Die letzte Chance für AOL
15. Oktober 2008, 17:37
Uhr
Es ist die vielleicht letzte Chance für AOL: Die Bündelung des gesamten
Online-Werbegeschäftes unter dem Namen Platform-A soll dem traditionsreichen
Internetunternehmen noch einmal Schwung geben. "Platform-A kombiniert die
Online-Werbegeschäfte von AOL und Advertising.com. Platform-A ist damit die
größte Werbeplattform im Internet. Unsere Mission ist: Der beste Marktplatz für
den Verkauf und Kauf von Online-Werbung zu werden", sagte die
Platform-A-Präsidentin Lynda
Clarizio. Um Platform-A mit der nötigen Technik und Reichweite
auszustatten, hat die Muttergesellschaft Time Warner fast zwei Milliarden Dollar
in den vergangenen Jahren investiert. Zu den Übernahmen zählen zum Beispiel das
soziale Netzwerk Bebo oder das Frankfurter Unternehmen Adtech, das sich auf die
Auslieferung der Werbung spezialisiert hat.
Der Name sei aber nicht als Abkehr vom Namen AOL zu
verstehen, um den sich immer wieder Verkaufsgerüchte ranken. "Der neue Name
zeigt den Trend in der Branche hin zu großen Plattformen, die Werbung
gleichzeitig auf vielen Seiten plazieren können, um die Reichweite zu erhöhen.
Das Nutzerinteresse verteilt sich auf immer mehr kleine Seiten, die wir wieder
aggregieren können", sagte Clarizio. Alle Seiten, die zum Platform-A-Netz
gehören, besuchen 265 Millionen Internetnutzer in aller Welt, hat das
Marktforschungsunternehmen Comscore gemessen. In Deutschland erreicht Platform-A
elf Millionen Internetnutzer und Platz 9 in der Rangliste der Online-Vermarkter.
Auf dem wichtigen amerikanischen Markt liegt Platform-A mit einer Reichweite von
171 Millionen Internetnutzern sogar auf Platz 1, noch vor den Netzwerken von
Google und Yahoo. Das reicht Clarizio aber noch nicht. "Platform-A ist jetzt in
neun europäischen Ländern vertreten. Damit ist die Expansion aber noch nicht
abgeschlossen. Wir wollen in weiteren Ländern in Europa an den Start gehen. Wir
haben den Anspruch, eine globale Plattform zu sein", sagte sie.
Allerdings hat sich das Unt
ernehmen eine schlechte Zeit
für seinen Neustart ausgesucht. Doch Finanzkrise und Konjunkturabschwächung
betreffen das Internet ihrer Sicht nach nicht automatisch. "Der Werbemarkt
insgesamt wird natürlich von der wirtschaftlichen Lage erfasst. Das Internet ist
aber nicht automatisch mit betroffen. Natürlich fahren besonders hart getroffene
Branchen wie Finanzen und Autos auch ihre Online-Werbeausgaben zurück. Aber in
anderen Branchen wird weiterhin von klassischen Medien ins Internet
umgeschichtet, weil das Netz die Wirkung der Werbung sehr genau messen kann",
sagte Clarizio. Die These, dass in wirtschaftlich harten Zeiten von
Markenwerbung zugunsten von Suchmaschinenmarketing verliert, unterstützt sie
nicht. "Ein Vorteil der Suchmaschinenwerbung war bisher, auch Werbung im ,Long
Tail', also auf den vielen kleinen Nischenseiten, ausliefern zu können.
Werbeplattformen beseitigen diesen Nachteil. Wir haben viel gearbeitet, um
graphische Werbung auch auf diesen vielen kleinen Seiten ausliefern zu können",
sagte Clarizio.
Obwohl die Online-Werbewirtschaft weiterhin mit
zweistelligen Raten wächst, stehe der Branche eine Bereinigung bevor. "In den
vergangenen drei Jahren ist die Zahl der Neueinsteiger geradezu explodiert, oft
von Beteiligungsgesellschaften finanziert. In den Vereinigten Staaten gibt es
allein 300 Online-Werbenetzwerke; in Deutschland gibt es sogar 500
Online-Werbevermarkter. Alle buhlen um die gleiche Nachfrage der werbetreibenden
Unternehmen - und das in einer schwächelnden Wirtschaft. Eine Bereinigung wird
also unausweichlich sein. Am Ende werden wir wenige große, integrierte
Gesellschaften sehen und einige Nischenanbieter", sagte Clarizio.
Ein Wachstumsfeld für die Werbewirtschaft sei das mobile
Internet, obwohl die Umsätze heute noch sehr klein seien. "Die Industrie braucht
dringend Standards für die Werbeformate", sagte Clarizio. Die gibt es bisher
weder in Amerika noch in Deutschland, wo sie bis kommenden Herbst fertig
entwickelt sein sollen. Platform-A will in Deutschland im kommenden Frühjahr in
die Vermarktung einsteigen, zusammen mit Partnern aus dem Mobilfunk.
Ungeachtet des Aufbaus der Platform-A führt Time Warner
weiterhin Gespräche über den Verkauf der AOL-Portale, zurzeit offenbar mit
Yahoo. Time-Warner-Chef Jeff Bewkes erwartet eine baldige Entscheidung zur
Zukunft von AOL. Eine Zusammenlegung der Werbeplattform von AOL und Yahoo würde
den mit Abstand reichweitenstärksten Vermarkter der Welt schaffen. Allerdings
ist Yahoo auch eine Kooperation mit der Suchmaschine Google eingegangen, die
wiederum an AOL beteiligt ist.
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