Chefs verbringen ein Viertel ihrer Arbeitszeit im Internet
01. September 2008, 17:26
Uhr
Deutsche Mittelständler, die das Internet nutzen, verbringen jeden Tag fast zwei
Stunden mit dem Lesen und Schreiben von E-Mails sowie dem Surfen im World Wide
Web, hat eine Umfrage des Unternehmernetzwerkes "The Executive Committee" (TEC) unter mittelständischen Vorstandschefs im Alter zwischen
40 und 65 Jahren ergeben. "Das Bild vom mittelständischen Patriarchen, der sich
die E-Mails von seiner Sekretärin ausdrucken lässt, stimmt nicht mehr. Ein
Viertel ihrer Arbeitszeit verbringen die Chefs im Netz. Nur noch 10 bis 15
Prozent verzichten auf das Internet", sagte Wolfgang Hartmann von TEC (PDF)
Vier Fünftel ihrer Online-Zeit verbringen die Chefs mit
E-Mails. 30 elektronische Nachrichten erhalten sie im Durchschnitt am Tag. 73
Prozent der Befragten gaben an, nur die E-Mails zu lesen, die sie auf den ersten
Blick als wichtig einstufen. 64 Prozent leiten die E-Mails zur Beantwortung
gleich an Untergebene weiter. Nur 11 Prozent der befragten Mittelständler lesen
grundsätzlich gar keine E-Mails.
Die 100 Minuten, die jeden Tag für die E-Mails
aufgewendet werden, sind nach Ansicht der Befragten sinnvoll eingesetzte Zeit.
Die Mehrheit der Chefs sieht als Folge des erhöhten E-Mail-Aufkommens eine
höhere Transparenz im Unternehmen, eine Entkopplung von Hierarchie und
Information und eine Steigerung der Effizienz. Dass Probleme, die sich früher
von selbst gelöst haben, jetzt manchmal unnötig aufgebauscht werden, fanden nur
wenige der Befragten. Insgesamt bewerteten die Mittelständler die positiven
Aspekte deutlich stärker als die negativen Folgen. Besonders vorteilhaft wurde
der schnellere Informationsfluss im Unternehmen beschrieben. Zu wichtigen Fragen
könne die Meinung der anderen Führungskräfte im Unternehmen jetzt schneller
eingeholt werden.

TEC hat auch den Einfluss auf das
Führungsverhalten abgefragt. Die Sorge, dass sich der CEO wegen der vielen
Online-Vorgänge nicht mehr auf seine strategischen Aufgaben konzentrieren kann,
ist offenbar unbegründet: Nur jeder fünfte Unternehmer sieht dies als deutliche
Gefahr, mehr als 40 Prozent antworteten mit Nein. Dagegen stimmten 38 Prozent
der These zu, dass sie "schneller erfahren, wo etwas schiefläuft und wo sie
eingreifen können". Immerhin glauben fast 70 Prozent der Unternehmer
tendenziell, dass ihre "Entscheidungen besser werden, weil sie mehr
Informationen zur Verfügung haben". Die Mehrheit der Spitzenmanager klagt zwar
darüber, häufiger als früher in unwichtige Vorgänge eingebunden zu werden, weil
Entscheidungen heute leichter "hochdelegiert" werden können, aber eine ebenso
große Mehrheit verlagert die unwichtigen Vorgänge ebenso konsequent wieder
zurück.

Wenn die Vorstandschefs im World Wide Web unterwegs sind,
suchen sie nach eigener Einschätzung vor allem Informationen über Wettbewerber
und Kunden. Auch Marktdaten, Adressen oder Kontakte werden noch vergleichsweise
häufig gesucht. Dagegen haben Management-Netzwerke oder Hinweise zum
Führungsverhalten eine untergeordnete Priorität. Überhaupt nennen die befragten
Mittelständler persönliche Kontakte und ihre eigenen Führungskräfte im
Unternehmen als ihre wichtigsten Quellen zur Informationsbeschaffung. Das
Internet nutzen heute 41 Prozent für die Informationsbeschaffung; Zeitungen
erreichen einen Wert von 33 Prozent. Künftig wird das Netz nach Einschätzung der
Befragten eine weit höhere Bedeutung für die Informationsbeschaffung
bekommen.

Dass im Internet weit mehr möglich ist, als E-Mails zu
schreiben oder sich Informationen zu suchen, haben die meisten Mittelständler
noch nicht verstanden. "Die gewaltigen Folgen der Internet-Revolution für die
Management- und Informationsprozesse in mittelständischen Unternehmen sind erst
in Ansätzen erkannt", sagte Hartmann. Das Netz solle stärker für Vertrieb,
Marketing, Kundenbeziehungen und Personalsuche eingesetzt werden. Die neue
Freude der Chefs an der E-Mail hilft aber nicht unbedingt den anderen
Mitarbeitern im Unternehmen. "Offenbar bietet die Online-Kommunikation dem
Unternehmer einen einfachen Weg der früher vernachlässigten Einbindung von
Mitarbeitern, vor allem von Führungskräften, in wichtige Entscheidungen. Ob die
Mitarbeiter ihrerseits sich durch den Chef besser informiert fühlen, ist jedoch
eine offene Frage." Die höhere Informationsdichte in Unternehmen schlage sich
zumeist nicht in höherer Zufriedenheit der Mitarbeiter nieder. Auch die Frage,
ob eine erhöhte Zahl von Management-Informationen alleine für verbesserte
Entscheidungen ausreiche, sei damit noch nicht beantwortet.