In der Internetbranche ist momentan noch ein Nachfrageüberhang auf dem Arbeitsmarkt festzustellen. Allerdings könnte bereits 2008 eine Wende einleiten, da das Phänomen ,Web 2.0' an Bedeutung verliert und viele Start-ups ganz andere Sorgen haben werden", sagte Malang. Junge Unternehmen, die in den vergangenen beiden Jahren mit Hilfe einer Anschubfinanzierung gegründet wurden, müssen in diesem Jahr entweder eine Anschlussfinanzierung eines Risikokapitalgebers bekommen oder auf eine Übernahme spekulieren. Beide Wege werden zurzeit aber erkennbar schwieriger, weswegen der Gründerboom in diesem Jahr wohl stark abflachen wird.

UPDATE: Zur Klarstellung: Es geht nicht darum, Plazes oder Joost als erste Kandidaten zu brandmarken. Ich habe die Namen daher im ersten Absatz gelöscht, damit sie den Blick auf meine eigentliche Aussage nicht verstellen. Denn es geht darum, einen allgemeinen Trend zu beschreiben, der zur Zeit für viele Start-ups zu beobachten ist.  

 

Veröffentlicht 16. Mai 2008, 12:08 von Holger Schmidt
Abgelegt unter:
Kommentare

Michael

16. Mai 2008, 10:22

Das hat seit einem Jahr begonnen, aber war noch nicht von außen zu sehen...

Thomas Schulze

16. Mai 2008, 10:25

Hallo Herr Schmidt,

das sind ja düstere Wolken am Horizont! Aber verständlich!  

Ich der sich ab und zu als Business Angel und Finanzier hier in München vertätigt, stelle auch fest, dass der "deal flow" um einiges grösser wird, da die "üblichen Verdächtigen" auf zugeschnürten Geld - Taschen sitzen bleiben.

Bzw. Ihr eigenes Portefolio kritischer betrachten - bzw. sich fokussieren.

Auf der anderen Seite sind wir froh, dass sich der Markt bereinigt, hoffentlich nicht uns - denn dann ist später mehr "cake" für die Verbliebenen übrig !

"So long tail"

TS  von http://www.spirofrog.de    

Boris

16. Mai 2008, 12:03

Ist das einen Artikel wert? Unternehmen kommen und gehen. Jedes Jahr werden unabhängig von der Branche zahlreiche Unternehmen gegründet, viele gehen dann auch wieder Pleite. Die Zeiten haben sich gegenüber 99/00 auch extrem verändert. Wenn heute ein sogenanntes "Start up" die Türen schließt, dann geht - aufgrund zumeist fehlender Überbewertungen - nicht mehr so viel Geld verloren. Es gibt deshalb auch keine Krise der Internet Ökonomie. Prinzipiell gibt es sehr viele smarte Ideen und auch Unternehmen, die aber wohl nie den kommerziellen Erfolg erzielen werden, welchen sich die Gründer erhoffen. In Deutschland gibt es darüber hinaus einfach zu viele nachgeahmte Ideen. Auf der next08 drängte sich mir vor allem der Eindruck auf, dass das "Start up" Thema nicht mehr so im Zentrum der Veranstaltung stand. Mit den Todes und Sterbeankündigungen sollte man prinzipiell etwas vorsichtiger sein. Auf der anderen Seite konnte man ja auch im Vortrag von Bertelsmann und Mercedes den Eindruck gewinnen, dass alles so bleibt wie es ist. Die eigentliche Gefahr sehe ich immer in diesen typisch deutschen Kategorisierungen und Trennungen. Gut vs. Böse, Schwarz vs. Weiss. Hier Print da Internet. Dort Start up da etabliertes klassisches Unternehmen. Web2.0, 3.0 2.1 0xyz. Enterprise Was?

