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Netzökonom

Tim O'Reilly: Die Krise wird viele Web 2.0 Start-ups umbringen

21. Oktober 2008, 17:20 Uhr

Tim O'Reilly, der Erfinder des Web 2.0, sieht das Internet am Beginn einer Bereinigung: Viele Start-ups werden vom Markt schwinden. Wer nur andere Ideen nachahmt oder auf Online-Werbung als Geschäftsmodell setzt, sei stark gefährdet. Gewinner werden die großen Unternehmen sein, die jetzt für kleines Geld den Markt leerkaufen können.

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Die Finanzkrise ist im Silicon Valley angekommen. Was wird mit den Start-ups passieren?

Tim O'Reilly: Der ökonomische Abschwung wird viele Web 2.0 Start-ups umbringen, die sowieso untergegangen wären. Dazu gibt es Parallelen in der Geschichte des Computers. Es gab einmal Tausende Unternehmen und jetzt nur noch einige wenige große Anbieter übrig. Die kleinen Unternehmen sind raus aus dem Geschäft. Ich sehe nicht, warum dies mit dem Web 2.0 anders sein sollte. Am Beginn einer jeden Revolution gibt es immer viele Start-Ups, bevor die Konsolidierung einsetzt. Die wirtschaftliche Krise wird diese Entwicklung nur beschleunigen. Die Krise wird auch einiges Gutes bewirken. Zum Beispiel werden wir weniger soziale Netzwerke haben. Außerdem wird die Krise dazu führen, dass sich die Menschen auf neue Probleme konzentrieren, weil es keine Finanzierung mehr für irgendeine me-too-Firma gibt. Wir müssen uns darauf konzentrieren, was wirklich wichtig ist. Welche Geschäftsmodelle lösen echte Probleme und verdienen Geld?

Aber werden nicht auch viele gute Start-Ups mit einer guten Idee und einem guten Geschäftsmodell sterben, weil es keine Finanzierung mehr gibt?

Tim O'Reilly: Sicher werden einige Unternehmen, die es sonst geschafft hätten, auf der Strecke bleiben. Aber das gibt es in jeder Industrie.

Was raten Sie Start-ups jetzt?

Tim O'Reilly: Etwas zu entwickeln, das wirklich wichtig ist.

Reicht das für das Überleben, wenn die Finanzquellen versiegen?

Tim O'Reilly: Die Idee, Geld von Risikokapitalgebern für ein Start-up zu bekommen, ist überbewertet. Ich habe meine Firma mit 500 Dollar gestartet. Man findet immer einen Weg, das Unternehmen zum Laufen zu bringen, wenn man wirklich will.

Viele setzen auf die Online-Werbung als Geschäftsmodell. Wird das Modell noch funktionieren?

Tim O'Reilly: Nein. Viele Start-ups werden vom Markt verschwinden, weil Online-Werbung ein schlechtes Geschäftsmodell ist. Es ist schlecht, weil man einen Markt adressiert wie alle anderen auch. Das kann nicht funktionieren. Aber es gibt auch überhaupt keinen Grund, warum wir viele Start-ups haben sollten, die alle nur me-too-Produkte an den Markt bringen. Ich habe kein Problem damit, wenn diese Start-ups wieder verschwinden.

Das klingt, als fänden Sie die Krise gut?

Tim O'Reilly: Ich bin nicht glücklich über diesen Abschwung. Das wird eine harte Zeit für alle. Aber wenn man sich die Abschwünge vergangener Zeiten anschaut, dann wurden genau dann die Grundlagen für neue Industrien gelegt. Zum Beispiel Hollywood. Es ist also eine gute Zeit, ein Unternehmen zu starten und etwas Wichtiges zu machen.

Werden die großen Unternehmen wie Google oder Microsoft die Gelegenheit nutzen, jetzt viele gute Start-ups für kleines Geld aufzukaufen?

Tim O'Reilly: Ja, definitiv. Es können auch mittlere Unternehmen sein, die genug Geld haben. Wir sind in der Bereinigungsphase des Web 2.0.

Die großen Unternehmen werden also noch größer?

Tim O'Reilly: Ja, aber das war schon immer so. Das ist der technologische Zyklus. Was ist mit all den Suchmaschinen, die das nächste Google werden wollten? Nichts. Google ist das nächste Google.

Was passiert technologisch im Web 2.0?

Tim O'Reilly: Die größte Herausforderung ist das Web 2.0 auf dem Mobiltelefon. Google hat das schon sehr gut verstanden. Daher haben sie Android entwickelt. Sie wissen: Ihr Geschäftsmodell ist in Frage gestellt, denn das Mobiltelefon ist die nächste große Plattform.

Photos: Christian Thiel

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Veröffentlicht 21. Oktober 2008, 17:20 von Holger Schmidt
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