Also meine Empfehlung gelassen bleiben. Die Welt verändert sich kontinuierlich und wirklich auch immer schneller (guter Vortrag von coremedia übrigens). Hierin stecken irgendwie auch die Botschaften, die wir Deutschen einmal zur Kenntnis nehmen sollten. Prinzipiell alles eine Kulturfrage

Olaf

16. Mai 2008, 12:33

Die Boygroups, welche viele Web2.0- Projekte gestartet haben, hatten einfach zum Teil weder Ahnung noch Ausbildung auf dem Gebiet der Gründung und Führung eines Unternehmens. Es reicht einfach nicht, einen Fantasie- Domainname zu registrieren, dort eine Standard- Community- Software aufzusetzen und zu glauben, dass sie sofort reich wie Scheich werden...

Holger Schmidt

16. Mai 2008, 01:08

@Boris: Eine Krise der Internet-Ökonomie sehe ich auch nicht. Da in Deutschland außer Xing keines der Unternehmen an die Börse gegangen ist, wird die Bereinigung außerhalb der Banche wohl kaum wahrgenommen werden. Allerdings könnten in Amerika einige aktuelle oder potentielle Börsenbewertungen ins Wanken kommen.

Tommes

16. Mai 2008, 02:26

Ich habe mir einige hundert Start-ups angeschaut: Allesamt unkreativ und austauschbar.  Die wirklich Kreativen kommen nicht an die Finanzierungstöpfe ran. Die üblichen Netzwerke mit den Geldelite-Absolventen der Privatunis sind gut, um betriebswirtschaftliche Business-Pläne zu erstellen, haben aber leider von griffigen Vertriebs- oder Kommunikationskonzepten keine Ahnung. Die Selbstbeweiräucherung von "Business-Angels", "Finanzierungsrunden", "Nano-CEO´s" etc. ist überflüssig und interessiert im übrigen außer einigen Extrem-Bloggern keinen Menschen. Von daher weine ich den gescheiterten Web 2.0 Projekten keine Träne nach...

Olli

16. Mai 2008, 03:59

Der Beitrag ist einseitig, polemisch und ungenügend recherchiert. Sorry, von einem Journalisten darf man mehr erwarten. Warum werden diese Thesen nicht mit soliden Daten unterlegt? Absolute Veränderungen ggü letztem Jahr? Strukturelle Veränderungen des Investitionsverhaltens der VCs nach Segmenten? Mehr Fakten, bitte. Dass VCs im dritten Jahr (seit wieder in Internet investiert wird) kritischer werden, ist ja nun wirklich keine Nachricht wert.

Liga

16. Mai 2008, 04:52

Es wurde auch Zeit, dass da nicht nur News wie „noch eine neue Community“ kommen, aber auch Communities werden geschlossen. Internet Nutzer haben doch immer weniger Zeit – auch wenn die sich in ein paar neuen Projekten registrieren, mit großer Wahrscheinlichkeit kommen sie nicht so oft oder gar nicht zurück. Start-Ups müssen überlegen, wie man von Start-Up sich zum Still-there entwickelt.  

felix

16. Mai 2008, 05:44

ich bin felix, einer der gründer von plazes. ich weiss nicht, was sich die deutsche presse da wieder zusammen geschrieben hat. aber plazes geht es ausgesprochen blendend, wir kommen lediglich mit einer batterie von neuen features und einer deutschen version raus. plazes war schon immer attraktiv für frequent traveler und das bauen wir nun aus. siehe auch hier: http://www.techcrunch.com/2008/05/15/exclusive-look-at-plazes-for-iphone/

jan

16. Mai 2008, 07:16

Wenn Startups 20 Mitarbeiter für eine Seite mit nur einigen Communitymitgliedern beschäftgen, dann muss es ja schief gehen. Irgendwann ist das investierte Kapital weg und die Revenues bleiben bei einer fehlgeschlagenen Investition auch  aus. Man wirft kein Geld schlechtem Geld hinterher.

Alexander

16. Mai 2008, 07:26

Die meisten Ideen sind doch nur kopiert.

Richtige Innovationen finden selten statt und was Tommes richtig bemerkt hat, ist dass die kreativsten, kaum zu Geldgeber finden.

Die wenigsten, die es schaffen, sind die, die wirklichen Erfolg haben und dann in den Medien stehen, der Rest geht früher oder später wieder unter...

biernot

17. Mai 2008, 12:39

@Felix

;)

Doreen

17. Mai 2008, 12:35

Ich sag mal so, wo viel wächst, stirbt auch viel. Trackback von mir:

http://blog.travello.com/?p=260

LG, Doreen

Rainer

17. Mai 2008, 08:00

Es wird auch Zeit, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. Glanz- und Ideenlose Communities, in denen geschmacklose Fotos und Videos "gucken" der Deutschen liebste Freizeitbeschäftigung zu sein scheint, haben mit den so viel gepriesenen "Sozialen Netzwerken" so viel zu tun wie Kalorienarm und Fleischsalat.

Wenn man die Entwicklung der letzten Jahre in Deutschland beobachtet hat und sieht, wie sich die Mittelschicht so langsam in "Ihr da oben - wir da unten" auflöst, wird mir recht geben in der Behauptung, das man mit Elan für diese "Unterschicht" passende - und vor allem Realitätsnahe echte - Soziale Netzwerke schaffen muss.

Schnörkellos, einfach und für die wahren Bedürfnisse der Menschen gemacht, so sehen Soziale Netzwerke in Zukunft aus. Wer das, aufgefallen ist mir hier werhatwowasuebrig.de , ein Forum, das man spielend in jedem anderen EU-Land als Kopie starten kann, bewusst oder auch unbewusst jetzt schon erkennt, wird in naher Zukunft potenzielle Mitglieder in zweistelliger Millionenhöhe vorweisen können.

Michael

19. Mai 2008, 11:45

@felix

"plazes geht es ausgesprochen blendend"

das ist ein wohl ein Witz oder? Wollen wir lachen?

3000 aktive nutzer und ein langsames aber sicheres Sterben:

http://www.alexa.com/data/details/traffic_details/plazes.com

der typ bei doughty hanson wird bestimmt gefeuert oder?

viel spass beim gadget aufbau...

Sebastian

20. Mai 2008, 07:22

1. Es wird immer viel Innovation gefordert und am Ende doch nur in die Kopie investiert bzw dem aktuellen Hype hinterhergehechelt. (Ganz klar: es gibt auch einige tolle Projekte)

2. Um meine grundsätzliche Kritik an der Internetbranche in ein Bild zu kleiden: Im Verlagswesen trifft man häufig auf Autoren, die sich seit Ewigkeiten mit ihrem Thema beschäftigen. Mit den Jahren bauen sie sich einen Kreis von etwa 20 Gleichgesinnten auf, in dem sie ständig Anerkennung finden und auf Interesse stoßen. Kaum verwunderlich, dass all diese Autoren auf einen Bestseller-Erfolg ihres Buches hoffen. Doch die faktische Verkaufszahl ist ernüchternd: 20 Exemplare.

Ich bin Anfang dreißig und kenne außer mir in meinem gesamten Bekanntenkreis von mindestens 50 Medienprofis nur eine weitere Person, die in einem Social-Netzwerk organisiert ist. Von Seiten wie Joost hab selbst ich als Viel-Surfer noch nie etwas gehört und die meisten meiner Bekannten kennen außer google nicht viel. Will sagen: Die Internet-Branche begnügt sich damit, ständig ein und dieselbe Zielgruppe von Online-Nerds zu bedienen und immer tiefer zu fragmentieren, anstatt Angebote zu entwickeln, mit denen auch mal neue Zielgruppe erschlossen werden. Es kann doch nicht sein, dass sich die Branche jahrelang um nichts anderes Gedanken macht, als immer neue Varianten zum Posten irgendwelcher Bildchen und Videos zu entwickeln...

MT

22. Mai 2008, 04:48

Am Ende des Tages nützt die schönste Idee nichts, wenn der Kunde nicht bereit ist, sein dafür Geld auszugeben. Von AdSense wird man auf Dauer nicht leben können und kein Mensch braucht 20 One-Topic-Communitys. Warten wir es ab.

Oleksandr

24. Mai 2008, 12:20

Ich habe eigentlich nichts neues in dem Artikel entdeckt. Nur 5% der Unternehmen feiern 20Jähriges Bestehen. Internet ist nur ein kleines Teil in diesem Trend.

Sebastian

24. Mai 2008, 01:36

Sie haben Recht und Unrecht. Ja, es beginnen die ersten Start-Ups zu "sterben". Plazes wird ein Kandidat sein, da der Service nie wirklich großen Anklang fand. Aber das bedeutet nicht wirklich unbedingt einen Rückgang des Gründungs-Booms. denn die "sterbenden" Start-Ups sind vor allem jene, die schon vor langer Zeit finanziert wurden.

Ein typisches Start-Up wird nicht erfolgreich werden, selbst mit Risikokapital, sondern entweder in Konkurs gehen oder einen niedrigen Exit haben. Das war von Anfang an zu erwarten. Jetzt beginnt die Zeit, wo den ersten Firmen der zweiten Web-Gründungsphase das Geld ausgeht. Plazes hat zwar 2007 die letzte Finanzierung abgeschlossen, ist aber mit 2,5 Jahren schon recht alt, hat vermutlich schon viele Mitarbeiter, etc.

Es ist nicht wirklich etwas besonderes, dass Start-Ups sterben. Außer vielleicht in Europa, wo man sofort ängstlich wird, aber selbst hier sehe ich mehr Neu-Gründungen, nicht weniger. In den USA wird sowieso gegründet wie eh und je.

moti

24. Mai 2008, 07:36

wer sagt denn, dass eine website um finanziellen erfolg zu haben zwonullig sein muss? wer sagt denn, dass umfangreiche communityfeatures verpflichtend sind, um geld zu verdienen? im gegenteil, die allermeisten projekte in dieser richtung bleiben doch sämtlichen erfolgsnachweis schuldig.

der blick muss weggehen von den ewig gehypten startup-themen hin zu den seit jahren gut am markt positionierten webangeboten. die sind zumeist nicht mit venture capital zugeschmissen worden und trotzdem aufgrund einer klugen idee von sich heraus langfristig tragbar. diese heimlichen stars zeigen wie es geht.

um die kümmert sich gar kein geldgeber. dabei sind gerade unter denen die filetstückchen zu finden, bei denen werbeschaltung und investitionen sinn machen würden.

Christoph

25. Mai 2008, 02:25

sehr viele wahre Worte in den Kommentaren hier:

- in Deutschland wird lieber in die Kopie (Erfolgskonzept aus den USA) investiert, als in ein Experiment

- die Internet Branche dreht sich viel zu gerne um sich selbst, erkennt und versteht die wahren Probleme (Bedarf) der normalen Leute nicht

- echte Bedarfsdeckung (grauenhaft aussehende Webseiten über scheinbar langweilige Themen) von nicht Internet affinen Leuten wird meist nicht erkannt und nicht finanziert, dabei steckt hier das Potential

Wilfried Russ

25. Mai 2008, 07:37

Web 2.0 Geschäftsmodelle, die ihren Nutzen ausschliesslich in der Bereitstellung einer Community suchen, dürften zu einem großen Teil tatsächlich einer schweren Zeit entgegen gehen.

Ich sehe die Zukunft in einer geschickten Verknüpfung einer selbständig Nutzen-bringenden Applikation mit einer Community direkt um diese Applikation herum. Je nach Zielgruppe der Applikation kann eine solche Community dann auch sehr wohl ausserhalb der Online-Nerds erfolgreich sein.

Ihr Kommentar

 
Hinzufügen
Blogsuche
in
Blog abonnieren
per Email an folgende Adresse